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Full text of "Österreichisch Ungarische Vierteljahrsschrift Für Zahnheilkunde 26.1910"

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UNIVERSETY OF MICHIGAN 




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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



XXVI. Jahpgr. 


1910. 


Heft I bis IV. 


Oesteppeiehiseh - ungarische 

Vier telj ahr sschrift 

mp 

Zahnheilkunde. 

-- 

Herausgegeben unter ständiger Mitwirkung der Herren: 

Prof. Dr. J. v. Arköyy, Budapest — Prof. Dr. H. Bönnecken, Prag — 
Prof. Dr. W. Bruck, Breslau — Doz. Dr. G. Fischer, Greifswald — 
Doz. Dr. L. Fleischmann, Wien — J. Grünberg, Berlin — Doz. Dr. L. 
Hattyasy, Budapest — Dr. H. Höck, Wien — Prof. Dr. C. Jung, Berlin 

— Dr. T. Kaas, Krems — Dr. M. Karolyi, Wien — Dr. B. Kronfeld 
Wien — Dr. M. Kulka, Wien — Dr. J. Lartsehneider, Linz — Doz. 
Dr. B. Loos, Wien — Prof. Dr. B. Mayrhofer, Innsbruck — Dr. A. 
Oppenheim, Wien — Prof. Dr. G. Port, Heidelberg — Dr. G. Preis¬ 
werk, Basel — Doz. Dr. C. Böse, Dresden — Doz. Dr. A. Bothmann, 
Budapest — Prof. Dr. W. Sachs, Berlin — Prof. Dr. J. Scheff, Wien 

— Prof. Dr. H. Schröder, Berlin — Dr. E. Smreker, Wen — Dr. B. 
Spitzer, Wien — Doz. Dr. J. Szabö, Budapest — Prof. Dr. F. Trauner, 
Graz — Doz. Dr. W. Vajna, Budapest — Prot Dr. 0. Walkhoff, München 

— Doz. Dr. W. Wallisch, Wien — Doz. Dr. B. Weiser, Wen — Do*. 

Dr. G. v. Wunschheim, Wien 

von 

JULIUS WEISS 

Wien, I. Bezirk, Petersplatz Nr. 7. 


Abonnement per Jahr: 

Für Oesterreich-Ungarn K 9.—, für Deutschland Mk. 9.— 
inklusive portofreier Zusendung. 


Im Buchhandel an bestehen durch die 

Wallishaussepsch'; k. u. k. Hof-Buchhandlung Adolph W. Künast 

Wien, I. Hoher Markt Nr. 1. 


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INHALTSVERZEICHNIS. 


Ä. Originalarbeiten. Seite 

Adloff P., Dr., Zahnarzt in Königsberg i. Pr. Beitrag zur Therapie 

der erkrankten Zahnpulpa. 473 

Äyräpää Matti, Professor in Helsingfors. Ueber die Prophylaxe 

im Gebiete der Odontologie.364 

Apffelstaedt Max, Dozent in Münster i. W. Grosser Defekt am 

Unter- und Oberkiefer infolge Schrotschuss-Verletzung . . 49 

Arkövy Josef v., Dr., Professor in Budapest. Die Unterrichtsfrage 

der Stomatologie.345 

Bertel Otto , Dr., Zahnarzt in Wien. Neuerungen in der Gusstechnik 603 
Breuer Richard, Dr., Zahnarzt in Wien. I. Was lehrt uns das 
Röntgenbild des Kiefergelenkes? II. Das rechte Kiefer¬ 


gelenk im Röntgenbilde. 24 

Dcpendorf Th, Dr., Professor in Leipzig. I. Infektiöse Osteomye¬ 
litis des Oberkiefers (Neer. max. super.). II. Akute Peri¬ 
ostitis des Unterkiefers.195 

FaiszÜ Franz, Dr., Demonstrator an der Stomatologischen Uni¬ 
versitäts-Klinik in Budapest. Studium der experimentalen 

Gangrän der Zahnpulpa.263 

Feiler Erich, Dr., Arzt und Zahnarzt in Breslau. Die Therapie 

der Alveolarpyorrhoe.235 


Fenchel Adolf, Dr., Zahnarzt in Hamburg. Neue Amalgam-Unter¬ 
suchungen und ihre Bedeutung für die zahnärztliche Praxis 394 
Fleischmann Leo, Dr., Dozent in Wien. Rhachitische Verände¬ 
rungen des Dentins.11 

Goadby Kennet W., Zahnarzt in London. Die Behandlung ge¬ 
wisser, durch Infektion im Munde entstehender Krankheiten, 

mit spezifischer Vakzine 257 

HeUer Arnold, Dr., Zahnarzt in Wien. Zur Physiologie der Zahn¬ 
pulpa .21 

Henning Karl, Dr. in. Wien. Eine neue Abdruckmasse — „Elastine" 560 


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IV 


Seit« 


Höncz K., Dr., Dozent in Klausenburg. Die Xerostomie . . . 209 

Kerber Albert, Dr., I. Assistent in Prag. Osteomyelitis maxillaris 496 

Kieffer Jos., Dr., Dozent in Strassburg. Zur Frage der Bissver¬ 
schiebung .357 

Kulka Max, Dr., Zahnarzt in Wien. Ein Nachtrag zur Prüfung 

der Silikatzemente.104 

Lartsctmeider Josef, Dr., Zahnarzt in Linz a. D. Die Theorie vom 
gesteigerten intradentären Blutdruck und ihre praktische 
Bedeutung.74 

Neumann~Kneucker Alfred, Dr., Zahnarzt in Wien. Der Musculus 
temporalis und seine Beziehungen zur inneren Alveolar¬ 
wand des unteren Weisheitszahnes ..891 


Riha F. G., Dr., Zahnarzt in Innsbruck. Ein konservativ und 
orthodontisch behandelter Fall einer inäqualen Zwillings¬ 
bildung des rechten oberen seitlichen Schneidezahnes . . 489 

Rothmann Armin, Dr., Dozent in Budapest, und Büasho Georg, Dr., 

Zahnarzt in Budapest. Ueber Plantationsversuche ... 57 

Sachs Jlans, Dr., Zahnarzt in Charlottenburg-Berlin. Unsere Kennt¬ 
nisse vom Wesen der Pyorrhoea alveolaris und ihre erfolg¬ 
reiche Behandlung.620 

Turner J . G., Zahnarzt in London. Die normale Bewegung der 

nach Extraktionen verbleibenden Zähne.98 

Urbantschitsch Eduard, Dr., Zahnarzt in Graz. Pulpitis chron. (so¬ 
genannte Polypen) der Frontzähne des Milchgebisses mit 
seltenem Nebenbefund...114 

Wailisch Wilhelm, Dr., Dozent in Wien. Beiträge zur Orthodontie 228 

— Beiträge zur Orthodontie.486 

Weiser Rudolf, Dr., Dozent in Wien. Goldfüllung und Gold-Inlay 1 
Wünsche Eugen, Dr., Hofzahnarzt in Berlin. Ueber Benützung 
schwerfliessender Porzellanmassen für zahnärztliche Pro¬ 
thesen, speziell für Jackett-Kronen, Wtinsches bandlose 
Porzellankronen, Brtickenarbeit und für Continuous-gum- 


work.125 

Zilz Juljan, Dr., Regimentsarzt in Gyulafehörvär. Die Unterkiefer¬ 
brüche und deren Behandlung; stomatologisch beleuchtet 

an der Hand eines kasuistischen Beitrages.876 

— Kariöse Zahnhöhlen als Eingangspforten für den Erreger der 
Aktinomykose, veranschaulicht an einer Serie kasuistischer 

Beiträge . *.638 

Zsigmondy Otto, Dr., Zahnarzt in Wien. Die Kieferbau-Grund¬ 
lagen des anomalen Arcus dentium mit Rücksicht auf die 
Odontorthopädie. 81 


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V 


B. Berichte aus Instituten und Vereinen. 

Seite 

Zur Ausgestaltung der zahnärztlichen Universitäts-Institute Oester¬ 
reichs. Von Professor Dr. Julius Sch eff in Wien . . . 415 

Zahnärztliches Ambulatorium des k. u. k. Marinespitals in Pola. 

Tätigkeitsbericht.5G5 

Die Schulzahnklinik in Berndorf in Niederösterreich. Von Dr. Anton 

Lantschner .567 

Zentralverband der österreichischen Stomatologen. VIII. ordent¬ 
liche Verbandsversammlung.566 

Orthodontische Gesellschaft in Wien. I. Generalversammlung . 310 

XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 

29. August bis 4. September 1909. Bericht über die Sektion 
XVII (Stomatologie), erstattet von Dr. Josef Sturm in 
Budapest. 187, 266 


Jahresbericht 1908/09 der stomatologischen Klinik (Professor 
Dr. v. Arkövy) der königl. Universität in Budapest. Von 

Dr. Emil Major, II. Assistent daselbst.149 

V. Internationaler zahnärztlicher Kongress zu Berlin 1909. Bericht 
über die Sektion VI (allgemeine und Lokalanästhesie), er¬ 
stattet von Zahnarzt F. Luniatschek in Breslau . 163, 289 

— Nachtrag.184 

81. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte in Salzburg. 

19. bis 26. September 1909 . 136 

82. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte in Königs¬ 

berg i. Pr. 1910. Einladung.308 

— Programm. 423 

Errichtung eines Fortbildungsinstitutes in Berlin.313 

IV. Jahresversammlung der Europäischen Gesellschaft für Ortho- 

dontie (European Orthodontia Society) ........ 310 

Internationale Hygiene-Ausstellung, Dresden 1911 (Aufruf) . . 424 

III. Internationaler Kongress für Schulhygiene in Paris 1910. 

Besum6 von Dr. Gabriel Wolf ..575 

Federation Dentaire Nationale Beige, Weltausstellung Brüssel . 426 
F6d6ration Dentaire Internationale .. 310 


C. Referate und Journalschau. 

Alveolarpyorrhoe ..-.330 

Anatomie de la bouche et des dents ..178 

Arsenige Säure zum schmerzlosen Abtöten der Pulpa, eine metho¬ 
dische Anwendung derselben ..455 


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VI 


Seite 


Arzneimittel für die zahnärztliche Praxis 


588 


Atlas der Zahnheilkunde in stereoskopischen Bildern (Earl 

Witzei). 

Bleichung verfärbter Zähne mit H % 0 t . 

Bromural und seine Anwendung in der Zahnheilkunde .... 

Brückenarheiten.. 

Bryans Ueberkieferbogen, eine Verbesserung an demselben . . . 
Chemie und Physik als Hilfswissenschaften in der zahnärztlichen 

Technik (Schönbeck). 

Dental Materia Medica and Therapeutics (Prinz). 

Durchbruch der bleibenden Zähne und zur Resorption des Milch¬ 
gebisses nebst Untersuchungen über die Genese der Osteo¬ 
klasten und Riesenzellen. 

Ergebnisse der gesamten Zahnheilkunde (Fischer und Mayrhofer) 

Fazialislähmung nach Zahnextraktion .. 

Foramen mandibulare und seine Bedeutung für die Leitungs¬ 
anästhesie des Unterkiefernerven. 

Gebisse, künstliche, und ihre Gefahren. 

Goldeinlage auf dem Gebiete der zahnärztlichen Prothese . . . 

Goldgussarbeit in der zahnärztlichen Metalltechnik. 

Gold- und Porzellan-Inlays, Bericht des Komitees. 

Gussarbeiten, Erfahrungen und Winke. 

Handbuch der Zahnheilkunde (Scheff) .174, 

Immobilisation bei Fällen weitvorgeschrittener Alveolar-Pyorrhoe 
Index der deutschen zahnärztlichen Literatur und zahnärztliche 

Bibliographie (Port).817, 

Infektionskrankheiten, klinische Erscheinungen im Munde . . . 

Injektionsanästhesie bei konservativer Behandlung. 

Klammern-Ersatz an Zahnersatzstücken durch Platinbalken an 
der Basis derselben. 


579 

590 

882 

454 

468 

582 

815 


177 

580 

450 

318 

437 
589 
588 
440 
442 
578 

438 

584 

435 

456 

457 


Kontaktpunkt in Beziehung zu den Erkrankungen des Zahn¬ 
fleisches .439 

Kontaktpunkt und seine Funktion in Beziehung zur Zahnkaries 

und deren Behandlung.438 

Kronen-Brücken- und Porzellanarbeiten (Evans).426 

Kronen-Brücken- u. Porzellantechnik, prakt. Methoden (Krummow) 434 

Kupferamalgam.179 

Lexikon, zahnärztliches (Müller-Stade).433 

Mahlzahn, erster bleibender. Die Behandlung desselben .... 447 
Mundhöhle des Menschen, Bau und Entwicklung derselben. (Guido 

Fischer) .814 

Mundflüssigkeit und ihr Einfluss auf die in der Mundhöhle ab¬ 
laufenden pathologischen Vorgänge (Michel).427 

Malokklusion, Prophylaxe.. . 453 


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VII 


Seite 

Orthodontie, über die Entwicklung derselben, besonders in neuester 


Zeit und die Hauptaufgaben der Zukunft (Pfaff) .... 320 

Pessaren-Bildung in der Scheide, eine neue Methode.450 

Phlegmonöse Prozesse, ausgehend vom intakten unteren Weis¬ 
heitszahn .468 

Prophylaxis, präventive zahnärztliche.444 

Province Dentaire (Neue Zeitschrift).331 

Pulpa-Amputation und ihre Resultate.329 

Pulpa-Amputation (Boennecken) ..430 

Pulpenreste bei der konservativen Behandlung der Zähne . . . 587 

Rhachitis des Unterkiefers. 586 

Reimplantation von vier Schneidezähnen.448 

Röntgenphotographie in der Zahnheilkunde (Peckert).429 

Schneidezahn, oberer seitlicher. Wie ersetzt man denselben am 

besten?. 326 

Silikatzemente..331 

Strips, elastische.180 

Technische Zahnheilkunde. Einige Fälle aus derselben .... 324 

Ueberzählige Zähne . . . _._, . . .320 

Vererbung in ihrer letzten Konsequenz auf Kiefer und Zähne 

des Menschen (Karl Herber).583 

Vergoldung.590 

Vorbereitung des Mundes, Abdruck und Modell für obere Gebisse 451 
Vorbereitung des Mundes für künstlichen Zahnersatz .... 586 

Vorsicht bei Anwendung neuer Methoden.327 

Wurzelbehandlung, chirurgische, Misserfolge.584 

Wurzelkanal.446 

Zähne, künstliche, einiges über das Aussehen derselben .... 452 

Zahnarzt. Wie erhält er seine Gesundheit?.447 

Zahnärztliche Chirurgie (Williger).582 

Zahnärztlicher Kalender für das Deutsche Reich 1910 .... 181 

Zahnärztlich-zahntechnisches Jahrbuch 1910.181 

Zahnersatzstück, unteres, mit im Vestibulum oris verlaufendem 

Verbindungsbügel.441 

Zahnheilkunde in ihren Beziehungen zu den Naturwissenschaften 
und der Medizin, insbesondere der pathologischen Anatomie 

.und ihre Aufgaben für die Zukunft (Pfaff).319 

Zahnkaries, verursacht durch Art'kulationsstörungen.434 

Zahnpulpen, septisch gangränös zerfallene, die Behandlung der¬ 
selben .449 

Zahnwurzelzysten, Pathogenese derselben. 455 

Zahn- und Kiefererkrankungen; erste Hilfe bei denselben durch 

den praktischen Arzt.327 

Zunge und Gebiss.328 


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VIII 


D. Varia. 

Seite 

Berlin: Auszeichnungen.461 

Bremen: Jubiläum.. . 882 

Breslau: Auszeichnung.46L 

Budapest: Ehrung. 698 

Freiwaldau: Todesfall . 833 

Heidelberg: Ehrung.461 

Leipzig: Auszeichnung.461 

Petersburg': Jubiläum.184 

Strassburg: Auszeichnung. 461 

Wien: Praxisübernahme ..693 

Nekrologe: Hofrat Professor Dr. Emil Zuckerkandl.469 

' Professor Camille Bedard.592 

Dr. Egon Günther v. Kronmyrth ..691 

Preisausschreiben. 182 


Mcchitharlsten-Buchdruckerei In Wien, VII. 


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XXVI. Jahrgang. 


Jänner 1910. 


Heft I. 


Oesterreichisch-ungarische 

Vierteljahrsschrift für ZahnheilMe. 

Herausgegeben von 

JULIUS WEISS, Wien, I. Petersplatz 7 

unter ständiger Mitwirkung der Herren: 

Prof. Dr. J. v. Arkövy, Budapest — Prof Dr. H. Bönnecken, Prag - Prof. Dr. W. Bruck, Breslau 

— Doz. Dr. G. Fischer, Greifswald — Doz. Dr. L. Fleischmann, Wien — J. Grünberg, Berlin — 
Doz. Dr. L. Hattyasy, Budapest — Dr. H. Höck, Wien — Prof. Dr. C. Jung, Berlin — Dr. 
T. Kaas, Krems — Dr. M. Karolyi, Wien - Dr. R. Kronfeld, Wien - Dr. M. Kulka, Wien — 
Dr. J. Lartschneider, Linz — Doz. Dr. R. Loos, Wien — Prof. Dr. B. Mayrhofer, Innsbruck 

— Dr. A. Oppenheim, Wien — Dr. G. Preiswerk, Basel — Prof. Dr. G Port, Heidelberg — 
Do*. Dr. G. Röse, Dresden — Doz. Dr. A. Rothman, Budapest — Prof. Dr. W. Sachs, Berlin 

— Prof. Dr. J. Schelf, Wien — Prof. Dr. H. Schröder, Berlin — Dr. fi. Smreker, Wien — Dr. 
B. Spitzer, Wien — Doz. Dr. J. Szabö, Budapest — Prof. Dr. F. Trauner, Graz — Doz. 
Dr. W. Vajna, Budapest — Prof. Dr. 0. Walkhoff, München — Doz. Dr. W Wallisch, Wien — 

Doz. Dr. R. Weiser, Wien — Doz. Dr. G. v. Wunschheim, Wien. 

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Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Goldfilloiiii Md Gold inlay. 

Von Privatdozent Dr. Rudolf Weiser in Wien. 

Vortrag, gehalten anf dem V. Internationalen zahnärztlichen Kongress in 
Berlin, 23. bis 28. August 1909. 

Internationale ärztliche Kongresse werden nicht allein 
dazu veranstaltet, dass Gelehrte die Ergebnisse ihrer For¬ 
schungen bekanntgeben und damit in den Dienst der Allge¬ 
meinheit stellen, dass Matadore der Operationskunst ihre neuen 
oder verbesserten Methoden demonstrieren oder erfahrene 
Praktiker über ihre Beobachtungen Bericht erstatten. Eine der 
wichtigsten Aufgaben dieser kulturellen Veranstaltungen grossen 
Stiles ist auch die, dass die weitesten Kreise bewegende Fragen 
aufgeworfen und zur Diskussion gestellt werden, dass Gut¬ 
achten über neue Methoden von autoritativer Seite abgegeben, 
Resumes verfasst werden. Auf diese Weise kann dann das 
Gros der Kongressmitglieder, können die praktischen, in 
unserem Falle Zahnärzte sich klare und verlässliche Direk¬ 
tiven mit nach Hause nehmen und so wird auch das grosse 
Publikum aus diesen Veranstaltungen unschätzbaren Nutzen 
empfangen. Es wird einerseits davor bewahrt werden, dass 
es Verirrungen zum Opfer fällt und anderseits davor beschützt, 
dass ihm die aus den Fortschritten eines wissenschaftlichen 
Faches erwachsenden Segnungen ungebührlich lange vorent¬ 
halten bleiben. 

Wenn nun auch in engeren Fachkreisen heute längst 
nur mehr darüber debattiert wird, ob direkter oder indirekter 

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Doz. Pr. Rudolf Weiser, Wien: 


Abdruck, Folie oder im Munde zurecht geschnitztes Wachs, 
ob Taggart oder Sandblom, Jamieson oder Solbrig, 
Silber mann oder Rotax die besten Erfolge erzielen, so 
scheint mir gerade hier beim V. Internationalen zahnärztlichen 
Kongresse die richtige Zeit und der passende Ort gegeben, 
um erst noch auf die Prinzipienfrage über das Thema „Gold¬ 
füllung und Gold-Inlay“ ernst- und gewissenhaft einzugehen. 

Schon Johnson widmet in seinem „Principles and 
Practice of Filling Teeth“ betitelten Werke dem Gold-Inlay 
ein eigenes Kapitel und in den darauffolgenden Jahren waren 
sporadische Notizen und kurze Artikel darüber in den Fach¬ 
blättern zu finden. Sonderbarerweise trat das Gold-Inlay wenn 
auch ganz knapp, so doch schon vor dem Auftauchen der 
Giesstechnik in den Vordergrund des Interesses. Noch beim 
IV. Internationalen zahnärztlichen Kongresse in St. Louis 1904 
war davon kaum die Rede; dagegen feierte dort das Black- 
sche System, das hinsichtlich der Füllungstechnik in der Kontur- 
tüllung gipfelt, seinen entscheidenden Sieg über alle anderen 
Methoden und begann von da ab seinen Triumphzug durch 
die ganze zahnärztliche Welt. Interessant für die Beurteilung 
unseres Gegenstandes, ein Fingerzeig und gewiss nicht ein 
blinder Zufall ist es doch wohl, dass von da ab auch das 
Thema Gold-Inlay hoch aktuell wurde. Und nun greift kurz 
darauf die Aera des Goldgusses reformatorisch in die zahn¬ 
ärztliche Technik ein, wodurch die Frage Goldfüllung oder 
Gold-Inlay eine geradezu brennende wird. Ja, fast will es den 
Anschein haben, als ob die altehrwürdige, viel tausendfältig 
erprobte, den Prüfstein zahnärztlicher Qualitäten darstellende 
Goldfüllung von einem Wirbelwind erfasst, für immer pietätlos 
hinweggefegt sei. 

Allerdings war sie in ihrer Suprematie in früheren De¬ 
zennien schon zweimal etwas ins Wanken geraten. Das erstemal 
war dies der Fall, als Miller in seiner jedem Chauvinismus 
fernstehenden Klarheit und Verstandesschärfe, in seiner vor 
keiner anderen Autorität, als vor der Wahrheit sich beugenden 
Gelehrsamkeit den lapidaren Satz aufstellte, dass die Gold¬ 
füllung nur dort eine gute Füllung sei, wo sie indiziert ist, 
dagegen die schlechteste, wenn sie angewendet werde, wo sie 
nicht am Platze ist. Das zweitemal war es, als den künst¬ 
lerisch veranlagten Fachmann, besonders aber den Laien aus 
verschiedenen Gründen so sehr bestechende Porzellanfüllung 
die grösste Errungenschaft auf dem Gebiete der konservierenden 
Zahnheilkunde zu sein schien. Die Rückverweisung der Gold¬ 
füllung auf das ihr logischerweise zukommende Gebiet durch 
Miller konnte dieser Füllungsmethode im weiteren Verlaufe 


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Goldföllung und Gold-Inlay. 


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nur nützen. Auch der durch Jenkins unvergängliche Ver¬ 
dienste entfachte Enthusiasmus für Porzellanfüllungen flaute 
mit den Jahren etwas ab, sobald sich herausgestellt hatte, dass 
diese Art Füllungen, wie dies übrigens Jenkins immer hervor¬ 
hob, auch sehr viel Geschicklichkeit und Akuratesse erfordern, 
wenn sie mit der Goldfüllung hinsichtlich ihrer Dauererfolge 
konkurrieren sollen. 

Durch schleuderhafte Präparation der Kavitäten, durch 
unlogisches Generalisieren der Porzellanfüllungs-Indikation von 
Seite Unberufener war in einigen Jahren schon eine bedeutende 
Reaktion eingetreten. Wer weiss, ob diese in künstlerischer 
Hinsicht zweifellos eine glänzende Errungenschaft bedeutende 
Methode nicht Unverdientermassen wieder ganz über Bord ge¬ 
worfen worden wäre, wenn nicht Eiander, Bruck, Spaul¬ 
ding, Spring, Grünberg, Körbitz, Mamlok, Mac 
Bride, Schramm, Silberer, Smreker, Oppenheim, 
Pichler und viele andere mit ihrem Ernst, ihrer Pedanterie, 
Geschicklichkeit und Ausdauer, fussend auf Blacks fundamen¬ 
talen Dogmen den Schwerpunkt bei der Porzeilanfüllung auf 
die Präparation der Kavitätenränder verlegt und bewiesen 
hätten, dass es beim Kampf gegen die Karies nicht nur darauf 
ankomme, was man zum Füllen verwende, sondern w i e man 
es verwende. Immerhin, dem Porzellansturm hat die Goldfüllung 
erfolgreich widerstanden. Ja, sie stieg wieder hoch im Ansehen, 
als Wedelstädt und seine fanatischen Anhänger in Amerika, 
Sachs, Bruhn u. a. in Deutschland, Robicsek, Loos, 
Zeliska, Pichler, Kosel und viele mit ihnen in Oesterreich 
speziell die Technik der Extension for prevention und des 
Kontaktpoints immer weiter ausbildeten, zum Teil das In¬ 
strumentarium für die Ausführung dieser letzten Verbesserungen 
bereicherten. 

Eine wirklich ernste Gefahr droht aber der Goldfüllung 
jetzt infolge der nicht nur enorm erleichterten, sondern auch 
in ihren Erfolgen wesentlich gesicherteren Herstellung der Gold- 
Inlays durch den Guss. 

Hier darf ich mir vielleicht die Einschiebung gestatten, 
dass ich von jeher eine gewisse Schwärmerei für die Gold- 
konturfüliung hatte; bei der guten Grundlage, welche ich mir 
bei meinen ersten Lehrern Klug und Miller erworben 
hatte, fielen die mächtigen Anregungen, welche mir später 
Sachs gegeben hat, auf einen guten Boden und so gehörte 
das Aufbauen grosser Goldkonturfüllungen zu meinen Lieb¬ 
lingsbeschäftigungen. Gegen das Gold-Inlay, das mir anfangs 
nur aus Demonstrationen bekannt war, bei welchen leichtfertige 
Ränderpräparation, Ausserachtlassung hinreichender Retentions- 


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Doz. Dr. Rudolf Weiser, Wieu: 


bedingungen, mangelhafter Kontaktpoint usw. mein Missfallen 
erweckten, hegte ich längere Zeit ein gewisses Misstrauen. Erst 
als ich ernste, strebsame Kollegen wie Oppenheim, Pichler, 
Loos, v. W unsch he im, Schreier die neue Methode immer 
häufiger anwenden sah und nicht zuletzt durch Thiersch* 
glänzenden Demonstrationsvortrag in Genf gewonnen und 
durch Anregungen von Seite Brucks ermuntert, ging ich der 
Sache mit sich immer steigerndem Interesse nach und bin 
heute, bei aller Wertschätzung der richtig ausgeführten und 
richtig angewendeten 'Goldkonturfüllung, doch auch zu der 
Ueberzeugung gekommen, dass das Feld für die erfolgreiche 
Verwertung des Gold-Inlays ein ganz überraschend ausge- 
breiteleres ist, als das für die Goldfüllung und dass man 
mittels der Einlegearbeiten vielfach noch glänzende Resultate 
erzielen könne, wo die praktische Anwendung einer Goldkontur¬ 
füllung aus inneren und äusseren Gründen bereits ein Ding: 
der Unmöglichkeit ist. 

Fragen wir uns nach den Gründen, warum jedes Ver¬ 
fahren, welches geeignet wäre, die Goldfüllung zu ersetzen, 
trotz aller anerkannten und bewährten Eigenschaften der 
letzteren, immer wieder die Zahnärzteschaft mächtig bewegt! 
Die Gründe sind teils innere, dem Wesen der Goldfüllung¬ 
selbst anhaftende, teils äussere. 

Von der dem Zahn keineswegs ähnlichen Farbe wollen 
wir hier ganz absehen, sie ist ein Mangel, welcher dem Gold- 
Inlay ebenso abträgig ist wie der Goldfüllung. 

Der Umstand, dass sich das saftreiche Dentin jugendlicher 
Individuen unter dem IG. Jahre, desgleichen das kalkarme- 
Dentin chlorotischer, anämischer, gravider, in der Ernährung 
herabgekommener Patienten usw. für das sich relativ mangel¬ 
haft adaptierende Gold der Goldfüllungen sehr schlecht eignet, 
bringt es mit sich, dass wir in einer ganz erheblichen Anzahl 
von Fällen, wo wir Gold anwenden möchten und wegen anderer 
Indikationen sollten, mit gutem Gewissen Goldfüllungen nicht 
legen können und dürfen. Er bringt es ferner mit sich, dass 
wir in Fällen, wo sich tadellos ausgeführte Goldfüllungen eine 
Reihe von Jahren glänzend bewährt haben, in dem Momente, 
wo im Allgemeinzustande des Individuums eine von den oben 
erwähnten Veränderungen eintritt, zu unserem und zum Ent¬ 
setzen des Patienten oft das rapide Auftreten von sogenannter 
Garies secundaria konstatieren müssen. Wenn, wir bedenken, 
welches Aufgebot von Mühe, Zeit und kostspieligem Material 
von Seite des Arztes, welches Aufgebot von Widerstandskraft, 
Zeit und von Kosten von Seite des Patienten dadurch zu 
schänden gemacht wird, so ist der Wunsch vollkommen be- 


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Goldfüllung und Gold-Inlay. 


6 


rechtigt, dass sich dieses Verfahren durch ein beide Teile 
schonenderes ersetzen liesse. Ein weiterer Grund für das Be¬ 
streben, Gold nach einer anderen Methode zur Bekämpfung 
der Karies anwenden zu können, ist das gute Wärme¬ 
leitungsvermögen. 

Aeüssere Momente sind vor allem die Notwendigkeit, die 
Manipulation des Einbringens des Goldes, wenn die Arbeit nicht 
erheblich leiden soll, in einer Sitzung durchführen zu müssen 
und sollte sie auch stundenlang währen. Ein weiterer Nachteil, 
der zwar mit dem Wesen unserer Theorie des Goldfüllens 
nichts zu tun hat, ist der von Thiersch sehr richtig hervor¬ 
gehobene Umstand, dass jeder Kubikmillimeter geopferter Zahn¬ 
substanz ein erhebliches Plus von Mühe und Arbeitszeit invol¬ 
viert, so dass man sich zu ungunsten des Prinzipes der Exten¬ 
sion for prevention leicht zu Zahnmaterialsparung verleiten 
lassen wird. Ein weiteres schwerwiegendes Moment ist die 
grosse Schwierigkeit, gar nicht selten Unmöglichkeit, einen nicht 
sogleich entdeckten Mangel in der Ausführung am Zahnhalse 
oder an einer schwer zugänglichen Randpartie anders zu korri¬ 
gieren, als dass man die Füllung teilweise oder ganz wieder 
neu herstellt. Hieher gehört auch die allerdings nicht so erheb¬ 
liche Schwierigkeit, den Kontaklpoint zu verbessern, wenn er 
nicht ganz zur Zufriedenheit ausgefallen sein sollte. Bezüglich 
des Zeitaufwandes ist zu bemerken, dass sich kleine Gold¬ 
füllungen bei richtiger Methode und der nötigen Uebung ja 
sehr rasch herstellen lassen. Auch mittelgrosse Approximal- 
füllungen von Backen- und Mahlzähnen lassen sich, wenn nicht 
schneller, so doch im allgemeinen ebenso rasch herstellen wie 
sorgfältig und insbesondere nach den indirekten Methoden aus¬ 
geführte Inlays. Von da ab wird sich aber der Zeitaufwand 
rapid zu ungunsten der Goldfüllung stellen. Dasselbe gilt von 
der relativen Schwierigkeit der Ausführung. Mittelgrosse Appro- 
ximalfüllungen bieten dem Geübten keine grossen Schwierig¬ 
keiten, ja, grosse, einen bedeutenden Teil der Berührungs¬ 
und der Kaufläche einnehmende derartige Füllungen sind in 
der Regel wegen des leichten Ueberblickes und wegen der all¬ 
seitigen Zugänglichkeit zwar viel zeitraubender, aber oft noch 
leichter auszuführen, als die eben erwähnten mittelgrossen; 
selbst das Herstellen des Kontaktpoints, einer schönen Kontur 
und von richtig angebrachten Höckern, sowie von Gleit¬ 
facetten auf der Kaüfläche gelingt, wenn man von Anbeginn 
auf genaue Deckung der Kavitätenränder geachtet hatte, in 
überraschender Weise so, als ob man mit einem plastischen 
Material zu arbeiten hätte. Sowie aber ein Viertel, eine Hälfte 
oder mehr von einer Krone zu ersetzen ist, dann steigen die 


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Doz. Dr. Rudolf Weiser, Wien: 


Schwierigkeiten für den Operateur und die Anforderungen an 
die Ausdauer und Widerstandskraft des Patienten sozusagen 
in geometrischer Progression. 

Hiemit bin ich nun bei einem Punkte angelangt, den ich 
schon in der Einleitung gestreift habe. Ich habe dort auf das 
gewiss nicht zufällige Zusammentreffen des Bedürfnisses nach 
einer neuen Methode der Anwendung des Goldes in der kon¬ 
servierenden Zahnheilkunde mit der praktischen Nutzanwendung 
der Blackschen Lehren angespielt. Führt man die Regeln, 
welche Black meiner Ansicht nach für die überwiegende 
Mehrzahl der Fälle mit Recht an die Präparation des proxi¬ 
malen Anteiles der proximo-okklusalen Kavitäten stellt, nicht 
nur für die Amalgam-, sondern auch für die Goldfüllungen 
strikte durch, dann vermehrt man sich die Schwierigkeiten für 
Goldfüllungen sehr häufig in erheblichem Masse. Der Beginn 
mit dem Einbringen des Goldes wird, namentlich wenn noch 
grosse Pulpen jugendlicher Zähne dem Anbringen von scharf¬ 
kantigen Winkeln an der zervikalen Wand gefahrvolle Grenzen 
setzen, dermassen erschwert sein, dass man ohne Zuhilfenahme 
einer temporären Matrize nicht zurecht kommen wird. Die 
Anwendung der Matrize hindert aber wieder die scharfe Kon¬ 
trolle der gerade am zervikalen Rande besonders wichtigen 
- Ränderdeckung. Von gutbeschäftigten, mit durchschnittlicher 
Geschicklichkeit ausgerüsteten Praktikern wenigstens und von 
einer Klientel, welche nicht in der Lage und vielleicht auch 
nur nicht gewillt ist, ein Drittel ihrer Lebenszeit im Operations¬ 
stuhle des Zahnarztes zu verbringen, würde bei Befolgung der 
Blackschen Prinzipien und gleichzeitiger Forderung, nur Gold¬ 
füllungen zu legen, mehr gefordert, als tatsächlich auf die 
Länge der Zeit geleistet werden könnte. Und aus dieser un¬ 
bewussten oder bewussten Empfindung heraus hat sich das 
Bedürfnis nach einer allgemein durchführbaren Methode als 
unabweisbar entwickelt. 

Wiewohl ich in meinen obigen Ausführungen hin und 
wieder durchblicken liess, dass ich ein Faible für Goldkontur¬ 
füllungen habe, bin ich bisher nur zur Aufzählung ihrer Nach¬ 
teile gegenüber Inlays gekommen. 

Die Vorteile sind bald aufgezählt; ihre Bedeutung ist 
aber eine durchaus nicht zu unterschätzende. In meinen Augen 
die gewichtigsten sind: 1. der ideale Randschluss; so 
ideal wie sonst nur mit Zement oder Guttapercha erreichbar. 
Das stets unveränderliche Gold übertrifift hierin selbst das 
plastische Amalgam, weil letzteres nicht vollkommen form¬ 
beständig und an den Rändern spröde ist. 2. Bei richtiger 
Ausführung die Unmöglichkeit des Herausfallens. 


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Goldfüllung und Gold-Inlay. 


7 


Sehr wertvoll ist 3. die Möglichkeit, infolge des stückweisen 
Einbringens des Füllungsmaterials zur Schonung von gesundem 
und kräftigem Material und zur Schonung des Patienten 
manche Unterschneidungen stehen lassen zu können. 
Dieses letztere Moment setzt uns auch zum Beispiel bei mesio- 
okklusalen Backenzahnfüllungen in die Lage, den kosmeti¬ 
schen Anforderungen mehr Rechnung zu tragen, als es 
bei Inlays in der Regel möglich ist. 4. Die jahrzehntelangen, 
sehr zufriedenstellenden Erfahrungen, die wir, gutes Zahnbein 
und gute Ausführung vorausgesetzt, mit den Goldfüllungen 
gemacht haben. Man mag sich noch so sehr für Gold-Inlays 
erwärmen, die Methode ist doch noch zu jung, als dass man 
sie ohneweiters und in jeder Hinsicht der Methode des Gold¬ 
füllens zur Seite stellen dürfte. 

Uebergehend zum G o 1 d * I n 1 a y, will ich auch zunächst 
alles besprechen, was gegen die Methode anzuführen ist. 

Geteris paribus kommt hiebei zur Extension for access 
und zur Extension for prevention auch noch das Opfer von 
gesunder, kräftiger Zahnsubstanz zum Zwecke der Vermeidung 
von Unterschneidungen hinzu. Ich bin, es mag mir das von 
der Zeit meiner chirurgischen Ausbildung her noch anhaften, 
durchaus nicht ängstlich in der Opferung all dessen, was einem 
sicheren Gelingen einer Arbeit im Wege ist. Nichtsdestoweniger 
wird mir jeder objektive Beobachter zugeben, dass man bei 
genauem Zusehen in mindestens 30 bis 40 Prozent der Fälle 
bei Präparation der Kavitäten für Gold-Inlays in einer Phase 
der Operation zu einem Punkte kommt, bei dem man sich 
sagt: Die Kavität ist nun regelrecht für eine Goldfüllung fertig 
präpariert; was weiter folgt, geschieht nur mehr, um dem Prin- 
zipe, vor dem Inlay-Abdruck jede Unterschneidung fortzu¬ 
schaffen, den unerlässlichen Tribut zu zahlen. Ja, mehr noch: 
wenn die Unterschneidungen beseitigt sind, dann verlangt eine 
ideale, einwandfreie I’räparation für Inlays nunmehr, dass das 
Inlay auch ohne die Zuhilfenahme des Klebemittels Zement in 
der Kavität so sitze, dass es nur in einer einzigen Richtung, 
in der Einführungsrichtung von Matrize oder Abdruckmasse 
und schliesslich Inlay, aus der Kavität herauszubringen sei; 
mit einem Worte: es hat noch die Extension for retention zu 
folgen. Es wird Fälle genug geben, in welchen dieser letzten 
Anforderung wegen der bereits vorangegangenen Opfer an 
Zahnmaterial nicht mehr entsprochen werden kann. Dann 
wird man zum Devitalisieren oder gar zum Kronenersatz seine 
Zuflucht nehmen müssen, was bei der rechtzeitigen Aenderung 
des Planes und durch Stehenbleiben bei Präparation für Gold¬ 
füllung vielleicht zu vermeiden gewesen wäre. Die Achilles- 


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8 


Doz. Dr. Rudolf Weiser, Wien: 


ferse der Methode ist, wenn auch die Optimisten unter den 
Anhängern des Gold-Inlays es immer wieder bestreiten, das 
bisherige Klebemittel: Zement von cremeartiger Konsistenz. 
Allerdings fordeit, wie soeben konstatiert, die Regel, dass das 
richtig konstruieite Inlay auf die Klebewirkung des Zements 
nicht angewiesen sein darf; ferner ist auch das Gold-Inlay 
gegenüber dem Porzellan-Inlay, mit Ausnahme des auf direktem 
Wege — Silberer, Fritzsche — hergestellten, bedeutend 
im Vorteile, weil entweder gar keine Matrize verwendet wird 
und weil bei den Methoden, in welchen sie angewendet wird, 
diese Matrize mit dem Körper des Inlays verschmilzt, somit 
der papierdünne Raum, um welchen die Porzellanfüllung nach 
dem Ablösen der Matrize zu klein ist, beim Gold-Inlay ent¬ 
fällt ; die wenn auch nur kapillare Zementschichte bleibt doch 
ein locus minoris resistentiae insolange, als wir noch kein 
unauflösliches Bindemittel besitzen. Nach der doch zweifellos 
möglichen Auflösung der dünnen Zementschichte ist selbst ein 
noch so ideal passendes Inlay, welches im günstigsten Falle 
den Kavitäten wänden haarscharf anliegt, immerhin einer Gold¬ 
füllung gegenüber unbedingt im Nachteile, weil letztere den 
Wänden unter Spannung angepresst ist, also wie Miller so 
trefflich gesagt hat, so hält, wie der Kork im Flaschenhalse. 

In meiner Pietät für die Goldfüllung stehe ich nicht vereinzelt 
da. Auch Quedenfeldt (Buffalo) bricht im Juniheft des 
„Dental Cosmos“ 1908 eine Lanze für sie. Immerhin kann ich 
von seinen gegen die Gold-Inlays aufgestellten Kontraindika¬ 
tionen besonders zweien nicht beistimmen. Er führt als 
Punkt 3 an: „die Ungenauigkeit des Randschlusses bei unter 
das Zahnfleisch reichenden approximalen Kavitäten.“ Die Un¬ 
genauigkeiten sind in solchen Fällen bei Gold-Inlay meines 
Erachtens leichter und sicherer zu vermeiden als bei Gold¬ 
füllungen. Als Kontraindikation 4 führt der Autor an: „die 
grosse Versuchung und Gelegenheit zu schleuderhafter Arbeit.“ 

Diese Gefahren liegen jedoch bei jeder anderen Methode auch 
vor, können also weder praktisch und noch viel weniger 
theoretisch als Argumente gegen das Inlay aufrecht erhalten 
werden. 

Ich komme nun zur Aufzählung der Gründe, welche 
für das Gold-Inlay sprechen. 

1 . Einer der Gründe, die besonders in die Wagschale 
fallen, ist die Erleichterung, welche diese Methode für Arzt 
und Patienten bedeutet. Ich will damit keineswegs behaupten, 
dass zur Herstellung eines tadellosen Inlays, besonders in 
schwierigen Fällen, ein geringeres Ausmass von Geschicklichkeit / 
und Scharfsinn erforderlich sei, als für die Ausführung einer 


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Goldfüllung und Gold-Inlay. 


9 


schwierigeren Goldfüllung; durchaus nicht. Eine enorme Er¬ 
leichterung und geradezu Erlösung bedeutet es aber schon für 
den aktiven und den passiven Teil der zwei dabei Beteiligten, 
dass die je nach der Grösse einer Füllung sich steigernde 
Langwierigkeit der Manipulation des Goldeinbringens 
in einer aus technischen Gründen nicht gut teilbaren Sitzung 
überhaupt entfällt; Ferner wird in Fällen, wie ich sie oben 
bei den Kontra-Indikationen für die Goldfüllung angeführt 
habe und wo die einer sicheren praktischen Durchführung ent¬ 
gegenstehenden Hindernisse so sehr ins Unüberwindliche steigen, 
dass man früher schon an Devitalisieren oder Kronenersatz 
hätte denken müssen, heute die Herstellung eines allen be¬ 
rechtigten Anforderungen entsprechenden Inlays wahrscheinlich 
noch ganz gut möglich sein. 

2 . Nicht hoch genug zu veranschlagen ist die Möglich¬ 
keit, ein nicht vollständig zufriedenstellendes Inlay, ohne sich 
und den Patienten auch nur an Zeit erheblich zu schädigen, 
entweder noch einmal herzustellen oder gar nur zu korri¬ 
gieren, bevor man es festsetzt. Auf verschiedene andere 
Details hier einzugehen, würde mich zu weit führen, ich will 
als Beispiel nur die Korrektur des Kontaktpoints erwähnen. 
Befriedigt mich der Kontaktpoint bei einem Gold-Inlay nicht, 
so schiebe ich ein Blatt einer ad hoc hergestellten Blechlehre 
nach dem andern durch, bis ich auf die Stärke gekommen 
bin, welche gerade eine für den Patienten eben merkliche 
Spannung zwischen den Zähnen erzeugt. Nun wird ein an¬ 
nähernd kreisrundes Stückchen Feingoldblech von der mittels 
Mikrometerschraube eruierten Stärke an jener Stelle aufgelötet, 
welche sich durch das Durchzwängen des Blechlehrstreifens 
als glänzender Punkt markiert hat. Nach sorgfältigem Verteilen 
und Polieren ist der Kontaktpoint tadellos hergestellt. 

3. Nicht zu unterschätzen ist der Umstand, dass durch 
die dünne zwischen Inlay und Kavitätenwand liegende Zement¬ 
schichte die sich sonst mitunter recht unangenehm fühlbar 
machende Wärmeleitung des Goldes in der Regel ganz oder 
hinreichend kompensiert wird. 

4. Einen grossen Vorteil bieten Gold-Inlays auch inso- 
ferne, als sie es gestatten, in ausgiebigstem Masse der Exten¬ 
sion for prevention Rechnung zu tragen, ohne hiebei die Arbeits¬ 
leistung des Operateurs oder die Widerstandskraft des Patienten 
erheblich mehr in Anspruch nehmen zu müssen. 

5. Die Beobachtungszeit ist allerdings eine noch zu kurze, 
aber die Zwischenlagerung einer Zementschichte und vielmehr 
noch die ausgiebige Anwendung der Extension for prevention 
lassen es menschlicher Voraussicht nach auch unbedenklich 


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Doz. Dr. Rudolf Weiser, Wien: Goldfttllung und Gold-Inlay. 


erscheinen, Gold-Inlays bei dem weichen Zahnbein jugendlicher 
Patienten, Anämischer, Chlorotischer usw. anzuwenden. 

6 . Dass Gold-Inlays den Porzellan-Inlays gegenüber einen 
wesentlichen Vorzug dadurch aufweisen, dass die, wenn über¬ 
haupt in Verwendung gekommene Matrize in den Goldkörper 
einbezogen wird, wurde oben schon erörtert. 

7. Ein fast unübersehbares Indikationsfeld eröffnet sich 
endlich dem Gold-Inlay gegenüber der Goldfüllung durch seine 
ausgebreitete Verwertbarkeit beim Aufbau von Zahnecken, 
-kanten und -höckern, sowie besonders im prothetischen Teile 
der Zahnheilkunde. Seine Anwendung als gewöhnliches Inlay, 
als Inlay mit Stift oder als Inlay mit einem Knopf nach Ro ach, 
sichert ihm dauernd eine wichtige Rolle beim Platten- und 
Brückenzahnersatze. Diese Anwendung bedeutet einen ge¬ 
waltigen Fortschritt in dieser Richtung, erstens weil der 
Brückenzahnersatz dadurch vielfach erleichtert und vereinfacht 
wird, zweitens weil für eine Reihe von Fällen die Notwendig¬ 
keit, einen Fremdkörper zwischen Zahnfleisch und Wurzel zu 
schieben, entfällt und drittens weil ebenso oft das den Patienten 
so sehr deprimierende Abtragen von natürlichen Zahnkronen 
zum Zwecke der Brückenbefestigung erspart bleibt. 

Fassen wir das oben Erörterte zusammen, so kommen 
wir zu folgendem Schlüsse: Es wäre ein Unrecht, an den Vor¬ 
zügen, welche die Goldfüllungsmethode auszeichnen, rütteln zu 
wollen; es wäre ein Fehler, sie in besonders indizierten Fällen 
nicht anzuwenden, ein noch grösserer, diese altbewährte 
Methode nicht weiter üben oder gar nicht weiter lehren zu 
wollen; es wäre eine Frivolität, Männer, welche diese viel¬ 
tausendfältig erprobte Methode meisterhaft beherrschen und 
ihr fanatisch anhängen, verunglimpfen zu wollen, und ebenso 
eine Frivolität, diese altehrwürdige Methode, wie dies vielfach 
von unberufener Seite schon geschieht, in den Augen des 
Publikums zu degradieren und zu verdächtigen. Allein die 
Goldfüllungsmethode wird ein grosses Gebiet ihrer Indikation 
an die neue Methode des gegossenen Gold-lnlays abtreten 
müssen, welche, obwohl sie vielfach noch der Verbesserung 
und der Ausgestaltung bedarf, schon heute ganz überraschende 
Erfolge gezeitigt, zumindest einen zweifellosen Aufschwung in 
der Prothetik herbeigeführt hat. 


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Doz. Dr. L. Fleiscbmanu, Wien: Rhachitische Veränderungen etc. 


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Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

RhacMUe TeräBdernopn des Dentins. 

Von Privatdozent Dr. Leo Fleischmann in Wien. 

Vortrag, gehalten anf dem V. Internationalen zahnärztlichen Kongress zn 
Berlin, 23. bis 28. August 1909. 

Dass die Rhachitis auf den Durchbruch der Zähne, be¬ 
ziehungsweise auf deren Entwicklung retardierend wirkt, ist 
eine bekannte und geläufige Tatsache; desgleichen wurden die 
Hypoplasien des Schmelzes seitens verschiedener Autoren als 
Folgen der Rhachitis angesehen, was allerdings, wie ich in 
einer im Oktober 1909 in dieser Zeitschrift erschienenen Arbeit 
„Die Ursachen der Schmelzhypoplasien“ nacbgewiesen habe, 
nicht gerechtfertigt ist. 

Ueber eine Beeinflussung des Dentins, des Hauptbestand¬ 
teiles des Zahnes, ist eigentlich nichts bekannt, es wäre denn, 
dass man die seitens verschiedener Autoren gelegentlich des 
Studiums der Entwicklung der Schmelzhypoplasien gemachten 
Beobachtungen über eine Vergrösserung der Interglobularräume 
hieher zählen würde. 

Es ist um so auffallender, dass wir darüber nichts wissen, 
als bei den nahen Beziehungen zwischen Knochen und Dentin 
und der typischen Beeinflussung des Knochens durch die 
Rhachitis es naheliegend war, auch an typische Veränderungen 
des Dentins zu denken. 

Aus diesem Grund ging ich daran, systematische Unter¬ 
suchungen des Dentins bei Rhachitis anzustellen. Meine Be¬ 
mühungen waren von Erfolg belohnt; denn es gelang mir tat¬ 
sächlich festzustellen, dass das Dentin durch die Rhachitis 
Veränderungen erleidet von so typischem Charakter, dass sie 
allein für die Diagnosestellung der Rhachitis hinreichen. 

Die Veränderungen sind mutatis mutandis Analoga der 
verbreiterten osteoiden Säume gewisser rhachitischer Knochen. 

Die erste Dentinanlage setzt sich der Zahnpapille wie 
ein Hütchen auf. Das weitere Wachstum erfolgt einerseits nach 
der Dicke auf Kosten des Umfanges der Papille, anderseits 
nach der Länge längs der Papille abwärts. Kurze Zeit nach 
Beginn der Dentinbildung setzt auch die Verkalkung des Ge¬ 
webes ein, indem die zuerst gebildeten Teile auch zuerst ver¬ 
kalken. Doch bleibt der jeweils jüngste, der Papille unmittelbar 
anliegende Teil immer unverkalkt. Es ist also immer eine 
schmale Zone unverkalkten Dentins vorhanden, die nach aussen 


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: £>.ö.s, Dr. Leo i'ieistthiuami. W.ej«' 


von verkalktem Dentin begrenzt wird (Fig. 2 «,,./) und nur die 
äußerste Spitze des Zahnes, wo das Längen Witchsiutn 'lta.it-. 
findet, besteht: zur IGünze aus uiwrkaikteof liewgb.e. {f ig-. %a, 'b). 

Im selben Masse, als neues Dentin gebildet wird, 'schreitet 
not imderweise die Verkalkung fbit. Bildung und Verkalkung' 
gehen also parallel einher, so dass die Breite der hnvepkalkten 
Zo'ne '.innmi an nähernd konstant bleibt. Eh Rhaebhi* nun 
hall die Verkalkung «nt der Öeminbildung sozusagen nicht 
iriehr gleiche« Schrift wod dökabk tesiilti^ri ..eine, ^erhretlerung 


Fi«. I, . MittUrer oberer Mlldi.scia.a-uiez.U'u e=a@s zei ntüolmdkLeu Kindes 
rfiii) Sie iiurmid, {Fixiert i'u Iflgtos. Formiilm, eiifkLkt i.arij Sdoiler 
fr» pro?,. .HNOtl, gefärbt. tuit t»e»aft!d*Kusw.) — />. «== Pilpß, pe- — iVriosT, 
u 1/ ~ imverjiitlHt.es Dentin v. vöfJutlkves, ßentiti. 

Fig. ö, Siittierev oberer Milchscinieltleaahii emes zD u u<iO!iiiUicUet> Riedes 
(Fall 87). Rhaeinlte — p. ■ 1‘uipa, s. *= Sdlrttfebs:, u. IK — tsn verkalkte* Lfäutn», 
v. P. .«* verkalktes (Natt» '«letretbeu Metteäjfe i,*lmutieii uud gefärbt, 

wie FiRpsirrtt j ) 

vier urjverkaikten Zone, nalürgemäss dort amslärksten, wo das 
stärkst»} Wachstum des Zahnes skUUincieL Wo dasselbe bereits, 
abgeschlossen ist (bei einiger tmiss!io vorgesdniltener Entwick¬ 
lung gegen das kroneowMs gelegene Ende en), wird die 


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Rbacliitische Veränderungen des Dentins. 1$ 

fehlende Ablagerung der Kalksalze nachgeholt und man findet 
dort die unverkalkte Zone in ihrer normalen Breite. Selbst¬ 
verständlich findet man auch normale Verhältnisse, wenn der 
rhachitische Prozess abgeklungen ist. 

Da das Wachstum nach der Länge jenes nach der Dicke 
bei weitem übertrifft, werden auch die Veränderungen am Orte 
des Längenwachstums (Fig. 2 a, b) viel auffallender sein, als 
am Orte des Dickenwachstums (Fig. 2e, /). Ja, da das letztere 
relativ sehr langsam erfolgt, werden die Veränderungen da¬ 
selbst im allgemeinen so unbedeutende sein, dass sie nur dem 
sehr geübten Auge sichtbar sind, wobei für Messungen auch 
noch der Umstand erschwerend in die Wagschale fällt, dass 
die Grenzlinie zwischen verkalkter und unverkalkter Zone an 
Schnitten nicht geradlinig, sondern infolge der Ablagerung des 
Kalkes in Kugelform unregelmässig wellenförmig verlauft. 

Anders am Orte des Längenwachstums; hier genügt ein 
Blick ins Mikroskop, um die Veränderungen konstatieren zu 
können. Während normalerweise die Verkalkung bis ganz nahe 
an die wachsende Spitze heranreicht (Fig. 1 a, b ), hört sie bei 
Rhachilis viel früher auf (Fig. 2o, b). Die Folge davon ist, dass- 
die Länge desjenigen Teiles der Spitze, der keine Kalksaize ent¬ 
hält, die normale Länge dieses Teiles um ein Vielfaches übertrifft* 

Wiewohl die Uebergänge zwischen normalem und patho¬ 
logischem Zustand recht fliessende sind, war ich doch bemüht,, 
durch Feststellung der Länge dieses Teiles des Zahnes in nor¬ 
malem Zustande (Fig. 1 a, b) und bei Rhachitis (Fig. 2 a, b ) 
absolute Zahlen für die Diagnose der Rhachitis des Dentins 
zu gewinnen. 

Das Ergebnis der Messungen ist folgendes: 

1 . Ist der unverkalkte Teil (Fig. 1 a, b ) kleiner als 01 Mm., 
so ist dies normal. 

2. Ist der unverkalkte Teil zwischen 01 und 0-2 Mm., 
so ist der Fall zweifelhaft. 

8 . Ist der unverkalkte Teil grösser als 0 2 Mm. (Fig. 2 a, b) r 
so ist es eine sichere Rhachitis. 

Bei zweifelhaften Fällen kann eventuell die Breite der 
unverkalkten Zone (Fig. 2e, f) zur Unterstützung der Diagnose 
herangezogen werden. 

Die Zahlen sind meistens durch Messungen am ersten 
oberen Milchschneidezahn gewonnen; nur wo dieser sein 
Wurzelwachstum bereits abgeschlossen hatte (jenseits des dritten 
Lebensjahres), wurde der bleibende grosse Schneidezahn zur 
Messung herangezogen und nur in drei Fällen, wo aus äusseren 
Gründen die Entnahme der vorderen Kieferpartie unterbleiben 
musste, ist der erste bleibende Molar verwendet. 


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Doz. Dr. Leo Fleischmaim, Wien: 



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Rhachitische Fülle 


Rhachitische Veränderungen des Dentins 


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Spital^ Kinder-Abteilung. — p. R. =. Prosektur Rudolf-Stif ung. 









ßhachitische Veränderungen des Dentins. 


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Doz. Dr. Leo Fieischmann, Wien: 


Wir sehen nach der vorstehenden Tabelle in vier Fällen, 
bei denen weder klinisch noch anatomisch Rhachitis festgestellt 
werden konnte, Werte: 

Für a b 0*05 bis 0*09 Mm. 

„ e f 0-015 „ 0 018 „ 

In 20 Fällen, in denen Rhachitis klinisch oder anatomisch 
fest gestellt worden war, Werte: 

Für a b 0-21 bis 1*5 Mm. 

, ef 0*018 „ 0*06 „ 

Nur in einem Falle (Nr. 100), bei dem klinisch Rhachitis 
konstatiert wurde, ist ab = 0*13 und e/= 0 06. Erscheint in 
diesem Falle a b auch nur geringe vergrössert, so ist e f 
(0-06 Mm.) so stark verbreitert, dass es sich auch hier um eine 
sichere Rhachitis des Dentins handelt. 

In drei Fällen finden wir Uebergangswerte: 

Für a b 0*12 bis 0*19 Mm. 

„ ef 0*018 „ 0*03 „ 

In zweien dieser Fälle fehlten klinische Erscheinungen 
der Rhachitis. Das einemal (Fall 90) erscheint in der Kranken¬ 
geschichte vermerkt: „Keine Zeichen von Rhachitis“. Das be¬ 
weist natürlich nur, dass keine auffallende Rhachitis da war, 
nicht aber, dass nicht eventuell ein geringer Grad dieser Krank¬ 
heit vorhanden gewesen war, der sich bei rascher (nicht ad hoc 
vorgenommener) Untersuchung der Beobachtung leicht entziehen 
konnte. Dafür würde wohl das Ergebnis der Dentinuntersuchung 
(a b =- 019 Mm.) sprechen. 

Im zweiten Falle (Fall 87) handelt es sich um ein 4 Mo¬ 
nate altes Kind (Lues congenita), bei dem in der Kranken¬ 
geschichte — quoad Rhachitis — nur die Bemerkung enthalten 
ist: „Am Skelett nichts besonderes“. In diesem Falle dürfte es 
sich wohl um eine eben erst beginnende Rhachitis handeln, 
wofür die geringgradige Verlängerung von a b (015 Mm.) und 
die geringe Verbreiterung von e f (0*021 Mm.) spricht. 

Im dritten Falle (Fall 99) erscheint Rhachitis klinisch fest¬ 
gestellt, und zwar ziemlich hochgradige Veränderungen des 
Thorax und der Extremitäten, dagegen keine Kraniotabes. Das 
Dentin ist nur ganz geringfügig verändert (ab — 0*12 Mm., 
e / — 0*024 Mm.). 

Da es sich um ein 22 Monate altes Kind handelt, dürfte 
Rhachitis des Schädels bereits abgelaufen oder im Ablaufen 
begriffen sein, und ich bin geneigt, die geringfügige Verände- 


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Bijftebitißcte Vtftto&rt&gm Ae.« Dentins. 


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rung des Dentins in diesem Falle als ein Reichen des Ablaufens 
d^r Edtrankuttg auch «m Dentin anzösehen. 

Ueberhäupt erscheint C9 : mir sehr wahrscheinlieb- dass- 
dieBhaehitis des Dentins im allgemeinen: mit der des SchAdefs 
vörkORimen und parallel verlaufen dürfte, leb: bähe 
es bei der Sammlung meines Materiales leider unterlassen, auch 
Stückchen 'ytio. Knochen, insbesupdpte von SchädeUcnociien, 
aufzubewähren, aus deren Un tersuchung ich diese« sup.puhiert.en. 
Paraifetistnus hätte erweisen iköftnehi Da auch die Krankeu- 
irescfeicblnh; keine genüg^^iptä^hh . Angaben darüber ent- 

' uB ‘ i 





b' * 


Via. ». LfiugsseUttiU *iurcb Aeu Zahn emes jnugeu rlmdbitisdieu Scbweiue*. 
— J p — l’üipa, w, ft« <?nveikfti)ites pehtih, v. V *»• verkalkte« Dentin. 
<Naeh derselben WeÜit*Äe' betouddi-'Wtf 'gefärbt wie Präparat 5.) 



Dentins im Vereine milder des sotMigen SkMeties ohne gleich¬ 
zeitige Schädelrfeach.ifis Vorkommen könnte, und .umgekehrt, 
dass bei Vorhandensein dev letzteren das Dentin eventuell 
normal sein kannte. 


Ein zweites, dicht so konstant«^ aber immerhin recht 
iufiges Symptom« <fervRßacitiilsi>:^' Dentin*. Ist durch die Art 
)ä Weise der Verkalkung verursacht. Diese erfolgt, normal. 


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ul frsm 





20 Doz. Dr. L. Fleiscbmann, Wien: Rhachitische Veränderungen etc. 


durch Ablagerung dicht gestellter Kalkkugeln. Bei Rhachitis 
sind die Kalkkugeln kleiner und ihre Ablagerung erfolgt nicht 
so dicht. Es entstehen daher reichlichere und kleinere Zwischen¬ 
räume zwischen den Kalkkugeln (kleine Interglobularräume). 
Besonders auffällig ist auch diese Veränderung wieder an der 
wachsenden Spitze des Dentins zu beobachten. Hier sieht das 
Dentin am gefärbten Schnitt wie grob punktiert aus. 

Da Rhachitis auch bei Tieren recht häufig ist, zog ich 
auch die Zähne solcher Tiere in den Bereich meiner Unter¬ 
suchungen. Herr Dozent Dr. Skoda von der tierärztlichen 
Hochschule hatte die Güte, mir die Kiefer eines rhachitischen 
Schweines zur Verfügung zu stellen. Die Veränderungen im 
Dentin dieses Falles waren völlig dieselben wie beim Menschen 
(Fig. 3). Während beim normalen Schwein die Verkalkung 
ebenso wie beim Menschen bis nahezu zur Spitze reicht, fand 
ich bei den mir übergebenen Zähnen für ab einen Wert von 
0*9 Mm., also eine ganz enorme Verlängerung der unverkalkten 
Spitze. 

Die rhachitischen Veränderungen des Dentins gleichen im 
allgemeinen jenen, die Erd heim (Tetania parathyreopriva» 
Grenzgebiete der Medizin und Chirurgie, 1906) am Dentin der 
Nagezähne von Ratten nach Exstirpation der Epithelkörperchen 
gefunden hatte. Wie ich mich an eigenen Präparaten (Herr 
Dr. Pineies überliess mir liebenswürdigerweise die Kiefer 
einiger Ratten, denen er die Epithelkörperchen exstirpiert hatte) 
überzeugen konnte, betreffen diese Veränderungen des Dentins 
nicht nur die wurzellosen Nagezähne, sondern auch die mit 
Wurzeln versehenen Backenzähne dieser Tiere, wenn deren 
Wachstum noch, nicht abgeschlossen ist. Die anatomischen 
Verhältnisse dieser Zähne sind die gleichen wie beim Menschen. 
Man kann daher die Identität der Veränderungen mit den 
rhachitischen an diesen Zähnen besonders gut konstatieren. 
Auch hier fällt neben einer Verbreiterung der unverkalkten 
Zone im allgemeinen insbesondere die Länge des gänzlich un¬ 
verkalkten Teiles der wachsenden Wurzelspitze auf. 

Gleichen die beiden Veränderungen (die rhachitischen und 
die experimentell erzeugten) einander auch, soweit das Dentin 
in Frage kommt, so besteht doch ein tiefgreifender Unterschied 
bezüglich des Schmelzes. 

Nach Epithelkörperchenexstirpation findet immer auch eine 
erhebliche Beeinflussung der Schmelzentwicklung statt. Bei 
Rhachitis nie*. 

1 Vergl. meine im Oktoberheft 1909 dieser Zeitschrift erschienene Arbeit 
„Ursache der Schmelzhypoplasien 1 *. Ich streife hier diese Verhältnisse, weil ich 
gelegentlich einer Demonstration in der Gesellschaft der Aerzte in Wien am 


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Dr. Arnold Heller, Wien: Zar Physiologie der Zahnpalpa. 


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Die Rhachitis erzeugt lediglich eine Störung in der Ver¬ 
kalkung des Dentins bei normaler Bildung der Zahnbeingrund¬ 
substanz selbst, ohne irgend eine Beeinflussung der Odonto- 
blasten, der Bildungszellen des Dentins. 

Genau dasselbe erfolgt auch an Rattenzähnen nach Aus¬ 
fall der Epithelkörperchenfunktion. Ausserdem treten aber hier 
noch Veränderungen des Schmelzes (Hypoplasien) auf, die 
nicht bloss der Ausdruck einer Störung der Kalkablagerung 
sind, sondern auf einer mangelhaften Bildung des Grundge¬ 
webes selbst beruhen, wahrscheinlich infolge einer spezifischen 
Wirkung des Ausfalles der Epithelkörperchenfunktion auf die 
Ameloblasten, das sind die Bildungszellen des Schmelzes. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 


Von Dr. Arnold Heller , Zahnarzt in Wien. 

Vortrag, gehalten in der Sektion für Stomatologie des XVI. Internationalen 
medizinischen Kongresses in Budapest (September 1909). 

Trotz allen Fortschritten in der Technik der Wurzel¬ 
füllung können wir uns nicht der Erkenntnis verschliessen, dass 
sich pulpalose Zähne in einem, ich möchte sagen labilen orga¬ 
nischen Gleichgewicht befinden. Mag ein Zahn unter noch so 
günstigen Verhältnissen die korrekteste Wurzelfüllung erhalten 
haben, immer gibt er denn doch von Zeit zu Zeit zu Be¬ 
schwerden Anlass, die mit entzündlichen Prozessen eine fatale 
Aehnlichkeit haben. Bald erscheint der Zahn dem Patienten 
etwas verlängert, bald etwas gelockert, bald kommt es zu 
leichten Schwellungen, die nach einiger Schonung des Zahnes 
auch ohne direkte ärztliche Behandlung wieder verschwinden 
— kurz, der Patient wird immer wieder daran erinnert, dass 
er einen Zahn im Munde hat. Absolut reaktionslos bleiben 
höchstens pulpalose Zähne, die keinen Antagonisten besitzen. 

Gewohnt, mir über alles und jedes Rechenschaft zu 
geben, kam ich zu dem Schlüsse, dass wir es hier mit einer 
Ausfallsfunktion der Pulpa zu tun haben, dass also die Pulpa 
offenbar ein Orientierungsorgan des Zahnes sei. 

Hat ein Zahn zugleich mit der Pulpa seine Orientierung 
verloren, also das Feingefühl gegen Druck und Lokomotion, 
dann ist er dadurch leichter Traumen ausgesetzt und die oben 

11. November 1907 noch an die Abhängigkeit der Schmelzbypoplasien von 
der Rhachitis geglaubt hatte und iufolgedessen eine völlige Identität beider 
Prozesse angenommen hatte. Ich stelle dies hiemit richtig. 


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Dr. Arnold Heller, Wien: 


erwähnten Phänomene schienen mir demgemäss traumatischer 
Natur. 

Je mehr ich mich in diesen Gedankengang vertiefte, 
um so wahrscheinlicher schien mir meine Supposition, nur 
etwas passte mir nicht: nämlich, dass es bei all den ent¬ 
zündlichen Erscheinungen nie zu einer rechtschaffenen Eiterung 
kommen will. 

Ein eigentümlicher Fall in meiner Praxis führte mich nun 
auf einen anderen, wie ich vermute, auf den richtigen Weg. 

Eine junge Dame, die wegen heftiger Otalgien in der 
Behandlung eines der hervorragendsten Spezialisten stand, 
wandte sich auch an mich mit der Bitte, festzustellen, ob nicht 
etwa ein Zahnleiden Ursache oder Mitursache ihres Zustandes 
sei. Nach sorgfältiger Beobachtung konnte ich nicht umhin, 
das Vorhandensein einer Pulpitis idiopathica im Gebiet der 
oberen Molaren festzustellen und ging dementsprechend vor. 
De facto fand sich im zweiten Molar ein Dentikel. Das Leiden 
schien faktisch gebessert. 

Nach einiger Zeit (1 */* Jahre) traten ähnliche Erschei¬ 
nungen im Gebiete der Bicuspidaten und des Guspis auf. Als 
ich nun hier an die Behandlung der verdächtigen Zähne schritt, 
machte ich folgende denkwürdige Beobachtung: Im Momente, 
wo ich den Wurzelteil der Pulpa aus dem Zahn entfernte, sah 
ich jedesmal ein solennes Oedem sich vor meinen Augen ent¬ 
wickeln; eine Erscheinung, die mich anfangs ebenso verblüffte 
als erschreckte. Eine sorgfältige Untersuchung sowohl meiner¬ 
seits als auch seitens des Otologen ergab, dass eine Reaktion 
seitens der Highmorshöhle ausgeschlossen sei. 

Die Oedeme verschwanden von selbst, kehrten jedesmal 
wieder, sobald ich den Guttaperchapoint in die Wurzel ein¬ 
führte, um auch dann wieder nach einigen Tagen spontan zu 
verschwinden. 

Von Zeit zu Zeit rebellieren die nunmehr pulpalosen 
Zähne der Patientin immer wieder, und zwar mehr oder minder 
auf die gleiche Art. 

Es bestand wohl kaum ein Zweifel darüber, dass diese 
sonderbaren Erscheinungen als Störungen vasomotorischer Natur 
anzusprechen seien. 

Ob bei der hochintelligenten und mit hervorragender 
Willenskraft begabten Patientin Hysterie vorhanden war, das 
weiss ich nicht. Mindestens konnte die Diagnose weder von 
mir noch von irgend einem andern der behandelnden Kollegen 
festgestellt werden. 

Allein ich möchte betonen, dass selbst eine bestehende 
Hysterie die Wichtigkeit des Falles nicht entkräften kann. Ge- 


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Zur Physiologie der Zahnpnlpa. 


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rade Patienten mit labilerem organischem Gleichgewicht geben 
die instruktivsten Studienobjekte ab. Wir sehen an ihnen die 
Folgen eines gesetzten Reizes förmlich bis in die feinsten Ver¬ 
zweigungen auslaufen. Wie der Ischiaskranke, der an Tri¬ 
geminusneuralgie Leidende, ohne eine Ahnung von Anatomie 
zu haben, genau die Verästelungen ihrer erkrankten Nerven 
angeben können, so weist uns umgekehrt die Reaktion eines 
labileren Organismus die Bahnen, in denen Reize sich weiter 
fortpflanzen können, wenn nicht (bis zu einem gewissen Grade) 
müssen. 

So möchte ich denn meiner Ueberzeugung Ausdruck 
geben, dass die an pulpalosen Zähnen aultretenden pseudo- 
periodontitischen Erscheinungen nichts weiter sind als vaso¬ 
motorische Reaktionen. Es stellt sich nur die Pulpa als vaso¬ 
motorisches Terminalorgan dar, dessen nervöse Elemente nicht 
nur die Zirkulation im Zahn, sondern auch die um den Zahn 
regulieren. 

Fehlt die Pulpa, so ist es naturgemäss mit der Zirkula¬ 
tion im Zahn vorbei, aber auch der Regulator für die peri- 
odontale Zirkulation ist zugrunde gegangen und es kommt zu 
jenen Ausfallserscheinungen, welche zwar entzündlichen Er¬ 
scheinungen ähneln, aber doch keine sind. 

Den in der Pulpa verlaufenden Trigeminusfasern eine 
vasomotorische Funktion zu vindizieren, das ist wohl an und 
für sich keine besondere Kühnheit. Sensibilität und Gefäss- 
steuerung sind wohl eng vergesellschaftet. Kältegefühl und 
Gefässkontraktion, Wärmeempfindung und Gefässdilatation sind 
unzertrennliche Gefährten. Mit dem Fehlen der Pulpa erlischt 
die thermische Empfindlichkeit des Zahnes, warum sollte nicht 
zugleich die reaktive Kontraktion und Dilatation der Gefässe 
erlöschen? Und wie weit.dieselben eine automatische Schutz¬ 
vorrichtung für den Zahn darstellen, das wissen wir nicht. Auf 
der vasomotorischen Störung beruht die Verfärbung des schlecht 
umbluteten Zahnes analog anderen Trophoneurosen 

Die Zirkulationsstörung zeigt sich auch schon bei sonst 
anscheinend normaler Mastikation. Nur dann kann ein Organ 
einer selbst nur normalen Inanspruchnahme gewachsen sein, 
wenn seine Durchblutung normal ist; wenn diese automatische 
Schutzvorrichtung nicht funktioniert, dann kommt es zu Stö¬ 
rungen in der Gebrauchsfähigkeit des Organes. Darum fällt 
uns auch ein pulpaloser Zahn, der keinen Antagonisten hat, 
kaum jemals lästig, wenigstens kenne ich keinen derartigen Fall. 

Es ist also eine direkt gebotene Vorsicht, pulpalose Zähne, 
welche noch Antagonisten besitzen, durch Abschleifen der 


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Dr. Richard Breuer, Wieu: 


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Kronenhöcker aus der normalen Mastikation, die für sie bereits 
als Schädlichkeit wirkt, halb und halb auszuschalten. 

Erblickte ich seinerzeit in der Pulpa ein Orientierungs¬ 
organ des Zahnes, so kann ich dies derzeit getrost mutatis 
mutandis aufrecht erhalten. Pulpalose Zähne sind eben 
vasomotorisch desorientierte Zähne, nicht etwa taktil des¬ 
orientiert. 

Zweck dieser meiner kurzen Skizze ist, die Aufmerksam¬ 
keit meiner Fachkollegen nach dieser Richtung hin zu lenken. 
Zwar bin ich fest überzeugt, dass ich auf richtiger Fährte bin, 
aber auch die Widerlegung meiner Anschauung würde mich 
nicht verdriessen, denn selbst eine negative Erkenntnis ist 
immerhin ein Schritt nach vorwärts. 


JN ach druck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Was lehrt w das Böatpiild des KieferpMes? 

Von Dr. Richard Breuer, Zahnarzt in Wien. 

Nach einem auf der 81. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte 
in Salzburg (September 1909) gehaltenen Vortrage. 

Es sind noch nicht gar so viele Jahre vergangen seit dem 
Zeitpunkte, da die Zahnärzte anfingen, dem Kiefergelenke mehr 
Aufmerksamkeit zu schenken. Man begnügte sich ehedem mit 
der Kenntnis, dass an der Bildung des Gelenkes die Schädel¬ 
basis mit dem Tuberkulum und der Fossa glenoidalis und der 
Unterkiefer mit dem Kapitulum (oder Kondylus) beteiligt seien, 
dass zwischen beiden Gelenkskörpern sich ein Meniskus befinde 
und alles von einer festen Kapsel umschlossen wäre, schliess¬ 
lich dass die Bewegungen des Kapitulums des Unterkiefers in 
der Fossa glenoidalis ungefähr in der Art eines Scharnier¬ 
gelenkes erfolgen. (Henle.) Zwar hatten die Anatomen 
Langer [1] und Meyer [2] das Kiefergelenk und seine Funk¬ 
tionen ziemlich genau beschrieben. Es scheinen jedoch ihre 
Arbeiten, sowie die Publikationen so mancher Autoren nach 
ihnen in Vergessenheit geraten zu sein; denn alle die Forscher, 
die sich mit der Konstruktion von Artikulatoren in den ver¬ 
gangenen Jahrzehnten beschäftigten, haben viel zu wenig auf 
die Lehren dieser Anatomen Rücksicht genommen. Mit der 
verdienstvollen Arbeit Wal lisch’[3] „Das Kiefergelenk und 
der zahnärztliche Artikulator u beginnt eine neue Epoche des 
Studiums des Kiefergelenkes. 

Wallisch bestätigt in der zitierten Arbeit einerseits ge¬ 
wisse Ansichten der alten Anatomen, anderseits bringt er voll- 


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Was lehrt uns das Röntgenbild des Kiefergelenkes ? 25 

kommen neue Gesichtspunkte über den Bau und die Tätigkeit 
des Gelenkes, die zum Teil mit den Anschauungen anderer 
Autoren im Widerspruch stehen. In zwei nachfolgenden 
Arbeiten [3] erfahren seine Behauptungen einen weiteren 
Ausbau. 

Im Jahre 1908 erschien Gysis [4] ausführliche und ver¬ 
dienstvolle Arbeit: „Beitrag zum Artikulationsproblem“. Die 
Ansichten, die dieser Autor vertritt, und die Schlussfolgerungen, 
die er aus seinen Messungen und Studien ableitet, sind neu¬ 
artig und interessant, erfordern jedoch eine gründliche Nach¬ 
prüfung auf ihre Richtigkeit. 

Während Wallisch seine Studien grösstenteils an 
mazerierten Schädeln machte, leitete Gysi seine Schluss¬ 
folgerungen, soweit sie sich auf das Gelenk beziehen, von 
Versuchen ab, die er im zahnlosen Munde mit Hilfe von Wachs¬ 
schablonen und einem eigens konstruierten Schreibapparate 
vornahm. 

Die von den genannten Autoren zum Beweise ihrer Be¬ 
hauptungen eingeschlagenen Wege sind aber nicht geeignet, 
den Leser von der Richtigkeit derselben zu überzeugen. Denn 
Kurven einer Gelenksbahn des Kondylus, die mit Hilfe beweg¬ 
licher, im zahnlosen Munde leicht verschieblicher Wachsscha¬ 
blonen und eines mit denselben verbundenen, der Haut in der 
Gegend des Unterkieferköpfchens aufliegenden Stiftes konstruiert 
werden, müssen insolange als fragliche betrachtet werden, als 
ihre Richtigkeit nicht durch andere Methoden festgestellt ist. 
Und was die Studien am knöchernen Präparate anbelangt, so 
sei hier aufWelcker hingewiesen, der im Jahre 1900 in 
einer umfangreichen, gewissenhaften Arbeit (veröffentlicht im 
„Archiv für Anthropologie“ 190o) bereits nachgewiesen hat, dass 
die Schrumpfung in der Distanz der beiden Kondylen an ma¬ 
zerierten Unterkiefern bis zu 2 Gm. gegenüber dem frischen 
Leichenpräparate betragen kann und der ausdrücklich davor 
warnt, aus dem Verhalten der skelettierten Teile des Kiefer¬ 
gelenkes irgendwelche Schlüsse auf die Einrichtung und Mechanik 
des Gelenkes aufzubauen. Selbst Studien am eröfifneten Gelenke 
der Leiche sind nicht geeignet, einen genauen Einblick in die 
Mechanik des Kiefergelenkes zu gestatten, da einerseits der 
Luftdruck wegfällt, anderseits die für die Bewegungen als 
Gubernakula und Aufhängeapparat ungemein wichtigen Liga- 
menta lateralia durchschnitten werden müssen. 

Aus diesen Gründen musste getrachtet werden, das Ver¬ 
halten der das Gelenk zusammensetzenden Teile bei unver¬ 
letzter Gelenkskapsel zu studieren, und dazu bot sich 
mir ein Weg, nämlich der der Röntgenphotographie. 


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Dr. Richard Breuer, Wien: 


Durch die Güte de3 Herrn Dr. Georg Heiner, Demon¬ 
strator an der I. anatomischen Lehrkanzel in Wien, gelangte 
ich in den Besitz zweier frischer anatomischer Präparate 
mit unverletzten Gelenkskapseln: eines vollkommen 
atrophischen Schädels und eines jugendlichen, zarten Schädels 
mit normal gebauten und tadellos okkludierenden Zahnreihen. 
In beiden Präparaten wurden Schnitte geführt, und zwar durch 
die Schädelbasis (knapp hinter der inneren Wand der Gelenks¬ 
kapsel) zur Aufnahme der photographischen Platte für die 
seitliche Durchleuchtung und durch das Planum infratemporale 
zur Aufnahme der Platte tür die Durchleuchtung von der 
Schädelbasis. Ausserdem wurden alle hinderlichen Knochen¬ 
vorsprünge abgetragen, um das Entstehen störender Schlag¬ 
schatten zu verhindern. So hergerichtet, wurden die Präparate 
mit der Schädelbasis fest in einem Staliv eingeschraubt und 
die Bewegungen des Unterkiefers durch Seidenschnüre bewerk¬ 
stelligt, die über leicht gehende Rollen geführt wurden. Die 
beifolgenden Tafeln I und II veranschaulichen die Herrichtung 
und Einstellung der Präparate für die Röntgendurchleuchtung. 
Auf diese Weise war es möglich, jeden Druck oder Zug auf 
das Gelenk auszuschalten und die Entfernung der Zahnreihen, 
resp. der Kiefer, bis auf Millimeter genau einzustellen, kurz, 
die Bewegungen des Kiefergelenkes nach den drei Richtungen 
des Raumes exakt nachzuahmen und zu studieren. 

Untersucht wurden beide Präparate und beide Gelenke. 
Hier mögen vorläufig nur die Ergebnisse des rechten Kiefer¬ 
gelenkes vom bezahnten Präparate Aufnahme finden, da sie 
besonders lehrreich sind. Bemerkt muss jedoch werden, dass 
die Untersuchung des linken Gelenkes fast die gleichen Bilder 
ergab. In Aussicht genommen ist noch die röntgenologische 
Untersuchung der kindlichen Kiefergelenke, dann der Gelenke 
bei Klasse II und III nach Angles System und der Gelenke 
beim geraden Bisse. 

Die Präparate wurden so eingestellt, dass nur Zentral¬ 
strahlen der abgeblendeten Röntgenbirne das Gelenk durch¬ 
leuchteten und senkrecht die lichtempfindliche Platte trafen, 
so dass Verzerrungen der Bilder ausgeschlossen waren. Durch 
Vorversuche wurde ermittelt, dass ein Abstand von 25 Gm. 
zwischen Birne und Platte, Bilder in der natürlichen Grösse 
des Präparates ergab. Die Expositionszeit betrug durchgehends 
8 Sekunden. 

Herrn Dr. Heinrich Höck, Zahnarzt in Wien, der im Vereine 
mit mir die Röntgenaufnahmen machte und durch seine tat¬ 
kräftige Unterstützung die Lösung der Frage ermöglichte, ge- 


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Was lehrt uu3 (las Röutgenbild des Kiefergelenkes 't 


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bührt der grösste Dank meinerseils, den ich hiemit auch öffent¬ 
lich ausspreche. 

Und nun wollen wir uns der Besprechung der Bilder 
zu wenden, die sich bei Durchleuchtung des Kiefergelenkes 
während der Oeffnungs-, der Vorschiebe- und der 
Drehbewegung ergaben. Dabei muss jedoch beständig im 
Auge behalten werden, dass die Röntgenbilder die Verhält¬ 
nisse im Gelenke so darstellen, wie sie der Beschauer sehen 
würde, wenn er von der photographischen Platte aus durch 
das Gelenk blicken würde. 

Wallisch [3] hat mit Recht eine Ruhestellung des 
Gelenkes bei geschlossenen Zahnreihen und eine Ruhelage 
bei erschlafften Muskeln unterschieden. In letzterer Stellung 
ist das Gelenk infolge der Eigenschwere des Unterkiefers in 
der aufrechten oder horizontalen Lage etwas geöffnet, bei nach 
vorne geneigtem Kopfe tritt noch eine leichte Verschiebung 
nach vorne hinzu. Schon der Anatom Langer [1] hat erklärt, 
dass bei geschlossenen Kiefern die Bandscheibe und der in 
ihr enthaltene Kondyl hinter dem Tuberkulum „in der Ge¬ 
lenksgrube“ des Schläfebeins liege. Zuckerkandl [5] und 
andere Anatomen haben sich dieser Ansicht angeschlossen. 

Wallisch [3] hat jedoch behauptet, dass die Gelenk¬ 
grube nicht vom Kondyl ausgefüllt sei, sondern zur Aufnahme 
des hinteren Teiles des Meniskus und zum Ansätze der hinteren 
Kapselbänder diene. Diese Ansicht hat der Anatom Fick in 
seinem „Handbuch der Anatomie und der Mechanik der Ge¬ 
lenke“ bestätigt. Ueberhaupt sei hier, was die ausführliche 
Beschreibung des Kiefergelenkes anbelangt, auf dieses hervor¬ 
ragende Werk ausdrücklich hingewiesen. 

Prüft man nun das Röntgenbild des rechten Kiefer¬ 
gelenkes in der Ruhestellung auf die Richtigkeit der An¬ 
gaben genannter Autoren, so ergibt sich, dass Wallisch voll¬ 
kommen recht hat. Denn das Röntgenbild zeigt deutlich, dass 
der untere Rand der vorderen Gelenksfläche des Kondyls fast 
in der Höhe der Mitte der hinteren Tuberkulumswand steht, 
dass zwischen Tuberkulum und Kondyl ein (von Weichteilen 
ausgefüllter) Spalt und zwischen der oberen Umgrenzung des 
Kondylus und dem Grunde der Fossa ein gegen die Pars 
tympanica des Schläfebeins an Breite zunehmender sichel¬ 
förmiger Raum klafft. Eine direkte Berührung zwischen Kon¬ 
dylus und Fossa oder Tuberkulum besteht in der Photo¬ 
graphie nicht. 

Um die Veränderungen, welche das Gelenksbild in den 
verschiedenen Stadien der Oeffnungsbewegung erfährt, genau 


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Dr. Richard Breuer, Wieu: 


studieren zu können, war es notwendig, ihr» Präparate fixe 
Anhaltspunkte zu schaffen. Zu diesem Zwecke wurden im Joch¬ 
bogen des Präparates und im Kollum des Unterkieferastes, in 
einer Frontaleben ± liegend, kleine Metallstifte angebracht, die 
auf dem Röntgenbilde als dunkle Punkte erscheinen mussten. 
Da die Photographien die natürliche Grösse des Präparates 
wiedergeben und nur Zentralstrahlen das Gelenk passierten, 
waren Verzerrungen der Bilder nicht gut möglich. Die Schatten 
der Melallstifte haben denn auch im Bilde dieselbe Entfernung 
voneinander wie die Köpfe der Stifte am natürlichen Präparate. 
Das Gelenk wurde nun in der Oeffnungsbewegung bei einer 
Entfernung der Zahnreihen von 1 '/*» 3, 4 '/„ und 6 Gm. von 
Röntgenstrahlen durchleuchtet. Eine Oeffnungsbewegung über 
6 Gm. Zahnreihendistanz kann vielleicht an der Leiche bei er- 
öfifnetem Gelenke möglich sein; im Leben würde sie durch das 
Ligamentum laterale verhindert werden oder zur Luxation 
führen. Diese zu studieren lag nicht in unserer Absicht. 

Da die Schädelbasis im Stativ fest eingespannt war und 
Röntgenbirne, Präparat und photographische Platte in ihrer 
Lage und Stellung während der ganzen Dauer der Aufnahmen 
auch nicht um 1 Mm. verrückt wurden, so erhielten wir von 
der Schädelbasis, dem fixen Teile, bei allen Aufnahmen iden¬ 
tische Bilder. Nur der Unterkiefer, also der bewegliche Teil, 
änderte seine Stellung und sein Aussehen im Bilde. 

Legt man nun in der Photographie durch die Mittel¬ 
punkte der Schatten jener beiden im Kollum des Unterkiefers 
steckenden Metallköpfe eine Gerade, so kann man aus der 
verschiedenen Neigung der Geraden und ihrer Lage zum fixen 
Punkte im Jochbogen auf die Bewegung des Unterkiefers 
schliessen. Es ergibt sich nun aus den Photographien, dass 
der Kondylus bei der Oeffnungsbewegung einerseits 
eine Bewegung längs der rückwärtigen geneigten Fläche des 
Tuberkulums nach abwärts und auch nach vorwärts macht, 
bis der obere Rand seiner Gelenksfacette die Stelle erreicht, 
wo die geneigte Fläche des Tuberkulums in die horizontale 
Fläche übergeht. Gleichzeitig vollführt der Kondylus auch eine 
Drehung um eine horizontale Achse, wie aus der Veränderung 
seines Bildes hervorgeht. Ein Vorrutschen auf die horizontale 
Fläche des Tuberkulums ist nicht zu konstatieren. Die nach¬ 
folgenden Bilder geben darüber Aufschluss. 

Aus dem Vergleiche der Bilder ergibt sich ferner, dass 
die Achse bei dieser Bewegung nicht im Kondylus, wie 
Zuckerkandl [5] behauptet und Gharles R. Turner (Phila¬ 
delphia) [6] annimmt, sondern im Kollum des Unter¬ 
kiefers in der Höhe des Ansatzes der Ligamenta lateralia 


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Was lehrt uns das Röntgenbild des Kiefergelenkes? 


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und der hinteren Kapselbänder liegt und dass Langer [1] 
recht hat, der behauptete, dass die Drehung des Kiefers bei 
der Oeffnung nicht um eine fixe, sondern um eine „momentan 
im Raume fortschreitende Achse“ stattfinde. Es artikuliert 
demnach, wie gleichfalls Langer [1] angegeben hat, bei 
der Oeffnung des Gelenkes das Tuberkulum mit der 
oberen Fläche des Meniskus und der Kondylus mit der 
unteren Fläche der Bandscheibe. 

Ich kann daher auf Grund der Röntgenbilder der Ansicht 
von Tomes und Dolamore [7], denen sich auch Walker 
und Gysi [4] angeschlossen haben, nicht beipflichten, wenn 
sie behaupten, ^ass der wahre Rotationspunkt beim Oeffnen 
des Mundes in der Okklusionsebene, und zwar unterhalb 
des Kondylus, aber ausserhalb des Kieferastes liege. Aus 
dem gleichen Grunde kann ich auch Chaim Chissin [12] 
nicht zustimmen, der auf Grund von Messungen am Lebenden 
und darauf aufgebauten Konstruktionen behauptet: „Immer 
aber, .... liegt im Anfänge der Kieferöffnung die Achse 
hinter dem oberen Teile des Unterkieferastes, in der Mitte 
der Oeffnungsbewegung .... nach unten vom Tuberculum 
articulare, im End teile der Oeffnungsbewegung aber liegt 
die Achse in der Gegend vor dem Tuberkulum.“ 

Nicht minder interessant wie die Ergebnisse der Oeffnungs¬ 
bewegung waren die Ergebnisse bei der Vorschiebebewe- 
gung Die Aufnahmen des Gelenkes fanden nicht nur von 
der Seite, sondern auch von der Schädelbasis aus statt. 

Während die älteren Anatomen Langer [l] und Zucker- 
kandl[5] die Ansicht vertraten, dass beim Vorbiss nur 
eine Bewegung im oberen Gelenke erfolge, hat der Anatom 
Graf Spee[X] die Behauptung aufgestellt, „dass beim Vorbiss 
sich Kondyl und Zähne auf demselben Zylindermantel bewegen, 
also einem Kreisbogen folgen, dessen Mittelpunkt in der Augen¬ 
höhle oder darüber liegen kann“. 

Dieser Ansicht pflichtete auch P e c k e r t [9] bei und selbst 
noch in neuester Zeit H. de Witt Cross (Boston) [10]. Dem 
widersprach Wallisch [3], welcher auf Grund seiner Unter¬ 
suchungen die Ansicht Langers bestätigte und erklärte, dass 
bei der Vorschiebebewegung der Unterkiefer sich vollkommen 
parallel zu seiner Ruhelage nach vorwärts bewege. 

In neuester Zeit behauptete hinwieder Gysi [4], er hätte 
gefunden, dass der wahre Mittelpunkt, um den die kreisförmige 
Bewegung des Unterkiefers (beim Vorbiss) stattfindet, dem 
Speeschen Mittelpunkte gerade gegenüberliegt, sagt aber nicht, 
durch welche Untersuchungen er zu dieser Behauptung ge¬ 
langt sei. 


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Dr. Richard Breuer, Wien: 


Betrachtet man nun die durch Beleuchtung von der Seite 
und von der Schädelbasis .gewonnenen Röntgenbilder dieser 
Bewegung bei unserem Präparate, so wird man zugeben müssen, 
dass die Ansicht Wallisch’ die richtige ist. 

Die Aufnahmen wurden gewonnen, in der Ruhestellung, 
dann beim Vorschieben bis zu der Berührung der Kanten der 
mittleren Schneidez&hne und schliesslich beim Vorbiss ad 
maximum, das heisst bis der Processus coronoideus am Prä¬ 
parate den Jochbogen berührte, wobei die Zahnreihen 
immer in Kontakt blieben. Vergleicht man in den 
Bildern die Lage der Geraden, welche durch die Mittelpunkte 
der Melallköpfchenschatten gelegt wurden, so findet man, 
dass sie parallel stehen. Wie die Bilder zeigen, ist der Kon- 
dylus zunächst längs der rückwärtigen geneigten Fläche des 
Tuberkulums herabgerutscht und dann mit der oberen Kante 
seiner Gel« nksfacette auf der Kuppe des Tuberkulums um ein 
klein wenig nach vorne gerückt. Die Projektionsfigur des 
Kondylus ist in sämtlichen von der Seite aufgenommenen 
Bildern stets die gleiche geblieben. Die Aufnahmen von der 
Schädelbasis zeigen das gleiche Verhalten. 

Frägt man sich, wie es denn möglich war, dass gerade 
über diese Bewegung die Autoren eine so ganz verschiedene Auf¬ 
fassung haben konnten, so ist nur eine Antwort möglich, nämlich: 
Man hat übersehen, dass das einzelne Kiefergelenk eigentlich aus 
zwei Gelenken besteht, die selbständig bewegt werden können. 

Hat doch schon Langer [1] darauf hingewiesen, dass 
man den Unterkiefer vorschieben und dann auch noch 
öffnen kann. Man kann aber den nach abwärts bewegten 
Unterkiefer (Oeffnungsbewegung) gleichfalls nach vorwärts 
schieben und den vorgeschobenen Unterkiefer zum Kiefer¬ 
schluss bringen, eine Bewegung, die den Zahnarzt beim „Biss¬ 
nehmen“ nur zu oft in Verzweiflung bringt. Beim Vor¬ 
schieben des Unterkiefers findet die Bewegung 
nur im oberen Gelenke, bei der Oeffnungsbewegung 
jedoch im oberen und unteren Gelenke gleichzeitig statt. 

Wallisch [3] hat in treffender Weise den Meniskus 
„als die transportable und formändernde Gelenkspfanne“ des 
Kondylus bezeichnet. Der Meniskus ist aber auch mit 
seiner konkav-konvexen Oberfläche die Gelenkspfanne 
für'das Tuberkulum des Schläfebeines. 

Beim Vorschieben des Unterkiefers gleitet der in seiner 
ganzen Peripherie mit der Gelenkskapsel verwachsene' Meniskus 

* Nach Fick ziehen die inueren Fasern der Kapsel in den Meniskus 
und verteilen sich in seinem Gewebe, während die äusseren Faserlageu direkt 
von der Fossa glenoidalis zum Kollnui des Unterkiefers ziehen. 


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Was lehrt uns das Röntgenbild des Kiefergelenkes? 


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als Gelenkspfanne um das Tuberkulum, das ist den fixen Teil 
des oberen Gelenkesi und nimmt den in der unteren Fläche 
der Bandscheibe, das heisst den im unteren Gelenke in seiner 
Gelenkspfanne ruhenden Kondylus mit, weil es eben nicht 
anders sein kann; denn beide Gelenke sind von einer gemeinsamen 
Kapsel umhüllt und die Vorschiebebewegung wird ausschliess¬ 
lich durch den Musculus pterygoideus externus bewirkt, der sich 
mit seinen fast horizontal verlaufenden Fasern an der Kapsel, 
am Meniskus und am Kollum des Unterkiefers ansetzt. 
Seine beiderseitige symmetrische Kontraktion bewirkt das Vor¬ 
schieben, seine einseitige Kontraktion die Drehung, resp. Seiten¬ 
bewegung des Unterkiefers. Bei der Oeffnungsbewegung ist er 
nur insofern beteiligt, als seine an der Kapsel und am Meniskus 
inserierten Fasern das Herabsteigen des Kondylus längs 
der geneigten Tuberkulumswand unterstützen, während die 
Kinn-Zupgenbeinmuskeln und andere die Drehung 
des Kondylus um die horizontale Achse besorgen. Mehr dürfte 
der Muskel bei der Oeffnungsbewegung nicht leisten, wenn¬ 
gleich andere Autoren ihm eine grössere Beteiligung zuschreiben 
möchten [12]. 

Immer und immer wieder begegnet mau bei den Autoren 
der Ansicht, dass Kondylus und Tuberkulum miteinander 
artikulieren. Das ist eben nicht der Fall. 

Auf Grund der Beobachtungen am skelettierten Präparate 
hat man konvexe Gelenkskörper miteinander in Verbindung 
gebracht, die niemals direkt miteinander artikulieren und hat 
darauf Schlüsse aufgebaut. Die konkaven, aus Bindegewebe 
und Faserknorpel gebildeten Gelenkspfannen des Menis¬ 
kus hat man übersehen, weil sie durch die Mazeration ver¬ 
loren gegangen waren. Daher die verschiedenen Auffassungen 
der Autoren. 

Es erübrigt nun, die Bilder über die wichtigste Bewegung 
im Kiefergelenke, nämlich über die Seiten- oder v wie ich es 
nennen möchte, über die Drehbewegung, einer Besprechung 
zu unterziehen. 

Die Ansicht der Anatomen ging dahin (selbst die neuesten 
Publikationen von Fischer [11] und Turner [6] halten daran 
fest), dass bei der Seitwärts-, respektive Drehbewegung 
der Unterkiefer sich um eine senkrechte Achse bewege, welche 
jeweilig in dem Gelenke liege, um welches die Drehung erfolge, 
also bei der Drehung nach rechts im rechten, bei der Drehung 
nach links im linken Gelenke. 

Gysi [4] behauptet nun in seiner interessanten Studie, 
dass dies nur selten der Fall sei. Viel häufiger komme es vor, 


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32 


Dr. Richard Breuer, Wien: 


dass die Achse zwischen den Kondylen, mitunter sogar 
ausserhalb der Kondylen liege. 

Ein genaues Studium der Röntgenbilder 
über die Drehbewegung bei unserem Präparate 
lässt uns die Ansicht Gysis als die richtige er¬ 
scheinen. 

Betrachtet man die Bilder beider Gelenke in der Ruhe¬ 
stellung bei seitlicher Durchleuchtung, so fällt einem zunächst 
die beiderseitige Verschiedenheit in den Konturen der das Ge¬ 
lenk zusammensetzenden Teile auf. 

Bei der Drehung nach rechts (also Drehung um den 
rechten Kondylus) zeigt die Photographie des linken Gelenkes 
ein Herabrücken des Kondylus nach abwärts auf die Kuppe 
des Tuberkulums und eine Drehung des Kondylus nach vorne 
und innen, während in der Photographie des rechten Gelenkes 
ein Hinaufrücken des Kondylus gegen den Grund der Fossa 
und eine geringe Drehung im Kondyl-Bandscheibengelenke 
(Oeffnungsbewegung) zu erkennen ist. Bei der Drehung nach 
links (also Drehung um den linken Kondylus) ergaben sich 
dieselben Bilder und Verhältnisse in umgekehrter Ordnung. 

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei erwähnt, dass 
die Photographien die Lage der Gelenkskörper im Zustande 
der Drehung ad maximum darstellen, wobei die Zahnreihen 
stets in Kontakt geblieben waren. 

Noch deutlicher als bei der seitlichen Durchleuchtung 
kann man die Drehbewegung bei Durchleuchtung von der 
Schädelbasis aus erkennen. Da zeigt es sich, dass der Kondylus, 
um den die Drehung erfolgen sollte, nach rückwärts und innen 
ausgewichen ist, während der Kondylus der anderen Seite eine 
Bewegung nach vorwärts und innen vollzogen hat. 

In unserem Präparate liegt demnach die Drehungsachse 
innerhalb des Zentralabstandes der Kondylen; denn sonst 
hätte sich der Kondylus, durch den die jeweilige Achse gelegt 
zu denken ist, nicht nach rückwärts und innen, also zur 
Medianebene bewegen dürfen, sondern hätte seinen Abstand 
von der Medianebene beibehalten müssen. 

Gysi hat demnach mit seiner Behauptung 
recht. Doch kann ich ihm nicht beipflichten, wenn er annimmt, 
dass die Bewegungen des „vorderen Dreieckspunktes“ (des 
Berührungspunktes der mittleren unteren Schneidezähne) in 
einer Ebene erfolge. Nach dem vorher Gesagten kann dieser 
„vordere Dreieckspunkt', solange die Zahnreihen in Kontakt 
sind, bei der Drehbewegung nach rechts und links nur eine 
nach oben konvexe Kurve beschreiben; eine Bewegung in 


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Was lehrt uns das Röntgenbild des Kiefergelenkes? 


33 


einer Ebene kann meines Erachtens höchstens auf Millimeter 
stattfinden. 

Die Bewegung des vorderen Dreieckspunktes in einer 
Ebene ist vielleicht möglich, wenn die Drehbewegung bei ge¬ 
öffnetem Munde stattfindet, oder bei einem Gebisse, in dem 
der Ueberbiss der Zähne des Oberkiefers fehlt. Ob dies 
wirklich der Fall ist, darüber sind die Untersuchungen noch 
ausständig. 

In der Einleitung wurde erwähnt, dass auch ein zahn¬ 
loses, atrophisches Präparat in seinen Kieferbewegungen rönt¬ 
genologisch untersucht wurde. 

Die Ergebnisse waren annähernd die gleichen wie beim 
bezahnten Präparate. Die Veröffentlichung dieser Befunde, so¬ 
wie der noch ausstehenden Untersuchungen bei irregulären 
Gebissen bleibe späteren Publikationen Vorbehalten. 

Literatur. 

1. C. Langer: Das Kiefergelenk des Menschen. Sitzungsberichte der 
kaiserlichen Akademie, 1860, und sein Lehrbuch der Anatomie des 
Menschen. 

2. H. M e y e r: Das Kiefergelenk. Archiv für Anatomie und Physiologie, 1865. 

3. Dr. W. Wallisch: Oesterr.-ungar. Vierteljabrsschrift, 1903, Heft II, 
und: Das Kiefergelenk. Archiv für Anatomie und Physiologie, 1906 
und 1909. 

4. Alfred Gysi: Beitrag zum Artikulationsproblem. Berlin 1908 

5. S c h e f f: Handbuch der Zahnbeilkunde, I. Band, 

6. Journal für Zahnheilkunde und Zahntechnik, S. S. White, Berlin, August 
1909, Heft 3. 

7. Transactions of the Odontological Society of Great-Britain, April 1901. 

8. Graf S p e e: Die Verschiebungsbahn des Unterkiefers am Schädel. 
Archiv für Anatomie und Physiologie, 1890. 

9. Neuheiten und Verbesserungen etc. von S. S. White, Berlin 1906, Heft 9. 

10. Journal für Zahnheilkunde und Zahntechnik, S. S. White, Berlin, Mai 
1909, Heft 2. 

11. Dr. Guido Fischer: Bau und Entwicklung der Mundhöhle des 
Menschen etc. Leipzig 1909. 

12. Chaim Cb iss in: Ueber die Oeifnungsbewegung des Unterkiefers und 
die Beteiligung der äusseren Pterygoidmuskeln bei derselben. Archiv 
für Anatomie und Physiologie, 1906, I. Heft. 


8 


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Original fro-m 

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|p| formale»* v>Cckusiuxi und der i i c.b i p ?/vy fiiidli eh di Platin 'bei der 
) «iuvi*Uufchtuuor risH Rbn^buslrabieti *oYi der 'Hhilv, resjo von de* <5c*h^dei- 
h>t£Kder 'öt’tifcuirgs* iühT •dfcr Y6T%irdi * ,ß|r c fm'vv: ; €F^«g 

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redUiv- Ki«Vu-^Hlc»ik. im Rüntgcnfcikks 


sind v<»u Herr© l*r Jini M n .>i. Hack; 
Wi'-ii. B,n{£6i«<>m«itt;!f iuh! bring-Asi tu w»(.}jrl|«5lier O'fiiÖt« die W.r~ 
im fkitmk© iiir viy me sielt b.dJtii r>tir<dildiek 9>nt «3<»r 

J*U*> c<mme)»oii PkUfe a-m dar^lnn, 

Tafel II. 


JEl;*al-i ti«S»I»i'Ji.rM Pud Einet©ltu n£ ,«ijst aakn|i>s©b ?!jp«rANS ii)i4 

qvr licijtoinpfiüfUiv’lien PlaUmi bei der OiircWöUcljJui»«' mit 

Vinxi iSaite. lind, von dar rSeiiaddlmais ;ti»s l mjm Knidutw dc.r })reh- 


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I)i\ Kiuhard Breuer, Wien 


Original frcm 

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Digitized b; 











Das rechte Kiefergelenk im Röntgenbilde. 


37 


Bild 1: Ruhestellung (Kieferschluß). 

Man sieht das Knochengerüste des Processus mastoideus, den Rest 
des Processus styloides, darüber den Schatten der Pyramide mit dem äußeren 
Gehörgang und einem Teile der Schnecke, dann die innere Wurzel des 
Processus zygomaticus, darüber den Schatten der Schläfenbeinschuppe, das 
Tuberculum, in der Projektion rundlich gestaltet, geht in den Schatten des 
Processus zygomaticus über, an dessen Unterseite der lichtere Schatten be¬ 
reits dem Planum infratemporale angehört. An der geneigten Rückwand 
des Tuberculums, aber durch einen freien Raum getrennt, befindet sich 
der in der Projektion rundliche Schatten des Condylus. Man sieht deutlich 
die fast geradlinige Begrenzung seiner Gelenksfacette an der Vorderseite, 
die sich scharf nach oben und unten absetzt. Zwischen Condylus und Fossa 
glenoidalis klafft ein nach rückwärts größer werdender sichelförmiger 
Raum. Vom Collum des Unterkiefers zieht ein lichter Schatten zum Planum 
infratemporale; er rührt her von den vorderen Kapselbändern und dem An¬ 
sätze des musculus pterygoideus externus. Am oberen Rande der Wurzel 
des processus zygomaticus ist der Schatten (a) eines Metallstiftes sichtbar. 
Im Collum des Unterkiefers zeigen sich die Schatten der zwei am Präparate 
angebrachten Stifte b und c. Zur Orientierung für die Bezeichnungen „auf- 
und abwärts“ und „vor- und rückwärts“ sowie für die jeweilige Lage der 
durch die Mittelpunkte von b und c gelegten Geraden wurde durch den 
Punkt a die Abscisse und durch die Kuppe des Tuberculumschattens die 
Ordinate gelegt. Da der Meniscus wie die Kapsel aus Bindegewebe 
besteht, so ist er auf der Photographie nicht differenziert sichtbar. Die 
Behauptung Langers und Zuckerkandis, „der Condylus befinde sich in 
der Ruhestellung des Gelenkes an der Rückwand des Tuberculums“, sowie 
die Behauptung Wallisch% „der Condylus fülle die Fossa glenoidalis nicht 
aus“, sind daher richtig. 


I. ÖfFnungsbewegung. 

Bild 2. Die mesiale Ecke des oberen, mittleren Schneide¬ 
zahnes (Dentale superius) ist von der mesialen Ecke des 
unteren, mittleren Schneidezahnes (Dentale inferius) 1 1 / 2 cm 
entfernt. 

Die Gelenksfacette des Condylus steht parallel zur rückwärtigen Tuber¬ 
culumswand. Die Gerade bc schneidet die Abscisse bereits vor dem Punkte a, 
der Winkel mit der Ordinate ist größer geworden. 


Bild 3. Dentale superius et inferius 3 cm entfernt. 

Der untere Rand der Gelenksfacette am Condylus steht in gleicher 
Höhe wie die Kuppe des Tuberculums, der sichelförmige Raum zwischen 
Condylus und Pfannengrund ist größer geworden, die vorderen Kapsel¬ 
bänder sind bereits gespannt, die hinteren Kapselbänder werden sichtbar. 
Die Gerade bc fällt bereits in den Schnittpunkt der Coordinaten. 


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Das rechte Kiefergelenk iin Röntgenhilde. 


39 


Bild 4. Dentale superius et inferius 4 cm entfernt. 

Der untere Facettenrand am Condylus steht bereits tiefer als die 
Kuppe des Tuberculums, die Gelenksflächen des Tuberculums und Condylus 
divergieren. Vordere und hintere Kapselbänder gespannt. Die Gerade bc 
schneidet bereits die Ordinate. 


Bild 5. Dentale superius et inferius 6 cm entfernt. 

Die Fossa glenoidalis ist leer. Wie eine Kulisse schiebt sich der 
Schatten der (dem Beschauer zugekehrten) Spina angularis des Keilbeins 
und der Schuppe des Paukenbeins (beide Knochenvorsprünge wurden teil¬ 
weise abgetragen) quer über die Fossa glenoidalis, der obere Rand der 
Condylusfacette berührt fast die Kuppe des Tuberculums, der untere Rand 
tangiert beinahe die Ordinate, an den ad maximum gespannten vorderen 
Kapselbändern ist der Ansatz des Musculus pterygoideus externus sichtbar. 
Der Condylus ist nach abwärts und nach vorne gerückt und hat in 
seiner Pfanne (untere Fläche des Meniscus) auch eine Drehung ausgeführt; 
denn die Gerade bc bildet mit der Ordinate einen viel größeren Winkel 
als im ersten Bilde, auch wurden bei den Köpfchen b und c die Schatten 
der Stifte deutlicher sichtbar. 


Bild 6, dadurch entstanden, daß die Negative von Bild 1 
und 5 in ihren identischen Teilen zur Deckung gebracht und 
dann kopiert wurden. 

Man sieht den Unterkiefer in der Ruhe- und in der größten Öffnungs¬ 
stellung zu gleicher Zeit; die sich deckenden Teile der Schatten sind dunkel 
geworden, die sich nicht deckenden Teile blieben lichter. Man kann den 
zurückgelegten Weg und die Drehung des Condylus sehen und bemerken, 
daß der Schnittpunkt der Geraden bc und b f c f im Collum etwa in der 
Höhe des Ansatzes der hinteren Kapselbänder liegt; denn der Stift b wurde 
am Präparate unterhalb des Ansatzes des Ligamentum laterale an¬ 
gebracht und der Schnittpunkt liegt oberhalb b und b r An der Vorder¬ 
seite des Collums setzt sich die Kapsel knapp unterhalb der Facette an, 
den übrigen Teil des Collums benützt der Musculus pterygoideus externus 
für seinen Ansatz. Die Röntgenstrahlen differenzieren aber die Weich teile 
nicht. Darum reicht an der Vorderseite des Unterkieferastes der Schatten 
der Weichteile tiefer herab. Die mächtigen Fasern der hinteren Kapsel¬ 
wand ziehen am Präparate von der Fossa glenoidalis zum Unterkiefer 
und heften sich an der Rückwand des Condylus und des Collums bis zur 
Höhe des Punktes b an. 


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Das rechte Kiefergelenk im Röntgenbilde. 


41 


Bild 7. Abscisse und Ordinate des ersten Bildes wurden 
auf Pauspapier übertragen. 

Da das Coordinatensystem in allen Bildern die gleiche Lage hat und 
alle Photographien nach ihm orientiert wurden, konnte die verschiedene 
Stellung der Geraden bc in den Photographien mit Hilfe dieses Coordinaten- 
systems richtig abgepaust werden. Auf diese Weise wurde das nebenstehende 
Bild erhalten, aus dem man ersehen kann: 

1. daß die verschiedenen Stellungen der Geraden bc sich nicht in 
einem Punkte schneiden und 

2. daß die Schnittpunkte der Stellungen 2—5 mit der Ausgangs¬ 
stellung 1 alle oberhalb des Punktes b liegen. 

Daraus folgt, daß die Öffnungsbewegung keineswegs um eine feste 
Achse, sondern wie Langer sagte, um eine momentan im Raume fort¬ 
schreitende Achse erfolge und daß diese Rotationsachse nicht im 
Condyl, wie Zuckerkandl meint, auch nicht außerhalb des Unter¬ 
kiefers, wie Tomes, Gysi und andere annehmen, sondern im Collum 
des Unterkieferastes in der Höhe des Ansatzes der hinteren Kapsel¬ 
bänder, also des Randes der Gelenkskapsel liegt. Es macht weit eher den 
Eindruck, daß der Unterkiefer bei der Öffnungsbewegung um die 
Ansatzlinie der Ligamenta lateralia und der hinteren Kapsel wand eine 
„Pendelbewegung“ statt einer Rotationsbewegung vollführt. 

Die Gerade bc hat auch in jeder Photographie den Schnittpunkt mit 
der Peripherie der Condylus- Projektion in gleicher Lage. Verbindet man 
auf nebenstehender Zeichnung diese Punkte untereinander oder, noch besser, 
verbindet man die Endpunkte 1—5 der Geraden bc in ihren verschiedenen 
Lagen, so resultiert eine schwach „S u formige Kurve, die den Weg darstellen 
würde, den jener eben erwähnte Condylusschnittpunkt im Raume zurück¬ 
gelegt hat. Diese Kurve entspricht tatsächlich dem Typus I von Gysis 
Gelenksbahnkurven. 

n. Vor Schiebebewegung. 

A) Ruhestellung. 

Bild 1. Aufnahme von der Seite. 

(Erklärung beim ersten Bild der Öffnungsbewegung.) 

Bild la. Aufnahme von der Schädelbasis. DieVerhältnisse im 
Gelenke stellen sich so dar, wie sie das Auge des Beschauers 
von der mittleren Schädelgrube aus sehen würde. 

Man erkennt den lichten Schatten der Fossa glenoidalis, den Condylus, 
über den der Schatten einer Knochenleiste der mittleren Schädelgrube hin¬ 
wegzieht; im Collum steckt der Stift 6, in der Wurzel des Jochfortsatzes der 
Stift tt. Durch den Schatten des Köpfchens vom Stifte a ist die Ordinate 
parallel und die Abscisse senkrecht zur Lage der photographischen Platte 
bei der Seitenaufnahme gelegt, das Bild also senkrecht zur Seitenaufnahme 
orientiert. Die Ordinate tangiert den äußeren Rand des Condylusschattens. 

B) Der Unterkiefer vorgeschoben, 

bis sich die Schneiden der mittleren Schneidezähne des Ober- und Unter¬ 
kiefers berühren. Die Mittellinie wurde genau eingehalten. 

Bild 2. Seitliche Aufnahme. 

Der Condylus ist herab und nach vorne gerückt. Der sichelförmige 
Raum zwischen Pfannengrund und Condylus ist größer geworden, aber 


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Original from 

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Das rechte Kiefergelenk im Röntgenbiide. 


43 


anders gestaltet als bei der Öffnungsbewegung. Der untere Rand der Ge¬ 
lenksfacette des Condylus steht in gleicher Höhe wie die Kuppe des Tuber¬ 
culums, die Gerade bc hat sich der Ordinate genähert. Man sieht deutlich 
den Schatten des Ansatzes des Musculus pterygoideus externus an der vor¬ 
deren Kapselwand. 

Bild 2 a. Aufnahme von der Schädelbasis. 

Der Condylusschatten steht bereits über der Abscisse und weit von 
der hinteren Wand der Fossa entfernt; die Ordinate tangiert ebenfalls den 
äußeren Rand des Condylusschattens. 

C) Maximum des Vorbisses, 

bis Processus coronoideus und zygomaticus sich berührten; die Zahnreihen 
blieben in stetem Kontakte. 

Bild 3. Seitliche Aufnahme. 

Der obere Rand der Condylusfacette steht tiefer als die Kuppe des 
Tuberculums. Die Gerade bc tangiert fast die Ordinate; vordere und hintere 
Kapselwand gespannt, ln der Fossa erscheinen die Schatten der Spina an¬ 
gularis und der Pars tympanica. 

Bild 3 a. Aufnahme von der Schädelbasis. 

Fossa leer, Condylusschatten ist weit von der Abscisse entfernt und 
wird von der Ordinate tangiert; er bedeckt den Schatten des Tuberculums. 

B) Deckungsbilder. 

Bild 4. Die Negative von Aufnahme 1 und 3 in ihren iden¬ 
tischen Teilen zur Deckung gebracht und kopiert. 

Man sieht deutlich den Schatten des Unterkiefers in der Ausgangs- und 
Endstellung. Die Geraden bc und b f c f sind parallel. 

Bild 4 a wie Bild 4 gewonnen durch Deckung der Bilder 
1 a und 3 a. 

Die Ränder der beiden Condylusschatten verlaufen ebenfalls parallel 
und werden außen seitlich von der Ordinate tangiert. Eine Drehung hat 
also nicht stattgefunden, sondern eine Verschiebung längs der Ordinate. 

Bild 5. Das Coordinatenkreuz und die Lage der Geraden 
bc in den Aufnahmen 1—3 durch Pauspapier abgenommen. 

Man kann sich durch den Zirkel überzeugen, daß die Geraden bc in 
der Stellung 1 und 3 parallel sind; in der Stellung 1 und 2 konvergieren 
sie, weil zur Überwindung der Schneidekante der mittleren Incisivi eine 
leichte öffnungsbewegung erfolgen mußte. Dann verschob sich der Unter¬ 
kiefer wieder parallel zu seiner Ruhestellung. Ein Vorrutschen des Condylus 
auf der Kuppe des Tuberculums konnte bei diesem Präparate nicht kon¬ 
statiert werden, wohl aber beim atrophischen, zahnlosen Präparate. Hätte 
eine Bewegung auf einem „Zylindermantel“ stattgefunden, so könnten die 
Geraden b c und b t c t in der Ausgangs- und Endstellung nicht parallel 
stehen, sondern müßten sich als Radien irgendwo schneiden. 


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Original fro-m 

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Das rechte Kiefergelenk im Röntgenbilde. 


45 


Aus diesen Bildern geht hervor, daß der Unterkiefer bei der Vor- 
schiebebewegung nicht wie Spee, Peckert, Gysi und andere an- 
nehmen, auf einem Zylindermantel sich bewegt, d. h. die Zähne einen 
Kreisbogen beschreiben, sondern daß er sich, wie Wallisch behauptet, 
parallel zu seiner Ruhestellung verschiebt, wenn die Zahnreihen in 
stetem Schlüsse bleiben. 

Die Gerade bc ist in allen Bildern gleich lang und schneidet in jeder 
Photographie den Condylusschatten am gleichen Punkte, wie man sich durch 
Abpausen oder mit dem Zirkel überzeugen kann. Würde man diese Schnitt¬ 
punkte in der Zeichnung auftragen und miteinander verbinden, so erhielte 
man eine Gerade. Das gleiche erhält man durch Verbindung der End¬ 
punkte 1, 2, 3 der Geraden bc in den verschiedenen Stellungen. Aus diesem 
Verhalten geht hervor, daß sich der Condylus längs einer schiefen 
Ebene nach abwärts und vorwärts bewegte, deren Neigung in diesem 
Falle 57° betrug. 


III. Dreh- (Seiten-) Bewegung im Kiefergelenke. 
A) Aufnahme von der Seite. 

Abcisse durch den im Jochbogen steckenden Stift und Ordinate 
durch die Kuppe des Tuberculums gelegt. Alle hinderlichen Knochenpartien 
sind entfernt worden. 

1. Aufnahme. Buhestellung in beiden Gelenken. 

Condylusschatten im linken Gelenke anders gestaltet als im rechten 
Gelenke. Der dicke Schatten rührt von einer Säule des Statives her. Die 
Beschreibung der anderen Teile siehe bei Bild 1 der Öffnungsbewegung. 

2. Aufnahme. Drehung des Unterkiefers nach rechts. 

Linkes Gelenk: Condylus ist auf die Kuppe des Tuberculums gerückt, 

Fossa leer; man sieht die Schatten der Knochen der inneren Pfannenwand 
(siehe Öffnungsbewegung), Kapselbänder gespannt. Condylus hinab- und 
nach vorne gerückt (die Gerade bc ganz nahe bei der Ordinate) und etwas 
gedreht. (Verändertes Bild des Condylusschattens und der Punkte b und 
c gegenüber der Aufnahme 1.) 

Rechtes Gelenk: Condylus etwas gedreht (die Gerade bc mehr gegen 
die Ordinate geneigt, berührt den Punkt a; verändertes Bild des Schattens 
auch beim Punkte b) und gegen das Pfannendach gerückt (der sichel¬ 
förmige, leere Raum zwischen Condylus und Pfanne kleiner als in Aufnahme 1). 

3. Aufnahme. Drehung des Unterkiefers nach links: 

Linkes Gelenk: Condylus tiefer in die Pfanne gerückt. Punkt b näher 

der Abscisse als in Aufnahme 1. 

Rechtes Gelenk: Condylus nach vor- und abwärts gerückt (sein 
Schatten tangiert und die Gerade bc schneidet die Ordinate) und gedreht 
(verändertes Bild des Condylusschattens und des Punktes ?>), Fossa leer. 


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48 Dr. Rieh. Breuer, Wien: Das rechte Kiefergelenk i. Röntgenb. 

liegt die Achse zwischen den Condylen; denn sonst hätte sich die Lage 
des Condylus, um den die Drehung erfolgt wäre, in der Photographie zum 
Coordinatenkreuz nicht so wesentlich ändern dürfen, wie es tatsächlich 
geschehen ist. 

Am deutlichsten geht dies allerdings nur durch Betrachtung und beim 
Studium der aufeinander gelegten Diapositive hervor. 

Die Behauptung Gysis, daß die Drehungsachse bei der Seitenbe¬ 
wegung zwischen den Condylen, aber auch außerhalb der Condylen 
liegen kann, dürfte die richtige sein. 


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Ooz. M. Apffelstaedt: (irs»«!at*r Defekt am u. Oberkiefer ete.. 46 


ftachdrutüf an* mit QL^ll^ftfln^iihe ^egtftttöt 


Von Mm- A;i0elstaedt: ''Dozent’ der /Xahnheilkümie m der Uni¬ 
versität Möns! er l W 

Vwrtr&g. gebeitet uuf d»aj V. IntPtuutiatia-feii «»knürzflicheii Kongress. in 

Bsriin (August iyü 9 ). 

fn> August vorigen Jahres wurde leb in die Klinik de» 
('.birufge-n Dr West hoff gerufen, .um die protheüsche Be¬ 


handlung eines änäserst schweren Falles von Sehrotschussver- 
letzung aus nächster Nähe zu übernehmen. Der (Mall hatte 
sich ungefähr fünf Wochen vorher zugetragen, und das Opfer 
desselben war ein etwa 20 Jahre alfes luodmädcben von 
blühender Gesundheit, Die durch den Schuss aßgeriehtete Zer¬ 
störung war eine sehr ausgedehnte un.d - 
Oberkiefer standed rechts har noch Mol. 1 und 11, während 

sonst war last der 


links Mol If allein übrig gehheben war 
ganze Alvöolaifrlrisatz weggerisseti sowie ein Teil der öberlippe 
und der Jfiäse zerstört wtu'de«*\Vom llflterktefer fehlte das 
ganze Stück von Mol II links bis Bit: 1 rechte die dieses Stück 




tfriw»;'- : „• 'p 

:lMfCHfGAN 







50 DüZ. M^is AjifteliJUOidt, MiVnster i. W.: 

bekleidenden Weiebfelle und die Spitze der Zunge. Weisheits- 
z&hijfe wate*» woch nicht vorhanden. r - 

Da 4k Haoptsotge des Chirurgen hätürgemäss lediglich 
auf rljeEvbaftung des Lehens fedßhiei äpin nvassie, sd hatte 
er seine erste Hilfeleistung auf die Entfernung der Köoehek 
und ZahnspliIler, Abtragung und Vernäbu.ng der zerfetzten 
Weiehteite sowie auf die Behandlung- einer • Fistei- beschränkt, 
welche frei unter dein PJätjsaiiL durch gebrochen WarV Oie beiden 
Bilder (Fig. 1 und 2), die ich Ihnen hier verführe, •• «eigen den 
Status nach der ersten von Dt‘. Westbnff vorgenonmienen 


Operation. Infolge, der Narbenkontraktiöft waren die Unter« 
kiefei* stiimpfe arg dislozfe.i t, und zwar dergestalt* dass swisehms 
dem rechten Bicuspia und dem iinkenfelzten Molaren nur 
noch eine Entfernung von etwa 2 Gm. vorhanden war und 
der veebte Stumpf ungefähr unter dem Gaumen lag. 

Fig. 3 gibt m etwa den Zustand und die Lagerung der 
Kiefer wieder. Da schön die blosse Untersuchung des 
eine Ungemein schwierige war wegen der Mafberiknntraktioß, 
hochgradigen Sefunmexi und nicht euei 

Salivatioti, so war ah ein Abdrucknehmer» ohne Narkose über¬ 
haupt nicht zu dehkörh ganz abgesehen dävbn, dass wegen 

, • 


Go gle 





Großer l/t-fekl am Unter* und O^eikiefer etc. 5J 

• 

des ausserordentlich engen Kiefergeienkes, welches nur ein 
minimales gestattete, erst geeignete Löffel 

hergestellt werden musste«, tJeherdies war das Zahnfleisch 
üra die während dar vergangene« Woche« wohl kauua zu 
reinigendch Zähne derart hyperänsisdh. verquollen, dass ein 
sofortiges J^drücknehmen so wie so schwerlich angebracht 
gewesen wäre,.. Nachdem ich also erst das Zahnfleisch durch 
eine gründliche Zahnr^migung und einige anthrej) tische Bo~ 
feandlnageft nach Möglichkeit kuriert halte, wurde Patienfcm 
chloroformiert, und nach mühseliger Arbeit, bei der die 'Kief^ 


'• . '"H , .. . ;>y.< /■' <•*' ,'■ 'w x r*.' ’l* * "• • | v‘ : 

stumpfe geradea mit ftoWatt heröiitergezogen werdeu mussten, 
gejang e? cndhßhj, ein paar herzlich Ä^htechte Stenlsahdi-ftcke 
zu bekommen. Ist ein Arbeiten «ach■' ■.verzogenen Abdrücken 
schon von vornherein eine missliche Sache,/ sp' Offenbarle 
sich die Schwierigkeit. der Behandlung Io unserem Falle 
an den. hergestei)ter* ^ipsmodöHen erst in vollem 
ÖroWg-fc,. derm es zeigte sieh,, dass die; pope« der 
noch vorhandenen Zähne, iö erster Linie die der Molaren, 
so ungewöhnlich niedrig wäre«, dass sie steilem 
Weise das Zahnnei^efe-; kaam überrag ten, also eine 








52 t>oz iiax &pftektäe4t. MUo*lef i. 'A .: 

scheinend unmöglich machten. Und doch war zur Heber*, 
wfndung derkfjtrken..SNarberitohlfaktion e)m grogse. Spannkraft 
eriorderhch, deren Hyporäuchlia an den beiden . hmvegliehen 
fäeferslümpfen gesucht lind gefunden werden musste Die 
ihnen hier zuin Zwecke der Demonstration, vorgefofirien Modelle 
sind alle schart berausfadkrt, gehen also bei weitem nicht, den 
ungünstigen Zustand der Mund Verhältnisse wieder, rtiit dem 
ich mich ah?«ßfiden hatte Der bei der Behandlung von tttir 
emsüseblagefide W eg lag freilich klar vorgezeieimet; er bestand 
in Repenieiung d.er iCietei'Siftmpfe und damfi Herstellung der 
ursprünglichen Artikulation, Anfertigung' eines. Retentions¬ 


apparates zur dauernden Erhaltung der letzteren und Wieder¬ 
herstellung der Kaufähigkeit durch küneöichen Zahnersatz. 
Aber wie konnte ith am leich testen fu.r die Patientin und mich 
zum Ziele gelängen ? Zuerst dachte ich daran, eine ethode 
änzu wenden, die mein verehrter Lehrer Prof W&rnekr 0 S 
wann empfohlen und vielfach mit Erfolg angewendet hat und 
die .jedenfalls den Vorzug grosser Einfachheit besitzt. Sie be¬ 
stellt darin, dass man dtp Stümpfe einfach mit zwei innen mit 
er weiebter Rösä Gutta pereb a als BefestigungsmHtel äusge- 
kleideten Kautsctesk^chihjgpn überkappi und die ilehnuvtg einem 
die beiden SHneneh verlandenden, jederzeit nach Bedarf aus 
wechseibaren Cludlholz 'fW.eissbocheftitäbchen}' überlässt Auch 
Prof. Ha h 1 hat .'•sich-'''dieser..leicht 'herstellbaren und bequem 








angebracht werdet musste. Auch ein anderer, mir als altem 
Krone©* und Brücfetenarheiter sehr ößhetiegender Weg, nämlich 
die feste Ueherkäppang der Stumpfe mit einem Kronenveb- 
baude, schien mir aussichtslos, detm erstens war an ein 
trockenes Einfuhren und damit Festhalten des Ap¬ 
parates bei dem kolossalen Sp^fcbehluss von Vornherein nicht 
zu denken und zweitens Mttendie Schign e« bei den fast 
ganz im schwammigen Zahnöeiseb sitzenden niedrigen Zahn¬ 
kronen den starken Druck gegen diesf&ieteri Ebenen unter 
keinen Umständen ausgehalten* Wodurch hatüriUdi das ganze 
Prinzip irrelevant geworden wäre. Vm äBem kam huuu, dass 
die rechten Backenzähne wegen P u 1 p a g a r» g r 4 o ö ber h aup t 


Grosser Defekt an) TJmer- nud Oberkiefer 58 

her&uszuriehrnenden Schienen gerade bei den kompliziertesten 
fällen mit glänzendem Erfolge bedient; freilich war er meist 
in der Lage, sie io Verbindung mit. einer öberkieferplatte 
durch unseren bekannten Federäpparat iti : g$uErhalten. 

Fig. 4 veranseiiaulicht einen RepQqimjng&äpparai und Fig, 5 
den Scblusseßekt uVit dem Zahnersatz. 

Die Anwendung von Federn schien mir aber gänzlich 
ausgeschlossen* nicht nur, weil sie der ganzen Situation «geh ; ; 
überhaupt schwerlich anzübringen waren, sondern auch, weil 
sie, wenii letzteres möglich gewesen wäre, auf jeden fall mit 
der Sauerschen schiefen Ebene kollidiert hätte-, die unbedingt. 


Go gle 


•• t ; ; Original Trcrri 
WtfERSITY ÖF MiCRIC 








Dass. Max Apffelstaedt, Münster K W 


nicht überkappf werden durften, eine öehandicrng 
dieser i$ä)iö^'häh^r bei dem Zustand der Pa lieh da v0rd«v 
hand unmöglich war- ich musste also -jedenfallsemea 

abnehmbaren Apparat konstruiere®. Um der, nötigen Hau 
für einen ' solchen, so gewinnen, genügten die kurzen Zähne 
als Stützen allem aber auf kehren fall, leb stanzte daher für 
; beide Stümpfe, em paar Metallschienen, weiche nicht nur die 
ttoüh stehenden .'Zähne, solidem auch die freilich sehr unter 
sich gehenden K-icterieiie umfassten. Die Rauflächen der Zähne 
blieben alle frei, damit genau die ursprüngliche Artikulation 
wiedergewonnen Werden konnte. An den bukkalen Selten 


Fig. e. 

trugen beide Schienen sehräggeste]ite Metat 1 flächen, die eben 
erwähnten Saüwseben schiefen Ebener), welche die noch vor¬ 
handenen Zähne des Oberkiefer? ari der Aussenseite tangierten 
und *nf der ünterkieferstüropfe 

nach Und nach in die alte Artlkulabbo zuriiekgleiteß. soliteU. 
Die Schiene für das {mke Kiefersiuckeben, welches ja nür deb 
zweiten Molaren trug, war u&fur gemäss an« schwierigsten flür' 
situ zu erhalten Ich sachte. diesem Uehelstande abzubelfen 
durch Anbringung eiüer Ibnenkteriirner aus stark federndem 
Goldblech? die beste Bitte gewährte jedoch beiden- Sehienen 
zusammen ei« *11 der teilten angebrachter, die Bogenform des 
tJnteikiefers vorfalgeöder dicker Drahtbfigel, weicher an seinem 
Ende eine Halte trug, die das vhtetere^ Ende ndes rechten 


Co gle 




ffeter- ity<t Oberkiefer rtc. 


Stumpfes- sowie dvn Biq. 1 —- letzteren ebenfalls mit einer 
Klammer — genau umfasste. Durch allmähliches .Strecken 
dieses Bügefe mit der Zange bewirkte ich auch djiv Dehnüng 
der Narben, machte mir also 211 gleicher Zeit zwei mechanische 
Po tenzen zur W iederherstellang der richtigen Okklusi on dienstbar. 

Fig. 6 veranschaulicht die beiden Metallscliienen sowie 
die durch sie innerhalb Monatsfrist betvtrkte HeponieFüiig der 
Kiefer. Sobald dieser erste Teil meiner Aufgabe erfüllt war, 
handelte es sich darum, einen Apparat, zur dauernden fer~ 
haltmig der xviedergewonnenen ursprünglichen Artikulation m 
konstruieren Ich löste diese Frage einfach dadurch, dass ich 
die beiden getrennten Teile durch Einschalimig kleiner Zwischen« 


stucke'; fest miteinander verlötete tiiid auf diese Weise eine 
jederzeit abnehmbare und bequem ku reinigende konltnuierHcbe 
Schiene erreichte. Fig, 7 st^if diese Schien« dar und gibt 
gleichzeitig «Jfc Bild von der durch' .sierjiß'.litiffJer Bichtung 
geleisteten Arbeit. Für die Patientin bedeutete dieselbe.-' schon 
eine grosse 

bei den fast die gaeze Zeit, durcheine Salivütionsbinde rn 
Buhesteiiung /gehaltenen.- Kiefern (ofdüeii gm sassen, so war 
ein Abspringen des Drätilbügels eta-eh immerhm mal möglich, 
und um dem vorxubeugen, war nacht w«nig Selbstbeobaehtuog 
seitens <Jeir Baifefbliiä-.'nöf^'-gewröseäV. Auf den dicken Draht- 
traget wurde nunmehr so lange schwärze Guttapercha, besonders 
nach unten bin, apfgetragem bis sieb die Weichtäle überall in 
ihr abgelbldel halten,; Auf diese Weise erhielt nicht nur dbr 




56 Dos, M, ÄpffftlsiaetH: Großer fiefekt, ara Unter* u. Oberkiefer etc. 

Retentionsapparat eine .altseitige und damit bessere Unterlage* 
sondern es wurde aoeh gköehzeitig eine zvyeüktiaässige Mas* 
sage der narbigen Muskulatur bewerkstelligt, wodurch der Ab* 
heihingsprozess des Mundes bedeutend gefordert, wurde, Nach 
etwa zwei Monatep: kbpnte nach guten Öipsabdffkkeb eine 
zweite ganz genau passende Schiene mit den nötigen £äteeu 
auf Rosa-Uuttäperßba angeferligt werden. Für den Oberkiefer 
erhielt Patientin eine Zahnersatzplatte, welche, da jede Klammer¬ 
befestigung ausgeschlossen war, ihren Halt durch einen Rauhe- 
schen Gunioiisauger fand, der seine Funktion tadellos erfüllte. 
Da ferner auch die Artikulation de? künsUichen Zähne trotz 






Fig. 8, 

erheblieher Öchwierigkesteo schliesslichglücklich gelang, so war 
auch die •Möslikätiönsfrag«,. -der letzte Teil meiner Aufgabe, in 
befriedigender Weise gelost Fig. 8 zeigt die ganze Prothese in 
situ nach Behandlung und iConsemerung der gangränöse^ 
Zähne, ihn die Jahreswende^ wuritep daoh von Dr. W esthoff 
die Kinn- »rid Lippenplastik ansgeführt. Er Hess dabei während 
der ganzen Zeit die Prothese im Munden da iife ihm bei der 
Operatiori die beste feste Unterlage abgab, also gewissermässen 
als tejsteu diente. 

Wül Ihnen, meine hochverehrten Herren Kollegen, meine 
Arbeit auch nichp durch einen ungewöhnlich komphzierterr 
Mechanismus impomereri, so darf sie am Ende doch vielleicht 
für sieb das beseheidfine Loh in Anspruch nebmeni einen 




Doz. Dr. Rotbm&n u. Dr. Bilaskö: Ueber Plantationsversuche. 


57 


besonders schwierigen Fall in ebenso einfacher wie für die 
Patientin bequemer und schonender Weise erledigt zu haben 
und das ist, denke ich, ein Ziel, welches wir jederzeit im Auge 
behalten und ein Erfolg, mit dem wir stets zufrieden sein 
sollten. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Ueter Plantadonsyersnche. 

Von Universitätsdozent Dr. Armin Bofhman und 
Dr. Georg Bilaskö in Budapest. 

Vortrag, gehalten in der Sektion für Stomatologie des XVI. Internationalen 
medizinischen Kongresses in Budapest (September 1909). 

I. 

Es war schon lange unser Bestreben, bei den eine 
wiederholte und langwierige Behandlung erfordernden Zahn¬ 
krankheiten ein kürzeres Verfahren anzuwenden, das den 
Kranken nicht nur von seinen Schmerzen befreien, sondern 
auch den kranken Zahn möglichst vor weiterem Verfall be¬ 
wahren sollte^ 

Die meisten Zahnkrankheiten beginnen damit, dass der 
Zahn kariös wird; erreicht der kariöse Prozess die Pulpa, so 
wird diese infiziert und hieraus entstehen dann die verschiedensten 
Zahnleiden. Unter diesen lassen sich die mit der Entzündung 
der Pulpa verbundenen Krankheiten noch am leichtesten be¬ 
handeln, da wir bei dem heutigen Stande der Zahnheilkunde 
den Schmerz durch Devitaüsation rasch beheben können; 
durch Einspritzung eines Anästhetikums können wir selbst bei 
nervösen und schwach veranlagten Individuen die Pulpa ohne 
Schwierigkeit behandeln und namentlich bei den einwurzeligen 
Zähnen den Prozess rasch beenden. Bei den mehrwurzeligen 
jedoch, insbesondere aber bei den unteren Molaren, müssen 
wir schon mehrere Tage verstreichen lassen, ehe wir das 
Leiden des Patienten beheben können. 

Die Behandlung der aus der chronischen Pulpitis — 
namentlich aber aus dem gangränösen Zerfall der Zahnpulpa 
— konsekutiv entstehenden verschiedenartigen Wurzel- und 
Beinhautentzündungen, Abszesse usw. nimmt noch weit mehr 
Zeit in Anspruch, ja, während der langwierigen Behandlung 
zerstört bei mit Eiterabsonderungen verbundenen Prozessen 
der Eiter die Wurzelhaut des Zahnes und es wird vollständig 
unmöglich, zu den ihn umgebenden Geweben zu gelangen, 


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58 Doz. Dr. A. Rothman und G. Bilask6. Budapest: 

ohne den Zahn zu opfern. Angesichts dieser Schwierigkeiten 
haben wir deren Beseitigung nicht in Medikamenten, sondern 
auf chirurgischem Wege gesucht, das heisst, wir trachteten eine 
Situation zu schaffen, die uns gestattet, überallhin zu gelangen 
und die Behandlung möglichst während einer Sitzung zu beenden. 

Dazu stand uns kein anderer Weg zu Gebote, als den 
kranken Zahn zu extrahieren, dann die nun zugänglichen 
Krankheitsstoffe zu entfernen, welche im Zahne selbst und 
dem ihn umgebenden Gewebe eingeschlossen waren. Dann 
pflanzten wir den also gereinigten Zahn wieder an seine ur¬ 
sprüngliche Stelle zurück und liessen ihn ohne jede weitere 
Behandlung einheilen. Gerade als wir uns mit diesem Ver¬ 
fahren beschäftigten, hatten wir anlässlich des Internationalen 
medizinischen Kongresses von 1900 zu Paris Gelegenheit, eine 
von Dr. Amoädo vorgenommene Zahnplantation zu sehen. 
Der treffliche Forscher führte eine Frau vor, bei der ein im¬ 
plantierter oberer Prämolarjs schon seit mehreren Jahren seiner 
biologischen Bestimmung vollständig entsprach. 

Dadurch wurden wir in unserer Hoffnung, dass wir uns 
in unseren Voraussetzungen nicht täuschen werden, bestärkt, 
und nach Hause zurückgekehrt, begannen wir sofort mit den 
Plantationsversuchen von Zähnen. 

Ehe wir an die Beschreibung dieser Versuche schreiten, 
wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass wir sie ohne jedes 
vorhergehende Studium begannen und erst als wir unter unseren 
Versuchen bereits sehr interessante Fälle zu verzeichnen hatten 
und ihre Zahl über hundert betrug, studierten wir die über 
Plantation vorhandene Literatur. Wir gingen so vor, um uns 
durch die Verfahrungsweise anderer nicht beeinflussen zu lassen 
und so unseren Experimenten eine andere Richtung zu geben. 
Die verschiedenen Plantationen versahen auch wir mit Be¬ 
zeichnungen. Das einfachste Verfahren war die Replantation, 
nämlich jenes Verfahren, wo wir den Zahn nach erfolgter Ex¬ 
traktion und Reinigung, unter Beachtung gewisser Umstände, 
an seinen ursprünglichen Platz zurückversetzen. Replantation 
nennen wir dieses chirurgische Verfahren, so lange die Zahn¬ 
alveole nicht zugeheilt ist; denn wenn eine neue Vertiefung 
künstlich geschaffen, bzw. gebohrt werden müsste, findet eine 
Implantation statt. 

Eine andere Unterart dieser Replantation ist es, wenn 
der Zahn infolge gewisser krankhafter Prozesse fast ganz oder 
wenigstens halb herausgetreten ist, so dass er schon mit der 
blossen Hand entfernt werden und das Zurückversetzen nur in 
dem Falle von Erfolg begleitet sein kann, wenn wir die Alveole 
des extrahierten Zahnes zunächst so weit vertiefen, dass die 


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Ueber Plantationsversuche. 


69 


Zahnwurzel so tief in den Kieferknochen gelangen kann, wie 
sie ursprünglich situiert war. Dieses Verfahren benannten wir 
Reimplantation. Ausserdem übten wir noch ein Verfahren, 
indem wir an Stelle des extrahierten Zahnes einen fremden 
setzten, und zwar sofort nach der Extraktion, solange die 
Alveole nicht zugewachsen war; dies ist die sogenannte Trans- 
plantation. Ist der Zahn halb oder ganz herausgetreten und 
wollen wir diesen auch sonst unbrauchbaren Zahn durch den 
gesünderen Zahn eines anderen Individuums ersetzen, so ver¬ 
fahren wir folgendermassen: Wir entfernen den erwähnten losen 
Zahn und vertiefen den Raum für die Wurzel so weit, das^ 
wir hoffen dürfen, der überpflanzte Zahn werde an seiner 
neuen Stelle verbleiben und festwachsen. Dieses Verfahren 
benannten wir Transimplantation. Diese Bezeichnungen 
der Zahnplantation entsprechen den von anderen Autoren 
angewendeten Benennungen, mit Ausnahme der Ausdrücke 
„Rermplantation“ und „Transimplantation“, die wir bei anderen 
Autoren nicht gefunden haben. Unter den Zahnplantationen 
ist die älteste Art die Replantation, die schon im 16. Jahr¬ 
hundert angewendet wurde; doch war damals auch die Trans¬ 
plantation nicht ganz unbekannt. 

1594 beschrieb Ambroise Pare in seinem „Opera Chirur- 
gica“ betitelten Werke ganz genau die Replantation, und somit 
war er der erste, der dieses Verfahren nicht bloss versuchte, 
sondern das dabei befolgte Verfahren auch literarisch bekannt 
machte. Nach Pare befassten sich sehr viele mit dem Re- 
plantieren: Forest im Jahre 16<)2, Dupon im Jahre 1633 
und ausserdem Manton, Foucart, Bourdet usw. 

Hunter war der erste, der sich mit den Plantationen 
wissenschaftlich befasste. Er pflanzte Zähne in Hahnenkämme 
und erbrachte den Nachweis, dass der Zahn in dem weichen 
Gewebe tatsächlich einheilte. Er bewies das in der Weise, 
dass er färbende Flüssigkeiten in die Blutgefässe des Hahnen¬ 
kammes einspritzte und da diese Färbemittel in dem Perio- 
dontium des Zahnes vorgefunden wurden, war unwiderleglich 
der sichtbare Beweis erbracht, dass zwischen dem Kamm und 
der Zahnwurzelhaut verbindende Blutgefässe entstanden waren. 
Er bewies auch, dass in dem übertragenen Zahn an Stelle der 
Zahnpulpa ein anderes Gewebe entsteht und hatte sich schon 
damals die Ueberzeugung verschafft, dass man den Zahn auch 
24 Stunden nach der Extraktion mit Erfolg zurückversetzen 
kann. 

LCon Fredel füllte den Kanal der wegen Periostitis ge¬ 
zogenen Wurzel nach gründlicher Reinigung mit Zinkoxy- 
chlorid und pflanzte die Wurzel in einen Hahnenkamm; die 


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60 


Dok. Dr. A. Rothman und Dr. G. Bilaskö, Budapest: 


Wunde oberhalb der Wurzel heilte rasch; aber eine Vereinigung 
erfolgte nicht bloss die Wurzelhaut verschwand. Filipeaux 
pflanzte im Jahre 1853 den Schneidezahn eines vor wenigen 
Stunden geworfenen Meerschweinchens in den Kamm eines 
jungen Hahnes, so dass die Zahnpulpa in die Tiefe der Wunde 
zu liegen kam, während die Krone frei blieb. 10 Monate später 
konstatierte er, dass der Zahn in seiner Länge um 5 Mm. 
gewachsen war. 

W i e s m a n n replantierte den extrahierten Zahn eines 
Hundes, tötete das Tier nach 6 Wochen und legte den Kiefer¬ 
knochen für 14 Stunden in verdünnte Salzsäure. Auf einer 
Seite war der Zahn mit dem Zahnfleisch fest verwachsen, das 
von zahlreichen Blutgefässen durchzogen war. Die mit injiziertem 
Stoff gefüllten Blutgefässe zogen sich in einem Bündel durch 
die Wurzel und verteilten sich dort in zwei Aeste. 

Mitscherlich war der erste, der die Frage der Re- 
plantation und Transplantation vom histologischen Standpunkte 
aus beleuchten wollte, was ihm aber nicht gelang, da die 
damaligen Apparate und Instrumente noch zu unvollkommen 
waren. Er nahm verschiedenartige Experimente an Hunden 
vor; doch transplantierte er auch Leichenzähne und von diesen 
heilten unter 19 Fällen 11 ein. 

Paul Bert verpflanzte den Kieferknochen einer Ratte in 
den Bauch eines ähnlich gearteten Tieres. 2 Monate später 
konstatierte er, dass der Kieferknochen gewachsen, aber die 
Zähne verschwunden waren. 

Legros und Magitot nahmen 1875 ihre Versuche an 
Zähnen vor, die an Wurzelhautentzündung erkrankt waren. Sie 
resezierten die Wurzelspitzen; unter 63 Fällen hatten nur 5 
kein befriedigendes Resultat ergeben. Sie beschäftigten sich 
auch mit dem Verpflanzen von Zahnkeimen und fanden, dass 
ein solches Verfahren nur bei Tieren der gleichen Kategorie 
erfolgreich sein könne, während das Verpflanzen grösserer 
Partien erfolglos sei, ebenso auch das des Emailorgans. Da¬ 
gegen können sich isolierte Dentinkeime weiter entwickeln. 

Um jenem Prozess näherzukommen, der dem Einheilen 
des Zahnes nach Re- und Transplantation zugrunde liegt, 
wurden von Mehreren Versuche unternommen, namentlich von 
Frede 1, Weil und Sch eff. Alle Beobachter sind darin einig, 
dass die vollkommene Heilung nur in dem Falle möglich, 
wenn die Wurzelhaut gesund ist, denn sonst kommt beim 
Zement und Dentin eine Resorption zustande, und wenn diese 
weitere Fortschritte macht, so entsteht zwischen Zahn und 
Alveolus keine Verbindung; der Zahn bleibt lose und fällt 
leicht heraus. Stockt die Resorption, so bildet sich infolge 


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Ueber Plantationsversuche. 


61 


Tätigkeit der Osteoblasten eine neue Knochenmasse, die die 
durch die Resorption entstandenen Lücken ausfüllt und da¬ 
durch entsteht das knochige Zusammenwachsen. 

Die Implantationen wurden erst Ende des vorigen Jahr¬ 
hunderts aufgenommen. 1877 war Youngerin San Francisco 
der erste, der hierüber ganze Abhandlungen veröffentlichte; 
ihm folgten Youngers begeisterter Schüler, der schon er¬ 
wähnte Amoedo, ferner Znamenski, Römer, Fredel 
und Scheff. 

In unserem Vaterlande war unseres Wissens Professor 
Dr. Iszlai der erste, der sich mit Zahnplantation befasste. Er 
benannte die verschiedenen Arten der Zahnverpflanzung Plan- 
tatio typica, wenn es sich um die Einsetzung natürlicher, und 
Plantatio atypica, wenn es sich um die von Kunstzähnen han¬ 
delte. Plantatio idiopatica ist, wenn der Zahn an seinen ursprüng¬ 
lichen Platz, heteropatica, wenn er an einen anderen Ort, und 
idiosomatica, wenn er in den Körper des nämlichen Individu¬ 
ums gepflanzt wird. Das Gegenteil davon heisst heterosomatica. 
Erleidet der Alveolus eine Veränderung, so fügt er zu diesen 
Bezeichnungen die Worte „cum osteotomia“ hinzu. 

Was den vollkommenen Erfolg anbelangt, so sind die 
Ansichten auch heute noch nicht ganz geklärt, denn während 
der eine Forscher eine dekalzinierte Wurzel für die Implantation 
für geeignet hält, sind andere überzeugt, dass zur festen, 
ständigen Einheilung die Wurzelhaut vollkommen gesund sein 
muss. Es gibt aber auch solche, die ohne diese Vorbedingungen 
schöne Erfolge erzielten, so dass hinsichtlich der Einheilung der 
Plantationen trotz der vielen Experimente die Meinungen ge¬ 
teilt sind. Namentlich die an Menschen vorgenommenen Im¬ 
plantationsexperimente sind sehr dunkel, weil die für diesen 
Zweck geeigneten Individuen nur sehr schwer und selten zu 
finden sind. 

Wir haben uns mit allen Arten der Plantation befasst, 
teils in unserer Privatpraxis, hauptsächlich aber an der zahn¬ 
ärztlichen Abteilung der Poliklinik. Die wenig zahlreichen 
Experimente an Tieren nahmen wir an der chirurgischen Ab¬ 
teilung der Veterinärhochschule mit Hilfe des Herrn Professors 
L)r. Plosz vor, dem wir auch an dieser Stelle unseren ver¬ 
bindlichsten Dank sagen. 

Die grösste Anzahl der Plantationsversuche entfällt auf 
die. Replantationen, weil dieses Versuchsmaterial am ehesten 
zu beschaffen war; zu Trans- und Implantationen gaben sich 
nur wenige her. 

Wir nahmen auf der Poliklinik insgesamt 2 Implantationen, 
4 Transplantationen und 146 Replantationen vor. 


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62 


Doz. Dr. A. Rothman und Dr. G. Bilaskö, Budapest: 


In unserer Privatpraxis führten wir 6 Implantationen, 
9 Reimplantationen und 28 Replantationen aus, was eine Ge¬ 
samtsumme von 8 Implantationen, 6 Transplantationen, 9 Re¬ 
implantationen und 174 Replantationen ergibt. Ausserdem ver¬ 
pflanzten wir menschliche Zahnwurzeln in den Schenkel eines 
ljährigen Füllens, und zwar sowohl dekalzinierte als auch 
nichtdekalzinierte. Wir Hessen das Füllen nach einem halben 
Jahr töten und konstatierten, dass beide Wurzeln in den 
Schenkel des Füllens vollkommen eingeheilt waren. Doch als 
wir die Wurzel dekalziniert einführten, blieb an manchen 
Stellen die Oberfläche des von Kalk befreiten und dadurch ge¬ 
lockerten Knochengewebes beim Einschieben zurück und der 
Heilungsprozess verlief nicht so schön wie in dem Falle, wo 
wir ohne jedes Verfahren nur den mit Wurzelfüllung versehenen 
Zahn ein fügten. 

Wir halten dieses Experiment, obschon es auf viele 
Fragen Antwort gäbe, doch nieht für vollkommen, weil es nur 
das 6 monatliche Schicksal des eingeschlossenen Zahnes aus¬ 
weist; ob dieses auch weiterhin so geblieben wäre, wissen 
wir nicht, weil fast bei allen Arten von Plantationen mit 
menschlichen Zähnen bei Menschen nach einiger Zeit an der 
Wuizel Resorption eintritt, so dass der Zahn lose wird und 
unangenehme, wenngleich nicht heftige Schmerzen auftreten, 
die den Patienten veranlassen, sich den Zahn ziehen zu lassen, 
wenn dieser nicht ohnehin mit der Zeit herausfällt, was zumeist 
2 Jahre nach der Operation einzutreten pflegt. 


II. Arten des Verfahrens. 

Beim Einpflanzen von Zähnen werden verschiedene Ver¬ 
fahren befolgt. Amoödo legt den Zahn zunächst in irgend 
eine Säure, damit die äusseren Teile so weit erweichen, dass 
eine Nadelspitze leicht in die Oberfläche des Zahnes eindringt. 
Andere wieder erwarten nur von den mit einer frischen, ge¬ 
sunden Wurzelhaut versehenen Zähnen ein gutes Resultat; 
noch andere machen Einkerbungen in die Zahnwurzel, indem 
sie darauf rechnen, dass der Knochen durch Neukeimen in die 
hergestellte Oeffnung einen neuen, aus einem Kallusgewebe 
bestehenden Knochenleisten spriessen lässt, der dem einge¬ 
setzten Zahne die erforderliche Festigkeit verleihen soll. Diesen 
Modus haben wir nicht erprobt, da wir gesehen haben, dass 
selbst bei mit gesunder Beinbaut versehenen Zähnen, wenn sie 
bei dem nämlichen Individuum zurückversetzt werden, in vielen 
Fällen die Wurzeln aufgesaugt werden. Aus dem gleichen 
Grunde unterliessen wir das Erweichen durch Säuren, zumal 


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Ueber Plautatiousversuche. 


63 


wir beobachteten, dass hiemit nicht nur die Resorption er¬ 
leichtert, sondern auch die Plantation erschwert wird, denn 
wenn der angelegte Kanal nur um ein Geringes enger wie 
erforderlich ist, so löst sich beim Einsetzen des Zahnes der 
erweichte Teil schon beim leisesten Druck ab und behindert 
derart nicht nur das Einschieben, sondern ebnet auch der 
Resorption die Wege. Unter den Zähnen, die wir, wie er¬ 
wähnt, in den Schenkel eines Füllens pflanzten, wiesen die 
eine gesunde Wurzelhaut besitzenden eine ebenso vollkommene 
Heilung auf, wie jene, die eine Weile in Salzsäure gelegen 
waren. Bei jeder Art des Verpflanzens gingen wir in der Weise 
zu Werke, als hätte sich in der Wurzel irgend ein Prozess 
vollzogen, d. h. wir nahmen sie regelrecht in Behandlung und 
plombierten sie nach gründlicher Reinigung und Desinfektion. 
Nur bei einer gewissen Anzahl von Replantationen versuchten 
wir es mit einfacher Desinfektion, ohne die Wurzel zu plom¬ 
bieren. 

Mit Zahnplantationen befassen wir uns seit 1900 und 
wir hielten die während dieser Zeit beobachteten Fälle in 
Evidenz, soweit ambulante Kranke eben kontrolliert werden 
können. Leider liess sich ein sehr grosser Prozentsatz nicht 
dauernd kontrollieren, weil die Patienten entweder verreisten 
oder sich nicht mehr blicken Hessen. Eine Kontrolle aber 
halten wir nur für vollkommen und verlässlich, wenn wir den 
betreffenden Patienten nach einiger Zeit persönlich Wieder¬ 
sehen, weil wir die Erfahrung machten, dass bei anderen An¬ 
stalten, die sich von den Patienten schriftliche Nachricht geben 
Hessen, die Antwort nicht immer den Tatsachen entsprach. 
Ereignete es sich doch sogar bei uns, dass jemand nach einiger 
Zeit über Schmerzen des zurückversetzten Zahnes klagte und 
die Untersuchung ergab, dass nicht der replantierte Zahn den 
Schmerz verursachte, sondern ein daneben befindlicher Zahn, 
der in der Zwischenzeit erkrankt und von Pulpitis acuta be¬ 
fallen worden war. 

111. Nach welchem Zeitraum kann der extrahierte 
Zahn replantiert werden? 

Hinsichtlich der Zeit, binnen welcher eine Replantation 
vorgenommen werden kann, ergaben unsere Replantations- 
versuche sehr interessante Daten, die den Beweis erbrachten, 
dass eine Replantation erfolgreich vor sich gehen kann, so 
lange die Zabnzelle vorhanden ist und ihre Wände von 
gesunden Geweben gebildet sind. Wir haben unter unseren 
Versuchen 12 Fälle, in denen die Replantation nicht sofort, 


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64 Doz. Dr. A. Rotbm&n und Dr. G. Bilaskd, Budapest: 

sondern erst am anderen, am 3., am 4., ja sogar erst am 
16. Tage und nach 3 Wochen erfolgte. Der letzte Fall ist schon 
deshalb bemerkenswert, weil er sich bei einer 39 jährigen Frau 
ereignete, deren replantierter Zahn noch 2 Jahre später voll¬ 
kommen funktionierte. Im übrigen heilten unter den 12 Fällen 
4 gut, 2 mit geringer Lockerung, 5 Individuen meldeten sich 
nicht und bei 1 stand der Zahn etwa 1 Jahr lang fest und 
musste dann wegen Resorption der Wurzeln extrahiert werden. 

Das Resultat unserer Plantationen weist die statistische 
Tafel aus, die wir unserer Abhandlung beigefügt haben. In ihr 
ist nur von jenen Fällen die Rede, die wir persönlich kon¬ 
trollierten. Hier wollen wir bloss bemerken, dass der Grad der 
Schmerzhaftigkeit je nach den verschiedenen Plantationsarten ein 
verschiedener ist, und es ist merkwürdig, dass beim einfachsten 
Verfahren der Schmerz am heftigsten auftritt; so zum Beispiel 
ist die Replantation, wenn sie gleich nach der Extraktion vor¬ 
genommen wird, viel schmeizhafter, wie wenn sie L oder 2 Tage 
später erfolgt. Auch bei der Transplantation werden grössere 
Schmerzen empfunden, wenn sie in frischem Zustande, wie 
wenn sie später vor sich geht. Schmerzhafter ist das Ver¬ 
pflanzen auch in dem Falle, wenn wir den Zahn rasch in die 
Verlängerung der Zahnzelle drücken, während es selbst von 
den empfindlichsten Patienten sehr gut vertragen wird, wenn 
wir die Einführung langsam vornehmen. In einigen Fällen von 
Zurück- und Ueberversetzen versuchten wir es auch mit An- 
ästhetizis, aber ohne Erfolg. Wir nahmen die Anästhesie mit 
Kokaineinspritzung vor oder in der Weise, dass wir an Stelle 
des extrahierten Zahnes mit Kokain getränkte Watte einführten 
und sie ein paar Minuten dort beliessen. Möglicherweise ist 
die Erfolglosigkeit darauf zurückzuführen, dass wir das Ver¬ 
fahren in unrichtigen Fällen befolgten; jedenfalls benahm uns 
die Resultatlosigkeit der Anästhesie in den genannten Fällen 
die Lust zu weiteren Versuchen mit anästhetischen Mitteln, 
um so mehr als wir damit Zeit gewannen, namentlich an der 
Poliklinik, wo die Ordinationszeit leider sehr kurz bemessen ist. 

Da bei Reimplantation und Implantation auch eine 
Knochenbohrung erforderlich ist, so nahmen wir sie zumeist 
unter Anwendung anästhetischer Mittel vor, so dass Schmerzen 
fast gänzlich vermieden blieben. In zwei Fällen konstatierten wir 
auch ohne Anästhesie, dass die Weichteile der Sitz der 
Schmerzen sind, während sie von der Knochenbohrung kaum 
verursacht werden, nur muss darauf geachtet werden, dass 
der Bohrer durch die Rotation nicht warm oder gar heiss 
wird, was am besten durch Bespülung mit kaltem Wasser er¬ 
reicht wird. 


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Ueber Plantationsversuche. 


65 


In den meisten Fällen stellten sich bei Zahn Versetzungen 
und Verpflanzungen grosse Schmerzen ein, die gewöhnlich 
etwa 8 Stunden währten, um dann gänzlich zu verschwinden 
oder es bestand ungefähr 48 Stunden hindurch ein leichtes 
lähmungsähnliches Gefühl. Wenn die Operation zwischen 9 und 
10 Uhr morgens vor sich ging, währte der Schmerz ungefähr 
bis 5 Uhr nachmittags; nachts schliefen die Patienten schon 
gut und es gab kaum solche, deren Ruhe gestört gewesen 
wäre. An den folgenden Tagen fühlten sich die meisten schon 
vollkommen wohl. Indessen gab es auch Patienten, bei denen 
der Schmerz 2, 3 und noch mehr Tage währte. Im- und Re- 
plantationen waren mit Schmerzen kaum verbunden. 

Zähne mit nur einer oder einer konischen Wurzel be¬ 
festigten wir mittels gewachsten oder gedrehten Seidenfäden 
an die Nachbarzähne, um das Herausgleiten zu verhindern. 
Mehrwurzelige Zähne befestigten wir mittels Seidenfäden nur 
dann, wenn ihre Wurzeln in einer konischen, massigen Wurzel 
zusammenliefen; sonst aber verwendeten wir keinerlei Fixa¬ 
tion, namentlich wenn es sich um Zähne des Unterkiefers 
handelte. 


IV. Heilungsaussichten. 

Die Aussichten des Ginheilens sind bei den Molaren und 
Prämolaren die besten, denn bei ihnen wird während des 
Kauens vom Antagonisten auf die Kaufläche ein Druck aus¬ 
geübt und der Zahn auf diese Weise in senkrechter Richtung 
sozusagen noch tiefer in den Alveolus gedrückt. Bei den 
Schneidezähnen dagegen trifft bei normaler Okklusion der Biss 
die rückwärtige Zahnfläche und wenn wir unter solchen Um¬ 
ständen auch darauf Rücksicht nehmen, dass der Antagonist 
den gepflanzten Zahn nicht berühre, so wird doch, sobald Speise 
zwischen die zwei Zähne gerät, durch das Abbeissen der obere 
Zahn nach vorne, der untere aber nach iückwärls gepresst, 
wodurch der verpflanzte Zahn in ständiger Bewegung erhalten 
wird. Die Folge davon ist, dass wir auf kein so gutes Re¬ 
sultat rechnen dürfen, wie bei den erwähnten Kauzähnen. 

Was die Einheilung selbst anbelangt, so können wir auf 
Grund unserer Erfahrungen sagen, dass die zurückgepflanzten 
Zähne ungefähr am 9. Tage sich zu befestigen beginnen; die 
volle Einheilung dagegen erfolgt erst gegen Ende der 4. Woche. 
Hinsichtlich des für die Heilung benötigten Zeitraumes bei Im¬ 
plantationen und Reimplantationen können wir keinen be¬ 
stimmten Termin angeben, weil bei diesen der künstlich an¬ 
gelegte Kanal kein so genauer ist wie bei der Replantation 

& 


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66 


Ooz. Dr. A. ßotbman und Dr. 6. Bilaskö, Budapest: 


und darum Hessen wir implantierte und reimplantierte Zähne 
niemals ohne Befestigung. 

Die befestigenden Seidenfäden beliessen wir stets wenig¬ 
stens 6 Wochen an den Zähnen und können deshalb die för 
die Heilung benötigte Zeit nicht genau angeben. Innerhalb des 
angegebenen Zeitraumes heilt der Zahn nur ein, wenn er sich 
vollkommener Ruhe erfreut; es ist nämlich nicht ausgeschlossen, 
dass ihn die Patienten anfänglich mit dem Finger oder der 
Zunge in Bewegung setzen und darum kann die Einheilung 
erst vor sich gehen, wenn sich der Kranke auf den, ein Gefühl 
des Unbehagens auslösenden, eingepflanzten Zahn gewöhnt hat 
und ihn nicht mehr stört. 

Von den eingeheilten Zähnen funktionieren die meisten 
sehr gut und manche Patienten fanden sich von neuem mit 
dem Wunsch ein, einen anderen schlechten Zahn der gleichen 
Behandlung zu unterwerfen; es gibt aber auch Fälle, in denen 
die Heilung nur eine vorübergehende ist und der Zahn nach 
einiger Zeit lose wird. Später meldet sich ein unangenehmes 
kribbelndes Gefühl, das sich zum Schmerz steigern kann, der 
Zahn fällt von selbst heraus oder der Betreffende lässt ihn 
ziehen. Indessen haben wir auch zahlreiche Kranke, bei denen 
wir den replantierten Zahn nur erkennen, wenn ihn der Kranke 
selbst bezeichnet und seine Mitteilungen mit unseren Auf¬ 
zeichnungen tatsächlich übereinstimmen; manche von diesen 
Zähnen sitzen sogar so fest, dass nach Jahren die Krone zer¬ 
fällt, während die Wuizel, soweit sich dies makroskopisch be¬ 
urteilen lässt, vollkommen gesund bleibt. 

Unsere bisherigen Beobachtungen haben auch gezeigt, 
dass, wenn sich unmittelbar nach der Operation keine unan¬ 
genehmen Symptome bemerkbar machen, später, namentlich aber 
nach erfolgter Einheilung, keinerlei Unannehmlichkeiten mehr 
zu besorgen sind. Wie bei jeder Operation nehmen auch bei der 
Zahnplantation die Dinge nicht immer einen glatten Verlauf; 
namentlich aber gestaltet sich die Replantation bei manchem 
Individuum sehr schmerzhaft. Bei ungeduldigen Kranken muss 
der Schmerzen wegen der Zahn extrahiert werden oder sie 
entfernen ihn selbst. Hierin liegt auch der Grund, dass dieses 
im übrigen rasche und auch in seinen Resultaten befriedigende 
Verfahren sich in der Armenpraxis nicht zu verbreiten vermag, 
trotzdem gerade in dieser die Zeitersparnis von grosser Wichtig¬ 
keit ist. Dabei kann man die erzielten Erfolge überraschend 
güte nennen, namentlich bei Zähnen mit seit Jahren bestehenden 
Fisteln; wenn wir nämlich nach vorgenommener Extraktion 
den nekrotischen Teil entfernen und den Zahn zurückversetzen, 
nehmen die Eiterung und alle sonstigen entzündlichen Vorgänge 


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Ueber Plantationsversuche. 


67 


alsbald ein Ende. In manchen Fällen heilt die Fistel nicht 
gleich; doch die umgebende Geschwulst und die Eiterung gehen 
gleich zurück und nur ein rotes Pünktchen von der Grösse 
eines Mohnkoms verrät noch einige Zeit den Sitz der Fistel. 
Man könnte sagen, dass in solchen Fällen eher eine Wurzel¬ 
resektion ohne Extraktion angezeigl wäre, die den gleichen 
Erfolg haben kann. Doch, wenn wir nicht den ganzen Zahn 
sehen, können wir die Resektion nicht mit der erforderlichen 
Genauigkeit durchführen, auch die eiternden Gewebe der Um¬ 
gebung nicht so sauber entfernen, wie wenn wir den Zahn 
herausnehmen und den Alveolus ein paar Tage lang leer be¬ 
lassen, während die eiternden Teile abgesondert werden. Ohne 
dass wir dann mehr wie das unumgänglich Notwendige getan 
hätten, geht nach erfolgter Replantation die Heilung glatt 
vor sich. 

Merkwürdig ist, dass der Zahn per primam einheilt, trotz¬ 
dem der Mund schlecht zu sterilisieren ist. Mit Entzündung 
oder Eiterung verbundene Fälle kommen seltener vor. Unter 
den Fällen, die wir zu beobachten Gelegenheit hatten, nahmen 
viele einen sehr interessanten Veilauf. 

So zum Beispiel schrieb eine 25jährige, sehr nervöse 
Frau, die an Neuralgie litt, ihre neuralgischen Schmerzen ihrem 
mit Caries media behafteten Zahnes zu. Da alle Medikamente 
erfolglos blieben, devitalisierten wir, nachdem bis zur Pulpa 
aufgebohrt war und nahmen die gewohnte Plombierung vor. 
Doch die Schmerzen hörten nicht auf. Nun extrahierten wir den 
ganz gesunden Zahn und beredeten die Patientin, sich der 
Neueinpflanzung zu unterziehen, nach welcher nur noch ein 
paar Tage der Schmerz in der Umgebung des Zahnes anhielt; 
der neuralgische Schmerz aber war verschwunden. Der re- 
implantierte Zahn leistet seit nunmehr 7 Jahren die besten Dienste 
und es zeigten sich auch keinerlei Unannehmlichkeiten mehr. 
Die sonst so empfindliche Frau verlangt nunmehr, dass auch 
ein anderer Molar, der gleichfalls krank ist, in der nämlichen 
Weise behandelt werde. 

Ein anderer, nicht minder interessanter Fall betrifft einen 
16 jährigen Schüler, der an Abscessus alveolaris acutus litt. 
Um ein genaues Bild seines Zustandes zu geben, wollen wir 
die auf ihn bezüglichen Aufzeichnungen in ihrem vollen Um¬ 
fange hier folgen lassen. 

1. Oktober 1904. Krankheitsprämisse. 10 Tage bevor sich 
Patient bei uns meldete, empfand er am rechtsseitigen oberen 
Incisivus lateralis zunehmende Schmerzen. Nachdem man sein 
Leiden an einer hauptstädtischen öffentlichen Ordinations¬ 
anstalt für Zahnheilkunde für belanglos erklärt hatte, suchte er 

5 * 


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68 


Doz. Dr. A. Rotbmau uud Dr. G. Bilaskö, Budapest: 


uns auf. Das Zahnfleisch um den bezeichnelen Zahn war ge¬ 
rötet und bei geringfügiger Befühlung und Bewegung empfind¬ 
lich. Nach Anbohrung des Zahnes wird die gangränöse Pulpa 
entfernt. Am Nachmittag stieg der Schmerz so hoch an, dass^ 
Patient sich in die Privatordination des Dozenten Rotliman 
begab, der den Wurzelkanal desinfizierte. Am nächsten Tage¬ 
erfolgt starker Schmerzen wegen neuerliche Ausspritzung und 
Kokaineinpinselung, worauf der Schmerz nachlässt. Nachts¬ 
schlief Patient, gut; morgens meldete sich der Schmerz aber 
wieder, um auf die Einspritzung nachzulassen, doch liess er 
Patienten diese Nacht nicht mehr schlafen. Am folgenden Tage- 
entsprechende lebhaft gerötete Gingiva mit erbsengrossem 
Abszess, nach dessen Oeffnung der Schmerz nachlässt. Der 
Zahn ist stark gelockert. Am nächsten Tage reinigen wir 
mittels schwacher Zincum chloratum-Lösung die Abszess¬ 
höhlung; allein die Schmerzen des Patienten bleiben bestehe» 
und die Drüsen unter dem Kinn schwellen an; Nahrungsauf¬ 
nahme gestört, Schlaf unruhig, nicht ausreichend. 

3. Oktober. Entfernung des Zahnes. Wir konstatieren. 
Abscessus apicalis, Wurzelhaut in grossem Masse verschwunden* 
aus der Abszessöffnung geht Eiter ab, Gingiva bläulich gefärbt. 
Wir entfernen die eiterigen, lappigen Wurzelhautresle, legen 
den Zahn in eine schwache Karbollösung, reinigen ihn 2 Tage 
später gründlich von den zurückgebliebenen Teilen der gan¬ 
gränösen Pulpa, spülen den Wurzelkanal mit Salzsäure und 
replantieren nach der gewohnten Wurzel- und Kronenfüllung 
den Zahn, der wahrscheinlich infolge Gewebeschwundes tiefer 
in die ursprüngliche Alveolarzelle eingeführt werden kann. 
Darauf Verband. Nach der Operation stellten sich Schmerzen 
ein, die uns am Nachmittag eine Einpinselung mit Jodtinktur 
vornehmen Hessen und nach 3 Tagen meldet sich der Kranke¬ 
gesund und munter. Aeusserlich ist keinerlei Veränderung zu 
konstatieren, die Gingiva bloss infolge Irritation durch den 
Verband etwas gerötet. Schmerzen sind nicht vorhanden; Patient 
fühlt sich vollkommen wohl. 6 Wochen später sahen wir ihn 
wieder und er rühmte sich, dass er den zurückversetzten Zahn 
seil 2 Wochen ausgezeichnet benütze. Wir überzeugten uns* 
dass der Zahn vollkommen fest sitzt. 

Um auch von Transplantationen eine interessante Be¬ 
obacht ung vorzuführen, sei des folgenden Falles gedacht. 

J. Gy., 23 jährige Packersgaltin, meldet sich mit dem Ver¬ 
langen, an Stelle ihrer schlechten linksseitigen, oberen zweiten 
Prämolarwurzel einen von ihr vorgelegten Prämolar eingesetzt 
zu erhal'en. 


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Ueber Plantations versuche. 


69 


Gegenwärtiger Zustand: Gangraena pulpae totalis rad. 
praem. II. sup. sinistri. Wurzelextraktion am 28. März 1906. 

Der mitgebrachte Zahn erwies sich als zu gross; durch 
Kanalerweiterung hätten wir die Stützwände geschädigt und 
darum waren wir genötigt, einen anderen, geeigneteren Zahn 
zu suchen, und ein längst gezogener, unterer Prämolaris schien 
sich für unseren Zweck trefflich zu eignen. Nach der erforder¬ 
lichen Desinfektion, Wurzel- und Kronenfüllung schnitten wir 
von der Wurzel soviel ab, als erforderlich war, um die Arti¬ 
kulation nicht zu beeinträchtigen, das heisst, um die gleiche 
Länge mit den übrigen Zähnen zu erzielen. Die Transplantation 
■erfolgte' erst nach 4 Tagen und da die Krone von den 
zwei Nachbarzähnen genügend festgehalten wurde, legten wir 
keine Ligatur an. Am Tage der Transplantation schwoll das 
Besicht angeblich stark an und es traten auch Schmerzen auf. 

Am 4. April meldet Patientin, dass sie den überpflanzten 
Zahn zuweilen mit der Zunge verschiebe.. Tatsächlich war dieser 
in eine andere als die ihm von uns gegebene Richtung ge¬ 
raten, wodurch die Artikulation gestört wurde. Wir drücken den 
Zahn zurück und bringen einen entsprechenden Verband an. 

Am 6. April schwoll infolge Emporgleitens der Befestigung 
•die Interdental-Papilla an, wodurch Schmerzen hervorgerufen 
wurden. Wir entfernen die haltenden Seidenfäden. 

Am 15. Oktober 1907 brachte Patientin ihr Söhnchen 
auf die Poliklinik, um ihm einen Zahn ziehen zu lassen, und 
erinnerte uns bei dieser Gelegenheit an ihren transplantierten 
Zahn, der vollständig eingeheilt war und nur durch seine 
Form verriet, dass er ursprünglich nicht zu ihrem Gebiss gehörte. 

Aus diesen und vielen anderen Fällen haben wir die 
Ueberzeugung geschöpft, dass wir mit diesen Experimenten 
ktine überflüssige Arbeit geleistet haben, denn es gibt wahrlich 
Fälle genug, wo man nur mit einer der Plantationsarten den 
Schmerz lindern und auch stillen kann, ohne den Zahn ent¬ 
fernen zu müssen, was sowohl vom kosmetischen Standpunkte 
als auch in gesundheitlicher Hinsicht nicht zu unterschätzen ist. 

Ausserdem spart man unter gewissen Umständen sehr 
viel Zeit, über die weder der Arzt noch der Patient allzu 
reichlich verfügt. 

Fassen wir das Gesagte zusammen, so finden wir, dass 
■das grosse Problem der Zahnplantationen noch nicht gänzlich 
gelöst ist, denn wenngleich last jeder Zahn 8 bis 4 Wochen 
nach der Operation festwächst, werden die Wurzeln, insbesondere 
bei einem Teil der Replantationen, nach einer gewissen Zeit 
autgesaugt. 


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70 


Doz. Dr. A. Rot hinan und Dr. G. Bilaskö, Budapest: 


Ueber die Implantation können wir auf Grund unserer 
Versuche keine bestimmte Meinung abgeben, denn es wollten 
sich ihr nur sehr wenige und auch nur dann unterziehen» 
wenn man ihnen einen sicheren Erfolg hätte in Aussicht stellen 
können. Ueberdies decken sich unsere Fälle von Reimplantation 
durchaus mit unseren Fällen von Implantation, denn die 
Wurzelbahn wird auch hier zum grössten Teil künstlich her- 
gestellt, und obschon die Ergebnisse gute sind, so ist doch 
die Zeit, die uns für die Beobachtung zur Verfügung stand, zu 
kurz, als dass wir uns in dieser Beziehung irgendwie ausser n 
könnten. Die Transplantation stellt sehr schöne Erfolge in 
Aussicht, noch dazu auch mit längst extrahierten Zähnen, was 
um so höher zu veranschlagen ist, als man wenigstens nicht 
gezwungen ist, wenn auch gegen hohen Lohn, seinen Nächsten 
eines gut funktionierenden und gegebenenfalls gesunden Zahnes 
zu berauben. 

Hinsichtlich der Heilung drängt sich auch die Frage auf, 
ob die Zähne jüngerer oder älterer Individuen leichter resorbiert 
werden und ob im Alveolus des jüngeren oder älteren Indivi¬ 
duums. Um diese Fragen beantworten zu können, reicht nicht 
einmal ein Menschenleben aus, und darum vermögen auch wir 
trotz aller bisher stattgehabten Versuche keinen unumstösslichen» 
unantastbaren Bescheid zu geben. Immerhin glauben wir nach 
unseren, einen Zeitraum von 7 Jahren umfassenden Beob¬ 
achtungen erklären zu dürfen, dass dank der mit den Plan¬ 
tationsversuchen erzielten Erfolge viele Menschen im Besitze 
solcher Zähne verblieben, die sie bereits für verloren hielten; 
anderseits gelang es uns, dem Publikum genügendes Vertrauen 
einzuflössen für den Fall, dass sich jemand zur Zahnplantation 
entschliesst. 

Dass wir gegenwärtig nicht mit einer grösseren Zahl von 
Versuchen auftreten können, hat seinen Grund in der Kürze 
unserer Ordination und in dem Mangel des erforderlichen 
Personals, noch mehr aber der materiellen Behelfe, die in 
Fällen wie der unserige eine sehr wichtige Rolle spielen. 

Wie jeder chirurgische Eingriff hat auch die Zahnplan¬ 
tation ihre Indikationen, und zwar: 

1. Replantation ist in jedem Falle angezeigt, wenn der 
Patient auf Extraktion besteht, den Zahn aber aus irgend 
einem Grunde zurückversetzt zu sehen wünscht. 2. Bei ner¬ 
vösen Individuen, die keinerlei Exkavation vertragen, so dass 
die konservative Behandlung des Zahnes im Munde zur Un¬ 
möglichkeit wird. 3. In Fällen von ausnehmender Empfind¬ 
lichkeit des Dentins, die durch keinerlei Anästheiika gedämpft 
werden kann. 4. Bei infolge traumatischer Einflüsse unver- 


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Ueber Plantationsversuche. 


71 


sehens entfernten Zähnen. 5. Bei gewalttätigen Zahnregulie¬ 
rungen, wenn der Zahn herausfallen will oder schon heraus¬ 
gefallen ist. 6. Und vielleicht auch bei Hämophilie. Diesbezüg¬ 
lich stehen uns indessen keine Daten zur Verfügung, denn 
die Blutung stellte sich zumeist spät ein und die Kranken 
meldeten sich erst, wenn sie schon viel Blut verloren halten 
und es nicht mehr ratsam war, durch Experimentieren noch 
mehr Zeit zu verlieren oder wenn wir den Zahn schon weg¬ 
geworfen hatten. Diese Indikation ist demnach noch zweifel¬ 
haft und wir erwähnen sie nur, um die Aufmerksamkeit auf 
sie zu lenken. 

Eine weitere Indikation ist die Möglichkeit, Zahnplan¬ 
tationen auf Wunsch des Patienten jederzeit vornehmen zu 
können. Nicht ratsam ist die Zahnversetzung im Oberkiefer 
unter der Highmorshöhle, wenn diese eitert oder die Knochen¬ 
schichte sehr dünn ist, so dass wir gelegentlich der Zahn¬ 
kanalanfertigung unversehens in die Höhle geraten könnten. 

Wie wir statistisch ausweisen, haben wir während einer 
7 jährigen Beobachtungszeit unter 174 Replantationen 86 Ge¬ 
heilte zu verzeichnen, die wir zum grossen Teil nach 2, 3, ja 
nach 7 Jahren wiedergesehen haben. Der grössere Teil meldete 
sich indessen nicht und in einem Bruchteile der Fälle mussten 
zumeist infolge Wurzelresorption die Zähne entfernt werden. 
Unter diesen sind 46 Replantationen ohne Wurzelfüllung zu 
erwähnen, deren Heilung einen geringeren Prozentsatz auf¬ 
weist wie jene mit Wurzelfüllung. Um den Unterschied zwischen 
diesen beiden Verfahren zu ergründen, benützten wir die Ge¬ 
legenheit, um bei einem 30 jährigen Manne die an Pulpitis 
acuta paitialis leidenden ersten und zweiten rechtsseitigen 
unteren Prämolariszähne zu gleicher Zeit und derart zu re- 
plantieren, dass wir den einen mit und den anderen ohne 
Wurzelfüllung zurückpflanzten. 1* * Jahre später konstatierten 
wir, dass der junge Mann an Caries alveolaris leide und der 
zweite Prämolar herausgefallen war, während der andere noch 
ganz feststeht, trotzdem er fast bis zur Wurzelspilze hinunter 
entblösst war. 

In welchem Masse die Wurzelfüllung das bessere Resultat 
gefördert hat, lässt sich aus diesem einzigen Falle nicht be¬ 
urteilen, denn gerade die nach den erwähnten 3 Wochen ge¬ 
heilte Replantation erfolgte ohne Wurzelfüllung; wohl blieb 
bei dieser noch ein Abscessus alv. chronicus in der Grösse 
eines Stecknadelkopfes bestehen, aber der Zahn sitzt voll¬ 
kommen fest. Wir wollen aus keinem dieser Fälle eine Lehre 
ableiten und erwähnen sie vorläufig nur als interessantes 
Moment. 


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72 


Doz. Dr. A. Rothman und Dr. G. Bilaskö, Budapest: 


Unter den Replantationen haben wir noch 7 Fälle, in 
denen wir bloss die Wurzel benützen konnten, und anslatt 
der Zahnkrone verwendeten wir die sogenannte Logankrone 
mit Zapfen. Ein Individuum liess sich den Zahn einen Tag 
nach der Replantation extrahieren, einer meldete sich nicht 
und bei den anderen heilte die replantierte Zahnwurzel ein. 
Sämtliche künstliche Kronen wurden noch vor der Replantation 
auf den Wurzeln befestigt. 

Unter den 8 Implantationen erfolgte eine mit einem 
künstlichen Zahn, d. h. wir stellten im Alveolus einen dem 
Zapfen der Logankrone entsprechenden Hohlraum her. Dies 
geschah indessen bei einem sehr ungeduldigen Kranken, der 
den Zahn 8 Wochen später, als er in der Provinz weilte, ent¬ 
fernen liess. Die übrigen Fälle betrafen Menschenzähne, und 
zwar wurde entweder die künstliche Krone auf einer mensch¬ 
lichen Zahnwurzel befestigt oder es erwies sich der ganze 
Zahn zur Implantation geeignet. Es waren keine frischen, 
sondern durchwegs längst extrahierte Zähne, die wir für diesen 
Zweck aufbewahrten. Die Implantationen betrafen zumeist die 
vorderen, d. h. Schneidezähne, fanden also auf dem für das 
Einheilen der Zähne am wenigsten günstigen Terrain statt. 
Von den betreffenden Patienten bekamen wir einen Teil nicht 
mehr zu Gesichte und bei einem anderen Teil waren die 
Wurzeln nach 2 Jahren aufgesaugt, so dass wir über keinen 
geheilten Fall berichten können. Bei den Reimplantalionen, 
die den ersteren vollkommen gleichwertig sind, waren wir 
schon mehr vom Glück begünstigt, denn von den 9 Fällen, 
die wir zii verzeichnen hatten, fielen bei 2 Individuen die 
Zähne nach 3 Monaten heraus, zweifellos infolge der grossen 
Ungeduld der Kranken; bei einem fiel der Zahn infolge 
traumatischer Einwirkung nach 2 Jahren heraus, bei einem 
50jährigen Individuum fiel er infolge fehlerhafter Artikulation 
2 Jahre nach stattgehabter Operation heraus, weil die Wurzeln 
aufgesaugt wurden; alle übrigen Fälle funktionieren tadellos; 
einer davon wird seit 3 Jahren von uns beobachtet. 

Was die transplantierten Zähne anbelangt, so hat noch 
keiner eine 2 jährige Beobachtungszeit erreicht, und obschon 
sich ihre Besitzer — mit Ausnahme eines einzigen, der sich 
nicht meldete — sehr wohl befinden, können wir noch kein 
Urteil abgeben. 

Damit haben wir den gedrängten Bericht über die Er¬ 
gebnisse unserer Versuche abgeschlossen, nicht aber die weiteren 
Experimente selbst, und überlassen unsere bescheidene Arbeit 
dem Urteil des freundlichen Lesers. 


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Ueber Plantatiousversuche. 


73 


Literatur. 

1. Scheff: Die Replantation der Zähne, 1890. 

2. Römer: Ueber die Replantation von Zähnen. Deutsche Monatsschrift für 
Zahnheilknnde, Jnli 1901. 

3. Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, Juli 1891. 

4. L6on Pr edel: Ueber Zahupflanzung. Oesterr.-ungar. Viert eljahrsschrift 
für Zahnheilkunde. Jänner, April und Jnli 1886. 

5. Dr. A. Sändor: Ueber Zahnplautation. Stomatologisches Journal, Sep¬ 
tember 1902. 


Gesamtsumme der Replantationen: 174. 


Dem Alter nach: 


Alter 

Ge¬ 

Pro¬ 

Nicht 

Pro¬ 

Nicht 

Pro¬ 

Summe 

Pro¬ 

heilt 

zent 

geheilt 

zent 

gemeldet 

zent 

zent 

10—20 

42 

2414 

8 

4*60 

34 

19-54 

84 

48-28 

21 — 30 

28 

16 09 

7 

403 

23 

13-21 

58 

3333 

31—40 

13 

749 

4 

2*29 

7 

402 

24 

1380 

41— nO 

2 

114 

1 

0*57 

3 

1-74 

6 

345 

51—63 

1 

0-57 

— 

— 

1 

0-57 

2 

1*14 

Summe 

8b 

4943 

20 

11-49 

b8 

39 0» 

174 

100 


# 

Dem 

Geschlecht nach 

: 



Ge¬ 

Ge¬ 

Pro- 

Nicht 

Pro¬ 

Nicht 

Pro¬ 

Summe 

Pro¬ 

schlecht 

heilt 

zent 

geheilt 

zent 

gemeldet 

zent 

zent 

Männer 

36 

20 69 

13 

7*47 

25 

15-52 

76 

43 68 

Frauen 

60 

28*74 

7 

4*02 

43 

23-56 

98 

56-32 

Summe 

86 

4943 

20 

11-49 

b8 

3908 

174 

100 



Den Zähnen 

nach: 




Zahne 

Ge¬ 

Pro¬ 

Nioht 

Pro¬ 

Nicht 

Pro¬ 

Summe 

Pro¬ 

heilt 

zent 

geheilt 

zent 

gemeldet 

zent 

zent 

Iuc. sup. r. 

6 

345 

3 

t-74 

1 

0-57 

10 

5-76 

* inf- 1. • 

2 

114 

1 

0-57 

— 

0 57 

4 

2-28 

„ sup. r. 

11 

6-34 

— 

— 

3 

1-74 

14 

808 

„ inf. r. 

1 

0-57 

— 

— 

2 

114 

3 

1 71 

Caninus r.. 

6 

345 

— 

— 

1 

— ■ 

6 

3-45 

„ inf. 

1 

0 67 

— 

— 

1 

057 

2 

114 

Praem. rup. 

21 

1206 

4 

2*29 

21 

1206 

46 

2641 

„ inf. 

8 

469 

4 

2*29 

9 

518 

21 

1206 

Molaris, r. . 

15 

863 

1 

0*57 

14 

804 

30 

17-24 

» inf. 

15 

8-63 

7 

4*03 

16 

9-21 

88 

21 87 

Summe 

8b 

49-43 

20 

11-49 

68 

3308 

174 

100 


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74 


Dr. Josef Lart-clmeider, Liuz a. d. Donau: 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Dis Theorie vom psteiprteo iotrafatären Bluttat Md ihre 

praktische Mv&m. 

Den Manen Dr. Ferdinand Tänzers gewidmet 

von 

Dr. JoseJ LartSchneider, Zahnarzt in Linz a. d. Donau. 

Das Aufblühen der Bakteriologie konnte nicht ohne Ein¬ 
fluss bleiben auf unsere Anschauungen über die Aetiologie und 
Pathologie der Pulpagangrän. 

Nach den Angaben Arkövys* beginnt der gangränöse 
Zerfall der Zahnpulpa immer an irgend einem peripheren 
Pulpazipfel, und zwar infolge „Einwanderung von Mikrokokken 
und wohlausgebildeten Bazillen“. Cie Einwanderung von 
Mikrokokken allein hat nach demselben Autor eine Pulpitis 
acuta septica und partialis zur Folge. Durch eine Demarkations¬ 
linie wird der nekrotische Teil der Pulpa von ihrem noch 
lebenden Anteil abgetrennt. Diese Demarkationslinie rückt 
immer weiter hinauf gegen das Foramen apicale, bis endlich 
die ganze Pulpa gangränös zerfallen ist (Gangraena pulpae 
totalis). 

Allerdings restringiert Arkövy schliesslich vorsichtiger¬ 
weise seine Lehre von der ausschliesslich infektiösen Aetiologie 
der Pulpagangrän. „Obschon es kaum anders anzunehmen ist, 
als dass der gangränöse Prozess an irgend einer Pulpaspitze, 
somit an einem partiellen Abschnitte der Pulpa zu Anfang 
infolge von Infektion und in vorher beschriebener Weise auf- 
tritt, so fehlt doch der Entzündungsvorgang als solcher samt 
den charakteristischen Symptomen in vielen Fällen .... kurz 
es fehlen sämtliche Erscheinungen der Entzündung gänzlich, 
und trotzdem ist man berechtigt, die Diagnose auf Gangraena 
pulpae totalis zu stellen 8 .“ 

13 Jahre später hat Arkövy 3 den „Bacillus gangraenae 
pulpae“ beschrieben. Durch Ueberimpfung desselben auf Pulpen 

1 Arkövy: Diagnostik der Zahnkrankheiten etc. Verlag von Ferdinand 
Enke, Stuttgart 1885, Seite 82. 

* Anmerkung I, 1. c. Seite 91. 

* Arkövy: Experimentelle Untersuchungen über Gangrän an der Zaliu- 
pulpa und Wundgangräu. Zentralblatt für Bakteriologie etc. Band XXIII. 


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Die Theorie vom gesteigerten iutradentären Blutdruck etc. 75 

gesunder Zähne, deren Pulpakammern zu diesem Zwecke 
eröffnet wurden, gelang es Arkövy und seinen Schülern 
Dobrzymecki und Hattyasy auf experimentellem Wege 
Pulpagangrän zu erzeugen. Diese Befunde wurden auch von 
■anderen Autoren (z. B. Zierlcr, Preiswerk) bestätigt. Aber 
schon Sieberth' hat betont, dass solche Versuche nicht 
beweiskräftig sind, denn Freilegung einer Pulpa wird auch 
ohne absichtliche Impfung in den weitaus meisten Fällen 
Gangrän zur Folge haben. Ueberhaupt ist seither der Glaube 
an die Existenz eines Bacillus gangraena pulpae stark er¬ 
schüttert worden. 

Die Anschauungen Arkövys über das Wesen der Pulpa¬ 
gangrän haben mittlerweile in alle Lehrbücher der Zahnheil¬ 
kunde Eingang gefunden. Dabei ist auffallend, wie kurz in 
neuerer Zeit gewöhnlich das Kapitel Pulpagangrän abgetan 
wird. Man verlässt sich schon ganz auf die Mikroorganismen. 
Je nach der Art der in die Pulpa eingewanderten Mikro¬ 
organismen kommt es bald zur Entzündung, bald zu Gangrän 
der Pulpa. So ist man schliesslich auf dem Standpunkte an¬ 
gelangt, dass „die Gangrän der Pulpa nur eine besondere, 
durch spezifische Erreger bedingte Form der Phlegmone ist“ 
(Guido Fischer*) und „dass die gangränös Vorgefundene Pulpa 
seinerzeit immer einer Streptokokkeninfektion erlegen ist und 
erst nachträglich durch den Hinzutritt von Fäulnisbakterien zu 
faulen beginnt“ (Mayrhofer 3 ). Ja nach Guido Fischer hängt 
die Frage, ob Gangrän oder Abszess der Pulpa, überhaupt nicht 
so sehr von der Art der eingewanderlen Mikroorganismen ab, 
als vielmehr von dem Zufalle, ob das betroffene Individuum an 
Tuberkulose, Syphilis, Diabetes, pernigiöse Anämie, Leukomie, 
Chlorose, Masern, Influenza, Sepsis usw. leidet. 

Aber schon macht sich eine gegen diese Ansichten ge¬ 
richtete Strömung geltend. Beachtenswert in dieser Hinsicht ist 
die Arbeit Montigels 4 . 

„Alle diese Erörterungen namentlich die positiven Be¬ 
funde Rodellas und Baumgartners machen es wahr¬ 
scheinlich, dass wir in der Pulpagangrän einen ähnlichen Prozess 
zu erblicken haben wie in der chirurgischen Gangrän und 
nicht, wie Mayrhofer und andere vor ihm geäussert, ein 

'Sieberth: Die Mikroorganismen der kranken Zahnpulpa. Inaugural¬ 
dissertation, Erlangen 1900. 

* Deutsche Zahnheilkunde in Vorträgen, Heft 7/9, Leipzig 1908, Seite 43 
und 44. 

5 Mayrhofer: Prinzipien einer rationellen Therapie der Pulpagangrän 
etc. Gustav Fischer, Jena 1909, Seite 68. 

4 Schweizerische Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 19o9, Heft 2. 


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76 


Dr. Juset LarDcbneider, Liuz a d. Donau: 


Geschwür der Pulpa. Gewiss liegt immer dann ein Geschwür 
vor, wo die Pulpa nach Eröffnung des Kavum mehr oder 
weniger rasch zerfällt, und hieher gehören auch die granu¬ 
lierenden Pulpitiden, die sogenannten Pulpapolypen. Ob aber 
bei nichteröffneter Pulpahöhle ein gangränöser Zerfall nicht' 
oft als Analogon zur chirurgischen Gangrän aufzufassen ist?“ 
Montigel führt da auf den Pfad zurück, den uns 
Albrecht 1 , der Begründer der Pulpapathologie schon vor 
mehr als 50 Jahren gewiesen hat: „Die Pulpa ist ein erektiles, 
jedoch von knöchernen W änden umschlossenes Organ, das je 
nach der Reichlichkeit der Zufuhr durch den Gefässapparat 
seine Höhle mehr oder weniger knapp ausfüllt. Die Zahnpulpa 
ist wie jedes Organ, das mit Gefässen versehen ist, der Ent¬ 
zündung unterworfen und bietet keine abweichenden Er¬ 
scheinungen im pathologischen Prozesse selbst dar, doch treten 
im Verlaufe desselben Modifikationen ein, die durch die Be¬ 
schaffenheit der benachbarten Teile bedingt werden. Da die 
Pulpa in eine feste Höhle von allen Seiten eingeschlossen ist. 
so vermag sie nicht ein gewisses Mass von Anschwellung zu 
überschreiten .... Es ergibt sich hieraus, dass es von prak¬ 
tischer Bedeutung ist, ob man es mit einer Pulpaentzündung bei 
geöffneter oder geschlossener Höhle zu tun hat. Während 
im letzten Falle der eben angegebene Verlauf in grösserer 
oder geringerer Ausbreitung Platz greift und mit Vernichlung 
der ganzen Pulpa und des Dentins endet, beschränkt sich 
bei geöffneter Höhle der Prozess meist auf einen geringen 
Teil, auf die blossgelegte Stelle und ihre Umgebung, und ruft 
selten ein vollkommenes Absterben hervor.“ 

Mit diesen Sätzen, die anscheinend vollständiger Vergessen¬ 
heit anheimgefallen sind, hat Albrecht die mechanischen 
Momente festgelegt, welche in manchen Fällen von Pulpa¬ 
gangrän ausschliesslich massgebend sind. Ihre vollständige 
Ausserachtlassung und das Bestreben, jeden Gangränfall nur 
von bakteriellen Gesichtspunkten aus zu beurteilen, kann zu 
Missgriffen führen. 

Einen Beweis hiefür liefern jene Fälle von Pulpagangrän, 
welche bei äusserlich vollständig intakten Zähnen Vorkommen. 
Glaubte man doch dieselben auf eine Einwanderung von im 
Blute des betreffenden Individuums kreisenden Mikroorganismen 
zuiückführen zu müssen — eine Annahme, welche bald und 
mit Recht zurückgewiesen wurde (Sieberth, Part sch*). 

1 „Die Kiankheiten der Zabnpulpa“ von Eduard Albrecht. Berliiv 
1858, Peters. 

J Diesbezüglich stellt sich Preis werk auf einen ganz besonderen 
Standpunkt: „Bei Gangrän in verschlossenen Zähnen müssen wir als Er- 


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Die Theorie vom gesteigerten intradentären Blutdruck et«. 


77 


Das Auftreten von Pulpagangrän bei äusserlich ganz un¬ 
versehrten Zähnen können wir uns ätiologisch am einfachsten 
erklären, wenn wir auf die ältere Literatur (Albrecht, 
Baume, VVedl etc.) zurückgreifen. 

Im Billroth und Pitha 1 (1866) z. B. finden sich dies¬ 
bezüglich folgende Angaben: „Doch kommt eine Entzündung der 
Pulpa auch zuweilen selbständig bei ganz gesunden Zähnen 
oder häufiger bei noch nicht eröffneter innerer Zahnhöhle vor, 
wobei dann freilich der Verlauf intensiver, akuter ist und ge¬ 
wöhnlich nekrotisches Absterben der Pulpa und infolgedessen 
des ganzen Zahnes die Folge zu sein pflegt. Die Pulpa ist 
geschwollen, sehr blutreich, ihre Zellen sind in lebhafter Wuche¬ 
rung begriffen und können Eiter produzieren, wobei sich die 
Zahnsubstanz von innen her auflöst und grau wird, oder bei 
raschem Verlaufe eine Art Einklemmung der Pulpa 
und infolge derselben ihr Absterben und das 
des Zahnes entsteht. In anderen Fällen findet der Eiter 
durch die Wurzel seinen Ausweg und erregt eine sekundäre 
Entzündung der Alveolarhaut, die auch auf die Aussenseite 
der Zahnforlsätze übergehen kann. Liegt die Pulpa, bloss so 
beschränkt sich die Entzündung gewöhnlich auf die blossgelegte 
Stelle und der Eiter findet seinen Abfluss nach aussen, so dass 
die Erscheinungen und der Verlauf weniger intensiv zu sein 
pflegen. “ 

Das ist ja eigentlich schon eine auf gesun¬ 
den und medizinisch wohlbegründeten Grund¬ 
lagen auf gebaute Theorie vom „intradentären 
Blutdruck“ und „Pulpatod durch Gewebspressung“. 

Je enger das Foramen apicale und der Wurzelkanal ist, 
desto leichter kann die Pulpa solchen Zufällen erliegen, wenn 
auch der betreffende Zahn anscheinend ganz gesund ist. Solche 
üble Zufälle werden, wie Partsch betont, am öftesten an 
den Schneidezähnen des Unterkiefers beobachtet. 

Aber auch an ganz intakten seitlichen Schneidezähnen 
des Oberkiefers habe ich einige Male Pulpagangrän be- 


klärung die Tatsache zu Hilfe nehmen (die ich in einem früheren Kapitel, 
als auf eigeuer Untersuchung basierend, hiugestellt habe), dass, wie im 
übrigen gesunden Gewebe des menschlichen Organismus, auch in der ge¬ 
sunden Pulpa Mikroorganismen zirkulieren“. (Preiswerk: Lehrbuch und 
Atlas der Zahnheilkunde mit Einschluss der Mundkraukheiteu. München, 
Lehmanns Verlag, 1903, Seite 279.) 

1 Handbuch der allgemeinen und speziellen Chirurgie, III. Baud, I. Ab¬ 
teilung, 2. Lieferung: 0. Weber, Die Krankheiten der Zähne und Zahn¬ 
operationen. (Seite 238 u. 239.) 


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78 


Dr. Josef Lartschneider, Linz a. d. Donau: 


obachtel 1 2 . Auch die von Tänzer* angeführten Krankenge¬ 
schichten betreffen zum grössten Teile seitlich obere Schneide¬ 
zähne. 

Diese Tatsachen sind nicht auf blosse Zufälligkeiten 
zurückzuführen. Schon Mühlreiter hat darauf hingewiesen, 
dass bei unteren Schneidezähnen die Pulpakammer meistens 
in zwei feine Wurzelkanäle ausläuft, .die sich erst an der 
Wurzelspitze wieder zu einem gemeinsamen Foramen apicale 
vereinigen. Guido Fischer 3 4 konnte dies an 36 untersuchten 
unteren Schneidezähnen zwanzigmal bestätigen. An den 
Wurzelkanälen oberer, insbesonders seitlicher oberer 
Schneidezähne konnte derselbe Autor nicht selten zarte Rami- 
fikationen und Fiederchen beobachten. Also die an und für 
sich zarten Wurzelkanäle unterer und seitlicher oberer 
Schneidezähne verästeln sich noch häufig zu zarten Fiederchen. 

„Gerade an den Schneidezähnen scheinen besondere trau 
matische Einwirkungen: Stoss gegen die Zähne, festes Auf- 
beissen auf harte Gegenstände, Festhalten harter Gegenstände 
mit den Zähnen, wie es bei einzelnen Gewerben, z. B. Tape¬ 
zierern und Näherinnen gewohnheitsmässig ausgeführt wird, 
eine erhebliche Rolle bei dem Zerfall der Pulpa zu spielen.“ 
(Part sch*.) 

Es braucht bei solchen Traumen gar nicht zu Zeireissungen 
der zarten Pulpafäden und zu Blutungen in das Zahnmark zu 
kommen, wie Part sch aünimmt. Meines Erachtens genügt die 
bei schweren traumatischen Einwirkungen auftretende Hyperämie 


1 Erst vor kurzem kam ein junger Arzt mit prachtvollem Gebiss 
wegen rasender Schmerzen im linken Oberkiefer zu mir. Die Schmerzen 
steigerten sich auf heiss und kalt oder beim Lufteinziehen bis zur Uner¬ 
träglichkeit. Auf Beklopfen waren mehrere Zähne leicht empfindlich. Schon 
bei der zweiten Untersuchung habe ich dem Patienten die Trepanation des 
anscheinend ganz intakten linken oberen seitlichen Schneidezahnes vor¬ 
geschlagen. Er konnte sich mehrere Wochen nicht dazu entschliessen — 
schob das ganze Lei ieu auf eine Trigeminusneuralgie — bis er nach fünf 
schmerzreichen Wochen wiederkam, mit der Meldung, dass der linke obere 
seitliche Schneidezahu grau werde. Tatsächlich war die Verfärbung dieses 
Zahnes auffallend. Die sofort vorgenommeue Trepanation durch das Foramen 
coecum war vollständig schmerzlos, nur bei der Extraktion der lividen 
bräunlich verfärbten, geruchlosen Pulpa hat der Patient „ganz oben“ — offen¬ 
bar am Foramen apicale — etwas Schmerzen gespült. Die Schmerzen waren 
sofort nach diesem Eingriffe behoben. 

2 F. Tänzer: Meine Theorie vom gesteigerten „intradentären“ Blut¬ 
druck. Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, 1908, Heft 4. 

3 Deutsche Zahnheilkunde in Vorträgen (Adolf Witzei), 1908, Heft 4 u. 5. 

4 Partsch: Ueber den Zerfall des Zahnwerkes, Deutsche Monats¬ 
schrift für Zabnheilkunde (1904, Juliheft), und Die Kinnfistel, Korrespondenz¬ 
blatt für Zahnheilkunde (Band XXXIV, Heft 1). 


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Die Theorie vom gesteigerten intradentären Blutdruck etc. 79 

der Pulpafäden, um bei den gegebenen äusserst ungünstigen 
Raumverhältnissen Pulpatod zu verursachen. Die Worte des 
Kollegen Landgraf': „Solche rein kongestive Hyperämien 
finden im Organismus immer ihren Ausgleich und es wäre ein 
Jammer, wenn dem nicht so wäre“, möchte ich nicht unter¬ 
schreiben. 

„Im Wurzelkanale kann man bei Hyperämie der Pulpa, 
namentlich an Querschnitten, sowohl Arterien als Venen er¬ 
weitert, mit Blut erfüllt sehen. Die Kronenpulpa schliesst starke 
Gefässe in sich. Die Blutkörperchen liegen in ihnen so dicht 
aneinander, dass man den Eindruck gewinnt, hier müsse jede 
Zirkulation aufhören, der Rückfluss des Blutes wird zur Un¬ 
möglichkeit.“ (Wedl 8 .) 

Die Pulpagefässe, sowohl die zuführenden als auch die 
abführenden, werden schliesslich am Foramen apicale voll¬ 
ständig abgeschnürt 1 2 3 . Die Pulpa ist jetzt tot, sie ist me¬ 
chanischen Schädigungen erlegen (Inkarzeration!) und be¬ 
findet sich in einem Zustand, den die Chirurgen als „Nekrose“ 
oder „Gangrän“ bezeichnen. Das Foramen apicale ist zum 
Inkarzerationsringe geworden, dort ist die Demar¬ 
kationslinie gelegen, durch welche die tote, gangränöse 
Pulpa vom lebenden Gewebe abgetrennt wird. 

Dementsprechend ist auch die gangränöse Pulpa als 
ausserhalb des Organismus gelegen zu betrachten, trotzdem 
der Zahn selbst noch in der Alveole steckt und sogar noch 
durch vom Periodontium übertretende Gefässe und Nerven, 
wenn auch nur teilweise, ernährt wird. Es bleibt daher für 
das betreffende Individuum auch gleichgültig, was jetzt in der 
toten Pulpa vorgeht, ob es zur Einwanderung von Mikroorga¬ 
nismen kommt oder nicht, solange wenigstens, als es nicht 
an der Demarkationslinie zum Uebertritt von pathogenen 
Stoffen in den Gesamtorganismus kommt! 

Jedenfalls aber können auch bei anscheinend 
ganz intakten Zähnen Mikroorganismen bis zur 
toten Pulpa Vordringen. Wenn die Pulpa tot ist, sind 
auch ihre in die Dentinkanälchen hineinragenden Fortsätze, 
die Tomes'schen Fasern, tot. Die Ernährung und die Bildung 

1 Landgraf: Ueber das spontane Absterben der Pulpen, Deutsche 
Monatsschrift für Zahnheilkunde. (Ib09, Heft 5.) 

2 Wedl: Band ir, Entzündung der Zahnpulpa. 

3 Dabei ist es gauz gleichgültig ob die Pulpa Lymphgefässe besitzt 
oder nicht, denn sie werden ebenso abgeschnürt wie die Blutgefässe. Guido 
Fischer hat in der Pulpa vorkommende Lymphspalten nachgewiesen. Die 
bisher allgemein verbreitete Ansicht vom Fehlen jeglicher Lymphapparate im 
Zahnmarke war ebenso unwahrscheinlich als unbegründet. 


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80 Dr. Lartschueider: Die Theorie vom gesteigerten intradentären Blutdruck. 


von Ersalzdenlin ist an solchen Zähnen vollständig aufge¬ 
hoben. Der schützende Emailüberzug bekommt zahlreiche 
Sprünge und wird an den Kauflächen abgeschliffen. Die 
nekrotische Pulpa tritt an den Schlifflächen und am ent- 
blössten Zahnhalse durch die Dentinröhrchen mit der Aussen- 
welt in Verbindung. Seit den Untersuchungen Sieberths 
wissen wir, dass das Dentin für Streptokokken durchgängig ist 
und Baumgartner' fand im Wurzelhohlraum eines Zahnes, 
dessen Krone völlig intakt, dessen Zahnhals aber teilweise vom 
Zahnfleisch entblösst war, fusiforme Bazillen und Spirochäten. 
Sicher sind gesunde Tomes’sche Fasern der beste Schutz gegen 
Baklerieneinwanderung. 

Es wäre noch die Frage zu erörtern, ob Schwankungen 
des intradentären Blutdruckes lediglich durch lokale Ein¬ 
wirkungen hervorgerufen werden können, oder ob sich Blut¬ 
druckschwankungen des Gesamt Organismus auch auf die 
Zahnpulpen fortpflanzen. 

Nach Al brecht kommen folgende „allgemeine Körper¬ 
zustände“ als Ursachen intradentärer Blutdruckschwankungen 
in Betracht: Schwangerschaft, beginnende Pubertät, Blutleere, 
chronische Gebärmuttei leiden, allgemeine Plethora, Hämorrhois, 
chronische Stuhlverstopfung, Geschwülste in den Unterleibs¬ 
organen und endlich der Gebrauch eisenhaltiger Mineralwässer. 

Die Annahme, dass eine Steigerung der zirkulatorischen 
Tätigkeit des Gesamtorganismus auch eine Steigerung des in¬ 
tradentären Blutdruckes in sämtlichen Zähnen des be¬ 
treffenden Individuums nach sich zieht, ist gewiss gerechtfertigt. 
Nur werden sich Blutdruckschwankungen nicht, wie Land¬ 
graf annimmt, an allen Zähnen in gleicher Weise 
äussern. Am gefährlichsten sind kongestive Zustände, wie schon 
erwähnt und begründet wurde, für die seitlichen oberen 
und für die unteren Schneidezähne. 

Dr. Ferdinand Tänzer hat als erster auf die Folgen 
des gesteigeiten intradentären Blutdruckes aufmerksam gemacht. 
Es ist dies ein bleibendes Verdienst unseres auf so tragische 
Weise aus dem Leben geschiedenen Tänzer. In ihm haben 
wir österreichische Zahnärzte einen unserer liebenswürdigsten 
und bedeutendsten Kollegen verloren! 


1 OeMerr-nn-.-r Vierieijalusschnft für Zahnheilkunde, 1908. Heft II. 
und 1909, Heft II. 


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Dr. Zsigmondy: Die Kieferbau-Örundlageu des anomalen Arcus dentium ete. 81 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Die Kieferbas-Mlap äts aaanalei Areas Mm nt 
Rücksicht auf die OdoaMopdie. 

Von Dr. Otto Zsigmondy , Zahnarzt in Wien. 

Referat für den XVT. Internationalen medizinischen Kongress in Budapest 
erstattet am 30. Angnst 1909. 

Vom Komitee des XVI. Internationalen medizinischen 
Kongresses aufgefordert, über die Kieferbau-Grundlagen des 
anomalen Arcus dentium mit Rücksicht auf die Odontorthopädie 
ein Referat zu erstatten, möchte ich mir vor allem erlauben, 
meine Aufgabe näher zu präzisieren. Als Ursachen sowohl der 
regulären als der anomalen Entwicklung des Zahnbogens hat 
man die Einwirkung von zweierlei Arten von Kräften anzu¬ 
sehen, die sich am zweckmässigsten sondern lassen in innere 
physiologische, die frühen Entwicklungsepochen beherrschende 
und in äussere, mechanische, die hauptsächlich erst nach dem 
Durchbruch der Zähne zur Geltung kommen. Es obliegt mir 
speziell, mich wesentlich auf die Wirkungen der ersteren zu 
beschränken, während die letzteren, an welche naturgemäss 
die Folgerungen für die odontorthopädische Therapie sich an- 
zuschliessen hätten, von dem Herrn Korreferenten behandelt 
werden sollen. Bei dem ganz erstaunlichen Aufschwünge, den 
die Odontorthopädie in den letzten Jahren genommen, konnte 
es nicht ausbleiben, dass der Art und Weise, wie der anomale 
Zahnbogen zustande kommt, eine immer grössere Aufmerk¬ 
samkeit zugewendet werde. Dass das Studium der Ab¬ 
weichungen von der Norm eine genaue Kenntnis des stufen¬ 
weisen regulären Entwicklungsganges der Kiefer zur Voraus¬ 
setzung hat und von da aus erst richtig beurteilt werden kann, 
braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Leider be¬ 
sitzen wir auch gegenwärtig noch nicht einen tieferen Einblick 
in den ausgedehnten Komplex jener Vorgänge, deren End¬ 
resultat eben die Ausgestaltung eines regelmässigen Zahnbogens 
ist; die Meinungen sind bei den grossen, der Untersuchung 
entgegenstehenden Schwierigkeiten noch in vielfacher Hinsicht 
nicht genügend geklärt und selbst verhältnismässig einfache 
Fragen noch nicht in wünschenswert übereinstimmender Weise 
beantwortet. Als Hauptgrund, warum unsere Kenntnis in dieser 
Beziehung noch nicht weiter vorgeschritten ist, muss die Un- 

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82 


Dr. Otto Zsigmondy, Wien: 


Möglichkeit betrachtet werden, einen und denselben kindlichen 
Kiefer in den verschiedenen Entwicklungsstadien zu unter¬ 
suchen, was zur Folge hat, dass man sich begnügen muss, 
die sukzessiven Stufen der Ausbildung an verschiedenen ma¬ 
zerierten Kiefern verschiedenen Alters zu erforschen. Nament¬ 
lich gilt dies für die erste Zeit der Entwicklung, in welcher 
noch die Zähne im Kiefer eingeschlossen sind. In der späteren 
Epoche, in welcher die Zähne bereits durchgebrochen, kann 
man durch Anfertigung von Gipsmodellen die äusserlich sicht¬ 
baren Momente des Entwicklungsganges bei einem und dem¬ 
selben Mund in der erforderlich genauen Weise zur Darstellung 
bringen und hat damit ein Hilfsmittel an der Hand, jene 
Reihe von fortschreitenden Veränderungen in der Form und 
in den wechselseitigen Verhältnissen zwischen den ver¬ 
schiedenen Teilen des Kiefers genauer zu verfolgen, welche 
endlich zur normalen Ausgestaltung und Anordnung des Zahn¬ 
bogens führen. 

Wenn im Nachfolgenden versucht werden soll, eine, 
freilich durchaus keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebende 
Darstellung des gegenwärtigen Standes unserer Kenntnisse 
über das Entstehen des anomalen Arcus dentium zu geben, 
so dürfte es sich bei der Fülle von Momenten, durch deren 
richtiges Zusammengreifen es erst bewirkt wird, dass ein nor¬ 
males Gebiss zustande kommt, zunächst empfehlen, nach 
solchen Gesichtspunkten zu suchen, die es ermöglichen, die 
Abweichungen von dieser typischen Art und Weise des 
Wachstums, die während des ganzen Verlaufes der Entwicklung 
von den mannigfaltigsten Umständen veranlasst werden 
können, in gewisse Gruppen zu bringen. Die Abweichungen 
von der Norm können in solche geschieden werden, welche 
nur die Zähne und den Processus alveolaris betreffen und in 
solche, welche die ganze Kiefergrundlage des lttzteren ver¬ 
ändern; diese werden, da sie grösseren Umfang besitzen, auch 
schon früher in ihren Erscheinungen sich manifestieren. Es ist 
klar, dass eine derartige Einteilung nur der Uebersichtlichkeit 
wegen aufgestellt wird, sowie dass eine Menge von unmerk¬ 
lichen Uebergängen von einer Gruppe zur anderen besteht, was 
sich darin begründet, dass eine schroffe Trennung zwischen 
dem Wachstum des Kieferkörpers und dem des Zahnfortsatzes 
nicht vorhanden ist. Damit den Bedingungen entsprochen 
werde, unter denen ein normales Gebiss entstehen kann, muss 
vorerst ein jeder der beiden Kiefer im richtigen Mass- und 
Lageverhältnis zu den übrigen Partien des Schädels sich ent¬ 
wickeln. Die Kiefer dürfen im Vergleiche zu diesen letzteren 
nicht zu weit vor- und nicht zu weit zurückstehen; sie dürfen 


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Die Kieferb&u-Grundlagen des anomalen Arcns dentium etc. 


83 


hinsichtlich ihrer Höhe nicht zu stark und nicht zu schwach, 
hinsichtlich ihres Querdurchmessers wieder nicht zu breit und 
nicht zu schmal entwickelt sein; sie müssen auch in bezug 
•auf die Symmetrieebene des Körpers sich gleichmässig ver¬ 
halten. 

Ferner ist es nötig, dass die beiden Kiefer in dem richtigen 
Mass- und Lageverhältnis zueinander sich entwickeln. Fälle, 
in denen dies nicht geschieht, werden von einer Anomalie, der 
Harmose (Okklusion) bedroht sein und ist diese Abweichung 
vom Normalen geradeso wie die zuerst angegebene meist schon 
im Milchgebisse ausgeprägt. 

Neben dem, dass diesen Bedingungen entsprochen werde, 
ist zur Ausbildung eines normalen Gebisses selbstverständlich 
in erster Linie noch nötig, dass auch die Entwicklung aller 
Abschnitte des Alveolarprozesses auf den normalen Kiefer¬ 
grundlagen in den entsprechenden Mass- und Lageverhält¬ 
nissen erfolgt, damit durch das reguläre Aufeinandertreffen der 
Zähne, beziehungsweise die richtige Harmose ihrer Kauflächen 
■der Endzweck des Gebisses, seine volle Funktionsfähigkeit er¬ 
reicht werde. 

Es soll nun mit der Besprechung jener Gruppe von 
Fällen begonnen werden, welche die richtigen Proportionen des 
Wachstums der Kieferkörper im Verhältnis zu den übrigen 
Schädelteilen vermissen lassen. Die Einflüsse, welche hieher 
gehöiige Kieferdeformitäten zur Folge haben, können schon 
sehr frühe in der Embryonalzeit beginnen. So hat Preiswerk- 
Maggi 1 darauf hingewiesen, dass, wie eine Hemmung der 
normalen Verschmelzung der Oberkieferfortsätze und des mitt¬ 
leren Nasen fort satzes des primitiven Gesichtes die bekannten 
Spaltbildungen im Bereiche des Oberkiefers hervorruft, eine 
Wachstumsverminderung der betreffenden Gebilde verschiedene 
Störungen anderer Art nach sich ziehen könnte. Bei Be¬ 
einträchtigung der normalen Entwicklung des mittleren Nasen¬ 
fortsatzes entsteht eine Verkümmeiung des Zwischenkiefers, 
was ausser der Reduktion von Zähnen, Verkleinerung und Ver¬ 
schmälerung des Zahnbogens und eventuell Opisthognathie be¬ 
dingt. Entwickelten sich der mittlere Nasenfortsatz und die 
Oberkieferfortsätze in unharmonischer Weise, so kämen Ver¬ 
werfungen im Gebiete der Eckzähne zustande. 

Auch die Verengerung der Nasenwege, welche später das 
den Odontorthopäden so vielfach beschäftigende Mundatmen 
hervorruft, dürfte in manchen Fällen auf eine mit anderen 


1908, 


• 9 Preiswerk-Maggi: Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkuude, 
p. 32. 

6 * 


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84 


Dr. Otto Zsigmondy, Wien: 


Momenten parallel gehende Verminderung oder anomale Art 
des Wachstums der Gaumenfortsätze des Oberkiefers im Be¬ 
reiche der Gaumennaht zurückzuführen sein. Auf einer eben¬ 
falls aus einer frühen Entwicklungsepoche datierenden stärkeren 
Ausbildung der Kiefergrundlagen könnte ferner das Vor¬ 
geschobensein der oberen Frontzähne (Krone und Wurzel um¬ 
fassend) beruhen, welches wir bei den prognathen Rassen als 
Norm, bei den kaukasischen als Ausnahme treffen. Die Frage, 
ob etwa ein längeres Persistieren der Zwischenkiefernaht bei 
ersteren Rassen hiebei eine Rolle spiele, hat G. S. To nies* 
beschäftigt, er konnte aber mangels des erforderlichen Materials 
an den hiezu nötigen kindlichen Schädeln zu keinem Resultate 
gelangen. Tom es weist übrigens daraufhin, dass, wenn eine 
derartige Naht auch zurückbleibe, man daraus noch nicht 
folgern dürfe, dass auch ein Wachstum in ihrem Bereiche 
weiter vor sich gehe. Es gibt genug Nähte, welche Nähte 
bleiben, ohne dass an ihnen der Knochen weiter wächst. Ein 
Wachstum im Bereiche der Fissura incisiva dürfte übrigens — 
nach Meinung des Referenten — auf die frühesten Ent¬ 
wicklungsstadien beschränkt sein, da man beim Menschen schon 
in den ersten Lebensmonaten keine Spur mehr von der Naht 
auf der fazialen Fläche des Oberkiefers entdecken kann. Be¬ 
hufs Erklärung der im Laufe der Entwicklung sich voll¬ 
ziehenden Umformung der Kiefer genügt auch vollkommen die 
Annahme eines appositionellen Knochenwachstums. Durch 
Apposition und Resorption von Knochen an den entsprechenden 
Stellen der Aussenseite und im Innern der Alveolen wird die 
Lageveränderung der Zahnkeime und späteren Zähne ver¬ 
ständlich, ohne dass man es nötig hätte, zur Hypothese eines 
interstitiellen Knochenwachstums zu greifen. 

Wenn auch gewisse Rassenunierschiede in bezug auf die 
Formen der Kiefer wie auch auf ihre Lage zu den übrigen 
Schädelteilen schon von vorneherein in bestimmter Weise an¬ 
gelegt sein mögen, so ist doch nicht zu verkennen, dass der 
Kieferkörper seine schliessliche Gestaltung erst in einem 
späteren Stadium der Entwicklung erlangt. Beim Neugebo¬ 
renen überwiegt der Anteil des Processus ulveolaris weitaus 
jenen des Kieferkörpers; im Oberkiefer reichen zu dieser Zeit 
die Alveolen bis an den Orbitalboden; im Unterkiefer erscheint 
die Basis gegenüber dem Zahnfortsatz nur als dünne Leiste 
und erst später wird durch Anlagerung von Knochensubstanz 
an der Fazialwand und am unteren Kieferrande die Promi- 


1 C. 8. Tomes: Transactions of the Odontolog. Society of Great 
Biitaiu, 1892, p 155 


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Die Kieferbau-Grundlagen des anomalen Arcus dentium etc. 


85 


nentia mentalis gebildet. In jenen Fällen, in welchen hier die 
Apposition des Hartgewebes nicht in genügendem Masse statt¬ 
hat, wird ein Zurücktreten des Kinnes im Verhältnis zu einem 
etwa normal ausgebildeten Zahnfortsatz die Folge sein, wäh¬ 
rend ein Uebermass in dieser Beziehung ein zu starkes Vor¬ 
springen des Kinnes bewirkt, für welchen Zustand — nebenbei 
bemerkt — allein der Name „Progenie“ reserviert bleiben 
sollte. Die definitive Gestaltung des Kinns, dieses bei Be¬ 
urteilung des Profils für den Odontorthopäden so wichtigen 
Gesichtsteils vollzieht sich erst in den ersten Lebensjahren und 
hat ihren Abschluss zu jener Zeit gefunden, in der die perma¬ 
nenten Mittelschneidezähne des Unterkiefers zum Durchbruch 
sich anschicken. 

Pathologisch-mechanische Einflüsse, welche sich im Laufe 
der Entwicklung der Kiefer geltend machen, können auf die 
Form dieser umbildend einwirken; so wird bei Vergrösserung 
der Zunge durch vermehrten Druck von der Mundhöhle her, 
bei ausgedehnter und tiefgreifender Narbenbildung in der Haut 
des Kinns durch Zug von aussen her, eine Deformierung des 
Unterkiefers und des von ihm getragenen Zahnbogens zu¬ 
stande gebracht werden können, wodurch dann die topischen 
Beziehungen der beiden Kiefer zu einander gestört sind. In 
manchen Fällen von geringeren Graden des Missverhältnisses 
der beiden Kiefer kann, wenn sonst die Bedingungen hiefür 
vorhanden sind, durch eine entsprechende Inversion des Pro¬ 
cessus alveolaris des einen und eine Eversion jenes des andern 
Kiefers ein gewisser Ausgleich hergestellt werden. Meistens 
wird aber eine auch nur einigermassen befriedigende Har- 
mose der beiden Zahnreihen nicht zustande kommen, wie 
dies auch der Fall ist bei der Opharmose (offener Biss). Dass 
mechanische Insulte beim Zustandekommen des letzteren einen 
wichtigen Teil haben können, bezeugt Walkhoff,' der ein 
offenes Gebiss abbildet, dessen Entstehen auf einen schweren 
Fall im 2. Lebensjahre zurückgeführt werden konnte, sowie 
die Darlegungen L. S. Ghilcotts* über die möglichen Folgen 
einer speziellen Lage des Fötus bei der Geburt. 

Während der Kieferbogen in gleichmässiger Weise vom 
Beginn der Ossifikation bis zur Erlangung seiner völligen 
Grösse ohne merkbare Unterbrechung sich entwickelt, ist dies 
bei seinem die Zähne tragenden Fortsatz keineswegs der Fall. 


1 0. Wa 1 k h o f f: Die Unregelmässigkeiten in den Zahnstellungen, 
Leipzig 1891, p. 9. 

* L. S. C h i 1 e o 11: Obstetrical Deforraity of tbe mandible. Dental 
Oosmos, 1906, p. 257. 


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Dr. Otto Zaiguiondy, Wien: 


Das Knochengerüste des letzteren baut sich um die verkalkenden 
temporären Zähne herum auf; wird teilweise resorbiert, um 
den Durchbruch dieser zu gestatten, baut sich wieder um ihre 
Wurzeln herum auf; abermals resorbiert um den Kronen der 
permanenten Zähne Durchlass zu gewähren, wird es endlich 
um die Wurzeln der permanenten Zähne herum definitiv auf¬ 
gebaut. Ein bedeutendes Wachstum der den Milchzahnsalz 
tragenden vordem Kieferpaitie findet nach allen Dimensionen 
in den ersten Lebensmonaten statt; nach dem Durchbruch der 
Milchzähne tritt wieder für eine Zeit ein relativer Stillstand 
ein (Wedl). Wenn dieses Wachstum nicht stattfände, so- 
könnten die Milchzähne nicht in normaler Art durchbrechen. 
Im Kiefer des Neugeborenen ist die Anordnung der Milchzahn¬ 
kronen noch eine stark irreguläre. Sowohl im Ober- als im 
Unterkiefer liegen die distalen Partien der mittleren Schneide¬ 
zahnkronen vor den mesialen Ecken der seitlichen Schneide¬ 
zähne und die Eckzähne treten fazialwärts aus der Reihe. Das^ 
voll entwickelte Milchgebiss lässt hingegen selten seine nor¬ 
male Anordnung vermissen; die einzelnen Zähne stehen in 
ihm senkrecht (nicht nach aussen geneigt, wie im bleibenden 
Gebiss), ihre Kronen bilden keinen grösseren Bogen, als die- 
ihnen zugehörigen Wurzeln. 

Hinter den Wurzeln der Milchzähne sind die Alveolen 
gelagert, welche die Keime der bleibenden Zähne umschliessen. 
Bei Betrachtung der eigentümlichen, für sie typischen Anordnung 
soll vor allem im Auge behalten werden, dass die Bildung der 
weichen Gewebe in der dem künftigen Zahne entsprechenden 
Form und Grösse der Entwicklung der Hartgewebe des Zahnes 
vorausgehen muss. Zunächst sind es freilich nur die Kauflächen¬ 
anteile der Zahnkronen, welche angelegt werden; der sie pro¬ 
duzierende Zahnbeinkeim muss aber schon bevor die Kalzifi- 
kation beginnt in der vollen Breite und Dicke vorhanden sein,, 
welche beide Dimensionen noch durch die jenen überkleidende 
Schmelzpulpa vergrössert werden. Da die Form und die Di¬ 
mensionen der Kauflächenpartien der Zähne bereits unver¬ 
änderlich festgelegt sind, zu einer Zeit, in welcher der Kiefer 
noch lange nicht genügend sich vergrösseit hat, um ihre end¬ 
liche normale Anordnung zu ermöglichen, stehen die die Zahn¬ 
keime umschliessenden Alveolen dicht aneinander gedrängt» 
teilweise über- und untereinander geschoben. Kann man dies 
schon an den .Milchzähnen beobachten, so ist es selbstverständ¬ 
lich noch in viel höherem Masse bei den bleibenden- Zähnen 
der Fall, welche um ein beträchtliches breiter sind, als ihre- 
Vorgänger. Dieser Platzmangel im Innern des Kiefers bedingt 
es, dass auch bei ganz regelrecht sich abwickelnder zweiter 


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Die Kieferbau-Grandlagen des anomalen Arcus dentium etc. 87 

Dentition wahrscheinlich (mit Ausnahme der zwischen den 
Wurzeln der Milchmolaren eingeschlossenen Prämolaren) kein 
einziger der Ersatzzähne in den früheren Entwicklungsstadien 
dieselbe Richtung hat, welche ihm später im normalen Zahn¬ 
bogen zukommt. Es werden also, damit er aus seiner früheren 
Stellung in die definitive gelange, die entsprechenden Verände¬ 
rungen der Lage seiner Längsachse, sowie eine eventuell über- 
dem nötige Drehung um dieselbe eintreten müssen, was aber 
nur Hand in Hand mit dem gleichzeitigen Kieferwachstum, ferner 
mit der Resorption der ihm im Wege stehenden Milchzahn¬ 
alveole und .Milchzahnwurzel und dem endlichen Ausfallen der 
Milchzahnkrone sich voltziehen kann. Wenn die Bedingungen 
für den normalen Ablauf einzelner dieser Prozesse nicht vor¬ 
handen sind, kommt es entweder zu einer Retention des Er¬ 
satzzahnes im Kiefer oder zu einem Durchbruch desselben an 
einer falschen Stelle. Es ist wahrscheinlich, dass in dem letzteren 
Falle jene Lage, welche die Längsachse des Zahnes im Stadium 
des Eingeschlossenseins im Zahnsäckchen besitzt, von mass¬ 
gebender Bedeutung ist. 

Die Abweichungen von der Norm können in dieser Hin¬ 
sicht dreierlei sein: 

1. Der Zahnkeim bildet sich an einer unrichtigen Stelle 
im Kiefer, oder 

2. er befindet sich allerdings an dem ihm zukommenden 
Platze, aber seine Längsachse hat eine anomale Richtung, 
oder 

3. seine Querachsen sind in anomaler Weise orientiert, 
das heisst er ist um seine Längsachse gedreht. 

Jede dieser Irregularitäten könnte — für sich allein oder 
miteinander kombiniert — entweder schon von vorneherein, bei 
der ersten Anlage vorhanden sein oder erst später durch un- 
gleichmässige (in dem einen beschleunigte, in dem anderen ver¬ 
zögerte) Entwicklung der einzelnen benachbarten, enge an¬ 
einander stossenden Zahnsäckchen bewirkt werden. 

Bei Krankheiten, die die Knochen in Mitleidenschaft 
ziehen, kann die Wachstumstendenz der Kiefer eine verminderte 
sein. So ist bei Hydrocephalus die Aussenwand des Alveolar¬ 
fortsatzes mangelhaft entwickelt, die Zahnkeime liegen nur von 
der Schleimhaut bedeckt in ihren Höhlen. Während hier nur 
ein quantitativer Defekt besteht, werden bei langwierigen kon¬ 
stitutionellen Erkrankungen, die mit fehlerhafter qualitativer 
Ausbildung“ des Knochens einhergehen, auch bedeutende Lage¬ 
veränderungen der Krypten der permanenten Zahnkeime beob¬ 
achtet. Ebenso können die Zähne durch Knochennarbenbildung 
nach Wurzelhautabszessen der Milchzähne in eine abnorme 


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Dr. Otto Zsigmondy, Wien: 


Lage gebracht werden. Auch die Retention von normal ge¬ 
stellten ausgebildeten Zähnen könnte hievon veranlasst werden. 

Was die normale Lage der Ersatzzahnkeime im Verhält¬ 
nisse zueinander betrifft, so sind wir nur über die späteren 
Stadien genauer unterrichtet. Wenn die Zahnkronen schon 
eine beträchtliche Länge und Dicke erreicht haben, werden 
sie von ihren Alveolen so weit fixiert, dass man am mazerierten 
Kiefer die hier notwendigen Feststellungen vornehmen kann. 
Derartige Präparate geben aber keinen Aufschluss über die 
früheren Entwicklungsstadien, wenn die kleinen Zahnscherbchen 
noch von relativ sehr ausgedehnten Alveolen umgeben sind. 
Bei den heutigen Hilfsmitteln der Embryologie dürfte es jedoch 
mit keinen allzugrossen Schwierigkeiten verbunden sein, die 
Orientierung der Achsen der sich bildenden Zahnscherbchen 
bereits am Beginne der Verkalkung zu ermitteln, was immerhin 
interessant wäre. 

Es würde bei dem beschränkten Raume, der hier zur 
Verfügung steht, zu weit führen, die Lage der Kronen der 
permanenten Zähne im Kiefer, wie sie der normalen Ent¬ 
wicklung entspricht, des näheren zu beschreiben und sollen 
nur einige bemerkenswerte Details berührt werden. Zunächst 
das Lageverhältnis der beiden oberen Schneidezähne einer 
Seite zueinander. Nach den Angaben der Mehrzahl der 
Autoren (Wedl, Kingsley, Zuckerkandl, Walkhoff u. a.) 
hat der obere seitliche Schneidezahn eine mehr median- und 
rückwärts geneigte Lage, so dass seine Mesialkante von der 
distalen Partie des zentralen Incisivus in der Vorderansicht be¬ 
deckt wird; nach andern (Tomes) ist das umgekehrte Ver¬ 
hältnis das normale, wobei die distale Ecke des zentralen 
Schneidezahnes hinter die mesiale Partie des lateralen zu liegen 
kommt; noch andere (Eichler) nehmen an, dass beiderlei 
Verhalten als normal angesehen werden könne. Ref. war bei 
der Durchsicht des ihm zur Verfügung stehenden — allerdings 
nicht grossen — Materiales an mazerierten kindlichen Kiefern 
ebenfalls von der Variabilität des Verhaltens der beiden 
Schneidezahnkeime zueinander überrascht; insbesondere war es 
ihm auffällig, dass bei den Präparaten aus der früheren Ent¬ 
wicklungszeit sich. häufiger die mehr sagittale Stellung der 
Schneide des zentralen Incisivus zeigte, bei der seine mesiale 
Fläche nach vorne gerichtet erscheint; der laterale Incisivus 
ist dann gleichfalls mit seiner mesialen Fläche nach vorne ge¬ 
richtet. Bei den Präparaten der späteren Entwicklungszeit fand 
sich eine mehr frontale Stellung der Schneiden der beiden 
Incisivi häufiger. Aus der Verschiedenheit des Befundes bei der 
Mehrzahl der jüngeren im Verhältnis zu jenem bei der Mehr- 


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Die Kieftrbau-Grundlagen des anomalen Arcus dentiums etc. 89 

zahl der älteren Kiefer könnte man auf eine im Laufe der 
normalen Entwicklung erfolgende Drehung des Scherbchens 
des zentralen «Schneidezahnes um seine Längsachse zu schliessen 
sich veranlasst sehen. Da die Alveole des mittleren Schneide¬ 
zahnes weiter oben im Kiefer sich ausgestaltet, als die des 
lateralen Incisivus und da sie schon eine bedeutende Aus¬ 
dehnung erlangt hat, wenn letztere erst eine kleine Nische 
über dem Alveolarrand darstellt, wäre ein solcher Vorgang 
wohl möglich; freilich nur zu einer Zeit, zu welcher die Ent¬ 
wicklung des lateralen Schneidezahnes noch keine grossen Fort¬ 
schritte gemacht hat. 

Asymmetrie in bezug auf die Lage der Schneidezahn¬ 
kronen, von der Tom es einen Fall abbildet (der zentrale 
Schneidezahn der einen Seite stand frontal, der der anderen 
sagittal), scheint nicht allzu selten vorzukommen, da Ref. auch 
Gelegenheit hatte, das gleiche Verhalten . bei einem etwa 
18 monatlichen Kiefer zu beobachten. Das Vorkommen einer 
solchen asymmetrischen Anordnung der Zahnkeime könnte als 
Beweis geführt werden dafür, dass Irregularitäten der späteren 
Stellung der Zähne ihren Grund schon in der ursprünglichen 
Anlage haben. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass durch 
ein entsprechend ausgiebiges Wachstum in der vordersten Partie 
des Kiefers die Stellung der Schneidezähne, welche der oben 
beschriebenen Lagen auch immer sie im Kiefer einnehmen, 
nach dem Durchbruch eine vollkommen regelmässige sein kann. 

Im Unterkiefer ist die Stellung beider Schneidezahnkeime 
zueinander weit konstanter. Bier braucht auch nicht so viel 
Platz geschaffen zu werden, als im Oberkiefer, weil die Summe 
der Kronenbreiten der Milchschneidezähne nicht um so vieles 
kleiner ist als die Summe der Kronenbreiten der sie ersetzenden 
Zähne. 

Einzelne Abweichungen von der normalen Lagerung der 
unteren Schneidezahnkeime sind allerdings beobachtet worden, 
ebenso solche von Verlagerung der Alveolen der Eckzähne, 
deren Kronen bekanntlich den weitesten Weg unter allen 
Zähnen zurückzulegen haben von der Stelle ihrer Anlage bis 
zu jener, wo sie aus dem Kiefer heraustreten. Bekanntlich 
wird ein Teil jenes Mehrbedaifes an Platz, den die permanenten 
Frontzähne gegenüber ihren Vorgängern beanspruchen, wieder 
herein gebracht auf dem Gebiet der Prämolaren, deren Kronen 
viel schmäler sind als jene der Zähne, denen sie nachfolgen. 
Die Alveolen der Prämolaren werden oberhalb, bzw. unter¬ 
halb der Milchmolaren schon zu einer Zeit angelegt, zu welcher 
die Wurzeln der letzteren Zähne noch nicht fertig gebildet sind 
und diese müssen sich in ihrem Wachstume nach der zwischen 


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Dr. Otto Zsigmondy, Wien: 


ihnen liegenden gleichfalls wachsenden Ersatzzahnalveole 
richten. Daraus erklärt sich das in manchen Fällen ganz be¬ 
sonders weite Auseinanderstehen der Milchmolarwurzeln. Bei 
den Bicuspidaten dürften die Längsachsen von Anfang an so 
stehen, wie zur Zeit des späteren Durchbruches dieser Zähne. 
Jener Zahn, der als der erste unter den bleibenden Zähnen 
durchbricht, dessen Stellung und gegenseitigem Verhalten in 
beiden Kiefern gegenwärtig mit Recht eine besondere Be¬ 
achtung zuteil wird, der erste Mahlzahn, hat wieder eine ziem¬ 
lich grosse Veränderung seiner Lage mitzumachen, bevor er 
zum Durchbruch kommt. In dem Alter, in welchem die Ver¬ 
kalkung dieses Zahnes beginnt, in den allerersten Lebens¬ 
monaten, ist der Oberkiefer viel zu kurz, als dass er hinter 
der Milchzahnrtihe auch Platz hätte für die mächtige Kau¬ 
flächenpartie, die gleich in ihren vollen Längen- und Breiten¬ 
dimensionen angelegt werden muss. Der Keim des ersten Mahl¬ 
zahnes entwickelt sich daher in der Tuberositas, seine Höcker¬ 
spitzen sind nach hinten und etwas nach aussen gewendet. 
Die Längsachse würde mit der senkrechten ein Winkel von 
(gering gerechnet) 45° einschliessen, wenn der Zahn, voll¬ 
kommen ausgebildet, dieselbe Lage beibehielte. Um die normale 
Stellung zu erlangen, muss die Längsachse sich um einen 
Winkel von genannter Grösse nach unten und innen drehen. 
Im Unterkiefer, der wieder zu schmal wäre, um die Kauflächen¬ 
partie des ersten Molars in horizontaler Lage zur Entwicklung 
kommen zu lassen, steht diese ziemlich stark lingualwärts und 
etwas nach vorne geneigt, wenn die Verkalkung in den ersten 
Monaten des Lebens einsetzt. Andeutungen von dieser ur¬ 
sprünglichen Lage des ersten unteren Molaren kann man in 
seiner normalen Stellung im völlig ausgebildeten Gebiss noch 
vorfinden. Seine Krone ist auch dann noch etwas lingualwärts 
geneigt und die allerdings ganz minimale Neigung nach vorne 
erkennt man an seinem Anteil an der sogenannten „Kompen- 
salionskürve“ der Gesamtheit der Kauflächen. Die zweiten und 
die dritten Molaren zeigen vor ihrem Durchbruche ein ähnliches 
Verhalten, wie es hier für den ersten Molaren im Ober- sowie 
im Unterkiefer beschrieben worden. 

Nachdem im Vorhergehenden versucht worden war, ein 
Bild von den Lageveränderungen zu geben, welche die bleibenden 
Zähne durchmachen, bevor sie aus dem Kiefer heraustreten, 
soll nun zur Erörterung jener Vorgänge geschritten werden, 
welche sich an den Milchzähnen während des Zahnwechsels 
konstatieren lassen. 

Die Frage nach dem Verhalten des vorderen, den Milch¬ 
zahnsalz tragenden Teiles der Kiefer während der zweiten 


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Die Kieferbau-Graudlagen des anomalen Arcus deutium etc. 


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Dentition ist schon oft besprochen worden. Eine grössere 
Anzahl von mit Untersuchungen über das Knochenwachstum 
beschäftiglen Autoren hat den Kiefern ihre Aufmerksamkeit 
besonders aus dem Grunde zugewendet, weil man in den 
Zähnen eine Reihe von Fixpunkten besitzt, durch deren Ver¬ 
messung es möglich wird, Schlüsse auf das Wachstum des sie 
tragenden Alveolarforlsatzes zu ziehen. 

Schwierigkeiten liegen freilich auch hier nicht wenige vor. 
So müssen die Messungen bei Kindern an Milchzähnen gemacht 
werden, bei Erwachsenen aber an den Gliedern des perma¬ 
nenten Zahnsatzes, die auch bei denselben Individuen eine 
andere Grösse und eine andere Form aufweisen, als ihre Vor¬ 
gänger. Die meisten Autoren haben sich darauf beschränkt, 
eine mehr oder minder grosse Anzahl von Messungen an 
mazerierten Schädeln verschiedenen Alters anzustellen und aus 
diesen ihre Schlüsse zu ziehen. Sie hatten also als Beweis für 
ihre Behauptungen nur die arithmetischen Mittel, die aus einer 
Anzahl von Messungen an jugendlichen und anderseits an 
erwachsenen Schädeln gewonnen worden waren. Es ist klar, 
dass bei derartig erhaltenen Resultaten verschiedene Irrlümer 
mit unterlaufen können. Ob die Kinder und die Erwachsenen 
derselben Rasse dem gleichen Entwicklungs- und Ernährungs¬ 
zustand angehört hatten, ist schwer festzustellen. 

Bei der Kleinheit der Masse, um die es sich hier nur 
handeln kann, fallen die angeführten Fehlerquellen aber schon 
sehr ins Gewicht und werden daher vergleichende Messungen 
an mazerierten Kiefern verschiedenen Alters, wenn sie nicht in 
sehr grosser Anzahl ausgeführt wurden, keine genügenden Auf¬ 
schlüsse ergeben. Dies hat schon R. Blake' vor mehr als 
100 Jahren erkannt und ein anderer alter Autor, Th. Bell, 
des näheren dargelegt, dass man, um ein richtiges Ergebnis 
zu erhalten, Beobachtungen an einem und demselben Individuum 
in verschiedenen Entwicklungsstufen machen müsse. Es ist in 
der Tat verwunderlich, dass Beils Plan bisher sowenig aus¬ 
gewertet wurde, um so mehr als doch schon seit langem die 
Möglichkeit besieht, durch Herstellung von genauen Gips¬ 
modellen die im Augenblick der Abdrucknahme gerade vor¬ 
handenen Lageverhältnisse des Alveolarteiles der Kieler mit 
seinen Zähnen vollkommen der Natur entsprechend zu fixieren, 
an welchen Modellen dann die zur Entscheidung der in Rede 
stehenden Frage erforderlichen exakten Messungen in ge¬ 
eigneter Weise vorgenommen werden können. 

1 Vgl. J. B. Grevers: De Verhouding van het melkgebit dot di*» 
van liet blijvend gebit. Tijdschrift voor Tandbeelkunde, 1908. 


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Dr. Otto Zsigmondy, Wien: 


Soweit Ref. bekannt, befinden sich in der Fachliteratur 
nur zwei Publikationen, in welchen der oben besprochene Weg 
eingeschlagen wurde, um die Frage nach dem Wachstum des 
den Milchzahnsalz tragenden Kieferstückes zu beantworten. 
Es sind dies die „Studies on the Growth of the Jaws“ 
von C. S. To nies 1 und eine Abhandlung, welche Referent 
„Ueber die Veränderungen des Zahnbogens bei 
der zweiten Dentition“ veröffentlichte 2 . 

Auch in der ausführlichen geschichtlichen Uebersicht, 
welche J. E. Grevers erst im Vorjahre veröffentlichte, werden 
ausser den genannten keine weiteren Arbeiten erwähnt, in 
welchen Messungen im Blake-Bel Ischen Sinne mitgeteilt 
würden. Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes sei es Ref. ge¬ 
stattet, etwas eingehender diese beiden Publikationen zu be¬ 
sprechen. 

C. S. Tom es stand eine sehr vollständige Reihe von 
Modellen zur Verfügung, welche denselben Mund in ver¬ 
schiedenen Stadien der Entwicklung darstellen (vom 4. bis 
21. Jahre). Diese Serie stammt von Mr. Merryweather und 
Tom es sagt von ihr: „1 believe the series to be unique, and 
great value was attached to it by Mr. Merryweather, who 
never allowed any one access to it“. Tom es gibt keine Ab¬ 
bildungen der Modelle, wie aber aus der näheren Beschreibung 
hervorgeht, handelt es sich, was in mancher Hinsicht zu be¬ 
klagen ist, nicht um ein regelmässiges Gebiss. Im Oberkiefer 
waren die Schneidezähne nach einwärts geneigt, die übrigen 
Zähne standen so gedrängt, dass im 15. Jahre der erste linke 
Bicuspis extrahiert werden musste. Auch war der zweite 
Bicuspis auf der einen Seite ein wenig nach einwärts ver¬ 
schoben, so dass die Weite des permanenten oberen Zahn¬ 
bogens nicht durch Messung festgestellt, sondern nur ab¬ 
geschätzt werden konnte. Im Unterkiefer wurde es ebenfalls 
nötig, auf jeder Seite einen Bicuspis zu entfernen. 

So wertvoll und erwünscht bei der grossen Seltenheit 
des bezüglichen Materiales die Mitteilungen Tom es sind, so 
kann doch andererseits ein Mund, der die dargelegten grossen 
Unregelmässigkeiten aufweist, nicht herangezogen werden, wenn 
es gilt, die beim normalen Zahnwechsel vor sich gehenden 
Veränderungen im vorderen Kieferabschnitt durch Messungen 
festzustellen. 


1 C. S. To nies: Transactions of the Odontological Society of Great 
Britain, 1892, p. 143. 

* Otto Zsigmondy: Archiv für Anatomie un<TPhysiologie, 1890. 
Anatomische Abteilung p. 867. 


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Die Kieferbau-Grnndlagen des anomalen Arcus dentium etc. 93 

Die Messungen,, die Ref. über die Veränderungen des 
Zahnbogens bei der zweiten Dentition angestellt hat, betreffen 
drei Individuen mit normalen Gebissen, deren Verhalten während 
der Zahnwechselzeit an der Hand der entsprechenden ziemlich 
vollständigen Gipsmodellserien gut verfolgt werden kann. Die 
Kieferbaugrundlagen bei diesen drei Individuen sind regel¬ 
mässig; die Zähne erscheinen in bezug auf ihre Längsachsen 
richtig gestellt; sie zeigen typische Form; ihre Grösse ist jener 
der Kiefer entsprechend; der Bogen, den sie einnehmen, bis 
auf wenige Abweichungen, symmetrisch. Der Wechsel der ein¬ 
zelnen Zähne erfolgte fast bei allen in der typischen Reihen¬ 
folge, zu normalen Zeiten. Die Messungsresultate stimmen im 
allgemeinen bei allen drei Individuen überein. In Anbetracht 
der geringen Anzahl von Kiefern, welche einer Untersuchung 
unterzogen werden konnten, hat Ref. freilich darauf hin¬ 
gewiesen, dass es voreilig wäre, zu behaupten, dass die be¬ 
schriebenen Veränderungen des Zahnbogens bei der zweiten 
Dentition regelmässig eintreten. Nachdem jedoch, wie aus der 
im Vorjahre publizierten geschichtlichen Uebersicht Grevers' 
hervorgeht, seither ausser den ein unregelmässiges Gebiss be¬ 
treffenden Messungen G. S. Tom es keine weiteren exakten 
Untersuchungen über das Verhalten des Zahnbogens an einem 
und demselben Individuum zur Publikation gelangten, dürfte es 
entschuldigt werden, wenn Ref. in ausführlicherer Weise, als er 
es ursprünglich beabsichtigte, auf seine eigenen Untersuchungen 
zurückkommt. 

Die Autoren, welche ihre Messungen an mazerierten 
Schädeln anstellten, begnügten sich damit, die Weite, die Länge 
und die Höhe des temporären und des ihm folgenden perma¬ 
nenten Zahnbogens mitzuteiien; nur Grevers, der weitaus 
das grösste Material zur Verfügung hatte, indem er nicht 
weniger als 160 Schädel in den verschiedenen Sammlungen 
Europas und Amerikas der Untersuchung unterzog, bestimmte 
ausser den obengenannten Dimensionen auch noch: die Distanz 
Incisivus centralis—Cuspidatus sowie jene Incisivus centralis 
—Milchmolar (bzw. Prämolar) auf jeder Seite und ermittelte 
aus diesen Massen, sowie den auf dieselben von dem höchsten 
Punkte des Zahnbogens gezogenen Senkrechten die Radien 
und die Grade, welche dem betreffenden Bogen entsprechen. 

In Erwägung, dass man aus der blossen Angabe der 
Weite, der Länge und der Höhe des Zahnbogens sich nur ein 
ungenügendes Bild von den Veränderungen machen könne, 
welche der Zahnwechsel bedingt, dass es vielmehr darauf an¬ 
kommt, die mit ihm verbundenen Horizontalverschiebungen 
der einzelnen Zähne in ihren Details darzustellen, trachtete 


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Dr. Otto Zsigmoudy, Wien: 


Ref. eine Methode ausfindig zu machen, welche dies ermög¬ 
lichen könnte. Es galt zunächst für den Zahnbogen eine ein¬ 
fache, gekrümmte Linie zu substituieren, und für jeden einzelnen 
Zahn einen Punkt zu suchen, welcher die Stelle desselben in 
dem zu konstruierenden Bogen zu bezeichnen hätte. Aus 
Gründen, die des genaueren am angegebenen Orte ausein¬ 
andergesetzt sind, schlug Ref. folgenden Weg ein: An jedem 
Zahne werden die fazialwärts und lingualwärts am meisten 
prominierenden Punkte seines Halses markiert, diese Punkte 
durch eine Gerade verbunden und letztere halbiert. Hiedurch 
erhält man bei vielen Zähnen den am meisten zentral ge¬ 
legenen Punkt des Zahnquerschnittes im Zahnfleischniveau, 
welcher sich durch Messungen von drei Fixpunkten aus auch 
leicht auf das Zeichenblatt übertragen lässt. Ref. erschien es 
am zweckmässigsten, diese Querschnittsmittelpunkte 
als den Zahnbogen charakterisierend zu betrachten 
und den Zahnbogen als die gebrochene Linie zu 
definieren, welche dieselben verbindet. 

Die an den vorliegenden Modellserien in dieser Weise 
ausgeführten Messungen ergaben, dass man durch sie ein sehr 
anschauliches Bild über die Horizontalverschiebungen der ein¬ 
zelnen Zähne gewinnen könne. Das Auseinanderrücken der 
Milchschneidezähne im 6. bis 7. Jahre, welches die Zahnwechsel- 
periode einleitet, das schon von Blake beschrieben worden 
und von welchem Vorgänge Delabarre bemerkt, dass die¬ 
jenigen Kinder, bei denen er nicht eintritt, von einer irregu¬ 
lären zweiten Dentition bedroht sind, ist auch an den in Rede 
stehenden Modellserien eine sehr auffällige Erscheinung; um 
sie zu konstatieren, brauchte man keine Messungen. Solche 
sind aber notwendig, um zu prüfen, ob die bei den Schneide* 
zähnen in die Augen springende Lokomotion auf diese vorderen 
Glieder des Gebisses beschränkt ist. Die Messungen an der 
vollständigsten, dem Referenten zur Verfügung stehenden Serie 
haben nun ergeben, dass schon zurZeit des Durchbruches des 
ersten Molars alle Milchzähne ihre Lage in horizontaler Rich¬ 
tung gegeneinander verändert haben, dass. schon vor Beginn 
des Zahnwechsels kein einziger der Milchzähne mehr 
an jenerStelle steht, die er früher eingenommen. 

Im Oberkiefer sind zu dieser Entwicklungszeit die ge-r 
radlinigen Abstände zwischen den beiderseitigen Eckzähnen, 
den ersten und zweiten Milchmolaren schon um je l Mm. ge¬ 
wachsen, welches Wachstum bei den Milchmolaren bis zu ihrem 
Ausfall noch weiter zunimmt und zuletzt 3 Mm. beträgt. Auch 
der geradlinige Abstand der Eckzähne nimmt bis zum Wechsel 
der lateralen Schneidezähne immer noch zu, so dass sie dann 


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Die Kieferbau-Grundlageu des anomalen Arcus dentinni etc. 


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um 3 Mm. weiter voneinander abstclien, als am Beginn der 
zweiten Dentition. Diese Vergrösserung der queren Abstände 
der Milchzähne bedingt eine entsprechende Verbreiterung 
des Zahnbogens. Nicht weniger bemerkbar sind aber auch die 
Veränderungen in der Länge des Zahnbogens. Der Umstand, 
dass die permanenten zentralen Schneidezähne sehr viel breiter 
sind, als ihre temporären Vorgänger, gibt Veranlassung zu einem 
bedeutenden seitlichen Abrücken der lateralen Milchschneide¬ 
zähne, das schliesslich (im Oberkiefer) nicht weniger als 5 Mm. 
beträgt. Nachdem die Eckzähne und die Milchmolaren eine Be¬ 
wegung im gleichen Sinne gemacht haben und ebenfalls von 
den Incisiven in distaler Richtung sich entfernt haben, ist der 
Zahnbogen um ein beträchtliches Stück länger geworden. Das 
Maximum seiner Länge in mesio-distaler Beziehung hat der 
Zahnbogen dann erreicht, wenn alle Schneidezähne schon her¬ 
vorgewachsen, die Milchmolaren, sowie die Milcheckzähne aber 
noch nicht ausgefallen sind. Erst beim Umtausch der Backen¬ 
zähne tritt infolge der geringeren Breite der Ersatzzähne, sowie 
infolge des Durchbruches der zweiten Mahlzähne, welche die 
Zahnreihe wieder um ein. kleines zusammenschieben, eine Ver¬ 
kürzung des von den Schneide-, Eck- und Backzähnen einge¬ 
nommenen Bogens ein. Die geschilderten Vorgänge und die 
mitgeteilten Masse beziehen sich auf den Oberkiefer. Im Unter¬ 
kiefer können analoge Erscheinungen beobachtet werden. Auch 
hier entfernen sich die Schneide- und Eckzähne von der Mittel¬ 
linie, wenn die Zeit des Zahnwechsels herannaht und der 
Durchbruch des ersten permanenten Molars wird durch eine 
Lokomotion der Milchmolaren nach aussen eingeleitet. Die 
Vergrösserung ihrer gegenseitigen Abstände ist aber lange nicht 
so gross wie im Oberkiefer. 

Es erübrigt noch, das Verhalten der Pfeilhöhe des Bogens 
zu registrieren, d. h. jener Senkrechten, welche vom Bogen¬ 
scheitel zwischen den beiden zentralen Incisiven, auf die die 
beiden zweiten Milchmolaren, bzw. Prämolaren verbindende 
Gerade gefällt wird. Während im Oberkiefer wegen der Ver¬ 
breiterung des Zahnbogens bei ziemlich gleichbleibender Länge 
eine minimale Verkürzung der Pfeilhöhe im permanenten gegen¬ 
über jener im Milchzahnbogen eingetreten ist, hat die Pfeil¬ 
höhe bei dem analogen Abschnitt des Unterkiefers eine 
beträchtliche Einbusse erfahren; mit dieser an den Gipsmodell¬ 
serien gemachten Beobachtung stimmen auch die Resultate, 
welche Grevers bei seinen Messungen an mazerierten Schädeln 
fand, gut überein. 

Nachdem bisher über die Veränderungen, welche an den 
einzelnen der beiden Kiefer sich zeigen, gesprochen wurde, 


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Dr. Otto Zsigmondy, Wien: 


soll nunmehr übergegangen werden auf ihre Beziehungen 
zueinander, auf die Harm ose (Okklusion), welche die von ihnen 
getragenen Zähne aufweisen. Der für das Milchzahngebiss 
normale Abschluss ist, dass die distale Fläche des oberen zweiten 
Milchmolars gerade über die distale Fläche des unteren zweiten 
Milchmolars zu stehen kommt. Bei dem bleibenden Gebiss 
haben die Nachfolger der beiden letzten Milchzähne aber eine 
andre Harmose. Die distalen Abhänge der Höcker der zweiten 
oberen Prämolaren bedecken beim normalen Gebissschluss 
bekanntlich die mesialen Abhänge der Höcker des ersten unteren 
Mahlzahnes. Es tritt also an dem schon ursprünglich relativ 
kürzeren Bogen des Unterkiefers eine weitere Verkürzung 
gegenüber dem Bogen des Oberkiefers ein. Dieses theo¬ 
retisch festzustellende Verhalten lässt sich nun an den Modell¬ 
serien leicht nachweisen. Im Oberkiefer besitzt das von den 
Schneide-, Eck- und Backenzähnen gebildete Segment des per¬ 
manenten Zahnbogens ungefähr die gleiche Länge wie der 
Bogen, den die Milchzähne einnahmen, an deren Stelle jene 
getreten sind. 

Ref. hielt es für wünschenswert, die bei der normalen 
zweiten Dentition eintretenden Veränderungen, soweit dies nach 
den spärlichen exakten, d. h. auf Messung beruhen den 
Daten möglich war, zusammenzufassen, um so eine Grundlage 
zu besitzen, von der aus die Abweichungen von den regel¬ 
mässigen Vorgängen in entsprechender Weise beurteilt wer¬ 
den könnten. Wie schon erwähnt, hat Tom es Messungen an 
einer Modellserie publiziert, welche einen Fall betrifft, in wel¬ 
chem sich ein unregelmässiger Zahnbogen entwickelte. 

Es ist interessant, dass Tomes einen bei Betrachtung 
der normalen Modellserien, die Ref. beschrieben, sehr auffälligen 
Umstand nicht erwähnt, nämlich das Auseinanderrücken der 
temporären Schneide- und Eckzähne vor Beginn der zweiten 
Dentitionsperiode. Sollte in seinem Falle dieses, für das Wachs¬ 
tum des vorderen Kieferabschnittes charakteristische Symptom 
nicht vorhanden gewesen sein, so wäre das nach dem oben 
angeführten Delabarresehen Ausspiuche eine Erklärung tür 
die spätere unregelmässige Stellung der Zähne. 

Ref. möchte hier aufmerksam machen auf den eigentüm¬ 
lichen Gegensatz, der besteht zwischen dieser Tendenz der 
Zähne des Milchgebisses, von der Mitte des Zahnbogens 
abzurücken, und jener ebenso merkwürdigen umgekehrten 
Neigung der permanenten Zähne, in mesialer Richtung sich 
zu verschieben, um auf diese Art etwa vorhandene Lücken in 
der Zahnreihe zum Verschwinden zu bringen. Als besonders 
eigentümlich ist hier das Verhalten des temporären Eckzahnes 


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TAFEL I 


J. G. Turner: Die normale Bewegung der nach Extraktionen verbleibenden Zähne 


uNivE k s rfY'b'F ‘Müchiga n 









TAFEL II 


J.G. Turner: Die normale Bewegung: der nach'Extraktionen verbleibenden Zähne. 


UNlVER5M'bL : NlCHf& 


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TAFEL III 


J. G« Turner : Die normale Bewegung der nach Extraktionen verbleibenden Zähne 









TAFEL IV 


J.G, Turner: Die normale Bewegung der nach Extraktionen verbleibenden Zähne 









Die Kieferbau-Qrundlagen des anomalen Arcus dentium etc. 97 

zu erwähnen. Dieser rückt schon vor Beginn des Zahnwech¬ 
sels distalwärts, behält diese Tendenz bei bis zur Vollendung 
des Durchbruches des seitlichen Schneidezahnes. Vor dem 
Durchbruch des ersten Backenzahnes kann man an ihm wieder 
eine, wenn auch nicht beträchtliche Rückbewegung bemerken. 
Es scheint somit als Regel zu gelten, dass, wenn ein Zahn 
dem Ausfallen nahe ist, sein Nachbar, der erst später zum Um¬ 
tausche kommt, sich von ihm entfernt. 

Die angeführten Daten zeigen, welcher Wert derartigen 
Modellserien, die denselben Mund in verschiedenen Entwick¬ 
lungsstadien zur Darstellung bringen, beizumessen ist und 
wieviel zur Förderung unsrer Kenntnisse von ihnen gewon¬ 
nen werden könnte. Die genaue Vermessung solcher Modell¬ 
serien gibt uns ein Mittel an die Hand, aus der Verschiebung 
der Zahnkronen dann Rückschlüsse zu ziehen auf die Lage¬ 
veränderung der Wurzeln und damit auf jene der Alveolen, 
welche sie umschliessen. Eine solche Vermessung des Zahn¬ 
bogens, welche nichts anderes ist als ein Teilproblem der 
Kraniometrie, sollte, um einen besonderen Nutzen zu bringen, 
auch nach den für diese Wissenschaft geltenden Grundsätzen 
erfolgen. Nach ihnen, welche in so meisterhafter Weise von 
Prof. A. v. Török festgelegt wurden, müssen alle anatomisch 
charakteristischen Punkte in ihrem gegenseitigen Lagerver¬ 
hältnis genau bestimmt und aut dem Zeichenblatt fixiert wer¬ 
den. Diese so hergestellten kraniographischen Bilder geben 
uns erst die Möglichkeit einer streng systematischen Ver¬ 
gleichung der einzelnen Zahnbögen miteinander; nur durch 
sie können wir ein übersichtliches Bild über die auch gering¬ 
gradige Verschiebung der einzelnen Zähne erhalten. 

Wenn wir die Veränderungen, welche zur Ausgestaltung 
und Vollendung des Aufbaues der Zahnbogen führen, noch¬ 
mals überblicken, um nach den Aufschlüssen. zu fragen, die 
sich aus obigen Daten zur Erklärung der Abweichungen von 
dem normalen Entwicklungsgang ergeben, so erkennen wir 
vor allem, dass es zunächst ein Ausbleiben des harmonischen 
Wachstums der Kiefer im Verhältnis zu den übrigen Schädel¬ 
teilen, wie im Verhältnis zueinander sein kann, welches die 
Ursache der Irregularitäten abgibt, dass aber auch sehr 
wahrscheinlich ein beträchtliches Wachstum im ganzen Be¬ 
reich des Milchzahngebisses vor und während des Zahnwech¬ 
sels stattfinden muss, wenn es nicht später zu Positions¬ 
anomalien der bleibenden Zähne kommen soll. Das Ausmass 
dieses Wachstums hat sich nach der Grösse der Differenz 
zwischen der Breite der temporären Zähne und jener ihrer 
permanenten Nachfolger zu richten. Dort wo diese Differenz 


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98 


J. G. Turner, London: 


am beträchtlichsten, im Bereiche der Frontzähne des Ober¬ 
kiefers, finden sich die meisten Irregularitäten. 

Nach dem Durchbruch der permanenten Zähne beginnt 
eine Fülle von Faktoren mechanischer Art auf ihre Kronen 
einzuwirken, welche einen bestimmenden Einfluss auf ihre 
endgültige Stellung, den Ausbau ihrer Wurzeln und des zuge¬ 
hörigen Alveolarfortsatzes ausüben. Infolge der weiten Mün¬ 
dungen der Alveolen wird in der ersten Zeit nach ihrem 
Durchtritt auch eine ganz geringe Kraft imstande sein, in 
dieser Hinsicht eine bedeutende Wirkung zu erzielen. Es ist 
selbstverständlich, dass die genaueste Kenntnis aller dieser 
mechanischen Momente, wie sie von Zunge, Lippen, Wangen, 
antagonisierenden Zähnen, kurz von allem, was die unmittelbare 
Umgebung der Zähne bildet, ausgeübt werden kann, von der 
höchsten Wichtigkeit für den Odontorthopäden ist. Diese 
Einflüsse sind auch derart vielgestaltig und kompliziert, dass 
ihre Erörterung einem andern Referat Vorbehalten bleiben 
muss. Nicht minder bedeutsam und wissenswert für den Prak¬ 
tiker als sie, sind aber auch jene beschriebenen Vorgänge, 
die mit dem Wachstum der Kiefer vor dem Durchbruch der 
permanenten Zähne in Zusammenhang stehen und im Hinblick 
hierauf kann Ref. nur vollinhaltlich den Konklusionen beipflich¬ 
ten, zu welchen G. S. Tom es bei Besprechung der von ihm 
untersuchten, die Entwicklung eines und desselben Gebisses 
veranschaulichenden Modellserie gelangte, nämlich: 

That in the study of irregularities a too mechanical view 
of their origin is to be deprecated; their origin is probably 
-to be sought earlier than we are accustomed to look for it, 
and its more early recognition may perhaps help us to combat 
it more effieiently. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Die normale Bevepii der Dach Eitrattionen verbleibenden 

Zähne. 

Nach einem Vortrage, gehalten in der Sektion für Stomatologie am XVI. Inter¬ 
nationalen medizinischen Kongress in Budapest (September 1909). 

Von J. G. Turner in London. 

(Mit vier Tafeln.) 

Die Kronen der oberen bleibenden Mahlzähne sind so 
angelegt, dass sie nach hinten gerichtet sind; später aber, 
während des Knochenwachstums, bekommen sie eine Bewegung, 


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Die normale Bewegung der nach Extraktionen verbleibenden Zähne. 99 

«die sie bogenförmig in vertikale Durchbruchposition bringt. Die 
unteren Mahlzähne sind aber in einem geringeren Grade im 
verkehrten Sinne angelegt und bewegt. 

Wenn man den vor dem ersten oberen bleibenden Mahl¬ 
zahn gelegenen Zahn frühzeitig extrahiert, beginnt eine Vorwärts¬ 
bewegung des ersten oberen Mahlzahnes, die so lange andauert, 
bis er mit dem vorne gelegenen Zahne in Berührung kommt 
oder die bewegende Kraft erschöpft ist. Ein jeder- folgende 
Mahlzahn wird dieselbe Bewegung mitmachen. Manchmal, be¬ 
sonders nach frühzeitiger Extraktion des zweiten Prämolars, 
wird der Zahn sich vertikal im Knochen bewegen, aber im all¬ 
gemeinen ist er nach vorne gekippt, namentlich nach Extraktion 
■des zweiten Milchmahlzahnes, wo aber die Krone des sich 
entwickelnden nachkommenden Zahnes alsobald der Bewegung 
nach vorwärts ein Ende macht. In derselben Weise wird sich 
der zweite obere Molarzahn (so auch der dritte) nach Extrak¬ 
tion des ersten, mit einer Kippung nach vorne vorwärts be¬ 
wegen, so lange er nicht auf ein Hindernis stösst. Wenn der 
erste obere Mahlzahn sehr zeitlich extrahiert wurde, wird der 
zweite schon im Knochen selbst vorwärtsrücken und unmittel¬ 
bar hinter dem zweiten Prämolar zum Durchbruch kommen. 
Dasselbe geschieht nach Extraktion des zweiten Molars mit 
dem dritten Molar. 

Im Oberkiefer nach frühzeitiger Extraktion des zweiten 
Prämolars oder des zweiten Milchmahlzahnes werden sämt¬ 
liche bleibende Molaren nach vorwärts dringen; es scheint 
auch nach Extraktion des ersten Prämolars eine Tendenz 
zum Vorwärtsbewegen vorhanden zu sein; aber nach der früh¬ 
zeitigen Extraktion des ersten Milchmolars wird der zweite 
Milchmolar nicht Vordringen, welcher Umstand bei mir einigen 
Zweifel betreffs der Vorwärtsbewegung nach der Extraktion 
des ersten Prämolars hervorgerufen hat. 

Im Unterkiefer bewegt sich der erste bleibende Mahlzahn 
nach frühzeitiger Extraktion des zweiten bleibenden Molars- 
nur ganz wenig nach rückwärts, scheinbar die oben geschil¬ 
derte Eruptionsbewegung fortsetzend. Nach frühzeitiger Extrak¬ 
tion eines zweiten Milchmolars oder eines zweiten Prämolars 
bewegen sich die hinteren Zähne nicht wie im Oberkiefer 
nach vorne, sie sind zwar nach vorne gekippt, aber es be¬ 
wegen sich die vorderen Zähne nach rückwärts. Nach frühzeitiger 
Extraktion des ersten unteren bleibenden Molars kippt zwar der 
zweite bleibende Molar merkbar nach vorne, aber es bewegen 
sich die vorderen Zähne nach hinten. Diese Rückwärtsbewe- 
.gung ist am meisten ausgeprägt in Fällen, wo der zweite Prä¬ 
molar im Knochen selbst nach hinten verschoben wird, und 

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100 


J. G. Turner, London: 


unmittelbar vor dem zweiten bleibenden Molar zum Vorschein 
kommt. Es scheint im Oberkiefer eine Tendenz zum Vorwärts¬ 
dringen der Molaren, im Unterkiefer hingegen eine solche zur 
Rückwärtsverschiebung der vorderen Zähne (Prämolaren, viel¬ 
leicht auch Eckzähne), hauptsächlich des zweiten Prämolars¬ 
und in geringem Grade des ersten Molars vorhanden zu 
sein. Diese Bewegung betrifft sowohl die schon zum Durch¬ 
bruch gelangten, wie auch die noch nicht durchgebrochenen. 
Zähne, und lässt in manchen Fällen die äussere harte- 
Knochenlamelle und die Ueberbleibsel der Milchzähne unbe¬ 
troffen. Ich sah einen Fall, dessen Zahnformel die folgende wart 
rn 2 8 4 c 5X 7. 

Der Prozess scheint vom normalen Kieferwachstum ab¬ 
hängig zu sein, da in Fällen, \yo wegen Adenoiden das Kiefer¬ 
wachstum zurückbleibt, auch diese Bewegung nicht zustande 
kommt. Weiterhin hören diese Bewegungen auf, wenn das 
Entwicklungsalter überschritten ist. Eine andere vom Kiefer¬ 
wachstum abhängige Bewegung ist das Längerwerden eines 
Zahnes nach Beseitigung des Antagonisten. Diese Bewegung: 
ist zumeist mit Impaktion kompliziert, obzwar sie gewöhnlich 
bis zu einem geringen Grade stattfindet; aber ich denke, ihre- 
Wichtigkeit als normaler Faktor ist überschätzt worden. 

* Frühzeitiger Durchbruch nach frühzeitiger Extraktion ist 
auch ein gewöhnliches Ereignis und ist entweder die Folge 
einer Sepsis, welche den bedeckenden Knochen erweicht hat,, 
oder ist der Durchbruch die Folge einer Kippung, oder der 
Vorwärtsbewegung infolge frühzeitiger Extraktion eines vorderen 
Zahnes, i. e. Disimpaktion. 

Der Lippen- und Wangendruck ist ein wichtiger Faktor 
in der Bewegung der bleibenden Zähne nach frühzeitiger Ex¬ 
traktion. Es ist dies teils der aktiven Muskelwirkung, teils der 
Spannung der geschlossenen Lippen zuzuschreiben. Durch diese 
Kräfte werden die Zähne so lange nach innen und hinten ge¬ 
trieben, bis die Lücke ausgefüllt ist. 

Dr. Lack teilt einen Fall von frühzeitiger einseitiger 
Fazialislähmung mit, bei welchem der Effekt einer ungleichen 
Muskelwirknng auf den Zahnbogen leicht erkenntlich ist und 
diese Art Lähmung vermöge der einseitigen Kompression als^ 
Kardinalsymptom diagnostiziert werden kann. Die Lippen- und 
Wangen Wirkung wird natürlich je nach dem Alter und der 
Verschiedenheit der extrahierten Zähne eine verschiedene sein.. 
Bei vorgeschrittenem Alter und stärkerem Knochen mag der 
Erfolg praktisch gleich Null sein; bei asymmetrischen Extrak¬ 
tionen bekommt die eine Seite des Gesichts einen Hang zum 
Abflachen und tritt eine Ueberschiebung der Frontzähne nach 


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Die uorniale Bewegung dtr nach Extraktionen verbleibenden Zähne. 101 


der anderen Seite auf. Nach frühzeitiger Extraktion von Milch¬ 
zähnen wird der Zahnbogen so klein, dass einige bleibende 
Zähne gar nicht zum Durchbruch kommen. Der Wangendruck 
«ach innen auf die unteren Molaren nach frühzeitiger Ex¬ 
traktion eines vorderen Zahnes bewirkt eine Einwärtskippung 
«nd da dieser Druck in höherem Masse auf den vorderen 
Teil des Zahnes wirkt, wird die mesio-distale Achse des Zahnes 
■auch eine Deviation nach vorne und innen erleiden. Bei oberen 
Molaren ist diese Einwärtskippung nicht so stark ausgeprägt, 
■da die vertikale Achse der oberen Molaren normal nach unten und 
-aussen gerichtet ist. Ich glaube, die Muskelwirkung der Wangen 
ist wesentlich schuld an dem Vorwärtskippen der Molaren und 
ftückwärtskippen der Prämolaren, wie das nach Extraktionen 
■oft der Fall ist. Die allgemeine Folge des Lippen- und Wangen¬ 
druckes ist, dass die Milch- und die ihnen folgenden Zähne 
«ach innen und rückwärts, die bleibenden Molaren hingegen 
«ach innen und vorne gekippt werden. 

Die beigegebenen vier Tafeln werden die Frage besser be¬ 
leuchten. 

Es ist in einigen Fällen sichtbar, dass nach symmetrischer 
Extraktion der vier bleibenden Molaren die bleibenden Zähne 
in eine praktisch vertikale Apposition gelangt sind, ein Er¬ 
gebnis, welches dem Kieferwachstum, dem Lippen- und Wangen¬ 
druck und dem ursprünglich kleinen Kiefer zuzuschreiben ist. 

Der Biss wird in einigen Fällen die Verschiebung der 
öbrigen Zähne verhindern, in anderen wieder fördern. Der 
Biss kann z. B. die Rückwärtsbewegung der unteren Prä¬ 
molaren verhindern. Das Kippen der Prämolaren ist zum Teil 
der Kaukraft zuzuschreiben; jenes der Molaren kann zum Teil 
ebenfalls der Kaukraft zugeschrieben werden. Die X-Strahlen 
zeigen, dass die Zähne nach frühzeitiger Extraktion schon vor 
dem Durchbruch gekippt sein können. 

Frühzeitige Extraktion eines oberen Zahnes, gefolgt von 
der Abflachung und Kontraktion des Zahnbogens mag durch 
die Kaukraft selbst in dem unversehrten unteren Zahnbogen 
eine Kontraktion bewirken, besonders zur Zeit des Zahn¬ 
wechsels, indem die unteren Zähne nach innen getrieben 
werden oder gar ein Zahn ausgeschlossen wird. 

Manchmal wird ein unversehrter unterer Zahnbogen eine 
splintähnliche Wirkung auf den verstümmelten oberen Zahn¬ 
bogen ausüben und denselben durch die Kaukraft in seiner 
vollkommenen Form erhalten. 

Ausser diesen Kräften — Kieferwachstum, Lippen- und 
Wangendruck, Biss — scheint eine undefinierbare Kraft zu 
wirken, welche das Wiederordnen der im Knochen enthaltenen 


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102 


J. G. Turner, London: 


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Zähne versieht und vielleicht in solchen Kiefern am meisten 
wahrnehmbar ist, welche an die subnormale Grösse grenzen. 
Diese Krall kann als Wiederherstellung der intraossellen Tention 
aufgefasst werden. Können wir die einmal definieren, haben 
wir eine physiologische Basis für die Extraktion der undurch- 
gebrochenen Prämolaren. 

Fig. 18 zeigt, wie die Zähne eines zu kleinen Kiefers 
sozusagen hinausgepresst werden und die folgende Figur be¬ 
weist, dass nach frühzeitiger Extraktion die Zähne ein neues 
Arrangement eingehen. 

Es muss bemerkt werden, dass einige solche Fälle nach 
dem Durchbruch dem Lippen- und Wangendruck zuzu¬ 
schreiben sind. 

Der frühzeitige Durchbruch eines unteren dritten Molars 
rührt sicherlich von dem Vorwärtskippen des zweiten Molars 
her, wodurch der dritte Molar sozusagen „disimpaktiert“ wird 
und ist nicht ganz als die Folge einer Wiederherstellung der 
intraossellen Spannung aufzufassen. 

Erklärung der Tafeln. 

Fig. 1. Die Richtung der Entwicklung der oberen und uuteren Molaren. 

Fig. 2. 12 Jahre alt. Der zweite obere bleibende Molar hinter dein 

zweiten Prämolaren durchgebrochen nach frühzeitiger Extraktion des ersten 
bleibenden Molars. Die Frontzähue sind durch Lippen und Wangen nach 
rückwärts und nach innen gedrängt. 

Fig. 8. 6 Jahre alt. Keine Verschiebung nach frühzeitiger Extraktion 
des oberen ersten Milchmolars (im vierten Lebensjahre). Vergleiche den Bisa 
des zweiten Milchmolars. Die Frontzähne siud durch Lippe und Wange zu¬ 
rückgedrängt. Der obere Bogen hat die unteren Frontzähne derselben Seite 
nach innen gedrängt und der nachfolgende bleibende Zentralscbneidezahn ist 
innerhalb des Bogens. 

Fig. 4. 7 Jahre alt. Keine Verschiebung nach Extraktion des oberen 
ersten Milchmolars (im vierten Lebensjahre). Vergleiche den Biss des ersten 
bleibenden Molars. Die vorderen Zähne sind durch Lippen undWangeu nach 
rückwärts gedrängt. Die unteren ersten bleibenden Molaren sin t nicht ver¬ 
schoben. Auf einer Seite ist der erste bleibende untere Molar nach vorne 
gekippt. Der eine obere zweite Milchmolar scheint etwas verlängert zu sein. 

Fig. 4a. 9 Jahre alt. Frühzeitiger Durchbruch der oberen Präuiolaren 
nach Extraktion der Milchmolaren wegen Abszess, aber auf der anderen Seite 
kein frühzeitiger Durchbruch nach Extraktion des ersten Milchmolars wegen 
Pulpitis. Abflachen und Rückwärtsbewegung an derselben Seite durch Lippen 
und Wangen. An der entzündlichen Seite ist der erste Molar vorwärts ge¬ 
rückt, da der Knochen erweicht; au der anderen Seite fast gar keine sicht¬ 
bare Verschiebung. Das Kind ist für stin Alter zu klein. Keine Adenoiden. 

Fig. 5. 10. Mai 1905 den Patienten das erste Mal gesehen. Auf 
einer Seite der erste bleibende Molar vorwärts gedrängt, Vorderzähue nach 
rückwärts und inueu gedrängt durch Lippen uud Wangen nach Extraktiou der 
Milchzähne. Zweiter Prämolar war innerhalb des Bogens ausgeschlossen und 
ist eutfernt worden. Die übrigen bleibenden ersten Molaren sind wegen 
Karies denselben Tag 10. Mai 1905 extrahiert worden. Im Oberkiefer bricht 
der zweite bleibende Molar gerade hinter dem Prämolar durch. Am 27. No- 


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Die normale Bewegung der nach Extraktionen verbleibenden Zähne. 103 

vember 1905: Der erste bleibende Molar nach frühzeitiger Extraktion im 
Kieferkuochen vorwärts gedräugt. Der andere zweite bleibeude Molar ist 
unmittelbar hinter dem ersten durchgebrochen und dessen Beweguug nach 
vorne gefolgt. Im Unterkiefer sind die zweiten bleibenden Molaren vor- und 
einwärts gekippt und ihre mesio-di tale Achse nach innen gerichtet; die Front¬ 
zähne sind teilweise durch den Lippen- uud Waugendruck nach hinten gedrängt. 

Fig. 6. 26 Jahie alt. Aus der mit „a u gezeichneten Seite ist der zweite 
untere bleibeude Molar im Alter von 12 bis 14 Jahren extrahiert worden. 
Der dritte Molar ist etwas nach vorne gekippt (Röntgenbild), am Bisse 
siebt man, dass der erste Molar und die vor ihm liegenden Zähne sich nach 
rückwärts verschoben haben. An der mit „6 U bezeichneten Stelle ist der 
ende uutere bleibende Molar im selben Alter extrahiert worden. Der Biss 
zeigt, dass die vorderen Zähne rückwärts verschoben sind. Am Röntgen¬ 
bilde ist es sichtbar, dass der zweite Molar nur wenig nach vorne kippte. 
(Die Inklination des Röutgenbildes rübrt von einem Fehler beim Herstellen 
des Original-Diapositivs her.) 

Fig. 7 u. 7a. 14 Jahre alt. Beide Seiten eines Unterkiefers. Zeigt das 
Rückwärtsdringen der Prämolaren und das Vorwärtskippen des zweiten 
Molars nach Extraktion des ersten Molars. 

Fig. 8 u. 8a. 15 Jahre alt. Beide Seiten desselben Unterkiefers. Wo 
die mesiale Wurzel des ersten Molars liegen geblieben ist, sind die Prä¬ 
molaren nur ganz wenig gerückt und der zweite Molar sehr gekippt. Die 
ersten bleibenden Molaren sind auf beiden Seiten extrahiert worden. 

Fig. 9. Erwachsener nach frühzeitiger Extraktion des ersten Molars. 

Fig. 10. Bewegung des Prämolaren nach hinten, nach frühzeitiger 
Extraktion der ersten bleibenden unteren Molaren; vier Fälle. 

Fig. 11. Aebnlicher Fall. 

Fig. 12 zeigt den unteren zweiten Prämolar, welcher im Knochen 
selbst nach hinten rückte und nach frühzeitiger Extraktion des ersten 
Molars kippte. 

Fig. 13 zeigt das Rückwärtsdringen der unteren Zähne nach Gewebs- 
verlust de3 ersten Molars durch Karies. Vergleiche den Biss. 

Fig. 14. Rückwärtsbewegung des zweiten unteren Prämolars unter 
dem zweiten Milchmahlzahn nach Absorption seiner hinteren Wurzel. Er¬ 
wachsener. 

Fig. 14 a. Unterer Eckzahn hinter dem unteren Milcbeckzahn zum 
Durchbruch gelangend, nach Absorption der Wurzel desselben. Der Milch¬ 
eckzahn ist anf dem Modell ersichtlich. Erwachsener. 

Fig. 15 u. 15a. 12 Jahre alt, mit Adenoiden. Rotation des oberen 
ersten Prämolars durch Lippen- uud Wangendruck. Der erste bleibende 
Molar ist nicht nach vome gerückt, und zwar wegen Wachstumsverhinde¬ 
rung durch Adenoiden. Siehe Röntgenbild. 

Fig. 16. 15 Jahre alt Nach Verlust der Krone des oberen zweiten 
Piämolars ist der obere erste Molar nach vorne gekippt, aber nicht gerückt. 
Siehe Röntgenbild. 

Fig. 17 u. 17 a. Beide Seiten eines Unterkiefers. Nach frühzeitiger 

Extraktion des ersten Molars ist der zweite Molar nach vorne gekippt uud 

der dritte Molar „disimpaktiert“. Die Prämolaren sind nach hinten gerückt, 
Vergleiche den verborgenen dritten Molar der anderen Seite. 

Fig. 18 zeigt die Zähne eines zu kleinen Kiefers. 

Fig. 19 u. 19 a Oberer Molar zwischen dem neunten und zehnten 

Lebensjahr extrahiert, als die Prämolaren und Eckzähne wahrscheinlich noch 
im Knochenkörper verborgen waren und die Wurzeln der Milcbzähne absor¬ 
biert. Hier scheint ein „Rearrangement“ der Zähne stattgefundeu zu haben, 
während im Knochen noch eine „Wiederherstellung der Tention“ vorhanden 
ist. Patient wurde vor der Modellnahme nicht gesehen. 


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Dr. Max Enlka, Wien: 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Eil NacMrat zur Profan 1er Silitalzeuente. 

Von Dr. Max Kalla , Zahnarzt in Wien. 

Vortrag, gehalten auf dem V. Internationalen zahnärztlichen Kongress in 

Berlin (Angast 1909). 

Ehe ich an die Erledigung meines eigentlichen Themas 
schreite, welches ja an und für sich nicht allzuviel Zeit in 
Anspruch nehmen wird, gestatten Sie, dass ich an einer Me¬ 
thode der Zementprüfung, die in letzter Zeit speziell vom 
Kollegen Robert Richter propagiert wird, sine ira et studio 
wissenschaftlich Kritik übe. Diese Methode basiert, wie Ihnen 
bekannt, darauf, dass die mehr oder weniger intensiven Ver¬ 
färbungen, die die meisten Zemente durch Behandlung mit 
Anilinfarbstoffen erleiden einerseits, anderseits die damit ein¬ 
hergehende Entfärbung, d. h. das oft zu beobachtende Heller¬ 
werden der zur Anwendung gelangten schwachprozentigen 
Farbstofflösungen ohne jede weitere Prüfung aller anderen 
Eigenschaften kurzerhand einen sicheren Schluss auf die 
mangelnde Güte überhaupt des betreffenden Präparates ge¬ 
statten sollen. 

Wenn ich nun darangehe, die Unrichtigkeit und damit 
die Unhaltbarkeit dieser Behauptung Richters zu beweisen, 
so sehe ich natürlicherweise von Präparaten ab, die überhaupt 
nicht zu einem richtigen Erhärten kommen, daher a priori 
nicht zu brauchen sind, weil sie mit jedweder, also auch mit 
einer färbenden Flüssigkeit in Berührung gebracht sofort er¬ 
weichen, infolgedessen der Farbstoff durch Imbibition me¬ 
chanisch festgehalten wird, und habe vielmehr nur solche 
Zemente im Auge, die zur Zeit der Anstellung des Versuches 
bereits vollkommen erhärtet sind. 

Aber auch in jenen Fällen, in denen der Farbstoff in 
erhärtete Proben nach mehr oder minder langer Behandlungs¬ 
zeit eingedrungen ist oder dieselben durchdrungen hat, beweist 
dies unter Umständen nur, dass dieser Zement vielleicht 
porös ist. Mehr aber nicht! Ich schlage mit Rücksicht auf die 
folgenden Ausführungen vor, in Zukunft die Poiosität dem 
von Le Ghatelier angegebenen Verfahren folgend derart zu 
prüfen, dass die Versuchskörper zuerst z. B. in Ferrozyankalium- 
oder Schwefelnatriumlösung gelegt und dann nach einer ge¬ 
wissen Zeit mit einer Ferrisalz-, bzw. Bleisalzlösung behandelt 


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Eiu Nachtrag zur Prüfung der Silikatzemente. 


105 


worden. Die entstehenden gefärbten Niederschläge zeigen dann, 
wie weit die erste Lösung eingedrungen ist. 

Das Eintreten einer Verfärbung in einer Farblösung da¬ 
gegen kann nach folgendem einer ganz verschiedenartigen 
Deutung unterliegen. 

Nicht ganz ohne Interesse dürfte es für Sie sein zu er¬ 
fahren, dass der alte Rostaingsche Zement, wie mich meine 
diesbezüglichen Versuche lehrten, einen derart hohen Grad von 
Porosität und dementsprechende Durchlässigkeit für Farbstoff¬ 
lösungen aufwies, wie vielleicht keiner der heute existierenden 
schlechtesten Zemente, eine Tatsache, die übrigens auch 
frühere Zementforscher konstatierten und beklagten, wie z. B. 
M. Schlenker in seiner Arbeit über „Rostaingzement“ (Deutsche 
Vierteljahrsschr. für Zahnheilkunde, XIX. Jahrg., H. 1). 

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass meiner An¬ 
sicht nach Zemente porös sein dürfen, ich wünsche vielmehr 
das Gegenteil und erwähnte nur dieses eklatante Beispiel, um 
zu beweisen, dass selbst die Konstatierung der Porosität allein 
nicht immer berechtigt und genügt, um über ein Präparat ein 
vernichtendes Urteil zu fällen. 

Bei dieser Gelegenheit bestreite ich aber auch entschieden 
die Angabe Richters und anderer Autoren, dass der Farb¬ 
stoff in Aschers künstlichen Zahnschmelz eindringt, ebenso¬ 
wenig wie dies jetzt heim neuen Harvardid und Astral der 
Fall ist und sehe dabei ab vom gelegentlichen Eindringen des 
Farbstoffes längs der Risse, wie es speziell bei beiden letzt¬ 
genannten Zementen noch immer öfters zu beobachten ist. 
Aber auch der negative Ausfall dieses Färbeversuches genügt 
nicht, um ohne jede weitere Prüfung ein Präparat als gut zu 
erklären, wie ich in der Folge meines Vortrages zu beweisen in 
die Lage kommen werde. 

Was nun die Intensität der Oberflächenfärbung betrifft, 
werden Sie sich erinnern, dass auch ich seinerzeit die ver¬ 
schiedenen Grade derselben bei den verschiedenen Präparaten 
trotz gleichartiger Behandlung mit ein und demselben Farb¬ 
stoff beobachtete und mich nur damit begnügte, die Tatsache 
tabellarisch zu registrieren, ohne daraus weitgehende Schlüsse 
zu ziehen. Dass ich mich bemühte, für die verschiedene Inten¬ 
sität der Färbung eine naheliegende und plausible Erklärung 
zu finden, ist selbstredend und bestehen die seinerzeit ange¬ 
führten Möglichkeiten noch immer zu Recht. Trotz alledem hat 
aber dieses Phänomen im allgemeinen — wohlgemerkt, ich 
spreche jetzt nur von Versuchen mit konstatiert abgebundenen 
Zementproben — in den meisten Fällen mit einer Löslichkeit 


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106 


Dr. Max Kulka, Wien: 


überhaupt nichts zu tun und darf in Zukunft allein ohne jede 
andere verlässliche diesbezügliche Prüfung absolut kein Krite¬ 
rium für die Güte der Zemente bilden, zumal die Ursache der¬ 
artiger Anfärbungen, wie die Arbeilen der Mineralogen, bzw. Che¬ 
miker Prof. Becke, H. Rosenbusch, Suida, speziell aber 
die in jüngster Zeit erschienene Arbeit von Dr. Franz Hundes¬ 
hagen aus dem öffentlichen chemischen Laboratorium Doktor 
Hundeshagen Und Dr. Philipp in Stuttgart beweisen, auf 
das Konto einer besonderen Eigenschaft mineralogischer Sub¬ 
strate zu setzen ist. 

Sie alle wissen ja, dass wir in der Histologie von der 
Fähigkeit der Gewebselemente, gewisse Farbstoffe in einer be¬ 
stimmten Auswahl an sich zu ziehen und sich damit mehr 
oder weniger intensiv tingieren, Gebrauch machen, weiters 
dass es einerseits basische, anderseits saure Farbstoffe gibt. 

Je nach der besonderen Affinität zu einer oder der anderen 
Art von Farbstoffen unterscheiden wir nach P. Ehrlich ba¬ 
sophile Stoffe von azido- oder oxyphilen, weiters amphophile 
und schliesslich neutrophile oder indifferente Stoffe. 

Basophilie bedingt Färbung mit nur basischen, Oxyphilie 
Färbung mit nur sauren, während Amphophilie beiderlei Arten 
von Farbstoffen zugänglich ist. 

Diese unterschiedliche Chromatophilie hat zur Folge, dass 
jedes Gewebselement nach sukzessiver Behandlung mit ver¬ 
schiedenen Farbstofflösüngen oder nach Behandlung mit einer 
kombinierten Farblösung (sogenannte neutrale Triazidgemische) 
in der seiner spezifischen Affinität entsprechenden Färbung 
zum Vorschein kommt (sogenannte differentielle Simultan¬ 
färbung). 

Sie alle kennen ja weiters den fundamentalen Gegensatz, 
der darin liegt, dass die oxyphilen Gewebselemente hauptsäch¬ 
lich im protoplasmatischen Teil der Zellen ihren Sitz haben, 
und zwar sind es wesentlich die sogenannten einfachen phos¬ 
phorfreien Proteine, wie z. B. Albumine, Globuline usw., wäh¬ 
rend sich im Gegensatz hiezu die basophilen Elemente haupt¬ 
sächlich im Kerngerüst finden, daher als spezifische Kernsub¬ 
stanzen angesehen werden, wie z. B. Nucleoproteide, Glyco- 
nucleoproteide und die aus ihnen hervorgehenden Nucleine und 
Nucleinsäuren. Zwischen beiden stehen die amphophilen Ge¬ 
webselemente, im wesentlichen Nucleoalbumine, die als spezi¬ 
fische Körnung oder Spongioplasma auftreten. Ich erwähne 
weiters nur kurz die Möglichkeit sogenannter Pseudofärbungen, 
die interessanten Elektionsfärbungen, bekanntlich dadurch ge¬ 
kennzeichnet, dass sich z. B. das oxyphile Gewebselement aus 


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Ein Nachtrag zur Prüfung der Siükatzemente. 107 

einem Gemisch sauerer Farbstoffe den ihm arh meisten zu¬ 
sagenden Farbstoff aussucht, weiters die noch interessanteren 
sogenannten metachromatischen Färbungen, bei denen ein 
Farbstoff mit einem bestimmten Substrat eine von seinem ' 
eigentlichen Farbcharakter ganz abweichende Färbung gibt, 
wie z. B. die Rotfärbung der Mucine mit Thionin oder Rot¬ 
färbung des Amyloids mit Anilingrün. 

Hundeshagen hat nun herausgefunden, dass alle diese 
Erscheinungen färberischen Verhaltens in ihren verschiedenen 
Variationen sich auch im Mineralreich wiederfinden, und zwar 
neben färberisch indifferenten Substraten solche von typisch 
oxyphiler, typisch basophiler und typisch amphophiler Chroma¬ 
tophilie, weiters Erscheinungen von Pseudochromasie, meta¬ 
chromatische Färbungen, Färbungen, die von den Regeln der 
Auswahl beherrscht werden usw., kurz, dass es auch im Mineral¬ 
reich nur äusserst wenige Stoffe gibt, die überhaupt mangelnde 
Chromatophilie aufweisen, dass vielmehr die meisten minera¬ 
lischen Stoffe die Tendenz zeigen, sich, sei es mit basischen 
oder saueren Farbstoffen mehr oder weniger intensiv zu tin- 
gieren, so dass Hundeshagen auf Grund der verschieden 
gerichteten Chromatophilie ein System der Diagnostik der 
Mineralien aufzubauen versucht. 

Dass aber diese Erscheinungen, die heute alle Mineralogen 
und Chemiker interessieren, auch nur etwas mit einer Löslich¬ 
keit zu tun haben, konnte ich weder aus der eben zitierten, 
noch aus anderen in rascher Folge erschienenen Arbeiten ent¬ 
nehmen, ja man ist sich übrigens noch gar nicht ganz klar 
darüber, worauf die Chromatophilie beruht, Beweis dessen 
dieserhalb zwischen den anorganischen Chemikern, bzw. Minera¬ 
logen einerseits und den Vertretern der Kolloidchemie ander¬ 
seits ein wissenschaftlicher Streit herrscht, indem die ersten 
den Standpunkt vertr«. ten, dass es sich bei diesen Anfärbungen 
um chemische Reaktionen handelt, während letztere sie als 
Adsorptionserscheinungen angesprochen wissen wollen. Diese 
Anfärbungen eignen sich, wie mir meine Versuche zeigen, be¬ 
sonders dazu, um z. B. gewisse Bestandteile im Pulver dia¬ 
gnostisch zu erkennen, um weiters das Mischungsverhältnis der¬ 
selben rasch wenigstens approximativ abzuschätzen, besonders 
aber, um in Dünnschliffen versteckte Texturveihältnisse sicht¬ 
bar zu machen. 

Dass die Intensität der Oberflächenfärbung auch noch 
durch den physikalischen Zustand, also nicht vollkommen 
glatte, sondern rauhe Flächen beeinflusst und infolgedessen 
der Farbstoff oft nur mechanisch festgehalten wird, ist ein¬ 
leuchtend. 


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los 


Dr. Max Kulka, Wieu: 


Die meisten derart zustande kommenden Anfärbungen 
aber sind, was Sie hauptsächlich interessieren wird, chromato- 
lytisch beeinflussbar, d. h. die Anfärbung kann abgeschwächt, 
bzw. zerstört werden, indem der Farbstoff, je nachdem es sich 
um eine oxyphile oder basophile Färbung handelt, durch ver¬ 
dünnte basische, bzw. verdünnte saure (meist Essigsäure-) 
Lösungen mehr oder weniger leicht und vollständig als lös¬ 
liches Farbstoffsalz entzogen werden kann. 

Die manchmal ganz intensiven Verfärbungen, die die 
Zähne durch Genuss von Heidelbeeren erleiden, sind eine ana¬ 
loge chromatophile Erscheinung und das nach Blaubeerengenuss 
vom Volke geübte Waschen der Zähne mit verdünntem Essig, 
bzw. Zitronensaft, bezweckt empirisch die Chromatolyse. 

Bei vollkommen glatten Ascher-, Astral- und Harvardid- 
proben, und nur solche verwende ich bei meinen Versuchen, 
ist die Anfärbung selbstredend nur eine äusserst minimale, eine 
graublaue bis lichtblaue Tönung, der Farbstoff haftet nur ganz 
oberflächlich und verschwindet durch blosses Bürsten oder 
Reiben mit Brot etc., mitunter lässt er sich schon durch spezifisch 
indifferente Lösungsmittel für den Farbstoff, z. B. Alkohol, ab- 
ziehen, ganz sicher aber geradeso wie bei den verfärbten Zähnen 
durch Waschen mit verdünntem Essig. Auf alle Fälle aber be¬ 
streite ich entschiedenst, dass der Farbstoff in korrekt ange¬ 
rührte Proben von Aschers künstlichem Zahnschmelz eindringt. 

Sie sind jetzt in der Lage, zu ermessen, wie gewagt es 
ist, aus der Intensität der Oberflächenfärbungen ohne jede 
weitere Prüfung auf die Güte der Zemente zu schliessen und 
mit welchem Rechte ich Sie warne, eine derartige Prüfungs- 
methode zu akzeptieren. 

Nun zum Bericht über meine jüngsten Prüfungen der 
Zemente. Derselbe bezieht sich diesmal auf Proben, welche 
vor der üblichen Wasser-, bzw. Speichelbehandlung gleich nach 
dem Anrühren auf Körpertemperatur gebracht wurden und in 
dieser 20 Minuten lang verblieben. Ich betone, dass es sich in 
allen Fällen um feuchte Wärme handelte, die ich dadurch er¬ 
zielte, dass ich im Thermostaten ständig ein Glas Wasser ein¬ 
geschlossen hielt, denn in trockener Wärme könnten, worauf 
ich bereits an anderer Stelle hingewiesen habe, die in manchen 
Zementen sich bildenden beständigen Hydrate zersetzt und in 
unbeständige Verbindungen überführt werden. 

Damit soll aber nicht gesagt sein, dass die von mir an¬ 
sonsten geübte Methode des dreistündigen Härtenlassens bei 
Zimmertemperatur unrichtig ist, und verweise ich dieserhalb 
nur auf Ostwald, welcher ausdrücklich sagt: „Das Gesetz, 
dass die Geschwindigkeit chemischer Vorgänge mit steigender 


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Ein Nachtrag zur Prüfung der Silikatzemente. 


109 


Temperatur zunimmt, gilt für chemische Vorgänge aller Alt. 
Wir haben aber keinen Grund, anzunehmen, dass irgend ein 
chemischer Vorgang, welcher bei höherer Temperatur statt findet, 
bei niederer nicht eintreten kann. Dass eine solche Anschauung 
sich mit den allgemeinen Erfal rungen verträgt, geht daraus 
hervor, dass durch Messungen des zeitlichen Verlaufes vieler 
chemischer Vorgänge sich die annähernde Regel herausgestellt 
hat, dass die Geschwindigkeit chemischer Vorgänge sich bei Er¬ 
höhung der Temperatur um je 10" durchschnittlich verdoppelt.“ 
Und an anderer Stelle: „Der Einfluss der Temperatur ist mit der 
Natur der Reaktion einigermassen, doch nicht sehr veränderlich; 
er beträgt durchschnittlich so viel, dass durch eine Temperatur¬ 
erhöhung von rund 10° die Geschwindigkeit verdoppelt wird.“ 

Wenn ich nun trotzdem dem Verlangen anderer Zement¬ 
forscher diesmal entsprach, so geschah es hauptsächlich, um 
jedem Einwand gegen die Richtigkeit meiner Resultate erfolg- 
reich begegnen zu können. 

Dass aber die Festigkeitszahlen diesmal geringere Werte 
ergeben, ist selbstredend und war vorauszusehen, da ja auch 
die in der Pörtlandzementfabrikation gemachten Erfahrungen 
ergeben haben, dass bei allen plastischen Materialien bei ge¬ 
ringer Verzögerung des Abbindens grössere Festigktit erreicht 
wird. In diesem Falle sind eben die Kristallisationszentren 
seltener, die Kristalle werden länger, ihre Berührungsflächen 
und somit ihre Adhäsion grösser. 

Der Prüfung wurden diesmal neuerlich zugeführt die 
Präparate: Aschers künstlicher Zahnschmelz, Astral, Harvardid 
und gleichzeitig der alte Original-Rostaingzement. 

Ich kann nicht umhin, Herrn Professor Jung für die 
freundliche Ueberlassung dieses Präparates öffentlich meinen 
besten Dank auszusprechen. Wenn auch dieses Präparat in 
seinen physikalischen Eigenschaften, von dem Mangel einer 
Transparenz will ich ja ganz absehen und von der grossen 
Porosität habe ich heute bereits gesprochen, auch sonst den 
Anforderungen, die wir heutzutage an ein gutes Füllmaterial 
stellen, im allgemeinen keineswegs entsprach, es verarbeitete 
sich sehr schwer und wurde leicht bröckelig (vide auch 
Schlenk er), so müssen wir doch den Angaben alter Praktiker 
Glauben schenken, dass es jahrelang den schädlichen Einflüssen 
in der Mundhöhle widerstand, wozu sicherlich nur seine che¬ 
mischen Eigenschaften wesentlich beitrugen. 

Vor allem konstatiere ich, dass der erhärtete Rostaing¬ 
zement, was auch M. Schlenker beobachtet hat, alkalisch 
reagiert. Ich verweise weiters darauf hin, dass dies auch der 
natürliche Zahnschmelz tut, und dass bei Aschers künsl- 


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110 


Dr. Max Kolka, Wien: 


lichem Zahnschmelz dasselbe der Fall sein soll, wie Robert 
Richter und andere beobachtet haben wollen. 

Die Zugfestigkeit prüfte ich diesmal nicht, einmal weil 
sie ja für das Urteil nicht wesentlich in Betracht kommt, zu¬ 
mal ja die Zemente auf Zug eigentlich garnicht beansprucht 
werden, und dann, weil mich die Erfahrung gelehrt hat, dass 
bei der von mir für diese Prüfung früher gewählten Form 
künstliche Sprünge der Proben beim Einspannen oft unver¬ 
meidlich waren, ich infolgedessen nicht immer gleiche und 
richtige Resultate erzielen konnte. Ich muss daher, wenn über¬ 
haupt, bei meinen nächsten Prüfungen die Form der Zugfestig¬ 
keitsproben ändern, und zwar Biskuitform, und damit auch die 
diesbezügliche Einrichtung an meiner Maschine. 

Uebrigens ist ja die Prüfung der Bruchfestigkeit die 
sicherste und ergab dieselbe für die untersuchten Präparate 
folgende Werte: 


Roslain gzement . . . . 

Astral.| 

Harvardid.| 

Aschers künstl. Zahnschmelz 


rund 4*5 Kg. 1 
5 bis 8‘5 „ 

, 


Bei letztgenanntem Präparat im allgemeinen beinahe 
doppelt so grosse Werte als bei allen anderen diesmal unter¬ 
suchten Zementen. 

Die Werte der Druckfestigkeit ergaben folgendes 
Verhältnis: 

Rostaing .69-888 Kg, 

Harvardid. 109-622 „ 

Astral . . -. 128-470 „ 

Ascher. 137-120 _ 


Die Prüfung der Härte ergab dieselbe Reihenfolge, wie 


seinerzeit: 


Härtegrad 


1. Aschers künstlicher Zahnschmelz über 4 

2. Astral | 

3. Harvardid ). 

4. Rostaing. unter 4 


1 Dabei muss bemerkt werden, dass sich die kleineren Werte haupt¬ 
sächlich auf Astral beziehen, was verglichen mit den Druckfestigkeitswerteu 
desselben Präparates wundernehmen mag; jedoch ist nach den gemachten 
Erfahrungen das Verhältnis zwischen den einzelnen Festigkeitsarten hei ver¬ 
schiedenen Zementen oft ein verschiedenes, so dass von der Bruchfestigkeit 
niemals mit Sicherheit auf die Druckfestigkeit und vice v^rsa geschlossen 
werden kann. (Vgl. auch Dr. Karl Schoch: Moderne Aufbereitung der 
Mörtelmaterialien.) 


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Ein Nachtrag zur Prüfuug der Silikatzemeute. 


111 


Von der Porosität und der Durchlässigkeit für Farbstoffe 
habe ich bereits gesprochen, es erübrigt also nunmehr nur 
noch auf das chemische Verhalten der Präparate näher ein¬ 
zugehen. 

Die Piüfung in Oöprozentiger Essigsäure ergab 
durschniltlich folgende Verlustzahlen in Gewichtsprozenten: 

Ascher .... 1 

Astral . . . . j (>5t) bis 1*64 Prozent 

Harvardid . . . | 

Rostaing zum Vergleich: 5-37 „ 

Die geringe Löslichkeit der Zemente in Essigsäure ist 
darauf zurückzuführen, dass die Fabrikanten bei der Konstruk¬ 
tion ihrer Zemente dafür sorgen, dass sich Löslichkeit hemmende 
Verbindungen bilden. 


0 5 prozen lige Milchsäure: 

Ascher . ... j 

Astral .... | 5 3 bis S>3 Prozent 

Harvardid ... I 

Rostaing zum Vergleich: 10*5 „ 

Selbstredend beziehen sich diese Werte auf die Ergeb¬ 
nisse unzähliger Versuche. 


Löslichkeit im Wasser: 

Ascher. 0 Prozent 

Astral. 0 „ 

Harvardid .... 0 bis 0-9 „ 

Rostaing .... 0 „ 0 61 „ 

Diese äusserst geringen Löslichkeitswerte, sowohl in Säuren 
als auch im Wasser, sind ein Erfolg, zu dem den Fabrikanten 
jedenfalls nur zu gratulieren ist. 

Nun wollen aber viele Praktiker beobachtet haben, dass 
die Porosität der meisten Silikatzemente mit dem Alter der 
Füllung im Munde zunimmt und im Gegensatz zu der an¬ 
fänglichen Dichte und Härte eine Auflockerung zu konstatieren 
sein soll. Ich gebe auf Grund meiner Experimente zu, dass 
dies bei den Silikalzementen Harvardid und Astral infolge ihrer 
Konstitution der Fall sein kann, keineswegs aber bei Ascher, 
wenn korrekt verarbeitet. 

Die meisten Autoren behaupten, dass diese Erscheinungen 
auf dem Auflösen und Auslaugen von Bestandteilen durch 
Säurewirkung beruhen (vide Morgenstern). 


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112 


Dr. Max Kulka, Wien: 


Ich hingegen glaube, dass es schon mit Rücksicht auf 
die konstatiert geringe Säurelöslichkeit dieser Präparate nahe¬ 
liegender ist, die Alkalien des Mundspeichels dafür verant¬ 
wortlich zu machen und will nun beweisen, dass diesem Aus- 
laugen der Zemente im wahren Sinne des Wortes, i. e. durch 
den alkalischen Mundspeichel bei der Silikatzementprüfung 
bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Zwar 
wurde dieses Phänomen schon des öfteren beobachtet, jedoch 
demselben keine besondere Bedeutung beigelegt, da man sich 
sagte: die Zemente sind alkalihaltige Produkte, der Speichel 
eine alkalische Flüssigkeit, demnach müssen die Zemente im 
Speichel unlöslich sein oder, chemisch ausgedrückt, die Löslich¬ 
keit wird vermindert oder ganz aufgehoben, weil eines der dabei 
entstehenden Katjonen in der lösenden Flüssigkeit (Speichel) 
vorhanden ist. 

Diese Ueberlegung ist offenbar richtig, jedoch mit einem 
kleinen Vorbehalt. 

In den meisten Silikatzementen entstehen beim Abbinden 
entsprechend der Zusammensetzung der Pulver der Hauptsache 
nach auch Aluminiumphosphate. 

Nun wissen wir aber, dass alle Hydroxyde, welche ampho¬ 
teren Charakter, d. h. sowohl saure als auch basische Eigen¬ 
schaften haben — und Aluminiumhydroxyd ist ja geradezu 
der Typus dieser Klasse — die besondere Reaktion zeigen, 
dass ihre schwer löslichen Salze mit welchen Säuren immer 
durch Alkalien gelöst werden. Dies fordert direkt zur Nach¬ 
prüfung der Silikatzemente in bezug auf ihre Löslichkeit in 
Alkalien auf, und die diesbezüglichen Versuche ergaben das 
interessante Resultat, welches ich nachstehend verzeichne: 

Nach üblicher Vorbehandlung in 0*5 Prozent Kalilauge¬ 
lösung gebracht und 24 Stunden hindurch darin belassen, er¬ 
wiesen sich die Präparate Astral mehr oder weniger angegriffen, 
Harvardid als bis in tiefer Schicht total erweicht, Aschers künst¬ 
licher Zahnschmelz und Rostaing als unverändert. Nach drei¬ 
stündigem Trocknen wurden die Präparate trocken abgebürstet, 
dabei lösten sich die erweichten Oberflächenschichten als feiner 
Staub ab, der restierende Kern wurde gewogen und nach un¬ 
zähligen Versuchen ergaben sich folgende Verlustzahlen: 

0*5prozentige Kalilaugelösung. 

1. Harvardid.20 bis 25 Prozent 

2. Astral.5 n 10 „ 

3. Ascher und Rostaing . . . 0 „ 


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Ein Nachtrag znr Prüfung der Silikatzemente. 113 

2prozentige Natrium carbonicum-Lösung. 


Harvardid.3 Prozent 

Astral ..0 bis 1*5 „ 

Rostaing und Ascher ... 0 


Diese Resultate zwingen mich, meinen bisherigen Forde¬ 
rungen : 

1. Abbinden innerhalb 15 bis 20 Minuten bei Körper¬ 
temperatur, 

2. Wasserbeständigkeit, 

als 3. Forderung die der Unlöslichkeit in Alkalien hin¬ 
zuzufugen. 

Ueber den Wert der Zementprüfungen heutzutage, wo 
die Materialprüfung auf jedem Gebiete geübt wird, noch viel 
Worte verlieren, hiesseEulen nach Athen tragen. Hauptbedingung 
ist, dass derlei Prüfungen streng in Einklang gebracht werden 
mit den Methoden der exakten Wissenschaften und dass sie 
sich nach der Natur der Sache richten. Es beruht sicherlich 
auf einem totalen Verkennen der tatsächlichen Verhältnisse, 
da vielleicht an irgendwelche geheimnisvoll wirkende Kräfte, 
wie „Speichel als lebende Flüssigkeit“, „vitale Energie des 
Speichels“ usw. glauben zu wollen. 

Der Zement ist ein künstliches chemisches Produkt, das 
durch den Speichel wohl nicht anders als nur chemisch be¬ 
einflusst werden kann. Die Zementfabrikanten aber mögen sich 
nach der Natur richten, die im Zahnschmelz wohl den besten 
Zement geschaffen und diesen, wohl wissend, was sie tut, in 
seinen Eigenschaften der Umgebung angepasst hat. Ich schliesse 
mit dem ebenso schönen als richtigen Satz von Ostwald: 

„Die Natur ist überall vollständig, und wo wir in die Tiefe 
graben, sind wir sicher, ihrem Mittelpunkt näher zu kommen.“ 


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114 


Dr. Eduard Urbantachitecb, Graz: 


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Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet 

Pulpitis cbroD. (sopaite Polypen) ta Frontzäbne des IM- 
pisses rit seltenen KetaMesd. 

(Aus dem pathologisch-anatomischen und aus dem 
zahnärztlichen Universitäts-Institut zu Graz.) 

Von Dr. Eduard Urbantsehitsch, ehern, erster Assistent am zahn¬ 
ärztlichen Institute. 

Im Mai 1908 wurde der 5 jährige Peter W. von seiner 
Mutter ins zahnärztliche Institut gebracht, da sich die Frau 
wegen „wilden Fleisches 4 an dem Oberkiefer ihres Sohnes be¬ 
raten lassen wollte. 

Der Oberkiefer des Kleinen bot bei geöffnetem Munde 
einen merkwürdigen Anblick. An Stelle der Zahnkronen des 
III II I j I II III waren linsen- bis erbsengrosse, rote, fleischige 
Gebilde sichtbar, welche auf der Wurzel hafteten, sich weich 
anfühlten und bei Berührung bluteten. Ob selbe auf Druck 
schmerzhaft waren, konnte bei der Untersuchung nicht kon¬ 
statiert werden, da der Kleine (welcher übrigens im Wachs¬ 
tum stark zurückgeblieben war und aussah wie ein 2'/»jäh¬ 
riges Kind), sobald er ins Operationszimmer gebracht wurde, 
fortwährend schrie. 

Die Anamnese, so viel wir von seiner Mutter, einer 
geistig ziemlich beschränkten Frau, erfahren konnten, ergab 
folgendes: 

Patient war bis zum zweiten Lebensjahre vollkommen 
gesund, im dritten Jahre bekam er Masern und danach habe 
er fortwährend gekränkelt und war deshalb die Mutter mit 
dem Kinde im März und September v. J. im Kinderspitale 
gewesen. Was ihm damals gefehlt habe, wisse sie nicht 
mehr. 

Vor zirka 3 Wochen wären aus unbekannter Ursache 
die Vorderzähne, welche früher so weiss wie „Mandelkerne“ 
waren, braun geworden, und als die Mutter sie berührte, ab¬ 
gebrochen. An Stelle der Zähne habe sich im Verlaufe von 
wenigen Tagen „wildes Fleisch“ entwickelt. Aus diesem Grunde 
besuchte sie Ende April 1908 abermals das Kinderspital, von 
wo aus sie ins zahnärztliche Institut geschickt wurde. Unsere 
Frage, ob sie die braunen Zähne aufgehoben habe, ver¬ 
neinte sie. 


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Original frn-m 

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Pnlpitis chron. (sogenannte Polypen) der Frontzähne etc. 


115 


Aus dem Protokolle des Kinderspitales erfuhren wir, dass 
der Patient wegen LaryngospasmusSoor, Seborrhoea 
capitis und Bronchitis sicca ambulatorisch behandelt 
wurde. 

Auf Lapistuschierung trat keine Besserung ein, des¬ 
halb wurden am 9. Mai 1908 die Granulationen mit dem 
scharfen Löffel exkochleiert. Nach ungefähr 2 Wochen 
hatten sich die Granulationen über den Wurzeln fast voll¬ 
ständig wieder neugebildet. 

Da an eine konservative Behandlung nicht zu denken 
war, und die Mutter angab, dass jede Nahrungsaufnahme dem 
Kleinen Schmerzen bereite, wurden die Wurzeln extrahiert, 
was ohne besondere Schwierigkeit gelang. Die Wundheilung 
nahm den normalen Verlauf und konnte der kleine Patient, 
wie die Frau später berichtete, ohne Schmerzen essen. 

Als Untersuchungsmaterial standen mir nun sowohl die 
im Mai exkochleierten Fleisch Wärzchen zur Verfügung als 
auch die extrahierten Wurzeln mit den neugebildeten 
Granulationen. 

Die Einbettung ersterer erfolgte in Paraffin, die der 
Wurzeln, nachdem sie nach der Schafferschen Methode ent¬ 
kalkt worden waren, in Zelloidin. 

Zunächst wurden die exkochleierten Granula¬ 
tionen mikroskopisch untersucht. 

Am horizontalen Schnitte findet sich, dass die Oberfläche 
desselben mit einer Lage sehr deutlichen fibrinös zelligen Ex¬ 
sudates überdeckt ist. 

Die Granulation selbst besteht aus echtestem, ent¬ 
zündlichem, zelligem Granulationsgewebe, das heisst aus neu¬ 
gebildetem, zelligem Gewebe, in welchem die Rundformen der 
Zellen (Plasmazellen) vorwiegen und in Häufchen an¬ 
geordnet sind. 

Zwischen solchen Zellen sind hie und da aber auch 
grosse helle, runde, auch unregelmässig gestaltete bis spindel¬ 
förmige Zellen (Poly- und Fibroblasten) und wo letztere, dort 
auch bereits zartfaserige Grundsubstanz. 

An der gleichen Stelle sind auffällig die weiten, neu¬ 
gebildeten Blutkapillaren mit mächtig gewucherten Endo- 
thelien, so dass ihre Wandung aus geschichteten Abkömm¬ 
lingen der Endothelien besteht. 

Schon an mit Hämatoxylin-Erythrosin gefärbten Präpa¬ 
raten fiel alsbald auf, dass sich in der peri pherischen, 
bzw. oberflächlichen kruppösen Exsudatzone intensiv 
dunkel gefärbte winzige Häufchen, scheinbar körnige Masse, 
vorfinden. 

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Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Dr, Kdaard XlrbamHcUitseh, (iraxs 

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VVyraef »iea • Kc Hx* ha»* vrit .n«t' 

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. ßäiidjiflrtift des iiorizoataleu Duicfochuittes durch deu Pu>papuijp 
:kiaha»ri (l'arafl’iijas’iiaitt yätfiatosynu-Erjrtbrvsin.) du der Mitte de* 
;.' öeweijc#feJ.«le.s ^areiuabauFen (Hartuacfe, G*?c. 4 . Obj. 7 .V 


Co. gle 






Palpitis chron. (sogenannte Polypen) der Frontzälme etc. 


117 


Mit starker Vergrösserung konnten an diesen Gebilden 
Kolonien paketartig angeordneter Kokken, wahrscheinlich Sar¬ 
dine festgestellt werden. Von diesen soll später noch die 
Rede sein. 

Ich wende mich nun zu dem Resultate der mikro¬ 
skopischen Untersuchung eines ganzen extrahierten Zahnes, bzw. 
der Wurzel eines Zahnes mit Resten der Basalzone der Krone zu. 

Es wurden aus derselben sagittale Totalschnitte an¬ 
gefertigt. 

Betrachtet man einen solchen Schnitt aus der Mitte der 
Wurzel mit kleiner Vergrösserung, so kann man konstatieren, 
dass die Pulpahöhle zwischen den Kronenresten, also bis 
über den Hals hinauf offen ist und mit einem an den ver¬ 
schiedenen Höhen der Wurzel verschieden beschaffenen Material 
-ausgefüllt ist, welches flach-halbkugelig über das Niveau der 
Kronenreste hervorragt. 

Das Gewebe dieser letzteren Partie, die Füllmasse der 
Pulpahöhle, besteht oberflächlich aus faserstoflfig-zelligem 
Exsudate, unter welchem alsbald ganz gleiches Granu¬ 
la tion sgewebe sich befindet, wie es in den exkochleierten 
Stückchen gefunden wurde; nur dass es namentlich dicht unter 
•den E x s u d a t schichten von reichlichen polynukleären Leu- 
kozythen, d. h von Exsudat zellen durchsetzt ist. 

In dieser Schichte des Granulationsgewebes über¬ 
wiegen die Plasma zellen, sind die neugebildelen Kapillaren 
reichlicher, weiter, mit zelligen Wandungen versehen. 

Im Niveau, des Halsabschniltes besteht die Pulpa fülle 
nur aus Granulationsgewebe mit Plasmazellen; die ex¬ 
sudative Infiltration ist da nicht mehr zu finden, doch 
sind die Gruppen der Plasmazellen kleiner und stossen 
zwischen ihnen Polyblasten auf, zwischen denen bereits zarte 
Fasern der Grundsubstanz auftreten. 

Je weiter gegen die Wurzelspilze, desto dichter wird das 
Gewebe, das heisst das einfach-zeilige Granulationsgewebe 
wird immer mehr und mehr zum faserig-zeiligen, in welchem 
allerdings nur weitere und dickwandige Kapillaren ziehen, bis 
endlich an der Wurzelspitze selbst ein faseriges Gewebe mit 
weiten Gefässen zu finden ist, wie solches sich auch zur 
Oeffnung in der Wurzelspitze hervordräng;L 

Es ist selbstverständlich, dass ich meine Aufmerksamkeit 
auch dem Aussehen der Zahnwurzel und den festen Bestand¬ 
teilen der Reste der Krone zugewendet habe. Letztere bietet 
keinen Schmelzüberzug dar, sondern nur Dentintrümmer. 

An der Wurzel selbst ist die Zementschichte sehr dünn, 
die Dentinschichte war gewöhnlich dick, doch ist die Innen- 


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Dr. Eduard Urbantschitsch, Graz: 


schichic desselben von der Wurzelspitze an bis etwas über die 
Hälfte der Wurzelhöhe in der Dicke, in Färbung und Aus¬ 
sehen von dem übrigen Dentin etwas verschieden. 

Während die Dentinaussenschichte die gewöhnlichen Ver¬ 
hältnisse zeigt, ist die dünne Innenschichte blässer, homogener,, 
von weiten, mehr auseinanderstehenden und nicht parallelen 
Dentinkanälchen durchzogen, die sich da und dort kreuzen, 
wobei an solchen Kreuzungsstellen die Kanälchen röhrig aus¬ 
geweitet sind und sich so auffallend weite Knochenkörperchen¬ 
höhlen ähnliche Hohlräume, bzw. Ausweiterungen der Kreuzungs¬ 
stellen der Dentinkanälchen vorfinden. 

Fasse ich das Ergebnis der mikroskopischen Unter¬ 
suchung zusammen, so dürfte kein Zweifel darüber bestehen, 
dass es sich da um chronisch entzündliche Veränderungen der 
Pulpa nach Zerstörung und Abstossung, bzw. Ablösung der 
Krone mit Zerstörung der Pulpahöhle handelt. 

Leider kann über die Art und Weise der Zerstörung der 
Krone nichts ausgesagt werden, da, wie oben erwähnt wurde, 
die Kronen nicht mehr aufzutreiben waren. 

Die Füllmasse der Pulpahöhle ist echtes chronisch ent¬ 
zündliches neugebildetes Granulationsgewebe, in welchem das 
spezifische Pulpagewebe ganz und gar aufgegangen ist. Es lässt 
sich auch behaupten, dass es in der Tiefe der Pulpahöhle, im 
Halsteil der Wurzel eine Umwandlung in derbes Bindegewebe er¬ 
fahren und an der freien Kronenrestpartie immer frisch neu¬ 
gebildet, als Caro luxurians kugelartig über das Niveau 
des Zahnrestes emporwuchert. 

Gewiss mag es interessant sein, und wird bei der langen 
Dauer der chronischen Entzündung der Pulpa nicht wundersam 
erscheinen, dass unter dem Einfluss einer solchen Entzündung 
die dem Granulationsgewebe anreihende Dentinschicht in Mit¬ 
leidenschaft gezogen wird. Ich möchte die Veränderung der 
Innenschichte des Dentins als einen Quellungszustand desselben 
bezeichnen, die der Erweiterung der Dentinkanälchen gleich¬ 
kommt und möchte ich als Voraussetzung eine Erweichung 
der kalkartigen Grundsubstanz des Dentins annehmen, was 
freilich mit der Annahme der Entkalkung desselben zusammen¬ 
fallen würde. 

Wollte ich den vorliegenden Zustand des Zahnes mit 
einer Diagnose belehnen, so muss vom pathologisch-anato¬ 
mischen Standpunkte aus doch wohl von einer chronischen 
Pulpitis mit Neubildung von Caro luxurians die 
Hede sein. 

Allerdings sind dergleichen Veränderungen wohl bekannt, 
doch scheinbar anders aufgefasst worden. 


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Pulpitis chron. (sogenannte Polypen) der Frontzähne etc. 119 

So spricht z. B. Wedl von einer polypösen Wucherung, 
die er als Gewebsneubildung, bzw. wenn richtig verstanden, 
als Geschwulstbildung auffasst. 

In der zweiten Auflage 1901 wird dies allerdings richtig¬ 
gestellt, II. Band, Seite 174: „Es wird dieses Gebilde gewöhn¬ 
lich als ,Pulpapolyp‘ bezeichnet, doch mit Unrecht, da es nicht 
als eine Neubildung sensu strictiori, sondern als entzündliche 
Hyperplasie aufzufassen ist“. 

Andere bezeichnen eine gleiche Erkrankung der Pulpa 
als Sarkom oder Granulom der Pulpa oder Pulpa¬ 
polyp, wobei auch von Pulpitis chronica, hypertro- 
phica, sarcomatosa, polyposa, granulomatosa die 
Rede ist. 

Allerdings haben v. Arkövy und Rothmann einen 
Unterschied zwischen chronisch'wuchernder Pulpa¬ 
entzündung (Pulpitis chronica hypertrophica 
granulomatosa) und einer Neubildung der Pulpa, 
dem Pulpapolypen getroffen, doch basiert der Unterschied 
nur auf makroskopischen Merkmalen. Es handelt sich nämlich 
in ersterem Falle um eine „aus der Pulpa hervorquellende, 
hirsekorn- bis erbsengrosse, weiche, wenig konsistente, granu¬ 
lierende Masse, die sich bloss auf eine oder zwei Pulpaspitzen 
erstreckt. Der Pulpapolyp hingegen, der von Arkövy 
auch als Pulpitis chronica sarcomatosa bezeichnet wird, 
ist eine durch Wucherung des Pulpagewebes gebildete kom¬ 
pakte, konsistente Neubildung (Neoplasma), welche genau 
begrenzt, zumeist glatt und nur zeitweilig klein, lobulär, minder 
blutend und, was die Hauptsache ist, auf das ganze Pulpa¬ 
höhlengewebe ausgedehnt angetroffen wird, ausserdem noch 
einen mehr oder minder beträchtlichen Teil, ja den ganzen 
Innenraum der Kronenhöhle miterfasst.“ (Scheffs Handbuch 
der Zahnheilkunde, Band II.) 

Doch ist dieser Unterschied nach den genannten Autoren 
ein nur klinischer und nicht pathologisch-anatomischer, wie 
sie sagen, was nicht zulässig wäre, wenn beide Formen dieser 
Pulpaerkrankung histologisch vollkommen gleich sein sollten. 

Schon Römer, welchem wir genaue Untersuchungen 
über vorliegende Pulpaerkrankung (Pulpapolyp) verdanken, 
lässt einen solchen soeben erwähnten Unterschied nicht gelten. 
Er schreibt: „Ich kann weder klinisch noch histologisch einen 
bemerkenswerten Unterschied konstatieren. Beide Formen der 
Pulpitis hypertrophica sind nur durch ihre Grösse unter¬ 
schieden und stimmen sonst in ihrem histologischen Bau voll¬ 
kommen überein. Der fleischähnliche, kugelförmige, bohnen- bis 
haselnussgrosse Pulpapolyp entwickelt sich eben durch 


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120 


Dr. Eduard Urbantschitscb, Graz: 


weiteres Wachstum aus der kleinen, zuerst nur hirsekorn- bis 
erbsengrossen Neubildung. 

ln beiden Fällen handelt es sich um eine Degeneration 
des Pulpagewebes und Umwandlung in ein mehr oder weniger 
derbes Granulationsgewebe, das aus Bindegewebssträngen mit 
zahlreichen Blutgefässen, Rundzelien und gewucherten Endothel- 
Bindegewebszellen besteht.“ 

Anlässlich der Besprechung dieser eigentümlichen Pulpa¬ 
erkrankung, die bald als Pulpitis, bald als Pulpapolyp 
oder Sarkom bezeichnet wird, bringen v. Arkövy, Boe- 
decker, Römer und Neumann ihre Ansichten über ein 
eigentümliches histologisches Verhalten zum Ausdruck. 

Es kann nun nämlich auch Vorkommen, dass an der 
Oberfläche des Pulpapolypen statt der gewöhnlichen Rund¬ 
zellen oder Eiterkörperchen, bzw. knapp unter dieser Schichte 
ein regelmässig geschichtetes glattes Epithel mit hohen Papillen, 
wie es der Gingiva eigen, sichtbar ist. 

Diese eigentümliche Tatsache wurde auf zweierlei Weise 
gedeutet: 

1. Das Bindegewebe hat sich zu Epithelien umgewandelt 
(Bo edecker). 

2. Es findet eine Verpflanzung der Epithelien von irgend¬ 
einem Teile der Mundschleimhaut auf die Oberfläche des 
Pulpapolypen, bzw. Granulomas statt (v. Arkövy, 
Römer etc.). 

Römer erklärt die Bildung der Epitheldecke folgender- 
massen: 

„Pulpapolypen kombinieren sich manchmal mit Zahn¬ 
fleischpolypen, das heisst in einem Kronenkessel findet sich 
ein P u 1 p a p o 1 y p, der aus der Pulpakammer herausgewachsen 
ist und über den ausgefressenen zerstörten Rand des Kronen¬ 
kessels legt sich von aussen ein Zahnfleischlappen neben den 
Pulpapolypen. 

Beide sind nun beim Kauen etc. sehr leicht mechani¬ 
schen Insulten ausgesetzt, so dass an beiden Polypen Ver¬ 
letzungen und Wundflächen entstehen, so dass eine spontane 
Verklebung, Verwachsung und Epithelautotransplan¬ 
tation von Zahnfleischpolypen auf den Pulpapolypen 
eintritt. Später kann sich bei irgend einer Gelegenheit der 
/.ahnfleischlappen vom Pulpapolypen ablösen und es bleibt 
dann der mit Epithel überzogene Pulpapolyp allein übrig.“ 

Neu mann hat nachgewiesen, dass diese Verklebung 
zwischen Zahnfleisch ’ und Pulpapolypen noch weiter ge¬ 
deihen kann, indem die beiden Tumoren an den beiden 


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Pulpitis cbrou: (sogenannte Polypen) der F/ontzäbne etc. 121 

einander zugekehrten Flächen mit einander vollkommen ver¬ 
wachsen können. 

Er sagt dann weiter: 

„Ursprünglich besteht dann noch das Epithel zwischen 
den beiden. Allmählich geht dieses aber infolge des darauf 
lastenden Druckes beim Kauen, also vielleicht infolge Druck¬ 
atrophie, zugrunde. Die Epithelzellen verschwinden, wie dies 
bei Atrophie der Nieren mit den Epithelen der Harn¬ 
kanälchen der Fall ist, die immer kleiner werden, schliesslich 
schwinden, so dass die Kanälchen kollabieren. Endlich kommt 
es durch eine vielleicht gerade scharfe Stelle des zerstörten 
Randes des Kronenkessels treffende grössere Gewalt beim Kauen 
zu einer Abtrennung des Zahnfleischpolypen von seinem Mutter¬ 
boden, der Gingiva, und das Resultat ist nun ein einheit¬ 
licher Tumor, an dem dann makroskopisch die Vereinigungs¬ 
stelle der beiden ihn zusammensetzenden Geschwülste nicht 
mehr zu erkennen ist.“ 

Neumann zieht daraus den Schluss, „dass es sich 
weder beim Pulpapolypen noch beim Zahnfleischpolypen um 
eine Neubildung im wahrsten Sinne des Wortes handelt, um 
einen Tumor, welcher einen atypischen Bau besitzt und in 
nicht nutzbringender Weise in den Organismus eingefügt ist, 
welcher demgemäss auch im allgemeinen keine dem Wohle 
des Gesamtorganismus dienende Funktion ausübt und endlich 
auch kein typisches Ende des Wachstums erkennen lässt, 
sondern um das Produkt einer Entzündung infolge eines 
äusseren oder inneren Reizes, welcher nicht nur zur Hyper¬ 
trophie, sondern auch zur Hyperplasie führt, wobei aber 
das Wachstum der Geschwulst, wenn wir bei dieser Bezeich¬ 
nung vorläufig bleiben wollen, nicht über eine gewisse Grenze 
hinausgeht. “ 

Ich habe mich bereits am Schlüsse der Beschreibung des 
histologischen Verhaltens der Pulpawucherungen in dem von 
mir beschriebenen Falle dafür ausgesprochen, dass es sich um 
eine Pulpitis chronica und nicht um eine Geschwulst 
handelt. 

Es fehlen die histologischen Merkmale eines Polypen, den 
wir als eine organoide Geschwulst einer Schleimhaut oder der 
äusseren Haut erkennen, in der sämtliche Gewebselemente der¬ 
selben vertreten sein müssen und der die Eigentümlichkeit des 
Gestieltseins zukommt. Anderseits kann auch von einem 
Sarkom, einer vom fixen Bindegewebe ausgehenden, nur aus 
Bindegewebszellen zusammengesetzten Geschwulst, durch deren 
Einfluss die Pulpa selbst zurückgedrängt oder zerstört werden 


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122 


Dr. Eduard (Jrbantschitsch, Gras: 


kann, die Rede sein. Die einer Geschwulst zukomoaende Selbst¬ 
ständigkeit gegenüber dem Organgewebe fohlt dieser vor¬ 
liegenden Pulpawucherung vollständig und ist es nicht schwer, 
ihr den Charakter einer chronischen Entzündung der Pulpa 
zuzu weisen. 

Es dürfte nur das makroskopische Verhalten der aus 
entzündlichem Granulationsgewebe bestehenden Wucherung der 
Pulpa, namentlich wenn sie in übermässiger Weise gegen diese 
emporwächst, bzw. polypös hervorwuchert, zur Annahme eines 
echten Polypen veranlasst haben. 

Da aber bekanntermassen Granulationsgewebe in ge¬ 
wisser Beziehung dem Sarkomgewebe ähnelt, insolange nicht 
auch das Verhalten der entzündlichen Wucherung zum Organ¬ 
gewebe, auf ihre Zusammensetzung und der daraus zu folgernden 
Feststellung des entzündlichen Charakters geachtet wird, so 
darf es nicht verwundern, wenn diese Pulpitis etwa für eine 
sarkomatöse Bildung gehalten würde. 

Uebrigens wird in neuerer Zeit, in der genauere histo¬ 
logische Untersuchungen der uns interessierenden Pulpa¬ 
erkrankung gepflogen werden, dieser fast nur die Bedeutung 
einer Pulpitis chronica zugesprochen. 

In dem von mir beschriebenen Falle konnte ich aller¬ 
dings die im vorangehenden besprochenen möglichen Epithel 
der Pulpawucherung nicht nachweisen. 

Sie scheint ein pathologisches Vorkommnis zu sein. Ich 
glaube für ein solches Vorkommnis eine viel einfachere Er¬ 
klärung zu finden, wenn ich an die bekannte Tatsache erinnere, 
dass wunde, mit Granulationsgewebe überlagerte Substanzver¬ 
luste, bzw. chronisch entzündliche Wucherungen, wo sie von 
Epithel umsäumt werden, und das ist ja bei der Pulpitis 
chronica an ihrer blossgelegten Fläche seitens des Zahn¬ 
fleischepithels der Fall, eben von diesem Epithel überhäutet 
werden können. 

* * 

* 

Die sogenannten Pulpapolypen können sich bei bleibenden, 
wie auch bei Wechselzähnen vorfinden, doch erwähnen alle 
Autoren ihr Vorkommen nur bei Molaren und Prä¬ 
molaren. 

So schreibt Miller zum Beispiel: „Wenn bei einem 
Molaren die Decke der Pulpakammer zerstört wird, so dass 
die Pulpa vollkommen freiliegt, kommt es oft zu einer 
Wucherung derselben, welche die ganze kariöse Höhle aus¬ 
kleidet.“ 


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Pulpitis chron. (sogenannte Polypen) der Frontzähne etc. 


128 


Bei Kronfeld heisst es: „Man findet diese polypöse 
Wucherung an Mahl- und Backenzähnen.“ 

Auch bei Wedl, Scheff und Boedecker ist über 
Pulpapolypen an Frontzähnen nichts zu finden. 

Das Vorkommen von sogenannten Pulpapolypen, 
bzw. Pulpitis chronica an Frontzähnen, wie es sich in 
unserem Falle handelt, erscheint also unbedingt seltener, was 
vielleicht einerseits so zu erklären ist, dass es die Patienten 
aus ästhetischen Gründen nicht häufig zu solch enormen Zer¬ 
störungen durch Karies kommen lassen. Anderseits sind die 
Frontzähne beim Kauakte entschieden weniger starken In¬ 
sulten ausgesetzt als die Prämolaren und Molaren. 

Zum Schlüsse möchte ich noch eine Bemerkung über 
einen Befund machen, der sich aus den mikroskopischen 
Schnitten darbot und darin bestand, dass sich Kokken¬ 
ansammlungen in der oberflächlichsten Schichte des die 
Pulpawucherung deckenden fibrinöse zelligen Exsudates vor¬ 
fanden. 

Die gramposiliven Kokken waren meist in Form von 
Würfeln da und dort zu zweien angeordnet; die Einzelkokken 
verhältnismässig recht gross. 

Da die Objekte vor der Verarbeitung sofort in Alkohol, 
respektive Formol gelegt wurden, so war es leider nicht mög¬ 
lich, durch Anlage von Kulturen diese Kokkazeen genau 
zu bestimmen, doch dürfte es sich zweifellos um Sarcina 
handeln. 

Uebrigens erwähnt auch Heim, bezugnehmend auf 
Sieb er t (Dissertation, Erlangen 1901), das Vorkommen von 
Sarcinen bei Pulpapolypen. Die Sarcina (Sarcina 
ventriculi, 1842 von Goodsir entdeckt) sind bekanntlich 
Kokken, die nach drei Richtungen des Raumes wachsen und 
so warenballenähnlich eingeschnürte Würfel darstellen. Sie 
kommen vielfach in der Luft und infolgedessen auch auf 
Nahrungsmitteln vor. Hauptsächlich finden sie sich im 
Mageninhalt von Menschen und Tieren und namentlich im er¬ 
brochenen. 

Am häufigsten ist Sarcina ventriculi in den Fällen 
beobachtet worden, wo intensive, durch Stauung des Magen¬ 
inhaltes begründete Gärungsprozesse vorliegen. (Flügge.) 
Mehr ausnahmsweise wurden sie in Lunge, Harnblase, selbst 
im Blute gefunden. (Debary.) 

Von Freund, Rosenthal, Goadby und anderen 
wurden Jn den Mundhöhlen die Sarcina fl avalute a, 
aurentiaca, viridis flarescens und alba genannt. 


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124 


Dr. £ Urbantschitsch, Graz: Pulpitis chron. etc. 


Eine Verwechslung mit Mikrococcus telragenus 
erscheint durch ihre Grösse und Anordnung der Einzelkokken 
zu Paketen ausgeschlossen und dürfte daher die Annahme, 
dass es sich in unserem Falle um Invasion der Sarcina in das 
oberflächliche Exsudat handelt, vollkommen gerechtfertigt er¬ 
scheinen. 

Es ist nicht bekannt, dass Sarcina pathogen wirken und 
ist somit nicht daran zu denken, dass sie zur Hervorrufung 
des Exsudates auf den Oberflächen der Pulpawucherungen bei¬ 
getragen hätten. 

Da es aber kaum zu bezweifeln ist, dass im vorliegenden 
Falle die Sarcina schon während des Lebens in das bestehende 
Exsudat eingedrungen ist, so wird dies nur insofern ermöglicht 
erscheinen, als man sich vorstellen kann, dass nach eventuellen 
Brechakten Partikelchen des Erbrochenen an der kroupösen 
Exsudatschichte haften geblieben sind und in ihnen befindliche 
Sarcine teils auf der Exsudatschicbte weitergewuchert waren, 
teils auch in das Exsudat hineingedrungen sind. 

Also im ganzen ein interessanter Befund, aber ohne 
weitere Bedeutung für das Leiden der von Pulpitis chron. 
betroffenen Zähne. 

Literatur. 

1. A. de Bary: Vorlesungen über Bakterien, Leipzig 1885. 

2. Baamgartens Jahresberichte, 1885, Bef. Fischer. 

3. Boedecker: Anatomie und Pathologie der Zähne. 

4. Flügge: Mikroorganismen, Bd. II, 1891. 

5. H e 11 y: Bakterienflora der Mundhöhle. Scheits Handbuch der Zahn- 
heilkunde, Bd. J, 1908. 

8. Heim: Lehrbuch der Bakteriologie. Stuttgart 1898 und 1906. 

7. Kronfeld: Die Zähne des Kindes. Leipzig 1903. 

8. M i 11 e i: Lehrbuch der konservierenden Zahnheilkunde. 

9. Neumann: Ueber Polypen der Pulpa. Prager med. Wochenschrift, 
XXVIII, Nr 34, 1903. 

10. K ö s n e r: Ueber Pulpapolypen der Zähne. Korreepondenzblatt für Zahn¬ 
ärzte, XXXI, Heft 1. 

11. Walkhoff: Pathologie und allgemeine Therapie der Pulpakrank¬ 
heiten. Scheits Handbuch der Zahnbeilkunde, II, Bd. 1, 1903. 

12. W e d 1: Anatomie und Pathologie der Zähne. 


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Dr. Wünsche: Uebt-r Benützung schwerflies>ender Porzellanmassen ete. 125 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Oder BcbüIzotii scbverfliessender Porzellaoiasstiii fflr labn- 
äntlicbe Protfiesen, speziell tär Jacket-taen, WflEscbes band- 
lose Porzellatao, BröcMeit id Tor ContinBons-pn-wort 

Von Hofzahnarzt Dr. Wünsche in Berlin. 

Vortrag, gehalten in der 81. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte 
zu Salzburg [26. Abt.] (September 1909). 

Ueber die Details in Porzellanarbeit dürfte ich wohl in 
Anbetracht der unlängst erschienenen, erschöpfenden und vor¬ 
züglichen Arbeit des Herrn Dr. Smreker* hinweggehen, Por¬ 
zellanarbeit erfordert vor allen Dingen viel Geduld und äusserste 
Genauigkeit im Beobachten und Wiedergeben der anatomischen 
Verhältnisse, gibt aber auch dann vorzügliche Erfolge hinsicht¬ 
lich des wunderbar schönen, naturtäuschenden Aussehens, der 
Brauchbarkeit und der Hygiene. 

Die schwerfliessenden Massen, die über dem Goldschmelz¬ 
punkt fliessen, werden meist wegen der grösseren Widerstands¬ 
fähigkeit gegen Druck, der besseren Farben- und Formbestän¬ 
digkeit während des Brennens und wegen der grösseren 
Lebendigkeit des Aussehens und der geringeren Schrumpfung 
bevorzugt. 

Eine Porzellanmasse, die den Eigenschaften der Justi- 
Glose-Masse entspricht, genügt in der Praxis den weitgehend¬ 
sten Ansprüchen. 

Welche verschiedenen Massen die einzelnen Autoritäten 
benützen, ergeht aus den Bescheiden, die mir auf Anfragen 
hin von den betreffenden Spezialisten gegeben wurden. 

Bryam (Indianopolis) benützt Close vermischt mit 
Jenkins-Prosthetik für Continuous-gum-work, S. S. White mit 
Jenkins gemischt für Kronen und Brücken und Brewster und 
Jenkins für Inlay-work. 

Le Cron (St. Louis) benützt für Continuous-gum Close- 
oder Consolidated-, für Crown- und bridge-work White- und 
Brewster-, für Inlays London-Dental Mfg. Co.-Massen. 

Haskell (Chicago) bevorzugt seit vielen Jahrzehnten 
Justi-Close-Massen für Continuous-gum, Crown- und bridge- 
work. 


1 Handbuch der Porzellaniüllungen, Geldeinlagen, I. Teil. Verlag: 
Berlinische Verlagsanstalt, 1909. 


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126 


Dr. Wünsche, Berlin: 


Moffitt (Philadelphia) benülzt nur selbst hergestellte 
Massen, die-ganz hervorragend sind, ähnlich denen von Justi- 
Close, jedoch ist Moffitts Zahnfleischfarbe noch schöner und 
äusserst natürlich. 

G a p o n (Philadelphia) verwendet Justi mit Brewster ver¬ 
mischt. 

Ambier (Tees) benützt für Continuous-gum-work eine 
eigene Masse, nach seines Vaters Rezept, für Inlays Crown- 
und bridge-work Whites und Hammonds. 

Goslee (Chicago) benützt Brewster und Close. 

Land (Detroit) seine eigenen Massen und oft auch pul¬ 
verisierte Zähne, besonders Molarenkronen von Diatorixzähnen. 

Spring (Dresden) bevorzugt Whitley-Special und Close- 
Special. 

Thompson (Detroit) brennt meist Consolidated, ebenso 
S. S. White und Brewster. 

Smith (Boston) verbraucht Jenkins-, S. S. White- und 
Consolidatcd-Massen. 

Es geht daraus hervor, dass es die Masse allein nicht 
tut, sondern die Geschicklichkeit, Uebung und Ausdauer. 

Hauptpunkte, die beim Porzellanbrennen durchaus beob¬ 
achtet werden müssen, sind das sorgfältige Aufträgen der 
Massen, das vorsichtige langsame Trocknen vor dem Einsetzen 
in den Ofen und das Brennen, das korrekte, sachgemässe Mo¬ 
dellieren und das genaueste Beobachten des Schmelzpunktes 
und ein langsames, vorsichtiges Abkühlen. Mit Hilfe eines Pyro¬ 
meters ist man nach einiger Uebung meist in der Lage, tadel¬ 
lose Arbeit zu leisten. Wenn eine Platinbasis benützt wird, die 
zwischen blei- und zinkhaltigen Metallen gestanzt ist, muss selbe 
in verdünnter Salpetersäure abgekocht werden, ehe die Por¬ 
zellanmasse darauf zu Brennzwecken aufgetragen wird. Als 
Lot ist Platingoldlot zu bevorzugen, ohne Benützung von Borax 
oder dergleichen. Borax ist für Porzellane ein Flussmittel. 

Ich gehe nun zur Herstellung einzelner Kronen über, 
der Jacket-Krone mit und ohne Platinbasis und zweier von 
mir konstruierten bandlosen Kronenarten mit Stiften und mit 
in die Wurzel versenkten Verankerungen, die der ganzen Krone 
einen vorzüglichen Halt und grosse Festigkeit geben. Was die 
Jacket-Krone anlangt, so ist selbe da angezeigt, wo eine Nerv¬ 
erhaltung des fraglichen Zahnes möglich, ja erwünscht ist, und 
kann für irgend einen Zahn verwendet werden, wo der Zahn¬ 
stumpf genügend Halt bietet oder wo mit Hilfe eines Wurzel¬ 
stiftes und Amalgamaufbaues der defekten Wurzel ein geeig¬ 
neter Halt für das Jacket geboten werden kann. Bei Frakturen 


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Ueber Benützung schwerfliessender Porzeliaumassen etc. 


1*7 


der Vorderzähne leistet die Jacket-Krone vorzügliche Dienste, 
ebenso in .all den Fällen, wo Hypoplasie, Schmelzdefekte, 
wie sogenannte Erosionen, Atrophie der Zähne oder geriefte, 
honigwabenartige, skrofulöse, rhachilische und Hutchinsonsche 
Zähne äusserst entstellend wirken. Zapfenzähne, die oft im 
Verein abnormer Zahnstellungen, meist an Stelle seitlicher 
Schneidezähne auftreten und sehr entstellend wirken können, 
sind durch Ueberkappung mittels Jacket-Kronen sehr schön 
zur entsprechenden Normalform zu bringen (Fig. Io und 1 b) 
Jacket-Kronen werden mit und ohne Platinbasis herge¬ 
stellt. Die Voll-Jacket-Krone mit Platinbasis hat den Vorteil, 
dass jederzeit von der lingualen Seite aus ein Zugang zum 
Nervkanal geschaffen werden kann, ohne ein Abnehmen dieser 
Krone zu benötigen. Die Präparation für die Jacket-Krone für 
Schneide- und Eckzähne ist folgende: Man präpariert den Zahn¬ 
stumpf mit schmalen, gut befeuchteten Karborund-, Korund- oder 
Leamings-Rädem so, dass die labiale und linguale Zahnseite 



Fig. 1 a. Fig. 1 6. 

Fig. 1 o und 1 b zeigt Jacket-Krone mit Platinbasis für Eckzahn, la Rück¬ 
seite, 16 Vorderseite mit Veneer (Facette). 

eine flache, mässig schiefe Ebene nach der Schneidefläche zu 
erhält, ebenso die mesiale und distale Seite. Um den Wurzel¬ 
rand herum in der Zahnfleischhöhe und etwas unter demselben 
stellt man sich eine möglichst zylindrische Form dar, die etwa 
1 bis 2 Mm. breit, bandförmig parallel um den Zahnhals 
herumgeht und dadurch einen festen Sitz für den entsprechend 
bandförmigen Teil der Platinhülse, die um den Zahnhals herum¬ 
liegt, gibt. Mit Hilfe der entsprechenden Schmelzentfernungs¬ 
instrumente, besonders der nach Gase oder der Evansschen 
Root-trimmers u. a., erhält man leicht und in schonendster 
Weise diese bandförmige Form am Zahnhalse, ohne unnötig 
das Zahnfleisch zu verletzen. Alsdann nimmt man vom Um¬ 
fange am Zahnhalse genaues Mass und lötet einen hülsen¬ 
artigen Platinring, 0 25 bis 0-30 Mm. stark, der fast 2 Mm. 
länger ist, als die Länge des Zahnstumpfes erfordert, mit 
Platinlot ohne Borax zusammen. Die erhaltene Hülse schneidet 
man dann nach dem Zahnfleische zu an der mesialen und 
distalen Seite ein wenig aus, glättet und liniert das Band und 


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128 


Dr. Wünsche, Berlin; 


schiebt es hoch unter das Zahnfleisch über den Zahnstumpf. 
Hierauf markiert man mit einer scharfen Sonde innen in der 
Hülse den Weg der labialen und lingualen schiefen Ebene des 
präparierten Zahnstumpfes, nimmt die Hülse ab und schneidet 
an der Lingualseite das Platin, wie es eben markiert war, aus 
und verschleiß mit nicht zu schmalem Schleifsteine diese 
Ränder so, dass der Stein beim Schleifen einen Saum nach 
innen zu, rings um den lingualen Ausschnitt herum gibt, wo¬ 
durch man eine breitere Lötfläche für die. daraufzulötende 
Platindecke erhält. Jetzt wird die Hülse nochmals im Munde 
über dem Zahnstumpf probiert und fest an denselben an¬ 
poliert, wieder abgenommen, um mit der entsprechenden Platin¬ 
decke verlötet zu werden, wodurch die Rückwand wieder ge¬ 
schlossen wird. Beim Auflöten dieser Rückwaud schmilzt man 
zuerst ein wenig 5- bis lOprozentiges Platingoldlot an einer 
Ecke des Platindeckels für sich, ohne Borax auf, alsdann legt 
man diesen Platindeckel mit der mit Lot angeschmolzenen 
Seite an den lingualen Ausschnitt der Platinhülse und lötet 
den Deckel so an, dass man die Flamme von aussen auf den 
Platindeckel richtet und so das Lot mit der Flamme von aussen 
her auf der Innenseite des Deckels zum Flusse bringt und auf 
diese Weise die Rückwand für die Zahnhülse auflötet. Die 
Vorderwand, welche ebenfalls am Zahnstumpf markiert war, 
wird nicht ausgeschnitten, sondern, soweit selbe markiert war, 
mit dem Schleifrade sehr dünn geschliffen, so dass diese vor¬ 
dere dünne Seite, nachdem die Hülse wieder auf den Zahn 
gesetzt ist, an der Labialseite des Zahnstumpfes mit einem 
messerartigen Polierinstrument fest gegen den Zahnstumpf ge¬ 
drückt wird und hiedurch diese dünn geschliffene Fläche mög¬ 
lichst faltig gegen den vorderen Zahnstumpf fest angepresst 
und anpoliert und somit labialwärts genau an den Zahn¬ 
stumpf aufgepresst wird und durch die erhaltene faltige Fläche 
einen guten Halt für das aufzutragende Porzellan gibt. Die 
etwas längere Seite, die labialwärts über die Vorderfläche des 
Zahnstumpfes ragt, wird eingekerbt und über die Schneide¬ 
fläche nach unten und hinten zu gebogen, während die län¬ 
gere linguale Fläche so nach vom nach der Schneidefläche 
zu gebogen wird, dass zwischen den beiden Flächen dieser 
Platinfläche ein 1 bis 2 Mm. breiter Raum bleibt, der Platz 
und guten Halt für die Porzellanmasse gibt. Die vorliegenden 
Modelle sind so, dass das eine den präparierten Zahnstumpf 
mit Platinhülse, das andere die zum Einsetzen fertige Jacket- 
Krone zeigt. (Siehe Fig. 1 a und 16.) 

Das Aufträgen und Brennen der Jacket-Kronen geschieht 
in folgender Weise. 


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Ueber Benützung schwerfliessender Porzellaumassen etc. 


129 


Es wird für die Zahnfront ein Veneer, eine dünne, 
stiftlose Zahnfacette benützt, die in Farbe und Form passt. 
Ist ein Veneer, das die Dental Protective Supply Go. in 
Chicago liefert, nicht ganz in der Form passend, so wird 
dasselbe entsprechend für den Zahnstumpf zugeschliffen. Nun 
trägt man etwas Porzellanmasse, die mit Tragantlösung an¬ 
gerührt ist, auf die Platinhülse und auf die Innenseite des 
Veneers und presst das Veneer so auf die Platinhülse, wie es 
die Lage erfordert, trocknet die Porzellanmasse etwas und 
probiert alsdann das Veneer mit der Platinhülse im Munde ein 
und korrigiert eventuelle Fehler bezüglich Form und Stellung. 
Nun trocknet man die klebrige Porzellanmasse mit dem Heiss¬ 
luftbläser im Munde und nimmt das Veneer vorsichtig mit 
der Platinhülse zusammen vom Zahnstumpfe aus dem Munde 
und legt dieselbe vor den heissen Ofen zum völligen Trocknen 
und brennt sie, aber nicht zur Glasur, auf einem Träger, der 
stark grobkörnige Kieselunterlage für die Krone enthalten muss, 
damit ein Anbacken an die Unterlage vermieden wird. Nach 
langsamem Abkühlen wird die Krone aus dem Ofen heraus¬ 
genommen, nochmals im Munde probiert und artikuliert, ab¬ 
genommen und noch fehlende Porzellanmasse aufgetragen, 
wiederum gebrannt, und zwar, wenn die gewünschte Form 
erhalten war, nun zur Glasur. Somit ist die Krone nach Ab¬ 
kühlung zum Aufsetzen mit dünnflüssigem Zement fertig. Vor 
dem Aufsetzen der Jacket-Krone wird der Zahnstumpf mit 
30 prozentiger Höllensteinlösung tuschiert, um eine antisep¬ 
tische Schutzhülle zu erzielen und einer Pulpairritation vorzu¬ 
beugen. Ein mehrstündiges Schonen der frisch eingesetzten 
Krone muss angeordnet werden. Diese Jacket-Kronen können, 
wenn sie aus schwerfliessenden Porzellanmassen hergestellt 
wurden, als Brückenpfeiler verwendet und eventuell gelötet 
werden, ohne Schaden zu leiden. Besonders vorteilhaft ist 
dieser Ersatz im Unterkiefer als Ersatz für Schneidezähne in 
Form von Schwebebrücken. 

Eine andere Art von Jacket-Kronen ist die Porzellan¬ 
vollkrone ohne bleibende Platinbasis. Die Herstellung ist 
die folgende: 

Von dem konisch präparierten Zahnstumpfe nimmt man 
mit weicher Platinfolie 0*025 bis 0*03 Mm. stark einen genauen 
Abdruck und modelliert sich die verlangte Krone. Ein 3- bis 
4maliges Brennen ist meist nötig. Kann ein Veneer benützt werden 
oder eine dünn geschliffene Zahnfacette, wo die Krampons weg¬ 
geschliffen werden, so wird die Arbeit wesentlich erleichtert. Vor 
dem Einsetzen mit Zement wird die Platinfolie aus der Por¬ 
zellankrone entfernt und die Innenfläche derselben mit kleinen 

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130 Dr- Wünsche, Berlin: 

Diamanträdern oder Fluorwasserstoffsäure angerauht. Die ent¬ 
sprechenden Modelle -erläutern die Herstellung dieser Por- 
zellan-Jacket-Kronen ohne Platinbasis. Eine leicht herstellbare 
Jacket-Krone mit Platinhülse ist die folgende Art, die sich sehr 
gut bewährt hat: Es wird für den präparierten Zahnstumpf 
eine Platinhülse angefertigt, die fast 2 Mm. über den Zahn¬ 
stumpf hervorragen muss und leicht abnehmbar sein soll. Die 
Labialseite dieser Hülse wird wie früher dünn geschliffen und 
im Munde fest, faltenbildend, angedrückt und abgenommen. 



Fig. 2a. Fig. 2b. 

Fig. 2 a zeigt eine Jacket-Krone mit Platinbasis und Porzellanbissfläche 

von vqjne. 

Fig. 2 b zeigt die Innenseite. 

Nun wird im Munde über den Kopf des Zahnstumpfes ein 
Stückchen weiche Platinfolie, 0 03 Mm. stark, fest aufgepresst 
und die Platinhülse darübergeschoben und die Hülse mitsamt 
Folie, die eventuell angewachst, behutsam abgenommen und 
die Porzellanmasse in Verbindung eines Veneer oder ohne 
solches aufgebrannt. (Fig. 2 a und 2 b.) Gerade diese leicht 
herstellbare Krone ergibt sehr stabile, brauchbare und schön 



Fig. 3. Fig. 4. 

Fig. 3 zeigt eine Jacket-Krone mit Platiniridinmbissfläche. 
Fig. 4 für Prämolaren und Molareu anwendbar. 


aussehende Kronen. Für Fälle, wo besonders tiefer Biss vor¬ 
handen, ist es, wie die verschiedenen Modelle zeigen (Fig. 3 
und 4), vorteilhafter, den Aufbiss nur aus Platiniridiumbasis 
herzustellen und nur die Lippenseite 1 bis 2 Mm. über die 
Schneidetläche nach der Kaufläche zu in Porzellanmasse auf¬ 
zubauen. Halbkronenfacetten, die aufgeschoben und aufzemen¬ 
tiert werden, sind in entsprechenden Fällen ebenfalls sehr an¬ 
gezeigt. Einige Modelle zeigen auch diese Arten. (Siehe Fig. 5 a 
und hb.) Ein Modell mit einem Schneidezahnkantenersatz zeigt 


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Ueber Benützung schwerfliessender Porzellanmassen etc. 131 

für die Verankerung nicht die meist üblichen seitlichen Stifte, 
sondern einen Platiniridiumbügel, der quer über die Bruch¬ 
fläche geht und einen guten Halt zum Einzementieren gibt. 
(Fig. 6 a und 6b.) 

Die verschiedenen Modelle zeigen mannigfache Modifika¬ 
tionen und Verbindungen verschiedener Porzellankronen 
unter sich. 

Nun will ich eine Porzellankrone beschreiben, die ich vor 
längerer Zeit konstruiert habe und in Praxis ausprobierte und 
die sich in jeder Hinsicht sehr bewährt hat. Es ist eine band¬ 
lose Porzellankrone, die ihren festen Sitz besonders durch eine 
schachtelartige Versenkung in der Zahnwurzel (Fig. 7 und 9) 
oder zuweilen auch durch ein in die Wurzel versenktes ring¬ 
förmiges, starkes Platinband hat (Fig. 8). Diese Kronen können 
entweder in Verbindung schwerfliessender Porzellanmassen mit 




Fig. 6 a. Fig. 6 6. 


Fig. 6 a. Präparierter Zahnstumpf für Halbkronenfacette. Vorderansicht. 
Fig. 56. Halbkronenfacette aufgesetzt. 

Fig. 6a und 66. Schneidezabnkantenersatz mit innerem Q.uerbügel als Ver¬ 
ankerung. 


einer angelöteten Zahnfacette oder mit einem stiftlosen Veneer 
oder mit einem Diatorix tadellos aufgebaut und gebrannt 
werden, oder auch ganz ohne irgend eine Facette frei aus 
Porzellanmasse über Platinbasis modelliert werden und haben 
sich ganz vorzüglich bewährt. Für abnehmbare Kronen als 
Brückenpfeiler wird die Krone in der Wurzel in einen ent¬ 
sprechenden Basiskasten eingesetzt, der in der Wurzel die 
entsprechende Röhre für den Kronenstift besitzt. Die Platin¬ 
schmelze W. G. Heräus in Hanau a. M. fertigt geeignete fugen¬ 
lose lOprozentige Platiniridiumröhren und die 25 prozentigen 
platiniridiumhaltigen Stifte zu 1*25, 1‘45'und 165 Mm. stark an. 

Die Herstellung der Basis für meine Porzellankronen ist 
sehr einfach und leicht auf den Modellen ersichtlich. (Siehe 
Fig. 7, 8, 9.) Es wird der Kronenstumpf 1 Mm. über dem 
Zahnfleische glatt geschliffen, dann labial- und lingualseits 
schräg nach dem Zahnfleische zu abgeschliffen (Fig. 7 und 
8 a, 5) und hierauf wird mit den Willardschen Versenkbohrern 

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33 r. WUnsche, Berlin 


(Fig. ,1.0 a und ö) die Kästen Versenkung für den Kasten eilig«- 


bohrt, (Fjg. 7 und il F.J Diese Versenkung wird mit den geeig¬ 
neten aybndrischen Veisenkbobreru ohnef ührübgsstjft fFig.liifi), 
wie solche auch für Inlaypräparation sehr vorteilhaft,. etwas 
labial und bngualwärts oval erweitert Und nun wird mH einem 
kieibeo Kafbnmndr&äeben oder einem oväleh Finierbohrer 


C 7 . . Fi«-. 8 . Fig, 0 

Wiirzfilprapontf;.))» mH V. oVtiler Versenkung im<i F 2T. avaleua 
- VerSöDkkaVitgn. ... . .• ^ 

Fig. .ß: Ringförmige Versenkung K ; ¥?•' Ter*eiikb#ä^ringi 

Fig. h.JPräpar&Mon lö'r Pikiuofaren. V"'. . .. "... 




attiek *sd ft, g, 4 Um- Stangferuitirclimesaer 


labial- und libguälw'ärtÄ die Würzelfläcbe etwas ausgehöhlt 
und die Wurzel für den Stift präpariert. Der • Würzelstift muss 
für den Kanal möglichst genau passend; Wurzel- 

. einen Be« tolroeksehen Wnrzel- 
Rosenb obrer, der genäu dert 


kamdbohrer Und daun. 


jUPHPHHI. ;0tieu-.. .. . .JHPHMII 

Ki’onenslH'tsfSrke entspricht. Fine Bohrerteliifc j4: das geeignete 
fJilfsroUtei da?.u, '.'Nun wird , von dem Wurxeistuntpfe, der ein- 






tfeber Betoittauug sohtcerfiteBWöcler l^jfr jteUaßintakeii 


vaselimeid würde, ein scharfer Abdruck mit Chdiäfmrcha wachs 
oder einer sonst geejgrüiieti Masse genommen {sehr empfehlen«' 
wer! ist dazu das Perfektion^Impression^Müterki der Detroit 
Dental Mfg. Co.i, Nach diesem Wurzelahdrocke wird die Basis* 
platte init dem ovalen Versenkkasten gestanzt. Es werden dabei 
zwei wsiche phjiiribleühlagew, je zu 01 Mm , kusanmfeogestapzt 


i <••• Fier. 1} b. Fit:. 11 (. 

«eigen Worzfilti mit aufgesetzter PlätißtoMjifi flir meine ksmi 
losen Forzeilanlironen 


und vertdkd und ein Loch für den St ift, entsprechend ■■angebracht. 
Hierauf wird die Plafiohssis mH dom erhabenen Versenkkasfen 
in die Wurzel gesetzt, fest anpoliert und der Stift eingesei&r. 
das ganze-fixiert, herausgeponirnen und verlötet (Fig, U m b r c) 
trnd alsdann *'• das :^ze.-:üodhrnaB auf die Wurzel im ■ Münde 
probiert, komgieri Und ein Abdruck darüber mit Biss in Gips 


Fjg. -l£s zeigt iötitge bafijdlose Forz«Ua<tkrAne^v^^lriimkbfkt 


genommen* nach welchem auf der Plaiinbasis die Krone mo¬ 
delliert wird, wobei eine Zahnfaceite oder ein Veneer benutzt 
w.erde» kanß öder auch die PorzeUankrone frei modelliert 
und gebrannt wird* (F%. }&) Metne hatidlose Krommartge¬ 
winnt durch den Veraenkkasten eine, grosse - Stabilität und einen 
teste« Sitz in der Würzel und »st die Anfertigung keine zu 
kon^Merh^ ?ör demPatiehhen M die Anferijgitng ohne Band 



l3ir\$lfn&r 






134 


Dr. Wünsche, Berlin: 


wesentlich angenehmer als die mit Wurzelband versehene 
Richmondkrone. 

Meine andere Art, die ich noch demonstrieren will, hat 
einen versenkten starken Platinreif in der Wurzel (Fig. 8), 
der mit der Platinbasisdecke und dem Stift verlötet ist. Die 
Rinne für den Platinreif ist mit einem Walker-Joungerschen 



Fig. 13 zeigt meine bandlosen Kronen för Molaren, wobei ein Versenkkaste» 
in die Wurzel wie bei Fig. 7 und 9 angewandt wurde. 


Trepan gebohrt. Die Krone selbst hat als bandlose ebenfalls 
sehr festen Sitz in der Wurzel und ist, wie meine andere 
Porzellankronenart, ebenfalls durchaus stabil und in hygieni¬ 
scher Beziehung ebenfalls einer Bandkrone vorzuziehen. 

Da für meine beiden Porzellankronenarten reichlich Raum 
und Verankerung für die Porzellanmassen ist, so ist für ihre 


Fig. 14. 




Fig. 15. 


Fig. 14 und 15 zeigen die schräg übereinander anfgebauten Porzellanschichten. 


Stabilität weitgehend Sorge getragen. Weitere Modelle zeigen 
die Benützung schwerfliessender Porzellanmassen für mehrere 
zusammengeschmolzene Zähne und für festsitzende Brücken. 
Für abnehmbare Porzellanbrücken bevorzuge ich das Peeso- 
System oder die Verwendung von Platingoldinlays oder das 
teleskopische System. Schrauben schwächen die Porzellanmassen 


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Ueber Benützung schwerfliessender Porzellanmaasen etc. 


135 


meist sehr beträchtlich. Für ganze Continuous-gum-Stücke be¬ 
vorzuge ich die Methoden meiner verehrten Lehrer Haskell, 
Moffitt und Ambler-Tees, je nach Bedarf. Das eine Modell' 
für unteren Continuous-gum-Ersatz zeigt das gestanzte Gerippe 
mit den aufgelöteten Continuous-gum-Zähnen mit Wurzel¬ 
ansatz (Justi). Das vorliegende obere Continuous-gum-Stück 
ist nach Ambler-Tees* Art mit dessen Spezialmasse gearbeitet, 
hingegen ist das untere mit der Molfitt-Spezialmasse ge¬ 
brannt und gibt die natürliche Farbe am schönsten wieder. 

Nun möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf den schräg- 
aufgeschichteten Aufbau der Porzellanmassen, den ich, analog 
der Natur, auch bei Porzellanmassen für Kronen und Inlays 
anwende, lenken. (Fig. 15.) Die Natur zeigt im Zahne Massen 
von sehr verschiedener Lichtempfindlichkeit und Lichtdurch¬ 
lässigkeit. Im Innersten bedürfen wir einer opaken Basismasse 
(Fig. 15 a), gelblich bis bräunlichgelb, die möglichst lichtundurch¬ 
lässig ist. Darüber ist eine äusserst stark transparente Masse 
zu legen (Fig. 15ft), die bestimmt ist, dem Zahne die charakte¬ 
ristische Farbe zu geben und in Natur meist einen eigenartig 
periostfarbähnlichen, oliv-graugrünfarbigen Ton hat. Diese 
ganz eigenartig transparente Farblage bildet den Uebergang 
zwischen Zahnbein und Schmelz und scheint berufen zu 
sein, den Charakter der Farbe zu führen und durch den 
Schmelz (Fig. 15c), der stark transluzent ist und nur einen 
sehr schwachen perlgrauen oder sehr zarten graugrünen Farb¬ 
ton hat, farbbestimmend und lebengebend hindurchzuleuchten 
und das einfallende Licht zu reflektieren und somit die nötige 
Lebendigkeit des Zahnes wiederzugeben, denn auch hier muss 
der Charakter aus der Tiefe heraus lebendig hervorstrahlen. Die 
angeschliffenen Naturzähne und die beiden Zahnskizzen sollen 
meine Ansicht über die erwähnten schräg aufgebauten Zahn¬ 
massen erläutern helfen. 

Hygienisch ist die Porzellantechnik berufen, den höchsten 
Ansprüchen zu genügen, denn die schwer fliessenden Porzellan¬ 
massen oxydieren nicht wie Metalle im Munde und geben 
glattere, saubere Flächen, an denen schwerer schleimige Speise¬ 
reste haften können, und lassen sich leichter gründlich reinigen 
wie der Kautschuk, der ausserdem durch sein schlechtes Wärme¬ 
leitungsvermögen ein gleichmässig dauerndes Hitzegefühl auf 
die Mundschleimhäute ausübt, wodurch die Kieferschrumpfung 
beschleunigt wird und weit schneller Gärung im Munde ein- 
tritt und üblen Mundgeruch erzeugt. 


1 Hier uicht abgebildet. 


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186 


81. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte. 


Was die Haltbarkeit anbetrifft, so ist dieselbe, voraus¬ 
gesetzt, dass durchaus fachgemässe und stabile Konstruktion 
und gewissenhafte Arbeit stattfand, allen Anforderungen ge¬ 
nügend. 

Anatomisch können wir durch die Porzellantechnik die 
grösste und schönste Nuturähnlichkeit wiedergeben, und last 
but not least, psychologisch sind wir durch kunstvollendete Por¬ 
zellantechnik in die hochinteressante Lage versetzt, die ein¬ 
zelnen Temperamente, die sich typisch markant durch die ver¬ 
schiedenen Zahnformen und Zahnfarbentöne charakterisieren, 
nachzuahmen und wiederzugeben. Man beobachte gerade darauf¬ 
hin die Natur und man wird erstaunt sein, wie markant sich 
die Charaktere in den Zahnformen und Farben widerspiegeln. 
Welch einen Unterschied in Form und Farbe zeigen die Zähne 
des Melancholikers und die des Phlegmatikers und somit müssen 
wir bestrebt sein, dementsprechend den Ersatz naturwahr 
wiederzugeben, denn auch hier gelangen wir durch das Ringen 
nach Wahrheit, zur Klarheit. 


Berichte ans Instituten nnd Vereinen. 

81 VersaioilDiia Sestsctier Katnrforsclier id Amte io Salzten. 

19. bis 25. September 1909. 

Abteilung: Zahnheilkunde. 

Der internationale zahnärztliche Kongress in Berlin sowie der 
internationale medizinische Kongress in Budapest, die in kurzen 
Zwischenräumen der Salzburger Versammlung vorausgegangen 
waren, hatten speziell für die zahnärztliche Sektion dieser Ver¬ 
sammlung eine ungünstige Nachwirkung. So grossartig die Be¬ 
teiligung im allgemeinen war, die, von dem schönsten Wetter 
begünstigt, in der herrlichen Alpenstadt einen äusseist gelun¬ 
genen Verlauf nahm, muss gerade die Beteiligung an der Ab¬ 
teilung Zahnheilkunde als sehr schwach bezeichnet werden. 
War schon die Anmeldung von Vorträgen für diese Sektion 
eine sehr spärliche, so reduzierte sich ihre Zahl durch Absagen 
aus verschiedenen Gründen immer mehr, so dass schliesslich 
nur drei Vorträge tatsächlich gehalten wurden. Leider war 
auch der Einführende unserer Sektion, Prof. Dr. Mayrhofer, 
durch Krankheit an seinem Erscheinen verhindert. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


137 


Glücklicherweise wurde in diesem Falle die Quantität 
der Vorträge durch ihre Qualität ersetzt, so dass die Teil¬ 
nehmer an dieser Tagung immerhin einigermassen auf ihre 
Kosten kamen. 

Die Vorträge von Breuer (Wien) sowie Wünsche 
(Berlin) sind im vorliegenden Hefte auf Seite 24 und 125 voll¬ 
inhaltlich veröffentlicht. 

Ausserdem sprach noch Dr. Metz (Meran) über „Plan¬ 
tation von Zähnen“. Dr. Moschigg. 


XVI. Internationaler medizinischer Kontra ia Budapest. 

29. August bis 4. September 1909. 

Bericht über die Arbeiten der XVII. Sektion (Stomatologie). 

Erstattet von Dr. Josef Sturm in Budapest. 

Die Sektion hielt ihre Verhandlungen im Lesesaal der 
Gesellschaft für Naturwissenschaften (Eszterhäzy-utcza Hi) ab. 
Die Eröffnungssitzung am 30. August. 9 Uhr vormittags, 
wurde durch eine Begrüssungsrede Prof. v. Arkövys ein¬ 
geleitet. 

Hierauf begrüsste Dr. W. Herz-Fränkel (Wien) die 
Versammlung im Namen des Landesverbandes öster¬ 
reichischer Zahnärzte. 

Auf Antrag des Organisationskomitees wurden zu Ehren¬ 
präsidenten des Gesamtkongresses gewählt: Doktor 
V. Galippe (Paris), Dr. L. Cruet (Paris), Professor C. Ro- 
vida (Milano), E. A. Bogue (New-York), Dr. Sim-Wallace 
(London), Dr. H. Allaeys (Anvers), Prof. Lepkowsky 
(Krakau), Prof. Ä y r ä p ä ä (Helsingfors), Dr. P r e i s w e r k (Basel). 
— Zu Ehrenpräsidenten der Sektion wurden gewählt: 
Dr. V. Galippe (Paris), Dr. 0. Zsigmondy (Wien), Professor 
Äyräpää (Helsingfors), E. A. Bogue (New-York), Professor 
Cavallaro (Firenze), Dr. Goadby (London), Dr. Allaeys 
(Anvers), Dr. Preiswerk (Basel), Prof. Brandt (Berlin), 
Dr. P. Robin (Paris), Dr. Sim-Wallace (London), J. F. 
Co ly er (London); Dozent L. Fleischmann (Wien), Doktor 
Bellinzona (Milano), Dr. Hopewell-Smith (London), 
Dr. Chompret (Paris), Prof. Lepkowsky (Krakau), Professor 
Amoedo (Paris), Dr. P. Gires (Paris), Dr. M. L. Rhein 
(New-York), Dr. Cruet (Paris), Prof. Aguilar (Madrid), 
Prof. C. Rovida (Milano), Prof. Trauner (Graz). 


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138 


XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


In der nun folgenden wissenschaftlichen Sitzung präsi¬ 
dierten 0. Zsigmondy (Wien) und V. Galippe (Paris). 

Vor der Tagesordnung demonstriert F enchel (Hamburg) 
die Anwendungsweise des Deutschmannschen Serums in einem 
akuten Falle von Periostitis. 

V. Galippe (Referent): Des causesgönerales des 
anomalies, de leurs corrölations et de l'influence 
de celle-ci sur la transmission höreditaire des 
malformations et de leurs consequences patho- 
logiques. 

Nachdem Referent zuerst das Prinzip der Korrelation 
zwischen den Anomalien selbst einer Prüfung unterzogen, be¬ 
handelt er deren allgemeine Ursachen ausserhalb der Heredität. 
Bei der Erörterung der hereditären Ursachen weist er auf den 
Einfluss der ungestörten Ernährung bei den Eltern und die 
Rolle der Intoxikationen und Infektionen hin. Nach diesem 
Autor gibt es keine Malformation, welche die bestimmte Folge 
einer bestimmten Degeneration wäre. 

Was die Uebermittlung der äusseren Anomalien auf die 
Nachkommenschaft anbelangt, verweist Referent auf seine 
eigenen Feststellungen, auf die grösste Tendenz zur Fixierung, 
Verschlimmerung und zur Uebermittlung der Anomalien betreffs 
des Schädels, der Kiefer, der Zähne, und in allgemeiner Weise 
des Skelettes, auf die zuweilen sehr enge Korrelation zwischen 
den Anomalien unter einander oder mit anderen äusseren 
oder inneren Organen, auf die Abwechslung, welche bei der 
Uebermittlung dieser verschiedenen Anomalien stattfindet. 

Darauf folgte der Vortrag 0. Zsigmondys (Refe¬ 
rent): „Die Kieferbaugrundlagen des anomalen 
Arcus dentium mitRücksicht auf di e Odo ntortho- 
pädie“, der auf Seite 81 des vorliegenden Heftes zum Ab¬ 
drucke gelangt ist. 

An der hierauf folgenden Diskussion beteiligten sich: 

Gruet (Paris): Galippe lehrt uns, dass die Erosion 
die häufigste ererbte Anomalie ist, dass sie aber durch irgend 
eine andere Anomalie der Zähne, der Kiefer oder irgend eines 
Körperteiles ersetzt werden kann. Gibt es irgend ein Gesetz 
der Vererbung, laut welchem sich z. B. die Erosion des Vaters 
auf den Sohn in Form einer anderen Anomalie der Zähne 
oder überhaupt einer anderen Gattung vererbt? 

Cavallaro (Firenze) fand in den Zähnen zahlreicher 
heredosyphilitischer Foetus pathologisch-anatomische Verände¬ 
rungen, welche zu den Veränderungen der Zähne Erwachsener 
gewisse Beziehungen aufwiesen. Ausserdem fand er die Spiro- 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 139 


chetae pallida und vaskuläre Veränderungen in den heredo- 
9yphilitischen Zähnen. 

Robin (Paris): Der Theorie Galippes steht jene 
gegenüber, die es zugibt, dass die meisten Erosionen in der 
mangelhaften Entwicklung des Kindes ihre Ursache haben. 

Ghompret (Paris): Erwähnt die Messungen Siffres, 
der gefunden hatte, dass wenn man die mesio-distalen Durch¬ 
messer der 10 Milchzähne einer Reihe auf einer horizontalen 
Linie abmisst und auf einer anderen wieder die mesio-distalen 
Durchmesser der 10 bleibenden, nämlich der die Milchzähne 
ersetzenden Zähne desselben Individuums misst, so ergibt sich, 
dass die beiden Längen gleich sind. Da diese Daten von 
Choquet und Robin angefochten wurden, wäre es inter¬ 
essant, die Meinung Zsigmondys darüber zu hören. 

J. G. Turner (London) hatte auch Endarteritis in einem 
syphilitischen Säugling gefunden; dies dürfte zur Erklärung der 
syphilitischen Zähne beitragen. 

Salamon (Budapest): Der Einfluss der Vererbung 
und der Entwicklungsanlagen waren die Kardinalpunkte der 
Referate. Dieser Auffassungsweise steht eine andere Theorie 
gegenüber, jene An gl es, welche die Okklusionsanomalien in 
mechanischer Weise erklären zu können glaubt. Also auf der 
einen Seite eine richtige Theorie mit weniger günstigen prak¬ 
tischen Erfolgen, auf der anderen Seite eine unrichtige Theorie 
mit brillanten praktischen Erfolgen. 

Galippe (Paris) antwortet H. Gruet, dass, obzwar 
es eine gewisse Gesetzmässigkeit gäbe, wie auch eine solche 
in embryologisch-physiologischen und pathologischen Be¬ 
ziehungen unverkennbar ist, jene Gesetze noch nicht zur Ge¬ 
nüge bekannt sind und den weiteren Forschungen der ex¬ 
perimentalen Embryologie Vorbehalten bleiben. 

Zsigmondy (Wien) behauptet, dass das Verfahren 
Siffres bei weitem nicht so genau ist, als die Untersuchung 
der Veränderungen auf Modellen, die von ein und demselben 
Individuum gewonnen wurden. Bezüglich der Angleschen Schule 
bemerkt er, dass er den theoretischen Ausführungen dieses 
so verdienstvollen Autors nicht in allen Details beizustimmen 
in der Lage ist. 

Darauf folgte der Vortrag P. Robins (Paris): Deter- 
minaux qualitatifs et quantitatifs des irregu¬ 
lär it 6s dentaires (vollinhaltlich erschienen in der „Revue 
de Stomatologie“, Juin 1909), nach welchem eine Diskussion 
stattfand, an welcher sich Cruet (Paris) und Turner 
(London) beteiligten. 


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140 XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


In Abwesenheit der Autoren wurde vorgelesen: 

R. Foy und A. Herpin: Expansion physiolo- 
gique des maxillajres et redressement. 

Die Irregularitäten rühren in den meisten Fällen von 
Raummangel her. Die Behebung derselben ist nie ohne irgend¬ 
welche Gefahr betreffs der Funktion und Vitalität der Zähne. 
Foy, der auf der Klinik Lermoyez’ sich einzig und 
allein dem Studium der Wiederherstellung des reinen Nasen¬ 
atmens gewidmet hat, machte eine höchst interessante Er¬ 
fahrung, welche in der Orthodonlie beachtet zu werden ver¬ 
dient. Ein 11 jähriger Knabe, ausschliesslich Mundatmer, fing 
sehr spät zu sprechen an; bis zu seinem 4. Jahr glaubte man, 
er bleibe stumm; höchst nervös, ängstlich. Im 7. Jahr hatte 
man aus dem Rachen Vegetationen entfernt, jedoch ohne den 
geringsten funktionellen Erfolg. Nasengänge absolut frei, aber 
verengt; harter Gaumen oval, Zähne irregulär. Gesicht schmal, 
länglich; Nasenflügel schwach ausgebildet; Brustkorbumfang 
unter der Norm; während 6 Monaten nahm er um 4 Kg. ab; 
Appetit gering; Schlaf unruhig. Die Behandlung bestand darin, 
dass dem Knaben speziell zu diesem Zweck hergestellte Metall¬ 
ringe in die Nasenöffnungen gelegt wurden, durch welche die 
Luft frei passieren kann. Nach 3 Wochen wesentliche Besserung, 
vorzüglicher Schlaf, beständiges Nasenatmen, Gesicht wird 
runder; der bimolare Durchmesser (vor der Behandlung 8 Gm.) 
beträgt 9 Cm.; Nasenflügel beweglich, Atmung tief, rhythmisch; 
Appetit vorzüglich. All dies war das Ergebnis der blossen 
Wiederherstellung einer aufgehobenen physiologischen Funktion. 
Laut Ansicht der Autoren kann durch dieses Verfahren dem 
Entstehen vieler Anomalien vorgebeugt, respektive schon vor¬ 
handene Irregularitäten geheilt werden. 

*• 

30. August, nachmittags. Präsidenten: O.Zsigmondy 
(Wien), P. Robin (Paris). 

Pierre Robin (Paris): La nomenclature den- 
taire. Der Vortrag, welcher in seiner Auffassung etwas ganz 
Neues darbietet und grösste Aufmerksamkeit verdient, ist wegen 
seiner mathematischen Genauigkeit kaum in einem Auszuge 
wiederzugeben, ohne dass seine Verständlichkeit einen Ab¬ 
bruch erleiden würde. Er ist vollständig in der „Revue de 
Stomatologie“ erschienen und es wird deshalb auf diese Zeit¬ 
schrift hingewiesen. 

In Abwesenheit der Autoren gelangte zur Vorlesung: 

A. Herpin etA. Mouchet: La dent de l’oeil. 

Die Autoren studierten die topographischen Verhältnisse 
zwischen Milchcaninus und Orbita. An frontalen Schädel- 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 141 

schnitten bei Neugeborenen ist ersichtlich, dass die Schneide¬ 
zähne unmittelbar unter die Nasenhöhle zu liegen kommen, 
die Eckzähne aber direkt unter der Augenhöhle liegen. Die 
Entfernung beträgt im Durchschnitt 9 Mm., bei einem 
19 Monat alten rhachitischen Kinde betrug die Entfernung 
8 Mm. An dem Schädel eines 2•/, Jahre alten Kindes wurde 
sichtbar, dass der bleibende Eckzahn sich oberhalb des Milch¬ 
eckzahnes befindet, bei anderen Zahnsorten aber die Kronen 
der bleibenden Zähne zwischen den Wurzeln der Milchzähne 
liegen. Somit werden die pathologischen Erscheinungen, welche 
den Eckzahn und die Augenhöhle zusammen betreffen, leicht 
verständlich, um so mehr, da die übrigen Zähne durch die 
Entwicklung der Highmorshöhle sich immer mehr und mehr 
von der Orbita entfernen, der Eckzahn aber seine topogra¬ 
phische Lage für immer behält. 

In Abwesenheit der Autoren gelangte zur Vorlesung: 

Dubreuil-Chambardel et A. Herpin: Gemi¬ 
nation dentaire. 

Die in Rede stehenden Anomalien teilt W e d 1 in drei 
Klassen: 1. in welchen zwei Zähne durch den Zement, 2. wo 
auch schon das Dentin an der Fusion beteiligt ist, 3. wo ein 
normaler Zahn mit einem überzähligen verwachsen ist. Diese 
Einteilung bezeichnen die Autoren als etwas willkürlich. Richtig 
können die einzelnen Arten der Verschmelzung nur auf Grund 
entwicklungsgeschichtlicher Daten unterschieden werden. Auf 
dieser Grundlage können 1. zwei benachbarte Zahnleisten sich 
vereinigen, bevor noch die Abtrennung derselben stattgefunden 
hätte; das ist die echte Fusion, wo auch das Dentin ver¬ 
schmolzen ist und die Wurzelkanäle gemeinsam sind; 2. die 
zwei Zahnleisten vereinigen sich erst nach der Bifurkation, 
d. i. scheinbare Verschmelzung; 3. können benachbarte Zahn¬ 
leisten in verschiedenen Stadien der Entwicklung verschmelzen. 

In Abwesenheit des Autors gelangte der Aufsatz A. 
Hellers (Wien): „Zur Physiologie der Zahnpulpa“ 
zur Vorlesung'. 

Es folgte M. Kulka (Wien): „Silikatzemente auf 
Grund petrographischer Untersuchung 1 .“ 

* 

31. August, vormittags. Präsidenten: Goadby 
(London). Gruet (Paris). 

L. Gruet (Paris): Pathogenie et therapeutique 
des affections de la muqueuse buccale dans les 
mala di es generales. 

1 Diese zwei Vorträge sind im Oktoberheft 1909 dieser Zeitschrift 
auf Seite 21 und 104 vollinhaltlich veröffentlicht worden. 


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142 


XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


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Nach Besprechung der anatomischen, physiologischen, 
bakteriologischen, pathologischen Tatsachen betreffs der Mund¬ 
höhle und speziell der Mundschleimhaut, schreitet Verfasser 
in folgender tabellarischer Gruppierung an die Behandlung des 
Gegenstandes: 


{Quecksilber 
Pho sph °r 

Alkohol. 


2. Infektions¬ 
krankheiten 


Typhus 
Influenza 

eruptive, mit 
Fieber einher¬ 
gehende 
Diphtheritis 
Erysipelas 
Venerische j Blenorrhoe 
Krankheiten | Lues. 
Tuberkulose 


{ 


Akute 


Scharlach 

Masern 

Vaiiola 


3. Dystrophien 
Dyskrasien 


4. Diathesen 


Diabetes 

Albuminurie und Urämie 

Rheumatismus 

Gicht 

Chlorose und Anämie 

Skorbut 

Purpura 

Tabes.' 

Arthrilismus 

Skrophulose. 


Resume des Referates: 1. Die Mundschleimhaut ist in¬ 
folge ihrer anatomischen Beschaffenheit, hauptsächlich aber 
ihrer Funktion den verschiedensten äusserlichen Einwirkungen, 
Infektionen ausgesetzt. 

2. Auch unter normalen Umständen ist der Mund der 
Sitz zahlreicher pathogener und nicht pathogener Pilze, welche 
besonders bei Allgemeinerkrankungen durch Zunahme an 
Virulenz gefährlich werden. 

3. Die pathologischen Symptome bei Allgemeinerkran¬ 
kungen sind durch Lokalinfektion bedingt, besonders in Fällen 
von schon vorher bestandenen Affektionen: Stomatitiden, 
Pyorrhöa etc. 

4. Der Grad der Erkrankung der Mundschleimhaut bei 
Allgemeinerkrankungen steht natürlich immer im geraden Ver¬ 
hältnis zu dem pathologischen Zustand des Mundes. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


143 


5. Nichtsdestoweniger spielen die Intoxikationen und 
Allgemeinerkrankungen, der allgemeine Ernährungszustand, 
neben der lokalen Infektion eine grosse Rolle und sind auch 
für die Chancen und Verlauf der Schleimhauterkrankung aus¬ 
schlaggebend. 

6. Die Allgemeinerkrankung und lokale Läsion (Infektion) 
der Schleimhaut wirken immerhin zusammen bei. dem Zu¬ 
standekommen der pathologischen Erscheinungen derselben 
und sind auch gemeinschaftliche Faktoren des speziellen 
Charakters dieser Affektionen. 

E. Bellinzona (Milano): Pathologie et Thera- 
peutique des affections de la muqueuse buccale 
dans les maladies generales. 

Er teilt die Erscheinungen in zwei Kategorien: 1. jene, 
welche Teilerscheinungen einer schon eingetretenen Allgemein¬ 
erkrankung und 2. jene, welche der Ausgangspunkt einer All¬ 
gemeininfektion sein können. 

Zur ersten Gruppe gehören: 1. Morbilli, 2. Scharlach, 
3. Diphtheritis, 4. Variola, 5. Typhus, 6. Tuberkulose, 7. Sto¬ 
matitis Aphthosa, 8. Syphilis, 0. die Dystrophieen (Diabetes, 
Schwangerschaft, Rhachitis, Osteomalacia), 10. Diathesen (Arthri¬ 
tismus), 11. Ernährungsstörungen, Toxine, 12. Noma, Sinus¬ 
eiterungen. 

Die zweite Gruppe geben die primären Stomatiten, die 
Karies, Pyorrhoea alveolaris, welche Anlass zu Allgemein¬ 
infektionen geben können. 

Resume: 1. Man soll die Mundhöhle in absolut hy¬ 
gienischem Zustand erhalten, um die Entwicklung der Mikro¬ 
organismen in derselben zu verhindern. 

2. Der Stomatologe soll allgemein ärztlich gebildet 
und mit den neuesten Errungenschaften der Medizin bekannt 
sein, da der Fortschritt dieses Spezialzweiges immer dem 
Studium der Verhältnisse zwischen dem Körperteil und dem 
Gesamtorganismus unterworfen sein wird. 

Kenneth W. Goadby (London): The treatment 
of certain infective diseases originating in the 
mouth by means of specific vaccines. (Erscheint 
vollinhaltlich nebst der Diskussion im Aprilheft dieser Zeit¬ 
schrift.) 

Dr. J. Chompret (Paris): Du traumatisme en 
rapport avec les affections bucco-dentaires. 
(Wegen Mangel eines Manuskriptes nicht kommunizierbar.) 

ln der darauf folgenden Diskussion macht Amoedo 
(Paris) auf Erscheinungen aufmerksam, welche einzig und allein 


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144 


XVJ. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


durch eine fehlerhafte Artikulation hervorgerufen werden; 
schlecht konstruierte Ersatzstücke, Kronen etc. sind imstande, 
solche hervorzurufen. Nach Beseitigung des Fehlers schwinden 
auch die üblen Folgen derselben. 


* 

51. August, nachmittags. Präsidenten: H. Allaeys 
(Anvers), Goadby (London). 

Dr. H. Allaeys: De la valeur de la forme 
alväolaire dans le diagnostic des phenomönes 
pathologiques inclus. 

Autor schliesst alle Neubildungen aus dem Kreise seines 
Vortrages aus. An der Hand einiger Fälle kommt er zu dem 
Schlüsse, dass die genaue Inspektion bei der Aufstellung der 
Diagnose sehr wichtig ist; der Processus alveolaris wird, so¬ 
lange in demselben noch ein Zahn oder eine Wurzel steckt, an 
dieser Stelle nicht resorbiert; diesen Zustand belegt Autor mit 
dem Namen: Forme en plateau. Diese Erscheinung fehlt auf 
dem resorbierten Kieferfortsatz, das heisst, die vollständige 
Resorption ist nur dann möglich, wenn kein Zahn (Wurzel) 
mehr vorhanden ist. Ein Fall des Autors bezieht sich auf 
eine Zyste, welche zwischen dem ersten und zweiten rechten 
oberen Molar sass, und selbst nach Entfernung beider Zähne 
Schmerzen verursachte und sich auch durch die vorher er¬ 
wähnte r Forme en plateau “-förmige, wulstige Beschaffenheit 
des Processus alveolaris kundgab. 

Dr. Dalma (Fiume): Beiträge zur Bakteriologie 
der akuten Pulpitis. 

Vor allem muss ich um Entschuldigung bitten, dass ich 
als praktischer Zahnarzt, der infolge der Arbeit ums tägliche 
Brot über sehr wenig freie Zeit verfügt, es dennoch wage, 
heute und hier über ein streng wissenschaftliches Thema zu 
sprechen; überdies bitte ich schon von vornherein um Ihre 
Nachsicht, wenn ich dasselbe nur sehr kurz behandle und nicht 
so viele Resultate bringe, als ich wollte und hoffte, doch konnte 
ich wegen Kürze der Zeit, die mir zur Verfügung stand, und 
als Dilettant auf dem Gebiete mit der Arbeit nicht zu Ende 
kommen; ich teile Ihnen daher meine bisherigen Resultate mit 
dem Versprechen mit, meine Arbeit fortzusetzen und gelegentlich 
weiteren Bericht zu erstatten. 

Was mich zu diesem Studium, welches für den stark 
beschäftigten Praktiker überhaupt nicht leicht durchzuführen ist, 
dennoch mit magischer Kraft anzog und anzieht, ist das 
glühende Verlangen aller Zahnärzte, nicht so viele lebendige, 


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XVI. Internationaler medisiniecher Koagress in Budapest 


145 


wenn auch kranke Pulpen zerstören zu müssen. Um dieses 
schwere Problem lösen zu können, müssen wir — nach meiner 
Ansicht — vor allem: 

1. jene Erreger, welche die akute Pulpitis verursachen, 
kennen, und zwar so genau, dass wir alle übrigen nicht dazu¬ 
gehörigen genau auszuschliessen vermögen; 

2. müssen wir das Mittel finden, um die kranke noch 
lebende Pulpa ausheilen zu können; 

3. wenn dieselbe schon geheilt ist, ein Mittel finden, 
um sie vor Reinfektion zu schützen. 

Nach meiner Ansicht sind alle drei Probleme lösbar und 
ich hoffe, dass dieselben bei dem heutigen grossen Aufschwünge 
der Bakteriologie, Serologie, Histologie und den kühnen, oft 
erfolgreichen Versuchen der Transplantation von Geweben, 
Organen und Organteilen in absehbarer Zeit zur Lösung 
kommen werden. 

Meine heutigen Mitteilungen sollen den bescheidenen 
Anfang zum ersten Punkt bilden. 

Bei so ziemlich fleissigem Studium der mir zugänglichen 
Literatur auf diesem Gebiete, und hier bitte ich wieder um 
Entschuldigung, wenn ich dieselbe nicht namentlich anführe, 
denn ich möchte nicht gerne jemanden ungewollt und un¬ 
bewusst verschweigen, fand ich vor allem, dass auf dem 
Gebiete des Studiums der Bakteriologie der Mündhöhle zu viel 
generalisiert und zu wenig abgegrenzt wird; die meisten, auch 
die berühmtesten Autoren sprechen immer von dem Sammel¬ 
begriff der Bakterien der Mundhöhle oder der Zahnkaries. 

Ich habe mir nun vorgenommen, nur die Bakterien der 
akuten Pulpitis zu studieren und über meine bisherigen be¬ 
scheidenen Ergebnisse will ich Ihnen nun Rechnung legen. 

Es wurden von vielen hundert Präparaten Ausstrich¬ 
präparate gemacht, und zwar waren es entweder unter allen 
aseptischen Kautelen frisch herausgezogene, doch nicht ma¬ 
kroskopisch sichtbare offene Pulpen solcher Frontzähne oder 
Prämolaren, die nicht mehr zum Plombieren für geeignet be¬ 
funden wurden, daher behufs Ersatz durch Stiftzähne, Porzellan¬ 
kronen oder Richmondkronen oder Platten- oder Brückenersatz 
abgetragen werden mussten, ferner wegen Pyorrhöe oder aus 
anderen Gründen nicht verwendbare, von Karies nicht ange¬ 
griffene Zähne oder von Caries profunda befallene, makroskopisch 
betrachtet nicht freiliegende, Symptome von verschiedenen 
Arten akuter Pulpitis bietende Zähne, die als Versuchsmaterial 
verwendet wurden. Es wurde anfangs genau Protokoll und 
Statistik geführt; nachdem sich aber fast in allen Fällen mit 

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146 XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 

wenig Ausnahmen dasselbe mikroskopische Bild darbot, wurde 
Statistik und Protokollführung nur für jene Fälle fortgesetzt, 
welche irgend eine Abweichung von den gewöhnlichen Be¬ 
funden darboten. 

Ueberdies wurden Kulturen aerob und anaörob gemacht, 
mit und ohne Brutofen, aus diesen wurden aus den ver¬ 
schiedenen Kolonien Reinkulturen gezüchtet, was bei vielen, 
ja den meisten Individuen auch gelang. Tierversuche, respek¬ 
tive Ueberimpfung auf Versuchstiere wurden bisher noch nicht 
gemacht, werden aber im Laufe des weiteren Studiums nach¬ 
geholt werden, ebenso die Versuche auf Toxizität. Gefärbt 
wurde mit Methylenblau oder Karbolfuchsin nach Gram, aber 
nach einer von v. Retegh modifizierten Methode, welche, 
weil wohl noch nicht allgemein bekannt, hier kurz beschrieben 
werden soll. 

1. Dünner Ausstrich des Versuchsobjektes auf dem Deck¬ 
gläschen, welcher an der Luft getrocknet und nach dem 
Trocknen über der Bunsenflamme fixiert wird. 

2. Derselbe wird mit einigen Tropfen Dahlialösung be¬ 
deckt, welche 1 bis 1 1 / 8 Minuten auf dem Präparat bleibt; 
Erwärmung ist überflüssig. 

3. Folgt Abwaschen mit reinem Wasser. 

4. Lösung mit Lugotlösung, wodurch die Schichte russ- 
schwarz wird. 

5. Differenzierung mit 90 Prozent Alkohol, wobei die 
Färbung sich auflöst. 

6. Abwaschen mit Wasser. Trocknen über der Bunsen¬ 
flamme und Aufbewahrung in Kanadabalsam. 

Die Dahlialösung ist sofort brauchbar, bleibt sehr lange 
Zeit unverändert und das Präparat ist in 2 bis 3 Minuten im 
. Kanadabalsam untersuchbar. Für jene Herren, welche die Zu¬ 
bereitung der Lösung interessiert, will ich noch bemerken, dass 
. in 20 Gramm 95 gradigem Alkohol 2 Gramm reine Dahlia ge¬ 
löst, dazu 50 Gramm destilliertes Wasser und 5 Tropfen kon¬ 
zentrierte Karbolsäure hinzugefügt werden, gut durchgeschüttelt 
und filtriert wird; die Farbe ist sofort gebrauchsfähig. 

Diese Modifikation hat den Vorteil, dass sie sehr einfach 
und bedingungslos sicher ist; man kann die Lösung lange Zeit 
brauchen und muss sie nicht immer frisch bereiten und fil¬ 
trieren. Diese Färbung gibt auch ein klares Bild der Struktur 
der einzelnen Bakterienindividuen; färbt die Sporen, besonders 
wenn man längere Zeit mit Alkohol differenziert und nachher 
mit Karbolfuchsinlösung das Präparat noch einmal nach- 
färbt. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


147 


Zu dieser Methode von v. R 61 e g h muss ich noch er¬ 
wähnen, dass nach derselben ausser den grampositiven Bak¬ 
terien alle säurefesten Bakterien nachweisbar sind. Viele Prä¬ 
parate wurden auch nach Giemsa gefärbt, ebenso nach der 
v. Reteghschen Tolin- und nach Trichromin - Färbemethode 
desselben, welche alle besonders scharfe Bilder der Bakterien¬ 
struktur gefcen. Nachzulesen darüber ist im „Zentralblatt für 
Bakteriologie“, Jahrgang 1908 und 1909. 

Der Nährboden wurde folgendermassen bereitet: 

50 Gr. Pulpen herausgezogener Rinderzähne wurden 
stundenlang im Papinschen Topfe bei Siedehitze gekocht in 
1 Liter Wasser, filtriert, nachher 20 Gr. Agar, 1 Prozent Pep¬ 
ton, 1 Prozent Traubenzucker, '/* Prozent Natriumchlorit hin¬ 
zugefügt, mit einer schwachen Natriumkarbonatlösung schwach 
alkoholisiert, wieder filtriert und in den Eprouvetten sterilisiert; 
diesen Nährboden erdachte ich, um den Bakterien einen den 
Mundverhältnissen ziemlich ähnlichen Entwicklungsboden zu 
verschaffen. 

Zur anaöroben Kullurenzüchtung wurden Glasphiolen mit 
dem erwähnten Nährboden gefüllt verwendet, wozu eigens 
verfertigte Glaspipetten verwendet wurden, wie ich Ihnen die¬ 
selben hier vorzeige; das Ausgangspräparat wird eingeimpft oder 
die entwickelten Einzelkolonien überimpft und zugeschmolzen, 
im Brutofen bei 37° C. belassen, wobei dieselben nach Ver¬ 
rohrung mit dem wenigen vorhandenen Oxygen von selbst 
anaerob wurden und sich entwickelten. Auch durch tiefen 
Einstich in das Innere der Nährgelatine konnte anaörobes 
Wachstum erzielt werden. 

Die Impfung geschah immer mit in der Bunsenflamme 
sterilisierter Platinnadel. Aus den entwickelten Kolonien wurden 
Deckgläschenpräparate nach den verschiedenen vorher aufge¬ 
zählten Färbemethoden gemacht. 

Zu Ihrer Beruhigung kann ich berichten, dass ich trotz 
Untersuchung von vielen Hunderten von Zahnpulpen keine 
einzige neue, ausser den von anderen Autoren schon be¬ 
kanntgegebenen Bakterien gefunden habe. Ich habe auch kein 
einzigesmal den Bacillus fusiformis, keine Art von Spirochaeten, 
kein einzigesmal Leptotrix oder Bacillus maximus gefunden. 
Aber ich habe in jedem Falle von Pulpitis acuta Streptokokkus 
pyogenes, sehr häufig Streptokokkus brevis, Lanceolatus und 
Bacillus necrodentalis, in sehr vielen Fällen Staphylokokken, 
dann Diplokokken, grössere und kleinere und unregelmässige 
Gruppen sowie einzelne oder grössere Kokken gefunden. Oft 
Bacillus tetragenus, hie und da, aber selten, Sarcina alba. Ich 

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XVI. Interuatioualer medizinischer Kongress in Budapest. 


will mir die genauere Differenzierung und biologische Be¬ 
schreibung meiner Befunde für ein nächstesmal Vorbehalten» 
und möchte nur betonen, dass meiner Meinung nach die- 
Pulpitis acuta nur von Streptokokken, eventuell Staphylokokken 
verursacht wird. Die übrigen Bakterienalten sind nur Kommen- 
salen. 

J. B. Davenport (Paris): The significanceof the- 
compensating curve of the dental arches. 

Er bezieht sich auf die Kurve (antero-posterior), weiche¬ 
sich auf der vertikalen Ebene der Kauflächen beider Seiten 
des Zahnbogens ergibt, also die Ebene, in welcher die Kau¬ 
flächen sich bewegen. In erster Linie empfiehlt er die Weg¬ 
lassung der falschen Benennung „compensating“. Bon will 
lehrte, dass die Kurve im Verhältnisse zu dem Ueberbisse steht. 
Das sei aber bei weitem nicht der Fall, da die Höhe der 
Höcker den normalen Uebeibiss bestimmt. Die Beschreibung 
Spees ist falsch, richtig ist jene von Tom es und Dela- 
more. Eigentlich ist das keine Linie, sondern eine spirale- 
Fläche, welche sich aber in voller Harmonie mit den Be¬ 
wegungen der Kiefer und Zähne befindet. Dies erklärt es zur 
Genüge, warum bei manchen Menschen in den Kunstgebissen 
kurze oder lange Höcker oder flache Kauflächen erforderlich 
sind. Die Fläche der Kurve ist durch die Beweglichkeit der 
Zähne in ihren Alveolen elastisch, was natürlich bei Kunst¬ 
gebissen nicht der Fall sein kann. 

P. Robin (Paris): Physiologie de la mastica- 
tion et ses rapports avec les appareils de pro- 
these. 

Der Vortrag kann leider nicht mitgeteilt werden, da von 
demselben kein Manuskript vorhanden war. Autor versprach 
jedoch, dasselbe einzuschioken und somit muss dessen Kom¬ 
munikation für später Vorbehalten werden. 

An der folgenden Diskussion nahmen folgende teil: 

A m o 6 d o (Paris) wirft dem Verfasser vor, dass er zwar 
im Laufe seines Vortrages das Kiefergelenk, die Kaumuskeln 
etc. erwähnt, jedoch diese Faktoren bei der Konstruktion der 
Prothese ganz ausser acht lässt. Evans sah schon 1840 ein* 
dass unsere Artikulatoren den Hauptfehler haben, dass sie 
das Heruntergleiten des Kondylus nicht wiedergeben. Bon- 
will und eine ganze Reihe anderer bemühten sich, einen 
richtigen anatomisch-physiologischen Artikulator herstellen zu. 
können. 

Granjon (Marseille) bemerkt. das° der von Robin 
konstruierte einfache Artikulator nur «l«n nagi’iiden Tieren 


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Stomatol. Klinik (Prof. v. Arkövy) der kgl. Universität in Badapest. 149 


entspricht, da deren Kiefer sich nur in der vertikalen Ebene 
bewegen. 

Ausserdem kamen noch zum Wort: Gailion (Lyon), 
Gires (Paris) und Salamon (Budapest). 

(Schluss folgt im Aprilheft.) 

« - 

JaMriclt 1908/09 der stoialoloiiscta Klinik (Professor 
Dr. v. Arkövy) der kömil. Universität in Budapest. 

Zusammengestellt von Dr. Emil Major, II. Assistent daselbst. 

I. Semester. 

A. Dentitionsfälle.175 

B. Pathologische Fälle: 


I. Zahnkrankheiten: 

Karies.UI 

Pulpitis. .570 

Periodontitis.1711 

Alveolarkrankheiten (leichtere Fälle dentalen Ursprunges), 

Gingivitiden.667 

Stellungsanomalien.. . 1 

II. Kiefer- und Mundkrankheiten: 

Phlegmone (dentalen Ursprunges).18 

Fractura menti. 1 

Eruptio diff. Mol. III. (Periostitis abscessus alv.) ... 28 

.Necrosis proc. alv. (grösseren Umfanges). 1 

Garies alv. specif.24 

Zusammen . . 3287 

C. Therapie: 

Extraktionen.2717 

Füllungen in Kariesfällen.91 

Behandlung von Pulpitiden.108 

Behandlung von Periodontitiden.67 

Behandlung von leichteren Alveolarkrankheiten, Gingivi¬ 
tiden und Konsultationen..232 

Bei den unter II. erwähnten Kiefer- u. Mundkrankheiten 

vorgenommene operative Eingriffe u nd Behandlungen 72 

Zusammen . . 3287 


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150 Stomatol. Klinik (Prof. v. Arkövy) der kgl Universität in Budapest. 


Die Zahl der Hörer betrug in diesem Semester 96, von 


denen entfielen: 

auf das stomatologische Poliklinikum (spezielle Pathologie 

in klinischen Vorträgen).76 

auf die Propädeutik (systematische Vorträge und Demon¬ 
strationen) . 11 

auf die Operationslehre (klinisch) . . * . 9 


Zu Spezialisten wurden in diesem Semester sechs Aerzte 
ausgebildet. 


II. Semester. 

A. Dentitionsfälle.239 

B. Patholo gische Fälle: 


I. Zahnkrankheiten: 

Karies ..105 

Pulpitis. 229a 

^Periodontitis. 3878 

Leichtere Alveolarkrankheiten dentalen Ursprunges, Gin¬ 
givitiden, Periostitiden.1026 

Stellungsanomalien. 4 

11. Kiefer- und Mundkrapkheiten 1 : 

Phlegmone (dentalen Ursprunges).39 

Phlegmone et Abscessus interradic. 1 

Fractura menti. 1 

Fractura proc. alv. 2 

Abscessus palat (grösseren Umfanges). 1 

Anchylosis fibrosa mandibulae. 1 

Polypus gingivae. 1 

Exostosis multiplex senil, proc. alv. 1 

Eruptio diflf Mol. III. (Periostit. absc. alv.).36 

Eruptio diflf. Mol. III. (Lymphadenitis). 1 

Epithelioma buccae. I 

Epulis sarcomatosa. 2 

Papilloma multiplex. 1 

Haemophilia . 12 


Uebertrag . . 7638 


1 Erat vom II. Semester angefangen konnten in die Krankenzimmer 
der neuen Klinik Patienten aufgenommen werden, und zwar wurden 34 Pa¬ 
tienten mit 591 Verpflegstagen behandelt. 


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Stomatol. Klinik (Prof. v. Arküvy) der kgl. Universität in Budapest. 151 

Uebertrag . . 7638 

Faux lupina. 1 

Retentio dentium (Periostitis). 1 

Osteomyelitis palati. 1 

Polypus gingiv. et Tyloma labii. 1 

Osteomyelitis proc. alv. 1 

Periadenitis submax. post extract. 1 

Prosopalgia. 1 

Periostitis scrophulotica mandib. 1 

Necrosis proc. alv. (grösserer Ausbreitung). 2 

Necrosis proc. alveol. circumscripta. 3 

Empyema antri Highmori. 2 

Glossitis (Lues, an die Dermatologische Klinik gewiesen) 2 

Hygroma labii. 1 

Hygroma linguae. 1 

Cysta periostalis. 3 

Fistula cutanea chron. ex periodont. 1 

Lipoma buccae. 1 

Caries alv. specif..35 

Caries alv. specif. fulminans. 1 

Catarrhus antri Highmori. 1 

Zusammen . . 7691» 

C. Therapie: 

Extraktionen. 6434 

Füllungen von Kariesfällen.105 

Behandlungen von Pulpitiden.387 

Behandlungen von Periodontitiden.205 

Behandlungen leichterer Alveolarkrankheiten, Gingivitiden 

und Konsultationen.413 

Behandlung der unter II. angeführten Fälle.155 

Zusammen . . 7699 

Die Zahl der Hörer betrug 105, von denen waren in¬ 
skribiert: 

für das stomatologische Poliklinikum ....... 90 

„ die * Propädeutik. 5 

„ „ „ Operationslehre.10 

Zu Spezialisten wurden acht Aerzte ausgebildet. 

An der stomatotechnischen Abteilung (Leiter 
Dozent Dr. Ludwig Hattyasy) wurden folgende Arbeiten 
— laboratorisch und technisch-klinisch — ausgeführt: 


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162 Stomatol. Klinik (Prof. y. Arkövy) der kgl. Universität in Budapest. 


i. ii. 

Semester 

Odontorthopädien. 1 3 

Stiftzähne.6 26 

Goldkronen.18 34 

Brückenarbeiten.2 16 

Kautschukpiecen.12 72 

Nasenprothese aus Kautschuk. 1 — 

Nasenskelett nach Claude Martin.2 — 

Obturator bei Gaumendefekten.3 8 

Night-splint.1 1 

Schiene und Kieferstütze bei Fraktur.1 2 

Verengerungsapparat bei Wolfsrachen.— 1 


Zusammen . . 47 163 


Totale: 


Krankheitsfälle inklusive II. Dentition.10.986 

Therapie.10.986 

Stomatotechnik. 210 

* 

Gesamtzahl der Hörer. 201 


„ „ Doktoren (Stomatolog. Eleven) ... 14 

Zur Frequenz der Klinik gehören noch die Hörer — 
stud. med. — des Dozenten Dr. S z a b ö, vorwiegend der Ein¬ 
übung der Extraktionen gewidmet, deren Anzahl im I. Semester 
149, im II. Semester 152 betrug. 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


153 


V. Internationaler zahnärztlicher Kongress zn Berlin 1909. 

Bericht über die Sektion VI (Allgemeine und Lokalanästhesie), 

erstattet von Zahnarzt F. LuniatscheJc in Breslau. 

Am Dienstag den 24. August 1909 gegen 9'/* Uhr er- 
öffnete der Vorsitzende der Sektion VI, Doz. Dr. Guido Fischer, 
Direktor des zahnärztlichen Instituts zu Greifswald, die Ver¬ 
handlungen der Sektion „Allgemeine und Lokalanästhesie“ mit 
einer Ansprache, in welcher er auf die Bedeutung und das 
Wesen der Sektion hinwies. Besonders betonte er, dass gerade 
die Arbeit auf dem Gebiete der Anästhesie nicht nur eines der 
ältesten, sondern auch zweifelsohne eines der wichtigsten Pro¬ 
bleme der Allgemeinmedizin und besonders der Zahnheilkunde 
sei. Er gab ferner der Hoffnung Ausdruck, dass die Arbeiten 
und Erfolge der Sektion sich möglichst umfangreich gestalten 
möchten, so umfangreich wenigstens, wie das vorliegende Pro¬ 
gramm. Dieses sei durch seine Reichhaltigkeit und seinen Um¬ 
fang bedeutend und vielversprechend. An seinem Schlüsse habe 
der Vorsitzende noch einige Fragen allgemeiner und prinzipieller 
Art zur Diskussion gestellt. Dadurch liesse sich hoffen, dass alle 
Teilnehmer an den Beratungen der Sektion VI das Gewünschte 
finden und mit Erfahrungen reicher wieder in ihre Heimat 
zurückkehren können. Damit eröffnete der Vorsitzende die 
Verhandlungen der Sektion VI formell. 

Leider war von den in Aussicht genommenen Ehren¬ 
präsidenten kein einziger zur Eröffnungssitzung erschienen und 
so übernahm auf allseitigen Wunsch Doz. Dr. G. Fischer 
auch weiterhin die Leitung der Verhandlungen. Er erteilt darauf¬ 
hin das Wort Prof. Dr. Biberfeld (Breslau) zu seinem Vor¬ 
trag: Die neuere Theorie der Allgemeinnarkose. 

Der Vortragende führte etwa folgendesaus: Wenn auch 
durch die Lokalanästhetika die allgemeine Narkose immer 
mehr eingeschränkt wird, so wird es doch interessieren, die 
neueste Erforschung über die Beeinflussung der nervösen 
Zentren durch Narkotika zu hören. 

Früher fasste man alle pharmako-dynamischen Wirkungen 
als rein chemisch auf. Wenn auch eine gewisse chemische Ver¬ 
bindung zwischen der Arzneisubstanz und einzelnen Zellelementen 
eintritt, so ist das durchaus nicht notwendig, vielmehr gibt es 
eine Reihe von Substanzen (organische Kohlenwasserstoffe), 
die chemisch relativ indifferent sind und die durch ihre Lös¬ 
lichkeit in verschiedenen Bestandteilen des tierischen Körpers 


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154 


V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


zur Wirkung kommen und diese Wirkung wird begrenzt durch 
den sogenannten -Verteilungssatz. 

Dieser besagt etwa folgendes: Mischt man drei Körper 
miteinander, von denen der eine in den beiden anderen un¬ 
gleich gut löslich ist, während die beiden anderen sich inein¬ 
ander nicht lösen, und lässt diese Mischung stehen, so findet 
man, dass die in der zweiten und dritten Substanz gelösten 
Mengen der ersten stets in einem konstanten Verhältnis zu¬ 
einander stehen; dieses Verhältnis zueinander drückt der 
Teilungskoeffizient aus und beträgt derselbe z. B. bei einer 
Mischung von Chloroformöl und Wasser <7=30. 

Betrachten wir das Chloroform, so finden wir, dass seine 
Einwirkung, speziell auf das Gehirn, an gewisse Körper, näm¬ 
lich Lipoide, gebunden ist. H. Meyer hat folgenden Satz 
aufgestellt: Narkotisch wirkt jede Substanz, auch wenn sie 
chemisch indifferent ist, sobald sie mit Fetten und Lipoiden 
löslich ist, und um so stärker ist der Grad der Wirkung, 
je mehr sie in Lipoiden löslich ist als in Wasser. Das Zu¬ 
standekommen der Narkose hat man sich also in folgendem 
Masse zu denken: Das Gift gelangt auf irgendeine Weise in 
das Blut, dort wird es zum Teil in der wässerigen Blutflüssig¬ 
keit, zum grösseren Teil in den Blutlipoiden und von da in 
allen lipoidhaltigen Organen, je nach ihrem Reichtum an Lipoiden, 
aufgenommen, am meisten also im Gehirn. Deshalb tritt auch 
hier die Giftwirkung, d. h. die Narkose am ehesten auf. Da 
aber auch eine gewisse Ausscheidung des Narkotikums statt¬ 
findet, hält die Narkose nur so lange an, als mindestens eben¬ 
soviel als abgegeben wird vom Narkotikum zugeführt wird. Hört 
die Zufuhr auf, so wird nach einiger Zeit das Blut wieder gift¬ 
frei und damit ist die Narkose beendet. 

Wenn auch diese Meyer-0vertonsche Theorie noch 
nicht in allen Punkten befriedigt, so gibt sie uns wenigstens 
einen Hinweis auf die Allgemeinwirkung der Narkotika. 

Es ist uns aber weiter bekannt, dass die Aufnahmsfähigkeit 
für Sauerstoff verringert wird, sobald in den Fetten schon eine 
andere Substanz, z. B. das Narkotikum gelöst ist. Mithin stellt 
sich die Narkose als Folge verminderter Sauerstoffzufuhr dar, 
also als eine Erstickungserscheinung. Das ist auch schon von 
V e r w o r gezeigt worden. 

Doch ist es auch wahrscheinlich, dass die in der einzelnen 
Zelle vorhandenen Fermente in einzelnen Zellkammern gelagert 
sind, welche wir bisher noch nicht erkennen können; wir 
müssen für die Zelle eine gewisse Schaumstruktur annehmen, 
welche den Lipoiden ihre Bildung verdankt. Durch die Auf- 


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V. Jnternatioualer zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


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nähme von Narkotizis werden nun, wie H. Meyer sich aus¬ 
drückt, die Hemmungen, welche die Membranen ausüben, ge¬ 
lockert und lassen den chemischen Kräften freies Spiel. Die 
normale Zellfunktion ist unmöglich gemacht und Narkose 
tritt ein. 

Diese Theorie gilt natürlich nur für die indifferenten 
Narkotika, d. h. für solche, die keine Basen oder Säuren sind, 
mithin also nicht für die natürlichen und künstlichen Alkaloide. 
Aber auch für sie haben die Lipoide eine grosse Bedeutung; 
sie stellen den Weg dar, auf dem die Alkaloide in die Zellen 
eindringen. Ein prinzipieller Unterschied zwischen der Wirkungs¬ 
weise beider Narkotika besteht daher wohl kaum. 

Nach diesen mit dem grössten Beifall aufgenommenen 
Worten dankte der Sektionsvorsitzende dem Redner für seine 
geistreichen Ausführungen und begrüsste dankbar die präzisen 
theoretischen Schlussfolgerungen. 

Da sich niemand zum Wort meldete, erhielt Blank 
(Kiew) das Wort zu seinem Vortrag: Allgemeine und 
lokale Anästhesie. 

Da der russische Vortragende der deutschen Sprache 
nicht gebührend mächtig war, übernahm Luniatschek 
(Breslau) die Verlesung des Vortrags. 

Dr. Blank war zunächst Anhänger der Chloräthylnar¬ 
kose, hatte in einem Jahre 406 Narkosen mit ziemlich be¬ 
friedigendem Erfolge ausgeführt. Er nahm aber später all¬ 
mählich vom Chloräthyl Abstand, nachdem zehn Todesfälle, 
davon einer in Odessa, vorgekommen waren. Infolgedessen 
wandte er sich der Injektionsanästhesie zu. Er verlangt aber 
von ihr die Erfüllung folgender Punkte: 

1. Sie muss ebenso prompt wirken wie die Narkose, 
d. h. in allen Fällen die Schmerzen ausschalten. 

2. Sie muss von den Gefahren der Narkose frei sein, 
d. h. weder Todesfälle noch irgend welche bedrohliche oder 
unangenehme Nebenerscheinungen zeitigen. 

3. Sie darf keine wirklichen unangenehmen Erscheinungen 
zeigen, d. h. keine Nachblutung und keinen Nachschmerz, auch 
darf die Wundheilung nicht gestört werden. 

4. Sie darf nicht die Vitalität der Nachbarzähne stören. 

Ad 1. Ist die Wirkung von demselben Präparat individuell 

verschieden, ebenso wie bei den Narkotizis, mit Ausnahme 
vielleicht von Chloroform. 

Ad 2 . Wenn es auch keine Statistik über Todesfälle nach 
Intoxikationsanästhesie gibt und wenn auch keine Todesfälle 
beobachtet worden sind, so hat doch Dr. Blank verschiedene 


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Intoxikationserscheinungen in seiner Praxis beobachten können, 
wie Herzklopfen, Blässe, Schwindel, Krämpfe u. dgl. Dr. Blank 
hat auch schwerere Intoxikationserscheinungen, wie ebenso 
andere russische Kollegen, beobachtet; es ist deshalb in Russ¬ 
land die Injektionsanästhesie verboten worden. Es ist allerdings 
schwer zu unterscheiden, ob diese unangenehmen Erscheinungen 
auf das Konto des Kokains oder der Nebennierenpräparate zu 
schreiben sind. Die Meinungen sind darüber verschieden. 

Ad 3. Nachblutungen oder Nachschmerzen sind von 
Dr. Blank nicht beobachtet worden. 

Ad 4. Ebenso auch keine Schädigung der Pulpa. 

Wenn auch die Injektionsanästhesie in ihrer Wirkung 
gegenüber der Narkose keinen Fortschritt bedeutet, so ist sie 
doch wegen ihrer geringen Gefährlichkeit vorzuziehen. 

Vorsitzender Dr. Fischer: Die vortrefflichen Ausführungen 
des Kollegen Blank haben uns alle im hohen Masse inter¬ 
essiert und ich danke dem Herrn Vortragenden bestens für 
seine Darbietungen. Im Anschluss an den Vortrag eröffne ich 
die Diskussion. 

Dr. Alexander (Gablonz): Ich halte es nicht für richtig, 
dass die Herren Kollegen von der Allgemeinnarkose so abge¬ 
kommen sind. Ich will nicht von der Narkose mit Aether oder 
Chloroform sprechen, sondern von der Stickstofifoxydulnarkose. 

Im Verlaufe von 13 Jahren habe ich weit über 4000 Lachgas¬ 
narkosen ausgeführt und dabei habe ich nicht einen einzigen 
unangenehmen Zwischenfall erlebt, ja ich kann sogar behaupten, 
dass Patienten, bei denen ich mich nicht getraut hätte, lokale 
Anästhesie anzuwenden, die Lachgasnarkose sehr gut vertragen 
haben. Es ist wohl nur eine Bequemlichkeit der Herren Kollegen, 
dass das Lustgas bei uns in Deutschland so in den Hinter¬ 
grund getreten ist. Wir wissen sehr gut, dass diese Narkose 
nur 50 bis 60 Sekunden währt; ist man aber auf diese Narkose 
eingeübt, so kommt es gar nicht selten vor, dass man in einer 
Narkose die sämtlichen Wurzeln des Ober- oder Unterkiefers bei 
vollständiger Schmerzlosigkeit für den Patienten entfernen kann. 

Die üblen Nachwirkungen bei Lokalanästhesie sind gar 
nicht so selten, wie allgemein angenommen wird, besonders 
Nachschmerz und Nachblutung. 

Dr. Sachse (Leipzig): Bei der allgemeinen Narkose in 
der zahnärztlichen Praxis ist die Möglichkeit eines Exitus nie 
ganz ausgeschlossen. Deshalb ist die Allgemeinnarkose möglichst 
auszuschalten, höchstens nur auf einige wenige Fälle zu be¬ 
schränken. Wer das Kokain nicht gebrauchen will, der solle 
das weit bessere und unschädlichere Novokain verwenden. 


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Chaskel (Berlin): Mit dem Vorredner Dr. Sachse bin 
ich der Meinung, dass die lokale Anästhesie als idealer Ersatz 
für die Allgemeinnarkose anzusehen ist. Wenn wir uns aber 
auf diesem Kongress darüber schlüssig werden sollen, dass wir 
bei unseren Operationen die allgemeine Betäubung gänzlich 
ausschliessen müssen, so müssen wir auch das Kokain aus¬ 
schalten, da wir in dem Novokain ein Mittel gefunden haben, 
welches ausserordentlich wertvoll ist. Ich habe in den letzten 
Jahren zirka 1500 Injektionen mit Novokain gemacht und nur 
drei ganz leichte Kollapse gehabt, während in allen anderen 
Fällen die Injektionen glatt vertragen wurden. Allerdings muss 
man mit dem Zusatz von Suprarenin sehr vorsichtig sein. Ich 
setze zu 1 Ccm. Injektionsflüssigkeit nur einen Tropfen einer 
Lösung Suprareninum synth. 1:4000 und erziele damit fast 
ausnahmslos vollkommene Schmerzlosigkeit. Ich warne vor 
höheren Zusätzen. 

Mayer: Es dürfte interessieren, die Bemerkung des 
Dr. Sachse über die Wichtigkeit der Isotonie der Anästhe¬ 
sierungslösung an einem praktischen Beispiele bestätigt zu 
sehen. Ich verwende seit einiger Zeit das Novokain-Suprarenin- 
präparat von Meister, Lucius etc. in Tabletten, denen früher 
Na CI beigefügt worden war. Da ich nun nicht beachtete, dass 
dieser NaC/-Zusatz plötzlich auf hörte, verwendete ich weiter 
Aqua destillata als Lösungsmittel. Da traten plötzlich heftige 
Schmerzen sowohl während der Injektion als nach der Opera¬ 
tion auf. Als ich später den Nd C7-Mangel konstatierte und 
physiologische Kochsalzlösung als Lösungsmittel für die Tabletten 
verwendete, hörte jeglicher Schmerz auf. Im übrigen habe ich 
innerhalb weniger Monate zirka 500 Injektionen mit Noyokain- 
Suprarenin gemacht und einige Male bis zu 3 und 4 Ccm., nie¬ 
mals aber auch nur die geringste Störung im Wohlbefinden 
des Patienten gemerkt, so dass es mir scheint, als ob wir das 
Kokain als viel giftiger überhaupt nicht mehr in Betracht 
ziehen sollten. 

Prof. Dr. Biberfeld (Breslau): Auf Ersuchen des Herrn 
Präsidenten gibt der Redner einen kurzen, aber sehr treffenden 
Ueberblick über die allgemeine Wirkung des Suprarenins, wie 
überhaupt der Nebennierenpräparate. Er bespricht die Wirkungen 
der Nebennierenpräparate auf den Kreislauf, die Atmung und 
das Gehirn. Er hebt besonders hervor, dass die Zuckeraus¬ 
scheidung, welche nach Einverleibung von Nebennierenprä¬ 
paraten eintritt, nur von ganz kurzer Dauer ist und nichts 
mit der echten Glykosurie bei Diabetes zu tun hat. 

Rosenthal (Paris): L’anaestesie general n'est pas k 
eviter dans la pratique. Elle est necessaire dans les cas suivants: 


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1. Dans les cas d’inflammation considerables des parties 
molles et des tistules. 

2. Dans les cas de mauvaises positions des dents de 
sagesse du bas. 

3. Dans les cas de trismus. 

Dr. Moral (Greifswald): Besonders entzündliche üble 
Zufälle nach Injektion sind auf Infektionen zurückzuführen, 
ein Uebelstand, der durch Betupfen der betreffenden Schleim¬ 
hautstelle mit Jodtinktur vermieden werden kann. Auf die 
Konzentration der Injektionsflüssigkeit muss besonders Wert 
gelegt werden, da im Falle zu starker, resp. zu schwacher Kon¬ 
zentration das Präparat auf die physiologische Gewebsflüssigkeit’ 
der Nerven nicht einwirken kann, d. h. ein Austausch der be¬ 
treffenden Salze nicht stattfinden kann. 

Dr. Rosenberg (Berlin): Die Frage ob Kokain oder 
Novokain als Lokalanästhetikum benutzt werden soll, wird 
eine ständige Diskussionsfrage unserer Verhandlungen sein, 
doch steht dies Thema erst für morgen zur Diskussion. Ich 
möchte hier nur kurz auf die Frage des Pulpentodes eingehen 
und betonen, dass bei den heutigen genau und möglichst 
schwach konzentrierten Lösungen nur dann ein Pulpentod ein- 
treten kann, wenn unter zu starkem Druck injiziert wird, also 
eine zu starke und zu lange dauernde Ischämie durch die In¬ 
jektion hervorgerufen wird. 

Dr. Blank (Schlusswort): Ich freue mich, dass so viele 
Kollegen gegen die Allgemeinnarkose sich geäussert haben, das 
ist auch meine Meinung, aber ich behaupte, dass die Injektions¬ 
anästhesie nicht ganz unschädlich ist. 

Vorsitzender Dr. Fischer dankt den zahlreichen Rednern 
für ihr in der Diskussion bewiesenes Interesse und erteilt 
Herrn Dauge (Moskau) das Wort zu seinem Vortrag über: 
Die kombinierte Wirkung von Suggestion und 
Anästhesie im zahnärztlichen Operationsgebiet. 

Der Vortragende behandelt weniger in seinem Vortrage 
die Hilfsmittel zur Erzielung möglichster Schmerzlosigkeit als 
vielmehr die allgemeinen Prinzipien, nach denen der Zahnarzt 
sich zu richten hat, um bei seiner Klientel die besten Erfolge 
zu erzielen. Dazu empfiehlt er die systematische logische Be¬ 
einflussung des Patienten und betritt dabei gleichzeitig einen 
pädagogischen Weg, um die Patienten zur Willensstärke zu 
erziehen. Für die von ihm geübte logische Suggestion gibt er 
eingangs ein treffendes Beispiel aus seiner Praxis. 

Weiterhin behandelt der Vortragende folgende vier Punkte: 

1. Toxizität der Injektionsanästhetika. Dabei macht er 
darauf aufmerksam, dass die vielen gefürchteten Komplikationen 


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meist nicht der Gifltvirkung des Mittels, als vielmehr dem psy¬ 
chischen Verhalten der Patienten zuzuschreiben sind und belegt 
seine Ansicht durch Aufführung von Fällen aus seiner Praxis. 

2. Die Verteuerung der Behandlungsmethode. Treffend 
sagt der Redner: Der Arzt hat nicht das Recht, dort Schmerzen 
zu bereiten, wo er sie vermeiden kann und die Frage: „Wollen 
Sie mit oder ohne Schmerzen behandelt sein“, ist ebenso un¬ 
gerecht wie die Frage: „Wollen Sie mit sterilisierten oder nicht- 
sterilisierten Instrumenten behandelt werden“. 

3. Die Enttäuschung des Publikums beim Ausbleiben der 
erwarteten Schmerzlosigkeit. Mit Recht hebt der Redner her¬ 
vor, dass es nicht nur falsch, sondern auch sehr unklug ist, 
den Patienten über einen zu erwartenden Erfolg zu belügen, 
weil es das Ansehen des Arztes und das Vertrauen der Pa¬ 
tienten zerstört. 

4. Die Furcht vor dem Nachschmerz. Nachschmerzen 
treten nach Injektionen auf, wenn Periostitiden Vorlagen und 
die Injektion nicht entzündetes Gewebe geschont hat. Deshalb 
ist in solchen Fällen möglichst die Leitungsanästhesie zu ver¬ 
wenden. 

Der Vortragende schliesst mit den Worten: Das kommende 
Jahrhundert möge der Menschheit mehr pädagogisch als kom¬ 
merziell gesinnte Zahnärzte geben. 

Ein wahrer Beifallssturm belohnte den Redner für seine 
trefflichen Ausführungen. 

Vorsitzender Dr. Fischer: Der überaus reiche Beifall 
beweist mehr als Worte ausdrücken können. Wir müssen dem 
Redner dankbar sein, dass er auch einmal ein Gebiet berührt 
hat, welches sonst nicht auf Versammlungen diskutiert zu 
werden pflegt. Ich trage nunmehr, wer sich zur Diskussion meldet. 

Dr. Sachse (Leipzig): Die Ausführungen des Vortragenden 
sind sehr zu begrüssen, weil sie uns Mittel und Wege zeigen, 
wie wir unseren Patienten gegenüber mit Erfolg unsere Ansicht 
vertreten können, und ich glaube, wir können den bekannten 
Satz von dem Verbrauch der Seife dahin modifizieren, dass 
ich sage: je weiter ein Volk zahnärztlich durchgebildet ist, 
desto höher ist seine Kultur. 

Gieszynski (München): Absolute Schmerzlosigkeit kann 
nur in denjenigen Fällen versprochen werden, wo keine akuten 
Entzündungserscheinungen vorliegen. Der Schmerz, der bei 
Operationen nach Injektionen empfunden wird, ist sehr häufig 
psychogen, wie Koll. Dauge hervorgehoben hat. Der Patient 
muss deshalb darauf aufmerksam gemacht werden, dass er 
bei der Operation wohl den mechanischen Eingriff als Druck 
empfinden wird, aber keinen Schmerz erleiden wird. Bei der 


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Leitungsanäslhesie ist eine absolute Schmerzlosigkeit auch bei 
lokal entzündetem Gewebe zu erwarten. Der Nachschmerz nach 
Injektionen kann tür viele Fälle zugegeben werden, namentlich 
dort, wo an eine Injektion eine Extraktion nicht angeschlossen 
wird (Pulpabehandlung). Der Nachschmerz ist durch Aspirin, 
Pyramidon u. dgl. leicht zu bekämpfen. 

Le van o witsch: Als Anästhetikum empfehle ich Novo¬ 
kain nach Fischer (Greifswald), warne aber vor Injektion 
bei Entzündung. Auch die Leitungsanästhesie hat nicht immer 
die gewünschten Erfolge. Vielleicht liegt das nur daran, dass 
wir russischen Zahnärzte infolge der traurigen Zustände an den 
russischen Lehrinstiluten, nicht Gelegenheit genug haben, sie 
kennen zu lernen. 

Luniatschek (Breslau): Koll. Dauge hat in seinem 
hochinteressanten Vortrag auf verschiedene, oft nicht beob¬ 
achtete Punkte aufmerksam gemacht. Einer jedoch schien mir 
nicht beachtet zu sein, d. i. — vielleicht auch ein erzieherischer 
— nämlich die Kleiderfrage. Bei der Narkose ist die Ablegung 
der Oberkleider üblich. Bei Injektionen mit Kokain-Nebennieren¬ 
präparaten, welche, wie ich schon in meinen ersten Arbeiten 
über das Adrenalin zeigte, die Herztätigkeit ausserordentlich 
erhöhen können, wird leider gar nicht auf fest anliegende 
Kleidungsstücke (Korsett) Rücksicht genommen. Ich habe die 
feste Ueberzeugung, dass nicht nur das Korsett, sondern auch 
schon feste Gürtel eine erhebliche Beeinträchtigung des All¬ 
gemeinbefindens herbeiführen können und deshalb müssen wir 
auch dahin zu wirken versuchen, dass unsere weiblichen Klienten 
diese ohnehin gesundheitswidrigen Kleidungsstücke fortlegen. 

Dauge (Schlusswort): Vor allem meinen besten Dank 
für die Freundlichkeit, mit der die Herren Kollegen meinen 
bescheidenen Vortrag aufgenommen haben. Desgleichen für die 
Ergänzung, die verschiedene Kollegen gegeben habet). 

Wie Sie wohl bemerkt haben, habe ich absichtlich von 
den vielen Neuerungen abgesehen, um speziell das prinzipiell 
psychologische Moment zu unterstreichen. Doch möchte ich 
energisch davor warnen, auf die Statistiken zu viel Wer f zu 
legen, weil sie erstens meistenteils subjektiv aufgen tnmen 
werden, andererseits aber auch die Patienten aus Gründen 
der Höflichkeit uns belügen, indem sie behaupten, kaum etwas 
gemerkt zu haben, in Bekanntenkreisen aber doch erklären, 
dass sie tüchtige Schmerzen aushalten mussten. 

Der Vorsitzende Fischer dankt nochmals dem Redner 
und stellt fest, dass die Herren Metz, Seitz, Kowarski 
und Roese nicht anwesend sind, zum Teil auch ihr Fern- 


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bleiben vom Kongress entschuldigt haben und somit die Tages¬ 
ordnung für den ersten Tag, soweit Vorträge in Betracht 
kommen, erschöpft ist. Es stellt daher das Schlussthema des 
ersten Tages: Hat die allgemeine Narkose Berech¬ 
tigung in der Zahnheilkunde? zur Diskussion. 

Der Vorsitzende erteilt dazu das Wort zum einführenden 
Referat dem Kollegen 

Sachse (Leipzig): Die Narkose könnte vielleicht für fol¬ 
gende Fälle in Betracht kommen, und das ist zunächst die 
systematische Extraktion der ersten bleibenden Molaren. Doch 
ist sie auch für diese Fälle meines Ermessens nach nicht ab¬ 
solut nötig. Abszessbildungen oder überhaupt starke Entzün¬ 
dungen bilden wohl für die Injektion ein Hindernis, doch gibt 
es eine Anzahl lokalisierter Fälle von Entzündungen, bei welchen 
die Injektion von der Peripherie her wohl vorgenommen werden 
kann und auch gute Erfolge zeitigt. Für die übrigen Fälle 
kommt die Leitungsanästhesie in erster Linie in Betracht. Es 
ist also auch bei ihnen die Narkose vermeidbar. Bei den Fällen 
der Dentitio difficillis mol. III max. inf. mit heftigen Entzün¬ 
dungserscheinungen erscheint mir auch die Narkose nicht be¬ 
sonders empfehlenswert, weil sie aus verschiedenen Gründen 
gerade bei den in Betracht kommenden Operationen zu ge¬ 
fährlich ist. 

Lehmann (Frankfurt a. M.): Die Ausschaltung der Nar¬ 
kose lässt sich heute doch nicht prinzipiell durchführen. Ge¬ 
wiss ist durch die Verbesserung der Injektionstechnik die Nar¬ 
kose zur seltenen Ausnahme geworden. Wir müssen aber auch 
etwas individualisieren. Ich hatte in der jüngsten Zeit einen 
Fall, bei dem es sich um einen augenleidenden Herrn han¬ 
delte. Eine Injektion war infolge des Allgemeinzustandes direkt 
konfraindiziert. Hier war die Narkose die einzige Möglichkeit, 
rasch und schmerzlos den Patienten von seinem Leiden zu 
befreien. Ich mache im Gegensatz zu früher, wo ich 30 bis 
40 Bromäthylnarkosen pro Jahr einleitete, jetzt nur noch 
höchstens 3 Ghloroformnarkosen jährlich im Durchschnitt. 
Leichtere Narkosen halte ich für auf einer Stufe stehend mit 
der lokalen Anästhesie und daher für entbehrlich. In wirk¬ 
lich notwendigen Fällen, wo ich die Narkose absolut nicht 
entbehren kann, halte ich die Ghloroformnarkose für die 
richtigste. 

Ich resümiere dahin: Die Narkose ist möglichst auszu- 
schliessen, immerhin gibt es vereinzelt noch Fälle, wo aus 
Gründen der Person, wie des Leidens der Patienten die Nar¬ 
kose nicht zu umgehen ist. 

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Fischer: Ich stehe auf dem Standpunkte, dass der 
Zahnarzt in jedem einzelnen Falle zu individualisieren und 
danach die Entscheidung zu treffen hat, ob eine Lokalanästhesie 
oder eine Narkose cinzuleiten ist. 

Da Koll. Froh mann bereit ist, seinen angekündigten 
Vortrag schon heute zu halten und dieser Vortrag geeignet 
erscheint, das Verhältnis von Lokalanästhesie zur Narkose zu 
klären, so bitte ich ihn, das Wort zu ergreifen. Herr Froh¬ 
mann wird sprechen über: DieGrenzend er Injektions¬ 
anästhesie in der zahnärztlichen Chirurgie. 

Der Redner führte ungefähr folgendes aus: 

Für die Injektionstechnik ist natürlich die erste Bedin¬ 
gung, um Erfolge erzielen zu können, genaues Einarbeiten in 
die Technik und Kenntnis der anatomischen Beschaffenheit 
der Kiefer. Danach hat sich Froh mann ein Injektionssystem 
zurecht gelegt, welches mit einigen Abänderungen demjenigen 
des Koll. Fischer entspricht. Der Redner macht jedoch auch 
auf den Wert der Temperaturmessungen bei Injektionen auf¬ 
merksam und belegt seine Ansicht mit zahlreichen instruktiven 
Krankengeschichten. Zum Schlüsse kommt er zu folgenden 
Leitsätzen: 

1. Das Instrumentarium und die Lösung zur Injektion 
müssen stets vor der Operation sterilisiert werden. Der Zusatz 
des Nebennierenpräparates darf erst kurz vor der Injektion 
gemacht werden, da sonst Zersetzungsgefahr vorliegt. 

2. Injektionsmittel, deren Zusammensetzung nicht genau 
bekannt ist, dürfen nicht verwendet werden. 

3. Die Kombination der lokalen und Leitungsanästhesie 
ist die beste Methode zum schmerzlosen Operieren in der 
Zahnheilkunde. 

4. Die kombinierte Lokal- und Leitungsanästhesie kann 
bei Zuhilfenahme des Fieberthermometers bei akut eitrigen 
Prozessen ohne Gefahr der Weiterverbreitung der Infektion 
verwendet werden. 

Vorsitzender Fischer: Meine Herren! Ich glaube, wir 
tun gut, nach diesem Vortrage gleich in der Allgemeindiskussion 
über die Verwendungsmöglichkeiten der Lokal- und Leitungs¬ 
anästhesie im Gegensatz zur allgemeinen Narkose fortzufahren. 
Zum Worte hat sich noch gemeldet: 

Rosenberg (Berlin): Die vom Koll. Fr ohmann ange¬ 
führten Krankengeschichten sind sehr lehrreich, einmal, weil 
sie den Beweis erbringen, wie viel man durch die zielbewusste 
Injektion erreichen kann, anderseits, weil sie auch zeigen, dass 
selbst eitrige Prozesse nicht eine Kontraindikation zu sein 
brauchen. Eine gute Injektionstechnik wird fast immer zum 


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Erfolg führen. Natürlich darf man in seinen Anforderungen 
nicht zu weit gehen. Die Arseneinlage werden wir niemals 
entbehren können. Bezüglich des Pulpentodes nach Injektionen 
habe ich schon im Anschluss an den Vortrag des Koll. Blank 
meine Meinung geäussert. 

Block (Ratibor): So ganz entbehrlich ist die Narkose 
doch nicht, wie die Anhänger der Injektionsanästhesie glauben. 
Kommt z. B. nach schlaflosen Nächten und völlig erschöpft 
■ein Patient zum Zahnarzt mit einem eitrigen Wurzelprozess, 
womöglich Kieferklemme, dann ist meistenteils die Applikation 
der Spritze schon unmöglich. In solchen Fällen ist die relativ 
harmlose Bromäthylnarkose mit wenigen Gramm Aethylbromid 
am Platze, da sie allein es ermöglicht, dem Patienten rasch, 
schmerzlos und sicher zu helfen, ohne dabei eine Lebensgefahr 
heraufzubeschwören. Anderseits fordern auch die Patienten 
direkt die Narkose, weil sie schon durch vielleicht verfehlte 
Injektionen misstrauisch geworden sind. Darin werden sic zu¬ 
meist auch von den praktischen Aerzten unterstützt. Oft habe 
ich, wie wohl auch schon andere Kollegen die Wahrnehmung 
gemacht, dass man gerade bei eitrigen Prozessen durch Chlor¬ 
äthyl mehr erreicht, als durch eine Injektion, weil schon durch 
das Aufspritzen von Chloräthyl oft eine leichte Narkose eintritt. 

Dange (Moskau): Mit den Worten des Herrn Vorredners, 
welcher die allgemeine Narkose propagiert, bin ich nur aus 
folgenden prinzipiellen Motiven nicht einverstanden: 

1. Die Narkose soll im Sprechzimmer des Zahnarztes 
prinzipiell nicht vorgenommen werden, womit nicht gesagt 
sein soll, dass sie unnötig ist. Die Allgemeinnarkose ist nur 
im chirurgischen und nicht im zahnärztlichen Sprechzimmer 
vorzunehmen, weil nur dort die für etwaige Unglücksfälle not¬ 
wendige Allgemeinausstattung vorhanden ist. 

2 Selbst die weniger gefährliche Bromäthylnarkose sollte 
niemals ohne Assistenz ausgeführt werden. Auch darf der 
Wunsch des Patienten nicht für die Einleitung einer Narkose 
bestimmend sein. 

Die Verwendung der Lokalanästhesie ist ganz vorzüglich 
in der Kinderpraxis angebracht, weil gerade in diesen Fällen 
die Suggestion, welche die Injektion begleiten muss, eine ausser¬ 
ordentlich grosse Rolle spielen kann. 

Fischer: Dass die Narkose auch bei Kindern umgangen 
•werden kann, hat mich ein grösseres Krankenmaterial gelehrt. 
Von besonderer Wichtigkeit scheint mir gerade in der Kinder¬ 
praxis die ausgiebige Anwendung der Suggestion, die oft in 
■erstaunlicher Weise auf das kindliche Gemüt einwirkt. So habe 
ich gelegentlich im klinischen Betriebe durch Pinselungen mit 

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Aqua destillata — ut aliquid fiat — und darauf folgende 
Wartezeit, wie sonst bei Injektionen, Extraktion vorgenommen, 
die nach Verhalten und Aussage des Kindes als schmerzlos 
suggeriert erschienen. 

Die lokale Injektionsanästhesie wenden wir in Greifswald 
auch bei Kindern in reichem Masse an. Die Schleimhaut- wie 
auch die Leitungsanästhesie in gleicher Weise, und zwar zu 
unserer und der Patienten grössten Zufriedenheit. Unsere 
Novokainlösung ist eben harmlos, besonders wenn man die 
dringende Vorsicht übt, die Dosis des Nebennierenextraktes 
(Supraren. synthetic. 1: 1000) herabzusetzen, d. h. auf 2 Ccm. 
der 2proz. Novokainlösung etwa 1 */* Tropfen des Suprarenin 
zu geben. Ebenso muss man beim Kinde natürlich auch mit 
der Quantität fallen und verwendet etwa die Hälfte wie beim 
Erwachsenen. Wir führen z. B. schon bei 3- bis 4jährigen 
Kindern die Leitungsanästhesie im Unterkiefer aus, indem wir 
am Foramen mandibulare zirka 3 t Ccm. der frisch ge¬ 
mischten Novokain-Suprareninlösung injizieren. Im Oberkiefer 
kommt man bei jugendlichen Personen durchwegs mit der 
Schleimhautanästhesie aus. 

Dauge (Moskau): Da in dieser Sitzung, wie ich sehe, 
zahlreiche Kollegen aus Russland anwesend sind, möchte ich 
dem dringenden Wunsche Ausdruck geben, dass die Injeklions- 
anästhesie in Russland möglichst viel Verbreitung finden möchte. 
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen auch die Lehranstalten 
sich mit diesem Lehrfach ernster befassen. 

Vorsitzender Dr. Fischer: Nach allem, was während 
unserer heutigen Sitzung zum Ausdruck gekommen ist, haben 
wir Zahnärzte zunächst die Lokalanästhesie zu verwenden und 
dabei wieder nur solche Präparate, deren Zusammensetzung 
genau bekannt ist. Ich persönlich kann von diesen vor allem 
das Novokain dringend empfehlen, das in einer von mir an - 
gegebenen Lösung mit Thymolzusatz das denkbar beste leistet, 
natürlich in Verbindung mit Suprarenin, das ja die Novokain¬ 
wirkung besonders günstig beeinflusst. Ich verfüge über Tausende 
von Fällen, die glänzend mit meiner Lösung ausgeführt worden 
sind. Das gleiche konnte zu meiner Freude und Genugtuung 
auch Koll. Williger konstatieren, der an dem Berliner zahn¬ 
ärztlichen Institut eine grosse Erfahrung hat sammeln können. 

Wenden Sie erst die Novokain-Thymollösung mit voll¬ 
kommener Beherrschung der Injektionstechnik an, dann werden 
Misserfolge geradezu Seltenheiten darstellen und Ihnen wird 
der volle Dank der Patienten zuteil. 

Damit möchte ich die heutige Sitzung schliessen. Ich 
danke allen Vortragenden und den Herren Diskussionsrednern 


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für ihr Interesse an der Tagung der Sektion VI und bitte Sie, 
weiter mit dem gleichen Eifer in der Sektion zu wirken. 

« 

Am Mittwoch den 25. August eröffnete Dr. Fischer 
(Greifswald) gegen 10 Uhr die Sitzung und erteilte dem 
Koll. Eckström (Göteborg) das Wort zu seinem Vortrage 
über: Intensität der Anästhesie bei verschie¬ 
dener Konzentration der Kokain- und Novokain- 
lösungen nebst Vorschlag einer zum zahnärzt¬ 
lichen Zwecke geeigneten Lösung. 

Der Redner betonte die Erfolge mit der Injektionsanästhesie, 
musste aber zugeben, dass sie doch in manchen Fällen immer 
noch im Stiche lässt. Auch diese Mängel zu beseitigen müsse 
das Ziel sein. Er glaube durch folgende Mischung, für die er 
auf Grund seiner umfangreichen Versuche und Erfahrungen 
eintrete, besonders plaiüieren zu müssen: Phenol '/ a Prozent, 
Glyzerin 3 Prozent, Pfeffermünzöl und Moschus '/• Prozent, 
dazu nach Reinigung und Filtrierung der Lösung 2 Prozent 
Kokain, 4 Prozent Adrenalinlösung (1: 1000) und '/, Prozent 
Phenokol. 

Fischer dankt dem Redner und erteilt zur Diskussion 
das Wort: 

Dr. Sachse (Leipzig): Die Isotonie einer Lösung ist 
zweifellos von grossem Einflüsse auf die Wirkung und auch 
Nachwirkung des Injektionsinittels, doch muss die Zusammen¬ 
setzung nicht zu kompliziert und schwierig sein. 

Fischer: Da Dr. Euler zur Stelle ist, wird es sich emp¬ 
fehlen, ehe wir weiter in die Diskussion eintreten, erst den 
Vortrag des Herrn Dr. Euler anzuhören. 

Dr. Euler führt aus: Misserfolge bei der Lokal¬ 
anästhesie lassen sich zurückführen: 

1. Auf die Injektionsmittel. Es können unerwünschte 
Wirkungen auftreten in Form von Allgemeinerscheinungen, 
zurückzuführen auf die Toxität der Anästhetika, bzw. Idiosyn¬ 
krasie. Vereinzelt können auch örtliche Reizungen entstehen. 
Wie die Anästhetika können auch die Nebennierenpräparate für 
sich unangenehme Allgemein- und lokale Erscheinungen ver¬ 
anlassen, die örtlichen Erscheinungen stehen bei den Neben¬ 
nierenpräparaten im Vordergrund. 

2. Auf den Zustand des Patienten. Hier können dauernde 
Störungen im Befinden des Patienten zum Misserfolg bei¬ 
tragen; als solche kommen in Betracht : Chlorose, Herz¬ 
affektionen, Neurosen, Psychosen; den letzteren sind wohl auch 
die erotischen Erscheinungen zuzuschreiben. Weiterhin sind häufig 


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vorübergehende Störungen die Ursache von Misserfolgen 
(Angst, Aufregung, Schmerzen, Schlaflosigkeit etc.). Neben den 
dauernden oder vorübergehenden Veränderungen im Allgemein¬ 
zustand sind örtliche Veränderungen (z. B. Parulis) hier auf¬ 
zuzählen. 

3. Auf etwaige Infektion durch die Injektion. Eine In¬ 
fektion wäre denkbar — abgesehen davon, dass die Lösung 
nicht steril ist — durch den Stichkanal; diese Gefahr ist wohl 
am geringsten anzuschlagen. Der Versuch, die Einstichstelle zu 
desinfizieren, ist von nebensächlicher Bedeutung. Weiterhin 
kann die Infektion verschuldet werden durch das Instrumen¬ 
tarium (Kanülen, Kolben etc.). 

4. Auf unerwünschte Begleiterscheinungen bei der In¬ 
jektionstechnik. Hier kommt speziell die Mandibularanästhesie 
in Betracht: Abbrechen der Kanüle; vorübergehende Er¬ 
scheinungen, wie Kieferklemme; länger dauernde Erscheinungen, 
wie Anästhesie im Gebiet des Lingualis, die durch Wochen 
persislieren kann. Endlich sind noch Schluckbeschwerden hier 
aufzuzählen. 

Reicher Beifall belohnte den Vortragenden. 

Vorsitzender Dr. Fischer eröffnet die Diskussion und 
erteilt das Wort 

Alfred Cohn (Berlin): Im Anschluss an den Vortrag des 
Koll. Euler möchte ich über einen interessanten Fall be¬ 
richten. Ein 27jähriger Patient ersuchte mich, ihm einen 
periostitischen oberen Weisheitszahn zu extrahieren; die In¬ 
jektion und Extraktion gelang vollkommen. Nach zirka vier 
Stunden stellte sich eine Nachblutung mit einer Schwere im 
linken Bein ein. Es gelang, die Blutung bald zu stillen. Am 
nächsten Tage stellten sich schwere Symptome einer Blutver¬ 
giftung ein, verbunden mit einer linksseitigen Lähmung der 
Arme und der Beine, so dass ich auf eine Intoxikation mit 
Novokain-Suprarenin schloss. Ich musste diese Annahme ver¬ 
lassen, als sich die einseitige Lähmung am nächsten Tage in eine 
doppelseitige verwandelte. Es wurde nun festgestellt, dass bei 
der vorliegenden Entzündung trotz sorgfältigster Injektion 
Streptokokken eine Embolie im Lumbalgebiete verursacht 
hatten, die eine Lähmung der Beine hinterliess, die bis heute 
— seit zwei Jahren — nicht geschwunden ist, während die 
anderen Erscheinungen schwanden. Ich muss daher diesen Fall 
als sekundär durch die Lokalanästhesie bedingt ansehen. 

Lazarus (Berlin): Die Methode und Technik der Lokal¬ 
anästhesie fordert ein so eingehendes Studium, dass man trotz 
aller Hochachtung vor den Kollegen nicht wird behaupten 
können, dass jeder diese Feintechnik genau beherrscht und 


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befolgt. Beachtet man nun die ungewöhnliche Zahl im Handel 
befindlicher Anästhetika, die mit gehöriger und ungehöriger 
Reklame angeboten werden, die sich dann der Kollege wählen 
soll oder muss, so wird man sich die Misserfolge erklären 
können. 

Luniatschek (Breslau): Ich stehe auch auf dem Stand¬ 
punkt des Koll. Lazarus. Man soll nicht fortwährend pro¬ 
bieren, denn schliesslich verlangt jedes Anästhetikum eine be¬ 
sondere Uebung, die man sich erst nach einiger Zeit aneignen 
kann, und dann erst kann man sagen, man hat 95 Prozent 
Erfolge. Dass aber leider nicht nur Preisdifferenzen, die meines 
Erachtens gar keine besondere Berechtigung haben können, eine 
verlockende Rolle spielen, sondern hauptsächlich die Reklame, 
habe ich zu meinem grössten Erstaunen erfahren müssen. Ich 
habe nämlich zu einem anderen Zwecke an zirka jeden 
30. Zahnarzt einen Fragebogen versandt, worauf auch die 
Fragen standen: „Welches Anästhetikum haben Sie verwandt 
und welches bevorzugen Sie“. Darauf eihielt ich von allen die 
Antwort, dass sie mindestens drei- bis fünferlei Mittel versucht 
hätten. Darunter waren aber auch eine grosse Anzahl von 
Geheimmitteln. Gegen diese müssen wir ganz energisch Stellung 
nehmen und nicht nur gegen diese, sondern auch gegen jene, 
welche wohl gelegentlich die Zusammensetzung veröffentlicht 
haben, sie aber nicht auf die Packung setzen lassen. Schliess¬ 
lich sind auch aus Gründen der Sterilität jene Mittel zu ver¬ 
werfen, welche in grösseren Quantitäten verkauft werden, denn 
auch bei diesen laufen wir Gefahr, dass bei längerem Gebrauch 
Zersetzungen eintreten oder doch die Lösung nicht mehr ganz 
steril ist. Ich bevorzuge deshalb Phiolen, von einer einwand¬ 
freien Firma sterilisiert und genau dosiert. Das ist das Reno- 
formkokain von Dr. Freund und Dr. Redlich. 

Was nun die üblen Nachwirkungen auf das Allgemein¬ 
befinden des Patienten betrifft, welche Herr Privatdozent 
Dr. Euler hier vorgetragen hat, so meineich, sind wir Zahn¬ 
ärzte eigentlich sehr leichtsinnig, denn wir können bei einiger- 
massen geübter Vorsicht diese zum mindesten sehr ein¬ 
schränken. Wenn ein Chirurg einen operativen Eingriff macht 
und er den Patienten ganz genau kennt, so untersucht er 
wenigstens das Herz auf seine Funktion oder Fehler, bzw. 
Kompensationen. Das unterlassen wir, trotzdem wir es min¬ 
destens ebenso nötig hätten. Die Ursache liegt in zwei Punkten: 
Einmal sind unsere Patienten es nicht gewöhnt, auch auf ihr 
Herz von uns voruntersucht zu werden und sind auch nicht 
darauf eingerichtet, anderseits sind von uns nach ihrem Studien¬ 
gange nur wenige in der Lage, auch wirklich eine Herzunter- 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


suchung vorzunehmen. Ich möchte mir daher den Vorschlag 
erlauben, wenigstens anamnestisch zu versuchen, festzustellen, ob 
schwerere Erscheinungen von seiten des Herzens vorliegen, also 
Befragung nach Herzklopfen bei Erregungen, Treppensteigen, 
Laufen, zuweilen Herzstiche, Atemnot, Herzangst u. dgl. Wenn 
wir auch dadurch nicht in der Lage sind, eine Diagnose zu 
stellen, so werden uns doch die vom Patienten beschriebenen 
Anzeichen unter Umständen warnen können, zuviel von einem 
Anästhetikum zu verwenden. 

Euler (Schlusswort): Was den Fall, von dem der erste 
Diskussionsredner berichtet hat, anbelangt, so scheint mir doch 
nicht mit Sicherheit bewiesen, dass die Infektion auf die In¬ 
jektion zurückzuführen ist. Wahrscheinlich ist die Extraktions¬ 
wunde die Eingangspforte gewesen. Wenn weiter in der Dis¬ 
kussion die Technik immer wieder betont wurde, so deckt sich 
das durchaus mit meiner Auffassung. Zu den Ausführungen des 
Koll. Luniatschek muss ich folgendes bemerken: Theoretisch 
ist ihm absolut beizustimmen, aber in praxi sieht die Sache 
doch immer anders aus; sein Vermittlungsvorschlag, wenig¬ 
stens durch entsprechendes Befragen des Patienten ein Bild 
von der Herzfunklion und etwaigen Störungen derselben zu 
bekommen, ist auf jeden Fall sehr beachtenswert. 

Inzwischen hat Sachse (Leipzig) das Präsidium über¬ 
nommen und erteilt dem Koll. Dill (Liestal) das Wort. 

Dill tritt für besonders differenzierte, aber genau dosierte 
Lösungen ein, die er nach den Buchstaben des Alphabets be¬ 
nannt hat und den bestimmten Zwecken entsprechend ver¬ 
wendet. 

Im Anschluss daran übertrug Sachse das Präsidium an 
Luniatschek und ergriff das Wort zu seiner Demonstration. 

Sachse (Leipzig) sprach über: 

1. Ein aseptisches Instrumentarium zur sub¬ 
kutanen Injektion. (Siehe die folgenden Abbildungen.) 

Das kleine Instrument ist besonders für den Gebrauch 
im zahnärztlichen Sprechzimmer konstruiert worden. Es be¬ 
steht aus einem schmalen vernickelten Untersatz, welcher einen 
dickwandigen, mit aufklappbarem Nickeldeckel versehenen Glas¬ 
behälter trägt. Rechts, bzw. links von dem Glasbehälter ist 
eine Spirituslampe und ein Glaskolben für abgekochtes Wasser 
angeordnet. In dem Glasbehälter, welcher zweckmässig mit 
8 Prozent Karbolwasser oder 70 Prozent Alkohol gefüllt werden 
soll, steht ein herausnehmbares, vernickeltes Gestell, welches 
alle zur Injektion nötigen Apparate trägt. 

Beim Oeffnen des Deckels des Glasbehälters fallen die 
auf dem Deckel beweglich angebrachten Bügel herunter und 


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bilden teste Stützen für den herutrigekiappleij Deckei. In den 
auf der Innenseite des Deckeis angebrachten F:*te passt 


genau das oben erwähnte Bestell, so dass man dieses an dem 

•- 'V v v>.‘ • ',£:T \-' ' 


Geschlossen 


Offen. 

Handgriff bequem aus der Flüssigkeit nehmen und auf den 
Deckel als üntfersatz stellen kann, ohne dass ein Tropfen 
Flüssigkeit die Umgehung beriässt Nach Benützung desselben 
hüngt man Spritze, Kanüle und Reagensglas wieder in den 
Ständer und stellt das ganze Bestell in die Karboilüsung> Beim 


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Zuklappen des Deckels fallen die beiden Stützen wieder selbst¬ 
tätig auf den Deckel. Man hat also nur nötig, etwa alle 8 Tage 
die Desinfektionsflüssigkeit zu erneuern, um das gesamte In- 
jektionsinslrumentarium stets aseptisch und gebrauchsfertig zur 
Hand zu haben. Als Spritze ist dem Apparat die Simplexspritze, 
welche auch Dr. Braun ausschliesslich benützt, beigegeben. i 

2. Instrumentarium zur subkutanen Injektion 
nach Braun. 

Diesen Apparat hat Braun eingehend in der „Deutschen 
Monatsschrift für Zahnheilkunde“, 1905, beschrieben. Er ist 
hauptsächlich für Kliniken geeignet. 

3. Mischapparate zur Chloro form-Aethernar- 
kose nach Braun. 

Der Apparat ermöglicht, Chloroform- und Aetherdämpfe, 
teils einzeln, teils beliebig gemischt, den Patienten einatmen 
zu lassen. Für Kliniken wird derselbe auch fahrbar auf einem 
eisernen Tischchen montiert geliefert. 

Dr. Fischer übernahm hierauf den Vorsitz und erteilte | 

das Wort zu seinem Vortrage: 

Dr. Kehr (Stettin) über: Ein Fall von Novokain¬ 
vergiftung. 

Er führt folgendes aus: Eine zirka 20 Jahre alte Dame 
unterzieht sich der Extraktion des ersten Molaren links unten, ^ 

wobei Novokain-Adrenalinanästhesie verwendet wird. Jahre¬ 
lang bestehende Beschwerden neuralgischen Charakters, sowie 
die Symptome putrider Periodontitis rechtfertigen den Eingriff; 
ausserdem stellt das Röntgenbild nicht unbedeutende Exzemen- 
tose der bukkalen Wurzel im unteren Drittel derselben fest. 

Zur Injektion wird ’/* Ccm. einer zwei Tage vorher steri¬ 
lisierten Lösung verwendet: Novokain 0 i 5% + Adrenalin 
(Tullamine) g. M. II pro Kubikzentimeter. Die Extraktion wird 
mit allen Kautelen vorgenommen und verläuft vollkommen 
schmerzlos, wenn auch schwer. Der extrahierte Molar bestätigt 
die Diagnose und ist — nach dem späteren Verlauf zu schliessen 
— wohl die Hauptursache der geklagten Beschwerden. 

Etwa */♦ Stunden post injectionem können die Symptome 
einer akuten Kokainvergiftung beobachtet werden: Kopf¬ 
schmerzen, Zittern und Schwindelgetühl werden von der Pa¬ 
tientin angegeben. Auffallende Blässe des Gesichtes mit später -» 

wechselnder starker Zyanose, maximale Dilatation der Pupillen, 
qualitativ schlechter Puls bei hoher Frequenz (bis 130) waren 
konstatiert, dazu starker Respirationskrampf stertorösen Cha¬ 
rakters und vollkommene Bewusstlosigkeit. 

Dauer dieser Anfälle zirka 3'/* Stunden, obwohl mit 
allen Hilfsmitteln dagegen angekämpft wird: Amylnitrit, heisse 


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V. Iuteruatioualer zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


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Kompressen, starker Kaffee, künstliche Atmung, Steilstellung 
der Extremitäten, Thermophor etc. 

Nach zwei Stunden Ruhepause leichtes Rezidiv mit den¬ 
selben Erscheinungen und echter hysterischer Krampfanfall 
nach 10 Tropfen 1 prozentiger .Morphiumlösung p. os. 

Die Symptome einer Adrenalinvergiftung können bei ge¬ 
nauester Beobachtung des Falles mit Bestimmtheit ausgeschlossen 
werden. 

In dem auf meinen Wunsch amtlich untersuchten Rest 
der Injektionsflüssigkeit, sowie eines Kontrollröhrchens vom 
gleichen Dalum und von derselben Lösung können nur die 
der Vorschrift entsprechenden Bestandteile gefunden werden, 
bestimmt aber kein Kokain. 

Die Vergiftung ist aber unter dem prägnanten Symp- 
tomenkomplex einer Kokainvergiftung einhergrgangen, so dass 
bei Ausschluss der Erkennungszeichen einer Adrenalinintoxi¬ 
kation nur eine akute, ziemlich schwere Novokainvergiftung 
angenommen werden kann. Die komplizierende Hysterie, welche 
sich abends in einem echten hysterischen Krampfanfall von 
etwa 10 Minuten Dauer zeigt, kann wohl die Schwere der 
Erscheinungen mit bedingt haben; der Krampfanfall hat aber 
nichts mit dem beobachteten Vergiftungsanfail zu tun. 

Bei der Seltenheit einer Novokainintoxikation, zumal bei 
solch geringer Dosis, ist die Mahnung zur Vorsicht auch bei 
Novokaingebrauch nur am Platze. Die grossen Vorzüge der 
Lokalanästhesie mit Novokain-Adrenalin sollen deshalb nicht 
beeinträchtigt werden, zumal ich gerade in der Praxis der 
zahnärztlichen Kieferchirurgie mit diesem Mittel gute Erfolge 
gesehen habe. 

Die Diskussion eröffnete 

Frohmann (Berlin): So dankenswert die Mitteilung des 
Koll. Kehr ist, so halte ich es doch nicht für wahrscheinlich, 
dass die geringe Menge des Novokains diese Vergiftung her- 
vorrufen kann, besonders da der Herr Vortragende eine Idio¬ 
synkrasie ablehnte. Ich bin aber der Meinung, dass der ziem¬ 
lich hohe Adrenalinzusatz (2 Tropfen pro Ccm.) oder eine 
eventuelle Zersetzung des leicht umsetzbaren Stoffes die Ur¬ 
sache sein könnte. Es wurde eine fertige, in Phiolen ver¬ 
schlossene Lösung gebraucht. Am meisten aber kommt für mich 
die Hysterie des Patienten in Frage, für die als ein wichtiges 
kausales Moment ich ja gestern in meinem Vortrage einen 
prägnanten Fall angeführt habe. Ich möchte auch hier die 
Gelegenheit wahrnehmen, darauf aufmerksam zu machen, dass 
es dringend notwendig ist, keine fertigen Tabletten oder Am¬ 
pullen zu gebrauchen, denn infolge der leichten Umsetzbar- 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


keit des Adrenalinzusatzes zersetzen sich Tabletten und auch 
die luftdicht abgeschlossenen Phiolen, wofür ich in meinem 
Vorlrage auch gestern bereits einen Fall angeführt habe. 
Dringend anraten muss ich aber, gerade den Adrenalinzusatz 
zu individualisieren. Ich halte den Zusatz eines Tropfens auf 
1 Ccm. zu hoch, geschweige denn zwei Tropfen. Eine brauch¬ 
bare Adrenalinlösung darf höchstens eine leichte Rosafärbung 
haben. Weist sie aber auch nur eine leichte Trübung auf, so 
ist sie zersetzt und gibt Misserfolge und Vergiftungen. Selbst 
eine verschlossene Tropfflasche, deren Pfropfen nicht ge¬ 
öffnet, sondern nur herumgedreht wird, weist, wenn sie 
länger als 14 Tage in Gebrauch, eine Rötung und Trübung 
auf. Frisch hergestellte Novokain-Adrenalinlösung zeigt schon 
nach drei Stunden eine starke Rotfärbung. Daher ist es zur 
Sicherung des Erfolges dringend notwendig, den Nebennieren¬ 
zusatz erst direkt vor der Verwendung der Lösung zur Injek¬ 
tion zuzusetzen. 

Fischer: Der Frage nach der Haltbarkeit fertiger Lö¬ 
sungen bin ich selbst mit grossem Interesse nachgegangen und 
habe als Resultat meiner Versuche die fertige Novokain-Thymol¬ 
lösung angegeben. Der Thymolzusatz bietet zweifellos Vorteile 
und kann meiner Ansicht nach nur auf Kosten der Güte der 
Lösung weggelassen werden. Einmal unterstützt eine dünne 
wässerige Thymollösung (1 : 1000) die Anästhesie, zum anderen 
aber verhindert der Thymolbestand eine Zersetzung oder Fäul¬ 
nis der 2prozentigen Novokainlösung. Meine 2prozentige Novo¬ 
kain-Thymollösung enthält: Novokain 10, Natr. chlor. 0-H, 
Thymol 0 033, Aqu dest 50 0 und bleibt selbst 1 '/* Jahre 
lang in gut verschlossenem dunklen Fläschchen völlig steril 
und unzersetzt. Für den klinischen Betrieb, aber auch für die 
Privatpraxis verwende ich nur diese fertige Lösung, die ich von 
50 Ccm. haltenden Fläschchen abbrauche. Erst kurz vor der 
Injektion setzt man zu 1 Ccm. der Lösung 1 bis l'/„ Tropfen 
des Suprarenin synth. 1: 1000, jenes künstlichen Salzes, das 
weniger giftig und besser haltbar zu sein scheint als Organ¬ 
präparate. Ich kann Sie nur dringend zu Versuchen mit dieser 
Lösung aufmuntern und bin überzeugt, dass Ihre Erfahrungen 
den meinigen gleichen werden, wenn die Handhabung der In¬ 
jektionstechnik eine zweckmässige ist. In diesem Punkte wird 
allerdings am meisten zu reformieren sein und ich kann nur 
wünschen, dass die Universitätsinstitute von älteren Kollegen 
fleissig aufgesucht werden, um neuere technische Methoden, 
wie die der Lokalanästhesie, gründlich kennen zu lernen, nicht 
zum wenigsten im eigensten Interesse dieser Kollegen, deren 
praktische Tüchtigkeit dadurch nur gehoben wird. 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 173 

Prof. Biberfeld (Breslau) hält es für ausgeschlossen, 
dass Novokain in einer so geringen Menge oder auch der 
eine Tropfen Suprarenin derartige Erscheinungen hervorrufen 
können. Gegen letzteres spricht vor allem die Wiederkehr der 
Intoxikationserscheinungen. Es handelt sich sicherlich um hy¬ 
sterische Erscheinungen. 

Dr. Kantz (Wien) mahnt zur Vorsicht bei der Lokal¬ 
anästhesie mit Adrenalin, da er einen schweren Intoxikations¬ 
fall bei einem jungen, kräftigen Manne erlebte und diesen Fall 
seinerzeit in der „Oesterreichischen Stomatologischen Zeitschrift“ 
publizierte. Er fordert die Kollegen auf, etwaige Intoxikations¬ 
erscheinungen der breiten Oeffentlichkeit zur Kenntnis zu 
bringen, da wir nur dadurch zu einem für die zahnärztliche 
Praxis gut verwendbaren Lokalanästhetikum und dessen rich¬ 
tigen Dosierung, d. h. zu einem qualitativ und quantitativ 
nützlichen Präparat gelangen werden. 

Mayer (Mosbach): Ich möchte mir die Frage erlauben, 
ob sowohl bei den Nebennierenextrakten, Adrenalin oder 
Suprarenin, als auch bei den eigentlichen Anästhetizis es im 
wesentlichen auf die Konzentration oder die Qualität des an¬ 
gewandten Mittels ankommt. 

Dr. Kehr (Schlusswort): Diesen Fall von Novokain- 
intoxikalion habe ich auf dem Kongress vorgetragen und dabei 
gegenteilige Ansichten gefunden. Die eine Gruppe (u. a. Fischer, 
Greifswald) neigte mehr der Ansicht zu, es sei trotz der Kürze 
der Zeit zwischen Sterilisierung und Gebrauch des Medikamentes 
doch wohl eine Zersetzung als Ursache der Erscheinung anzu¬ 
sehen. Dazu sei noch der Adrenalinzusatz ein relativ hoher 
und könnte wohl auch die Veranlassung zu den Erscheinungen 
gewesen sein. Die andere Ansicht vertritt besonders Biber¬ 
feld, der die beobachteten Symptome vor allem und fast 
allein auf das Gebiet der Hysterie basieren wollte. Die ver¬ 
schiedenartige Form der beiden nacheinander beobachteten 
Anfälle waren für diesen Forscher gerade ein Anhaltspunkt 
mehr für seine Annahme, anderseits bestätigt auch Biber¬ 
feld die Möglichkeit einer Zersetzung der Medikamente, trotz 
der Kürze der Zeit, betonte aber die Schwierigkeit des strikten 
Nachweises. Daraus würde sich auch meine Annahme einer 
Novokainvergiftung in gleichem Masse rechtfertigen lassen. Es 
würde mich interessieren, auch andere Ansichten zu hören. 
Vorläufig möchte ich den Fall als Novokainintoxikation mit einem 
Fragezeichen bekannt geben. Wahrscheinlich hat aber doch 
die Hysterie einen Hauptanteil an dem Vorfall. 

(Schluss folgt im Aprilheft.) 


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Referate und JournaUclian. 


V. Iitenatioialer zahnärztlicher Konpess. 

Diejenigen Herren Kollegen, welche am V. Internationalen 
zahnärztlichen Kongress teilgenommen und den an sie vor 
einigen Wochen abgesandten Nachtrag zum Kongressblatt nicht 
erhalten haben, werden dringend gebeten, ihren Namen, 
genaue Adresse und, wenn irgend tunlich, auch die Nummer 
ihrer Kongress-Mitgliedskarte dem Sekretär des V. Inter¬ 
nationalen zahnärztlichen Kongresses, Herrn Dr. med. Konrad 
Cohn, Berlin W. 35, Potsdamerstrasse 46, unverzüglich mit¬ 
zuteilen. Nur wenn das geschieht, wird es möglich sein, ein 
fehlerfreies Verzeichnis der Kongressteilnehmer zu veröffent¬ 
lichen und allen Mitgliedern die noch erscheinenden Druck¬ 
sachen zuzuschicken. Es ist eine grössere Anzahl von Briefen 
zurückgekommen, weil die Adressen mangelhaft angegeben 
worden sind. 


Referate und Journalsehau. 


Handbuch der Zahnheilkunde. Herausgegeben von Pro¬ 
fessor Dr. Julius Scheff in Wien. Dritte, vollständig neu 
bearbeitete und vermehrte Auflage, II. Band, erste Abtei¬ 
lung, mit 353 Originalabbildungen. Verlag von Alfred 
Holder, Wien und Leipzig, 1909. 

Das erste Kapitel des neu erschienenen Bandes des 
S ch eff sehen Handbuches behandelt: „Die erworbenen De¬ 
fekte der harten Zahnsubstanzen“ (Defekte ohne Erweichung). 
Die diesbezüglichen eingehenden und dankenswerten Aus¬ 
führungen des mittlerweile leider verstorbenen Kollegen 
B astyr wurden mit ganz geringer Aenderung in die neue 
Auflage übernommen. Guttapercha (rosa oder weiss) wird 
diesmal nicht mehr als Füllungsmaterial empfohlen — mit 
Hecht. Guttapercha soll nur zu provisorischen Füllungen 
verwendet werden. Uebrigens haben sich die Silikatzemente 
gerade bei den sogenannten keilförmigen Defekten bewährt. 
Mit rosafarbigem Silikatzement können bei weit ins Zahn¬ 
fleisch hineinragenden Defekten auch kosmetisch tadel¬ 
lose Erfolge erzielt werden. 

Das Kapitel „Materia medica“ (H. Paschkis) wurde 
den auf diesem Gebiete gemachten Fortschritten ent¬ 
sprechend erweitert. Es ist wohl auf ein Versehen zurück¬ 
zuführen, dass bei Besprechung der Analgetika die Neben- 


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Referate uad Journalschau. 


175 


nierenpräparate überhaupt nicht erwähnt wurden. Unter 
den Mitteln, welche bei unangenehmen Zwischenfällen nach 
der Injektion von Kokain und den verwandten Präparaten 
in Betracht kommen, wäre neben Kola wohl auch das 
Amylnitrit anzuführen. Ich möchte es in meinem Ordi¬ 
nationszimmer nicht vermissen. Erschöpfend und muster¬ 
gültig sind die Ausführungen Paschkis über die „Mate¬ 
rialien zum Füllen und zur Prothese“. 

Ganz neu ist das folgende Kapitel „Desinfektion“. 
B. Spitzer hat es in dankenswerterweise unternommen, 
dieses wichtige Kapitel einer eingehenden Besprechung zu 
unterziehen. Aus seinen Ausführungen spricht der gewiegte 
Praktiker. Gewiss verdanken wir den bakteriologischen For¬ 
schungen viele Winke und Anleitungen, wie wir arbeiten 
und desinfizieren sollen, um uns und unsere Patienten vor 
Schädigungen zu bewahren. Dennoch sind wir noch recht 
weit entfernt von einer befriedigenden Lösung dieser Fragen. 
Nur haben wir nicht den Mut, oder zu viel Eigenliebe, um 
dies einzugestehen. Es braucht recht viel Energie und aus¬ 
reichendes und verlässliches Hilfspersonale, um von stark 
frequentierten Ordinationsräumen wenigstens den Schmutz 
zu bannen! Wer von Haus aus reinlich und „proper“ ist, 
der wird auch in antibakterieller Hinsicht Befriedigendes 
leisten. 

Das folgende Kapitel „Die Karies der Zähne“ hat 
wieder C. Jung behandelt. Auch die Prophylaxis der Zahn¬ 
karies ist in ausgiebigem Masse berücksichtigt worden. 
Roes es bekannte Untersuchungen liegen diesen Ausfüh¬ 
rungen zugrunde. Hoffentlich bleibt der Appell Jungs an 
die massgebenden Staatsbehörden nicht unbeachtet! 

„Die Pathologie und allgemeine Thbrapie der Pulpa¬ 
krankheiten“ — dieses wichtige und schwierige Kapitel — 
hat, wie schon in den früheren Auflagen, O. Walkhoff zum 
Verfasser. Trotz aller Fortschritte sind unsere Anschauungen 
über das Wesen und die Aetiologie der Pulpaerkrankungen 
noch immer nicht in jeder Hinsicht geklärt und einwandsfrei. 
Insbesondere wird die Gangränfrage gerade in den neuesten 
Werken meistens nur oberflächlich gestreift und mit her¬ 
kömmlichen Schlagworten abgefertigt (z. B. trockene Gan¬ 
grän, feuchte Gangrän etc.). 

Das folgende Kapitel „Sensibles Dentin, Dentinanäs¬ 
thesie hat J. S c h e f f einer gründlichen Umarbeitung unter¬ 
zogen. Dabei wurde in dankenswerter Weise auch die Ka- 
taphorese entsprechend berücksichtigt, welche in den letzten 


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Referate und Joumalschau. 


Jahren, und zwar gerade zur Erzielung von Dentinanäs¬ 
thesie, wieder zu Ehren gekommen ist (W ö b b e r). 

Die bekannt vorzüglichen Ausführungen von R. Loos 
über „Odonthele (interne Odonthome)“ wurden unter dem 
geläufigeren Titel „Dentikel, sekundäres Dentin“ in die 
neue Auflage herübergenommen. 

Das riesige Kapitel „Füllen der Zähne“ hat auch 
dieses Mal in W. Sachs seinen Meister gefunden. Alle 
Fortschritte, die seit dem Erscheinen der zweiten Auflage 
gemacht wurden, hat der Autor in eingehender Weise be¬ 
rücksichtigt. Sachs hat sich seiner Aufgabe in gewohnt 
meisterhafter Weise entledigt und die zahnärztliche Welt 
zu Dank verpflichtet. 

Römer hat, gleich wie in den früheren Auflagen, 
wieder die Bearbeitung der „Periodontitis und Periostitis 
alveolaris“ übernommen. Auch dieses Kapitel wurde er¬ 
weitert und durch die Einschaltung neuer Abbildungen 
erheblich bereichert. Gewiss bietet uns Römer das Beste, 
was wir in dieser Hinsicht haben. Nur wäre vielleicht zu 
wünschen, dass ein anderes Mal neben der Histologie der 
Wurzelhauterkrankung auch die Anatomie und Therapie 
dieser ebenso interessanten, als mannigfaltigen Krankheits¬ 
prozesse entsprechend berücksichtigt werde. Insbeson¬ 
dere erfordert die Chirurgie der dentalen Kieferprozesse 
eine viel eingehendere Behandlung. Heisse Feigen, Jod¬ 
pinselungen und „ab warten, bis der Eiter die Alveolar wand 
durchbrochen und sich eine Parulis ausgebildet hat“, das 
ist keine Therapie. Das Ausspritzen der Wunde nach der 
Extraktion eines periodontitischen Zahnes mit Karbolwasser 
und dergleichen halte ich für zwecklos und das Tampo¬ 
nieren einer solchen Alveole mit Jodoformgaze kann direkt 
schaden! Ebensowenig kann man sich zufrieden geben, 
wenn in einem Handbuch der Zahnheilkunde einer unserer 
grössten und erfolgreichsten Fortschritte, die Wurzelresek¬ 
tion (Maxillotomie) auf einer einzigen Seite abgetan wird. 
Und diese einzige Seite wird noch dazu grösstenteils durch 
ein Bild (Fig. 266, replantierter Schneidezahn eines Hundes) 
ausgefüllt. 

Ueberhaupt dürfte es sich empfehlen, dass in einer 
nächsten Auflage die beiden Kapitel „Pulpaerkrankungen“ 
und „Periodontitische Erkrankungen“ in ein einziges Ka¬ 
pitel zusammengezogen werden. Ich betrachte es als ein 
Unding, zwei Krankheiten, von denen die eine gewöhnlich 
nur eine Begleiterscheinung der anderen ist, als zwei selbst¬ 
ständige Erkrankungsformen zu betrachten und dieselben 


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Referate und Journalschau. 


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ohne Rücksichtnahme auf ihre innigen gegenseitigen Be¬ 
ziehungen zu bearbeiten. Befremdet hat mich auch von 
jeher, dass die „Periostitis und Osteomyelitis des Kiefers“ 
separat (Julius Schnitzler) behandelt wird. In den 
meisten Fällen ist doch das, was man Periodontitis oder 
Periostitis bezeichnet, insbesondere wenn Symptome einer 
Eiterung vorhanden sind, schon eine Ostitis und Osteomye¬ 
litis ! Es hat wirklich den Anschein, dass wir aus dem Ur¬ 
wald nicht mehr herauskommen können, in den man uns 
vor 25 Jahren geführt hat! 

Dr. Lartschneider (Linz a. d. D.). 


Beiträge zum Durchbruch der bleibenden Zähne und zur 
Resorption des Milchgebisses nebst Untersuchungen über die 
Genese der Osteoklasten und Riesenzeilen. Von Dozent Doktor 
Guido Fischer in Greifswald. Mit 37 Textfiguren und 88 Fi¬ 
guren auf 14 Tafeln. (Sonderabdruck aus den „Anatomischen 
Heften“, herausgegeben von Fr. Merkel und R. Bonnet. 
Heft 116, Band 38. Verlag von J. F. Bergmann in 
Wiesbaden, 1909.) 

Fischer ist nicht dem Vorbilde Kallhardts ge¬ 
folgt, sondern hat seine Untersuchungen an Serienschnitten 
vorgenommen. Um auch für diese möglichst gute und ein¬ 
wandfreie Resultate zu erzielen, hat er sich der Injektions¬ 
technik bedient, wie auch schon bei anderen Untersuchungen. 
Natürlich hat er für diese Zwecke eine grosse Zahl von 
Tieren benützt und glaubt sich berechtigt, die dabei ge¬ 
fundenen Resultate auf den Menschen übertragen zu können, 
weil nach Lepkowski die Gefassverteilung bei den Säuge¬ 
tieren und Menschen gleich ist. 

Fischers Untersuchungen haben ergeben, dass die 
Resorption der Milchzähne ihren letzten Grand in dem 
Wachstum des nachrückenden Keimes hat. Ueber die 
eigentlichen Wachstumskräfte ist ein undurchdringlicher 
Schleier gebreitet, während die Wachstumsvorgänge von 
Fischer äusserst genau und eingehend beobachtet und 
durch die zahlreichen Tafeln und Figuren anschaulich er¬ 
läutert worden sind. Sie beruhen hauptsächlich auf den 
veränderten Existenzbedingungen und Stoffwechselvaria¬ 
tionen im Durchtrittsgebiet des nachrückenden Keimes. Die 
Durchtrittsrichtung wird gekennzeichnet durch die Lage 
der Zahnspitze. 

Werden die ersten Teile der Zahnspitze gebildet, so 
treten an der Peripherie des Zahnsäckchens bedeutende 

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Referate und Journalachau. 


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Veränderungen und Erweiterungen des Gefasssystems auf. 
Durch zahlreiche Riesenzellen wird der Knochen zur Re¬ 
sorption gebracht, reichlich Osteoklasten gebildet und somit 
Raum für die Entwicklung des Keimes geschaffen. 

Neben der Resorption des Knochens geht zur Er¬ 
haltung und Befestigung des knöchernen Gerüstes auch 
eine Apposition von Knochen vor sich, an jenen Stellen, 
welche hauptsächlich ausserhalb der Durchtrittsrichtung 
liegen. Sie trägt auch im späteren Stadium zur Figuration 
der Alveole bei. Während an der Zahnspitze die Absorption 
im grössten Massstabe stattfindet, erfolgt der stärkste 
Knochenanbau an dem basalen Teil. 

Neben der Knochenabsorption findet auch die Auflösung 
von Zement, Dentin etc. des Milchzahnes statt. Diese wird 
im Text eingehend an der Hand von ausgezeichneten Fi¬ 
guren geschildert. 

Auch die Wurzel wird ebenso wie die Krone des nach¬ 
rückenden Zahnes unter dem Einfluss des Epithels ent¬ 
wickelt, da vom Pulpawulst aus ein solider Strang des hier 
umgebogenen doppelreihigen Schmelzepithels als führende 
Zellgruppe in die Tiefe dringt. Also ist auch für die Wurzel 
das Epithel das formgebende Gewebe. Dieses bleibt auch 
nach der fertigen Bildung nach Differenzierung in Zement¬ 
zellen als Netzwerk über den ganzen Wurzelteil verteilt 
zurück. Damit wird auch die schon an anderer Stelle von 
Fischer bewiesene Aetiologie der Zysten bestätigt. 

Somit stellt sich die Milchzahnauflösung keineswegs 
als die Tätigkeit besonderer Gewebe — eines besonderen Re¬ 
sorptionsorganes — dar, sondern kommt durch verschieden¬ 
artige Einflüsse auf das differenzierungsfähige Gewebe um 
den wachsenden Zahnkeim zustande. Dabei ist, wie schon 
eingangs erwähnt, das Gefässsystem stets an führender 
Stelle. 

Die Güte des voi’liegenden Werkes wird schon durch 
den Namen des hervorragenden Forschers gekennzeichnet 
und erhält durch erlesene Auswahl einer umfangreich heran¬ 
gezogenen Literatur (im Verzeichnis sind an 100 Arbeiten 
genannt) eine ganz besonders wertvolle Bereicherung. 

Ausstattung und Form sind, wie bei allen Arbeiten 
von Fischer, hervorragend. F. Luniatschek (Breslau.) 


Anatomie de ia bouche et des dents. Par le Dr. Dieulafe 

et le Dr. Herpin. Avec 149 figures intercalees dans le texte. 
Paris, librairie J. B. Bailliere et fils, 1909. 


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Referate und Jourualschan. 


179 


Es ist dies der erste Band eines im Entstehen be¬ 
griffenen grossen französischen Sammelwerkes über Stoma¬ 
tologie: „Traitö de Stomatologie“, publie en fascicules sous 
|a direction de MM. le Dr. Gaillard et le Dr. Nogue. 
Die beiden Autoren haben da ein wunderschön ausgestattetes 
xmd mit zahlreichen prachtvollen und lehrreichen Abbil¬ 
dungen versehenes Lehrbuch geschaffen, für welches sich 
in der deutschen zahnärztlichen Literatur, abgesehen 
etwa von den Ausführungen Z u c k e r k a n d 1 s im Scheff- 
schen Handbuch kein Aequivalent findet. Alles was für 
den Stomatologen wissenswert ist in bezug auf die deskrip¬ 
tive und topographische Anatomie, die Entwicklungs¬ 
geschichte, Phylogenese und die vergleichende Anatomie 
der Mundhöhle und ihrer Organe, ist ebenso eingehend als 
anschaulich behandelt worden! Jedenfalls kann man mit 
■Spannung dem Erscheinen der folgenden Bände dieses 
grossangelegten französischen Werkes entgegensehen. 

Dr. Lartschneider (Linz a. d. D.). 


lieber Kupferamalgam. Von Hofrat Dr. C. Böse, Dresden. 
{Sonderabdruck aus der „Deutschen Monatsschrift für Zahn- 
heilkunde“, April 1909.) 

In der Zeit der Porzellan- und Goldinlays ist es 
doppelt erfreulich, wenn von berufener Seite eine Lanze 
für das alte, oft bewährte Kupferamalgam eingelegt wird. 
Das Kupferamalgam teilt, wie Röse bemerkt, das Schick¬ 
sal der meisten Füllungsmaterialien. Zuerst infolge der 
Verfärbung, die es oft verursacht, gering geachtet, wurde 
«s, als Millers Autorität auf seine antiseptische Wirkung 
hinwies, kritiklos überall angewendet, um wieder kritiklos 
verlassen zu werden, als sich infolge unrichtiger Verarbeitung 
unvermeidliche Misserfolge einstellten. Röse verwendet 
«in nach zahlreichen Versuchen hergestelltes, quecksilber¬ 
armes Kupferamalgam, das durch 1 Minute in einem grösseren 
Mörser verrieben und zu harten, glänzenden, grauschwarzen 
Amalgamzylindern zusammengepresst werden muss. Bei sorg¬ 
fältiger Höhlenpräparation und Austrocknung mit warmer 
Luft und Alkohol kann dieses Amalgam, das gleich genügend 
härtet, konturiert werden. Röse rühmt diesen Füllungen 
«in gefälliges, intensiv dunkles, manchmal blauschwarzes 
Aussehen nach. Wenn man nach einigen Jahren ein Aus¬ 
waschen der Füllung bemerkt, so genügt, nachdem rings¬ 
herum genügend unterschnitten wurde, ein einfaches Nach¬ 
füllen. Jedenfalls bietet dieses Präparat, das gegenüber den 

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Referate und Joumalscliau. 


quecksilberreichen Amalgamen, die »ich durch Auspressen ni& 
genug quecksilberarm machen lassen, so viele Vorteile, dasa 
jeder das Bestreben Böses, ein vom zahnhygienischeu 
Standpunkt einwandfreies und dabei billiges Füllungs¬ 
material bekannt zu machen, wohl mit einem Versuch unter¬ 
stützen sollte. Dr. F. 


Elastische Strips. Von Dr. H. Bardach , Zahnarzt in 
Wien. Das Bestreben, den Kontaktpunkt beim Polieren 
möglichst zu schonen, hat Bar dach darauf gebracht,. 
Kautschuk als Basis für Polierstreifen zu verwenden. Er 
stellte dieselben her, indem auf elastisches Heftpflaster 
— das ist Kofferdam, der auf einer Seite mit der für Heft¬ 
pflaster jetzt allgemein gebräuchlichen Kautschukpflaster¬ 
masse bedeckt ist — Bimssteinpulver, Karborundpulver etc. 
aufgestreut und das Pulver in die Pflastermasse hineinge¬ 
presst wurde, so dass es haften blieb. 

Durch starkes Auseinanderziehen kann der Strip über 
den Kontaktpunkt hinweggebracht werden. Zu beachten ist, 
dass diese Strips nicht nach einer Seite gerissen werden 
wie Leinwandstreifen, sondern mit beiden Händen zu fassen 
und hin und her zu ziehen sind. 

Sie legen sich dabei, wie begreiflich, sehr gut der 
Kontur des Zahnes an und zeigen keine Neigung, dieselbe; 
abzuflachen. Sie können sehr tief unter das Zahnfleisch ge¬ 
schoben werden ohne zu schneiden, das heisst ohne Blutung; 
und Schmerz zu verursachen. 

Bei scharfen Stellen reissen sie leichter als Leinwand¬ 
streifen, können aber dafür bei sehr engstehenden Zähnen 
häufig dort noch durch, wo Leinwandstreifen schon zu dick 
sind, Bar dach meint, dass die feinen Sorten dieser Strips, 
bei schnellhärtenden Amalgamen sogleich zum Finieren ver¬ 
wendet werden können, was besonders bei hochliegenden, 
zervikalen Bändern von Vorteil wäre. 

Da die Unterlage nachgibt, ist es klar, dass das. 
Polierpulver an Wirksamkeit verliert und bei völlig er¬ 
härteten Plomben mehr das gröbere Korn in Betracht, 
kommt. Starke Widerstände werden diese Strips nicht be¬ 
seitigen können. Sie dienen vielmehr dazu, bei schon ziem¬ 
lich ausgearbeiteten Plomben die restliche Arbeit zu leisten. 
Besonders empfehlen sie sich, wie gesagt, bei hohen zervi¬ 
kalen Bändern und im allgemeinen bei empfindlichen Pa¬ 
tienten. — n — 


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Referate und Journalschau. 


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Zahnärztlich-zahntechnisches Jahrbuch 1910. Herausge¬ 
geben von Hans Gromann , Fachlehrer für Zahntechnik in 
Wien. Verlag von Hermann Singer, Wien, VI'*. 

Der allgemeine Teil enthält nebst dem Kalendarium 
verschiedene für den täglichen Verkehr wichtige Tabellen, 
Tarife, behördliche Verordnungen etc. Der fachliche Teil 
bringt lesenswerte Originalarbeiten mit 118 guten Ab¬ 
bildungen, von denen die folgenden hervorgehoben sein 
mögen: Die wichtigsten Indikationen zur Röntgenunter¬ 
suchung, geschildert an typischen Fällen. Gysis-Artikulator. 
Die häufigsten Intoxikationen in der zahnärztlichen Praxis. 
Entwicklung der Odontotechnik in der letzten Zeit. Moderne 
Brückenarbeiten. Aus der Metallurgie. Zahntechnische Edel¬ 
metallegierungen. Segerkegel (Ersatz eines Pyrometers). 
•Galvanoplastik und Galvanostegie. Herstellung eines elek¬ 
trischen Porzellanofens. Revue der Gussapparate. Aesthe- 
tische Verbesserungen des Zahnersatzes. 

Ganz besonders wertvoll sind die Rezepte zur Her¬ 
stellung von Devitalisations- und Wurzelfüllungspasten, 
Zahnpulver, Pasten und Mundwässer, ferner Vorschriften 
für Gold- und Platinlegierungen, Lote, Stanzmetalle, Löt- 
mittel, Einbettuugsmassen etc. 

Ein Anhang bringt Verzeichnisse der Literatur 1908 
bis 1909, ferner sämtlicher Unterrichtsanstalten Europas, 
Amerikas, Australiens und Japans, sowie der Vereine 
Oesterreich-Ungarns und Deutschlands, wie sie unseres 
Wissens in solcher Ausführlichkeit bisher noch nicht ver¬ 
öffentlicht worden sind. 

Diese kurze Inhaltsangabe zeigt, dass der Herausgeber 
«in grosses und interessantes Material gründlich zu be¬ 
arbeiten verstanden hat, wofür ihm der Dank der inter¬ 
essierenden Kreise sicher ist. Die Anschaffung dieses nütz¬ 
lichen Handbüchleins kann jedermann empfohlen werden. 


Zahnärztlicher Kalender für das Deutsche Reich, 1910. 

Herausgegeben von Dr. phil. G. Kirchner, Zahnarzt in Wies¬ 
baden. Erster Jahrgang. Verlag von Julius Springer, Berlin. 

Dieser in erster Linie für die Zahnärzte des Deutschen 
Reiches bestimmte Kalender hat ausser dem Notizbuch 
mit Kalendarium in vier auswechselbaren Quartalsheften 
folgenden Inhalt: 

I. Teil: Die für den Zahnarzt wichtigen Arzneimittel, 
ihre Zusammensetzung, Anwendung und Dosierung ein¬ 
schliesslich der Maximaldosen. Zusammengestellt und be- 


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Referate uod Joorüftlseba», 


arbeitet von Dr. P, A d loff(Königsberg i. Pr.).— Die 
Naohbebandlung yoii Zähnexlrak tiones von Prof. Dr. W * 1 - 

i 2 'Tis • n _.i. ai. ... öi.-l_ .n v* ., - 



II. IC ei I: Dia Rechte der E’iasaenmitglieder auf zahn¬ 
ärztliche .Behandlung auf Orund der Kranfeenkasseiiges&tz- 
gebnog des Deutschen Reiches. Von Br, Richard Wagner 
''Nürnberg). — Auszug dev für den Zahnarzt tv-ichtigsteii. 
gesetzlichen „Bestimmungen..; tir.d Ciericlitsentscheidiingen. 
Zueammniigestellt und kurz «flauhert voo Zahnarzt Dr. Faul 
Ritter (Berlin).. 

III. Teil; Prüfungsordnung für Zahnärzte. Zahn¬ 
ärztliche üniversitat^inäfcitufce des Deutschen Reiches. Da& 
zahnärztliche PortbiMungs wesen. Zahnärztliche Zeit 
Schriften. Organtgatioiv (1, staatliche. JL private Organi¬ 
sation). Vereine des Deutschen Reiches, Wöhlfalirtsein- 
richtungen. Tabellarische Deberhicht über die staatlichem 

JCVh«. -*7 'd ~ it ... ..... i li 



Korporationen gegründete zahnärztliche PoUkllß 1 ken uu ä 
Institute, Die ^ahnär)?tR0jhe.,^|^|ü^e|iiden %hül4§h ScWl4 
Zahnkliniken und Schulärzte. 

IV. Teil: Verzeichn!« der jjts Deutschen Reiche- 
approbierten Zj&hnärsir.e Alphabetisches NamensVerzeichnis : 
der Zahnärzte. Alphabetischem Ortsverzeichnis. Orte mit 
über 5ÖÖÖ Kiüwohnefü, in denen noch kein Zahnarzt auf¬ 
sässig ist, Statistisches. Verzeichnis der- 1908,09 geetorbemeft 
Zahnärzte. . Vv•, ;. V -v. .;V'„ •/ < cicO-OA 


Die „RotterdamscheTandheelkund/ge Vereeniging u (RoUto- 
claindf zahnärztliche Verein) setzt^ ruh Aiujals einen Preis von 300 Ü; 
(500 Mk.) aus für die Et findang eines 

Gnatho-IHnamomefers (Riss-Kraftmessers), 

welcher sich für den Oebmiich in der zahnärztlichen Praxis 
«igoeft 

Das Inslrument soll einen Druck bis zu 150 Kg. anzoigerr; 
die Messungen sollen bei den ersten 20 Kg. bis auf 1 Kg. genau 
seid* darüber hinaus soll die eventuelle Abweichung möglichst 
nicht mehr .als 2 Kg. bet raven. 



Preisausschreiben. 


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Die Kaukontaktstellen sollen zwischen einem Abstand 
von 1 Gm. eingeführt werden können. 

Ist dieser Abstand von aussen gemessen weniger als 1 Cm., 
dann wird das als ein Vorteil angesehen werden. 

Bei grösserem Druck als 20 Kg. soll das Gewicht sogleich 
abzulesen oder leicht zu berechnen sein. 

Die Form der Kontaktstellen muss sich genau den Un¬ 
ebenheiten der Kaufläche anpassen können und die Form muss 
so beschaffen sein, dass der Druck an beliebiger Stelle zwischen 
den Kauflächen angebracht werden kann. 

Obwohl das Instrument nur den Druck in einer Richtung 
zu messen hat, soll es auch bei einer mässigen seitlichen Ver¬ 
schiebung funktionieren. Bei den Frontzähnen soll nur der 
Druck bei Zusammenschluss der Schneidekariten, nicht beim 
Ueberbiss, gemessen werden können. 

Das Instrument soll möglichst einfach, stark und soweit 
es mit dem Mund in Berührung kommt, sterilisierbar sein. Die 
Kauplatten dürfen die Zähne nicht beschädigen. Bei einer Nach¬ 
prüfung muss der Messer readjustiert werden können. 

Die Preisbewerber werden ersucht, ein Exemplar unter 
Motto bis zum 1. Oktober 1911 franko an die „Rotterdamsche 
Tandheelkundige Vereeniging“ 93 Aert van Nesstraat, Rotter¬ 
dam, einzusenden, begleitet von einer kurzen Beschreibung des 
Apparates. 

Ausserdem ein versiegeltes Kuvert mit demselben Motto, 
worin sich Name und Wohnort des Erfinders angegeben findet. 

Die Jury besteht aus den Zahnärzten C. H. Withaus, 
D. D. S. (Rotterdam), B. Frank, A. A. H. Ham er, D. D. S., 
I. J. E. de Vries (Amsterdam) und einem technischen Sachver¬ 
ständigen. 

Die Entscheidung findet statt im Laufe des Monats De¬ 
zember 1911. Das Resultat wird allen Bewerbern mitgeteilt. 
Alle Instrumente werden den Eigentümern zurückgesandt. 

Die Preiszuerkennung findet statt im Jänner 1912 in der 
jährlichen Hauptversammlung der „Rotterdamsche Tandheel¬ 
kundige Vereeniging“. 

Zahnärztliche und zahntechnische Zeitschriften werden 
höflichst ersucht, diese Mitteilung zu übernehmen. 


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Varia. 


Nachtrag za dem Berichte über den V. Internationalen 
zahnärztlichen Kongress in Berlin 1909. 

Ausser den auf Seite 1060 des Oktoberheftes 1909 Ge¬ 
nannten, wurde auch Gustav Preiswerk-Maggi zum Ehren¬ 
mitglied des Zentralvereines ernannt. Demselben wurde auch 
die silberne Ausstellungsmedaille zuerkannt. —.— 


Varia. 


PETERSBURG. Zubowratschebny wjestnik. Ende Dezember 
dieses Jahres werden es 25 Jahre, seit diese erste und somit 
älteste Zeitschrift für Zahnheilkunde von dem Zahnarzte A. P. 
Sinizyn ins Leben gerufen wurde. 

Leser und Freunde dieses Blattes haben ein Komitee 
gebildet, welches eine Jubiläumsfeier vorbereitet und Ein¬ 
ladungen zur Teilnahme an derselben ergehen lässt. 

Dem „Zubowratschebny wjestnik“ war es Vorbehalten, 
eine grosse Kulturarbeit zu leisten, auf die seine Herausgeber 
und Redakteure mit Genugtuung und Stolz zurückblicken 
können. 

Dr. Abolensky stand durch 15 Jahre an der Spitze 
des Blattes und hat dasselbe nicht nur auf ein bedeutendes 
wissenschaftliches Niveau gehoben, sondern auch die Standes¬ 
interessen der russischen Zahnärzteschaft erfolgreich zu ver¬ 
treten verstanden. Vor etwa 4 Jahren ging der r Zubowra¬ 
tschebny wjestnik“ in den Besitz des Zahnarztes Spiegel¬ 
glas über, während die Redaktion von Prof. Swerschhawsky 
geführt wird. — 


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Empfangene Zeitschriften. 

Amerika: 

Dental Cosmos. Dental Review. Dental Brief. 

Dental Digest. Dental Summary. Dental Era. 

Western Dental Journal. Items of Interest. Revista Dental (St. Jago). 

Australien: 

Australian Journal of Dentistry. 

Belgien: 

Revue trimestrielle de Stomatologie ] Le Journal Dentaire Beige. 

Dänemark, Schweden und Norwegen: 

Odontologisk Tidskrift. Tandlageblad-1. 

Svensk Tandläkare Tidskrift. 

Deutschland: 

Berliner zahnärztl. Halbmonatsschr. Zeitschrift Ittr zahnärztl. Orthopädie 
Deutsche zahnärztl. Wochenschrift. Zahntechnische Wochenschrift. 

Deutsche zahnärztliche Zeitung. Zahntechnische Reform. 

Deutsche Monatsschr. f. Zahnheilk. Zahnärztliches Zentralblatt. 

Korrespondenzblatt für Zahnärzte. Journal für Zahnheilkunde und 

Zahnärztliche Rundschau. Zahntechnik. 

Archiv für Zahnheilkunde. Odontologische Nachrichten. 

England: 

British Dental Journal. | Quarterly Circular. 

Dental Record. Elliots Quarterly. 

Frankreich: 

Revue de Stomatologie. Revue Odontologique. 

Laboratoire. Revue Internat, de Prothese Dentaire. 

La Province dentaire. 

Holland: 

Tydschrift voor Tandheelkunde. 

Italien: 

Rivista Trimestrale di Odontojatria. | La Stomatologia. 

Japan: 

Shikwa-gakuho. 

Oesterreich-Ungarn: 

österr. Zeitschrift für Stomatologie. Fogorvosi Szemle. 

Zeitschrift für Zahntechnik. A Fogtechnikus. 

Ash’s Wiener Vierteljahrs-Fachblatt. Zubni lökarstvi. 

Stomatologiai Közlöny. Rocznik lekarski. 

Russland: 

Zubowratschebni wjestnik. | Odontologitscheskrje Obosrenije. 

Kronika dentysticzna. l Zubowratschebni mir. 

Schweiz: 

Schweizerische Vierteljahrsschrift für Zahnheilkuude. 

Spanien: 

La Odontologia. 

Wir bestätigen den Empfang von Tausohexemplaren der genannten Zeit¬ 
schriften und bitten um deren fernere Zusendung unter der Adresse: 

JULIUS WEISS, Wien, I. Patersplatz 7. 


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Empfangene Bücher und Broschüren. 

(Mit Vorbehalt weiterer Besprechung.) 


Atlas der Zahnheilkunde in stereoskopischen Bildern. Heraus¬ 
gegeben von Karl Witzei. Serie I (Doppelserie): Ana¬ 
tomie. 52 Tafeln mit deutschem, englischem und französi¬ 
schem Text. Julius Springer, Berlin. 

Zahnärztliches Lexikon. Die Kunstausdrücke der Zahnheilkunde 
und ihrer Hilfswissenschaften etymologisch erklärt und 
stofflich bearbeitet von Zahnarzt Ernst Müller-Stade. 
Verlag von Hermann Meusser, Berlin 1910. 

Index der deutschen zahnärztlichen Literatur und zahnärztliche 
Bibliographie. Von Prof. Dr. Port in Heidelberg. Liefe¬ 
rung 4, 5, 6. Heidelberger Verlagsanstalt 1909. 

Zahnärztlich-zahntechnisches Jahrbuch 1910. Herausgegeben von 
Hans Gromann, Fachlehrer für Zahntechnik in Wien mit 
118 Abbildungen. Verlag von Hermann Singer, Wien, VI. 

Elements of Orthodontia. A Laboratory Note Book for Students 
and Beginners. By B. E. Lischer D. M. D. Prof, of Ortho¬ 
dontia, Washington, University Dental School, St. Louis. 
Verlag The C. V. Mosby Co. 1909. 

Sammlung von Vorträgen auf dem Gebiete der Zahnheilkunde. 

Herausgegeben von Hofrat Prof. W. Pf aff, Leipzig. I. Heft. 
Die Zahnheilkunde in ihren Beziehungen zu 
der Naturwissenschaft und der Medizin, ins¬ 
besondere der pathologischen Anatomie und 
ihre Aufgabe für die Zukunft von Hofrat Prof. 
W. Pf aff. Verlag der Dykschen Buchhandlung in Leipzig. 

Ueber die Pathogenese der Zahnwurzelzysten. Von Dr. H. A. 
As loch off. Sonderabdruck aus der „Deutschen Monats¬ 
schrift für Zahnheilkunde“, Heft 9/10, 1909. 

Eine methodische Anwendung der arsenigen Säure zum schmerz¬ 
losen Abtöten der Pulpa. Von Zahnarzt M. Lipschütz, 
Berlin. Sonderabdruck aus der „Deutschen Monatsschrift 
für Zahnheilkunde“, Heft 11, 1909. 

Arbeiten aus dem zahnärztlichen Institute der Universität in 
Breslau. Herausgegeben von dem Direktor Professor 
Dr. C. Partsch. II. Band, 1909. 

Die Schleimhautnaht. Von Prof. Dr. C. Partsch. Sonderab¬ 
druck aus Jahrg. XII, Nr. 34, der „Deutschen zahnärzt¬ 
lichen Wochenschrift“. 

Die Erkrankungen der Kieferhöhle. Von Prof. Dr. C. Partsch. 
Sonderabdruck aus „Handbuch der Zahnheilkunde“ von 
Prof. Dr. Julius Schelf, III. Aufl. 


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Oie Schulzahnklinik in Berndorf. Von Dr. Anton Lantschner, 
1909. 

Das Wesen der Pyocyanase und die Anwendung derselben bei 
den verschiedenen Fermen der Gingivits und Stomatitis. 

Von Dozent Dr. Reich in Marburg. Sonderabdruck aus 
der „Deutschen zahnärztlichen Wochenschrift“. XII, Nr. 332. 

Der Expansionsbogen, seine Handhabung und seine Wirkung. 

Von W. Zielinsky in Berlin. Sonderabdruck aus der 
„Zeitschrift für zahnärztliche Orthopädie“, Juli-August 1909. 

Die Küllersche Abdruckmasse für direkten Zinkguss. Von Prof. 
Port. Sonderabdruck aus der „Deutschen zahnärztlichen 
Wochenschrift“. Jahrg. XII, Nr. 34. 

Beitrag zur Brückenarbeit. Von Dr. Alfred Hoffmann, Leipzig. 
Sonderabdruck aus der „Deutschen zahnärztlichen Wochen¬ 
schrift“. 

Schutz den Zähnen. Herausgegeben von Zahnarzt Dr. Erich 
Schmidt im Aufträge des Deutschen Zentralkomitees für 
Zahnpflege in den Schulen. Preis broschiert Pf. 10. Ver¬ 
lagsbuchhandlung von Richard Schoetz, Berlin 1909. 


NB. Bei Zusendung von Rezensionsexemplaren, Tausch¬ 
exemplaren von Zeitungen etc. wolle man sich nur meiner 
Adresse bedienen. 


Julius Weiss 


Wien, I. Petersplatz Nr. 7. 


Patente nnd Gebraochsmnster-Emtragnngen. 

(Mitgeteilt von Ing. V. Monath, Patentanwalt, Wien, 

1. Jasomirgottstrasse 4.) 


Abdrucklöffel mit mehreren bei Verstellung der Löffel¬ 
griffe sich bewegenden Teilen zum Sprengen des Gipsabdruckes 
im Munde. Max Lewin, Reichenbach. 

Federträger für künstliche Gebisse. Gustav Zettel, Erfurt. 

Spritze in Zangenform zum Einführen von Flüssigkeiten 
in das Zahnbein. Dr. Karl Rumpel, Berlin. 

Kapselpresse für verschiedene grosse Küvetten. Wilhelm 
Hoffmann, Dellbrück. 

Speigefäss, dessen Spülvorrichtung mit dem Wasser auch 
Luft ansaugt. Emil Hempel, Berlin. 


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Verfahren und Vorrichtung zur Herstellung von Zahn¬ 
füllungen. William Taggart, Chicago. 

Betäubungsvorrichtung für zahnärztliche Zwecke. Richard 
Bradbury, Broad stairs, England. 

Vorrichtung zur Befestigung künstlicher Zähne an hinter¬ 
legtem Metall mittels eines den Befestigungsstift aufnehmenden 
durchbohrten Zapfens. Ernst Tichauer, Berlin. 

Vei fahren zur Herstellung von Stanzen, Abgüssen von 
Körperteilen, wie Gaumen, für Zahnersatz Max Küller, Gross- 
Lichterfelde. 

Apparat zur Anfertigung nahtloser natürlicher Zahngold¬ 
kronen. Jakob Brinzer, Leipzig. 

Pumpe zum Absaugen der Luft aus der Form für den 
Abguss von metallenen Zahnersatzstücken, Brücken. Karl 
Rauhe, Düsseldorf. 

Fräse für zahnärztliche Zwecke mit spiralförmig um¬ 
laufender Rippe und auf dieser angeordnetem Finierhieb. Karl 
Rauhe, Düsseldorf. 

Federnder Küvettenhalter. Georg Kerber, Lemgo. 

Gebissartikulator. Oskar Wenntrerk, Jauer. 

Zungen-, Wangenschützer und Wattehalter. B. Eggler, 
Göppingen. 

Antiseptische Kopfstütze für zahnärztliche Operations¬ 
stühle. Theodor Burmester, Hannover. 

Gleit Verbindung für zahnärztliche Handstücke. Weber 
& Hampel, Berlin. 

Künstlicher Zahn mit Ankerbetestigung. Daniel Müller, 
Düsseldorf. 

Mundlöffel zur Aufnahme einer bildsamen Masse für die 
Zahntechnik. Meyer & Co. und Walter Zick, Barmen. 

Doppelschichtiger Zahngebisskautschuk. Aktiengesellschaft 
Metzeier & Co., München. 

An abnehmbaren Goldkronen für Zähne die Anordnung 
eines in die Gaumenplatte einzubettenden mit Widerhaken 
versehenen Halters. Geo^g Leo, Leipzig. 

Bajonettzahnzange. Leo Brusberg, Berlin. 

Schutzvorrichtung an künstlichen Zähnen. Gustav N e - 
w a 1 d, Leipzig. 

Beleuchtungsvorrichtung für Werkzeuge, Instrumente. 
Ernst Friedmann, Wien. 


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Praxis-Uebergabe 

aus Gesundheitsrücksichten. Jahreseinnahiue 22.000 K. 

Deutsche Provinzstadt von 25.000 Einwohnern. Einführung 
zugesichert. 

Anfragen unter „B. B.“ befördern die Herren Weiss 
<£• Schwarz, Wien, I Petersplatz 7. 


Unentgeltliche 

Praxis-Uebergabe. 

In deutschböhmischem Kurort wird gegen Uebernahme 
des in bestem Zustande befindlichen Inventars aussichtsreiche 
Praxis übergeben. 

Anfragen unter „D. D. H. Nr. 4“ befördern die Herren 
Weiss & Schwarz, Wien, T. Petersplatz 7. 


Praxis in Ober-Ungarn. 

Durch den Tod des früheren Besitzers erledigter günstiger 
Posten gegen Uebernahme des Inventars abzugeben. 

Anfragen befördern unter „K. T. Nr. 5 a die Herren 
Weiss & Schwarz, Wien, I. Petersplatz 7. 



Gut ausgebildeter, kapitalskräftiger MUDr. sucht Associa¬ 
tion oder Praxisübernahme. 

Anträge unter „Dr. B. J. 11“ an die Herren Weiss & Schwarz, 
Wien, I. Petersplatz 7. 


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UNIVERSfTY OF MICHIGAN 





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Gebrauchter stehender Motor 

System Klingelfuss für Gleichstrom, billig abzugeben. Anfragen 
unter „Klingelfuss“ befördern die Herren Weiss & Schwarz, 
Wien, I. Petersplatz 7. 


Gebrauchter, gut erhaltener Kngelmotor 

für 110 Volt Gleichstrom billig abzugeben. Anfragen unter 
„Elektromotor“ befördern die Herren Weiss & Schwarz, Wien, 
I. Petersplatz 7. 


Zwei aseptische Instrumentenkästen 

170X70X35 Gm. mit 7 Einlageplatten 
167X51 X26 „ „ 5 

aus Glas und Metall sind billig abzugeben. Anfragen befördern 
unter „Glaskasten“ die Herren Weiss & Schwarz, Wien, I. Peters¬ 
platz 7. 


Ifrermann /Bbeueeer 

Berlin W. 35/106, Steglitzerstrasse 58 

Einzige Spezialbnchhandlnng für 
s=3 Zahnbeilkande === 

ist bestrebt, durch solide, kulante und 
schnelle Bedienung ihren Kundenkreis 
zu erweitern. Zur Erleichterung der 
Anschaffung werden monatliche Teil¬ 
zahlungen in der Höhe des zehnten 
Teiles des Kaufpreises eingeräumt. 

Bei grösseren Aufträgen Ermässigung der Monatsrate auf 
den zwanzigsten Teil. 

Vollständiges Lager. — Allerneueste Auflagen. 

Fachkatalog gratis. Portofreie Sendung. 




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Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



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Laboratorium nt Zahnprothese 

G. m. b. H. 

Technische Leitung: Prof. Dr. JUNG 
Berlin W. 50, Tauenzienstrasse 17. 

— -r;— o 

Technische Spezialkurs e. 

Anfertigung aller technischen Arbeiten 
in Kautschuk, Metall und Email. 

Kostenfreie und unverbindliche Beratung über Regulierungsfälle, 
O Brückenarbeiten etc. an Hand eingesandter Modelle. □ 

-■— - Prospekte auf Anfrage. — 


Zur Besetzung von offenen 

Techniker-Stellen 

empfiehlt sich die behördlich konzessionierte 

= Faeh~Stellenvei*mittlang = 

des 

Verbandes österr. Zahntechniker- 
Gehilfen und -Lehrlinge in Wien 

VI. Mariahilferstrasse 99 (Hotel Palace). 

Sprechstunden: an Wochentagen von 7—8 Uhr abends 
— •- ---- Telegrammadresse: Zahnvermittlung Wien. -_^i—= 


===== Existenz. ■ ■■ 

Ein junger Zahnarzt (mosaisch bevorzugt) in einer grösseren 
mährischen Provinzstadt gesucht. 

Anfragen befördert unter , M. W. 1810“ Rudolf Mosse, 
Wien, I. 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 




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Zahnärztlicher Unterricht 

an den Universitäten in Oesterreich und Ungarn. 

-- 

a,) Oesterreicli. 

Vien. K. t zahnärztl. Unixersitäts-Instilnt, ix. TMnutma». 

Vorstand: Reg.-Rat Prof. Dr. Julius Sc he ff. 

Assistenten: I. Dr. Berth. Spitzer, II. Dr. Brnno Kleiu. 
Demonstratoren: Med. Btud. Heinrich Krakesch und Georg Fifka. 

I. Semestralvorlesungen Aber operative u. konservierende Zahnheilkunde, 

fünfmal wöchentlich von 4 bis 6 Uhr abends. Dieselben umfassen die gesamte 
Theorie in Verbindung mit Uebnngen am Phantom und dauern als solche bis 
zu den Weihuachtsferien. Nach letzteren beginnen die praktischen Uebungen 
an Patienteu bis zum Semesterschluss. 

II. Semestralvorlesungen für Mediziner zweimal wöchentlich. 

III. Semestralvorlesungen über Zahnersatzkunde; Herstellung von Ersatz¬ 
stücken an Patienten, fünfmal wöchentlich von 8 bis 10 Uhr vormittags. Von 
10 bis 12 Uhr praktische Uebungen in den Arbeitsräumen für Zahnersatzkunde. 

IV. Doz. Dr. Rud. Loos liest ein zweistündiges Kolleg mit Demonstra¬ 
tionen und prakt. Uebungen für Mediziner. Samstag von 3 bis 5 Uhr nachm. 

V. Ferialkurse: 

Instituts - Assistent Dr. B. Spitzer hält während der Weihnachts¬ 
und Osterferien, sowie anfangs September theoretische und praktische Ferial¬ 
kurse über operative und konservierende Zahnheilkunde und Zahnersatzkunde 
in der Dauer von 6 bis 7 Wochen mit Uebungen am Patienten ab. Anfragen: 
IX. Türkenstrasse 9, Universitäts-Institut. 


Vien. Zahnärztl. Abteilung d. allg. Poliklinik, 11. Höfergasse 1. 

Vorstand: Doz. Dr. v. Wunschheim. 

Assistenten: Dr. 0. v. Au der Lan und Dr. Nik. Schwarz. 

I. Semestralvorlesungen über Zahnheilkunde für Mediziner, zweistündig, 
Dienstag, Donnerstag von 6 bis 7 Uhr abends. K 4 20. 

n. Praktische Uebungen in konservierender Zahnhellkunde an Patienten 
fÜrVorgeschritteue. zehnstündig, fünfmal wöchentlich von 5 bis 7 Uhr abends, 50t 

IU. Doz. Dr. Rudolf Weiser. Semestralvorlesung über Zahnersatz¬ 
kunde, Dienstag, Donnerstag, Samstag von 7 bis 8 Uhr früh in Verbindung 
mit praktischen Uebnngen am Patienteu, fünfmal wöchentlich von 8 bis 10 Uhr 
vormittags. Honorar 100 K. (Anmeldungen und Anfragen — nur schriftlich — 
sind zu richten an Dr. R. Weiser, IX. Frankgasse 2.) 

IV. Ferialkurse: 

DieAbteilungs-Assistenten Dr. 0. v. An der Lau und Dr.Nik. Schwarz 
halten während der Weihnachts- und Osterferien, sowie anfangs September 
praktische Kurse über konservierende Zahnheilkunde und Zahnersatzkunde mit 
Uebungen am Patienten ab. Anfragen: IX. Höfergasse, Allg. Poliklinik. 

Doz. Dr. L. Fleiscbmann liest im Wintersemester: Die normale und 
pathologische Histologie der Zähne, einschliesslich der Histogenese. Einstttndig. 
Tag und Stunde nach Uebereinkuufr. im Histologischen Institut (Prof. Ebner). 

Doz. Dr. W. Wal lisch liest Semestralvorlesung über Zahnheilkunde. 

Montag und Freitag von 5 bis 6 Ubr abends im Lehrsaal des Prof. Hoch- 
stetter im Anatomischen Institut. 


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Vorstand: Prof. Dr. Franz Trauner. 

Assistent: Dr. R. Benedikt. 

I. Semestralvorlesungen Uber Zahnheilkunde: Montag, Mittwoch und 
Freitag von 5 bis 6 Uhr abends als 3 ständiges Kollegium. 

II. Praktischer Kurs an Patienten für Vorgeschrittene, 10 Stunden 
wöchentlich 8 Wochen hindurch, Mont«! bis Freitag von 6 bis 7 Uhr abends, 
gegen das Honorar eines 10ständigen Kollegiums. 

HI. Zahnersatzkunde: Montag bis Samstag von 8 bis 10 Uhr, verbunden 
mit Arbeiten im Laboratorium für Ersatzkunde von 10 bis 12 Uhr als 20sttind. 
Kollegium. 

IV. Ferialkurse lesen die Assistenten. 


Innsbruck. K. k. zahnärztl. Universitäts-Institut, imcutr. 24. 

Vorstand: Prof. Dr. B. Mayrhofer. 

Assistenten: I. Dr. W. Arnold, II. Dr. W. Mittel-, III. Dr. Eug. Pöll. 

I. Klinische Vorlesungen über Pathologie u. Therapie der Zahnkrankheiten 
mit Praktikum, 3 Stunden wöcbentl.; Dienstag von 5 bis 7 Uhr und Douuerstag 
von 5 bis ö Ubr. 

II. Praktische Uebungen an Patienten in der operativen Zahnheilkunde, 
verbunden mit Demonstiationen. Gemeinsam mit Dr. Arnold. Mon-.ag bis 
Freitag von 2 bis ß Uhr. Als östünd Kollegium zu rechnen. Laboratorinros- 
gebiihr 26 K. Teilnehmerzahl nach Massgabe der vorhandenen Arbeitsplätze 
beschränkt. 

III. Theoretisch-praktischer Semestralkurs über künstlichen Zahnersatz, 
verbunden mit Demonstrationen und Uebungen an Patienten. Gemeinsam mit 
Dr. Mitter. Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr. Als ösiünd. Kollegium zu 
rechnen. Laboratoriumsgebtihr 60 K. Teilnebmerzahl nach Massgabe der vor¬ 
handenen Arbeitsplätze beschränkt. 

IV. Jn den Weihnachts-, Oster- nnd Sommerferien werden operative 
und technische Assistentenkurse abgehalten. 


Prag. Zahnärztl. Institut der k. k. deutschen Universität. 

Prag, I. Obstmarkt 6. 

Vorstand: Prof. Dr. H. Bönuecken. 

Assistenten: Dr. A. Kerber uud Dr. H. Fritsch. 

I. Semestralvorlesungen: a) Theoretische und praktische Znlmheilkmide 
mit Demonstrationen und Uebungen an Zahukranken: Montag, Mittwoch, Ficitag 
6 bis 7 Uhr: b) zahnärztlicher Operationskurs mit besonderer Berücksichtigung 
der Erhaltung erkrankter Zähne durch Füllung: Tätlich 4 bis 6 Uhr; c) Kursus 
der zahnärztl. Technik: Täglich 2 Stunden nach Uebereinknnft. (Honorar 100 K.) 

ir. Kurse: Plombierkurse werden vom 1. Oktober bis 30 November und 
7. Jänner bis 28. Februar und vom 1. Mai bis 15. Juni von Dr. H. Fritsch. 
Kurse über Zabntechnik zu denselben Terminen von Dr. R. K1 ei ne r abgehalten. 
Ausserdem eventuell 4- bis 6wöchentliche Ferialkurse zu Ostern und in den 
Hauptferien. Nähere Auskünfte erteilen die Genannten. 


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Prag. K. k. böhmisches Universitäts-AmbidatoriDm. 

Vorstand: Prof Dr. E. Nessel. 

Assistent: Dr. Tereba Zwei Demonstratoren. 

Zahnhallkund«. Theoretische Vorträge mit Uebungen am Phantom, 
Demonstrationen im Plombieren der Zähne für Anfänger. 

Klinik der Zahnkrankheiten mit Uebnngen im Extrahieren und Plom¬ 
bieren der Zähne für Vorgeschrittene. 

Doz Dr. J. Jesensky liest im Wintersemester zweimal wöchentlich 
ein Kolleg mit praktischen Uebnngen für Mediziner. 

Privatkurse nach vorheriger Anmeldung und Verabredung mit dem 
Vorstand des Institutes. 

Ferialkurse (Weihnachten, Ostern Ferien) liest Dr. Tereba. 

Krakau. K. k. zahnärztl Uni?ersitäts4mbnlatorinm. 

Vorstand: Prof. Dr. W. Lepkowski. 

Assistent: Dr. Podlyslei. — Demonstrator: Stefaöski. 

Sechswöchentlicher Kurs, von 8 bis 9 Uhr früh, fünfmal wöchentlich. 

Uebungen im Plombieren und Extraktion der Zähne, 3 Stunden 
wöchentlich von 9 bis 10 Uhr früh. 

Zahnersatzkunde, 3 Stunden wöchentlich von 8 bis 9 Uhr früh (Privat). 

Lemberg. K. k. zahnärztl. Unifersitäts-Ambnlatorinm. 

Vorstand: Doz. Dr. A. Gonka. 

Assistent: Med. stud. Leopold Gottwald. 

I. Praktische Uebungen am Patienten, 3 Std.wöch., vou 8 bis 9 Uhr vorm. 

II. Praktische Uebungen im Fallen mit plastischen Materialien. (Privat). 

III. Zahnersatzkunde, 3 Stunden wöchentlich. 

Doz. Dr. Theodor Bohosiewicz. 

--:- 

*b) ’CJng'arii. 

Budapest Stomatolog, Klinik d. kgl. Universität, viii. uMintca. 

Vorstand: Prof. Dr. J. v. Arkövy. 

Assistenten: Dr. J. Sturm und Dr. E. Major. 

Demonstratoren: Dr. D. v. Mäth6, Dr. F. Faisztl, Dr. J. Kanitzer 
und Dr. E. Ap&ti. 

Semestralvorlesungen; 

I. Stomatologische Poliklinik, einmal wöchentlich von 5 bis >47 Uhr 
abends (Montag) tttr die allgemeine Praxis. 

Stomatologische Propädeutik, einmal wöchentlich von 5 bis %7 Uhr 
abends (Dienstag) für zukünftige Spezialisten. 

Stomatologische Operationslehre, einmal wöch. von 5 bis >47 Uhr abds. 
(Donnerstag) für zukünftige Spezialisten. (Gehalten von Prof. J. v. Arkövy.) 

II. Zahnersatzkunde unter Leitung des Doz. Dr. L. Hattyasy, zweimal 
wöchentlich von 5 bis Y 2 7 Uhr abends (Mittwoch und Freitag). 

in. Zahnärztliche Operationslehre, einmal wöchentlich von 6 bis 7 Uhr 
abends (Samstag), Doz. Dr. J. Szabö. 

Die Klinik ist von 8 bis 12 Uhr vorm, und von 4 bis 8 Uhr abds/geöffnet. 

Privatkurse werden von den Assistenten abgehalten. 

Klausenburg. König). Universität. 

. Kurse: Doz. Dr. K. Hoencz: Mund- und Zahnkrankheiten verbunden 
mit Extraktions- und Füllungs-Exerzitien. 

Doz. Dr. G. Kudas: Histologie und Pathologie der Zähne. 


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Original frorri 

UNIVERSfTY OF MICHIGAN 



XXVI. Jahrgang. April 1910. Heft II. 

Oesterreichisch-ungarische 

Vierteljahrsschrift für Zahnheilkonde. 

Herausgegeben von 

JULIUS WEISS, Wien, I. Petersplatz 7 
unter ständiger Mitwirkung der Herren: 

Prof. Dr. J. ▼. ArkÖvy, Budapest — Prof. Dr. H. Bönnecken, Prag — Prof. Dr. W. Bruck. Breslau 

— Doz. Dr. 6. Fischer, Greifswald — Doz. Dr. L. Fleischmann, Wien —■ J. Grünberg, Berlin — 
Do*. Dr. L. Hattyasy, Budapest — Dr. H. Höck, Wien — Prof. Dr. C. Jung, Berlin — Dr. 
T. Kaas, Krems — Dr. M. Karolyi, Wien — Dr. R. Kronfeld, Wien — Dr. M. Kulka, Wien — 
Dr. J. Lartschneider, Linz — Doz. Dr. R. Loos, Wien — Prof. Dr. B. Mayrhofer, Innsbruck 

— Dr. A. Oppenheim, Wien — Dr. G. Preiswerk, Basel — Prof. Dr. G Port, Heidelberg — 
Do*. Dr. G. Rose, Dresden — Doz. Dr. A. Roth man, Budapest — Prof. Dr. W. Sachs, Berlin 

— Prof. Dr. J. Schelf, Wien — Prof. Dr. H. Schröder, Berlin — Dr. E. Smreker, Wien — Dr. 
B. Spitzer, Wien — Doz. Dr. J. Szabö, Budapest — Prof. Dr. F. Trauner, Graz — Doz. 
Dr. W. Vajna, Budapest — Prof. Dr. 0. Walkhoff, München — Doz. Dr. W. Wallisch, Wien — 

Doz. Dr. R. Weiser, Wien — Doz. Dr. G. v. Wunschheim, Wien. 


Nachdruck nicht gestattet. 

I. Meli« Osteomyelitis des Oberkiefers (Neer. max. super.), 
n. Akute Periostitis des Unterkiefers. 

Von Prof. Dr. Theodor Dependorf in Leipzig. 

I. 

Die akute infektiöse Osteomyelitis des Oberkiefers 
habe ich im Jahre 1907 in einer besonderen Abhandlung ein¬ 
gehend besprochen 1 . Inzwischen hat Trauner (Graz) über 
denselben Gegenstand weitere Mitteilungen gemacht und die 
Literatur ergänzt*. Er berichtet ausführlich über zwei inter¬ 
essante Fälle echter idiopathischer Osteomyelitis des Ober¬ 
kiefers mit partieller Nekrose. Der erste Fall betraf einen 
z ljährigen Schlosser, der zweite einen 42jährigen Bäcker. In 
beiden Fällen Hess sich bei intaktem Zahnsystem keine direkte 
Ursache, keine unmittelbare Eingangsstelle für die Osteomyelitis 
auffinden. Durch rechtzeitige breite Inzision mit nachfolgender 
Eröffnung und Freilegung des Knochenabszesses gelang es 
Trauner, in beiden Fällen die Nekrose zu beschränken und 
die mitergriffenen, vollständig gelockerten Zähne zu erhalten. 
Trauner ist deshalb der Ansicht, dass die Erhaltung der 
Zähne bei Osteomyelitis der Kiefer nahezu immer durch einen 
rechtzeitigen chirurgischen Eingriff erreicht werden kann. 


1 Dependorf: Aknte infektiöse Osteomyelitis des Oberkiefers. 
Breitkopf & Härtel, Leipzig 1907. 

2 Trauner (Graz): Osteomyelitis idiopatbica maxillaris. Oesterr.- 
ungar. Vierteljahrsschrift für Zahnbeilkunde, Jänner 1909. 

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Prof. Dr. Theodor Dependorf, Leipzig: 


Ich gehe mit Trauner vollkommen konform in der 
Anschauung, derartige diagnostisch und therapeutisch schwierig 
gelagerte Erkrankungen einzeln hersuszuheben, die aus diesem 
Verhältnis entspringenden diagnostischen Täuschungen erkennen 
und besiegen zu lernen und dabei den Kampf um die Erhal¬ 
tung der Zähne keinen Augenblick aus den Augen zu lassen. 

Der erste der beiden Fälle infektiöser Osteomyelitis, über 
die ich im folgenden berichten will, besitzt wohl eine bestimm¬ 
bare Ursache der Erkrankung, aber keine nachweisbare Ein¬ 
gangspforte für die Infektion Er entstand primär im Anschluss 
an ein Trauma. Der zweite Fall, der sich zugleich mit Influenza 
einstellte, ist als fortgeleitete Markentzündung von der erkrankten 
Kieferhöhle aus aufzufassen. In beiden Fällen war das vor¬ 
handene Gebiss der erkrankten Kieferhälfte vollständig intakt. 
Beide Fälle gehören also zu den verschiedenartig verlaufenden 
Nekrosen, die sich spontan und unabhängig von jeder Zahn- 
und Zahnfleischerkrankung an den Kiefern lokalisieren. Ihr 
ganzer Verlauf entspricht durchaus demjenigen der akuten 
Osteomyelitis: Sowohl der fieberhafte infektiöse Charakter, als 
auch der schwere Grad der eitrigen Entzündung in den Knochen 
wie in den Weichteilen und die Mitbeteiligung gesunder Zähne. 
Während nun der erste Fall eine rein idiopathische Form dar¬ 
stellt, deren Ursache als bekannt gelten kann, ist der zweite 
Fall nichts anderes als eine fortgeleitete Osteomyelitis von 
der primär erkrankten Schleimhaut der Oberkieferhöhle aus. 

Fall I. 

Frankenhäuser Max, 17 Jahre alt, Landwirtssohn. Patient 
erkrankte vor fünf Wochen an den Folgen einer Schlägerei. Er 
lag einige Tage im Bette, klagte über Schüttelfröste, Mattigkeit, 
Benommenheit und Schmerzen im Kopf und Gesicht. Dieser Zu¬ 
stand besserte sich nur im allgemeinen; es blieb dagegen ein 
dauernder Schmerz im rechten Oberkiefer zurück. Nach einiger 
Zeit bemerkte F. beim Kauen eine lebhafte Empfindlichkeit 
sämtlicher Zähne des rechten Oberkiefers, doch vermochte der 
behandelnde Arzt ausser einer Verdickung und Druckempfind¬ 
lichkeit des Obeikieferknochens nichts besonderes festzustellen. 
Die vorher bestandene starke Anschwellung der Weichteile in¬ 
folge der auf Kopf und Gesicht erhaltenen Schläge war etwas 
zurückgetreten. Es wurden vom Arzt Mundspülungen an ge¬ 
ordnet. Nach einiger Zeit bildete sich nun im Munde über den 
rechtseitigen Zähnen des Oberkiefers eine Geschwulst. Diese 
wurde eröffnet und es entleerte sich Eiter. Trotzdem blieb 
der Gesamtzustand nach wie vor unbefriedigend. Es bestanden 


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Infektiöse Osteomyelitis des Oberkiefers. 


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abendliche Temperaturerhöhungen und Schüttelfröste. Patient 
klagte auch weiterhin über heftige Schmerzen im Oberkiefer. 
Bei fortdauernder Eiterung aus der Inzisionswunde wurde auch 
das Zahnfleisch im Bereich des ganzen rechten Oberkiefers 
mehr und mehr entzündlich infiltriert. Es zeigte sich stark ge¬ 
schwollen und druckempfindlich, zumal in der Gegend des 
ersten und zweiten Prämolaren. Die Lockerung besonders dieser 
Zähne nahm unter erhöhter Eiterung bedenklich zu. Der erste 
Prämolar wurde schliesslich so locker, dass er mit dem Finger 
entfernt werden konnte. Der Zahn erwies sich als vollkommen 
kariesfrei. Von jetzt an war die Eiterung im Bereiche des ganzen 
rechten Alveolarfortsatzes zu beobachten. Das Zahnfleisch hob 
sich vom Knochen ab und die Zahnfächer traten zutage. Als 
nun noch eine zweite grössere Geschwulst sich am Gaumen 
bildete, überwies der behandelnde Arzt den Patienten der chi¬ 
rurgischen Klinik zu Jena. (Zum grössten Teil nachträglicher 
Bericht des Arztes.) 

Hier wurde am 11. Februar 1906 Schwellung der rechten 
Wange und Oberlippe festgestellt. Im Oberkiefer rechts fehlt 
der erste Prämolar. Das Zahnfleisch ist überall geschwollen, 
teilweise fistulös. Eine kirschgrosse fluktuierende Schwellung 
erstreckt sich von der Innenseite des Alveolarfortsatzes nach 
dem harten Gaumen. Auf die Inzision hin entleert sich viel 
Eiter. Es werden heisse Mundspülungen verordnet. 3 Tage 
später sind sämtliche Zähne des rechten Oberkiefers so ge¬ 
lockert, dass sie herauszufallen drohen. Sie werden entfernt, 
sind aber durchaus nicht kariös. Am nächsten Tage klagt 
Patient über Schmerzen in den Schneidezähnen der linken 
Oberkieferhälfte. Auch diese sind stark gelockert und werden 
entfernt. Der Patient wird nunmehr zur weiteren Behandlung 
der zahnärztlichen Klinik überwiesen. (Bericht der chirurgischen 
Klinik.) 

Als Patient sich am 15. Februar 1906 bei mir vor¬ 
stellte, sah er körperlich sehr heruntergekommen aus, hatte 
eine bleiche Gesichtsfarbe, tiefliegende Augen und einen kleinen, 
schwachen, beschleunigten Puls. Er klagte über grosse Mattigkeit, 
schlechten Geschmack und Appetitlosigkeit; er müsse „fortwährend 
Eiter spucken“. Der Foetor ex ore ist bedeutend. Die Unter¬ 
suchung des Mundes ergibt eine profuse Eiterung im Bereich 
des rechten Oberkiefers und des Zwischenkiefers. Die Zähne 
rechts oben fehlen sämtlich, ebenso die beiden linken Inzi- 
siven. Die Alveolen ragen mit ihren Rändern frei in die Mund¬ 
höhle hinein. Das Zahnfleisch ist fistulös, stark gelockert und 
geschwollen; es hängt neben dem Kiefer. Das Ligamentum 
circulare ist überall zerstört. Auf Druck wie auf Ansaugen 

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Ht8 Frei». Dr Tlteoilor Deiieniliiff, 

mU teert-sieh grünlicbgrnuer Eiter, der einen üblen öeriich vet- 
bi eitet. .Bit: regionären Lyinplnirfeeii sind sämtlich schmerzhaft 
infiltriert. Die .Schwellung der Wange and der Lippe Ist nur 
unbedeutend doch besteht eine leicide Rötung. Die Zähne 
n * r> der linker» Sei!e sind gelockert und druckempfindlich. 


Fig. \ .L.’ey ört^nuyefifipebg 'Sequester you der 

feä Aiveolarfi>rt»»ts imd einen 'Teil des Obferkieferköt-prts, Ein grösser 

- i 1. 1, L f}*-!. . .1. 2 »riAi';-. l ' ■ in*::. ' 


ÄliSzessberd befindef sirlt ij> JEffffi«? .-der Mip.e des gijirp. 


bei }[; entleert stell auf Druck Eiter. Von einer Exiräktio?i 
dieser -Zähnt}' wird einstweilen Abstand gencjinrnen, Äa ; ,dfif 
Versuch ihrer Erhaltung wünschenswert erscheint. Die Absicht. 
Win, die AussLossung des nekrotischen dvnhejiieirstijckes, das- 
nach vollkommen fest sass, zu beschleunigen und durch rob>m 


zeigt die Air«»len des? .Stajusstsir»,- die' grösst eure» »s- edmltftg. geblieben' 
Und. li'imWsie!! _befiii4et sieb ein ^weiter kleinem’ 'Sequester.- 


uvreude Diät, vor allem aber durch häufige gründliche Heini- 
gyttg und Ausspülung der Mundhöhle den Zustand des herab- 
gekommenen und deprimierte^: Patienten zu heben und ?j> 
iindern. 

Zur Besclileun.iguiig der Sequestration wurden täglich 
iutj-aakeoläre Injektionen «int Argent. mir. (Mo bis 0*2<> vor- 












iufeiit iühf; asWomyelftfe Oes o'bsrkiefersü 


genommen, die Abszesse ausgcsjhiji und die Schleimhaut ab- 
gewaschen. Schon nach 2 Tagen ist hie Riterabscmderong ge¬ 
ringer geworden, und der Eil er zeigt eine mehr weisse. Färbung. 
Fori gereizte Mandat ul cm gen tfnteistfRzen die lokale Behand¬ 
lung zusehends. Patient .fühlt..sieb' viel wohler,. bekundet mehr 
Esslust und lacht, midi n ieder Schorf nach 14 Tagen wird 
ein urahängracher .Sequester in %wd Teilen abge&tossen 
(Fig, 1 bis S). Er umfasste den fast vollständigen rechtseitigen 
Alveolarfortsatz mit Farben des Oberkiefergerhstes und des 
Jochbdgenansaizes, sowie als- zweiten Teil den ganzen Al- 
veoläflbrtsatz des Zivbäienkiefers. Die Schleimhaut' der Kiefer¬ 
höhle ist intakt;' sie lässt sich nach der Setjuestralion mittels 

btasten. 


stumpfer Sonde au .einzelnen Stelißn als .freiliegend a 


geigt fehle Sequester vou der Janeufläcfe,' Starke !?rHöu!at,i<m< u' 
T durclisetzeu Üäu aerbltifteteu Küoefeu, 


Die Eiterung sistterle sofort nach Extraktion des Sequesters 
Kleinere Knoch.erit.eile ginger«....hinterher spontan ab.. Die Heilung 
erfolgte giait und iu kürzester Zeih Sie brächte noch insofern 
eine üeberraschungv als l4 Tage nach AhdofcSUftg derSequester 
der rechtseitige obere WetshejiszaHn,' ein gut entwickelter» 
gesunder und kräftiger Zahn,. durchbrach- Seine Alveole wät 
ako von der Eiterung vollständig verschont geblieben: auch 
eine Folge der schnellen Abstossung der Nekrose. Die Rege¬ 
neration des Knochengerfisl.es erfolgte ■.gleichfalls In. kürzester 
Zeit. Der fehlende Kiefer, •.konsolidierte sich schnell und mit 
dieser Koftsölidrmmg trat ein vollständiger: Verschluss det 
Kieferhöhle ein, ohne dass es im einzelnen Falle vorher zur 
Bildung einer Totenlade gekommen wäre |Flg. 4). Nach. drei 
Wochen Ist. das Bild.so, wie der Abdruck »$• zeigt: Der AR 
veolarforiaaiz ist zvvar emgefaiien, dsr Substanzverlud macht 
sich aber nicht übermässig bemerkbar.. Der 'neue- Knochen bildet 
einen .guten. uhci ^eigt die 








Prof» Vf Theodor Depeudort Leipzig 


Fo'rni. ein.es zahnlosen Oberkiefers. .Patient fühlt sich froh und 
munter; er vptsißJiilet auf Irgend Reichen kilnsüichen ^ahn- 
ersah. 

Die Ursache ist ln diesem falte nin Trauma , ein Schlag 
gegen den Oberkteici gewesen. Wie weit hierbei der Knochen 
verletzt worden ist, entzieht sich .mein«? Beurteilung.' Ein par- 
treüer Bruch des Kiefers wird wohl nicht -bestanden haben. 
Denn die hiermit verbundene Lockerung des Knochens wäre 
sicherlich weder dem «Arzt noch dem Patienten entgangen. 
Oie EHeBkreger haben sich alsdann bald' in dem verletzten 
Knochenmark lokalisiert. Der Weg dieser Infektion war jedoch 


Fig. 4, l»er Oberkiefer uacli AucstosRt'Mg 4w Se^bestera mul Verßarbüug 
der Wunde DcrWeif-beitszabit ist- trotz «ler schworea übrigen Osteomyelitis 
recht ieitig »itiwh^ftbrichen', Oer •3akffc*ii**etll«t' .»>» Kümoieu ereofeiue mir 

gering. 


nicht zu bestimmen, so dass Wir gezwungen -aitj^pi ati'cft für 
diesen Fall die lyniphfvhämätc«gep.e Form der Östcomyejitig in 
Anspruch zu jiebrrten. 

'■[ z^igt Abweichungen von fthn- 

]ichen,.duhoh pruftlse Eiterung auggestoagfKheh ^ekroseri. Am 
aüffalhgstön ssl wohl Am. starke Entwiciüojsg von Granulationen 
im Innern und nach der palatinalen- Seite hin. Die Granuk- 
tinnen hängen fest mif dem Knochen zusammen, sie durch» 
setzen und bedecken: dm vollkommen. Bukkal und labial fehlen 
diese Gianuktiemeo; hier tritt die tote Knochensubstanz frei 
zutage; sie fei mH Fistelgängen durchsetzt. Auffallend erscheint 
auch die grosse Porosi!dt und Zerbrechlichkeit des gesamten 


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.InfektUb^' östeoiayelitis des Oberkiefers 


Sequester» Der Knochen sieht wie zerfressen, wie angenagt 
aus und ist roit einer grösseren Anzahl Höhlen durchsetzt, 
gleictisaiö)^unterminiert. (Fig. l bis 3.) lieber der Wurzelspitze 
des fehlenden ersten P/äniolareri liegt bukkal wie palatinal je 
eine grössere Abszesshöhicy die mit weichem Granujations- 
gewefae ausgeklädef hi. ' Auch über den Wurzeln' des fehlenden 
ersten Molaren Hegen kleine, mit Grantdaiionen erfüllte Abszess» 
höhlen. Die Form der Aivecden ist bukkal noch gut erhalten, 
der Alveoiarrand hier auch :-h^ :'i3aÄa&iig;iu@öri'ertt' (Fig. 2t) Pa- 


Fig. 5. Ein mikäriwkoliisrber Scbüiir rlnrch deu bt<;utsoieriCu Kiiodi&u. 
sfäroyg des Kochens durcdi (utfig-grtvuviliereüde» ööweb^, Karwi/eHiiekr^se 
«ater gleichzeitiger ErweiubHBg der Hartsöbstaase». Die 'Stnikttir tritt deni»; 
Sicher tevar. Die Hohlräuine &iud erweitert. 


Vatinal dagegen ist die alveoläre Wand bis zutvBäifte vernichtet 
und vorn .eigentliche«; Kand ’ ist;- nur an einzelnen Stellen etwas 
zurückgeblieben. Auch die Alveeiarluminä sind mit weichen 
Granulationen angefüilt, die stets wie auch sonst überall von. 
einer weissHehe«, fest, fcafteödew Schicht' ;über'd.eckt sind. Diese 
Schicht besteht aus einem dichten Pilzrasen> sie ist ein ßak 
terienhäutchen, das ins Innere einge.drungen ist und, wie 
mikroskopische Bilder zeigen, auch die Granulationen und vite 
Knochensuhslaos ganz gleichmässig durchsetzt. An den frei 
liegenden Punkten zeig! der Knochen eine schwärzlich-grünt.* 
Verfärbung infolge::4e^: : ';Einwirkung des salpetersauren Silbers, 








202 


Prof. Dr. Theodor Dependorf, Leipzig: 


Aus der Gestaltung der Nekrose geht hervor, dass der 
Prozess sich hauptsächlich im palatinalen Bereich des Alveolar¬ 
fortsatzes über den Wurzeln von P 1, 2 und M 1 abspielte. 
Und so viel glaube ich auch aus der Betrachtung der 
Nekrose entnehmen zu können, dass eine Fraktur des Alveolar¬ 
fortsatzes nicht bestand. Die Osteomyelitis hat an mehreren 
Stellen zugleich eingesetzt und deshalb auch von vornherein 
den Charakter der diffusen Form gezeigt. 

Obwohl in unserem Falle die Nekrose einen Teil des 
Kieterhöhlenbodens umfasste, blieb während der gesamten Be¬ 
handlung und des fortschreitenden Prozesses die Oberkiefer¬ 
höhle unbeteiligt und gesund. Niemals gelang es, von den 
Abszesshöhlen oder den Alveolen aus in der Mundhöhle oder 
mit den Injektionen Flüssigkeitsmengen in die Kieferhöhle 
direkt zu bringen. Soweit klinische Symptome in Frage 
kommen, ist festzusteJlen, dass ein Durchbruch des Eiters nach 
der Oberkieferhöhle zu nicht eintrat, obwohl der knöcherne 
Boden der Kieferhöhle usuriert war. Auf diese Tatsache weist 
auöh Trauner bei Besprechung seines ersten Falles von 
idiopathischer Osteomyelitis des rechten Oberkiefers hin. Er 
sagt: „Die Kieferhöhle war und blieb auch bei der Operation 
intakt, ein Beweis dafür, wie rasch dieselbe einem sich ent¬ 
wickelnden Krankheitsherde ausweicht“. Ich bin überzeugt, dass 
durch die fortgesetzten Argent. nitric.-Injektionen das Granu¬ 
lationsgewebe ausserordentlich angeregt wurde, was aber nicht 
nur die Sequestration beschleunigte, sondern auch den Um¬ 
fang der Nekrose beschränkte, deren grössere Ausdehnung 
bereits durch die Mitbeteiligung der Zähne der linken Kiefer¬ 
hälfte angedeutet war. 

Die gelockerten Zähne der linken Seite 1 3 4 5 sind nach 
Ablauf des Prozesses wieder vollkommen fest geworden. Nicht 
minder auffällig war auch der alsbald erfolgte Durchbruch 
eines gesunden Weisheitszahnes. Angesichts dieser Tatsachen 
kann man sehr wohl die Frage aufwerfen: Wären auch die 
übrigen Zähne zu erhalten gewesen? Wie wir gesehen haben, 
umfasste die Nekrose die vollständigen Alveolen sämtlicher 
extrahierter Zähne einschliesslich eines Teiles des Oberkiefer¬ 
körpers selbst. Oberhalb der Wurzelspitzen der einzelnen Zähne 
ist es zur Abstossung des Kieferknochens gekommen. Mit der 
Ausbreitung in Form einer diffusen septischen Osteomyelitis 
wie hier war aber die Aussicht auf Erhaltung der Zähne von 
Anfang an bedeutend eingeengt. Die frühzeitige und ausge¬ 
sprochene Druckempfindlichkeit sämtlicher Zähne des rechten 
Oberkiefers spricht für diese diffuse Form und damit an- 


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Infektiöse Osteomyelitis des Oberkiefers. 


20b 


scheinend für den nicht zu umgehenden Verlust des ganzen 
rechtseitigen oberen Alveolarfortsatzes samt den Zähnen. 

Trotzdem ist bei allen Kiefererkrankungen die Konser¬ 
vierung gesunder Zähne anzustreben und auch zu erreichen. 
Die Erkrankung der Zähne und der Alveolen kann dabei 
weniger in Frage gezogen werden, denn bei fortgeschrittener 
Kieferostitis werden die Alveolen und Zähne regelmässig mit¬ 
ergriffen. Das liegt an den anatomischen Verhältnissen. Der 
Oberkiefer neigt dabei mehr zur diffusen Verbreitung und zur 
geringeren Osteophytenbildung als der Unterkiefer. Ich habe 
bereits früher in meinen Arbeiten auf diese Eigentümlichkeiten 
aufmerksam gemacht und sie zu erklären versucht. Ebenso 
habe ich schon damals auf die Notwendigkeit einer frühzeitigen 
Freilegung der Knochenabszesse bei akuter Osteomyelitis hin¬ 
gewiesen. Die Zustände decken sich mit denen der Schaft- 
Osteomyelitis. 

Die Lokalisierung der Abszessherde ist meist nicht so 
verschieden, wie angenommen wird. Bei vielfacher Beobachtung 
wird sich auch hierfür meiner Ansicht nach ein mehr konstantes 
Auftreten an bestimmten Punkten feststellen lassen. Vorbedin¬ 
gung hierzu ist allerdings eine möglichst eingehende Beschreibung 
aller vorkommenden Fälle. Sie schaffen, wie Trauner sehr 
richtig sagt, zugleich auch Aufklärung über die Eingangspforte 
der Erkrankung und zeitigen die Erfahrung, dass die Erhaltung 
der Zähne bei rechtzeitigem chirurgischen Eingriff nahezu immer 
gelingt. Diese Erfahrung wird dann weiter noch angeben, wo 
der Abszess zuerst zu suchen ist und wo die breite Eröffnung 
stattzufinden hat. Denn gerade für den Oberkiefer ist ein dies¬ 
bezüglicher Weg noch nicht vorgezeichnet worden. Im vor¬ 
liegenden Falle lag der erste Herd offenbar im Bereich der 
Wurzel des ersten Prämolaren und reichte von labial nach 
palatinal. Man wird gut tun, sich im einzelnen Falle nach der 
Lockerung der Zähne zu richten, die Schleimhaut über diesen 
Zähnen breit aufzuklappen, um den Knochen auf Verfärbung 
zu untersuchen und eventuell eine Probebohrung in die Spon¬ 
giosa vorzunehmen. Gewöhnlich scheint sich der Herd von der 
labialen nach der palatinalen Seite auszubreiten; wenigstens 
gehl dies aus den meisten Krankenberichten hervor. Es emp¬ 
fiehlt sich also, auch palatinal operativ einzugreifen und die 
Trepanation auch von dieser Seite vorzunehmen. 

Auf keinen Fall darf mit dem Eingriffe zu lange gezögert 
werden, weil sonst die Nekrose zu umfangreich wird, zahl¬ 
reichere Zahnfächer mitergreift und so auch die dazugehörigen 
Zähne zum Absterben bringt. Das ist in unserem Falle ge¬ 
schehen. Mithin ist auch darin Trauner wieder recht zu 


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204 


Prof. Dr. Theodor Dependorf, Leipzig: 


geben, wenn er sagt: „Sicher empfiehlt es sich, nach Ablauf 
der gewöhnlichen Frist von sechs Wochen mindestens explo- 
rativ vorzugehen und die natürlichen Vorgänge möglichst zu 
unterstützen.“ Ich glaube sogar, dass dieses explorative Vor¬ 
gehen schon eher erfolgen kann. Unser Fall spricht dringend 
dafür. 

Dieser erste Fall von Oberkiefernekrose, der im vorher¬ 
gehenden geschildert wurde, ist also der lympho-hämatogenen 
Form der Osteomyelitis unterzuordnen. Die Ursache selbst war 
zwar bekannt, der Weg der Infektion jedoch nicht festzustellen. 

Nun ist eine Nekrose des Oberkiefers nicht selten eine 
direkte Fortleitung eitriger Prozesse der Oberkieferhöhle; 
immerhin ist sie aber seltener eine Fortleitung infolge Gangrän 
der Zähne oder eitriger Zahnfleischentzündungen. Am seltensten 
kommen wohl aber Fälle zur Beobachtung, bei denen differential¬ 
diagnostisch ausser diesen beiden Affektionen noch eine dritte, 
nämlich die akute Osteomyelitis in Frage kommt. Dieser Be¬ 
obachtung liegt folgende zweite Krankengeschichte zugrunde. 

Fall II. 

Herr P., Ingenieur, 32 Jahre alt, erkrankte plötzlich an 
Schmerzen im rechten Oberkiefer. Er fühlt sich unwohl, fiebert 
und bekommt spontan eine Anschwellung der rechten Gesichts¬ 
seite. In diesem Zustande sehe ich ihn am vierten Tage der 
Erkrankung. Patient klagt über heftiges Kopfweh und Einge¬ 
nommenheit des Kopfes, zumal der rechten Seite. Er leidet 
häufig an Schnupfen und führt sein schlechtes Befinden auf 
diesen zurück. Patient macht ganz den Eindruck eines Influenza¬ 
kranken, zeigt beschleunigten Puls und abendliche Temperatur¬ 
erhöhung. Die Untersuchung des rechten Oberkiefers ergibt 
eine erhöhte Druckempfindlichkeit aussen bis über den Pro¬ 
cessus iugalis und innen im Bereich der Molaren. Die grösste 
Empfindlichkeit besteht jedoch über dem zweiten Molaren nach 
oben und aussen. Der erste Molar fehlte, er war vor Jahren 
entfernt worden. An dieser Stelle ist das Zahnfleisch blaurot 
verfärbt und stark geschwollen. Der zweite wie auch der dritte 
Molar, die grössere Zahnfüllungen aufweisen, sind ein wenig 
gelockert, aber durchaus nicht druckempfindlich und reagieren 
auch nicht schmerzhaft auf kalt und heiss. Vorsichtshalber ent¬ 
fernte ich beide Füllungen, fand aber die Pulpa normal. Die 
Kavitäten werden darauf mit Ghlorphenol behandelt und mit 
Guttapercha abgeschlossen. 

Eine von der Pulpa ausgehende Zahnaffektion war dem¬ 
nach auszuschliessen. Als Diagnose kam neben akuter Osteo- 


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Iufektiöse Osteomyelitis des Oberkiefers. 


ÜO 5 


rayelitis alsdann noch eine Oberkieferhöhlenentzündung im An¬ 
schluss an chronischen Nasenkatarrh in Betracht. Eine Inzision 
oberhalb des zweiten Molaren entleerte nur Blut, linderte aber 
den Schmerz. Im übrigen überliess ich Patienten der Behand¬ 
lung seines Hausarztes. Nach 14 Tagen findet Patient sich von 
neuem bei mir ein. Er hat inzwischen wegen Influenza die 
längste Zeit das Bett gehütet und fühlt sich, da der Schnupfen 
nachgelassen hat. auch körperlich besser. Die Schmerzen im 
Bereich des Oberkiefers sind dagegen nicht geschwunden. Auch 
die leichte Schwellung besteht noch; sie zeigt aber jetzt eine 
diffuse, phlegmonöse Rötung über dem Jochbogen. Der Alveolar¬ 
fortsatz ist auf Druck mehr empfindlich, der zweite Molar stark 
gelockert. Jetzt entleert sich auf Druck von oben zwischen den 
beiden Molaren Eiter. Das Ligamentum ist im Bezirk • des 
zweiten Molaren bukkal gänzlich abgehoben. Bei der vorge¬ 
nommenen Sondierung fühlt man rauhen, nekrotischen Knochen. 
Nach den obwaltenden Verhältnissen war nunmehr auf eine 
Antrumerkrankung zu schliessen, um so mehr als auch die 
Durchleuchtung des rechten Oberkiefers eine Trübung des 
Schattenbildes zeigte. Ich riet deshalb zur Extraktion. Die Ex¬ 
traktion geht sehr leicht von statten; mit dem Zahne hebt sich 
gleichzeitig und unter geringer Eiterentleerung die ganze Alveole 
des zweiten Molaren, sowie zwei weitere Sequester vom Boden 
der Oberkieferhöhle ab. Diese selbst ist dadurch weit geöffnet. 
Da seitwärts der Einbruchsstelle noch rauher Knochen fühlbar 
ist, wird bukkal und palatinal ein Teil des Randes mit der Lühr- 
schen Zange abgetragen und dadurch der Eingang noch erweitert. 
Es erfolgt weiter kein profuser eitriger oder stinkiger Ausfluss: 
erst bei der Ausspülung der Höhle zeigen sich charakteristische 
weissliche Flocken und bräunlich verfärbter, dickflüssiger Schleim. 
Die Kieferhöhle ist gross und geräumig. Sie lässt sich mit 
dem Finger abtasten. Irgendwelche Neubildungen sind nicht 
wahrzunehmen. Es bestand also ein chronischer Katarrh der 
Kieferhöhlenschleimhaut ohne nennenswerte eitrige Sekretion. 
Die Kieferschleimhaut war über den Molaren zerstört, die Ne¬ 
krose des Oberkiefers von hier aus eingetreten. Diagnose: 
Nekrose infolge chronischen Katarrhs der Oberkieferhöhle und 
Influenza. Der Alveolarfortsatz war osteomyelitisch erkrankt. 
Der dritte Molar liess sich erhalten. Die Sektion des entfernten 
zweiten Molaren ergab in allen Wurzeln eine gesunde Pulpa. 
Der Krankheitsprozess war nach einjähriger Behandlung durch 
Ergänzung des Substanzverlustes und Beseitigung des Oberkiefer¬ 
höhlenkatarrhs beendigt. 

Diese Erkrankung machte anfangs durchaus den Eindruck 
einer Zahnaffektion, im weiteren Stadium dagegen denjenigen 


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Prof. Dr. Theodor Dependorf, Leipzig: 


einer fortgeleiteten Zahnfleischentzündung von den Zwischen- 
septen der Molaren aus und konnte schliesslich, da beide 
Aöektionen sich als nicht vorhanden herausstellten, für eine 
akute Osteomyelitis gehalten werden, die bisweilen im An¬ 
schluss an Influenza beobachtet wird. Als richtige Diagnose 
ergab sich endlich eine Nekrose infolge eitrigen Katarrhs 
der Oberkieferhöhle nasalen Ursprungs und vielleicht kom¬ 
pliziert durch Influenza. Bei Nekrosen des Oberkiefers darf 
daher eine primäre Erkrankung des Antrums für die Aetiologie 
nicht ausser acht gelassen werden. 

Im Gegensatz zu dem zuerst beschriebenen Fall trat hier 
die Lockerung der Zähne erst spät ein. Die Wurzeln schwammen 
dabei keineswegs in Eiter, vielmehr fand eine Eiterentleerung 
durch die Alveole distobukkal statt. Spricht dieser Umstand 
einmal für die fortgeleitete Affektion seitens der Kieferhöhle, 
so weist auch der zweite Befund, die Zerstörung und der 
Durchbruch der Schleimhaut am Boden der Kieferhöhle 
darauf hin. 

II. Akute Periostitis des Unterkiefers. 

Fräulein E. M., 45 Jahre alt, fettleibig und vollblütig, 
bisweilen von Rheuma geplagt, sonst gesund, klagt im Fe¬ 
bruar 1908 über rasende Schmerzen im rechtseitigen Unter¬ 
kiefer. Diese Schmerzen bestehen seit zwei Tagen fast ununter¬ 
brochen. Patientin vermag einen Zahn als den Urheber der 
Schmerzen nicht anzugeben, sie verlegt diese vielmehr mit aller 
Bestimmtheit in den Unterkiefer selbst. 

Die Untersuchung zeigt im Unterkiefer rechts nur einige 
Zähne; es stehen noch 5, 3,2, 1; links dagegen nur 1, 2, 3, 4. 
Im Oberkiefer fehlen die Molaren und zwei Prämolaren auf 
beiden Seiten, ebenso der rechte seitliche Incisivus. Die Zähne 
sind mit Ausnahme von p 21 nicht kariös; Zahnsteinbelag ist 
überall vorhanden, Lockerung einzelner Zähne nur an oberen 
Zähnen infolge Alveolarpyorrhoe festzustellen. Die Pulpa des 
kariösen unteren ersten Prämolaren ist weder freiliegend noch 
sonst erkrankt. Sie reagiert auf Temperaturunterschiede und 
auf Induktionsstrom normal. Perkussion des Zahnes löst keine 
schmerzhaften Erscheinungen aus. Im Bereich der Frontzähne 
ist das Periost und die Schleimhaut am Kieferkörper druck¬ 
empfindlich; die Gewebe sind gerötet und aufgetrieben. Ebenso 
erweist sich der Unterkieferkörper an der Innenseite empfind¬ 
lich. Aus Bf wurden die kariösen Massen entfernt und die 
Kavität mit Chlorphenolfletcher verschlossen. Der erkrankte 
Unterkiefer wird mit Jodtinktur behandelt; Patientin erhält 


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Akute Periostitis des Unterkiefers. 


207 


Pyramidon und Eispillen verordnet, sowie die Anweisung, als¬ 
bald wiederzukommen, falls die Schmerzen nicht vorübergehen. 

Patientin kommt am nächsten Tage wieder und behauptet, 
keinen Augenblick geschlafen zu haben. Sie klagt über heftige 
Schmerzen, Fieber und Schüttellröste. Die vorgenommene 
Temperaturmessung ergibt Fieber. Heute ist auch die Unter¬ 
lippe rechts gegen leise Berührung empfindlich. Die Rötung 
hat gegen den vorangegangenen Tag noch zugenommen, die 
Druckempfindlichkeit ebenfalls. Jetzt sind auch 3 2 1 1 gegen 
Perkussion empfindlich; 5 } dagegen nicht. Die Diagnose 

wird nunmehr auf akute Periostitis gestellt. 

In Narkose wird innen wie aussen im Bereich von 5 — 11 
breit und tief inzidiert und die Schleimhaut aussen aufge¬ 
klappt. Der Knochen erweist sich als vollständig intakt; auch 
aufgeschlagen unter 4 3 f zeigt er nichts Verdächtiges. Deshalb 
wird von weiterer Eröffnung abgesehen. Bei Sj ist ein Wurzel¬ 
rest nicht festzustellen. Die Blutung ist reichlich, lässt sich 
aber durch Tamponade stillen. Patientin wird, nachdem sie 
sich erholt, mit den nötigen Anweisungen nach Hause entlassen. 

Am darauffolgenden Tage sind die heftigen Schmerzen 
vorüber, das Fieber ist gesunken und das Allgemeinbefinden, 
bei Oedem der Wange, befriedigend. 

Am dritten Tage ist Patientin wieder soweit hergestellt, 
dass sie zur Behandlung kommen kann und nach 6 Tagen 
sind die Wunden nahezu geschlossen. 

Dieser Fall erinnert an die seinerzeit von Weil (München) 
in der „Medizinischen Wochenschrift“ beschriebenen Fälle akuter 
Periostitis des Unterkiefers. Er erinnert aber auch an manche 
andere, in der Literatur bekannt gegebene Fälle von rheuma¬ 
tischer Periostitis. Patientin gab als Ursache eine Erkältung 
während einer Schlittenfahrt an. Die Zähne gaben für die Er¬ 
krankung keinerlei Anhalt ab, so dass die Erkältung wohl als 
Ursache der Entzündung herangezogen werden muss. Die Früh¬ 
inzisionen waren auch hier vom besten Erfolge begleitet. 

Den gleich günstigen Erfolg zeitigte diese Behandlung 
auch bei einem anderen ganz ähnlichen Fall von akuter Peri¬ 
ostitis im rechtseitigen Unterkiefer. Ein 21 jähriger Musketier 
klagte über grosse Schmerzen im Unterkiefer der rechten Seite, 
Schmerzen, die besonders nach dem Kinn zu ausstrahlen sollten 
und die vom Patienten mit Bestimmtheit in den Knochen ver¬ 
legt wurden. Eine Hyperästhesie der Lippe bestand in diesem 
Falle nicht; auch die Druckempfindlichkeit des Kieferkörpers 
war nicht so ausgesprochen vorhanden, wohl aber eine er¬ 
höhte Perkussionsempfindlichkeit von 3 2 1 1, deren Pulpen je- 


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208 Prof. Dr. Th. Dependorf: Akute Periostitis des Unterkiefers. 

doch nicht abgestorben sind, sj reagierte stark, die übrigen 
normal auf Induktionsstrom. Sämtliche Zähne des prächtigen 
Gebisses sind kariesfrei, der Zahnsteinansatz ist sehr gering. 
Unter Lokalanästhesie wurde eine breite Inzision im Bereich 
von 4 — 1 1 aussen ausgeführt, die Schleimhaut unter yj aufge¬ 
klappt und 1 Tag die Wunde tamponiert. Nach 3 Tagen war 
unter Zuhilfenahme von Mundspülungen der Prozess schmerz¬ 
los ausgetragen. 

Auch dieser Fall kam im.Winter — Jänner 1907 — zur 
Behandlung und Patient führte eine Erkältung, die er sich 
beim Exerzieren zugezogen haben wollte, als Ursache seiner 
Erkrankung an. 

In einem dritten Falle erwies sich sekundäre Lues als 
Ursache einer rechtseitigen Unterkieferperiostitis. Die Patientin, 
ein 25jähriges Dienstmädchen, wusste angeblich nichts von 
einer diesbezüglichen Infektion. Sie klagte über heftige, reissende, 
anhaltende Schmerzen im Bereich der rechten Unterkieferhälfte. 
Im lückenhaften Gebiss fehlt im Ober- wie im Unterkiefer eine 
Anzahl von Molaren. Frontzähne und Prämolaren sind grössten¬ 
teils mit Füllungen versehen. 

Der weitere Befund ergibt rechtseits im Unterkiefer karies¬ 
freie Antemolaren, den zweiten Prämolaren mit Amalgam ge¬ 
füllt und einen Molaren mit geringer Fissurenkaries. Die beiden 
ersten Molaren fehlen. Der gefüllte Prämolar ist nicht schmerz¬ 
haft und reagiert normal. 

Der Kieferkörper ist unter 5 4 3 j entzündlich infiltriert 
und auf Druck schmerzhaft. Die Entzündung hat auch die Kinn¬ 
partie ergriffen. Die in den Bereich der Entzündung fallenden 
Zähne sind nicht gelockert, wohl aber gegen Perkussion emp¬ 
findlich. 

Das ganze Gebiss zeigt einschliesslich der Zähne der 
rechten Unterkieferhälfte keinen ursächlichen Zusammenhang 
mit den heftigen Schmerzen im Bereich des rechten Unter¬ 
kiefers. Bei Untersuchung des hinteren Teiles der Mundhöhle 
werden am weichen Gaumen beiderseits frische luetische Ge¬ 
schwüre wahrgenommen. Patientin kann sich diese Geschwüre 
nicht erklären und behauptet, keinerlei Beschwerden durch sie 
zu haben. Die lokale Behandlung bestand in einfacher breiter 
Inzision an der labialen Fläche des rechtseitigen Unterkiefer¬ 
körpers, nach welcher die bestehenden heftigen Schmerzen fast 
momentan verschwanden. Zur Allgemeinbehandlung wurde die 
Patientin der inneren Klinik überwiesen. 


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Dr. K. Höncz, Klausenburg: Die Xerostomie. 


209 


Nachdruck nicht gestattet. 


Die Xerostomie. 

Von Dr. K. Höncz, Dozent für Mund- und Zahnkrankheiten 

in Klausenburg. 

Nach einem Vortrage, gehalten in der Sektion für Stomatologie am XVI. Inter¬ 
nationalen medizinischen Kongress in Budapest (September 1909). 

In der Mundhöhle befindet sich unter normalen Verhält¬ 
nissen stets eine Flüssigkeit, der sogenannte Mundspeichel, 
welcher bekanntlich eine Mischung der vier sich in die Mund¬ 
höhle ergiessenden Drüsensäfte ist, welche teils aus den Schleim¬ 
drüsen der Mundhöhle, teils aber aus dem Sekrete der drei 
Speicheldrüsen: Parotis, Submaxillaris und Sublingualis ge¬ 
bildet wird. 

Dieser gemischte Mundspeichel ist eine schwach trübe, 
etwas fadenziehende alkalische Flüssigkeit von 1*002 bis 1*009 
spezifischem Gewicht, ohne Geschmack und Geruch. Seine Ge¬ 
frierpunktserniedrigung beträgt nur — 0*2 bis — 0-4°. Bei län¬ 
gerem Nüchtemsein und nach vielem Sprechen kann die Reak¬ 
tion sauer werden. Die Trübung des Speichels rührt von seinen 
morphologischen Bestandteilen her: 1. Mundepithelien, 
platte grosse Zellen, zuweilen noch in natürlichem Zusammen¬ 
hänge; 2. Speichel oder Schleimkörperchen, die den 
farblosen Blutzeilen ähnlich lebhafte Brosonsehe Mollekular-, 
sowie amöboide Bewegung zeigen. Die Menge seiner festen 
Bestandteile schwankt zwischen V* und 1 Prozent, weshalb 
man den Speichel — die Tränenflüssigkeit und Schweiss aus¬ 
genommen — als das wasserreichste und an festen Bestand¬ 
teilen ärmste Sekret deklarieren kann. 

Die in 24 Stunden sezernierte Speichelmenge wird sehr 
verschieden geschätzt, so sind es nach Gohnheim 1 bis 
2 Liter, nach Hermann 0*25 bis 2 Liter, nach Landois 
1*5 bis 2 Liter, nach Tuczek 05 bis 1*5 Liter, nach Bidder 
und Schmidt 1 bis 2 Liter. 

Die chemischen Bestandteile des Mundspeichels sind: 
Wasser, Salze, besonders Chloralkalien, Chlorkalium und Chlor¬ 
natrium, etwas phosphorsaure Alkalien und Erden, ferner nicht 
unbeträchtliche Mengen von Kalziumkarbonat. Endlich finden 
sich noch im Speichel geringe Mengen von Rhodankalium 
(Schwefelzyar.kalium). 

Anmerkung: Es dürfte wohl bekannt sein, dass Dr. W r i g h t 
Beach (Buffalo) in der Aetioiogie der Zahnkaries dem Rhodankalium eiue 


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Doz. Dr. K. Höncz. Klausenburg: 


sehr wichtige Rolle zuschreibt; nach seinen Untersuchungen sind diejenigen 
Patienten frei von Karies, die genügend Rhodankalium im Speichel haben 
und diejenigen, bei denen Rhodankaliutn nicht vorhanden ist, von Karies 
stark befallen. Innerliche Dosierung von RhödanKalium (0*03 Gr. pro die) 
bringt Karies zum Stillstand und zur Heilung, macht die Zähne weniger 
empfindlich und ist auch als prognostisches Zeichen sehr wertvoll. 

Um das Rhodankalium im Speichel nachzuweisen, verfährt Wright 
foteendermasseii: Man fügt zu 2 Ccm. Speichel ebensoviel destilliertes Wasser, 
schüttelt tüchtig durcheinander, fügt fünf Tropfen Ferrum sesqnichloratum 
solutum hinzu und schüttelt wieder. Ist die Flüssigkeit strohfarben, so ist 
wenig oder gar kein Rhodankalium vorhanden; ist sie backsteinfarbig, so sind 
die Zähne sicher. Ist sie weinfarbig, so ist eine Behandlung kontraindiziert. 
Ich selbst habe es mir zur Aufgabe gestellt, von nun an auch mein Augen¬ 
merk auf den Rhodankaliumgehalt des Speichels zu richten und benütze 
teils die von Wright Beach vorgeschriebene und auch sonst allgemein 
angewandte Reaktionsmethode, teils aber die mir von Prof. Udranszky 
angeratene, sehr einfache Methode, nämlich die Auwendung des Gscbeidlen- 
papiers, welches auf die Art des Lakmuspapiers die Reaktion sofort anzeigt. 
Das hellgelbe Papier nimmt bei Gegenwart des Rhodankalinms eine rötlich¬ 
braune Farbe an. Dieses Gscheidlenpapier kann sich jedermann sehr leicht 
selbst verfertigen. Filtrierpapier wird in salzsäurehaltige Eisenchloridlösung 
getaucht, getrocknet und in Streifen geschnitten. Das Papier soll in einem 
braunen Glase aufbewahrt werden. 

In vielen hundert Fällen habe ich den Speichel auf diese Art unter¬ 
sucht, konnte mich jedoch von der Wahrheit dieses Axioms nicht überzeugen. 

An organischen Stoffen enthält der Speichel eine Spur 
Albumin, ferner Ylucin und einen Fermentstoff, die Speichel- 
diastase, das Ptyalin. 

Nach der Analyse von Hammerbock sind im gemischten 
Speichel eines gesunden jungen Mannes: 


Wasser. 994*2 

Feste Stoffe . ..5*8 

Epithelien und Mucin.2-2 

Ptyalin und Albumin.1*4 

Anorganische Salze.2*2 

Rhodankalium.0*14 


Der Speichel enthält schliesslich noch Gase, und zwar 
Kohlensäure und etwas Sauerstoff. 

Soviel hielt ich von der Physiologie und Chemie des 
Speichels für notwendig anzuführen, die Bildung des Speichels 
sowie seine physiologische Bedeutung und Rolle bei dem Ver¬ 
dauungsprozesse kann ich ganz übergehen und füge nur noch 
einige Worte über die Innervation der Speicheldrüsen und das 
Speichelzentrum bei. 

Die Speicheldrüsen sind die ersten Drüsen, bei denen 
Ludwig einen Sekretionsnerv, den Nervus lingualis entdeckte. 
Eckhard fand dann, dass ausserdem noch der Nervus sym- 
pathicus auf die Drüsen wirkt. Die genauere Aufklärung der 


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Die Xerostomie. 


211 


peripheren Innervation der Speicheldrüsen aber verdanken wir 
Haidenhain, der die Sekretion beherrschenden Reflexe 
P a w 1 o w. Man unterscheidet Absonderung des Speichels durch 
psychische Motive (so beim Anblick und bei der Vorstellung 
von Speisen) und durch Reflex (mechanische, chemische und 
gustative der Mundschleimhaut); beim Kauen soll ausserdem 
noch auch eine assoziierte Sekretion stattfinden. 

Die sekretorischen Nerven gehen zur Submaxillar- und 
Sublingualdrüse durch den Fazialisstamm, die Chorda tympani 
und den Ramus lingualis trigemini; für die Parotis durch den 
Glossopharyngeus, den Nervus Jakobsoni, den Petrosus super¬ 
ficialis minor, das Ganglion oticum und den Auriculotempo- 
ralis. Ausserdem empfangen noch alle Speicheldrüsen vom Hals¬ 
sympathikus sympathische Fasern. Auf elektrische Reizung der 
Gehirnnerven sezernieren alle Drüsen ein sehr reichliches, 
dünnes Sekret; auf Reizung des Sympathikus hingegen kommt 
aus den Schleimdrüsen spärliches, dickes, äusserst mucinreiches 
Sekret. Der Reflex vom Munde aus erregt nur die zerebralen 
Nerven. 

Diese komplizierten Assoziationen beweisen den Zusammen¬ 
hang der Speicheldrüsen mit dem Grosshirn, doch ist über den 
Verlauf der Bahnen jenseits der Medulla oblongata derzeit 
noch nichts bekannt. Hier liegt sowohl für die zerebralen als 
auch für die sympathischen Fasern (Bernard, Eckhard 
und Loeb. Grützner usw.) das Zentralorgan der Speichel¬ 
drüsen. Wird am Boden des vierten Ventrikels ein Stich ge¬ 
macht, so tritt Speichelsekretion ein. Die psychischen Einflüsse 
werden von bestimmten Rindenbezirken aus vermittelt (Lu¬ 
pine, Hemer). 

Im nüchternen Zustand ist die Speichelsekretion gering, 
wird durch Sprechen und Rauchen, durch den Geruch, ja 
sogar schon durch die Vorstellung eines leckeren Mahles ge¬ 
steigert und durch Einleitung von Kaubewegungen ad maximum 
gebracht. Die Speichelsekretion wird ferner um so reichlicher, 
je trockener die aufgenommenen Speisen und je fester und 
derber sie sind, weil letztere Eigenschaft entsprechend stärkere 
Kaubewegungen hervorruft. Nach Beobachtung von S h o f i e 1 d 
an einem Menschen mit Parotisfistel beginnt etwa eine Minute 
nach Aufnahme des ersten Bissens Speichel aus der Fistel¬ 
öffnung auszufliessen; besonders reichlich erfolgte die Sekretion 
nach Genuss von Zucker, sowie nach Reizung der Mund¬ 
schleimhaut durch Pfeffer oder durch Salz. Ebenso wirkten 
Säuren und ätherische Oele sekretionbeschleunigend. 

Die Speichelsekretion wird ausserdem durch Einführung 
von Quecksilber und Jodverbindungen, von Morphium, Nikotin, 

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212 


Doz. Dr. K. Höucz, Klausenburg: 


Physostigmin, Pilokarpin und Blausäurevergiftung gesteigert. 
Grützner sah Steigerung der Speichelsekretion bei Kochsalz¬ 
genuss in kleinen Dosen. 

Speichelfluss kann man ferner bei Dysmenorrhöe, bei 
zerebraler Kinderlähmung, bei Rhinitis chronica, bei Stomatitis 
ulcerosa, bei chronischem Magenkatarrh und progressiver Para¬ 
lyse sehen. 

Bei Hysterie kann Hyper-, aber auch Hyposekretion 
(Oligosialia) Vorkommen, bei Neurasthenie ist oft Abnahme der 
Speichelabsonderung und nur manchmal eine pathologische 
Steigerung beobachtet worden. Die Sekretion der Speichel¬ 
drüsen kann durch eine Erschütterungsmassage von 5 Minuten 
Dauer angeregt werden und erreicht nach 10 Minuten das 
Maximum. Dabei zeigt der Speichel dieselbe Beschaffenheit, 
wie nach Reizung der Chorda tympani, er ist klar, hell, wäs¬ 
serig und stark alkalisch (Colombo). 

Atropin, Cicutin, Daturin und Jodäthylstrychnin, ebenso 
schwere Infektionen und die dadurch hervorgerufenen stark 
erschöpfenden Krankheiten rufen eine Verminderung, ja manch¬ 
mal sogar ein vollkommenes Aufhören der Speichelsekretion 
(Asialia) hervor. Es bilden sich dann dicke, „fuliginöse“ braune 
oder weisse Ueberzüge, namentlich an der Zunge, Gaumen und 
am Rachen. Das typische Beispiel ist die „Typhuszunge 0 . 
Auch diese Anomalie kann eine nur scheinbare sein, her¬ 
vorgerufen dadurch, dass der Patient zur Mundatmung ge¬ 
zwungen ist und dadurch eine vermehrte Austrocknung der 
Mundflüssigkeiten bedingt wird. 

Bei Lähmungen des Fazialis und Sympathikus fand man 
auch eine Verminderung der Speichelsekretion. Bei Verschluss 
der Ausführungsgänge der Speicheldrüsen, ebenso bei den chro¬ 
nisch-entzündlichen Vorgängen der Speicheldrüsen stellt sich 
natürlicherweise auch eine Verminderung oder gar völliges Auf¬ 
hören der Salivation ein, selbstverständlich jedoch nur tem¬ 
porär, denn weicht die Ursache, so schwindet auch die Folge. 

Wenn wir jedoch von einem Patienten die Klage hören, 
dass sein Mund seit längerer Zeit immer trocken ist, dass 
er sich demzufolge unwohl fühlt und unruhig schläft, wenn 
wir weiter bei der Untersuchung des Mundes eines solchen 
Patienten eine rote, rissige, dem rohen Fleische 
sehr ähnliche trockene Zunge finden, und diese 
Trockenheit au-ch an der Schleimhaut der Wangen, 
hartem und weichem Gaumen finden, so haben wir 
es mit einer Krankheit sui generis zu tun. Es ist dies eine 
Xerostomie. 


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Die Xerostomie. 


913 


Die Xerostomie kommt in der sehr spärlichen Literatur 
auch unter den Namen „A ptyalismus“, „Asialia“, als „Dry 
mouth“ und bei den Italienern als Morbus Zagarii vor und ge¬ 
hört zu den seltensten Krankheiten. Dr. Fellenz in Neuwied 
hat in seiner Inauguraldissertation über Xerostomie die ganze 
Literatur sehr gründlich durchforscht und nur 39 Fälle ge¬ 
funden. Seit 19 Jahren in meinem speziellen Fache für Mund¬ 
krankheiten tätig, konnte ich bisher nur zwei Fälle von un¬ 
anfechtbarer und ausgesprochener Xerostomie beobachten. In 
der Literatur fand ich bis Ende 1908 bloss zwei weitere Fälle 
verzeichnet (Ribolla und Kersting). 

Teils die ausgesprochene Seltenheit dieser Krankheit, teils 
aber die Nichtbeachtung der Xerostomie in den grossen En¬ 
zyklopädien und einschlägigen Handbüchern machen es mir 
zur Pflicht, meine Ansichten, Erfahrungen und Beobachtungen 
an diesem Orte der Oefifentlichkeit zu übergeben. 

Nach Dr. Fellenz wurde die Xerostomie von Doktor 
Bartley in der „Medical Times and Gazette“ im Jahre 1868 
zuerst beschrieben, dann berichteten im Jahre 1888 über je 
einen Fall Hutchinson und Hadden. ln Deutschland publi¬ 
zierte zuerst Seifert im Jahre 1889 die Krankheitsgeschichte 
eines an Xerostomie Leidenden. 

Ueber die Aetiologie der Xerostomie wissen wir 
nichts Bestimmtes. 

So viel steht fest, dass diese Krankheit auch bei gesunden 
Personen manchmal ganz plötzlich auftreten kann. Die bei so 
manchen Krankheiten und Komplikationen beschuldigte Influenza 
soll bei der Entstehung der Xerostomie auch in Betracht 
kommen, ebenso auch der Mumps und sonstige Entzündungen 
der Speicheldrüsen, insbesondere diejenigen, welche sofort in 
chronischer Form auftreten oder aber von der akuten Form 
in die chronische übergehen. 

Das spezifische Drüsengewebe wird in diesen Fällen durch 
das vermehrte und dann schrumpfende Bindegewebe — analog 
der Leberzirrhose — vernichtet. Als ursächliches Moment wird 
auch ein gutgewürztes Abendessen und ein starker Widerwille 
bei der erstmaligen Anprobe eines falschen Gebisses erwähnt. 

Heftigem psychischen, sowie auch physischen Shock wird 
auch eine wichtige Rolle zugeschrieben. 

Jurasz und Ward sahen Xerostomie nach völligem 
Verlust der Zähne auftreten und Besserung nach Einsetzen 
eines künstlichen Gebisses. 

Krankheitsbild. Das Hauptsymptom bildet die Mund¬ 
trockenheit. Bei der Inspektion des Mundes finden wir die 
Schleimhaut trocken, glänzend, glatt und blass; die Zunge 

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Doz. Dr. K. Höucz. Klausenburg: 


ist trockenem rohem Fleische ähnlich, rot, rissig und vom 
Epithel entblösst. Beim Antasten der Zunge, insbesondere aber 
der Schleimhäute des Mundes bekommen wir das Gefühl einer 
klebrigen Froschhaut (Jurasz). Die Schleimhaut selbst ist 
manchmal hart, selbst atrophisch und schmerzhaft. In einigen 
Fällen finden wir neben dieser Trockenheit des Mundes auch 
eine Trockenheit der Nase (Rhinitis sicca), des Pharynx und 
Larynx (Pharyngitis-Laryngitis sicca) und selten auch Trocken¬ 
heit der Augen. In den 39 Fällen, über die Dr. Fellenz 
referiert hat, war der Mund allein nur in 15 Fällen trocken, 
ln meinen zwei Fällen war nur Trockenheit des Mundes vor¬ 
handen. 

Beinahe sämtliche Autoren stimmen darin überein, dass 
die Zähne bei dieser Krankheitsform alsbald kariös werden, 
ausfallen oder gezogen werden müssen. 

Prof. Dr. Seifert teilt hingegen in der „Wiener klinischen 
Wochenschrift“ (1889, Nr. 46) und im „Zentralblalt für kli¬ 
nische Medizin“ (1890) zwei Fälle mit, bei denen die Zähne 
bei zwei Männern trotz ihres hohen Alters (65 und 75 Jahre) 
erhalten waren. Bei einem meiner Fälle, einer 28 jährigen 
Dame, waren die Zähne vorhanden, mit Ausnahme des ersten 
und zweiten Prämolaren; in den meisten Zähnen jedoch Karies 
geringeren Grades. Die vorderen Zähne konnten wegen Fehlen 
der Salivation ohne Kofferdam mit Gold gefüllt werden, 
ln meinem zweiten Falle — eine 58 jährige Frau — waren 
im Oberkiefer nur noch sechs, im Unterkiefer acht Zähne vor¬ 
handen. 

Die Untersuchung der Speicheldrüsen und deren 
Ausführungsgänge soll nie unterlassen werden. 

Jurasz sah von den durch ihn beobachteten sechs 
Fällen bei dreien Parotiden und einigemale auch die Sub- 
maxillaris gleichzeitig vergrössert und verhärtet. Die Vergrösse- 
rung war in allen Fällen schmerzlos und derb. Battle und 
Hutchinson hatten Patienten, bei denen andauernde Mund¬ 
trockenheit vorhanden war, trotz nur intermittierender Parotis- 
anschvvellung. Die Ausführungsgänge der Speicheldrüsen waren 
durchwegs durchgängig, bloss Bartl ey und Dune an hatten 
je einen Fall, bei denen der Ductus Wartonianus, bzw. Ste- 
nonianus undurchgängig waren. 

Meiner Ansicht nach kann die Passage der Ausführungs¬ 
gänge bei der Xerostomie nicht in Betracht gezogen werden, 
denn sind deren Stenosen oder Obliterationen auch vorhanden, 
so ist es einerseits nicht wahrscheinlich, dass alle sechs Aus¬ 
führungsgänge obturiert wären, anderseits aber würden die 
zahllosen Schleimdrüsen der Mundhöhle die Trockenheit paraly- 


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Die Xerostomie. 


215 


sieren. Aus diesem Grunde schreibe ich auch dem Zustand 
der Drüsen keine besondere Wichtigkeit zu; derGrund und 
Sitz dieser Krankheitsform ist ein tieferer, ein in 
dem Zentralorgane gelegener. 

Der grösste Teil der Autoren erwähnt nicht die R e a k t i o n 
der Mundflüssigkeit, einige fanden sie alkalisch, andere, so 
Fraser und Hadden sauer, welche zugleich das Fehlen des 
Ptyalins konstatierten. In meinen zwei Fällen war die Reaktion 
schwach alkalisch. Fraser und Hadden erwähnen auch, 
dass die Mundtemperatur in ihren Fällen um 1 bis 
2° Fahrenheit höher war, als in der Axilla. Nachdem auch unter 
normalen Verhältnissen die Mundtemperatur immer um 0*2 
bis 0*4 0 G. höher ist, als in der Achselhöhle, so ist diesem 
Umstande keine Wichtigkeit zuzuschreiben. 

Der Geschmack ist in den meisten Fällen beeinträchtigt, 
bloss Fraser hatte einen sehr ausgesprochenen Fall, bei 
dem trotzdem der Geschmack völlig intakt war. 

Bei der Prüfung des Geschmackes muss auf die vier 
Grundempfindungen: süss, salzig, bitter und sauer geachtet 
werden. Man benützt gewöhnlich zur Untersuchung Syrupus 
simplex, konzentrierte Kochsalzlösung, Chinin oder Extr. Gen- 
tianae, sehr dünne Salz- oder Essigsäure. Das schwer erreich¬ 
bare Glossopharyngeusgebiet (Papillae circumvallatae) wird 
zumeist nicht zur Prüfung herangezogen, vielmehr beschränkt 
man dieselbe auf das Lingualisgebiet, auf die vorderen zwei 
Drittcile der Zunge. Man lässt die Zunge herausstrecken, gibt 
den Kranken Anweisung, dieselbe nach dem Betupfen nicht 
sofort zurückzuziehen, sondern abzuwarten, bis eine Geschmacks¬ 
empfindung auftritt und dann die Art derselben durch Hin¬ 
zeigen mit dem Finger auf eines der aufgeschriebenen Worte: 
süss, sauer usw. zu bezeichnen. Die Schmeckstoffe träufelt man 
am besten aus kleinen Pipetten, welche in den betreffenden 
Fläschchen stehen, auf die Zunge. Man prüft jede Zungenhälfte 
für sich und bestreicht nur die Randpartien der Zunge, nicht 
die Mitte des Rückens, welche den Geschmack nicht vermittelt 
Die Säure appliziert man zuletzt, weil sie das Geschmacksver- 
mögen abstumpft. 

Im allgemeinen begnügt man sich mit der qualitativen 
Prüfung. Ist eine Abschwächung, aber keine völlige Aufhebung 
des Geschmackes vorhanden, so sucht man durch Vergleichung 
der beiden Zungenhälften unter sich oder durch vergleichs¬ 
weise Prüfung einer normal schmeckenden Person ein Urteil 
zu gewinnen. 

Gleich wichtig und interessant ist auch die Untersuchung 
des Geruchssinnes, welche deshalb nie unterlassen werden 


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216 


Doz. Dr. K. Höncz, Klausenburg: 


sollte. Behufs der quantitativen Feststellung der Geruchsschärfe 
genügt die ältere Methode (Fröhlich, Lichtenfels), nach 
welcher die Duftstärke einer Riechquelle mit der Entfernung 
abnimmt. Man vergleicht daher die Entfernung, in welcher der 
Kranke eben nichts mehr zu riechen vermag, mit derjenigen, 
welche man unter gleichen Bedingungen beim Gesunden findet. 
Die neueren exakteren, aber auch bedeutend komplizierteren 
Methoden von Iwaardemacker und Savelieff können 
hier ganz übergangen werden. Um die verschiedenen Gerucha- 
empfindungen, wie ätherisch, brenzlich, faulig, aromatisch und 
sauer zu erkennen und eventuelle pathologische Störungen des 
Geruchssinnes zu finden, ist es erforderlich, ausschliesslich 
solche flüchtige Substanzen anzuwenden, welche zwar stark 
riechen, aber nicht die Endigungen der Nasalzweige des Tri¬ 
geminus in der Nasenschleimhaut erregen, also als reine Ge¬ 
ruchsreize angesehen werden können. Hieher gehören Methyl- 
merkaptan, Asa foetida, Kampfer, Thymol, Valeriansäure. — 
Ammoniak» Salzsäure und andere durch ihren stechenden Ge¬ 
ruch charakteristische Chemikalien sind nicht zu verwenden. 

Meine zwei Patienten, auf diese Art untersucht, zeigten 
eine bedeutende Herabsetzung der Schmeckfähigkeit, einer auch 
der Geruchsschärfe. 

Die Beschaffenheit der Haut wird nur von einigen Autoren 
angegeben, von diesen aber zumeist als mässig trocken oder 
aber trocken erklärt. In meinen zwei Fällen war, wie bei dem 
von Dr. Lartigan („Zentralblatt für Laryngologie“, 1899) und 
Kersting beschriebenen Fall, die Haut am ganzen Körper 
sehr trocken und sozusagen gar keine Schweisssekretion. Ich 
halte diese Wechselwirkung zwischen der Tätigkeit der Speichel¬ 
und der Hautdrüsen für sehr wichtig, denn auch dieser Um¬ 
stand spricht für die Annahme, dass der Krankheitsherd 
der Xerostomie nicht in der Beschaffenheit der 
Drüsen und deren Ausführungsgänge, sondern 
in dem Zentralorgane der Speichelsekretion zu 
suchen ist. 

Von den funktionellen Störungen, welche die 
wahre klassische Xerostomie begleiten, gehört vor allem die 
Sprache, welche, gerade so wie wir es gewiss schon auch 
an uns selbst beobachten konnten (im fieberhaften Zustande 
oder aber nach tiefem Schlafe bei offenem Munde), durch das 
Fehlen jeglichen Speichels etwas erschwert ist. Auffallend 
war ausserdem bei meinen Patienten die Verminderung 
des Schluckens. Bei dem Legen von Goldfüllungen, wo 
also auch psychische Momente sich hinzugesellten, fühlten die 
Patienten nicht das Bedürfnis des Schluckens; das sogenannte 


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Die Xero8tomie. 


217 


Leerschlucken blieb ganz aus und war auch auf Aufforderung 
nicht ausführbar. 

Trotz Fehlens des Speichels war die Verdauung in 
keinem der publizierten Fälle gestört, die diastatische Wirkung des 
Speichels scheint das diastatische Enzym, die sogenannte Pan- 
kreasdiastase, in vollem Masse zu übernehmen. Die Rolle des 
Speichels als Lösungsflüssigkeit für Salze und Zuckerarten wird 
durch mitgenossene Flüssigkeiten und Magensaft ersetzt. 

Das Allgemeinbefinden war bei den meisten 
Patienten ein ungetrübtes, einige sollen mehr oder weniger 
nervös gewesen sein. Von solchen Erkrankungen, welche 
die Xerostomie als Folgeerscheinung bedingen könnten, wird 
keine Erwähnung getan. Meiner Ansicht nach wird es in Zu¬ 
kunft sehr nötig sein, unser Augenmerk auf die Abnormitäten, 
d. h. pathologischen Veränderungen im Zentralorgane zu lenken 
und Patienten, die an ausgesprochener Xerostomie leiden, auch 
von Neurologen gründlich untersuchen zu lassen. 

In meinen zwei Fällen waren Veränderungen des Nerven¬ 
systems vorhanden; in einem Falle Neurasthenie, in dem andern 
eine schwere Hysterie, deren Besitzerin durch Selbstmord ihrem 
qualvollen Leben ein Ende setzte. Herderkrankungen konnte 
ich nicht finden, die Beiziehung eines Neurologen liess letztere 
Patientin nicht zu. 

Der Verlauf der Xerostomie ist ein chronischer; der 
Beginn oft ein plötzlicher nach vorangegangenem körperlichen 
und seelischen Shock, dem eine stetige Steigerung des Leidens 
folgt, den Kulminationspunkt erreicht und jahrelang unverändert 
weiterbesteht. 

Die Diagnose der Xerostomie ist leicht; die Patienten 
offenbaren uns selbst ihre Krankheit durch ihre Klage, dass sie 
keinen Speichel und demzufolge immer trockenen Mund haben. 
Die Mundtrockenheit ist aber nur das Hauptsymptom der 
Krankheit und eine Folge eventueller abgelaufener chronischer 
Schleimdrüsenentzündung, Obturation der Speichelgänge, haupt¬ 
sächlich aber von Veränderungen im Zentral¬ 
nervensystem und auf diese müssen wir, wie schon betont 
wurde, in Zukunft unser Augenmerk richten. 

Aus dem früher Angeführten ergibt sich auch die Pro¬ 
gnose; dieselbe ist bei den essentiellen Fällen, wo also die 
Mundtrockenheit nicht durch Veränderungen der Speichel¬ 
drüsen und Undurchgängigkeit der Ausführungsgänge veran¬ 
lasst ist, geradezu trostlos; der Zustand kann jahrelang un¬ 
verändert bestehen, ln den Fällen von Jurasz, in denen eine 
Vergrösserung und Verhärtung der Parotiden und Submaxillaris 
vorhanden war, trat eine Besserung nach dem Einsetzen eines 


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Doz. Dr. K. Höncz, Klausenburg: 


künstlichen Gebisses ein. Ebenso in dem Fall von W ard, wo 
die Xerostomie nach dem Anpassen eines künstlichen Gebisses 
plötzlich auftrat, also nach einem seelischen Shock, Besserung 
nach dem Tragen glatter Sternchen im Munde und Heilung 
durch ein künstliches Gebiss sich einstellte. 

Ueber den Sitz der Krankheit ist bisher noch wenig 
geschrieben worden, wenn man aber die Angaben der ein¬ 
zelnen Autoren über den Zustand der Speicheldrüsen und 
deren Ausführungsgänge durchsieht, so kann man diese in 
zwei grosse Gruppen teilen, welche voneinander grundver¬ 
schieden sind. 

In den Fällen von Battle, Bartlay, Ghappel, 
Duncan, Fraser, Harris, Hutchinson, Jurasz und 
Fel lenz (zusammen in 14 Fällen) waren pathologische Ver¬ 
änderungen an den Speicheldrüsen oder deren Ausfuhrungs- 
gängen vorhanden, bei den anderen 32 Fällen, zu denen auch 
noch meine zwei Fälle gehören, waren gar keine Veränderungen 
wahrnehmbar. 

Es gibt also Xerostomien mit und ohne Ver¬ 
änderungen der Speicheldrüsen und deren Aus¬ 
führungsgängen; erstere können wir also mit 
Recht als idiopathische Xerostomien bezeichnen, 
im Gegensatz zu den letzteren, die als sympto¬ 
matische aufzufassen sind, bei denen die Mundtrocken¬ 
heit nur eine Folgeerscheinung einer Herderkrankung im Zentral¬ 
nervensystem ist. 

Bei der idiopathischen Form der Xerostomie kann eine 
vollkommene Mundtrockenheit nie vorhanden sein, da einer¬ 
seits die Gl. sublingualis auf idiopathischem Wege fast nie er¬ 
krankt, anderseits aber die Sekretion der Parotis und Sub- 
maxillaris bei dieser Form nie vollkommen versiegt und die 
zahllosen Schleimdrüsen im Munde zu dessen Feuchtigkeit auch 
vieles beitragen. 

Der Grund der idiopathischen Xerostomie 
liegt also in den chron isch-entzündlichen Pro¬ 
zessen der Parotis und Submaxillaris oder aber 
in der Obturation oder Stenose der Speichel¬ 
ausführungsgänge. 

Durch diese Vorgänge gehen die spezifischen Drüsen¬ 
elemente zugrunde, wodurch die Sekretion des Speichels aus 
diesen Drüsen auf die Dauer geschädigt bleibt. Bei der sym¬ 
ptomatischen Form findet man keinerlei Veränderungen an 
den Speicheldrüsen; diese sind nicht fühlbar, sind wahrschein¬ 
lich durch die Inaktivität noch kleiner wie normalerweise und 
die Ausführungsgänge passierbar. 


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Die Xeroatomie. 


219 


Dr. Fel lenz beurteilt in seiner umsichtigen Arbeit die 
Xerostomie schon in diesem Sinne, er sagt folgendes: „denn 
die Tatsache, dass in verschiedenen Körperabschnitten ein oft 
gänzliches, manchmal im Hinblick auf Zu- und Abnahme allem 
Anscheine nach in Verbindung stehendes Versiegen der ver¬ 
schiedenartigsten Sekretionen, wie Speichel-, Schleim-, Tränen- 
und Schweisssekretion, auftreten kann, weist meines Erachtens 
mit grosser Wahrscheinlichkeit auf eine zentrale Störung 
hin“. Er erklärt weiter die Xerostomie als eine Erkrankung 
des „nervösen Systems“ und als eine „funktionelle Neurose“. 
Unter Neurose verstehen wir, wie bekannt, diejenigen Formen 
von Nervenerkrankungen, bei denen zurzeit die pathologisch¬ 
anatomische Definition und Lokalisierung nicht bestimmt ist 
und die Aufstellung als klinischer Krankheitsbegriff durch den 
Komplex vorhandener Innervationsstörungen, hauptsächlich 
durch die functio laesa das massgebende Prinzip bildet. Es 
ergibt sich demnach ohne weiteres, dass der Begriff der Neu¬ 
rose in seiner speziellen Anwendung auf bestimmte symptoma¬ 
tische Krankheitsbilder ein rein konventioneller ist, da mit fort¬ 
schreitender Erweiterung unseres pathologisch-anatomischen 
Wissens manche hier subsumierten Krankheitszustände nach 
und nach aus diesem Rahmen herausfällen, anderseits freilich 
auch bei allmählich wachsender klinisch-diagnostischer Differen¬ 
zierung immer neue Symptomenkomplexe als besondere Krank¬ 
heitstypen unterschieden und von verwandten Zuständen ab¬ 
gegrenzt werden. 

Wenn wir also von der Xerostomie als Neurose sprechen, 
so drücken wir damit nur aus, dass wir diese Krankheit für 
eine Nervenkrankheit halten, ohne deren Sitz näher bestimmen 
zu können, analog der Myoklonie, Tic, Epilepsie, Chorea, 
Neurasthenie usw. 

H a d d e n war der erste, der geneigt ist, die Xerostomie 
auf die Erkrankung eines Zentrums für Speichel- und Mund¬ 
schleimhautdrüsen zurückzuführen. Hughlings-Jakson, der 
den Fall von Summa referiert, tritt der Frage schon näher 
und glaubt, die den Clarkschen Säulen in der Oblongata 
entsprechenden Zellengruppen als Sitz der Erkrankung an¬ 
nehmen zu können. Zagari sucht den Grund dieser Krank¬ 
heit in der Läsion des Bulbus respektive des sich dort befinr 
denden Nucleus salivatorius. Nach den Untersuchungen von 
Bernard,Eckhard und Loeb,Grützner und Chlapowsky 
wissen wir, dass das Zeniralorgan für die Speicheldrüsen in 
der Oblongata liegt, sowohl für die zerebralen als für die 
sympathischen Fasern. Nach Lepine, Vulpian und Herr- 
wer werden die psychischen Einflüsse von bestimmten Rinden- 


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220 


Dok. Dr. K. Hönes, Kiansenbnrg: 


bezirken aus vermittelt, dafür spricht auch die Tatsache, dass 
selbst schon nach der Vorstellung eines leckeren Mahles „das 
Wasser im Munde zusammenläuft“. Es ist hiemit zweifel¬ 
los, dass die Tätigkeit der Speicheldrüsen von 
nervösen Einflüssen beherrscht wird. Obgleich auch 
bis jetzt eine Verbindung von Nervenfasern mit Sekretions- 
zellen nicht nachgewiesen ist — ausser in der Speicheldrüse 
der Blatta orientalis — so liegen doch zwingende Gründe für 
die Annahme vor, dass die Nerven nicht nur durch Vermitt¬ 
lung ihrer Einwirkung auf die Blutgefässe der Drüsen die 
Sekretionstätigkeit beeinflussen, sondern dass es Nervenfasern 
gibt, welche direkter in die Lebensprozesse der Sekretionszellen 
selbst eingreifen. Der Befund, dass die Schweisssekretion in 
Fällen von Xerostomie sehr stark vermindert oder ganz ver¬ 
siegt beobachtet wurde, dürfte uns bei dem Suchen des Speichel¬ 
zentrums an der Oberfläche des Grosshirns selbst behilflich sein. 

Der Konnex, der zwischen der Speichel- und Schweiss¬ 
sekretion einerseits besteht, dann aber anderseits auch die 
verschiedenen Gifte, welche auf die Vermehrung und Vermin¬ 
derung dieser beiden Sekretionen einen gleichen Effekt her- 
vorrufen, weisen darauf hin, dass die Zentren dieser beiden 
Funktionen in dem Zentralorgane des Nervenapparates gleiche 
Bahnen haben oder nahe beieinander liegen und eine Erkran¬ 
kung des einen Herdes auch die Mitleidenschaft des anderen 
nach sich ziehen kann und oft auch nach sich zieht. 

Auf Grund vieler Experimentalergebnisse kann man mit 
Wahrscheinlichkeit annehmen, dass der Nervenapparat der 
Schweisssekretion an der Oberfläche des Grosshirns, in den 
Nervenzellen der grauen Hirnrinde seinen Anfang hat. Die 
Nerven steigen dann in das Rückenmark durch die Med. ob- 
longata herab; hier findet sich ein zusammenfassendes, allge¬ 
meines Zentrum für die Schweisssekretion des Kopfes, des 
Rumpfes und der Extremitäten, daher kann durch Reizung 
der Med. oblongata Schweisssekretion am ganzen Körper her¬ 
vorgerufen werden. Den Verlauf dieser Nerven und das Zen¬ 
trum der Schweisssekretion führte ich nur aus diesem Grunde 
an, um auf die Nähe hinzuweisen, die zwischen diesen Nerven¬ 
bahnen und jenen der Speichelsekretion besteht, um in Zu¬ 
kunft bei Störungen beider Funktionen unser Augenmerk teils 
auf den klinischen Symptomenkomplex, teils aber bei even¬ 
tueller Sektion insbesondere auf die pathohistologischen Ver¬ 
änderungen dieser Bezirke richten zu können, da nur diese 
Befunde, vereint mit physiologischen Experimenten hei höheren 
Wirbeltieren Licht in diese Frage zu bringen vermögen. Wenn 
wir diesen Weg einschlagen, bin ich überzeugt, dass sich 


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Die Xerostomie. 


221 

die Xerostom ie mit derZeit als eine Herderkran- 
kung des Gehirnes entpuppen und die Trocken¬ 
heit des Mundes selbst nur als Symptom dieser 
Krankheit anzusehen sein wird. 

Bezüglich der Therapie muss vor allem andern ent¬ 
schieden werden, ob wir es mit einer idiopathischen oder 
symptomatischen Xerostomie zu tun haben. In ersterem Falle 
muss zuvörderst die Entzündung der Speicheldrüsen berück¬ 
sichtigt werden; ist dieselbe akut, so wird strenge Antiphlo- 
gose angewendet, tritt die Entzündung gleich von Anfang in 
subakuter oder chronischer Form auf, so werden Priessnitz- 
umschläge appliziert. Bei der akuten Form tritt die Restitution 
ad integrum gewöhnlich nach sieben Tagen ein (daher der 
Name bei der beiderseitigen Parotitis acuta: Wochentölpel), 
bei der chronischen Form jedoch ist der Verlauf kein zykli¬ 
scher, so dass es am Platze ist, diverse Resorbentien anzu¬ 
wenden. 

Jod und Jotbion kann in Tinktur und Salbenform, Queck¬ 
silberpräparate als Pflaster und Salben verwendet werden. 

Die Massage und das Elektrisieren mit dem galvanischen 
und faradischen Strome ist nur dann angezeigt, wenn die Ent¬ 
zündungserscheinungen schon zurückgegangen sind, insbesondere 
aber die Empfindlichkeit der Drüsen aufgehört hat. 

Gegen die Mundtrockenheit selbst ist bei dieser Form 
der Xerostomie kaum einzuschreiten nötig, da auch bei Er¬ 
krankung sämtlicher Speicheldrüsen die Schleimdrüsen dent 
Munde immer eine geringe Feuchtigkeit verleihen. Sollte je¬ 
doch die Trockenheit des Mundes dem Patienten lästig sein 
und ihn zu Klagen veranlassen, so können häufige Mund¬ 
spülungen, insbesondere mit Decoctum Altheae (10:200) ver¬ 
ordnet werden. 

Innerlich kann eine Jodkaliumsolution (5 :200; täglich 
3 bis 4 Esslöffel) oder aber Sajodin in Tablettenform (täglich 
dreimal 0-5 Gr.) verordnet werden. Ward liess seine Patientin 
täglich mehrere Stunden glatte Steinchen im Munde tragen, 
und da eine günstige Wirkung erzielt wurde, verordnete er der 
Patientin ein künstliches Gebiss, mit dem Dauerheilung erzielt 
worden ist. Prof. Jurasz behandelte seine sechs Fälle als 
erster, nebst Jodkalium, Arsenik und Pilokarpin, m i t e i n e m 
künstlichen Gebisse und erzielte dadurch Besserung, ja 
sogar Dauerheilung. 

Fel lenz gibt der günstigen Wirkung dieser Tatsache 
folgende Erklärung: »Die Erregung der die Speichelabsonde¬ 
rung bewirkenden Nerven findet im intakten Körper auf dem 
Wege des Reflexes stall. Dabei kommen als die Erregung 


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222 


Doz. Dr. K. Höncz, Klausenburg: 


zentripetal leitenden Nervenfasern vornehmlich bestimmte, 
sensible Fäden des Trigeminus und Glossopharyngeüs in Frage 
und die Kaubewegung spielt durch die mechanische Reizung 
der genannten Nerven, wie dies von Pflüger festgestellt 
worden ist, eine nicht unbedeutende Rolle, welche mit derjenigen 
sehr wohl zu vergleichen ist, welche die Respiration auf die 
Sekretion der Nasenschleimhäute ohne Zweifel ausübt. Mit 
Rücksicht auf den erzielten therapeutischen Effekt nun scheint 
mir der Schluss nicht ungerechtfertigt, dass diese mechanische 
Wirkung der Kaubewegung vornehmlich an den Besitz der 
Zähne geknüpft ist, während die Alveolarränder sie nicht 
oder doch nur ungenügend zu erzeugen vermögen.“ 

In Anbetracht dieses Befundes wird es in jedem Falle 
unsere Pflicht sein, den Patienten, die an Xerostomie leiden, 
bei fehlenden Zähnen das Tragen eines künstlichen Gebisses 
anzuraten, insbesondere in solchen Fällen, wo der Grund dieses 
Uebels in den Speicheldrüsen selbst liegt. 

Die Speicheldrüsen- und Speichelgangfisteln, ebenso die 
Speichelsteine und Stenosen der Speichelgänge müssen auf 
operativem Wege beseitigt und zur Heilung gebracht werden. 

Gegenüber der symptomatischen Form — wo also die 
Vlundtrockenheit bloss ein Symptom der Erkrankung des 
Speichelzentrums bildet und wo nicht nur die Sekretion der 
Speicheldrüsen, sondern auch die der Schleimdrüsen auf ein 
Minimum reduziert ist oder ganz aufgehört hat — stehen wir 
beinahe machtlos da. 

Die lokale Behandlung der Speicheldrüsen kann auch m 
diesen Fällen mit Massage und Faradisation geschehen. Zur 
direkten Linderung der Mundtrockenheit gebrauche der Pa¬ 
tient häufige Mundspülungen, hauptsächlich mit einem Althea- 
Dekokt (25: 500) oder mit schwachen antiseptischen Mund¬ 
wässern. 

Innerlich verabreichen wir eine Lösung Kalium jodatum 
oder aber Sajodin in oben angegebener Form und Dosis. 
Schwachen, blutarmen Patienten geben wir vor allem Eisen, 
Eisenarsen oder Arsen allein; eines dieser Präparate wird das 
Seinige tun, verbunden natürlich mit anderen diätetischen und 
hygienischen Verhaltungsmassregeln. Sharp brachte Milderung 
der Erscheinungen durch Quecksilberjodit hervor. 

Als direkt auf das Speichelzentrum wirkendes Mittel ist 
die Folia Jaborandi und das daraus erzeugte Pilokarpin und 
Pilokarpidin wohlbekannt. 

Hadden, Seifert, Jurasz und Lartigan sahen Er¬ 
leichterung und eine gewisse Besserung nach der Anwendung 
dieser Mittel. Harris, Hutchinson, Ghappel, Richardson 


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Die Xerostomie. 


223 


und ich können auch von diesen Mitteln keine günstige Wir¬ 
kung verzeichnen. Nach den zahlreichen, bei gesunden und 
kranken Menschen gemachten Erfahrungen soll nach Verab¬ 
reichung eines Jaborandi-Infusums (3*0—4-0 : 100—150 Gl.), 
respektive des Pilokarpins (inf. oder hauptsächlich subkutan 
001—0 f 02) sich folgende Wirkung zeigen: Schon wenige Mi¬ 
nuten nach der Einführung des Mittels beginnt unter erhöhtem 
subjektiven Wärmegefühl sich das Gesicht mehr zu röten und 
bald darauf tritt eine vermehrte Speichelsekretion auf, welche 
rasch zunimmt und durchschnittlich 2 bis 2'/« Stunden dauert. 
Die Menge des dabei sezernierten Speichels wird mit 250 bis 
750 Gr. angegeben. Gewöhnlich einige Minuten später, als die 
Salivation, zuweilen mit ihr gleichzeitig, selten früher, beginnt 
eine starke Schweisssekretion, zunächst an der Stirne, an der 
Haargrenze, die sich dann über den ganzen Körper verbreitet; 
sie erreicht rasch ihr Maximum, bleibt V. bis •/* Stunde auf 
ihrer Höhe, um dann allmählich wieder abzunehmen, ln der 
Regel hört der Schweiss früher auf, als die Salivation. 

In Anbetracht dieser stürmischen Erscheinungen einer¬ 
seits, zu denen häufig starke Nausea mit oder ohne Erbrechen, 
manchmal sogar Kollaps und viele andere unangenehme Neben¬ 
erscheinungen sich einstellen, anderseits aber der relativ kurzen 
Dauer der Salivation wird es angezeigt sein, nach einmaliger 
Probeinjektion mit 001 Gr. Pilokarpin (um sich überzeugen 
zu können, ob Wirkung überhaupt eintritt), dieses Mittel, so 
wie es H a d d e n und Seifert machten, nur in refracta dosi 
anzuwenden. Hadden gab Jaborandi-Tinktur dreimal täglich 
30 minims, und Seifert verordnete von einer 2'/*prozentigen 
Lösung (0’25 : 10) des Pilocarpinum hydrocbloricum am Abend 
5 bis 8 Tropfen und erzielte damit stets eine gelinde Speichel¬ 
sekretion, welche die sonst gestörte Nachtruhe sicherte. Seifert 
liess dieselbe Dosis Pilokarpin ohne unangenehme Neben¬ 
erscheinungen oder Gewöhnung jahrelang mit gutem Erfolge 
nehmen. 

Das Pilokarpidin wirkt nach Harrnacks Untersuchungen 
im wesentlichen gleich dem Pilokarpin, nur weit schwächer. 

Ich lasse nun die Beschreibung der von mir beobachteten 
Fälle folgen. 

Erster Fall. 

Frau S. F., 28 Jahre alt. Im Kindesalter Masern, Schar¬ 
lach und Keuchhusten durchgemacht, im 17. Jahre Malaria. 
Menstruiert seit 14. Jahre, mit Ausnahme der zwei normal 
abgelaufenen Schwangerschafts- und Laktationsperioden, immer 
regelmässig. Ein vier- und ein zweijähriges Kind, mässig ent- 


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2 24, 


Doz. Dr, K. H&a«*wKraoseribtirg; 


wickelt, aber gesund. Seit sechs Jahren vorbeiratetri'Vader und 
drei Geschwister gesund, Mafter• $&r. starb an 

Lungenentzündung. 

Bezüglich ihm- Krankheit leiH Patientin mit, dass sie — 
seil dem Tode ihrer Mutter, welcher 'vor drei. Jahren erfolgte — 
krankhaft gereizt ist, an aknstischeh Bvperaslhesien, Ohren¬ 
sausen und Ohrenkljngm, an Äaißlseri'bieehen, sowie an öfterem 
Tauhsem des tieritji and fünften Fingers leidet. Kopfdruck in 
de»- Stirne, Maliger Kopfschtherz, Vergesslichkeit und starke 
.•ßrmödK$;ng'seinpftt-idwgeii, '«nshesondere' in den uotereo Extre¬ 
mitäten m sie vtü jeder geistigen und körperlichen .Arbeit 

gffcilört und erquickt nicht. 

Seit zwei Jahren leidet sie an 'best an digei» Brennen und 



herahgesetlt,' Siahigang träg* verwehrter Durst. :d;.'v 

StaI»s praes ens: Mittlerer Körperbau; Amt Sroähruogs- 
zustand mit.' schwach entwickelter Muskulatur, Geistige Funk¬ 
tionen durdi die früher angeführten suhjekUTep Sensation oft 
herabgesetzt. Sinnesorgane tmi Ausnahme des Qesehrnacks Und 
Geruchsahtnes hyperäsifectiscb, Schmeckfähigkeif stark 'abge--, 
schwächt. 

Die Onjersuchung geschah auf diese Weise und unter 
den Kauieleu, wie im allgemeiuen Teil angegeben wurde, und 
zwar.an den Raadpartien der Zunge miltels kküner Pipetten 
mit Syrup. rimplei, koflzetftrMAiM KößftMfelösüng, Chinin und 
sehr verdünnter BalÄ^iüre, 

Be* diesen Untersuchungen ist das auffälligste Symptom 
die beinahe absolute Trockenheit sämtlicher Mundpailieri. 
Weicher und harter Gaumen, Uvula, Wangensehleinihaut sind 
trocken und Me und da mattglänzend. j)ie Zunge ist ge¬ 
trocknetem Fleische ähnlich, mit zwei schrägen Einrissen ver¬ 
seil »«, ganz traefeefu bitte ganz geringe Feuchtigkeit ist bloss. 

. aiö • Mundbpden und unter der Zunge zu tindeo. Patientin 
schluckt nicht und kann dies auch Aber Äutfordenmg nicht 
vollbringen 

Die Zahne sind iü gepflegtem Zustand, rem, ohne Za'rm- 
stein, au den sechs oberen Frontzöhnen mitte!liefe uiesia-distale 
Karies, an den Backen- und Mahlzähnen waren auch kariöse 
Prozesse, von grösseren Zei Störungen jedoch kann auch hier 
die Rede seiü Rechts oben fohlt der erste Fiämolaty 







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Die Xerostomie. 


235 


rote Lakmuspapier schwach bläulich. Speicheldrüsen und deren 
Ausführungsgänge haben nichts Abnormes. Sprache erschwert, 
Palientin antwortet ganz kurz, schweigt am liebsten. Mund¬ 
temperatur um 0*2° G. höher als in der Axilla. Geruchsschärfe 
mit Methylmerkaptan, Asa foetida, Kamfer, Thymol und 
Valeriansäure untersucht, fand ich auch herabgesetzt. Nasen¬ 
schleimhaut normal, nicht trocken; keine Pharyngitis sicca und 
Trockenheit der Konjunktiva. 

Haut trocken, Schweisssekretion sehr stark vermindert, 
auch nach Präparation und Füllung tieferer Kavitäten mit Gold, 
in der Axilla kaum nachweisbar. 

Lungen, Herz, Arterien, Abdomen, Nase weisen nichts 
Pathologisches auf. Diagnose: Nach angeführten subjektiven 
Klagen und objektiven Befunden war die Diagnose nicht schwer 
aufzustellen auf Neurasthenia et Stomatoxerosis. Therapie: 
Gegen das peinlichste Symptom, gegen die grosse Mundtrocken¬ 
heit, wurde ein Decoct. Altheae (25:500) verordnet, das sich 
Patientin selbst bereitete, ausserdem erhielt sie eine Solution 
Kalii jodati (5 : 200), von der sie täglich dreimal einen Esslöffel 
nahm. Kein Erfolg. 

Ein Infusum Jaborandi (4:120*0) anfangs zwei-, dann 
einslündlich genommen, brachte keine Erleichterung, bloss eine 
geringe Schweissabsonderung in der Axilla. Ebenso blieb 
wirkungslos die interne Verabreichung des Pilocarpinum hydro- 
chloricum (01 :25*0, dreimal täglich 15 Tropfen) und leider 
auch die subkutane Applikation dieses Mittels; anfangs injizierte 
ich 0*01 Gr., später auch 0*02 Gr. ohne nennenswerte Wir¬ 
kung, der Mund ward etwas feuchter, in der Axilla zeigte sich 
eine minimale Schweisssekretion und die Haut war etwas 
weniger trocken. Nachdem sich auch nach dieser Kur keine 
Besserung zeigte, ja nach den Injektionen auch noch Nausea 
und Brechreiz sich einstellten, gab ich die Hoffnung auf, dass 
der Patientin überhaupt geholfen werden könnte, liess sämt¬ 
liche Medikation aussetzen und beschränkte mich nur auf das 
Mundspülen mit Decoct. Altheae, was der Patientin wenigstens 
auf kurze Zeit immer Linderung verschaffte. 

Die Zähne wurden gefüllt, und zwar wurden in die oberen 
Frontzähne elf Goldfüllungen, in die hinteren Zähne zehn 
Amalgamfüllungen gelegt, sämtliche ohne Kofferdam und Watte¬ 
rollen. Patientin vertrug verhältnismässig geduldig diese Pro¬ 
zedur und schluckte kein einzigesmal. 

Die Neurasthenie trachtete ich durch methodische Ueber- 
ernährung, Bettruhe, allgemeine Massage und Faradisation, 
sowie durch roborierende, sedative und Schlafmittel zu be¬ 
kämpfen. 


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226 


Doz. Dr. K. Höncz, Klausenburg: 


Zweiter Fall. 

Frau K. 0., 58 Jahre alt. Hereditär nicht belastet. An¬ 
geblich keine schwerere Krankheit durchgemacht. Menstruation 
begann im 14. Jahre, 4 Jahre später heiratete sie; der Elbe 
entstammen drei Kinder, von denen das eine als dreijähriges 
Mädchen an Gehirnhautentzündung starb, zwei Kinder blieben 
am Leben, beide wurden bis zum 2. Lebensjahre gestillt, der 
ältere — gegenwärtig 40 Jahre — leidet an Dystrophia 
musculorum progr., der andere — 36 Jahre alt — ist ein aus¬ 
gesprochener Neurastheniker. Als Grund ihrer Krankheit er¬ 
wähnt Patientin körperliche und intellektuelle Ueberanstrengung, 
hervorgerufen durch das in kurzen Intervallen vollzogene pro¬ 
trahierte Stillen ihrer Kinder, welches sie immer durch 2 Jahre 
hindurch fortselzte, und dann die Krankheit ihres Mannes — 
eine schwere Lungenentzündung —, welcher derselbe auch 
erlag. Die aufopfernde Pflege, ohne Ruhe und Rast und der 
trotzdem eingetretene letale Ausgang zerrütteten ihr Nerven¬ 
system. Zu diesem Zustande gesellte sich alsbald eine immer 
mehr zunehmende Trockenheit des Mundes und vollkommenes 
Versiegen der Speichelsekretion. Appetit gering, Stuhlverhaltung, 
guter Schlaf. 

Status praesens: Die Patientin ist von kleiner Körper¬ 
statur, schwache Knochen und Muskeln, schlecht genährt, blut¬ 
arm. Ihre geistigen Funktionen sind normal, ihr Sensus com¬ 
munis durch die vielen verschiedenen und wechselnden Klagen 
und Beschwerden getrübt. Oft trat eine Geh- und Stehlähmung 
(Abasie, Astasie) auf, im Liegen jedoch vermochte sie ihre 
Beine mit normaler Kraft in jeder Richtung zu bewegen. Knie¬ 
phänomen gesteigert. Plantar- und Gaumenreflex herabgesetzt. 
Hyperästhesie der Haut so gross, dass ich die sogenannten 
Druckpunkte und Druckzonen mit Gewissheit nicht zu be¬ 
stimmen vermochte. Spontane Schmerzen traten bald als 
Neuralgien im Trigeminus- und Ischiadikusgebiet, bald als 
Topalgien (Glavus, Arthralgia, Kardialgia) auf. Gestörter Muskel¬ 
sinn. Geschmackempfindung auf beiden Seiten der Zunge herab¬ 
gesetzt. Geruchsempfindung gesteigert. Hunger- und Durst¬ 
empfindung vermindert. Von den motorischen Störungen der 
viszeralen Muskulatur war der sogenannte Globus vorhanden. 
Gähnen trat manchmal in Form von Anfällen auf. Habituelle 
Konstipation. 

Von den sekretorischen Störungen war auffallend das 
Fehlen des Schweisses und Speichels. Krampfanfälle waren 
nicht vorhanden; Patientin war aber stark exzentrisch, mit 
konstanter Depression und Angstaffekten (liess nie ihr Zimmer 


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Die Xerostomie. 


227 


lüften, ging nie an die Luft und war immer sehr warm ge¬ 
kleidet), ohne Intelligenzdefekt. Temperatur normal. Haut 
trocken, schwitzt nie. Sämtliche Mundgebilde trocken, matt¬ 
glänzend. Zunge rohem, trockenem Fleisch ähnlich, rissig. 
Schluckbewegungen höchst selten und erschwert. Lakmuspapier, 
unter die Zunge gelegt, zeigt nach längerem Liegen schwach 
alkalische Reaktion. 

Zahnbefund: Im Oberkiefer vorhanden 7 4 3 11 3 7 . 
im Unterkiefer 753i|i847i sämtliche verlängert, etwas ge¬ 
lockert, ohne Karies und Zahnstein. Speicheldrüsen und Aus¬ 
führungsgänge normal. 

Sprache erschwert. 

Brust und Bauchorgane, sowie auch die Genitalien und 
Arterien weisen nichts Pathologisches auf. Urin enthält weder 
Giweiss, noch Zucker. Menopause seit 8 Jahren. 

Diagnose: Hysterie et Xerostomie. Therapie: Es war 
eine schwere Sache, die Patientin zu befriedigen und auf ihre 
Krankheit durch hygienische Massregeln und Medikation günstig 
einzuwirken, denn sie war widerspenstig, tat bloss das, was 
ihr behagte und fand an jeder Verordnung und Medizin etwas 
auszusetzen. 

Die sogenannte Mast- und Playfairkur konnte durchaus 
nicht angewendet werden. Eisen- und Arsenpräparate hatten 
in Anbetracht, dass Patientin nie ihr Zimmer lüften Hess, in 
einem Alkoven schHef, nie an die Sonne oder Luft ging, kaum 
eine Wirkung. Von der Versetzung in geeignete Umgebung 
oder in eine Nervenheilanstalt, von einer Tageseinteilung und 
irgendwelcher Beschäftigung wollte sie ebensowenig hören, 
als von der Konsultation eines Nervenarztes. 

Asa foetida, Castoreum, Valerianapräparate und den so¬ 
genannten Heimschen Tee nahm sie gerne. 

Gegen die Xerostomie wurde wie bei dem ersten Falle 
eingeschritten, jedoch ohne jeglichen Erfolg. Patientin erhielt 
auch ein oberes Ersatzstück, welches jedoch keine Speichel¬ 
absonderung erzielen konnte. 

Gegen die verschiedenen Schmerzen konnte schliesslich 
auch das Morphium nicht übergangen werden. Patientin sammelte 
sich langsam ein grösseres Quantum solcher Solution zusammen 
und setzte mit diesem ihrem qualvollen und trostlosen Leben 
ein Ende. 

Patientin drohte mit dem Suizidium schon seit längerer 
Zeit, unterliess jedoch dieses aus Angst vor der ihr in Aus¬ 
sicht gestellten Obduktion. Den Selbstmord verübte sie einmal 
gelegentlich meines Urlaubes und wurde nicht obduziert. 

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228 


Doz. Dr. Wilhelm Wallisch, Wien: 


Literatur. 

1. Herr mann: Handbuch der Physiologie. 

2. Kohn: Handbuch der Physiologie. 

3. Landois: Handbuch der Physiologie. 

4. Dr. Summa: Zentralblatt für Nervenkrankheiten, 1891,'92. 

6. Lartigan: Zentralblatt für Laryngologie, 1899. 

6. Dr. Fraser: Zentralblatt für Laryngologie, 1894/95. ^ 

7. Dr. J u r a 8 z: Münchener medizinische Wochenschrift, 1894. 

8. Dr. Seifert: Wiener klinische Wochenschrift, 1889. 

9. Dr. Anton F e 11 e n z: üeber Xerostomie. Inaugur.-Dissert., 1903. 

10. Rom. R i b o 11 a. Un caso raro di asialia (morbo di Zagari). La stoma- 
tologia, Milano 1908. 


Nachdruck nicht gestattet. 

Beiträge zur OrtMitie. 

Von Dr. Wilhelm Wallisch, Privatdozent an der Wiener 

Universität. 

In neuerer Zeit wird sehr viel über Orthodontie ge¬ 
sprochen und geschrieben, alle, selbst die einfachsten Punkte 
werden mit grosser Weitläufigkeit genau beschrieben, nur das 
Kiefergelenk, das bei der Kieferverschiebung eine so wichtige 
Rolle spielt, wird entweder ganz mit Stillschweigen über¬ 
gangen oder es werden zur Erklärung gewisser Vorgänge die 
sonderbarsten Hypothesen aufgestellt. 

Durch Angle ist die Ausführung der Verschiebung der 
Zähne — ich möchte fast sagen — in mathematische Formeln 
gebracht, bei deren richtiger Anwendung das Resultat, die Ver¬ 
schiebung. auch richtig sein muss. Dieses Resultat mag nun 
wohl den Orthodontisten befriedigen, nicht immer befriedigt 
es auch den Besitzer der jetzt richtig artikulierenden Zähne, 
indem der Gesichtsausdruck, das zurückgeschobene Kinn, in 
gleicher Weise entstellend geblieben ist. 

Mc B r i d e, ein gewiss ausgezeichneter Orthodontist und 
Kenner des Angleschen Systems, schreibt in „Die Ortho¬ 
dontie in ihrer praktischen Verwertung“ [1]: 

„Unmittelbar nach Einführung der intermaxillären Li¬ 
gatur zur Verschiebung der Zahnbögen in mesio-distaler Rich¬ 
tung und zur Korrektion der Okklusion durch rasches Ver¬ 
längern der rückwärtigen Zähne, machte ich mir die aus 
dieser elastischen Kraft erwachsenden Vorteile zu eigen und 
korrigierte eine Anzahl von Fällen, bei denen scheinbar eine 
zurückgebliebene Entwicklung des Unterkiefers vorhanden war 
und derselbe distal zu normalen Verhältnissen stand, durch 
rasche Verlängerung der rückwärtigen Zähne und Her- 


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Beiträge zur Orthodontie. 


229 


Stellung normaler Okklusion durch Vorschiebung des Unter¬ 
kiefers, ohne die Zahnbögen zu verschieben. Doch war ich im 
Laufe der Zeit erstaunt, zu finden, dass bei einigen Fällen, 
trotzdem die Okklusion richtig geblieben war, die Gesichts¬ 
konturen schliesslich erkennen liessen, dass der Unterkiefer 
wieder in seine frühere zurückgeschobene Stellung getreten 
war.“ Mc Bride glaubt, dass die Erfolge auch durch Ver¬ 
schiebung der Zahnbogen hätten erreicht werden können. 

Ich glaube, dass alle Orthodontisten darüber einig sind, 
dass durch einfache Verschiebung der Zahnbogen ein zurück¬ 
stehendes Kinn niemals nach vorne geschoben wird, ebenso 
auch, dass die Patienten gerade das zurückstehende Kinn in 
die normale Lage gebracht haben möchten. Es fragt sich nun, 
ob es möglich ist, das zurückstehende Kinn vorzuschieben und 
so dauernd zu erhalten. 

McBride nennt uns eine Methode: die rasche Ver¬ 
längerung der rückwärtigen Zähne. Die Methode Kings- 
leys, von ihm „jumping the bite“ genannt, bestand darin, 
dass er den Patienten freiwillig den Unterkiefer so weit vor¬ 
schieben liess, dass er zum Oberkiefer in normale mesio-distale 
Beziehungen kam und den Unterkiefer so retinierte. 

Birgfeld und E. Herbst machen ungefähr dasselbe, 
Birgfeld retiniert durch zwei schiefe Ebenen, Herbst 
durch sein Okklusionsscharnier. 

Eine weitere Methode, von McBride als veraltet be¬ 
zeichnet, wird von ihm, wie folgt, beschrieben: 

„Früher musste der Patient bei der Korrektion solcher 
Fälle, nachdem die Zähne in die richtige Stellung gebracht 
waren, eine Platte tragen, die den Gaumen deckte und mit 
der nur die vorderen unteren Zähne in Berührung kamen. 
Diese Platte musste so lange getragen werden, bis sich die 
Backenzähne durch ihr natürliches Wachstum verlängert hatten 
und die Fläche der Okklusion derart war, dass der untere 
Zahnbogen, wenn der Kiefer nach vorne gebracht wurde, 
normal oder so normal als möglich mit dem oberen artiku¬ 
lieren konnte.“ 

Diese Methoden gehen alle darauf hinaus, den Unter¬ 
kiefer im Kieferg$lenk nach vorne zu ziehen; die Methoden 
McBrides und die Methode „jumping the bite“ sind miss¬ 
lungen, dass die Methoden Birgfelds und Herbsts dem¬ 
selben Schicksal vei fallen sind, werden wir aus der Bespre¬ 
chung des Kiefergelenks ersehen. 

In bezug auf die „veraltete“ Methode sagt McBride: 
„Jedenfalls muss man sich fragen, wieso bei der früheren 
. protrahierten Behandlungsmethode die Okklusion imstande 

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Doz. Dr. Wilhelm Wallisch, Wien: 


war, die neu hergestellten Verhältnisse zu erhalten“. Die 
„veraltete“ Methode ist also die einzige, welche den vorgescho- 
beneh Unterkiefer auch auf seinem Platze erhält. 

Eine andere Methode, die ich nicht gelesen habe, von 
der ich aber gehört habe, soll darin bestehen, den Unter¬ 
kieferwinkel durch die intermaxilläre Ligatur abzuflachen und 
so den Unterkiefer vorzuziehen. Wir werden bei unserer 
Besprechung auch noch darauf zurück kommen. 

Die abgegebenen Erklärungen über die Vorgänge, die 
sich im Kiefergelenk abspielen, wenn der vorgeschobene 
Unterkiefer auch vorgeschoben gehalten wird, will ich über¬ 
gehen, weil diese Erklärungen nur auf Spekulation beruhen. 

Betrachten wir uns aber ein Kiefergelenk und sehen wir, 
wieso der Unterkiefer unter normalen Verhältnissen an seinem 
Platze gehalten wird. 

Die beigegebene Figur zeigt den Durchschnitt eines Kiefer¬ 
gelenkes bei einem ungefähr 7 jährigen Kinde. Er wurde die 
Schädelgelenkfläche mit Gipsbrei ausgefüllt und der Unterkiefer so 



an den Oberkiefer angedrückt, dass die Zähne in richtiger Artikula¬ 
tion standen. Die Gelenkflächen wurden dann mit rotem 
Wachs ausgegossen und der Durchschnitt in der Ebene des Proc. 
coronoideus und des Proc. condyloideus gemacht, so dass das 
Gelenk etwas einwärts vom Proc. articularis posterior getroffen 
wurde. Die Fissura Glaseri ist durch einen kleinen Vorsprung 
in der Gavitas glenoidalis angedeutet. 

Von den von mir für das Kiefergelenk aufgestellten fünf 
Punkten [2] möchte ich hier die ersten drei Punkte wiederholen: 

1. Der Kopf des Unterkiefers liegt niemals in der Ge¬ 
lenkpfanne. 

2. Beim Ruhebiss liegt der Kopf des Unterkiefers mit 
dem Vorderteil seiner Gelenkfläche angelehnt an den ab¬ 
steigenden Teil des Tuberkulums, in der nächsten Nähe des 
horizontalen Teiles desselben, gehalten durch die aufeiander¬ 
gepressten Zähne. 

3. Die Gelenkfläche des Unterkieferköpfchens zeigt, wie 
die Schädel gelenkfläche — schematisch genommen — einen. 


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Beiträge zur ürthodontie. 


231 


absteigenden Teil und einen horizontalen Teil. Wir finden 
demnach im menschlichen Kiefergelenk die Verwendung zweier 
schiefer Ebenen. 

Wir sehen also, dass das Unterkieferköpfchen durch die 
aufeinandergepressten Zähne an seinem Punkte gehalten wird; 
fallen diese Zähne aus, so rutscht der Unterkiefer nach rück¬ 
wärts, so dass das Köpfchen auch den Proc. articularis post, 
usurieren kann. Aus diesem Grunde ist auch die Erhaltung des 
6 jährigen Molaren während des Zahn Wechsels so wichtig für 
die Stellung des Unterkiefers zum Oberkiefer, für die Länge 
der durchbrechenden bleibenden Zähne ist er völlig belanglos, 
da der Knochen im Bereiche der Kronen der Zähne sich 
resorbiert. 

Ebenso wie im Alter nach Ausfall der rückwärtigen Zähne 
der Unterkiefer nach rückwärts rutscht, so kann dies auch ge¬ 
schehen in der Kindheit, wenn die Milchmolaren gezogen sind 
oder dieselben ihre Höhe durch Karies verloren haben; das¬ 
selbe kann natürlich auch mit dem 6 jährigen Molaren geschehen. 

Ich führe hier auch die Ansicht Angl es an: „Die 
Okklusionsflächen der Kronen der Milchzähne sind verhältnis¬ 
mässig flach, da ihre Höcker durch die naturgemässe Abnützung 
zum grössten Teil abgeschliffen sind, so dass sie keine weitere 
wirksame Kontrolle über die richtigen Beziehungen der Kiefer 
bei ihrem Schlüsse auszuüben vermögen. Der Unterkiefer kommt, 
anstatt durch das Ineinandergreifen der Höcker in normaler 
Stellung erhalten zu werden, in mehr oder weniger hohem Grade 
distalwärts vom Normalen zum Schlüsse.“ 

Nach dieser Auseinandersetzung ergibt sich die Behand¬ 
lung derartiger Fälle von selbst, nämlich das Erhöhen des 
Bisses durch Aufsetzen von Kappen auf die Milchzähne oder 
auf die 6 jährigen Molaren. 

Diese Fälle von zurückgeschobenem Unterkiefer sind ge¬ 
wöhnlich vergesellschaftet mit hohem Gaumen, mit Verengerung 
der Nasengänge und mit Mundatmung. Wenn man nun durch 
Dehnen des Kiefers das Gaumendach tiefer zu stellen glaubt, 
um so der Nase mehr Platz zu schaffen, so muss dies doch 
noch einen besseren Erfolg haben, wenn man gleichzeitig den 
Biss der ersten Molaren erhöht, so dass dann die anderen 
Backen- und Mahlzähne weiter aus dem Kieferknochen mit 
ihren Alveolen heraustreten und für die Kiefer- und Nasen¬ 
höhlen mehr Platz frei wird. 

Was geschieht also, wenn wir den Biss erhöhen? Der 
Unterkiefer wird vom Oberkiefer weiter entfernt und in dem¬ 
selben Masse rückt die schiefe Ebene des Unterkieferköpfchens 
über den fixen Punkt der Schädelgelenkfläche nach vorwärts 


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Doz. Dr. Wilhelm Wallisch, Wien: 


und abwärts. Das Vorwärtsrücken, um das es sich uns haupt¬ 
sächlich handelt, hängt von dem Winkel ab, den die schiefe 
Ebene mit der Horizontalen bildet; je kleiner der Winkel ist, 
um so mehr wird der Unterkiefer vorrücken, je mehr der 
Winkel sich einem rechten nähert, um so kleiner wird die 
Vorrückung ausfallen. 

Erhöhen wir den Biss gar nicht und schieben wir den 
Unterkiefer vor, so wird der Unterkiefer immer wieder durch 
die Kaumuskeln auf der schiefen Ebene des Kapitulum zurück¬ 
rutschen, bis die Zähne in der ursprünglichen Lage dieser Be¬ 
wegung Einhalt tun; die kurze oder lange Dauer der Retention 
hat darauf gar keinen Einfluss, daher müssen die auf einem 
einfachen Vorschieben des Unterkiefers basierenden Apparate 
auch erfolglos sein. 

Mc Bride hat durch „rasche“ Verlängerung der Zähne 
den Unterkiefer vorgeschoben, und doch war in einigen Fällen 
der Unterkiefer wieder in seine frühere zurückgeschobene Stellung 
getreten. Er erklärt diesen Misserfolg damit, dass die Natur 
noch nicht genügend Zeit gehabt hätte, den Alveolarprozess 
zu genügend starker Entwicklung zu bringen und ich stimme 
dieser Erklärung voll bei. Aus demselben Grunde bricht ja 
auch der 6 jährige Molar so früh durch, damit seine Alveole 
genügend Zeit hat, fest zu werden, um beim Zahnwechsel dem 
Muskelzug genügend Widerstand zu leisten. 

Auch Angle sagt in seiner neuesten Publikation [3]: “if 
the orthodontist does not succeed in growing bone he will 
find, in time, that the teeth he has mowed so dextrously and 
satisfactorily have all returned to, or very nearly to their 
original positions”. 

Wenn Mc Bride durch Aufsetzen von Kronen auf die 
ersten Molaren den übrigen Zähnen einen festen Halt gegeben 
hätte, so wäre der Misserfolg höchst wahrscheinlich ausgeblieben. 

Betrachten wir nun die „veraltete“ Methode, so tritt dort 
zum Längerwerden der Zähne noch etwas anderes hinzu. Die 
Vorderzähne des Unterkiefers werden an eine schiefe Ebene, 
des Oberkiefers angedrückt, während die rückwärtigen Zähne 
des Ober- und Unterkiefers nicht in Berührung sind, das 
Kapitulum stützt sich an die Schädelgelenkfläche und in der 
Mitte zwischen diesen zwei Punkten ziehen die Kaumuskeln den 
Unterkiefer nach aufwärts, es muss also dasselbe eintreten 
wie im Greisenalter, wenn die Zähne ausgefallen sind, der 
Unterkieferwinkel wird abgeflacht und dadurch wird das Kapi¬ 
tulum, das durch das Vorziehen des Unterkiefers auch vor¬ 
geschoben wurde, wieder an seine ursprüngliche Lage zurück¬ 
gedrückt. 


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Beiträge zur Ortiiodontie. 


283 


Ein Äbflachen des Unterkieferwinkels durch die inter¬ 
maxilläre Ligatur bei aneinandergepressten Zähnen ist un¬ 
möglich, es wird der Unterkiefer entweder als Ganzes vor¬ 
geschoben oder es werden die Zähne vorgeschoben. 

Sind wir nun imstande, aus dieser kurzen Auseinander¬ 
setzung eine Nutzanwendung zu ziehen ? Wir sehen, dass durch 
das Bisserhöhen der Unterkiefer en masse etwas vorgeschoben 
werden kann und dass durch das Bissemiedrigen der Unter¬ 
kiefer en masse etwas zurückgeschoben wird. Die Grösse dieser 
Bewegung ist verschieden und abhängig von der Form der 
Gelenkflächen. 

Es wird also in den meisten Fällen der Behandlung von 
Prognathie oder Opistogenie vielleicht unterstützend und zweck¬ 
mässig sein, statt der Ringe lieber Kronen als Träger des 
Expansionsbogens zu verwenden. Nach durchgeführter Regu¬ 
lierung des Gebisses braucht die Retentionsmaschine für die 
Vorderzähne nur ganz kurze Zeit im Munde belassen zu werden, 
während die Kronen, nachdem die Seitenröhrchen abgeschliffen 
worden sind, mehrere Jahre im Munde gelassen werden können, 
da diese die Kiefer in richtiger Lage zueinander halten. 

Ich habe bisher alle meine derartigen Fälle so behandelt 
und bin mit dem Erfolge sehr zufrieden. 

Angle hat sich ein grosses Verdienst erworben, dass er 
die Orthodontie jedem Zahnarzte durch Einführung der ein¬ 
fachen und handlichen Apparate für die Zahnregulierung all¬ 
gemein zugänglich gemacht hat, und durch die klare Einteilung 
der Irregularitäten. Wenn ich jetzt lese „Klasse 2, Abteilung 2“, 
so kann ich mir ohne weitere Beschreibung ein klares Bild von 
dem betreffenden Fall machen. 

Bezüglich der Annahme Angles, dass die Natur den 
oberen 6 jährigen Molaren immer an die richtige Stelle setze, 
möchte ich folgendes anführen: 

Bei. Klasse 2 ist der untere erste Molar gegenüber dem 
oberen ersten Molaren distal verschoben. Wenn ich nun durch 
Vorschieben des Unterkiefers, wie es bei jumping the bite“ 
oder ähnlichen Regulierungen der Fall ist, die unteren Zähne in 
richtige Artikulation zu den oberen Zähnen bringen kann, so 
kann ich doch nicht sagen, die oberen oder die unteren Zähne 
sind an eine falsche Stelle gestellt, sondern ich muss sagen, 
der Unterkiefer ist falsch gestellt, die Zähne aber stehen richtig. 
Die Ursache der falschen Stellung des Unterkiefers kann darin 
zu suchen sein, dass bei normaler Stellung im Milchgebiss die 
Zähne die richtige Stellung der Kiefer während des Zahn¬ 
wechsels nicht gehalten haben oder wir finden das Vorstehen 


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234 


Doz. Dr. W. Wallisch, Wien: Beiträge zur Orthodontie. 


des Oberkiefers und das Zurückstehen des Unterkiefers als 
Familienerbteil, was möglicherweise in dem zu wenig gestreckten 
Unterkieferwinkel seinen Grund haben dürfte. 

Auf Grund unserer anatomischen Kenntnisse des Kiefer¬ 
gelenkes müssen wir also, wenn durch Vorschieben des Unter¬ 
kiefers die oberen und unteren Zähne in richtige Artikulation 
gebracht werden können, es als das einzig Richtige ansehen, 
den Unterkiefer mit Hilfe der sogenannten „veralteten“ Methode 
zu fixieren, um ihn durch Längerwerden der rückwärtigen Zähne 
und vor allem durch Strecken des Kieferwinkels dauernd so 
zu erhalten. 

Auf diese Weise wird auch das Ideal der Regulierung, 
nämlich das Vorschieben des zurückstehenden Kinnes erreicht 
und auch der Patient befriedigt. 

Uebrigens verwendet auch Angle dieselbe Methode, wenn 
nach Regulierung der Zähne der Biss noch immer zu tief 
ist [4]: „Die einzige Methode jedoch, mit der der Autor be¬ 
friedigende Resultate erzielte, ist seit langem bekannt und be¬ 
steht in der Verwendung einer in der Front verdickten, den 
Gaumen bedeckenden Kautschukplatte mit Vertiefungen zur 
Aufnahme der unteren Scbneidezähne, so dass der Biss ge¬ 
sperrt und die volle Kraft des Kiefers von den Frontzähnen 
und nicht von den Molaren getragen wird. Wird die Platte 
dauernd 2 bis 6 Monate getragen, so werden sich die Molaren 
genügend verlängern und die richtige Bisshöhe wird erreicht 
sein. Das Resultat dieser Behandlungsmethode sieht man in 
dem den Gesichtszügen verliehenen schönen Gleichgewichte 
und in der Verbesserung der Okklusion“. 

Eine bessere Anerkennung des Erfolges dieser Methode 
kann man überhaupt nicht aussprechen. 

Literatur. 

1. Mc Bride: Die Orthodontie in ihrer praktischen Verwertung. Oesterr.- 
ungar. Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde, April 1907. 

2. Wal lisch: Das Kiefergelenk. Oesterr.-ungar. Vierteljahrsschrift für Zahn¬ 
heilkunde, April 1909. 

3. Angle: Bone-Growing. The Dental Cosinos, March 1910. 

4. Angle: Okklusionsanomalien der Zähne. VII. Auflage, 1908. 


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Dr. E. Feiler, Breslau: Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


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Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Die Therapie 4er AMarpyorrtoe. 

Aus der konservierenden Abteilung des zahn¬ 
ärztlichen Instituts (Prof. W. Bruck) der könig¬ 
lichen Universität Breslau. 

Von Dr. med. Erich Feiler , Arzt und Zahnarzt in Breslau. 

Die Therapie der Alveolarpyorrhoe nimmt einen unge¬ 
heueren Platz in unserer Fachliteratur ein, aber die tägliche Er¬ 
fahrung lehrt, dass die Ausführung der Behandlung, trotz der 
grossen Zahl der darüber veröffentlichten Arbeiten, nur eine 
geringe Verbreitung geniesst und dass sie von vielen Zahnärzten 
nach einigen Misserfolgen, die fälschlicherweise der Methode, 
nicht der Ausführung zur Last gelegt wurden, als aussichtslos 
aufgegeben ist. Hierdurch gehen nicht nur eine Unzahl von 
Zähnen alljährlich zugrunde, die bei geeigneter Behandlung er¬ 
halten werden könnten, sondern es leidet auch darunter das Ver¬ 
trauen der Patienten zum Zahnarzt und zu unserer Wissen¬ 
schaft. 

Allerdings gebe ich zu, dass es für den Praktiker nicht 
gerade leicht ist, sich unter der Menge der angegebenen Methoden 
die beste herauszusuchen. Denn ebenso wie die Ansichten über 
die Aetiologie der Alveolarpyorrhoe noch immer auseinander¬ 
gehen und die einen sich für eine rein lokale Aetiologie aus¬ 
sprechen, die anderen der Ansicht sind, dass die Alveolar¬ 
pyorrhoe nur der Ausdruck, nur ein Symptom einer be¬ 
stehenden konstitutionellen Krankheit ist, während die dritten, 
die Fusionisten nach S z a b 6, der Meinung sind, dass zu der 
konstitutionellen Erkrankung ein lokaler Reiz treten muss, der 
erst zu den Symptomen der Alveolarpyorrhoe führe, so scheidet 
sich entsprechend auch die Therapie in viele getrennte Lager. 

Aber selbst bei Beurteilung der lokalen Ursachen sind ver¬ 
schiedene Auffassungen vorherrschend. 

Karolyi[l], unterstützt von Szabö[2], Peter [3], einer 
speziell zum Studium dieser Verhältnisse eingesetzten Kommission 
von ungarischen Zahnärzten u. a., verlangt Ausschaltung der 
-von ihm als schädlich angesehenen Artikulationsstörungen, das 
Abschleifen stark vorspringender Höcker, die in irgend einer 
Stellung der Kiefer eine Verschiebung der betroffenen Zähne zur 
Folge haben können, eventuell Ausschaltung dieser Zähne 
während der Nacht durch Aufbisskappen auf gesunde Zähne und 


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Dr. Erich Feiler, Breslan: 


teilt 25 von ihm auf diese Weise geheilte Fälle mit. Jedoch 
spricht auch er sich für gründliche Entfernung aller Kon¬ 
kremente aus. 

Und das ist wohl der Punkt, in dem alle Autoren, die 
überhaupt über Heilerfolge berichten, und das sind die meisten, 
einig sind. Nur wenige unter ihnen, wie 

Fryd [4], der annimmt, dass es sich bei der Alveolar¬ 
pyorrhoe um eine Zirkulationsstörung, eine venöse Stauungs- 
hyperämie handelt, zu der nicht Diabetiker, sondern Magen- und 
Herzkranke hauptsächlich disponiert seien, hält eine Heilung für 
ausgeschlossen und regelt nur zur Besserung der Symptome 
nach mechanischer und medikamentöser Behandlung die Diät. 
Er lässt scharfe und zu heisse Speisen vermeiden und hat haupt¬ 
sächlich von Apfelsinen und Zitronen eine gute Wirkung ge¬ 
sehen. 

Ebenso meint Gr e v e [5], der als wissenschaftlichen Namen 
Garies alveolaris idiopathica eingeführt haben will, „wir stehen 
ungefähr auf demselben Standpunkt wie die alten Aerzte des 
18. Jahrhunderts: Man kann durch geeignete Methoden dem 
Uebel Einhalt tun, eine wirkliche Heilung ist bisher nicht oder 
nur ausnahmsweise erzielt worden.“ 

Auch nach Cohn [6], der sogenannte Reolstifte, be¬ 
stehend aus lebenden Hefezellen mit Asparagin und einer bei 
Körpertemperatur schmelzbaren Substanz empfiehlt, durch die 
eine stark eiterige Sekretion auf ein Minimum zurückgebracht 
wird, tritt eine Heilung „selbstverständlich nicht ein, weil wir 
die Behandlung viel zu spät anfangen und auch dann nur 
symptomatisch betreiben.“ 

Diesen wenigen gegenüber aber stehen eine grosse Zahl 
einwandfreier Beobachter und die besten zahnärztlichen Namen 
finden sich unter ihnen, die über eine Heilung der von ihnen 
beobachteten Fälle zu berichten haben und wir können uns 
heute unmöglich mehr auf den Standpunkt von Jour dain [7] 
stellen, der 1748 schreibt: „Diejenigen, die sich schmeicheln, die 
Krankheit heilen zu können, haben dieselbe wahrscheinlich mit 
der eiternden, schwammigen Beschaffenheit des Zahnfleisches 
verwechselt.“ 

Unter ihnen sind mehrere Gruppen zu erwähnen, und 
allerdings übernimmt immer die eine einen Teil der Behandlung 
der anderen, ohne sich darüber auszusprechen, welchen Teil sie 
für den ausschlaggebenden hält. Zuerst einmal also diejenigen, 
die sich für eine Exstirpation der Pulpa der erkrankten Zähne 
aussprechen, da sie von dem Gedanken ausgehen, dass die Blut¬ 
zufuhr, die für Pulpa plus Periodontium nicht genügt, aus- 


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Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


237 


reicht, um eines dieser beiden Organe, also das Periodontium 
genügend zu ernähren. Unter ihnen nenne ich Boswe 11 [8], 
dem diese Therapie allein genügt, ferner Miller [9], der von 
der Abtötung der Zahnpulpa in vielen Fällen günstige Wirkung 
gesehen hat, aber dabei bemerkt, dass selbstverständlich die 
Pulpa vollkommen exstirpiert und der Kanal völlig gefüllt werden 
muss, um vor sekundären Infektionen geschützt zu sein. 

Auch Bo e deck er [10] bedient sich der Pulpaexstirpa¬ 
tion, allerdings nur bei Auftreten von subperiostalen Abszessen 
und nur dann, wenn seine später zu erwähnende Therapie 
nicht zum Ziele geführt hat. 

Ein Teil des Erfolges ist wohl auch der Pulpaexstirpation 
zu zuschreiben, bei der von Rhein inauguri erten ,vonWeiser[ll] 
beschriebenen Behandlung durch Stützapparate und Brücken¬ 
arbeiten. Allerdings verlangt Weiser noch 1904 die Trepa¬ 
nation gesunder feststehender Nachbarzähne, während er 
1906 [12] bereits die Erfahrung gesammelt hat, dass die Al¬ 
veolarpyorrhoe an den miteinander zu einem festen System 
verbundenen gelockerten Zähnen festzustehen scheine. Jedoch 
verlangt auch er Entfernung vorhandenen Zahnsteins und 
sorgfältige Reinhaltung von seiten des Patienten. 

Derselben Methode bedient sich auch Grieves [13], der 
folgende Behandlungsmethode aufstellt: 

1. Feststellung der Aetiologie und Behandlung des All¬ 
gemeinleidens ; 

2. lokale Behandlung, Mundhygiene; 

3. Entfernung der Pulpen, Wurzelfüllung; 

4. Ueberragung einzelner Zähne durch Abschleifen zu be¬ 
heben ; 

5. passender Zahnersatz durch Brücken. 

Anderseits steht Wilhelm Sachs [14] auf dem Stand¬ 
punkt, dass die Fixierung allein auch ohne die Pulpenexstirpa¬ 
tion genügt, und er empfiehlt daher einen Stützapparat, be¬ 
stehend aus zusammengelöteten Ringen um die gelockerten 
Zähne. 

Aehnliche Apparate sind von Floris [15], Thiersch [16] 
und anderen beschrieben. 

Nächstdem spielt die Licht- und Strahlentherapie eine 
grosse Rolle, wobei, abgesehen von der spezifischen Wirkung 
der Röntgenstrahlen, hauptsächlich die durch die Lichtwirkung 
erzeugte Hyperämie der Gewebe wertvoll sein soll. 

Unter denen, die nach Bestrahlung mit Röntgenstrahlen 
Erfolge sahen, seien folgende genannt: 

Schmitt [17], der gewöhnlich vor der Bestrahlung den 
Zahnstein entfernt, doch dies nicht immer für erforderlich hält. 


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Dr. Erich Feiler, Breslau: 


Satterlee[18], der die Gewebe durch vorherige Be¬ 
handlung mit einem Adrenalinchloridspray für die X-Strahlen 
durchgängiger macht. 

Price[19], der meist nach wenigen Sitzungen Heilung 
sah und eine eigene Lampe mit Schutz der Umgebung zur 
Bestrahlung der Zähne auch von der bukkalen und lingualen 
Seite angegeben hat. 

v. Dobrzyniecki [20] berichtet über gute Erfolge nach 
Belichtung mit einer Linse in Verbindung mit dem Petroleum- 
Telschow-Reflektor, doch hält er die Prognose nur für gut 
bei Zähnen, bei denen höchstens der dem ersten Drittel 
der Wurzel entsprechende Teil des Alveolarfortsatzes ange¬ 
griffen ist. 

Neu mann [21] sah Heilung durch Bestrahlung mit Gas¬ 
glühlicht in Fällen, wo die später zu erwähnende Robinsche 
Methode versagt hatte. 

Hierher gehört wohl auch der von Lewinsky [20] be¬ 
richtete Fall der Heilung einer Alveolarpyorrhoe durch eine 
Seereise, wo salzhältiger Luft ebenso die Wirkung zugeschrieben 
werden kann wie der stärkeren Strahlung des Sonnenlichtes. 

Damit kommen wir nun zu den Verfechtern derjenigen 
lokalen Behandlung, die hauptsächlich in chirurgischer und me¬ 
dikamentöser Therapie ihren Ausdruck findet. Denn alle, die eine 
gründliche Entfernung des Zahnsteines und des sogenannten 
Serumsteines „bis zur Wurzelspitze“ vornehmen, müssen 
wissentlich oder unwissentlich auch die Granulations¬ 
masse, die sie in den Zahnfleischtaschen finden, entfernen, 
müssen die nekrotischen Alveolarränder abtragen und frische 
und gesunde Wundränder schaffen, wenn sie ihr Ziel, die gänz¬ 
liche Entfernung des Zahnsteines, erreichen wollen. 

Ob wir aber, wie es unter anderen Berten [23] emp¬ 
fohlen hat, mit dem Galvanokauter vorgehen und mit der 
Lanzette das Zahnfleisch spalten und hiernach die Zahnstein¬ 
entfernung vornehmen, oder ob wir, wie es die Verfechter der 
amerikanischen Schule tun, die Operation vom Zahnfleisch¬ 
rande her vornehmen und uns mit Hilfe eines der vielen von 
Younger, Allport, Senn und anderen angegebenen In¬ 
strumentensätze die Verletzung des Zahnfleisches und die in 
diesem Falle unangenehme und langwierige Vernarbung der 
Wundränder umgehen, ist im Prinzip völlig gleichgültig. Das 
wesentliche ist, wie schon R öm er [24] hervorhebt, „ein ener¬ 
gisches und zielbewusstes Vorgehen, nie kann zu viel, immer 
nur zu wenig entfernt werden. Der einzig mögliche Fehler ist 
durch Zaghaftigkeit bedingt“. 


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Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


239 


Alle Autoren sind sich darüber einig, dass die gründ¬ 
liche und energische Ausräumung der Zahnfleischtaschen Vor¬ 
bedingung für eine gute Heilung ist, nur wie man danach 
diese erreichen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. 

Yoanger [25] und seine Schule, Smith [26], Good [27], 
N o 1 s o n [28], Hans Sachs [29] und andere empfehlen die 
Einträufelung von reiner Milchsäure in die gereinigten Taschen, 
hierdurch werde bewirkt, dass Alveolarwand und Wurzelober¬ 
fläche teilweise aufgelöst werden, eine körnige Beschaffenheit 
bekommen und sich gut aneinanderschliessen, auch wäre sie 
ein gutes Stimulans der Granulation. 

White [30] empfiehlt zu demselben Zwecke Milchsäure 
und Formalin (30*0 : 4 gtt.), darauf Jodpinselungen. 

Ebenso verwendet Gerhardt [31] Jodtinktur. 

Von Boedecker[l. c.] und Lewin [33] wird Trichlor- 
essigsäure empfohlen. 

Ad. Witzei [34] und Berten [1. c.] berichten über Heil¬ 
erfolge nach Anwendung von Chlorphenol. 

Robin [32] spritzt rauchende englische Schwefelsäure in 
die Zahnfleischtaschen und neutralisiert den Ueberschuss mit 
Natrium bicarbonicum. 

Willmer[35] und Camoin[36] sahen Heilung nach 
Eintropfen von Perhydrol Merck (30 Prozent Wasserstoffsuper¬ 
oxyd) in die Zahnfleichtaschen. 

Am es [37] und Heid ecke [38] gingen von dem Ge¬ 
danken aus, dass flüssige Medikamente von der Mundflüssig¬ 
keit zu schnell entfernt würden und empfehlen daher das Ein¬ 
bringen von Pasten, der erslere eine solche aus Zinkhydrat 
und Glyzerin, der ein ätherisches Oel beigemischt ist, der 
letztere Anwendung von Jodoformemulsion. 

Aus demselben Grunde empfiehlt A d a i r [39] in einer 
prächtig geschriebenen Arbeit nach energischer chirurgischer 
Behandlung folgendes: Nach gründlicher Trockenlegung der 
Zahnreihe Einbringen einer gesättigten Lösung von Jod und 
Kreosot in die Zahnfleischtaschen, darüber zum Schutz gegen 
Flüssigkeit eine Schicht von Tanninglyzerin. Diese bleibt bis 
zum nächsten Tage liegen, wird dann mit der Bürste entfernt, 
worauf die Behandlung wiederholt wird. Nach 2- bis 4wöchiger 
täglicher Behandlung wird der Patient nach gründlicher An¬ 
leitung zur Pflege der Zähne und des Mundes entlassen. 
Adair präzisiert seine Heilerfolge mit folgenden Worten: 
„Kommt er dann wieder mit septischem Mund, so ist das 
ganz seine eigene Schuld 4 . 

Misch [40] befürwortet das Einbringen von Medikamenten 
in Bougieform. 


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Dr. Erich Feiler, Breslau: 


Stuart [41] gibt ein eigenes Gebläse zum Einblasen 
von Antiseptizis in die Zahnfleischtaschen an. 

Neuerdings wird von Reich [42], Loh mann [43] u. a. 
Pyozyanase, ein von dem Bacillus pyocyaneus gebildetes Enzym, 
warm empfohlen, allerdings auch nur in Verbindung mit der 
Abkratzung des Zahnsteins, und von Goadby [44] ist die 
Opsonintherapie der Behandlung der Alveolarpyorrhoe dienst¬ 
bar gemacht worden. 

Wenn wir nun alle diese Methoden kritisch betrachten, 
wenn wir uns überlegen, dass nach gründlicher Entfernung 
des Zahnsteins, nach gründlicher Reinigung der Zahnfleisch¬ 
taschen, alle diese Mittel in jedem Falle von Erfolg begleitet 
waren, dann müssen wir uns wohl darüber klar werden, dass 
es ganz gleichgültig ist, was für eines von diesen vielen Mitteln 
wir anwenden. Es hat wohl damit dieselbe Bewandtnis, wie 
mit den zur Wurzelbehandlung und Wurzelfüllung angewandten 
Methoden und Medikamenten. Auch hier werden noch täglich 
und stündlich fast neue Präparate, neue Zusammensetzungen 
alter Präparate empfohlen, obwohl jeder gewissenhafte Prak¬ 
tiker mit der einen von ihm angewandten Methode ohne jeden 
Misserfolg zum Ziele kommt. Wir sind wohl berechtigt, den 
von Wilhelm Sachs aufgestellten und seitdem von den meisten 
anerkannten Satz für die erfolgreiche Wurzelbehandlung: „Nicht 
was wir in den Kanal hineintuen, sondern was wir heraus¬ 
holen, darauf kommt es an“, auch auf die Behandlung der 
Alveolarpyorrhoe anzuwenden. Nicht was wir in die Zahn¬ 
fleischtaschen hineinbringen, sondern was wir und dass wir alles 
Krankhafte gründlich herausbringen, darauf allein kommt es an. 
Nach dieser gründlichen operativen Behandlung haben wir nur 
mehr nötig, für eine gute und gründliche Vernarbung der 
Wundflächen mit den jedem einzelnen geläufigen Mitteln zu 
sorgen, diese geht dann mit der bei Knochenwunden üblichen 
Langsamkeit vorwärts. 

Partsch[45] hat schon im Jahre 1900 über eine gute 
Heilung rein chirurgisch behandelter Fälle berichtet, bei 
denen entweder nach Jodoformgaze-Drucktamponade oder nach 
Spaltung der Zahnfleischtaschen die Ausräumung des Zahn¬ 
steins und der Granulationen vorgenommen wurde. 

Auch Schröder [46], der ebenso wie Jul. Witzei und 
Pf aff empfiehlt, mit Hilfe der Aspirationstechnik die Behand¬ 
lung der Alveolarpyorrhoe in Angriff zu nehmen, ist dieser An¬ 
sicht, wenn er sagt: „Von einer medikamentösen Behandlung 
halte ich schon lange nichts". Dabei möchte ich noch darauf 
hinweisen, dass der von vielen der angeführten Autoren zur 
Nachbehandlung empfohlenen Massage wohl nicht der richtige 


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241 


f 


Die The 



der Alveolarpyorrhoe. 


Wert beigemessen wird. / Nicht allein, wie wohl alle glauben, 
die Hebung des Ernährungszustandes des Zahnfleisches 
ist als ein integrierender Bestandteil anzusprechen, auch nicht 
wie Körner [48] meint, dem durch sie erfolgenden Herauspressen 
des Eiters aus den Taschen, sondern es handelt sich, wie ich 
bereits an anderer Stelle [47] betont habe, wohl hauptsächlich 
um die durch die Massage der Kiefer bedingte erhöhte Heil¬ 
fähigkeit der Alveolarränder, um ihre schnelle und gründ¬ 
liche Vernarbung und Kallusbildung. 

Um die Zwecklosigkeit der Anwendung scharfer Säuren 
zu demonstrieren, habe ich folgende Versuche angestellt: 

Ich nahm extrahierte untere Molaren, schabte von der 
einen Wurzel das Periodontium ab und legte die Zähne in 
folgende Agentien 


Rauch, engl. Schwefelsäure . . . 

Offizin. Ameisensäure. 

Trichloressigsäure. 

Milchsäure.. . . . 

lproz. Protargol. 


45 Minuten 
45 Minuten 
45 Minuten 
60 Minuten 
1 Stunde 


bei Körper¬ 
temperatur 


Die Zeiten sind sehr hoch gegriffen, denn selbst bei noch 
so häufiger Anwendung wird eine so lange Zeit der Einwir- 
kung im Munde wohl nie erreicht werden, da ja stets der 
Speichelfluss bald das Medikament hinwegschwemmt, wenn 
nicht der Operateur es vorzieht, selbst die Säure zu neutrali¬ 
sieren oder mit lauem Wasser nachzuspritzen. 

Bei den in den scharfen Säuren befindlichen Zähnen ist 
gerade das Periodontium und ß.uch dieses noch nicht völlig 
aufgelöst, die mechanisch vom Periodontium befreiten Wurzeln 
dagegen präsentieren ohne Ausnahme ihre unveränderte glatte 
Zementschicht; auch aus folgenden Gründen perhorresziere ich 
die Anwendung scharfer Säuren: der von ihnen verursachte 
Aetzschorf muss erst wieder ausgestossen werden auf keine 
Weise wohl können wir uns vorstellen, dass er resorbiert 
werden kann und unser Bestreben muss es doch wohl sein, 
nach Schaffung frischer Wundränder eine Heilung, wenn auch 
nicht per primam, dazu stehen die Wundränder zu weit aus¬ 
einander, so doch möglichst ohne Setzung eines neuen Aetz- 
schorfs zu erreichen. 

Wenn ich nun darauf eingehe, die Methode vorzuführen, 
mit der wir hier an der konservierenden Abteilung des könig¬ 
lichen Instituts und in der Praxis gute Erfolge erzielt haben, so 
kann ich Ihnen im ganzen über 25 von mir behandelte Fälle 
berichten und lasse zunächst die wichtigerer! Krankengeschichten, 
soweit sie für die Therapie Interesse haben, folgen: 


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Dr. Erich Feiler, JPreslau: 


Pall 3. Aufnahme 15. Februar 1909, Entlassung 
5. April 1909. - \ 

15. Februar. Pat. klagt über Scnmerzen am Zahnfleisch, 
die er auf das Lockerwerden ^nd Eitern an den Zähnen zu¬ 
rückführt. 

Status: Die Inspektion der Mundhöhle ergibt ein ziem- 

8 

lieh verwahrlostes Gebiss. Von ^ ■ stehen die Wurzeln breit 

vom Zahnfleisch überwuchert; auch sonst ist das Zahnfleisch 
stark* geschwollen, entzündet und blutet bei der geringsten 
Berührung. Bedeckt ist es von einem schmierigen, gelblichen 
Belage. Die noch stehenden Zähne sind besonders im Unter¬ 
kiefer von der Wurzel bis zur Krone mit Schollen harten 
festen Zahnsteins bedeckt. Auf Druck entleert sich in ziemlichen 
Mengen schlechtriechender Eiter. 

Therapie: Zahnsteinentfernung, Reinigung, Massage. 

17. Februar. Abkratzung, Jod. 

26. Februar. Abkratzung, Jod, Massage. 

2. März. Jod, Massage. 

5. März. Erhebliche Besserung, Zahnfleisch hellrosa, keine 
Eiterung, Behandlung fortgesetzt. 

12. März. Behandlung. 

16. März. Nochmalige Abkratzung der unteren Zähne, 
Jod, Massage. 

20. März. Behandlung. 

23. März. Weitere Besserung, Abdruck zur Goldprothese. 
5. Juni Entlassung. 

3. Februar 1910. Pat. hat sich wieder vorgestellt. Alle 
Zähne fest und kräftig im Kiefer, keine Eiterung. Zahnfleisch 
straff und hellrosa, liegt den Zähnen fest an. Keine Taschen¬ 
bildung. 


Fall 4. Aufnahme 24. Februar 1909, Entlassung 27. Fe¬ 
bruar 1909. 

24. Februar. Bemerkt seit Monaten Lockerung der rechten 
oberen Backenzähne und Bluten des Mundes beim Putzen. 
Zwei Zahnärzte erklärten auf Befragen, die Zähne seien ver¬ 
loren, man solle sie ausfallen lassen. 

Status: Starke Reizung des livid verfärbten Zahn¬ 
fleisches bei S 4 5 61 , stark gelockert; Taschenbildung, auf 
Druck eitrige Sekretion. 

Therapie: Abkratzen, Jod, Massage. 

25. Februar. Wiederholung. 

27. Februar. Erhebliche Besserung, Lockerung nur noch 
gering, keine Sekretion. Entlassen. 


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Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


243 


Fall 6. Aufnahme 2. April 1909, Entlassung 28. April 1909. 

2. April. Seit mehreren Jahren Lockerung sämtlicher 
Zähne und Eiterung am Zahnfleischhalse, starkes Bluten der 
Zähne beim Putzen. Vor einem Jahr Behandlung der Backen¬ 
zähne links oben, die seitdem fester geworden sind. 

Status: Zahnfleisch livid verfärbt, blutet bei der ge¬ 
ringsten Berührung. Der Zahnfleischsaum bedeckt von einem 
schmierigen eitrigen Belag. Die fast vollständig erhaltene Zahn¬ 
reihe ist vielfach mit Zahnstein inkrustiert. Die Zähne, mit 
Ausnahme der linken oberen Backenzähne, wackeln stark, auf 
Druck entleert sich aus den Zahnfleischtaschen eitriges Sekret. 

Therapie: Abkratzen, Jod, Massage. 

8. April. Dieselbe Behandlung. 

4. April. Jod, Massage. 

8., 13. und 22. April. Sekret und Lockerung, Jod, Massage. 

28. April. Sekretion hat gänzlich aufgehört, erhebliche Be¬ 
festigung der Zähne. Entlassung. 

* 

Fall 11. Aufoahme 2. Oktober 1909, Entlassung 18. Ok¬ 
tober 1909. 

2. Oktober. Seit langer Zeit wird Eiterung und Locker¬ 
werden der unteren Vorderzähne bemerkt. 

Status: Die unteren Backenzähne stark gelockert, Zahn¬ 
steinablagerungen. Sonst Gebiss normal. 

Therapie: Abkratzen, Milchsäure, Massage zweimal 
täglich selbst auszuführen. 

7. Oktober. Erhebliche Besserung. Milchsäure, Massage. 

14. Oktober. Weitere Besserung. 

18. Oktober. Zähne wieder fest, keine Absonderung mehr. 
Entlassung. 

* 

Fall 14. Aufnahme 1. November 1909, Entlassung 3. De¬ 
zember 1909. 

1. November. Pat. bemerkte Eiterung an den Zähnen 
ipid Lockerung seit Jahren. Mehrere Konsultationen ergaben 
das Resultat „unheilbar“. Abstinent und Nichtraucher, Sports¬ 
mann. 

Status: Kräftiger, wohlgepflegter Mann, weit jünger 
aussehend. 

In der wohlgepflegten Zahnreihe stehen alle Zähne bis 
auf |6. Zahnfleisch nur wenig verfärbt, tritt von den Zahn¬ 
hälsen zurück. Kein Zahnstein. Dagegen tritt auf Druck Eiter 
an der palatinalen Seite der oberen Zähne und der lingualen 
der unteren. Starke Lockerung sämtlicher Zähne. 

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Dr. Erich Feiler, Breslau: 


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Therapie: Abkratzen, Acid. lact., Massage täglich zwei¬ 
mal selbst auszuführen. 

2., 4. und 5. November. Abkratzen, Acid. lact. 

12. November. Erhebliche Besserung. Sekretion gering. 
Zähne fester. 

19. und 26. November. Behandlung fortgesetzt. 

3. Dezember. Völlige Heilung. Ausser der Retraktion des 
Zahnfleisches ist nichts mehr vom Krankheitsprozesse wahr¬ 
zunehmen. 

26. Dezember. Revision ergibt völlige Heilung. 

* 

Fall 15. Aufnahme 7. Dezember 1909, Entlassung 24. Fe¬ 
bruar 1910. 

7. Dezember. Bemerkt seit Jahren Lockerung der Zähne 
und Eiterung am Zahnfleischrand. Will stets gesund ge¬ 
wesen sein. 

Status: Starke Lockerung der sonst grösstenteils in¬ 
takten Zahnreihe. Zahnfleisch gerötet und entzündet, stark ge¬ 
schwollen, bei Berührung leicht blutend. Viel Zahnstein. 

Therapie: Abkratzung, Acid. lact., Massage. 

13. und 16. Dezember. Behandlung wie bisher. 

10. Jänner 1910. Alle Zähne sind wieder fest und kräftig 
im Kiefer; keine Eiterung mehr. Zahnfleisch hellrosa. Papillen 
normal. 

17. Jänner. Gutes Befinden unverändert. Acid. lact. 

24. Jänner. Befinden gut. Acid. lact. War inzwischen an 
Gelenksrheumatismus erkrankt; leichte Zahnsteinablagerungen. 
Diese werden entfernt und Patientin entlassen. 

* 

Fall 16. Aufnahme 9. Dezember 1909. 

9. Dezember. Gut aussehende, kräftige Frau. Bemerkt 
seit Jahren eine Lockerung der noch stehenden Zähne. 

Status: völlig gelockert, die Sonde dringt rund¬ 

herum bis zur Wurzelspitze, auf Druck ergiesst sich Eiter in 
grossen Mengen aus den Zahnfleischtaschen. Die übrigen Zähne 
des Oberkiefers stehen noch etwa mit einem Drittel in den 
Alveolen, Lockerung und Eiterabsonderung stark. Im Unter¬ 
kiefer (auch Kautschukersatz) sind die sehr pervers stehenden 
Zähne fast völlig bis zur Krone mit livid verfärbten, bei der 
geringsten Berührung leicht blutenden Zahnfleischwucherungen 
bedeckt. Auch hier starke Lockerung und erhebliche Sekretion, 
besonders links unten. 

Therapie: Abkratzung. Milchsäure. Massage. Täglich 
Massage mit H, O t Watte. 


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Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


245 


13. Dezember. Erhebliche Besserung. Abkratzung. Pa¬ 
tientin kann sich nicht entschlossen, die Kautschukprothesen 
fortzulassen oder die Wurzel des 2| entfernen zu lassen. 

11. Jänner 1910. Erhebliche Besserung, Eiterabsonderung, 
nur noch 1[ wird wieder abgekratzt. Milchsäure. Massage 
fortdauernd. 

14. Jänner. Zahnsteinentfemung. Untere Piece wird vor¬ 
läufig nicht getragen. 

18. Jänner. Abkratzung. 

24. Jänner. Abkratzung. Zahnfleisch nimmt normale Kon¬ 
sistenz an. 

4. Februar. Da Milchsäure schmerzhaft empfunden wird, 
Tct. Jodi. M, sezerniert wieder. 

9. Februar. Seit letzter Sitzung 1) nur noch geringe Se¬ 
kretion, stärkere Befestigung. Untere Zähne noch gelockert. 
Abschwellung gering. Tct. Jodi. 

15. Februar. Tct. Jodi. 

22. Februar. Weitere Besserung. Vorderzähne schon zum 
Abbeissen zu gebrauchen. 

Fall 19. Aufnahme 10. Jänner 1910, Entlassung 
29. Jänner 1910. 

10. Jänner. Pat. bemerkt seit über einem Jahre Eiterung 

2 1112 

und Lockerung an den Vorderzähnen ^ \ \i 2 Ausbrennen der 

Taschen mit dem Thermokauter war erfolglos. 

Status: Starke Eiterung aus den labialen Seiten der 
Schneidezähne auf Druck, daselbst deutliche Taschenbildung, 
bei bis zur Wurzelspitze, die übrigen etwas geringer. Aus 
den Taschen bei polypöse Wucherungen. Starke Lockerung 
der Zähne. Sonstiges Gebiss normal. Zähne kräftig und gesund. 
Kleine Zahnsteinablagerungen. 

Therapie: 2 111 2 Abkratzung. Acid. lact. Massage 
mit H t O t . 

14. Jänner. Therapie: 2 111 2 Abkratzung. Acid. 
lact. Massage. 

21. Jänner. Alle Zähne fester, keine Eiterung mehr. Die 
Taschen haben sich verkleinert; bei |1 noch am grössten. 
Zahnfleischpapillen noch livid verfärbt, doch fängt das Zahn¬ 
fleisch an, sich zu retrahieren. 

24. Februar. Keine Eiterung. Zähne erheblich fester. 
Befinden gut. 

* 


Fall 21. Aufnahme 20. Jänner 1910, Entlassung 28. Fe¬ 
bruar 1910. 


4 * 


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Dr. Erich Feiler, Breslau: 


20. Jänner. Bemerkt seit zehn Jahren Lockerung der 
noch stehenden Zähne, Eiterung aus den Taschen. 

0*1 TV u * u a 76421|12367 . . 

Status: Die noch stehenden 5432111235 s,n< * 

mehr weniger gelockert, besonders die Vorderzähne. Zahn¬ 
steinablagerungen vorhanden, doch nicht übermässig. Eiter¬ 
absonderung mässigen Grades auf Druck. 

Therapie: Abkratzung sämtlicher Zähne. Tct. Jodi. 
Massage. 

24. Jänner. Wiederholung der Behandlung. 

4. Februar. Tct. Jodi. 

9. Februar. Allgemeine Besserung, alle Zähne fester, nur 
zwei Vorderzähne wenig beweglich. Tct. Jodi. 

16. und 23. Februar. Tct. Jodi. 

28. Februar. Tct. Jodi, nur noch 2] etwas beweglich, 
keine Spur von Eiterung. Entlassung. 

* 

Fall 23. Aufnahme 4. Februar 1910, Entlassung 28. Fe¬ 
bruar 1910. 

4. Februar. Seit Juni 1909 Rheumatismus, noch nicht 
verloren; seit 2 Monaten Wackeln der Zähne bemerkt, die zum 
Beissen nicht mehr zu gebrauchen sind. 

Status: Starke Zahnsteinablagerung, Zahnfleisch stark 
entzündet, livid verfärbt, blutet bei der geringsten Berührung. 
Die fast sämtlich stehenden Zähne sind stark gelockert, auf 
Druck entleert sich Eiter aus den Zahnfleischtaschen. 

Therapie: Allgemeine Zahnsteinentfernung, Massage. 

7. Februar. Abkrtazen der Wurzeln, Jod, Massage. 

11. Februar. Jod, Massage, erhebliche Besserung. 

21. Februar. Jod. Kein Wackeln mehr. Zähne beginnen 
wieder zum Kauen brauchbar zu sein. Zahnfleisch gekräftigt 
und gereinigt. Viel Mundschleim. 

28.Februar. Weitere Besserung. Jodbehandlung. Entlassung. 

* 

Wie zu ersehen ist, bewegte sich die Therapie stets in 
demselben Rahmen. Sie besteht in der operativen Entfernung 
der krankhaften Veränderungen. Alles andere ist selbstverständ¬ 
liche Beigabe, sowohl die Reinigung des Operationsfeldes und 
die Anästhesierung vorher, wie auch die Anregung der Wund¬ 
heilung nach der Operation. 

Dass bei Vorhandensein von Allgemeinleiden diese be¬ 
handelt werden müssen, damit wir mit der lokalen chirurgischen 
Behandlung Erfolge erzielen, ist ebenso selbstverständlich, wie 


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Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


247 


dass wir lokale Schädlichkeiten, schlecht sitzende Prothesen 
oder die Ueberlastung einzelner Zähne ausschalten müssen. 
Dadurch unterstützen wir die schnellere Vernarbung und schützen 
uns vor Rezidiven. Nie werden wir bei Vorhandensein von 
mit Granulationsmassen und hartem Detritus ausgefüllten Zahn¬ 
fleischtaschen, die allein zur Stellung der Diagnose Alveolar¬ 
pyorrhoe berechtigen, durch blosse Ueberweisung des Patienten 
an den Hausarzt Heilung erzielen. 

In allen unseren Fällen sistiert meist nach einmaliger 
gründlicher Entfernung des Zahnsteines und der Granulations¬ 
massen sofort die seit Jahren und Monaten bestehende Eiterung, 
und unter Nachbehandlung mit Jod oder Milchsäure, verbunden 
mit energischer, vom Patienten selbst täglich ausgeführter 
Massage des Zahnfleisches und des Alveolarrandes, tritt all¬ 
mählich eine Vernarbung ein, die Zähne werden wieder fest 
und funktionsfähig, die Schmerzen hören auf, der sehr lästige 
schlechte Geschmack und Foetor ex ore verschwinden, die durch 
die Eiterung bedingte dauernde Zuführung von Giftstoffen mit 
ihrer fortgesetzten Schädigung des Gesamtorganismus sistiert, 
der Kräftezustand hebt sich, mit einem Wort, es tritt Heilung ein. 

Nur in einem Falle, wo der sehr empfindliche Patient 
durch kein Mittel zu einer geordneten Mundpflege anzuhalten 
war, habe ich nach drei kurzen Sitzungen die Behandlung als 
aussichtslos aufgegeben. 

Die Entfernung des Zahnsteines und die Auskratzung der 
Zahnfleischtaschen wird von mir mit dem von Hans Sachs [1. c.] 
beschriebenen Instrumentarium vorgenommeri (Fig. 1 und 2). 
Die ersteren Instrumente eignen sich besonders für die Be¬ 
handlung der Front- und Eckzähne, die anderen, nach Angabe 
von Y o u n g e r angefertigten, für Bicuspidaten und Molaren 
und man kann mit ihnen leicht auch an die Lingual- und 
Palatinalseiten der Backenzähne heran. Die meist schreibfeder¬ 
artig gefassten Instrumente müssen in kräftigem Zug entlang 
den Wurzeln geführt werden, bis sich dem Tastgefühl keine 
Widerstände mehr bemerkbar machen. Um ein Abgleiten der 
scharfen Instrumente zu verhüten, ist, wie bei jeder zahn¬ 
ärztlichen Operation, so auch hier, auf gute Unterstützung der 
arbeitenden Hand das Hauptaugenmerk zu richten. 

Aus prinzipiellen Gründen allerdings muss ich gegen die 
Armierung der Instrumente mit Holzgriffen Einspruch erheben. 
Denn einerseits ist es nicht angängig, dass wir, die wir bei 
der Einrichtung unserer Operationszimmer und z. B. bei der 
Ausbohrung einer Höhle für eine Goldfüllung uns von streng 
anti- und aseptischen Gesichtspunkten leiten lassen, nun plötz¬ 
lich bei einer rein chirurgischen Operation mit unserem In- 


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248 


Dr. Erich Feiler, Breslau: 



Fig. 2. 


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Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


249 


strumentarium in die vorantiseptische Zeit zurückkehren, ander¬ 
seits möchte ich bei Anerkennung aller Energie, die uns hier 
nur zum Erfolg verhelfen kann, doch nicht glauben, dass sie 
grösser ist als beispielsweise beim Kondensieren einer Gold¬ 
füllung oder beim Ziehen von Unterschnitten mit dem Rück¬ 
haken und auch hier kommen wir nur mit den dünnen Metall¬ 
griffen ohne zu grosse Anspannung zum Ziel. 

Statt der groben Zahnsteininstrumente bediene ich mich 
fast stets des doppelt gebogenen Rückhakens (Fig. 3), mit dem 
ein viel feineres und sichereres Abreissen ohne Verletzung des 
Zahnfleischrandes möglich ist. Doch kommt es vor, dass ich, 
um Bresche in die harten Zahnsteinmassen zu schlagen, einen 
kleinen Rosenbohrer zu Hilfe nehmen muss. Ist eine starke 
Zahnsteinablagerung auch an den Kronen der Zähne vorhanden, 
so nehme ich in der ersten Sitzung nur eine gründliche all¬ 
gemeine äussere Zahnsteinreinigung vor, um mich vor 
einer zu starken Blutung bei der Abkratzung zu hüten 
und beginne erst am folgenden Tage mit der eigent- ([ 
liehen Behandlung. Je nach der Schwere und Aus¬ 
dehnung der Erkrankung kann man ein bis vier Zähne 
in einer */«- bis 1 ständigen Sitzung vornehmen, doch 
während ich früher häufig zu viel Zähne auf einmal 
in Angriff nahm und dadurch bei allen zu einer Wieder¬ 
holung der Operation gezwungen wurde, bin ich jetzt I 
dazu gekommen, alles, was ich in einer Sitzung be- 1 
ginne, auch möglichst in derselben Sitzung zu be- Fig. 3. 
enden. Denn, wie Good bei der Demonstration in 
Berlin sagte, „der Chirurg macht ja eine Operation auch nicht 
ohne Not zweizeitig“. Jedoch halte ich den von Adair [1. c.] 
gemachten Vorschlag, sämtliche Zähne in einer 2- bis 5 stän¬ 
digen Sitzung auf einmal zu operieren, für gar zu weitgehend. 

Eis gehört allerdings eine grosse Geduld zu dieser Be¬ 
handlung, aber wer einmal einen guten Erfolg erzielt hat, wird 
dadurch reichlich für die aufgewendete Mühe entschädigt. Auch 
unsere Patienten, an welche bei ihrem häufig geschwächten 
Allgemeinbefinden keine kleinen Anforderungen gestellt werden, 
werden, sobald sie den geringsten Erfolg sehen, zuversicht¬ 
licher, wenn ihnen das drohende Schreckgespenst des künst¬ 
lichen Zahnersatzes wieder aus den Augen verschwindet. In 
manchen Fällen wird es auch nötig sein, vor Vornahme der 
Behandlung das Allgemeinbefinden durch eine allgemeine Be¬ 
handlung zu heben. Zuweilen erweist sich das Feststellen der 
Zähne durch Ligaturen als notwendig; in diesem Falle werden 
sie am besten mit der Youngerschen, nicht faulenden Zahn¬ 
seide oder dem An gl eschen Ligaturendraht ausgeführt. Meist 


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Dr. Erich Feiler, Breslau: 


genügt das Stützen der stark gelockerten Zähne während der 
Behandlung mit einem Finger der linken Hand. Natürlich geht 
die Heilung rascher von statten, wenn nur eine Seite der 
Zahnwurzel vom Alveolarfortsatz entblösst ist, doch erreicht 
man bei genügender Geduld auch sonst gute Resultate, so 
dass ich nach meinen Erfahrungen wohl alle Zähne als er¬ 
haltungsfähig bezeichnen muss, die noch mit einem Drittel ihrer 
Wurzel im Kiefer stehen. 

Nach der Abkratzung erfolgt die Politur der Zähne und 
Zahnhälse, sodann, nach Trockenlegung der Zahnreihen, Ein¬ 
führung von Jod oder Milchsäure zur Anregung der Wund¬ 
heilung in die Taschen. 

Damit ist die Operation beendet. Zur Nachbehandlung 
benutze ich teils reine Milchsäure*, teils, weil diese sowohl des 
üblen Geschmackes wegen schlecht vertragen wird als auch in 
einigen Fällen starke Nachschmerzen verursachte, Jodtinktur. 
Beide Medikamente führe ich auf mit Japanpapier umwickelten 
Nervnadeln in die Taschen ein. Die Heilungsdauer ist je nach 
der Stärke des Prozesses verschieden; oft genügen zwei bis 
vier medikamentöse Nachbehandlungen, wöchentlich ein- bis 
zweimal, und wir finden dann bei der Kontrolle nach einem 
Vierteljahr als einziges Zeichen des abgeheilten Prozesses eine 
Retraktion des Zahnfleisches und ein Freibleiben der Zahnhälse 
um einen der Tiefe der früheren Zahnfleischtaschen entsprechen¬ 
den Raum, während die Taschen selbst völlig verschwunden 
sind. Straffes hellrosa Zahnfleisch umschliesst die wieder fest¬ 
stehenden Zahnwurzeln und alle üblen Erscheinungen, die die 
Patienten schon jahrelang quälten, sind verschwunden. In vor¬ 
geschritteneren Fällen dauert die Heilung länger, doch sind wir 
des Erfolges sicher, sobald es uns gelungen ist, die Eiterung 
zum Versiegen zu bringen. Die Vernarbung der von uns ge¬ 
setzten frischen Knochenwunden geht dann allmählich aber 
stetig vorwärts. Dies ist der springende Punkt; die geringste 
Spur von Eiterung beweist, dass wir noch etwas Krankhaftes 
in den Taschen zurückgelassen haben und zwingt uns, die 
Abkratzung zu wiederholen. Auf die Nachbehandlung durch 
Massage lege ich, wie schon erwähnt, den grössten Wert. 
Meist nach einmaligem Vorzeigen ist der Patient selbst in der 
Lage, die Prozedur vorzunehmen und wir sehen dann nicht 
nur baldige Besserung der subjektiven Unbequemlichkeiten, 
sondern auch der objektiven Symptome. 

Sodann ist natürlich auf gründliche Mundpflege streng 
zu achten und der Patient hierin gehörig zu unterweisen. Am 
besten eignet sich zum täglichen Gebrauch fast warmes Wasser, 
dem einige Tropfen alkoholisches Mundwasser oder Eau de 


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Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


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Cologne zugesetzt sind, und es ist vor allem für gründliche 
Reinigung der Zwischenräume durch Hindurchpressen der Spül¬ 
flüssigkeit zwischen den Zähnen Sorge zu tragen. Zur Ver¬ 
hütung des Ansetzens neuen Zahnsteines wird von vielen 
Autoren die von Hermann (Karlsbad) hergestellte Zahnpaste 
„Solvolith“ und ein Kaupräparat „Sahir“ empfohlen. Mit der 
ersteren haben auch wir sehr gute Erfahrungen gemacht und 
lassen sie ständig benutzen; wenn sie auch nicht immer im¬ 
stande ist, die Zähne völlig vom Zahnstein freizuhalten, so ist 
doch der nach Gebrauch von Solvolith sich festsetzende Zahn¬ 
stein erheblich weicher und leichter zu entfernen. 

Zum Schluss erfülle ich die angenehme Pflicht, Herrn 
Prof. Bruck für die freundliche Ueberlassung der poliklinischen 
Fälle meinen ergebensten Dank zu sagen. 

Literatur. 

1. K a r o 1 y i: Behandlung der Alveolarpyorrhoe. Oesterr.-ongar. Vierteljahrs¬ 
schrift für Zahnheilkunde, 1906, p. 193. 

2. Szabö: Revision des Standes der Kenntnis der Caries alveolaris speci- 
fica vom ätiologischen und therapeutischen Standpunkt. Oesterr.-ungar. 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde, 1905, p. 348. 

3. P6ter: Bedeutung und Folgen der Artikulationsstörnngen. Oesterr. 
Zeitschrift für Stomatologie, 1904, p. 407. 

4. Fryd: Einige Fälle aus der Praxis. Deutsche zahnärztl. Wochenschrift, 

1905, p. 389. 

5. Greve: Caries alveolaris idiopathica. Oesterr.-ungar. Vierteljahrsschrift 
für Zahnheilkunde, 1904, p. 527. 

6. Cohn: Einfluss der Sprosspilze auf die Eiterung im Munde. Deutsche 
Monatsschrift für Zahnheilkunde, 1905, p. 662. 

7. Jourdain: Traitö des maladies de la bouche. Paris 1778, II. Bd., p. 396. 

8. Boswell: A few points of pyorrhoea. Era, 1906. 

9. Miller: Abtötung der Zahnpulpa. Deutsche zahnärztl. Wochenschrift, 

1906, p. 376. 

10. Boedecker: Alveolarpyorrhoe. Review, XVII. 

11. Weiser: Die M. L. Rheinsche Methode der Fixation lockerer Zähne. 
Oesterr.-ungar. Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde, 1904, p. 35. 

12. Weiser: Alveolarpyorrhoe. Oesterr.-ungar. Vierteljahrsschrift für Zahn¬ 
heilkunde, 1906, p. 186. 

13. Grieves: Die Brücke bei Pyorrhoe. Ref. Oesterr.-ungar. Vierteljahrs¬ 
schrift für Zahnheilkunde, 1904, p. 470. 

14. Wilhelm Sachs: Die mechanische Befestigung durch Alveolarpyorrhoe 
stark gelockerter Zähne. Oesterr.-ungar. Vierteljahrsschrift für Zahnheil¬ 
kunde, 1906, p. 14. 

15. Floris: Therapie der Alveolarpyorrhoe unter Zuhilfenahme von Stütz¬ 
apparaten. Archiv für Zahnheilkunde, 1906, p. 3. 

16. Thiersch: Immobilisation bei Fällen weit vorgeschrittener Alveolar¬ 
pyorrhoe. Schweiz. Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde, 1909, p. 273. 

17. Schmitt: The x-rays in pyorrhoea alveolaris. Era, 1904. 

18. Satterlee: Recent application of the tri-ultraviolette orx-ray to dental 
surgery. Cosmos, 1904. 

19. Price: The treatment of pyorrhoea alveolaris socalled with x-rays 
Summary, 1904. 


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962 


Dr. E. Feiler, Breslau: Die Therapie der Alveolarpyorrhoe. 


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20. v. Dobrzyniecki: Lichttherapie in der Zahnheilkunde. Korrespondenz¬ 
blatt für Zahnärzte, 1906, p. 66. 

21. Neumann: Ueber Lichttherapie. Oesterr.-ungar. Vierteljahrsschrift für 
Zahnheilkunde, 1904, p. 234. 

22. Lewinsky: Heilung einer Alveolarpyorrboe durch eine Seereise. Deutsche 
zahnärztl. Wochenschrift, 1907, p. 742. 

23. Berten: Ueher Alveolarpyorrhoe. Deutsche zahnärztl. Wochenschrift, 
1906, p. 133. 

24. Börner: Ueber einige pathologische Beobachtungen bei Alveolar¬ 
pyorrhoe. Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, 1905, p. 44. 

26. Younger: Pyorrhoea alveolaris. Schweiz. Vierteljahrsschrift für Zahn¬ 
heilkunde, 1906, p. 87. 

26. Smith: Sieben Jahre Forschung auf dem Gebiete der Prophylaxe. 
Archiv für Zahnheilkunde, 1905. 

27. Good: Behandlung der Caries alveolaris specifica. Bef. Deutsche zahn- 
ärztl. Wochenschrift, 1906, p. 586. 

28. Nolson: Alveolarpyorrhoe. Bef. Deutsche zahnärztl. Wochenschrift, 
1906. p. 85.9. 

29. Hans Sachs: Die Alveolarpyorrhoe und ihre erfolgreiche Behandlung. 
Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, 1909. 

30. White: Treatment of Pyorrhoea alveolaris. Cosmos, 1907. 

31. Gerhardt: Pyorrhoe an einem kleinen Schneidezahn. Deutsche zahn¬ 
ärztl. Wochenschrift, 1906, p. 46. 

32. Bo bin: Nouveau traitment potentiel de la pyorrhoea alveolaris. Bevue 
de Stomatologie, 1902. 

33. Lewin: Drei empfehlenswerte Medikamente. Deutsche zahnärztl. Wochen¬ 
schrift, 1906, p. 845. 

34. Adolph Witzei: Mitteilungen aus der Praxis. Korrespondenzblatt für 
Zahnärzte, 1904. 

36. Willmer: 30°/ 0 H\0 % und seine Anwendung Journal für Zahnheil¬ 
kunde, Jahrg. 22. 

36. Camoin: Du Perhydrol en art dentaire. Bef. Deutsche zahnärztl. 
Wochenschrift, 1906, p. 921. 

37. Arnes: A feature of pyorrhoea treatment. Beview, 1906, p. 31. 

38. Heidecke: Zur Therapie der Alveolarpyorrhoe. Deutsche Monatsschrift 
für Zahnheilkunde, 1904, p. 294. 

39. Adair: Die Biggsche Krankheit vom Standpunkte des Spezialisten. 
Schweiz. Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde. 1904, p. 115. 

40. Misch: Die Bougiebehandlung in der Zahnheilkunde. Deutsche zahnärztl. 
Wochenschrift, 1904, p. 213. 

41. Stuart: Pulvörisateur dentaire. Progrös dentaire, 1907. 

42. Beich: Das Wesen der Pyocyanase. Deutsche zahnärztl. Wochenschrift, 
1909, Nr. 32. 

43. Loh mann: Pyocyanase und ihre Verwendung in der Zahnheilkunde. 
Archiv für Zahnheilkunde, 1909. Nr. VI. 

44. Goadby: Vakzinebehandlung bei chronischer Pyorrhoea alveolaris. 
Bef. Münchener mediz. Wochenschrift, 1905, p. 1853. 

45. Partsch: Ueber Alveolarpyorrhoe. Deutsche Monatsschrift für Zahn¬ 
heilkunde, 1900. 

46. Schröder: Die Verwendung der Aspirationstechnik in der Zahnheil¬ 
kunde. Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, 1906, p. 867. 

47. Feiler: Die Massage des Zahnfleisches und der Kiefer. Deutsche Monats¬ 
schrift für Zahnheilkunde, 1910, p. 186. 

48. Körner: Alveolarpyorrhoe und Diabetes. Deutsche Monatsschrift für 
Zahnheilkunde, 1901, p. 30. 


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Dr F. Faisztl, Budapest: Studium der experimeut&len Gangrän etc. 263 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Stadium der eipermlalei Baiipi der Zakplpa. 

Vorläufige Mitteilung aus dem propädeutischen Laboratorium 
der stomatologischen Universitätsklinik in Budapest. 

Von Dr. Franz FaiszÜ, Demonstrator daselbst. 

Vortrag, gehalten in der Sektion für Stomatologie des XVI. Internationalen 
medizinischen Kongresses in Budapest (September 1909). 

Die allgemein bekannte Tatsache, wonach die Pulpa¬ 
gangrän in bakteriologischer Hinsicht als eine aus einer Misch¬ 
infektion hervorgegangene Erkrankung zu betrachten sei, hat 
doch Bestrebungen zur Auffindung eines oder mehrerer der 
hauptsächlichsten Erreger dieser Krankheit nicht unbegründet 
gelassen. Der Umstand, dass in der Mehrzahl der Fälle Pulpa¬ 
gangrän als eine Folgeerkrankung der Karies, namentlich der 
Caries profunda in Erscheinung zu treten pflegt und bereits 
hiedurch zur Pulpa eine erhebliche Anzahl von Mikroorga¬ 
nismen direkten Zutritt erlangt, wird in vielen Fällen noch 
erheblicher durch den Durchbruch des kariösen Fornix cavi 
pulpae gesteigert, indem dann der ganzen Mundflora offener 
Eingang in die Pulpahöhle und zur Pulpa gegeben ist. Inwie¬ 
fern unter solchen Umständen das gangränöse Pulpagewebe 
seinen originellen, mykologischen Charakter zu bewahren noch 
imstande ist oder nicht, ist eine offene Frage, die jedoch ge- 
wissermassen auch ein Interesse für sich hat. Will man aber 
sein Augenmerk dem Eigentlichen und Wesentlichen der Pulpa¬ 
gangrän zuwenden, so kommen hauptsächlich Fälle mit ge¬ 
schlossenem Fornix cavi pulpae in Betracht, wo wenigstens 
hauptsächlich nur die Einwirkung seitens des kariösen Zahn¬ 
gewebes eine Rolle spielt. Die fernere Wirkung der Pulpa¬ 
gangrän auf die Wurzelhaut, besonders auf den Fundus al- 
veolaris usw., hat es bereits seit längerer Zeit zur Notwendig¬ 
keit gemacht, die speziellen Erreger, welche hier tätig sind, 
möglichst ausfindig zu machen; wir verweisen hier aut die 
einschlägigen Arbeiten von Miller, v. Arkövy\Goadby usw. 
Dass solche Untersuchungen nicht mit einem Schlage die Frage 
lösen werden, lag auf der Hand, denn es ist evident, dass je 
stärker die vorhandene Mischinfektion ist und je mehr myko- 
logische Individualitäten an derselben teilnehmen, desto schwie¬ 
riger musste sich eine angestrebte Lösung der Frage gestalten. 


i Zentralblatt ftir Bakteriologie, 1898, Bd. XXIII. 


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254 


Dr. Franz Faisztl, Budapest: 


Es ist nicht zu übersehen, dass unter den hier geschilderten 
und regelmässig obwaltenden Verhältnissen mindestens eine 
partielle Beschränkung der Anzahl der teilhabenden Mikro¬ 
organismen auf natürlichem Wege die beste Isolierungsmethode 
abgeben würde. Und tatsächlich gibt es im Bereiche der klini¬ 
schen Beobachtung derartige Fälle, wir meinen die Entstehung 
der Pulpagangrän bei Abwesenheit einer Karies. Wie bekannt, 
gibt es eine ziemliche Anzahl von Fällen, wo infolge trauma¬ 
tischer Einwirkungen tatsächlich Pulpagangrän zustande kommt, 
und es erübrigt nur, durch die Munduntersuchung zu erfahren, 
inwiefern die Pulpahöhle von der Aussenwelt (Mundhöhle) ab¬ 
geschlossen geblieben ist, das heisst, ob nicht eine Kommuni¬ 
kation zwischen dieser und dem Fundus alveolaris infolge 
einer Parulis oder einer gingivalen Fistel hinzugetreten ist, was 
allerdings die Ausschaltung solcher Fälle aus dem Bereiche des 
Untersuchungsmaterials zur Folge haben muss. 

Nach all dem ist es evident, dass die Ausschaltung irgend 
einer Ingerenz sowohl der Karies, als auch der Mundflüssigkeit 
zur Pulpahöhle und auf die Pulpa direkt, gleichbedeutend sein 
muss mit der Ausschaltung einer erheblichen Anzahl von Mikro¬ 
organismen, während die verbleibenden Mikroorganismen, die 
nunmehr im gangränösen Pulpagewebe vorzufinden sein werden, 
die möglichste Annäherung an die Lösung der Frage zu geben 
geeignet erscheinen. 

Dieser Gedankengang hat die Idee gezeitigt, ob es wohl 
nicht möglich wäre, einesteils durch Ausschluss jedweden Zu¬ 
trittes der Mundflüssigkeit zur Pulpahöhle, anderseits mit Hilfe 
eines experimentellen Eingriffes Pulpagangrän auf experimen¬ 
tellem Wege zu schaffen und auf diese Weise nur eine ganz 
geringe Anzahl von Mikroorganismen oder gar in Reinkultur 
zu erhalten. Dieser Idee und dem Zweck entsprechend sind 
die hier zu schildernden Versuche an intakten Zähnen von 
Hunden angestellt worden. 

Das vorgesteckte Ziel dachte ich mir in der Weise zu 
erreichen, dass ich nach Auf bohrung der Pulpenhöhle die Pulpa 
lädiere, hierauf die Höhle schliesse, um nach vier Wochen die 
in derselben vorgekommenen Veränderungen sowohl bakterio¬ 
logisch, als auch histologisch zu untersuchen. Meine Aufgabe 
war es selbstredend, vollkommen steril vorzugehen und sämt¬ 
liche Manipulationen unter Beobachtung der weitestgehenden 
diesbezüglichen Vorschriften durchzuführen. 

Die Versuche wurden folgendennassen durchgeführt: 

Nach der gründlichen Sterilisation sämtlicher zur Ver¬ 
wendung gelangenden Hilfswerkzeuge wurde nach Festbinden 


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Studium der experimentalen Gaugrän der Zahnpulpa. 


255 


des Hundes der Kopf in den von Herrn Professor v. Arkövy 
in den siebziger Jahren konstruierten Vivisektionsapparat ge¬ 
zwängt und der Chloroformnarkose unterzogen. 

Nebenbei will ich nur bemerken, dass ich jene Auffassung, 
wonach der Hund die Chloroformnarkose äusserst schlecht 
verträgt, absolut nicht teilen kann; als Beweis dienten mir die 
in kurzer Zeit an Hunden ausgeführten zwölf Narkosen. Der 
Hund erhielt per Kilogramm 0 02 Gr. Morphium subkutan und 
genügten hierauf 50 Gr. Chloroform, um eine tiefe und wäh¬ 
rend der Versuchszeit (zirka »/« Stunden) anhaltende Narkose 
hervorzurufen. 

Nach der eingetretenen Narkose habe ich die Munddes¬ 
infektion des Hundes mit Sublimat und Zahnbürste vorge¬ 
nommen und nach Anlegung des durch sterile Klammern be¬ 
festigten Rubberdam die entsprechenden Zähne, nachdem an 
denselben der Zahnschmelz mittels eines Glasstäbchens mit 
einem Tropfen konzentrierter Salzsäure genau an der Stelle, 
wo die Trepanation vorzunehmen war, betupft wurde, ange¬ 
bohrt und die Pulpa mittels einer spitzen Sonde bis zum Ein¬ 
treten einer geringen Blutung beschädigt. Die auf diese Weise 
erzeugte Oeffnung wurde ausgetrocknet, als Isolierschicht mit 
ausgeglühten Asbeststückchen bedeckt und mit Harvard-Zement 
geschlossen. 

Zur Durchführung der Versuche sind mir drei Hunde 
zur Verfügung gestanden. 

Bei den ersten zwei Hunden habe ich drei Zähne an¬ 
gebohrt, hierauf Füllungen angebracht und während vier 
Wochen geschlossen gehalten. Beim dritten Hunde habe ich 
aber, um den Effekt zwischen der geschlossenen und ander¬ 
seits der offenen Wundbehandlung der Pulpa feststellen zu 
können, drei Zähne angebohrt und vier Wochen hindurch 
offen gelassen und weitere drei Zähne nach zwei Wochen an¬ 
gebohrt, verschlossen und nach Verlauf von zwei Wochen 
untersucht. 

Nach der erwähnten vier-, beziehungsweise zweiwöchent¬ 
lichen Pause wurden die Hunde getötet (Uebernarkose und 
Verblutung), nach der Enukleation des Kiefers wurden die 
Zähne mittels steriler Werkzeuge ausgestemmt, die Wurzeln 
der Länge nach gespalten und Kulturen auf Bouillon und Agar- 
Agar gemacht; die Pulpa wurde, wo es anging, entfernt und 
einer histologischen Untersuchung unterzogen. 

Die Untersuchungen ergaben nachfolgende Resultate: 
Beim ersten Mahlzahn misslang die Trepanation und wurde 
ausgeschaltet. 


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256 Dr. F. F&isztl, Budapest: Studium der experimentalen Gangrän etc. 


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Die Pulpa des zweiten Mahlzahnes war etwas verflüssigt 
und entwickelte einen schwachen Geruch; der dritte Mahlzahn 
schien hyperämisch zu sein, was die histologische Untersuchung 
auch bewiesen hat, indem die mikroskopische Untersuchung 
Pulpitis acuta totalis und kleinzellige Infiltration zeigte. 

Der bakteriologische Befund war: Bouillonkultur trübe, 
am Boden Flöckchen, Agar etwas erhabene, weisse, zusammen* 
fliessende Kolonien, unter dem Mikroskope einzelne oder aus 
zwei, drei Gliedern bestehende kurze grampositive Diplokokken¬ 
ketten (Streptokokkus brevis). 

Beim zweiten Hunde wurden der Caninus und zwei Mahl¬ 
zähne angebohrt. 

Die Pulpa des Caninus hat sich in geringem Mass hyper¬ 
ämisch, mit mässiger Teleangiektasie gezeigt, unter dem Mi¬ 
kroskop sah ich kleinzellige Infiltration. Die bakteriologische 
Untersuchung ergab ähnlich wie oben Diplokokken. 

Einen sehr interessanten Befund zeigte der erste Mahl¬ 
zahn. Nach der Spaltung des Zahnes fand ich nämlich die 
Pulpahöhle vollkommen leer, im Canalis dentalis war nicht die 
geringste Spur der Pulpa zu finden. Die Oberfläche desselben 
war feuchtglänzend. Von der Wandung abgeschabte Debries 
wurden für Kulturzwecke verwendet. Die mikroskopische Unter¬ 
suchung ergab kurze Ketten von Diplostreptokokken. Dieses 
Bild zeigte sich vollkommen gleich mit der von Herrn Pro¬ 
fessor v. Arkövy schon längst beschriebenen Dissolutio pulpae 
absoluta 1 , deren infektiösen Ursprung die vom Inneren heraus 
sich entwickelnden Diplokokken zu rechtfertigen scheinen. 

Die Wurzelpulpa des zweiten Mahlzahnes schien gesund 
zu sein. In der mesialen Pulpa fanden sich dieselben Diplo¬ 
kokken wie oben vor; in der distalen Wurzelpulpa entwickelte 
sich nichts; histologisch fand ich keine Veränderung. 

Die offen gehaltenen Zähne des dritten Hundes waren 
vollkommen gangränös, mit charakteristischem gangränösen 
Geruch behaftet. Bei den an demselben Hunde zur Kontrolle 
nach verschlossener Methode behandelten drei Zähnen war der 
Befund in histologischer Hinsicht überhaupt Null, indem nicht 
einmal eine partielle, zellige Infiltration wahrzunehmen gewesen 
ist. Es muss jedoch nochmals bemerkt werden, dass die Tre¬ 
panation dieser drei Pulpahöhlen der Untersuchung nur zwei 
Wochen vorangegangen ist. 

Infolge der besonderen Vorsicht, die ich bei der Aus¬ 
führung jeder einzelnen Manipulation im Verlaufe der Ex¬ 
perimente walten liess, halte ich es für völlig ausgeschlossen, 


1 v. Arkövy, Diagnostik der Zahnkraukheiten. Seite 111. 


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Kennet W. Goadby, London: Die Behandlung etc. 


257 


dass die Keime durch mich übertragen wurden und so muss 
ich dieselben als endogener Herkunft erklären, welche durch 
die Verletzung der Pulpa auf einen zu ihrer Entwicklung gün¬ 
stigen Boden gelangt sind, was indes meiner Ansicht nach sehr 
unwahrscheinlich ist, vielmehr glaube ich annehmen zu dürfen, 
dass die Infektion neben der Füllung durch die freigewordenen 
Dentinkanälchen stattgefunden hat. 

Im allgemeinen kann ich behaupten, dass der Verlauf in 
den geschlossenen Zähnen um vieles langsamer von statten 
ging als in den offen gelassenen, was auch dadurch bewiesen 
erscheint, dass sich nur in einem geschlossenen Zahn eine ent¬ 
wickelte Gangrän vorfand, die übrigen im Zustand einer Pul¬ 
pitis, deren Ausgang zweifelhaft ist, während jeder der offen 
gelassenen Zähne (dritter Hund) gangränös war. 

Es wäre auf jeden Fall von grossem Interesse gewesen, 
bei anderen Zähnen die ausgesprochene Gangrän, eventuell 
das Auftreten der Dissolutio pulpae abzuwarten, als deren Ur¬ 
sache wahrscheinlich wiederholt eine derartige traumatische 
Gangrän ohne Karies eine Rolle spielt, doch dafür fehlte es 
schon an Zeit und so bleibt dies einer späteren Untersuchung 
Vorbehalten. 

Trotz der nach dieser Richtung beobachteten äussersten 
Sorgfalt ist es uns in der Ambulanz in den letzten zwei 
Monaten nicht gelungen, solche Fälle traumatischer Gangrän 
am Menschenmaterial zu Gesicht zu bekommen, was erwünscht 
gewesen wäre, um eine Parallele zu den hier gefundenen Ver¬ 
hältnissen ziehen zu können. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Die BeMiui pwisser, durch Infektion in Monde ent¬ 
stehender Krankheiten nit spezifischer Vakzine. 

Von Kennet W. Goadby in London. 

Vortrag, gehalten in der Sektion für Stomatologie des XVI. Internationalen 
medizinischen Kongresses in Budapest (September 1909). 

Der Mund ist die Stätte und häufig die Quelle von 
manchen akuten Infektionskrankheiten, wie Endokarditis, akute 
Septikämie, schwere sekundäre Anämie, welche fast unmög¬ 
lich von der perniziösen Form zu unterscheiden ist, gastro¬ 
intestinalen Infektionen, pemphygoide Eruptionen, Purpura und 
anderer. Die Läsionen des Mundes sind nicht immer der all¬ 
gemeinen Infektion entsprechend gut ausgeprägt und mein 


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268 


Dr. Kennet W. Goadby, London: 


Zweck ist eben, einige chronische Krankheiten vorzuführen, 
welche in direkter Verbindung mit der Mundinfektion und 
irgend einer Schleimhauterkrankung zuzuschreiben sind. 

Drei Krankheitsformen, welche auf den ersten Blick von 
einer Mundkrankheit ganz unabhängig zu sein scheinen, und 
zwar chronischer Rheumatismus, Dickdarmaffektionen und die 
Akne können ihre Quelle in dem pathologischen Zustand des 
Zahnfleisches und des Alveolus haben. Eine beträchtliche und, 
ich glaube, zunehmende Zahl von Kranken, welche ihrer ge¬ 
wöhnlichen Berufsbeschäftigung nachgehen, klagen beständig 
über ein allgemeines Unwohlsein, über rheumatische Schmerzen 
von intermittierendem Charakter und wechselnder Heftigkeit, 
über Perioden von Diairhöen, abwechselnd mit mässigen Kon¬ 
stipationen und bieten off einen ganz typischen, neurastheni- 
schen Symptomenkomplex. Bei einigen dieser Personen wird 
eine strenge Untersuchung des Mundes irgend ein unerwartetes 
Infektionsgebiet, bei weitem nicht immer die Gegenwart von 
Eiter in bedeutenderer als mikroskopischer Quantität finden 
lassen. Man findet den Alveolarprozess stark affiziert, eine 
dünne Sonde mag den Alveolarfortsatz, ja sogar den Körper 
des Knochens durch und durch passieren, obzwar das Zahn¬ 
fleisch und die Schleimhaut scheinbar normal gefärbt ohne 
Spur eines Oedem oder Hypertrophie sind. 

Die sorgfältige Untersuchung eines jeden einzelnen Inter¬ 
dentalraumes mittels einer feinen Platinsonde wird alsobald 
Defekte und Taschen in dem Alveolus an das Licht bringen, 
deren der Patient ganz unbewusst war. Der Knochen ist an 
diesen Stellen erweicht und einer rarefizierenden Ostitis an¬ 
heimgefallen, während aus der Kurettmasse solcher Herde in¬ 
fektiöse Organismen gezüchtet werden können, die in irgend 
einer Beziehung zu dieser tückischen Munderkrankung stehen, 
welche fast nie von Schmerzen begleitet wird, auf welchen 
Umstand ich die Aufmerksamkeit besonders lenken möchte. 
Ich habe bereits erwähnt, dass drei Infektionstypen ange¬ 
nommen werden können, womit aber dieser Gegenstand noch 
bei weitem nicht erschöpft ist. 

Rheumatischer Typus: A. C. (Frau), 28 Jahre alt, 
seit drei Jahren mit rheumatischen Schmerzen behaftet, die 
die Schultern und die Schenkel betreffen, mit gelegentlicher 
Schwellung der Kniee und Handgelenke. Zeitweise litt sie auch 
an Depressionen, während welcher selbst die gewöhnliche Ar¬ 
beitsleistung eine unverhältnismässige Ermattung zur Folge 
hatte. Die rheumatischen Schmerzen waren nicht beständig, 
wurden aber zuweilen sehr heftig, manchmal trat des Morgens 
schlechter Mundgeschmack auf. Vater und Mutter der Patientin 


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Die Behandlung gewisser, durch Infektion entstehender Krankheiten. 259 


am Leben; keine Angaben über Tuberkel oder Syphilis; Keuch¬ 
husten und Masern mit 12 Jahren; vor 2 Jahren litt Patientin 
an einer heftigen Influenza, welche sie auf 4 Wochen ans 
Bett fesselte. 

Untersuchung: Gut entwickelt. Herz, Lunge, Nieren 
normal. Kein Vaginalfluss. Kein Eiterherd, kein Albumin vor¬ 
handen. Auf starken Druck leichte Empfindlichkeit des auf- 
und absteigenden Kolon; Schmerzen auf Druck im M. levator 
anguli scapulae. Einige, etwas vergrösserte Drüsen am Halse. 
Blut: Hämoglobin 60 Prozent, rote Blutkörperchen 3,200.000, 
weisse Blutkörperchen 15.000. 

Mund: Keine Spur von Eiter, weder auf Inspektion, 
noch auf Druck. Die unteren linken Malzähne und der erste, 
rechte, untere Molar ergeben auf Perkussion einen dumpfen 
Schall. Die Untersuchung mittels einer feinen Platinsonde er¬ 
gab einen Knochenschwund zwischen den unteren Malzähnen. 

Mikroskopische Untersuchung des aus den 
Taschen entfernten Materials ergab Eiterzellen, einige mit Ba¬ 
zillen imprägniert. Bakteriologische Untersuchung: 
Keine Tuberkelbazillen; ein mit dem Kurettmaterial inoku¬ 
liertes Meerschweinchen blieb unversehrt und entwickelten sich 
an ihm keine Drüsenschwellungen. Drei Organismen wurden 
isoliert: 1. Streptococcus brevis. 2. Bac. Septus var. buccalis 
(Goadby). 3. Saccharomyces neoformans var. buccalis (Goadby). 

Der opsonische Index war: 

1 . Streptococcus brevis = 1*0. 

2. Bac. Septus var. buccalis *= 0*6. 

3. Saccharomyces neoformans var. buccalis = 3-0. 

Es wurde demnach eine Vakzine hergestellt und der 
Patient geimpft. Nach der vierten Impfung (3 Wochen) waren 
die Taschen exstirpiert. Die Heilung war rasch und gut. Nach 
der ersten Inokulation trat eine etwas heftigere Reaktion auf, 
welche in der Empfindlichkeit und Schwellung des rechten 
Handgelenkes, allgemeinem Unwohlsein und Erbrechen bestand. 
Die nächsten Dosen hatten geringen und gar keinen Effekt. 
Der Hämoglobingehalt erreicht bald die Norm und die rheu¬ 
matischen Schmerzen hörten in ungefähr 2 Monaten gänzlich 
auf und sind seit 18 Monaten auch nicht wieder aufgetreten. 
Nach der fünften Impfung reiste Patient weg; während 
6 Wochen wurde die Vakzine per os verwendet; nach der 
Rückkehr wurden die Impfungen wieder fortgesetzt. 

In anderen (sechs) Fällen solchen rheumatischen Cha¬ 
rakters war die Läsion im Munde viel ausgeprägter; jedoch 
in keinem der Fälle waren die klassischen Symptome der so- 

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260 


Kennet W. Goadby, London: 


genannten Pyorrhoea alveolaris mit der Lockerung der Mehr¬ 
zahl der Zähne, reichlichen Mengen von Zahnstein und Eiter¬ 
entleerung vorhanden. 

Kolitis. Der folgende Fall zeigt auf die Gefahr der 
Extraktion im allgemeinen und der multiplen Extraktion in 
Fällen von vorgeschrittener Alveolarosteitis hin. Der 40jährige 
Patient litt an einer allgemeinen Zerstörung des Alveolar¬ 
prozesses beider Kiefer, sämtliche Zähne, 27 an der Zahl, waren 
locker, das Zahnfleisch aufgetrieben, ödematös geschwollen 
und eiterentleerend. Da der Patient für eine längere Behand¬ 
lung nicht bleiben konnte, wurde ihm geraten, sich die Zähne 
entfernen zu lassen, und zwar zu 2 bis 3 in wiederholten 
Sitzungen. In der ersten Sitzung wurden 2, in der zweiten 
4 Zähne gezogen. Mein Rat wurde nicht weiter befolgt und 
es wurden sämtliche übrigen Zähne unter allgemeiner Anästhesie 
entfernt. Unmittelbar nach der massenhaften Extraktion war 
Patient gezwungen, das Bett 6 Wochen lang zu hüten, während 
welcher Zeit sich eine akute ulzerierende Kolitis entwickelte, 
welche seither in die chronische Form überging und den 
Kranken zu einem Invaliden machte. Dass dieser bedauerliche 
Ausgang hätte können verhütet werden, geht aus folgendem Fall 
hervor, der in jeder Hinsicht dem vorhergehenden ähnlich ist. 

Die 42jährige Patientin besuchte die gynäkologische Ab¬ 
teilung eines Londoner Spitales wegen heftiger und bestän¬ 
diger Schmerzen in der unteren Bauchgegend. Sie klagte über 
wiederkehrende Anfälle von Diarrhöe, welche selbst die leichtesten 
Speisen nicht beseitigen konnten. Sie verlor beträchtlich an 
Gewicht und konnte sich nur mit Mühe ins Spital schleppen. 
Der Bauch war auf Palpation sehr empfindlich, an Stellen 
sogar heftig schmerzhaft. Der Urin enthielt Spuren von Albumin. 
Uterus, Vagina, Ovaria normal. Mund: Zähne locker, foetor 
ex ore, blutendes Zahnfleisch, Eiter. 

Die bakteriologische Untersuchung ergab: 

a ) Streptococcus faecalis, 

b) Staphylococcus aureus, 

c ) Bac. septus var. buccalis (Goadby) konnten isoliert 
werden. 

Der opsonische Index war a — 0*5, b = 0*5, c = 06. 

Es wurde eine kombinierte Vakzine erzeugt und die 
Patientin damit geimpft. 50 Millionen von jedem Organismus 
in der ersten Dose. Ich konnte eine unmittelbare Besserung 
verzeichnen, da das Abführen in 3 Tagen aufhörte. Nach 
4 Inokulationen wurden 3 lose Zähne entfernt, eine Woche 
später abermals 3, und die Impfung fortgesetzt. Die Patientin 
nahm rapid zu und war in 2 Monaten ganz hergestellt, die 


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Die Behandlung gewisser, durch Infektion entstehender Krankheiten. 261 


Unterleibsschmerzen verschwanden, Appetit kehrte zurück, viele 
Zähne betestigten sich wieder. Ich bin überzeugt, hätte man 
alle Zähne auf einmal entfernt, würden sich dieselben Erschei¬ 
nungen eingestellt haben, wie beim vorhergehenden Fall. 

Es wird oft angegeben, dass, da in den meisten Fällen 
die Heilung nach Zahnextraktionen selbst bei Eiterungen und 
beträchtlicher Alveolardestruktion befriedigend vor sich geht, es 
ganz überflüssig sei, dem allgemeinen Zustande des Patienten 
viel Augenmerk zu schenken und dass die direkte Entfernung 
der Zähne die rascheste Heilmethode sei. Ich muss davor aufs 
entschiedenste und rückhaltslos warnen. Während der letzten 
18 Monate wurden mir sechs solche Fälle bekannt, welche 
nach multipler Extraktion innerhalb 6 Monaten nach voll¬ 
zogener Operation letal endeten. Diese Fälle werden an anderer 
Stelle veröffentlicht. Bei Alveolarosteiten kann die Ernährung 
der erkrankten Gewebe mit jener von indolenten, varikösen 
Geschwüren verglichen und kann nach jahrelanger Eiterung 
gewiss nicht normal genannt werden. 

Der Stomalologe sollte in allen solchen Fällen, wo es 
sich um multiple Extraktionen handelt, aufs genaueste die all¬ 
gemeine Kondition des Patienten erforschen und sollte ent¬ 
schieden Stellung gegen dieselben nehmen, wenn die geringsten 
Unterleibserscheinungen obwalten. Die beste und zweckmässigste 
Methode ist, den Patienten gegen die infektiösen Organismen 
zu immunisieren, bevor die Extraktion vorgenommen wird, 
und dieselbe zu einer Zeit auszuführen, wenn der opsonische 
Index eine positive Phase anzeigt. 

Mit Kolitis, schleimig oder geschwüriger Hypertrophie, 
zumeist mit chronich schleimiger Kolitis, gehen verschiedene 
Formen der Neurasthenie einher. Laut Pawloff, v. Sachs, 
Vaughan Harley, ist die Autointoxikation seitens der In- 
testinalstase der Hauptfaktor und es kann durch passende Be¬ 
handlung der intestinalstase eine bedeutende Verbesserung der 
Neurasthenie bezweckt werden. 

Neuerdings wurden Versuche angestellt, bei welchen 
Meerschweinchen nur mit Hafergrütze und einer mageren Sorte 
Hafers gefüttert wurden. Die Tiere magerten rapid ab und kamen 
endlich um, manche das Maul noch voll mit Futter. 

Die Sektion ergab Hämorrhagien in dem Dickdarme, ent¬ 
lang der Insertionsstelle der Rippen und Knorpeln und im 
Periost der Kiefer. Die Kiefer zeigten ausgesprochene Pyorrhoe 
mit Alveolenschwund, Eiterung und Lockerung der Molaren. Die 
Schneidezähne waren unbeschädigt. Diese Kombination von 
Darmkrankheiten mit Entzündung und Eiterung der Kiefer ist 
von grossem Interesse und ist dadurch auch die häufige Er- 

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262 


Dr. Kenuet W. Goadby, Londou: 


folglosigkeit der Behandlung solcher Alveolarosteiten zur Ge¬ 
nüge erklärt. 

Acne chronica. Die dritte Gruppe der Fälle, welche 
ihren Ursprung verborgenen Eiterungen des Mundes verdanken, 
sind jene Hautkrankheiten, die man unter dem Namen „chro¬ 
nische Akne“ zusammenfasst. In einer bedeutenden Anzahl 
von Fällen muss die verminderte Resistenz gegen die Staphylo¬ 
kokkengruppe der chronischen Staphylokokkeninfektion des 
Zahnfleisches zugeschrieben werden. Die beständige Einver¬ 
leibung von Staphylokokkustoxinen oder deren Absorption 
seitens der Mundschleimhaut setzt die Widerstandsfähigkeit des 
Körpers dieser Gruppe gegenüber allmählich herab und prä¬ 
disponiert auf diese Weise die Haut zur Infektion. Dieser Zu¬ 
sammenhang ist bei der Behandlung einer chronischen Sta¬ 
phylokokkenpyorrhoe mittels eines aus dem Munde des Patienten 
gewonnenen Impfstoffes oft zu beobachten und es ist oft von 
Vorteil, wenn zur Behandlung einer Alveolarinfektion nicht 
nur Organismen aus dem Munde, sondern auch solche aus den 
Pusteln der Körperoberfläche zur Verwendung gelangen. 

Eine beträchtliche Anzahl Fälle von Alveolarosteitis, 
welche sich behufs Behandlung im National Dental Hospital 
melden, sind mit chronischer Akne behaftet. Drei Fälle werden 
als Illustration genügen. 

1. Mann, 32 Jahre alt, leidet seit 5 Jahren an grossen 
Geschwüren, Pusteln im Gesicht, am Hals und Rücken. Das Zahn¬ 
fleisch des Unterkiefers und jenes des oberen rechten Molaren 
sondert Eiter ab, welcher sich als Staphylococcus aureus-Eiter 
erweist. Impfung mit der aus dem Munde gewonnenen Vakzine 
(3 Monate lang). Kauterisation des Zahnfleisches, Akne voll¬ 
ständig geheilt, die Pyorrhoeeiterung zur Sistierung gebracht. 
Zähne noch etwas locker, jedoch im Begriffe, sich zu befestigen. 

2. Frau, 25 Jahre alt. Grosse Pusteln im Gesicht. Un¬ 
regelmässige Taschen mit geringer Eiterabsonderung Sm Ober¬ 
kiefer. 

Behandlung: Inokulation mit Staphylococcus albus- 
Vakzine und Kauterisation der Taschen. 

Erfolg: Akne und Pyorrhoea geheilt. 

3. 35 Jahre alte Frau. Chronische Acne rosacea mit der 
Verdickung der Gesichtshaut. Leichte Eiterung um die unteren 
Weisheitszähne. 

Inokulation mit gemischter Vakzine. 

a ) Staphylococcus albus aus dem-Munde; 

b) Bazillus 1. 

Kauterisation der Taschen. 

Akne und Pyorrhoea geheilt. 



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Die Behandlung gewisser, durch Infektion entstehender Krankheiten. 263 


Der in diesem letzten Falle gefundene Bazillus ist jener, 
denn ich in den Proceedings of the Royal Society of Medecine 
neuerdings beschrieben habe und welcher im Eiter der Akne¬ 
pusteln und in jenem des Mundes oft vorkommt. 

Die drei Arten Erkrankungen, Rheumatismus, Akne und 
Kolitis sind einige jener Proteusarten, welche die Bakterämie 
und Toxämie bukkalen Ursprungs erzeugen kann. Folglich soll 
bei diesen der Mund als Infektionsherd immer in Erwägung 
gezogen werden. 

Diskussion: 

Robin (Paris) nennt es Bescheidenheit, dass Cruet in 
seinem Rapporte der Stomatitis toxiseptica mit keinem Worte 
erwähnte. Cruet hat doch auf den geschlossenen Ring, welcher 
zwischen der Mundinfektion und den Affektionen der Mund¬ 
höhle besteht, hingewiesen. Ihm verdanken wir die Kenntnis 
dessen, dass von gewissen Infektionen der Mundhöhle aus, 
Toxinen in den Organismus entleert werden, welche das Terrain 
zur Entstehung gewisser Mundkrankheiten vorbereiten und dass 
der allgemeine Zustand die bukkalen Affektionen verschlimmert, 
diese wiederum den allgemeinen Zustand aufrecht zu erhalten, 
ja sogar zu verschlimmern imstande sind. 

J. 6. Turner (London) besteht daraut, dass man die 
Organismen isolieren und die Krankheiten den Organismen 
entsprechend klassifizieren müsse. Was die Komplikationen 
nach Zahnextraktionen anbelangt, glaubt er durch lokale Rein¬ 
lichkeit ebenso gute Resultate erreichen zu können, als G o a d b y 
mit der Vakzine. 

Amoödo (Paris) wünscht, erwähnt zu haben, dass in 
den Pariser Spitälern heute noch bei den Typhuskranken keine 
andere Desinfektion der Mundhöhle vorgenommen wird, als 
mit Zitronensäure. Er empfiehlt hiezu eine lOprozentige Arg. 
nitr.-Lösung, womit die Zahnhälse bestrichen werden und das 
Mittel sofort mit Kochsalzlösung fixiert wird. Diese Behand¬ 
lung genügt, um eine nachträgliche Fermentation auf lange 
Zeit hintanzuhalten. 

Rhein (New-York) betont, dass der Gegenstand in zwei 
Teile geteilt werden sollte, und zwar 1. wo die Mundaffek¬ 
tionen der ätiologische Faktor, 2. wo sie das Ergebnis sind. 
Er kann der Behauptung Goadbys, dass bei tiefsitzenden 
Alveolarabszessen Akne au {treten kann, nur beipflichten; nur 
bezüglich des absoluten Wertes der Vakzination ist er nicht 
derselben Meinung. Eine Rezidive ist sehr wahrscheinlich. Zur 
exakten Diagnose sind die X-Strahlen unentbehrlich. Was die 
Todesfälle nach Extraktionen anbelangt, ist er der Meinung, 


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264 


Dr. Kenuet W. Goadby, London: Die Behandlung etc. 


dass die meisten Fälle diabetisch sind; deshalb warnt er vor 
jedwelchem operativen Eingriff, so lange Zucker vorhanden ist. 
Er pflichtet den Ausführungen Turners in bezug auf die 
Wichtigkeit der peinlichsten hygienischen Vorsichtsmassregeln 
im vollsten Sinne bei. Jeder unheilbare Zahn soll entfernt werden. 

P. M. Giuria (Genova) betont, dass unsere Kenntnisse 
von den Krankheiten der Mundschleimhaut noch sehr viel zu 
wünschen übrig lassen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts 
hat man sämtliche Alterationen der Mundschleimhaut unter 
dem Namen „Aphtha“ zusammengefasst. Erst im Jahre 1797 
haben französische Aerzte die erste wissenschaftliche Klassifi¬ 
kation der Stomatitiden versucht, auf Anregung der Akademie 
der Medizin zu Paris. Er beglückwünscht Gruet, dass er als 
Franzose so ein treffliches Referat über diesen Gegenstand 
geliefert hat. 

Oury (Liöge) macht auf die Gingivitiden der Schwanger¬ 
schaft aufmerksam, die Ursache vieler Infektionen und Odon- 
toptosen sein können. 

Shamberg (New-York). Obzwar der Vakzinebehand¬ 
lung sehr viel Berechtigung bei der Behandlung vieler Infek¬ 
tionskrankheiten zukommt, sollte man die lokale Hygiene und 
den chirurgischen Eingriff nie ausser acht lassen. Auch er fand 
in einigen Fällen von Furunculosis den ätiologischen Faktor 
im Munde. Gruet hat recht, wenn er behauptet, dass durch 
hygienische Massregeln der luetischen Stomatitis vorgebeugt 
werden kann. In seiner Praxis habe er zu oft Gelegenheit ge¬ 
habt, zu beobachten, dass nach Entfernen jeglicher Infektion 
(inklusive Zähne) aus dem Munde, selbst die grössten Queck¬ 
silberdosen ohne Anstand vertragen wurden. Er gibt Turner 
recht, wenn er behauptet, ‘dass die lokale Behandlung sehr 
oft ohne Vakzinebehandlung ausreicht, obzwar die letztere als 
Hilfsmittel in chronischen Fällen sehr gute Dienste zu erweisen 
vermag, nur zwecks ihrer Ausdehnung sind noch weitere For¬ 
schungen erforderlich. 

Galippe (Paris) beruft sich auf seine 30jährige Spital¬ 
praxis und glaubt, behaupten zu dürfen, dass er nie eine der 
Schwangerschaft eigene Gingivitis beobachtet habe. Die che¬ 
mische Beschaffenheit (sauer reagierend) des Speichels der 
Schwangeren und während der Menstruation, begünstigt die 
Verschlimmerung einer schon vorhandenen Gingivitis, aber er¬ 
zeugt sie keinesfalls. 

J. Szabö (Budapest) ersucht Goadby, den Prozess, mittels 
dessen es ihm gelungen ist, die Vakzine zu erzeugen, mitzuteilen. 

Gruet (Paris) glaubt, sich der Erklärung G a 1 i p p e s be¬ 
züglich der Schwangerschaftsgingivitis anschliessen zu dürfen 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


266 


und setzt noch hinzu, dass vielleicht noch manche andere 
Momente (Albuminurie) eine Rolle spielen, folglich dieselbe 
auch als eine toxiseptische Form anzunehmen sei. 

Goadby hebt nochmals die Erspriesslichkeit der Vakzi¬ 
nation hervor, besonders in akuten Fällen mit hohem Fieber. 

Berichte ans Institnten and Vereinen. 

XVI. Ifltnfioialer medizinischer Kongress in Budapest 

29. August bis 4. September 1909. 

Bericht eher die Arbeiten der XVII. Sektion (Stomatologie). 

Erstattet von Dr. Josef Sturm in Budapest. 

(Schloss *.) 

1. September, vormittags. Präsidenten: Sim-Wal- 
lace (London), Prof. Rovida (Milano). 

Sim-Wallace (London), M. D., D. Sc., L. D. S.: 0 b - 
servations on the prevention of Dental Caries. 

Vor zirka 20 Jahren hat man allgemein angenommen, 
dass die Karies der Zähne eine ausgesprochene hereditäre Er¬ 
krankung sei. Da aber diese Theorie sich immer weniger 
haltbar erwies, suchte man allgemein nach dem ätiologischen 
Faktor. Es tauchten andere Theorien auf, die aber alle mehr 
oder weniger unzulänglich waren, obzwar z. B. Tatsachen, wie 
die Eliminierung der Phosphate aus dem Brot, im allgemeinen 
eine Erklärung für die prozentuelle Gradation der Karies ab¬ 
geben können, dennoch innerhalb einzelner Familien, deren 
Mitglieder doch ein und dasselbe Brot verzehren, eine grosse 
Varietät, bezüglich der Kariesstatistik bemerkbar ist; die Erfahrung, 
dass aus dem groben Schwarzbrot weniger Phosphat zur 
Resorption gelangt als aus dem Weissbrot hat diese An¬ 
schauung ganz und gar umgestossen. Die Erfahrungen des 
Referenten bestätigen auch jene Anschauung nicht, welche 
Gegenden mit kalkarmem Wasser eine grössere Kariesfrequenz 
zuschreibt, als jenen mit stark kalkhaltigem Wasser. Die dritte 
herrschende Theorie, welche die Schuld unserer modernen 
Küche in die Schuhe schiebt, dass nämlich dieselbe geeignet 
wäre, zur Karies besonders prädisponierte Zähne zu erzeugen, 
ist auch ganz unhaltbar, da doch die Kronen der zur Karies 
so enorm disponierten Milchzähne schon vor der Geburt sich 
entwickeln, bevor noch ihre Träger überhaupt irgend eine 

1 Siehe Heft I, 1910, S. 137, dieser Zeitschrift. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


Nahrung aufgenommen haben. Es scheinen von all diesen 
Theorien nur deren zwei einen Kern von Wahrheit zu ent¬ 
halten^ Die erste ist jene populäre Ansicht, dass der Zucker 
für die Zähne schädlich sei, die zweite, dass ein gewisser Zu¬ 
sammenhang zwischen der Immunität gegen Karies und der 
Abrasion (Abkauung) der Zähne existiert. Aber selbst diese 
Ansichten sind auch nicht immer stichhältig. Der Vortragende 
hat Versuche angestellt, um festzustellen, wie die verschiedene 
Nahrung an den Zähnen haften bleibt, und hat gefunden, dass 
besonders die Kohlenhydrate in den Spalten der Zähne Zurück¬ 
bleiben, wohingegen die faserigen Nahrungen einen ausgiebigeren 
Kauprozess beanspruchen, folglich das Aphaften einzelner 
Partikel hintanhalten und so keine Säuregärung stattfindet. 
Dadurch wird auch der Umstand erklärt, warum bei abge¬ 
kauten Zähnen und bei Kindern, welche den Zucker kauen, 
die Kariesfrequenz geringer ist. 

Da die Nahrung der zivilisierten Völker viel nahrhafter 
ist, als jene der Wilden, liegt auch kein Grund zu der An¬ 
nahme vor, dass die Ursache der Kariesfrequenz in der Redu¬ 
zierung der Kalksalze zu suchen sei. Es ist die Zellulose, 
jener Körper, der aus unseren Nahrungen allmählich verdrängt 
worden ist, respektive umgestaltet zur Geltung kommt. Die 
Zellulose wirkt in ihrer natürlichen Beschaffenheit und Kon¬ 
sistenz auf den Kauakt stimulierend; teils fehlt sie in unseren 
Speisen, teils wird ihre detergente Wirkung durch das Kochen 
paralysiert. Die Stärke wird durch das Kochen klebrig, breiig 
und gärt leichter. Noch gefährlicher ist der Zucker, da er 
nicht nur klebrig, sondern auch ein vorzüglicher Nährboden 
für Bakterien ist. Verfasser konstatierte, dass Kinder mit intakten 
Zähnen ein ganz anderes Regime führen, als die mit Karies 
behafteten. Auf Grund genauer Aufzeichnungen ist die Kost 1 
des Kindes mit intakten Zähnen zum Frühstück: Fisch, 
Speck, Käse oder Butter, Kaffee oder Tee; zum Lunch: 
Fleisch, Kartoffeln, Salat, Brot, Pudding, frisches Obst, Wasser; 
zum Diner: Biskuit, Käse, Brot, Butter, Fisch, Geflügel, Aepfel, 
Tee oder Kaffee. Die Nahrung jener Kinder, bei denen die 
Kariesfrequenz gross ist, besteht zum Frühstück aus Suppe 
oder Milch, Brot und Marmelade, eventuell später ein zweites 
Frühstück, bestehend aus Milch und Biskuit; zum Lunch: 
Erdäpfelpurrö oder Sauce, Fleischhachö, Milch, Pudding; zum 
Diner: Milch, Brot, Marmelade, Kakao, später eventuell noch¬ 
mals Milch, Biskuit, Schokoladeschnitten. Bei Vergleichung ist 
es auf den ersten Blick auffallend: dass die erstere Kost mehr 
Kautätigkeit beansprucht, die zweite aber an Kohlenhydraten 

1 Referent berichtet ttber englische Kost. Antn. cL Bed. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


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reicher ist, folglich bei letzteren das sogenannte „self-cleaning“ 
nicht nur nicht zur Geltung kommt, sondern durch das An¬ 
haften der Kohlenhydrate noch verschlimmert wird. 

Autor macht seit zehn Jahren genaueste Aufzeichnungen 
und hat bisher kaum 50 Kinder gefunden, die nicht mit Karies 
behaftet waren. Die Lebensweise dieser Kinder ergab obige 
Diät und es fand sich noch kein einziges Kind, welches von 
Karies verschont geblieben wäre, dessen Diät nicht mit der 
obigen selbst in den Einzelheiten übereingestimmt hätte. Die 
Irregularitäten verdienen schon deshalb beachtet zu werden, 
weil sie Anlass zum Anhaften von Speiseresten bilden. Diese 
sind das Ergebnis der abnormen Entwicklung der Kiefer, welche 
1. durch ungenügendes Kauen und schwach entwickelte Kau¬ 
muskeln (inklusive Zunge) bedingt wird; Anlass dazu geben die 
breiigen Speisen; allgemeine Abmagerung, 2. das Mundatmen, 
weshalb Referent die Bekämpfung dieser Uebelstände empfiehlt. 

Zum Schlüsse fasst der Vortragende seine Erfahrung in 
dem Satze zusammen, dass die „Ernährung“ die „fons et 
origo mali“ ist, und hebt hervor, dass die Karies viel häufiger 
bei jenen sei, die mit der Zahnbürste sozusagen einen Miss¬ 
brauch betreiben, als bei den wilden Volksstämmen, und dass 
mit der Zahnbürste sehr oft mehr Uebel angerichtet als Nutzen 
von derselben gezogen wird. 

K. W. Goadby (London): Present state of Know¬ 
ledge of the Prophylaxis of Dental Garies. Die Aetio- 
logie der Karies muss von folgenden Gesichtspunkten aus be¬ 
trachtet werden: 

1. Prädisponierende Ursachen: Struktur, Umgebung, Po¬ 
sition. 2. Wirksame Momente: Mikroorganismen, Speisereste, 
3. Beitragendes Moment: Hygiene. 

Von ungefähr 100 Fällen, die Vortragender aufs Gerate¬ 
wohl aus seinem Notizbuch genommen, waren 25 Prozent 
kariesfrei und betrafen Zahnfleischeiterungen und Alveolar¬ 
prozesse. Die Bakterienflora sämtlicher Kranken wurde sorg¬ 
fältig isoliert und bakteriologisch untersucht, selbst auf Fer¬ 
mentation von Kohlenhydraten. Er hat gefunden, dass in jenen 
Mündern, wo Zahnkaries nicht vorhanden war, auch Laktose- 
Gärungspilze weniger vertreten waren. Er glaubt diesem 
Umstande hinsichtlich der Aetiologie der Karies eine wichtige 
Rolle zuschreiben zu dürfen. 

Sodann folgte Dr. Alex. Rozgonyis (Budapest) Vortrag 
über: Die alltägliche Hygiene des Mundes. 

Diesem folgte eine lebhafte Diskussion über die vorher¬ 
gehenden drei Vorträge, die wir im folgenden kurz wieder¬ 
geben wollen. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


Dr. Fenchel (Hamburg) vermisst in den Ausführungen 
den mechanischen Gesichtspunkt. In sehr frühem Kindes¬ 
alter erreicht das Wachstum des Gehirns in bezug auf seine 
räumliche Ausdehnung die grössten Fortschritte. Das Wachs¬ 
tum des Kieferapparates vollendet sich dagegen erst im Alter 
von zirka 16 Jahren durch Ausbildung des Weisheitszahnes usw. 
in der Richtung von vorne nach hinten. Wenn wir uns den 
Zusammenhang des Oberkiefers mit der Kapitalbasis des Ge¬ 
hirns durch das zwischengelagerte Keilbein vergegenwärtigen, 
werden wir finden, dass in der Tat ein mechanischer Anstrich 
zwischen Gehirn und Kieferwachstum entsteht, der zu gedrängter 
Zahnstellung führt und somit eines der vielen ätiologischen 
Momente der Prädisposition zu Karies zu bilden vermag. 

Doz. Dr. Höncz (Kolozsvär) hebt hervor, dass auf die 
allgemeine Mundhygiene mehr Augenmerk gerichtet werden 
muss, denn kariöse, periodontitische Zähne bilden nicht selten 
den Ausgangspunkt zu Lungentuberkulose, Meningitis, Aktino- 
mykose, Diphtherie und Pneumonie. 

Dr. Bottoni (Milano) beruft sich auf die Seltenheit der 
Karies bei wilden Völkern. Er glaubt, dass natürliches Leben 
viel zur Gesundheit des ganzen Organismus beiträgt und darum 
wünscht er, man möge die Kinder ein mehr natürliches Leben 
führen lassen, sie in erster Linie nicht der Luft berauben. 

J. G. Turner (London) behauptet, dass Karies und 
Pyorrhoea alveolaris, da beide Stagnationskrankheiten sind, 
durch Reinlichkeit verhindert werden können. Nur muss die 
künstliche Reinigung gründlich sein, mit Bürste und Seiden¬ 
faden und so durchgeführt werden, dass keine Seite des Zahnes 
vernachlässigt wird. Zitronensäure erweist dabei gute Dienste. 
Das Vermeiden von breiiger, klebriger, stärkehaltiger, süsser 
Nahrungen ist auch empfehlenswert. Er hat vergleichende Ver¬ 
suche angestellt zwischen natürlich und künstlich gereinigtem 
Munde und fand, dass in ersterem sechs verschiedene, als 
pathogen anerkannte Pilze vorhanden waren, während in 
letzterem nur einige Streptococcus breves vorzufinden waren. 
Analog, wie es möglich ist, durch die Vakzinationstherapie ge¬ 
wisse Nasenkatarrhe zur Heilung zu bringen, bezweifelt er gar 
nicht, dass es den Bakteriologen gelingen wird, gegen Karies 
und Pyorrhoe zu immunisieren. Besonders prädisponiert sind 
zu Karies die Zähne mit Schmelzhypoplasie, welche die Folge 
einer schlechten Ernährung der Mutter während der Schwanger¬ 
schaft oder des Stillens ist. Die statistischen Daten Kingstons- 
Bar t o n s über künstlich mit Saugfiaschen und natürlich mit 
der Brust genährte Kinder zeigen ganz deutlich, dass bei 
ersteren eine viel grössere Kariesfrequenz ist, als Folge der 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


269 


schlechteren Ernährung und konsekutiver Schmelzhypoplasie. 
Zum Schlüsse beschuldigt er auch den Verkauf billiger Lecke¬ 
reien, da dieselben Glukose enthalten, welche sehr schnell 
in Gärung gerät. Es sollte nur ausschliesslich der Handel von 
Rohrzuckersüssigkeiten gestattet werden. 

Dr. Rhein (New-York) beobachtete, dass ein grosser 
Teil Fremder ihre Immunität gegen Karies alsbald einbüssen, 
nachdem sie sich in den Vereinigten Staaten niedergelassen 
haben. Er heisst seine Kinderpatienten nach jeder Mahlzeit die 
Bürste tüchtig gebrauchen. 

Goadby hält das von Turner empfohlene sauer rea¬ 
gierende Spülwasser für gut. Es ist ihm noch nie gelungen, 
den Bacillus tuberculosis in Zähnen zu finden. 

Hierauf gelangte zum Worte: 

A. Hopewell-Smith (England): „Pyorrhoea al- 
veolaris“: its patho- histology (vorläufige Mitteilung). 

Autor kam zu folgenden Konklusionen: 

1. Die Krankheit des Knochens ist keine Ostitis rareficans. 
Diese letztere wird durch ein in den Medullarräumen und 
Kanälen entstehendes vaskuläres Granulationsgewebe gekenn¬ 
zeichnet, wozu sich noch lakunäre Resorption und Kanalisa¬ 
tion des weich und porös gewordenen Knochens gesellt. 

2. Setzt nicht mit einer Gingivitis ein. 

3. In ihrem Wesen ist sie eine Knochenatrophie, 
welche am Rande des Knochens durch Halisterese und von 
den Osteoklasten bedingte Absorption den Zahn am zervikalen 
Teil entblösst. 

4. Der Eiter besteht aus Speiseresten, Eiterbakterien und 
anderen äusseren Elementen, welche in die von dem atro¬ 
phischen Knochen und der eiterigen Gingivitis gebildeten 
Taschen geraten sind. 

5. Zahnstein ist weder ein prädisponierendes, noch ein 
exzitierendes Moment. 

6. Sehr vielen Eiterungen aus der Zahnfleischtasche wird 
der Name „Pyorrhoea alveolaris“ fälschlich beigelegt. 

E. S. Talbot (Chicago): Local manifestations of 
systemic diseases. 

Die Krankheiten, welche, einer Autointoxikation zufolge, 
eine interstitielle Gingivitis, das Lockern der Zähne, eine Prä¬ 
disposition zur Erosion, Abrasion, Diskoloration und Karies ver¬ 
ursachen, sind: Syphilis, Tuberkulose, Asthma, Diabetes, 
Brightsche Krankheit, chronische Obstipation, akute und chro¬ 
nische Krankheiten, Kummer, Plage, geistige Ueberarbeitung. 
Redner hatte in 28 Fällen die Azidität des Harns untersucht 


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270 


XVI. luternationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


und fand, dass dieselbe entweder unter oder weit über der 
Norm war. Die Norm beträgt 30 bis 40. Unterhalb 30, bei 
ungefähr 1400 Gr. Gesamtmenge per 24 Stunden, zeigt es auf 
die Insuffizienz der Nierentätigkeit oder exzessive Suboxydation. 
Ueber 40 weist auf eine diabetische Azidose. Alle diese Kranken 
hatten mehr oder weniger Indikanurie, folglich litten sie an 
einer Autointoxikation. Bei 22 Patienten war der Blutdruck 
weit über der Norm, was jedoch bei dem Alter der Patienten 
(alle über 45 Jahre alt) zu erwarten war. Es gelang weder 
Galippe, Arkövy, Miller, Sudduth, Garpenter, noch 
dem Verfasser, die Infektion als Ursache der interstitiellen 
Gingivitis nachzuweisen; wohl ist es ihm aber gelungen, zu 
beweisen, dass bei fast allen Metall Vergiftungen Entzündungen 
im Alveolarprozesse auftraten, folglich die Reizung und nicht 
die Infektion als Grund der Entzündungen anzusehen ist. Nicht 
selten findet man, dass die beiden zentralen Schneidezähne 
(obere oder untere) verfärbt, lose, von einer Erosion oder 
Abrasion behaftet sind; wenn die übrigen Zähne intakt sind, 
ist das ein Beweis, dass die entferntesten Endarterien und 
Nerven am meisten beschädigt sind. 

Autor beruft sich auf von ihm früher gemachte Versuche, 
wobei es ihm gelungen ist, mannigfache Erkrankungen der 
Zahnpulpa zu entdecken: Kalzifikation, Krankheiten der Blut¬ 
gefässe und Nerven, Abszesse, wolkige Trübung, fettige De¬ 
generation. Mukoide, kolloide, hyaline, amyloide Degeneration; 
Neoplasmen; Fibrome etc. Er hatte auch Nervendigungen in 
den Wandungen der Blutgefässe als zum vasomotorischen Sy¬ 
stem gehörig entdeckt. Die Frage ist, wie diese massenhaften 
Krankheiten Zustandekommen? Wenn die Funktion des Körpers 
durch irgend eine Krankheit gestört wird und durch einen 
mangelhaften Stoffwechsel die Toxine in dem Blute angehäuft 
werden, muss eine Diskoloration und ein Losewerden der Zähne 
erfolgen. Autor beobachtete einen Fall bei einem 27 jährigen 
jungen Mann, der an einerschweren Gelbsucht litt; die Zähne 
waren gelblich verfärbt, lose; um die Füllungen herum war 
rascher Zerfall der Zahnsubstanz; bei Exkavation der Kavitäten 
keine Empfindlichkeit; die Fibrillen waren zerstört; höchst¬ 
wahrscheinlich waren die Pulpen auch tief beschädigt. Er zählt 
noch einige Fälle auf und will an der Hand derselben be¬ 
weisen, dass alle eruptiven Fieber und auch ererbte Krank¬ 
heiten bei Kindern dieselben Folgen haben. Die Zahnpulpa und 
der Alveolarprozess zeigen, lange bevor irgend ein anderes 
Organ erkrankt ist, Spuren der Autointoxikation. Deshalb 
nannte Autor schon vor Jahren diese beiden Organe „End¬ 
organe und transitorische Gebilde“. Letzteres deshalb, weil 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


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doch der Alveolarprozess durch die erste und zweite Zahnung 
in einem steten Bildungs- und Resorptionszustande ist, folg¬ 
lich sich immer wieder verändert, d. i. transitorisch ist. Der 
Alveolarprozess ist ein Endorgan, weil die Nerven und Blut¬ 
gefässe in demselben geschlängelt verlaufen und im Zahne 
endigen; wenn die im Blute befindlichen Toxine an dieser 
Stelle sich anhäufen, entsteht eine Reizung, welche eine Ent¬ 
zündung hervorruft, die ihren Abschluss in einer Absorption 
findet. Die Pulpa ist am gesündesten, wenn sie das Dentin 
bildet; nach gebildetem Dentin beginnt sie zu schrumpfen, ein 
Beweis, dass sie ein Uebergangsorgan ist. 

* 

1. September, nachmittags. Demonstrationen und Pro¬ 
jektionen im Hörsaal der stomatologischen Universitätsklinik. Prä¬ 
sidenten: Prof. Cavallaro (Firenze) und Prof. Aguilar (Madrid). 

Dr. Wein (Budapest) hielt eine Demonstration: Ueber 
die Bedeutung der regionären Anästhesie in der 
Stomatologie. Die Methode, die er in der Praxis adoptiert 
hat, besteht bei oberen Zähnen in der möglichst hohen Appli¬ 
kation der Injektion über dem Zahne, also an der apikalen 
Region und nicht am Zahnfleischrande oder an der Papille; 
bei unteren Zähnen wendet er ohne Ausnahme die mandi¬ 
bulare Injektion (in der Gegend des Foramen mandibulare) an 
und, um die Leitung gegen die andere Seite hin auszuschliessen, 
macht er mesialwärts von dem zu behandelnden Zahne auch 
eine Injektion. Die Anästhesie stellt sich zumeist in 15 bis 
20 Minuten ein. Er wendet ausschliesslich Braunsche Kokain- 
Suprarenintabletten an. 

M. Pölet (Bruxelles): L’anaesthesie de la dentine, des 
la pulpe dentaire et des maxillaires par les möthodes 
des injections distales. Er bewirkt die lokale Anästhesie mittels 
distaler Injektionen, welche nicht in der apikalen Gegend 
des betreffenden Zahnes, sondern direkt am Zahnhalse appli¬ 
ziert werden. Er wendet die Parke-Davissche Spritze und eine 
sehr dünne Kanüle an. Die Anästhesie ist eine vollständige, 
stellt sich in 60 Prozent der Fälle fast unmittelbar nach der 
Injektion ein, ist von einer Stunde Dauer und erstreckt sich 
auf 2, 3 bis 4 Zähne. Man dringe, das ist die Hauptsache, 
mit der Kanüle wenigstens */« his 1 Cm. tief ein und mache 
die Injektion mit allmählich zunehmendem stetem Drucke. Das 
Injektionsmittel bleibt irrelevant. 

Diskussion über die vorhergehenden zwei Demon¬ 
strationen : 

Dalma (Fiume) hebt hervor, dass Weins Vorgehen 
ganz überflüssig, ausserdem auch nicht neu sei. Er verpönt 


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272 XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 

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das Injektionsverfahren, da es gefährlich sei, einerseits, weil 
die Tabletten nie steril, das Alkaloid aber ein Gift sei. Wir 
besitzen in dem Nervozidin ein gutes Mittel zur Bekämpfung 
der Dentinempfindlichkeit. Die Nachteile des Nervozidins 
(teuer und verharzt) trachtete er mit einem besseren Präparat 
zu beseitigen, welches Nervoplegin heisst und welches er 
der Fachwelt aufs wärmste empfiehlt. 

Dr. Vanmoesnoeck behauptet, er habe die von Pölet 
beschriebene Methode schon im Juni 1908 in der „Revue 
medicale de Lorrain“ und im Oktober in der „Revue 
trimestrielle de Stomatologie de Belgique“ publiziert; 
der einzige Unterschied bestehe nur in der Wahl der distalen 
Stelle, welcher gegenüber er die am leichtesten zugängliche 
wählt. 

Kling er (Budapest) meint, 3 Cgrm. Kokain wären ge¬ 
fährlich; es wäre besser mit Novokain zu arbeiten. Man achte 
darauf, dass man bei der Injektion nicht in Blutgefässe in¬ 
jiziere, darum solle man die Nadel während der Injektion 
allmählich zurückziehen. 

Pölet gibt zu, Vanmoesnoeck habe recht. 

Wein erhebt keinen Anspruch auf Priorität. Die Methode 
habe Schleich schon längst beschrieben. Er wünsche auch 
nur, dass man anerkenne, dass er das Prinzip des voll¬ 
ständig schmerzlosen Operierens aufgestellt habe. 

Kersting (Aachen) hielt seine Demonstration über die 
Wurzelfüllung als notwendiges Heil- und Vorbeugemittel in der 
Kieferchirurgie. (Wegen Mangel an Manuskript nicht mitteilbar.) 

Prof. Fasoli (Milano): Recherches sur le develop- 
pement de la dentine secondaire. (Die Arbeit wurde in 
Abwesenheit des Verfassers vorgelesen.) 

Autor teilt seine bezüglich der Entwicklung des sekun¬ 
dären Dentins gemachten Versuche in zwei Gruppen. Innerhalb 
der ersten war sein Verfahren folgendes: 

Er hatte 6 bis 12 Monate alten Hunden die Zähne mittels 
Bohrer verletzt, und zwar ist er bis zu verschiedenen Tiefen 
gegen die Pulpa vorgedrungen. Grenze 1*5 bis 2 Mm. oberhalb 
der Pulpa. Die Versuchshunde sind nach 15, 30, 120, 270 Tagen 
getötet worden und die Pulpa wurde einer sorgfältigen mikro¬ 
skopischen Untersuchung unterworfen. Es ging daraus hervor: 

1. Wenn die Verletzung nur bis zur Hälfte oder einem Drittel 
der Kronendicke dringt, bleibt die Pulpa ganz indifferent, selbst 
wenn die Kavität mit keinem Füllungsmaterial versehen wird. 

2. Gibt es eine untere Grenze, unterhalb welcher die Pulpa 
Reaktionen zeigt, nur ist sie noch nicht genau zu bestimmen. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


273 


Er glaubt, bei einer Annäherung auf 1 Mm. zeigen sich die 
ersten Spuren einer Reaktion. 

In der zweiten Versuchsserie kam er mit der Trepanation 
auf 1 Mm. Entfernung von der Pulpa. Die Kavität wurde in 
diesen Fällen mit Fletchers Artificial-Dentin, nachher mit 
Zement oder Amalgam verschlossen. Aus diesen Versuchen 
ergab sich: 1. Gelangte die Verletzung in die unmittelbare 
Mähe der Pulpa, entstand eine Pulpitis; es kann eine Aus¬ 
heilung auch zustande kommen, wenn die Pulpa voluminös, 
gefässreich ist, es entsteht eine Narbe und das sekundäre Dentin 
wird nachher gebildet. 2. Wird die Kavität verschlossen, ist 
die Reaktion der Pulpa beschränkt; enthält das Füllungs¬ 
material keine ätzende Beimischung, so entsteht nur, der Tre¬ 
panationsstelle entsprechend, eine Reaktion. 3. Die Reaktions¬ 
veränderungen bestehen darin, dass die Odontoblastenkerne 
grösser werden; das Protoplasma verliert seine granulierte 
Beschaffenheit und färbt sich nicht mit Eosin. 4. In der den 
Odontoblasten zunächst gelegenen Schichte entstehen Gewebs- 
lücken, bald neugebildete Kapillaren (besonders unter Harvard¬ 
füllungen als Zeichen der leichten Entzündung). 5. Das übrige 
Pulpagewebe ist höchstens mässig hyperämisch. 6. Das un¬ 
mittelbar über der Pulpa gelegene Dentin scheint kalkärmer 
zu sein, als das mehr peripher gelegene; besonders auffallend 
ist jene peripher gelegene Dentinschichte, welche sich mit 
Hämatoxylin bläulichschwarz färbt, sehr kalkreich ist und somit 
zur Schutzschichte wird. 7. Gegen Ende des zehnten Monates 
wird .das von den Odontoblasten gebildete sekundäre Dentin 
bemerkbar; dasselbe entspricht nur der Ausdehnung der Läsion 
und ist als eine Protuberanz in dem Pulparaum sichtbar. 

Prof. G a v a 11 a r o (Firenze): Nouvelles obser- 
vations sur les dents syphilitiques. 

Die Frage der Dentition der Heredosyphilitiker kann be¬ 
sonders durch die Entdeckung der Spirochaeta pallida auf 
Grund seiner Untersuchungen als gelöst erachtet werden. Die 
Hutchinsonsche Theorie ist durch diese Untersuchungen 
absolut bestätigt worden. Vortragender beschäftigt sich ein¬ 
gehend mit seinem Gegenstand, was wir in folgendem kurz 
zusammenfassen: 

1. Pathologisch-anatomische Untersuchungen 
— die Alterationen der Zahngewebe. Als Substrat 
der Untersuchungen dienten die Kiefer von 17 zweifellos mit 
hereditärer Lues behafteten, 7 bis 9 Monate alten Föten. 
Der Vorgang der Untersuchungen war: Auslösen des Ober¬ 
und Unterkiefers, Erhärten in 70proz. Alkohol oder 4proz. 
Formalin, Dekalzination (100 Gr. 70proz. Alkohol, 1 Gr. Fluor- 


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XVI. Internationaler medizinischer Kougress in Budapest. 


glyzin, 5 Gr. Acid. nitric., in je 24 Stunden erneuert). Am 
häufigsten wurde zur Färbung Lithiocarmin sec. Orth verwendet, 
Auswaschen 24 Stunden lang in fliessendein Wasser. Einbettung 
in Zelloidin oder Paraffin. Es sind beim heredoluetischen In¬ 
dividuum am embryonalen Zahnkeime folgende Veränderungen 
zu beobachten: Es sind an der Pulpa, an der Stelle, wo sich 
das Dentin und der Schmelz der Zahnkrone verdünnen, Ein¬ 
schnürungen sichtbar, die gelegentlich so beträchtlich sein 
können, dass sie die Höcker fast abschnüren. Die Schmelz¬ 
prismen sind stellenweise wellenförmig angeordnet, an anderen 
gegen das Dentin hin gezackt. An Zähnen mit Erosionen 
(ebenso behandelt) erweisen sich die Schmelzprismen als ge¬ 
brochen, gelockert, zerstreut, die interprismatische Kittsubstanz 
nicht homogen, globulär; das Dentin weist häufigere und weite 
Globularräume auf; die Tubuli sind breiter als gewöhnlich. 
Am Zahnsäckchen konnten keine Veränderungen wahrgenomraen 
werden. 

2. Vaskuläre Alterationen bei Zahndystro¬ 
phien. Da bei den übrigen zwei Gliedern der Hutchin¬ 
son sehen Trias solche konstatiert wurden, hatte Redner auch 
bezüglich der Zähne Versuche in dieser Richtung angestellt. 
Seine ersten Versuche fielen negativ aus. Spätere ergaben 
ganz andere Resultate. Das Substrat der Untersuchung bildeten 
die Pulpen vier embryonaler Zähne; die Pulpen dreier ersten blei¬ 
benden Molaren (an welchen ausgeprägte dystrophische Erschei¬ 
nungen vorhanden waren); die Wurzelpulpen zweier bleibenden 
Eckzähne (der Höcker derselben fast abgeschnürt), ferner die 
Pulpen zweier Milchmolaren (mit Erosion en nappe). Die Zahn¬ 
pulpen wurden nach der Exstirpation in Alkohol fixiert und 
gefärbt. Die Pulpa ist reichlich vaskularisiert; die Wände der 
Gefässe verdickt, weisslichgrau, die oberflächlichen Schichten 
reich an zellulären Elementen, die inneren dünner; die Tunica 
media weist nichts besonderes auf, die äussere Tunica etwas 
verdickt. Ausserdem fand er Hämorrhagien und kleinzellige 
Infiltration. Es gelang Verfasser auch, die Spirochaeta pallida 
in der Pulpa aufzufinden. Er ist der Auffassung, dass diese 
Läsionen auch Milchzähne betreffen können, um so mehr, da 
bei hereditärer Lues die Ossifikationen überhaupt verspätet 
vor sich gehen. Er sah in 7 Fällen von 56 auch an Milch¬ 
zähnen diese Veränderungen. Redner betrachtet sogar die 
milchweissen Flecke auf der labialen Seite der Schneide¬ 
zähne als Zeichen der hereditären Lues. Er kommt zu dem Schlüsse, 
dass: symmetrisch und systematisch auftretende Dystrophien 
ausnahmslos luetischen Ursprungs seien; in erster Linie 1. die 
Hutchinson sehen Zähne; 2. die Dystrophie des Höckers 


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XVT. Internatfeuaier nwtfjzhjisoher Xttnscesti' ui BailaTiest $76 

des. ersten bleibenden Molars ; 3> die. multiplen qnd syste-. 
malischen Dystrdpbien des IViUeb^ftbn’' sind des bleibenden 


■ 


Fenchel (Hamburg)i tleber die K onsülution 
jler ^jsiöen 

Mittels zahlreicher mikrophotographiscber Lichtbilder zeigt 
Autor das Ergebnis seiner diesbezüglichen Forschungen, welche 
in dieser Zeitschrift xur Mitteilung gelangen werden. 

Br.' th DaIinu(Fiume): £i n neu v sB t ückensy siem. 

Ich führe, ihnen hier eine Brücke vor bei welcher Sie 
jede Pprzellanlacette aüswechseiri köftnen und infolgedessen 
bei dem leider genug oft vorkonvinönden Brechen der Porzdlan- 
lacetteb des sehwieAgcn tmd ooc.fr- urnner nicht genug ein¬ 
wandfreien und zufriedeiäistellender« Heparierons derselben ent¬ 
höben sind. Fs ist nuh palatfriahvarts^^ eine Schraube herauszn- 
nebnaen und es wird an Stelle der getnocimnen eine neue 





Facette angeschraubt. Es ist nämlich jede Facette mit 
einem trapezförmigen Block versehen, der eine Schrauben- 
mutter im tönern hat, in welche die Schraube palähtiälhärts 



Schneider eine «SchiaUbenmütter eiugesehöittett, dann xyerden, 
den Zahnkrampons eines Fkichzahnes entsprechend, in den 
Block zwei Binnen hineingeteilt, in welche die Krampons ein¬ 
gelötet werden. Nachher wirdum defr Block herum ein auf 



talen: Oüersclinitt des Blockes, entsprecheftden Oefthtmg zur Auf« 
nähme des Blockes versehen. Dünn muss eine genau är.liku* 



ver¬ 


sehen wird, damit diejSchrauhe in die: entsprechende Mutter 
eingeführt werden kaum (Siehe beigeghbeue Abbildung;) 


. 




Co gle 


D>i □tnä'l Taxi 




276 XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 

2. September, vormittags. Präsidenten: Prof. Giuria 
(Genova), Prof. Arkövy, Prof. Araoödo (Paris), Dr. E. A. 
Bogue (New-York). 

In Abwesenheit des Verfassers liest E. Waggett (London) 
das eingesendete Referat von 

Logan-Turner (Edinburgh): The etiology of ma- 
xillary suppuration. 

Die meisten Autoren sind darüber einig, dass, eine ver¬ 
schwindend kleine Zahl ausgenommen, fast alle Antrumempyeme 
nasalen Ursprungs sind. 

A. Die Feststellung einer dentalen Infektion ist sehr 
schwer. Dabei können folgende klinische Behelfe verwendet 
werden: 

a) Stinknase. Stanculeanu und Baup legen auf 
dieses Symptom ein grosses Gewicht. Sie behaupten, dass der 
fötide Eiter entschieden für ein dentales Empyem spricht, 
wohingegen der Eiter eines nasalen Empyems keinen penetranten 
Fötor aufweist. Sie schreiben den Fötor einem anaeroben 
Mikroorganismus zu, der eher im Munde als in der Nase vor¬ 
kommt. Referent ist nicht ganz dieser Ansicht, da er auch in 
Empyemen nasalen Ursprungs — nach Influenza — einen 
fötiden Eiter fand, in welchem die bakteriologische Unter¬ 
suchung keine speziellen Mund- oder Zahnmikroorganismen 
entdecken konnte; folglich sei anzunehmen, dass der fötide 
Geruch das Ergebnis gewisser Fäulniserreger ist, die auch durch 
die Nase in die Antrumhöhle gelangen können. 

b) Die im Eiter befindlichen Mikroorganismen. 
Sehr viele Bakterien kommen sowohl im Munde wie auch in 
der Nase vor. Es gibt aber spezielle Bakterien, die nur in 
kariösen Zähnen Vorkommen, darunter der Bac. necrodentaüs, 
Strept. brevis, Bac. gangr. pulp., Bac. dentalis viridens, Bac. 
plexiformis. Stanculeanu und Baup beschrieben gewisse 
anaerobe Mikroorganismen, die sie im Eiter dentaler Eiterungen 
gefunden haben: Bac. ramosus, Bac. perfringens, Bac. serpens, 
Bac. thetoides. In 53 Fällen von Antrumempyemen des Re¬ 
ferenten machte Dr. G. I. Lewis bakteriologische Unter¬ 
suchungen, deren Ergebnis war, dass in 17 Fällen (32 Prozent) 
typische Kariesbakterien vorgefunden wurden, folglich daraus 
zu schliessen wäre, dass eine gewisse Zahl Antrumeiterungen 
dentalen Ursprungs sei. 

c) Die Zähne. Kariöse Zähne im Oberkiefer allein sind 
noch kein Beweis für einen dentalen Ursprung. Die dentale 
Infektion kann mehrere Wege einschlagen. Sind die Alveolar¬ 
buchten des Antrums gut ausgebildet, folglich die Wurzel¬ 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


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spitzen nur von einer dünnen Knochenschichte bedeckt oder 
die Wurzeln gar frei in die Höhle hineinragend, ist schon ein 
prädisponierendes M oment vorhanden. Die Infektion kann aber 
auch auf dem Wege der Lymphgefässe, der Venen und auch 
durch die Knochenkanäle zustande kommen. Wurzelabszesse, 
akute Periostitiden, zirkumskripte oder diffuse Ostitiden des 
Proc. alveolaris können ebenfalls Empyeme der Highmorshöhle 
bewirken. Manchmal sind es äusserlich ganz wohlerhaltene, 
gefüllte oder gekrönte Zähne, die das Empyem verursachen. 

d) Röntgenaufnahmen. In zweifelhaften Fällen sollte 
man sich dieses Verfahrens häufiger bedienen. 

B. Nasale Infektion. Die häufigste Quelle der Infektion 
des Antrums ist eben die Nase. Von 117 Fällen wurden in 
71 Fällen aus den Nasengängen stammende Mikroorganismen 
im Eiter des Antrums vorgefunden. (25 Fälle Influenza, 32 Fälle 
schwerer Koryza, ferner Pneumonie, Scharlach, septische Ton¬ 
sillitis, Nasensyphilis, Traumen.) 

Wagge11 (London), Referent: Odontogenic suppu- 
rative maxillary and nasal sinusitises and their 
complications. 

Referent behandelt den Gegenstand vom klinischen und 
therapeutischen Standpunkte. Das erste und wichtigste ist, 
bevor man zur Therapie schreitet, den Grund und die Quelle 
der Naseneiterung zu erörtern; aus diesem Grunde hält er es 
für unerlässlich, dass der Stomatologe über ein gewisses Mi¬ 
nimum rhinologischer Kenntnis verfüge. Er schickt gleich 
voraus, dass die meisten Antrumempyeme, welche oft monate¬ 
lang ohne Erfolg mit der Spritze seitens des Patienten be¬ 
handelt werden, eben solche Fälle sind, wo der Zahnarzt einen 
dentalen Ursprung angenommen hat und, ohne die richtige 
Diagnose gestellt zu haben, auch sofort zur operativen Be¬ 
handlung griff. Die erste Pflicht ist, sich davon zu überzeugen, 
ob die Eiterung von der Nasenhöhle selbst oder von irgend 
einem Sinus stammt, und im letzteren Falle eben die Fest¬ 
stellung des richtigen Sinus. Dies geschieht durch Inspektion 
der Nasenhöhle mittels des Nasenspiegels. Da uns besonders 
die Empyeme dentalen Ursprunges interessieren, schildert 
Referent die Naseneiterungen bei Säuglingen und sehr jungen 
Kindern nur in kurzen Umrissen. Die meisten solcher Fälle 
sind syphilitischer oder diphtheritischer Natur, ein grosser Teil 
stammt auch von Koryza acuta. Ist die Eiterung chronisch, 
häufig wiederkehrend und beiderseitig, so sind zumeist Ade¬ 
noide auch vorhanden, wenn einseitig, stammt sie von einem 
Fremdkörper. Ein frühes Symptom einer atrophischen Rhinitis 

6 * 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest 


ist der chronische, reichliche, schleimig-eiterige Ausfluss aus 
beiden weiten Nasenhöhlen. Die Osteomyelitis tuberculosa des 
Oberkiefers mag sich auch in einem eiterigen Ausfluss aus der 
Nase äussem. In einem Falle ist der Zahnarzt voll berechtigt, 
operativ einzugreifen, nämlich wenn die Abszesse der Schneide- 
2 ähne den Nasenhöhlenboden durchbrechen. Selbst in solchen 
Fällen soll man aber die Untersuchung mit X-Strahlen nie 
unterlassen. Die Rhinoskopie wird auch mit Sicherheit syphi¬ 
litische oder lupöse Läsionen bei Erwachsenen ausschliessen. 
Eine Verengerung der Nasenhöhle ohne Eiterung kann auch von' 
einem chronischen apikalen Abszess oder einer periostalen 
Zyste verursacht werden. Eine Sequestration der Nasenwand 
dentalen Ursprunges ist auch nicht unmöglich, obzwar Referent 
während einer 16jährigen Spitalspraxis nur einen solchen Fall 
beobachtete. Als Fremdkörper zählt Vortragender letopisch 
gewachsene Zähne, eine im Antrum zurückgebliebene Kanüle, 
welche eine Ulzeration der Nasenwand bewirkt, ja sogar Fälle, 
wo die Kanüle irrtümlicherweise statt in die Antrumhöhle, in 
die Naseuhöhle geschoben wurde. Bösartige Geschwülste und 
Schleimhautpolypen können ebenfalls einen Eiterausfluss aus 
der Nase verursachen. Zwischen den ersteren erwähnt Referent 
das Epitheliom, welches aus den Malassezschen Epithelialhaufen 
entstammt und faktisch häufig auf dentalen Ursprung zurück¬ 
zuführen ist, wohingegen er noch nie Polypenbildungen bei aus¬ 
gesprochen dentalem Empyem vorfand. Nachdem man jede 
Möglichkeit einer Eiterung aus der Nasenhöhle selbst ausge¬ 
schlossen hat, kann erst das Vorhandensein einer Sinusitis in 
Betracht gezogen werden. Die Feststellung, ob ein wirkliches 
Antrumempyem — und nicht etwa ein Sphenoidal- oder 
Ethmoidalempyem — vorhanden ist, geschieht auf folgende 
Weise: 

Untersuchung mit dem Spiegel: Fliesst der Eiter unter¬ 
halb der Insertionslinie der mittleren Nasenmuschel heraus, so 
stammt er vom Anlrum. Nur ist zu betonen, dass nicht immer 
ein Ausfluss vorhanden ist, und dies ist hauptsächlich während 
der üblichen Konsultationszeit (zwischen 10 Uhr vormittags 
und 4 Uhr nachmittags) der Fall. Die meisten Kranken klagen 
über einen Ausfluss beim Aufstehen und beim Waschen, 
welcher dann gegen Mittag allmählich verschwindet. In solchen 
Fällen ist es ratsam, den Kranken auf der gesunden Seite 
einige Minuten lang liegen zu lassen oder, wenn auch das 
nicht genügt, saugende Bewegungen bei geschlossener Nase 
machen zu lassen; wenn auch das versagt, soll der Patient, 
der auf der gesunden Seite liegt, kräftig durch die Nase 
blasen. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 279 

Die Durchleuchtung kann versucht werden, obzwar Re¬ 
ferent dieser Methode keine grosse Sicherheit zuschreibt, da 
die Erfahrung gemacht wurde, dass sehr oft Antra bei dunkler 
Transillumination pungiert wurden, ohne Eiter zu finden, und 
vice versa in sehr hell durchleuchteten Antris bei der Probe¬ 
punktion sich reichlich Eiter vorfand, ln zweifelhaften Fällen 
kann die Diagnose nur mit der Probepunktion sichergestellt 
werden, und zwar wendet Referent die Lichtwitzsche Methode 
an, bei welcher die Punktion unterhalb der unteren Nasen¬ 
muschel vorgenommen und von den Patienten sehr gut ver¬ 
tragen wird. 

Der Eiter trägt je nach seinem Ursprünge charakteristische 
Merkmale, bezüglich Konsistenz, Farbe, Geruch etc. an sich. So 
ist der Eiter eines noch intakten dentalen Empyemes, sei es akut 
oder chronisch, so penetrant übelriechend, dass derjenige, der 
ihn auch nur einmal kennen gelernt hat, gewiss nicht mehr 
irren wird. Solche Empyeme, bei welchen sich am Röntgen¬ 
bilde oder bei der Inspektion zweifellos herausstellt, dass ein 
apikaler Abszess das Antrum eröffnet hat, sind entschieden 
dentalen Ursprungs. Dies gilt auch für solche Fälle, wo nach 
blosser Extraktion eines gangränösen Zahnes mit putridem 
Wurzelkanalinhalte eine Kommunikation zwischen dem Alveolus 
und dem Antrum entdeckt wird. Weit über die Wurzelspitze 
in das Antrum vorgeschobene Guttaperchapoints oder bei hastiger 
Extraktion in das Antrum gestossene Wurzelpartikelchen führen 
gewiss auch zu Empyemen. Ein Fall ist verzeichnet, bei welchem 
ein im Antrum verborgener kariöser Zahn die Ursache des 
Empyems war. Vortragender hat einen Fall gehabt, wo 
ein ganz gesunder Weisheitszahn im Antrum vorgefunden 
wurde und das Antrum voll Eiter war, der aber vom Frontal- 
und Ethmoidalsinus stammte. Ti^fe Pyorrhoesäcke, die das 
Antrum erreichen, haben gewiss auch eine Antritis zur Folge. 
Periodontitische Schmerzen, mit Antritis verbunden, weisen 
zweifellos auf den dentalen Ursprung derselben hin. Sonstiger 
Zahnschmerz stellt sich auch bei entschiedenen Influenza- 
Affektionen des Antrums ein. Referent betont, dass Empyeme 
rein dentalen Ursprungs überhaupt den geringsten Prozent¬ 
satz sämtlicher Fälle ausmachen. Zwischen den 80 Fällen, 
die Vortragender in jüngster Zeit beobachtete, waren nur 
5 Prozent dentale Empyeme; er beruft sich auf Zucker¬ 
kand!, der bei Leichen auch nur in 2 Prozent der Fälle 
dentales Empyem vorfand. Prof. Underwood untersuchte 
einige hundert Schädel und bewies, dass überall, wo ein 
Abszess den Boden des Antrums durchzubrechen drohte, auch 
eine Knochenneubildung zu konstatieren war, die eben als 


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280 XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 

* 

Schutzdecke diente. Es mag auch dieser Umstand zur Er¬ 
klärung des seltenen Vorkommens dentaler Empyeme dienen. 
Sobald der an dem Empyem schuldige Zahn entdeckt worden 
ist, war das operative Verfahren das folgende: Man entfernte 
den Zahn, bohrte die Alveole und den Boden des Antrums 
im Bereiche derselben weit aus und führte eine weite Röhre, 
die mit einem Verschluss versehen war, so dass keine Speisereste 
eindringen können, oder einen massiven Pfropf ein. Wenn man 
die rhinologische Literatur auf einige Jahre zurück verfolgt, wird 
man zur Ueberzeugung gelangen, dass die auf diese Weise behan¬ 
delten Empyeme Monate, ja sogar Jahre zur Heilung brauchten. 
Lesmoyez empfahl im Jahre 1902 die Lavage des Antrums 
nach vorheriger Extraktion des schuldigen Zahnes, und zwar 
durch die Alveole, wenn eine Kommunikation schon vorhanden 
war; durch die Nase, wenn das nicht der Fall ist. Er warnt 
aufs strengste vor der Anwendung von Pfröpfen. Referent 
hatte mit dieser Methode die glänzendsten Erfolge in den 
wenigen Fällen wirklich dentalen Empyems. Zur Lavage durch 
die Nase wendet er Killians hohle Nadel an. Die Fälle 
brachte er in 2 bis 5 Tagen zur Heilung. Vortragender bezweifelt 
sogar, nachdem es ihm in einem Falle gelungen ist, den 
schuldigen Zahn von seinem apikalen Abszesse zu heilen, dass 
die Extraktion des Zahnes in jedem Falle notwendig sei. Der 
Grund, dass Zahnärzte so häufig Patienten, die schon seit 
Monaten und Jahren Pfröpfe tragen, zum Rhinologen schicken 
mit der Frage, warum wohl die Eiterung nicht aufhört, ist 
eben jener Umstand, dass solche Empyeme in den seltensten 
Fällen dentalen Ursprungs sind und der Eiter aus dem Frontal¬ 
oder Ethmoidalsinus stammt. Im Antrum vergessene Gazestücke 
oder Wattefäden, die der Patient um den Stift gewickelt, los¬ 
gelöste Stücke des Pfropfes sind weitere Ursachen des hart¬ 
näckigen Bestehens des Empyems. Vor kurzem hatte Referent 
einen Fall, wo der Patient seit Jahren eine goldene Tube 
trug, durch welche er die Ausspritzungen vornahm und das 
Empyem bestand. Er fand, dass das Antrum ganz gesund war; 
nur um den Schaft der Kanüle war reichliches Granulationsge¬ 
webe, welches auch den Eiter absonderte. Die blosse Ent¬ 
fernung der Kanüle hätte allein schon diesen Fall zur Heilung 
gebracht. Hartnäckige Empyeme liefern jene Fälle, wo das 
Antrum durch Knochen- oder Membransepta bedingte Rezesse 
aufweist, wo der Eiter stagniert. Solche Rezesse sind sehr 
häufig, zum Glück aber nur in äusserst spärlichen Fällen 
stärker ausgebildet. Zum Spülen des Antrums soll man, nach¬ 
dem vorher mit H % 0 % gereinigt wurde, Alphogen oder Alpho- 
zone verwenden; es kann in stärkeren Konzentrationen ohne 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


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schädliche Wirkung auf die Gewebe verwendet werden. Wenn 
auch das erfolglos ist, bleibt nur mehr die Radikaloperation 
übrig. Diese besteht in dem weiten Eröffnen (zirka so gross 
wie eine Postmarke) der Nasalwand des Antrums in der Höhe 
des Nasenhöhlenbodens. Bei dieser Operation erweist Prof. 
Önodis Troikart gute Dienste. Die Operation soll nur von fach¬ 
männischer Hand ausgeführt werden; aus diesem Grunde kann 
auch die nähere Beschreibung übergangen werden. 

Diskussion. 

v. Arkövy fragt, ob es irgend ein bewährtes operatives 
Verfahren gibt, um die dauernde Kommunikation zwischen 
Mund- und Antrumhöhle endgültig zu beseitigen, respektive den 
Defekt nach der radikalen Operation zu bedecken. 

Goadby (London): Der fötide Eiter ist dem Bac. ne- 
crosis zuzuschreiben, welcher ein obligatorisch anaerober und 
serophiler Organismus ist; er hat ihn bei Alveolarosteiten, be¬ 
sonders aber in infizierten Zahnpulpen gefunden. Goadby 
fand, dass in solchen Fällen, wo im Eiter die Spirochaete 
buccalis vorhanden, der Eiter von einer Alveolarosteitis und 
nicht vom Zahne stammt. Ueberhaupt schreibt Goadby der 
Alveolarosteitis (Pyorrhoea alveolaris) eine viel grössere Be¬ 
deutung zu als dies W a g g e 11 tut; da die Erweichung des 
Alveolarknochens weit über die Grenzen der gegenwärtigen 
Taschen vorausschreitet und das Antrum infiziert sein kann, 
ehe noch eine wahrhaftige Exposition der Höhle stattfindet. 
Er stimmt Waggett insoferne bei, dass die Nasengänge 
tagsüber frei von Eiter sein können, es sei aber auch hier die 
bakteriologische Untersuchung sehr wichtig. Wenn in der Nase 
nebst einer auf Antrumempyem Verdacht erregenden Kranken¬ 
geschichte reine Kulturen von Staphylococcus aureus und 
albus gefunden werden, ist es ganz bestimmt, dass ein Em¬ 
pyem des Antrums oder jenes einer seiner Nebenhöhlen vor¬ 
handen ist. Bezüglich der Behandlung sah Goadby guten 
Erfolg von der Vakzination, wobei die Vakzine aus den Or¬ 
ganismen des Patienten gewonnen wurde. Der Saccharomyces 
neoformans buccalis ist gewöhnlich bei Infektionen vorhanden, 
welche durch den Knochen und nicht durch den Zahn er¬ 
folgten. Bei dieser Infektion sind die Antrumwände von einem 
überschüssigen gallertigen Granulationsgewebe bedeckt, welches 
sehr viel Aehnlichkeit mit den Granulationen der stets vor¬ 
handenen Pyorrhoe aufweist. Goadby sah von der Vakzine 
des Saccharomyces sehr guten Erfolg und empfiehlt in Fällen, 
wo uns die Lavage des Antrums im Stiche lässt, die Immuni¬ 
sierung des Patienten. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


Gruet (Paris) behauptet im Gegensätze zu Waggetts 
statistischen Angaben, dass die meisten Empyeme dentalen 
Ursprungs wären und setzt ihr Vorkommen auf mindestens 
65 bis 95 Prozent der Fälle. Er bezweifelt nicht, dass Empyeme 
auch infolge heftiger Koryza, Influenza etc. auftreten, solche 
Fälle seien aber sehr selten. Die Lavage macht Gruet ge¬ 
wöhnlich mit sterilisiertem Wasser, nur in Ausnahmsfällen mit 
Antiseptizis. Seine Fälle heilen binnen Monatsfrist. 

Fenchel (Hamburg): Goadbys Fund von Saccha¬ 
romyces als Erreger bestimmter Formen von Antrumeiterungen 
und von Alveolarpyorrhoe deckt sich mit den Funden, aus 
denen Deutschmann die Konsequenz seiner Serumbehand¬ 
lung gezogen hat. Das Deutschmann-Serum ist nämlich aus 
dem Blute von gegen Saccharomyces immunisierten Pferden 
gewonnen. 

Robin (Paris) behauptet auch, dass der dentale Ur¬ 
sprung viel häufiger sei als der nasale. Bei Frauen sei eine 
Antritis viel seltener als bei Männern. Die Erklärung dafür ist, 
wie es Zuckerkandl in seinem Atlas auch zur Anschauung 
bringt, dass bei Frauen der Boden des Antrums selten unter¬ 
halb des Niveaus des Gaumengewölbes zu liegen kommt, wo¬ 
hingegen derselbe bei Männern sich um 1 bis l 1 /* Gm. unter 
das Gewölbe senkt, daher auch die Apizes sehr nahe zum 
Boden des Antrums liegen oder denselben sogar überragen. 
Aus demselben Grunde ist auch das „Mal perforant buccal“ 
bei den Frauen so selten. Einen solchen Fall hat R o d i e r in 
der „Revue de Stomatologie“ veröffentlicht. 

Smith (Amerika) setzt das Vorkommen dentaler Empyeme 
auf 90 bis 95 Prozent der Fälle. In Amerika seien sie eine häufige 
Krankheit; manche bestehen jahrelang, ohne entdeckt zu werden. 
Die Behandlung, respektive Extraktion des Zahnes soll vor allem 
vorgenommen werden. Im Eiter fand er prevalent den Pneumo¬ 
kokkus. Die Vakzination mit irgend einem antagonistischen Serum 
soll immer angewendet werden. 

J. G. Turner (London) glaubt den Prozentsatz der den¬ 
talen Empyeme auf 7 bis 8 setzen zu dürfen. Bei der Diagnose 
sollte man die X-Strahlen zu Hilfe nehmen, da dadurch die 
rarefizierende Osteitis in Fällen von Pyorrhoe entdeckt wird, 
sonst kann zur klinischen Diagnose eines dentalen Empyems die 
Geschwulst der Wange oberhalb der Zahnwurzeln verwendet 
werden. 

Shamberg (New-York) ist der Ansicht, dass die Empyeme 
nasalen Ursprungs bedeutend häufiger seien, aber auch er kann 
bestätigen, dass die fötiden Fälle zumeist dentalen Ursprungs 
sind. Er macht die Rhinologen darauf aufmerksam, dass das 


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katarrhalische Exsudat einer von der Nase her infizierten Antrum¬ 
höhle per continuitatem oder per contiguitatem von dem Eiter¬ 
herde irgend eines Zahnes infiziert werden kann. Ein Alveolar¬ 
abszess muss nicht unbedingt mit dem Sinus maxillaris kommuni¬ 
zieren, um denselben infizieren zu können. Auf die Gattung der 
Mikroorganismen kommt es nicht an. Es ist eine chirurgische 
Krankheit und soll behandelt werden wie ein Abszess. Irrigation 
und Drainage sind nicht immer erfolgreich, da die Mikro¬ 
organismen nicht nur die Mukosa, sondern auch die Submokosa 
überflutet haben, wie dies auch bei der Blenorrhoea urethrae 
der Fall ist. Wenn die Frontal- und Ethmoidalzellen auch mit¬ 
erkrankt sind, so ist selbstverständlich nur mit deren radikaler 
Operation der Krankheit abgeholfen. 

Waggett (London): Würde er alle zweifelhaften Fälle 
nasaler Natur pungiert haben, wie er es in neuester Zeit zu 
tun pflegt, hätte sich die Zahl der Fälle, wo eine Eiterung vor¬ 
handen war, viel zahlreicher erwiesen, als dies vorher zu er¬ 
warten war und diese Fälle, welche rein katarrhalischer Natur 
waren und gewöhnlich mit Frontal- und Ethmoidalerkrankungen 
einhergingen, haben die Statistik der dentalen Fälile so her¬ 
untergedrückt (4 Prozent). Auch wurde die statistische Zahl 
von den in England immens häufigeren katarrhalischen In¬ 
fluenzaepidemien beeinflusst. Die dentalen Fälle, mit dem 
jauchigen Eiter, hätte er alle in einigen Tagen zur Heilung 
gebracht; in jenen Fällen, die einer langen Behandlung durch 
die Alveole hartnäckig Widerstand leisteten und der dentale 
Charakter auch nicht ausgeprägt war, gelang es zuletzt noch 
immer, den nasalen Ursprung zu entdecken. Das Geheimnis 
der erfolgreichen Behandlung bei dentalen Fällen besteht darin, 
dass eben in solchen die Schleimhaut der Höhle leicht erkrankt 
ist. Das Ausbleiben des Erfolges nach Entfernung der septischen 
Ursache erweckt Verdacht auf Fremdkörper, Rezesse oder noch 
viel häufiger auf nasalen Ursprung. Auf Goadbys bakteriolo¬ 
gische Methode erwidert Waggett, dass die Punktionsmethode 
viel einfacher sei, da dadurch nicht nur die Diagnose richtig 
festgestellt, sondern auch über kollaterale Punkte Aufschluss 
zu erhalten sei. In nicht dentalen Fällen fand er die Vakzine¬ 
behandlung erfolglos und zieht dieser langwierigen Methode 
die radikale Operation vor. Auf Arkövys Frage könne er 
bestätigen, dass, wo es erforderlich, der V erschluss der Fistel 
mit einer kleinen plastischen Operation sehr leicht zu bewerk¬ 
stelligen ist. 

Smreker (Wien): Beiträge zum Füllen der 
Zähne mit Porzellan und Goldeinlagen. (Im Oktober- 


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heft 1909 dieser Zeitschrift auf Seite 1012 vollinhaltlich ver¬ 
öffentlicht.) 

Die Diskussion über diesen Vortrag siehe Seite 285. 

Dr. Breitbacfh (Dresden): Die Bromäthylnarkose. 

Auf Grund seiner Erfahrungen über die Bromäthylnarkose 
(14.211 Narkosen) kommt er zu folgendem Resume: 

1. Die Bromäthylnarkose ist bei vorsichtiger Anwendung 
absolut ungefährlich. 

2. Es gibt keine Kontraindikation für ihre Anwendung. 

3. Ein geschickter Operateur kann mit ihr alle Opera¬ 
tionen im Munde ausführen, soweit sie in ambulatorischer 
Praxis in Frage kommen. 

4. Sie eignet sich auch ganz besonders für die kleine 
Chirurgie. 

5. Wegen seiner Vorzüge verdient das Bromäthyl eine 
weit grössere Anwendung sowohl in der allgemeinen Praxis 
als auch ganz besonders in der Stomatologie. 

6. Die vielfach in der Literatur und in Sachverständigen¬ 
gutachten aufgestellten Behauptungen über die Gefährlichkeit 
der Bromäthylnarkose sind durchaus unbegründet. 

7. Bei zweckentsprechender Einrichtung des Operations¬ 
stuhles und genügender Assistenz ist die Bromäthylnarkose 
immer möglich. 

8. Die Anwendungsweise ist eine sehr einfache und die 
Kosten der Narkose sehr gering. 

Dr. Rothman und Bilasko (Budapest): 

1. Ueber Plantationsversuche. (Im Jännerheft 
1910 dieser Zeitschrift auf Seite 57 vollinhaltlich veröffentlicht.) 

2. Ueber den Wert der lokalen Anästhetika. 
(Im Oktoberheft 1909 dieser Zeitschrift auf Seite 912 voll¬ 
inhaltlich veröffentlicht.) 

3. Ueber schwierige Extraktionen. (Auf diesen 
Vortrag kommen wir noch zurück.) 

P. Bottoni (Milano): Pathological observations 
on pyorrhoea alveolaris. 

Nach dem Vortragenden müssen in der Aetiologie der 
Pyorrhöe zwei Hauptfaktoren unterschieden werden: ein all¬ 
gemeiner und prädisponierender = konstitutioneller, 
und ein lokaler, exzitierender = gestörte Ernährung. 
Er widmete besonders dem zweiten sein Augenmerk und glaubt, 
auf die richtige Spur gekommen zu sein; es gelang 'hm, unter 
dem Mikroskop die Arteriosklerose der Wurzelhaut in 
verschiedenen Stadien dieser Krankheit zu entdecken. Ein 
anderer wichtiger Fund sind die Plasmazellen (Russelschen 


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Körperchen), die für den entzündlichen Charakter sprechen. 
Wie ist nun zu erklären, dass die Wurzelhaut von Arterio¬ 
sklerose befallen sein kann, während andere Organe intakt sind. 
Die Arteriosklerose hat verschiedene Ursachen: Vererbung, In¬ 
fektionskrankheiten, physische und psychische Ueberanstren- 
gung, chemisch-bakterische Intoxikationen, die Störungen der 
vasomotorischen Innervation. Die Autoren meinen, dass ge¬ 
wisse Einflüsse auf die Parenchymorgane, andere wieder auf 
das Bindegewebe Einfluss hätten. Er unterscheidet die soge¬ 
nannte „Gouty“ und die „Phagedenic pericemen- 
titis“. Bei der ersteren ist die Arteriosklerose durch die Dia- 
these selbst erklärlich, die Harnsalzkonkremente bilden einen 
lokalen Reiz. Bei der zweiten unterscheidet er eine Form mit 
subgingivalen Konkrementen und eine andere ohne dieselben. 
Bei ersterem Typus ist die lokale Ursache handgreiflich, beim 
zweiten ist es die Arteriosklerose. Die Therapie ist eine all¬ 
gemeine und lokale. Letztere besteht in der Beseitigung jeg¬ 
lichen mechanischen und chemischen Reizes. Die Waschung 
der Zahnfleischtaschen mit H % O t . 

* 


2. September, nachmittags. Präsident: Dr. M. L. 
Rhein (New-York): 

Diskussion über den Vortrag Smrekers, gehalten am 
2. September vormittags. 

Dr. Rhein (New-York) meint, dass Smreker Taggart 
nicht ganz richtig verstanden habe, der als erster die Gold¬ 
inlays einführte. Er schreibt die Misserfolge Smrekers direkt 
dem Umstande zu, dass er nicht Taggarts Methode verwendet 
hatte. Tag gart arbeitete 12 Jahre lang an seinem Apparate, 
bis er ihn zur heutigen Vollkommenheit brachte. Sein ver¬ 
bessertes Einbettungsmaterial ist bis heute noch nicht im Handel. 
Mit gewöhnlichem Wachs und Einbettungsmaterial ist es un¬ 
möglich, eine vollkommene Arbeit zu leisten. Wenn die Kavität 
präzise ausgearbeitet ist, kann Taggarts Methode nie fehl¬ 
schlagen. Rhein, obzwar er viel in Inlays arbeitet, zieht noch 
immer eine gut gehämmerte Goldfüllung dem Inlay vor, wo 
die Kavität leicht zugänglich und die Füllung hochpolierbar ist. 

Szabö (Budapest) tritt für Smreker ein und wirft 
Rhein vor, er mache für den Taggart sehen Apparat eine 
Propaganda, wo doch Smrekers Untersuchungen auf theo¬ 
retischem Gebiete sich bewegen und nicht die einzelnen Me¬ 
thoden auf ihren relativen Wert geprüft werden. 


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286 XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 

S m r e k e r verspricht, das Ergebnis seiner Untersuchungen 
mit der T a g g a r t sehen Methode kontrollieren zu wollen und, 
falls es sich heraussteilen sollte, dass das mit jener Methode 
verfertigte Inlay ohne irgend eine Retuschierung in die Kavität 
passe, werde nicht nur er, sondern jedermann die Methode 
Taggart adoptieren. 

M. L. Rhein (New-York): Diagnostic value of 
Roentgen ray pictures in rootcanal treatment. 
(Kein Manuskript.) 

Prof. Shamberg (New-York): The Roentgen ray 
in mouth surgery. (Kein Manuskript.) 

J. 6. Turner (London): The normal Movements 
of remaining teeth after Extraction. (Im Jännerheft 
1910 dieser Zeitschrift vollinhaltlich veröffentlicht) 

V. H. Jackson (New-York): Orthodontia and 
Orthopedia of the face. (Mit Projektionsbildern und 
Modellen samt Apparaten.) 

Durch Dehnung der Zahnbögen ist der Nasengang zu er¬ 
weitern, das Nasenatmen zu verbessern und die Okklusion 
der Zähne zu korrigieren. „Orthopedia of the face“ enthält 
die Formveränderungen der Kiefer und die Herstellung der 
normalen Artikulation bei Irregularitäten. Das Gaumengewölbe 
ist der Boden der Nase. Die Difformitäten des ersteren be¬ 
einflussen unmittelbar den letzteren. Den oberen Zahnbogen 
teilt er in drei Abteilungen: als natürliche Grenze dient die 
Naht zwischen den zwei maxillären Divisionen, welche die 
Molaren, Prämolaren und Eckzähne enthalten, und die inter¬ 
maxilläre Division, welche die vier Schneidezähne einschliesst. 
Dehnt man den oberen Zahnbogen lateralwärts, so wirkt 
die Kraft auf die Eckzähne, Prämolaren und Molaren, welche 
dieselbe auf den Knochen und den Processus alveolaris über¬ 
tragen, wodurch der Nasenboden erweitert wird. Wirksamer 
bei jungen Patienten. Eine verhältnismässig kleine Anzahl der 
Fälle erheischt die distale Dehnung des Zahnbogens. Zu diesem 
Zwecke nimmt Autor einen dicken Draht, den er dem Gaumen¬ 
gewölbe der distalen Seite des Zahnbogens entsprechend biegt, 
dessen Enden als Branchen nach vorne gerichtet, an der lingualen 
Seite der Zähne zu liegen kommen und mit zweckmässig in 
den Interdentalräumen angebrachten Ankervorrichtungen ver¬ 
lötet sind. Um die vordere Partie zu dehnen, wird der Apparat 
einmal wöchentlich abgenommen, die vorderen Enden der 
Branchen mit den Fingern etwas nach aussen gebogen und 
wieder angelegt; diese Kraft bewegt die Zähne langsam, aber 
beständig nach aussen und bewirkt eine kräftige Knochen- 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


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entwicklung in der Naht. Der Apparat kann von dem Patienten 
selbst entfernt werden, um das Säubern des Mundes unge¬ 
hindert vornehmen zu können. (Siehe Orthodontia and Ortho- 
pedia of the face. Jackson, 1904, publ. J. B. Lippincott & Go., 
Philadelphia und London.) 

* 


3. September, vormittags. Präsidenten: 0. Zsig- 
mondy (Wien), P. Gires (Paris). 

In Abwesenheit des Autors wurde das Referat G.V. Browns 
(Milwaukee): What improvements are required and 
manageable in urano-staphylorrhaphy, vorgelesen. 

Verfasser geht bei der operativen Behandlung der Gaumen¬ 
defekte folgendermassen vor: 1. Er operiert nicht am herab¬ 
hängenden Kopfe; die Schultern werden hoch gepolstert und 
der Kopf stark rückwärts gebogen. 2. Die Narkose geschieht 
mit Aether. 3. Die Blutstillung wird mittels in Pinzetten ge¬ 
fassten und voraus vorbereiteten Tampons bewerkstelligt. 
Adrenalin (vorher angewendet) macht gute Dienste. 4. Zum 
Spreizen des Mundes gebraucht Autor den Whiteheadschen 
Apparat, an dessen rückwärtigem Teil er kleine Modifikationen 
vornahm. Bei der Operation soll man die Beschädigung der 
Art. palatina verhüten; es wird dadurch die Blutung geringer 
und die Heilung günstiger. Zur Naht wendet Referent in 
Formalin-Pyoktanin gehaltenes Katgut an; zur Retentionsnaht 
verwendet er Aluminiumbronzedrähte. Zum Ablösen des Periostes 
gebraucht er sogenannte „periostale Separatoren“; eigens ver¬ 
fertigte Messer, Nadeln. Die Nähte werden nach 10 bis 14 Tagen 
entfernt. (Vortrag reichlich mit Tafeln illustriert.) 

Prof. 0. Amoödo (Paris): Le traitement de l’ätat 
general dans les cas de fluxion dentaire. 

Verfasser schreibt die nach einer Pulpagangrän einher¬ 
gehenden phlegmonen Abszesse nicht nur lokalen Faktoren 
zu. Es spielen dabei ausser den Mikroorganismen gewisse prä¬ 
disponierende Momente mit; solche sind: 1. Depression des 
Gemütes; 2. Ueberernährung; 3. die Menstruation bei Frauen, 
und besonders 4. eine intestinale Autointoxikation, welche ins¬ 
gesamt die Widerstandsfähigkeit des Körpers stark herabsetzen. 
Unsere Aufgabe bestehe demnach: 1. die Zerstörung der Toxine 
und 2. das Entstehen neuer Toxine zu verhindern. Das erste 
kann durch Anwendung des Marmorekschen oder Doyenschen 
Serums erreicht werden; in weniger akuten Fällen wird 
schwarzer Kaffee, Bier gute Dienste erweisen. Das Entstehen 
neuer Toxine geht lokal und im Intestinaltrakt vor sich, folg¬ 
lich muss an beiden Stellen dagegen gewirkt werden. Lokal: 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


H t 0,-Waschungen der Wurzelkanäle, Entfernen von nekro¬ 
tischen Wurzeln; die Nachbarzähne sollen mit Ag NO, tuschiert 
werden. Intestinal: 1. Das Vermeiden von Fleischspeisen, von 
Eiern; eine Mahlzeit täglich; Milch, Gemüse, Erdäpfel. 2. Der 
Bac. lactis aerogenes soll in irgend welcher Form (Flüssigkeit, 
Tabletten, Pulver etc ) verabreicht werden. 3. Ealomel (Kind 
2 bis 5 Ggr.; junges Individuum 5 bis 10 Cgr; erwachsenes 10 
bis 15 Cgr.) zweimal pro die des Abends um 8 und 10 Uhr; 
nächsten Tag 5 bis 15 Gr. Rizinusöl. Auch Darmwaschungen 
sind von gutem Erfolge (2 Liter Wasser +14 Gr. Kochsalz). 
Lokal: Im Beginne Eis, später warme Umschläge. 

Dozent Höncz (Kolozsvär): Ueber Xerostomie. (In 
vorliegendem Hefte dieser Zeitschrift auf Seite 209 vollinhalt¬ 
lich veröffentlicht.) 

A. Bozo (Paris): Etüde et mesure du profil en 
Orthodontie. 

Sauvage, Lepine, Gavard,Broca und andere haben 
schon Apparate konstruiert, mittels welcher bei Regulierungen 
die vorgeschrittenen Stadien der Regulierung mit dem Anfangs¬ 
stadium verglichen werden konnten. Diese Apparate haben 
aber den gemeinschaftlichen Fehler, dass sie einerseits viel zu 
kompliziert sind, anderseits aber keine verlässlichen Bilder er¬ 
geben. Die Photographie ist auch nicht ganz genau, da es be¬ 
kanntlich sehr schwer ist, zwei ganz gleiche Photographien zu 
bekommen. Dies veranlasste den Vortragenden dazu, einen 
Apparat zu konstruieren, dessen Grundprinzip die Fixierung 
des Schattenbildes im Profil ist. Der Apparat wird „Profilo- 
skop“ genannt Die damit gewonnenen Bilder sind ganz 
kongruent. 

Fenchel (Hamburg): Ueber die Behandlung von 
chronischen und akuten Infektionen imBereiche 
des Mundes durch Serum inj ektionen». 

Fr. Faisztl (Budapest): Studium der experimen¬ 
talen Gangrän der Zahnpulpa. (In vorliegendem Hefte 
dieser Zeitschrift auf Seite 253 vollinhaltlich veröffentlicht.) 


‘ Erschienen in der „Oesterr. Zeitschrift für Stomatologie“, 1909. 
Seite 291. 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress zn Berlin 1909. 

Bericht über die Sektion VI (Allgemeine und Lokalanästhesie) 

erstattet von Zahnarzt F. Luniatschek in Breslau. 

(Schluss. 1 ) 

Der Präsident Fischer dankt sämtlichen Rednern und 
bittet, nunmehr zu der Fragestellung nach dem Programm das 
Wort zu ergreifen. Zur Diskussion stehen die Fragen: 

Welches Lokalanästhetikum muss für die 
Zahnheilkunde empfohlen werden? und Welche 
Technik der lokalen Anästhesie ist die einfachste 
und zugleich die zweckmässigste? 

Präsident Fischer: Nach allem, was während unserer 
Verhandlung zum Ausdruck gekommen ist, haben wir Zahn¬ 
ärzte in erster Linie die Lokalanästhesie zu verwenden und 
dabei wieder nur solche Präparate, deren genaue Dosierung 
allgemein bekannt ist. Ich persönlich kann von diesen vor 
allem das Novokain empfehlen, das in der von mir angegebenen 
Lösung mit Thymolzusatz das denkbar beste leistet, natürlich 
im Zusammenhänge mit Suprarenin, das ja die Novokain¬ 
wirkung besonders günstig beeinflusst. Ich verfüge über Tausende 
von Fällen, die glänzend mit meiner Lösung durchgeführt 
worden sind und das gleiche konnte zu meiner Freude und 
Genugtuung auch Koll. Williger konstatieren, der an einem 
sehr umfangreichen Material am Berliner zahnärztlichen In¬ 
stitute eine grosse Erfahrung hat sammeln können. Wenden 
Sie erst die Novokain-Thymollösung mit vollkommener Beherr¬ 
schung der Injektionstechnik an, dann werden Misserfolge 
geradezu Seltenheiten darstellen und Ihnen wird der volle Dank 
Ihrer Patienten zuteil. 

Frohmann (Berlin): Ich bin mit meinem Vorredner im 
grossen und ganzen einverstanden, doch möchte ich eine In¬ 
dikation für die Verwendung des Kokains bestehen lassen. In 
den Fällen, wo wir für die Operation ein übersichtliches, mög¬ 
lichst blutleeres Operationsfeld brauchen, werden wir das 
Kokain nicht übergehen können, denn Kokain mit Nebennieren¬ 
extrakt ergibt eben eine bessere Blutleere als Novokain mit 
gleichem Zusatz. Dagegen ist sonst die Entscheidung, welches 
lnjektionsanästhetikum wir verwenden wollen, nach folgenden 
Gesichtspunkten zu fällen: es sind nur Alkaloide zu gebrauchen, 
deren Toxizität eine möglichst geringe, deren Slerilisierbarkeit 
eine sichere, deren Haltbarkeit eine möglichst lang andauernde 
ist. Hierin ist das Novokain das bei weitem überlegenere. 

1 Siehe Heft I. 1910, Seite 158, dieser Zeitschrift. 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


Dagegen warne ich vor der Verwendung von Tabletten, weil 
sie nicht steril sind, besonders solche mit Adrenalinzusatz; 
zweitens vor der Benützung fertiger Lösungen, welchen Adrenalin 
beigefügt ist, da sie nur beschränkt haltbar sind, wie ich das 
in meinem Vortrage ausgeführt habe. 

Bolten (Husum): Bei der Erörterung der Frage nach 
dem zurzeit besten Lokalanästhetikum müssen wir wohl im 
wesentlichen die Toxizität des Medikaments berücksichtigen. 
Hie Kokain, hie Novokain. Novokain soll sechsmal weniger 
giftig sein. In der Tat haben die unangenehmen Erscheinungen 
bei und nach Injektionen so erheblich nachgelassen, seitdem 
wir das Kokain durch Novokain ersetzt haben, dass für mich 
kein Zweifel besteht, dass wir dies Medikament zurzeit für das 
beste erklären müssen. In meiner Praxis werden jährlich etwa 
1 '/* Liter Flüssigkeit zu Injektionen zubereitet, so dass ich 
eine derartig präzisierte Meinungsäusserung für praktisch be¬ 
gründet halte. Dem Herrn Referenten, der dafür hält, dass 
verschiedene Medikamente für verschiedene Fälle zu verwenden 
sind, ist zu widersprechen. Nicht ein anderes Medikament, wohl 
aber eine andere Konzentration muss jeweilig gewählt werden. 
Die weitmaschige Spongiosa des Kindes braucht eine geringere 
Konzentration als die des Erwachsenen. Dentinanästhesie, 
Extraktion der lebenden Pulpa, Extractio dentis, vorhandene 
Periodontitis etc., sie alle müssen erfahrungsgemäss berück¬ 
sichtigt werden, wenn eine Konzentration und Quantum von 
Novokain und Suprarenin vor der Injektion bestimmt werden. 

Noch eine bereits früher angeregte Frage harrt der Er¬ 
ledigung. Die Methode, dem Novokain das Suprarenin „tropfen¬ 
weise“ zuzusetzen, befriedigt nicht. Die Grösse des Tropfens 
variiert so beträchtlich, dass je nach der Flasche, von der der 
Tropfen abfätyt, man nach Belieben 5 bis 30 Tropfen auf ein 
Gramm rechnen kann. Der grösste Tropfen fällt von einer 
ebenen Fläche, der kleinste von der Nadelspitze. Es wäre also 
eine durchaus notwendige Gewichtseinheit festzulegen an der 
Zeit, dass wir bei Empfehlung der Tropfmethode die Grösse der 
Abtropfoberfläche nach Quadratmillimetern festlegen. 

Strauss (Frankfurt a. M.): Eine grössere Anzahl Frank¬ 
furter Kollegen, die früher alle möglichen Kokainpräparate ver¬ 
wendet haben, sind in den letzten Jahren dahin übereinge¬ 
kommen, nur Novokainpräparate zu verwenden, mit Ausnahme 
der vom Koll. Frohmann genannten Fälle, wo es sich darum 
handelt, eine besonders starke Blutleere zu erlangen. 

Luniatschek (Breslau): Die Frage nach dem besten 
Lokalanästhetikum für die Zahnheilkunde scheint mir nicht nur 
sehr schwer, sondern überhaupt nicht zu beantworten möglich. 


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Wie schon Koll. Froh mann gesagt hat, ist wohl das Novo¬ 
kain recht gut, doch das Kokain nicht ganz entbehrlich. Ich 
hätte deshalb diese Frage lieber nicht angeschnitten, doch 
wenn wir sie diskutieren, glaube ich, müssen wir zunächst 
unterscheiden: 

1. Brauchen wir das Mittel in der klinischen oder Privat¬ 
praxis? 

2. Brauchen wir das Mittel zu Operationen, bei welchen 
die Blutung nicht stört oder wo die Blutung unerwünscht ist ? 

Es ist ganz klar, dass nicht nur die Verschiedenheit der 
Praxis, sondern oft auch schon örtliche Verhältnisse eine Aende- 
rung der schmerzlindernden Mittel bedingen können. Man 
könnte deshalb auf den Gedanken kommen, der auch heute 
schon ausgesprochen worden ist, möglichst zu individualisieren 
und zu differenzieren. Das erscheint an und für sich auch 
richtig und ist auch wohl theoretisch begründet, doch wider¬ 
spricht es der Praxis. Ich selbst bin früher für die Differen¬ 
zierung eingetreten, doch bin ich völlig davon abgekommen. 
Dafür* sind mir folgende Gründe massgebend gewesen: 

Die Herstellung einer '/, prozentigen Kokain- oder 2pro- 
zentigen Novokainlösung macht gar keine Schwierigkeiten. Doch 
bestreite ich und muss es entschieden negieren, dass eine solche 
Lösung sich längere Zeit unzersetzt hält. Dabei nützt auch der 
Zusatz von Karbolsäure wenig und auch das fast nur in Al¬ 
kohol lösliche Thymol scheint mir nicht ausreichend. Doch 
könnte man durch Abkochen der Lösung kurz vor Gebrauch 
sich vor bakteriellen Schädlichkeiten schützen. Aber damit 
geht wieder Zeit verloren und „Time is money“. Schliesslich 
müsste einer derartigen Lösung noch ein entsprechender Pro¬ 
zentsatz eines Nebennierenpräparates hinzugesetzt werden. Das 
könnte in der Praxis nur in Tropfen geschehen, da es un¬ 
möglich ist, derartig geringe Mengen abzuwiegen. Ueber diese 
Methode müssen wir aber hinweggehen denn die schon vom 
Koll. Bolten erhobenen schwerwiegenden Ein würfe sind nur 
zu berechtigt. Jeder Tropfen ist anders und nie gleichwertig. 
Man müsste höchstens einen Tropfapparat konstruieren, ähnlich 
den Büretten der Chemiker, welche aus einem nach Kubik¬ 
zentimetereinteilung graduierten Rohr aus Glas bestehen, wel¬ 
ches an seinem unteren Ende einen Tropfhahn trägt. Dann 
hätte man nicht nur die Berechnung nach Tropfen, sondern 
auch, vorausgesetzt, die Graduierung wäre fein genug, die 
Kontrolle nach dem Hohlmasse. Dabei ist aber noch über¬ 
sehen, dass der Tropfhahn seinerseits auch immer steril ge¬ 
halten sein müsste, was wohl kaum möglich ist. Mithin müssen 
wir von dieser Methode der Differenzierung absehen, und es 

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bleibt uns nichts weiter übrig, als auf die gebrauchsfertigen 
Phiolen zurückzugreifen. Dass sich ihr Inhalt zersetzen sollte, 
erscheint doch recht fraglich, vorausgesetzt immer, dass sie 
richtig gefüllt worden sind, denn es werden von der Flüssig¬ 
keit doch alle jene Schädlichkeiten ferngehalten, welche wir 
vermeiden wollen. Mehrfaches Aufkochen ist unnötig; Zersetz¬ 
lichkeit ist auf das Mindestmass herabgedrückt, da sie licht- 
und fast auch luftdicht verschlossen sind! Sie sind stets ge¬ 
brauchsfertig und dabei sehr sparsam und schliesslich kann 
man ohne nennenswerte Zeitversäumnis anästhesieren. Ich will 
ganz davon absehen, dass viele Kollegen die Herstellung der 
Lösung ihrer Hilfskraft überlassen und diese nur selten die 
Gewähr für ein absolut zuverlässiges Zubereiten gibt. 

Also ist die Dosierung und Aufbewahrung in Phiolen 
für unsere private Praxis das beste. 

Um auch dem zweiten Punkte zu genügen, nämlich für 
die möglichst unblutigen Operationen ein Mittel und für die 
anderen ein anderes vorrätig zu haben, genügt eine Differen¬ 
zierung des Mittels bezüglich der Konzentration, so dass wir 
also mit zwei Lösungen vollkommen befriedigt sein können. 
Diese Lösungen kann man sich steril in grösseren Mengen her¬ 
steilen und in Phiolen abfüllen. Doch ist auch das nicht nötig, 
denn wir haben einwandfreie Firmen genug, die uns schon 
damit dienen. 

Ich selbst stelle das Renoform-Kokain von Doktor 
Freund und Dr. Redlich, in Berlin hergestellt, an die Spitze 
aller Mittel für unsere Praxis. Es wird in zweierlei Konzentra¬ 
tion in Phiolen vertrieben. Auf jeder Packung steht die Zu¬ 
sammensetzung. Bestärkt bin ich in meiner Ansicht durch eine 
gerade für dieses Mittel sehr günstige Statistik geworden, 
welche ich schon im Laufe der Verhandlungen erwähnt habe. 

Wenn ich für das altbewährte Kokain und nicht für das 
Novokain eintrete, so geschieht das deshalb, weil ich nur zu 
genau mich noch der Zeiten entsinne, wo erst Eukain, dann 
Tropakokain an der Tagesordnung waren, um schliesslich doch 
wieder dem Kokain Platz zu machen. Ich halte die Novokain¬ 
überhebung für eine Modesache. Wer weiss, wie lange es noch 
dauert, bis wieder die Mehrzahl der Kollegen auf das Kokain 
zurückkommt oder ein neues Mittel, vielleicht diesmal von 
Merck, hergestellt wird. 

Dr. Fischer (Greifswald): Zum Zwecke einer leichten 
Handhabung habe ich ein Injektionsbesteck zusammenstellen 
lassen, das hier vorliegt. Sie können die fertige Novokain- 
Thymollösung entweder in 50 Ccm. grossen Fläschchen oder 
in Ampullen mit 1 oder 2 Ccm. Inhalt beziehen. Ein Fläsch- 


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chen des Suprar. synth. 1: 1000 ist jedem Besteck beigefügt, 
ebenso die notwendigen Utensilien zur Mischung der eigent¬ 
lichen Injektionslösung. Am besten verfahrt man in der Weise, 
dass man die gesamte Suprareninlösung in das eben ausge¬ 
kochte, beigegebene dunkle Tropfgläschen (Normaltyp der Phar¬ 
makopoe) einfüllt und von da aus durch einfache Stöpsel¬ 
drehung abbraucht. In einen ebenfalls im Besteck vorhandenen 
kleinen Masszylinder gibt man soviel Tropfen der Suprarenin¬ 
lösung, als man zur Mischung bedarf (auf 1 Ccm. zirka 1 Tropfen) 
und giesst dann die nötige Menge der Novokainlösung auf. 
Dadurch erhält man eine geeignete Injektionslösung, die auch 
genau isotoniert worden ist. Man kann dann sofort zur In¬ 
jektion schreiten. Als Spritze möchte ich die vom Kollegen 
Sachse (Leipzig) ausprobierte Metallsprilze mit Gummistempel 
empfehlen. 

Rosenberg (Berlin): Koll. Bolten hat Ihnen sehr 
eindringlich vor Augen geführt, wie verschieden gross ein 
Tropfen sein kann. Sie selbst diskutieren seit einer halben 
Stunde darüber, wie ein Normaltropfen zu erhalten sei. Dabei 
haben Sie aber noch den sehr wichtigen Punkt zu berück¬ 
sichtigen vergessen, den Normaltropfen auch bei stets gleicher 
Temperatur zu bestimmen. Schon vor einigen Jahren habe ich 
darauf hingewiesen, dass es nichts Ungenaueres geben kann, als 
eine Tropfendosierung. Jeder Pharmakologe wird Ihnen dies 
bestätigen. Aus unseren ganzen Vorträgen und Diskussionen 
über Lokalanästhesie geht evident hervor, dass das Neben¬ 
nierenpräparat noch in unglaublich kleiner Dose wirksam ist. 
Ich kann Sie bei einem solch stark wirkenden Mittel nicht 
nachdrücklich genug vor der Tropfendosierung warnen. Was 
es heisst, einen zu starken Adrenalinzusatz regelmässig in der 
Praxis zu verwenden, habe ich bei meinen Versuchen erlebt. 
Nur in dieser Zeit hatte ich die unangenehmsten Zufälle. Wenn 
Sie individuell den Nebennierenzusatz bestimmen wollen, um 
einer Tropfendosierung das Wort zu reden, so weise ich da¬ 
rauf hin, dass sicherlich kein Kollege, der die fertige Lösung 
gebraucht, in jedem Falle dieselbe Dosis bei den verschieden 
alten und kräftigen Patienten anwenden wird. Dem Vorwurf, 
dass sich die in Ampullen eingeschmolzenen Lösungen nach 
einiger Zeit zersetzen und unwirksam werden, kann ich nicht bei¬ 
pflichten Ich verwende absichtlich häufig zur Kontrolle Eusemin- 
ampullen, die wenigstens ein halbes Jahr gelagert haben, mit 
dem besten Erfolge. An dieser Stelle möchte ich auch die 
Worte des Koll. Luniatschek unterstützen, welcher daraufhin¬ 
weist, nicht gleich nach einem Misserfolg oder unangenehmem 
Zufall alle Schuld auf das Injektionsmittel zu wälzen. Ich habe 

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schon früher betont, wie verschieden ein und derselbe Patient 
an verschiedenen Tagen dieselbe Menge Injektionsflüssigkeit 
verträgt und welche Momente dabei in Frage kommen. Er¬ 
ziehen wir uns vor allem dazu, gründlich aufzupassen und hierzu 
kann ich Ihnen die Lektüre des gestrigen Vortrages vom 
Koll. D a u g e empfehlen. Zum Schluss möchte ich noch vor 
Benützung der Tabletten zur Injektion warnen und auf eine 
Arbeit verweisen, die Prof. Dr. Hoffmann im Aufträge der 
Militärbehörde ausgeführt hat. Die Resultate sind in der „Deut¬ 
schen medizinischen Wochenschrift“ veröffentlicht und bringen 
für die notwendig zu fordernde Sterilität der Tabletten das 
denkbar ungünstigste Ergebnis. 

Fischer: Ich glaube, wir täten gut daran, den Kollegen 
Rösenberg zu bitten, jetzt schon zu seinem Vortrage das 
Wort zu ergreifen, da er doch in innigem Zusammenhänge mit 
unserer Diskussion steht, wenigstens was die Technik der In¬ 
jektion anbetrifft. Ich bitte also Herrn Rosenberg, das Wort 
zu ergreifen zu dem Thema: Anatomische Unter¬ 
suchungen im Ober- und Unterkiefer zur Injek¬ 
tionstechnik. 

Rosenberg (Berlin) führt ungefähr folgendes aus: Die 
Technik der Anästhesierung der Kiefer hat man zunächst nach 
dem Grundsatz eingeleitet, dass vom Zahnhals aus die Anästhe¬ 
sierung am leichtesten zu erreichen wäre, weil das Injektions¬ 
mittel den kürzesten Weg zur Entfaltung der Wirksamkeit hat. 
Anatomisch erscheint auch dagegen wenig einzuwenden, 
doch ist wegen des starken Druckes bei der Injektion diese 
Methode nicht allgemein zu empfehlen. Besser ist schon die 
Methode, möglichst nahe an der Wurzelspitze das Kokaindepot 
anzulegen. Doch scheitert die Möglichkeit des Erfolges oft, so¬ 
gar meistens an der Dicke der Kortikalis und Spongiosa. Dies 
trifft besondgrs am Unterkiefer zu. Redner hat sich deshalb 
eine eigene Methode zurechtgelegt, welche darin besteht, dass 
er auf die Zähne des Unterkiefers eine Metallplatte, wie er sie 
vorzeigt, legt. Er hat nämlich bei der Untersuchung von zirka 
800 Unterkiefern gefunden, dass auf diese Weise die Gegend 
um die Lingula leicht zu treffen ist. Man soll auch nicht direkt 
an der Lingula injizieren, sondern tut besser, den Nerven schon 
vorher mit dem Kokain zu überschwemmen. Das ist leichter 
und man läuft weniger Gefahr, ein Gefäss zu treffen. 

Diskussion: 

Moral (Greifswald): Ich halte die Anwendung einer 
Platte als Normallinie nicht für praktisch, da ein zu hoch 
stehender Zahn, ein Fall, der oft beobachtet wird, eine falsche 


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Führung bedingt. Die Lage des Foramen mandibularis lässt 
sich am Lebenden unter anderem auch dadurch bestimmen, 
dass man die Mitte der Verbindungslinie des Tragus mit dem 
vorderen Masseterende auf die Innenfläche des Unterkiefers 
projiziert. Eine Verletzung der Zunge bei der Mandibular¬ 
anästhesie kommt gelegentlich vor (Euler) und ist dadurch 
zu erklären, dass die in Ruhe befindliche Zunge eine etwas 
breitere Form annimmt und so zwischen die Zähne gelangen 
kann. Die Lippe wird weniger leicht verletzt, da sie, durch die 
Anästhesie unempfindlich, eher herabsinkt als heraufgezogen 
wird. Die Mitanästhesierung des Nervus lingualis soll auf alle 
Fälle vermieden werden. Die Anlegung eines Depots am Nervus 
mentalis ist für die Leitungsanästhesie insofern wichtig, als die 
N irvenschleife dadurch in bezug auf ihre Leistungsfähigkeit 
unterbrochen wird. Das Depot muss am Nervus mentalis der 
anderen Seite angelegt werden. 

Bolten (Husum): Der Herr Vortragende erwähnte, dass 
er mit seiner neuen uns auseinandergesetzten Methode keine 
Misserfolge gehabt hätte. Ich erlaube mir die Frage, ob diese 
absolute Negation der Misserfolge sich auch auf die soge¬ 
nannten üblen Nachwirkungen bezieht. Die Frage geht also 
dahin, ob nachträglich keine unangenehmen Schwellungen mit 
ebenso unangenehmen Schluckbeschwerden und Schmerzen be¬ 
obachtet werden. Dieser Umstand dürfte wohl weiterer ein¬ 
gehenderer Erörterung wert sein, zumal mit mir viele Kollegen 
aus diesem Grunde der Mandibularanästhesie zurückhaltend 
gegenüberstehen. Nicht unwichtig dürfte es sein, dass wir zur 
Injektion nach Möglichkeit dünne Nadeln benützen! Die meisten 
Fabrikate von langen Injektionsnadeln für die Mandibular¬ 
anästhesie sind relativ dick und bedingen dadurch beim Ein¬ 
stich eine entsprechend stärkere Gewebsverletzung, der nach 
abgeklungener Anämie ein innerer Bluterguss ins Gewebe er¬ 
folgt. Bei der Anästhesierung von Zähnen durch Injektion an 
der Aussenseite des Alveolarfortsates, die wir (unter aseptischen 
Kautelen) zum Zwecke der Dentinanästhesie oder Extraktion der 
entzündeten Pulpa vornehmen, beobachten wir zuweilen eine 
leichte Periodontitis, die in harmloser Weise verläuft und nach 
1 bis 2 Tagen verschwindet. Es scheint mir nicht zweifelhaft 
zu sein, dass diese Erscheinung auf dem der inneren Verletzung 
folgenden Bluterguss beruht und dass sie verschwindet, weil 
durch den Kreislauf nachträglich der Erguss resorbiert wurde. 
Wir dürfen hier wohl die gleichen Vorgänge, die wir bei innerer 
Gefässzerreissung an anderen Körperstellen (Gelenken) mit nach¬ 
folgendem inneren Bluterguss beobachten, auf unsere speziellen 
Verhältnisse übertragen. Nicht unerheblich erscheinen mir natür- 


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lieh die Konzentrationsverhältnisse der Medikamente. Ich bitte 
die Kollegen um Angabe der für die Mandibularanästhesie ver¬ 
wendeten Konzentration. 

Fischer (Greifswald): Gestatten Sie auch mir noch 
einige Worte zur Leitungsanästhesie am Unterkiefer. Bei rich¬ 
tiger Spritzenführung — Spritzenlage vom Eckzahn der anderen 
Seite aus, schräg nach hinten gerichtet — gelangt man direkt 
dicht an die Linea obliqua int. an der inneren Leiste des Ramus 
ascendens, hart am Periost nach hinten zum Foramen, über 
welchem die kurze 20 Mm. lange Kanüle Nr. 17 endet. Wendet 
man die Kanülenspitze ein wenig pharyngealwärts oder richtet 
man die Spritze parallel zur Zahnreihe derselben Seite, so liegt 
die Gefahr vor, die drüsenreiche seitliche Pharynxschleimhaut 
zu infiltrieren und daselbst oft recht schwere Schwellungen 
hervorzurufen, die heftige Schluckbeschwerden auslösen können. 
Von den langen Kanülen, wie sie zum Zwecke der Leitungs¬ 
anästhesie verschiedentlich z. B. von Williger empfohlen 
werden, bin ich ganz abgekommen, da nach anatomischen 
Messungen die Entfernung der Linea obliqua int. von der Mitte 
des Foramen mandibulare nur zirka 13 Mm. im Durchschnitt 
beträgt, die Kanüle Nr. 17 aber 20 Mm. lang ist. Bei längeren 
Kanülen gelangt man leicht zu weit, nicht selten bis hinter den 
Mandibularis und erhält Misserfolge. Novokaintabletten eignen 
sich zur Injektionslösung nicht so gut wie fertige Lösungen, 
die duich Thymolzusatz lange haltbar sind. Dass selbst die 
Tabletten nicht immer steril sind, hat übrigens, wie hier 
schon erwähnt, Dr. Hoffmann an einer interessanten Ver¬ 
suchsreihe nachgewiesen. 

Rosenberg (Schlusswort): Um Ihre Zeit nicht unnötig 
in Anspruch zu nehmen, habe ich einige Punkte, auf die 
Koll. Moral hingewiesen hat, in meinem Vortrage nicht er¬ 
wähnt, ich kann Sie darüber auf meine früheren Arbeiten ver¬ 
weisen. Zur Knochenführung der Spritze bei der Mandibularis- 
injektion übergehend, möchte ich aber doch nochmals meine 
auf Grund der anatomischen Untersuchungen gewonnene An¬ 
sicht hervorheben, nach der es mir günstiger erscheint, mit 
der Spritze nicht so dicht am Knochen zu bleiben. Der Nerv 
verläuft zwischen Knochen und Muskelbauch, aber mehr dem 
Muskel als dem Knochen anliegend. Unter Misserfolgen, um 
die Frage des Koll. Bolten zu beantworten, verstehe ich 
nur die nichteingetretene Anästhesie, also keine sogenannten 
unangenehmen Zufälle, die ich übrigens seit Jahren nicht mehr 
kenne. Zuletzt habe ich mit konstantestem Erfolg die Kokain- 
Adrenalinverbindung, welche Ihnen unter dem Namen Eusemin 
bekannt ist, benützt. Resümierend möchte ich die Punkte, 


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welche den Erfolg der Injektion verbärgen, zusammenfassen: 
genaue Kenntnis der jeweiligen anatomischen Verhältnisse, 
gutes Spritzenraaterial und gutes Injektonsmittel. 

* 

Freitag den 27. August, vorm, nach 10 Uhr, eiöffnete 
in Vertretung des Vorsitzenden Dr. Fischer Herr L uni ät¬ 
sch ek (Breslau) die wissenschaftliche Sitzung und erteilte 

Carlson (Göteborg) das Wort zu seinem Vortrag mit 
Demonstration eines Gestelles für Injektionsspritzen. 

Derselbe berichtete über die bekannten Misserfolge, welche 
durch schlechtes oder mangelhaftes Spritzenmaterial erzielt 
werden. Deshalb hat er sich zur Herstellung eines Gestelles ent¬ 
schlossen, welches eine genaue Kontrolle über die Leistungen 
der Spritze gestattet und ausserdem dem Operateur die Mög¬ 
lichkeit gibt, genau den Druck zu modifizieren, ohne sich selbst 
dabei anzustrengen. Das Gestell erleichtert auch die Aufnahme 
der Injektionsflüssigkeit. 

Der Vortragende erbot sich, in der um 11 Uhr im zahn¬ 
ärztlichen Institut der Universität folgenden Demonstration 
nochmals den kleinen Apparat zu zeigen. 

Wegen der vorgeschrittenen Zeit schloss der Vorsitzende 
Luniatschek die Sitzung und machte nochmals bekannt, 
dass um Punkt 11 Uhr die Demonstrationen der Koll. Fischer, 
Rosenthal, Carlson, Luniatschek und Philpots im 
Institut in der Dorotheenstrasse stattflnden. 

Im ersten Stock des Institutes zeigte Guido Fischer 
(Greifswald) seine Methode der Injektionsanästhesie mit Novo- 
kain-Suprarenin. Er hatte sechs Fälle zur Verfügung, und zwar 
Leitungsanästhesien des Nervus alv. inf. (Mandibularanästhesie) 
zur Betäubung zum Teil schwer periostitischer, zum Teil 
osteomyelitischer Unterkiefer. Im Oberkiefer wurde ein schwer 
periostitischer Eckzahn mit Hilfe der Infraorbitalinjektion ent¬ 
fernt, in einem anderen Falle ein pulpitischer Milchzahn mit 
Hilfe der Schleimhautanästhesie. Sämtliche Demonstrationen 
wurden durch den Eintritt einer vollkommenen Anästhesie aus¬ 
gezeichnet und lieferten den glänzenden Beweis für die richtige 
Injektionsmethodik des Demonstrators. Ein infolge der unzu¬ 
länglichen Räume und der damit verbundenen Hitze, welche 
durch die übergrosse Zahl der anwesenden Kollegen verur¬ 
sacht war, eingetretener Ohnmachtsanfall gab dem Demonstrator 
Fischer die Gelegenheit, seine für die Zwecke der Lokal¬ 
anästhesie und die damit verbundenen eventuell eintretenden 
Störungen konstruierte Halsbinde vorzuführen. Fischer glaubt 
nicht nur durch die gezeigte straffe Halsbinde Gehirnanämien 


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Vorbeugen zu können, sondern er ist auch der Meinung, dass 
durch die Kompression der Karotiden die injizierte Flüssigkeit 
länger an dem Orte der Wirksamkeit verbleiben und dadurch 
die Intensität und Dauer der Anästhesie erhöht werden kann. 
Daraus resultiert eine grössere Sicherheit der Wirkung, wie 
sich eventuell durch Vergleichsfälle nachweisen lässt. Die Hals¬ 
binde soll nur so straff angelegt werden, dass eine auffällige 
Gesichtsrötung eintritt, es darf aber keine Blaurotfärbung ent¬ 
stehen. Fischer empfahl diese Binde zur Nachprüfung und 
demonstrierte auf vielfach geäusserten Wunsch noch wieder¬ 
holt am Schädel seine Methoden. 

In den Parterreräumlichkeiten zeigte Rosenthal (Paris) 
seinen Apparat für die Chloräthyl-Sauerstoffnarkose. Bei zwei 
Kindern und einem Erwachsenen konnte er den guten Ausfall 
seiner Narkosentechnik mit Hilfe seines Apparates demon¬ 
strieren. Der Apparat bestand aus einem Sauerstoffbehälter, 
von welchem durch einen Regulierhahn der Sauerstoffstrom 
das Chloräthyl aus einem anderen Behälter mit nach einer 
eigens konstruierten Maske riss. An dieser befand sich auch 
noch ein Hahnventil. 

Carlson (Göteborg) demonstrierte seinen Halter für 
Injektionsspritzen, worüber er schon vorgetragen hatte. 

Luniatschek demonstrierte einen Fall, bei welchem 
mehrere periodontitische Wurzeln im Unterkiefer eines Mannes 
schmerzlos entfernt wurden. Die Anästhesie führte er mit einer 
'/*proz. Kokain-Renoformlösung aus; er bediente sich nur der 
Schleimhautanästhesie, um zu zeigen, dass man auch bei nicht 
gerade günstigen Fällen, gestützt auf ein gutes und bewährtes 
Mittel und geübte Technik, vieles erreichen kann. 

Mr. Payne Philpots (Melbourne) konnte seinen ein¬ 
fachen Apparat zur Erreichung einer Narkose leider nicht demon¬ 
strieren, weil sich kein geeigneter Fall einfand. Sein Apparat 
besteht aus einem Gummiballon, ähnlich denen, die die Kinder 
als Spielzeug benützen. Dieser Ballon enthält Sauerstoff und ist 
dicht an der dem Munde luftdicht aufliegenden Maske ange¬ 
bracht. Ein Hahn gestattet dem Sauerstoff den Austritt und 
gibt diesem Gelegenheit, sich in einem bestimmten Prozentsatz 
mit Chloräthyl oder Aether u. dgl. zu mischen. Dieses Nar¬ 
kosenmedikament wird einer Phiole entnommen, welche dicht 
am Ballon angebracht ist. Der ganze Apparat ist sehr handlich 
und erscheint recht zweckmässig. 

Der Vorsitzende Guido Fischer (Greifswald) schloss 
gegen 2 Uhr die interessante und ausserordentlich stark be¬ 
suchte Demonstrationsversammlung. 

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Sonnabend den 28. August, vormittags kurz nach 
10 Uhr, eröflfnete Dr. Hentze (Kiel) die kombinierte 
Sitzung der Sektionen IV und VI im grossen Sitzungssaal 
des Reichstagsgebäudes. 

Dr. Hentze gab zunächst ein kurzes, aber umfassendes 
Referat über Dentinanästhesie. Er führt ungefähr aus, 
dass gerade für diesen Zweig sich em ausserordentliches In¬ 
teresse schon dadurch kennzeichnet, dass so viele Mittel emp¬ 
fohlen worden sind und noch immer neue empfohlen werden. 
Gerade dadurch aber wird auch zugegeben, dass die meisten 
Mittel im Stich lassen. 

Er bespricht zunächst kurz die Aetzmittel, dann An- 
ästhetika, ferner Ermüdungsstoffe und schliesslich 
Fettsubstanzen, ätherische Oele und Harze. 

Weiterhin kommt er dann zu den mechanischen Mitteln, 
wie Druck und scharfe Instrumente, zur Kataphorese und zur 
1 njektionsanästhesie. 

Der Redner fasst seine Erfahrungen dahin zusammen: 

Für die Erreichung einer Dentinanästhesie kommen in 
Betracht: 

1. Austrocknung der Kavität, scharfe, leicht eingefettete 
Instrumente, Fixierung des zu behandelnden Zahnes durch 
die Finger oder zwei in die Interstitien eingeklemmte Gummi¬ 
röllchen. 

2. Einpressen einer in wenig Wasser von 40 Grad ge¬ 
lösten Tablette von Novokain-Suprarenin in die Zahnhöhle. 

3. In seltenen Fällen Injektion von Novokain-Suprarenin. 

Bei Kindern kann man durch provisorische Füllungen mit 

Fletchers Komposition, Zinkoxyd-Nelkenöl, Jodoformzement 
und dergleichen, das man 4 bis 8 Wochen liegen lässt, oft 
gute Resultate erzielen. 

Der mit grossem Beifall aufgenommene Bericht gab die 
Einleitung zu dem Vortrage von Luniatschek (Breslau). 
Dieser sprach über: Neuere Hilfsmittel zur Erreichung 
der Dentinanästhesie. 

Der Vortragende sprach über Kataphorese mit dem 
Wöbberschen Apparat. Eingangs schilderte er den Apparat und 
ging dann über zu seiner Benützung und Wirksamkeit, dabei 
gab er Aufklärungen über das Eintreten der Anästhesie und 
die damit zusammenhängenden bisher bekannten Verhältnisse. 

Die Wirkung des Stromes von ganz geringer Stärke 
(0*2 bis 0*5 Milliampere) beruht darauf, dass der Strom vom 
positiven zum negativen Pol gewisse Medikamente mitreisst 
und diese am stärksten an der Eintrittsstelle zur Entfaltung 
ihrer medikamentösen Wirkung bringt. Der Verbrauch von 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


Ermüdungsstoffen, wie Kokain, ist ausserordentlich gering und 
ganz unschädlich. Die Dauer der Stromeinwirkung ist individuell 
etwas verschieden, wie auch die Milliamp&rezahl, doch schwankt 
sie meistens zwischen 3 bis 10 Minuten. Die Stärke der 
Kokainlösung ist meist 10 bis 20 Prozent, doch genügen auch 
die gewöhnlichen, zur Injektion benützten Lösungen. Man legt 
einen Wattebausch, mit der Lösung getränkt, in die Zahnhöhle, 
welche durch Kofferdam isoliert ist, und bringt in die Höhle 
den positiven und an einer beliebigen anderen Körperstelle 
(Hand) den negativen Pol an. Damit die Anlegung des posi¬ 
tiven Poles erleichtert wird und nicht durch Bewegungen des 
Patienten gestört werden kann, benützt man vorteilhaft die 
Morgensternschen Elektrodenhalter, welche aus einer Stirn- 
bzw. Kinnbinde bestehen und daran befestigten elastischen 
isolierten Drähten mit Platin ansätzen für verschieden geformte 
Kavitäten. Als Stromquelle lässt sich nur Gleichstrom ver¬ 
wenden. Die Spannung (Volt) ist dabei ziemlich gleichgültig. 
Redner verwendet den Strassenstrom von 220 Volt. Die 
Herabdrosselung der Stromstärke auf das niedrige Mass wird 
genialerweise durch ein einfaches, in die Strombahn einge¬ 
zogenes Holzstäbchen besorgt Je nässer dieses ist, desto leichter 
findet die Stromfortleitung statt, je trockener der Stab, desto 
grösser der Widerstand. Man kann also durch verschiedene 
Befeuchtung und eine Drosselungsvorrichtung verschiedene 
Grade der Stromstärke erzielen. Der Vortragende empfiehlt, 
sich mehrere Stäbchen bereit zu halten und sie in Reagens¬ 
röhrchen aufzubewahren. Gibt man in das erste 1, in das 
zweite 2 Ccm. usf. einer wässerigen antiseptischen Lösung zur 
Vermeidung der Fäulnis, so hat man je nach der Menge der 
Flüssigkeit auch verschiedene Befeuchtungsformen. Von Fall 
zu Fall lässt sich damit immer die Grenze und Feinheit des 
Stromes am Milliampöremeter bestimmen. 

Die Erfolge der Kataphorese nach Wöbber sind ausser¬ 
ordentlich gut und prompt, doch gehört, wie zu allen tech¬ 
nischen Massnahmen, stets eine gewisse Kenntnis und Erfah¬ 
rung, wie auch vor allem Uebung. 

Redner bespricht noch kurz die Vorzüge des Wöbber¬ 
schen Apparates vor den bisher bekannten. 

Moral (Greifswald): Ich frage den Vortragenden, 
welche Zersetzungen die gewöhnlich angewandten Anästhetika 
bei der Durchleitung des elektrischen Stromes, wie es für die 
Kataphorese notwendig ist, erfahren, da ja nicht die pflanz¬ 
lichen Basen, sondern deren Salze zur Verwendung kommen. 

Hentze (Kiel): Meiner Ansicht nach ist die Wirkung 
der Apparate nicht gleichmässig, da nicht nur die verschie- 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress iu Berlin. 


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denen Holzarten dem Strome verschiedene Widerstände bereiten, 
sondern auch ein und dasselbe Holz sich verschieden verhält. 
Das hängt mit dem Alter der Holzart zusammen. Junges Eichen¬ 
holz wird natürlich den Strom weit besser leiten, als hundert¬ 
jähriges Holz. Ebenso wird frisch verarbeitetes Holz besser 
leiten, als altes abgelagertes. 

Hill (Lissabon): Ich bitte, mir die Maximalzeit zur Her- 
vorrufung der Anästhesie durch einen kataphoretischen Apparat 
anzugeben, da bei einigen Patienten eine Anästhesie sehr 
schwer, sogar vielleicht nie eintrete. 

Endres: Beziehen sich die Aeusserungen des Herrn 
Koll. Luniätschek auf die Kataphorese überhaupt oder nur 
auf den Apparat von Wöbber? 

Luniatschek (Schlusswort): Meine Ausführungen, so¬ 
weit sie sich auf die genauere Darstellung des kataphoretischen 
Verfahrens bezogen, behandelten nur die Kataphorese mit dem 
Wöbberschen Apparat, welchen ich allen mir bekannten vor¬ 
ziehe, da er als einziger die minutiös genaue Abstimmung des 
Stromes gestattet. Diese wird durch befeuchtete Holzstäbchen 
herbeigeführt, welche vor der Befeuchtung trocken waren. Dabei 
kommt es wenig auf die Holzart, ihr Alter oder den Schnitt 
an, doch nimmt man zweckmässig nur nach den Fasern ge¬ 
schnittenes Holz, um das Werfen zu vermeiden und die Leitung 
leichter zu gestalten. Für die Kataphorese wird Eichenholz 
empfohlen, hingegen für die auch mit dem Apparat ausführ¬ 
bare Elektrosterilisation Zedernholzstäbchen. Der Unterschied 
in der Wirkung liegt darin, dass die Zedernstäbchen mehr 
Feuchtigkeit aufnehmen und daher auch eine grössere Strom¬ 
intensität zulassen, hingegen für die Dentinanästhesie, wo nur 
ganz geringe Strommengen zulässig sind, muss ein weniger 
Feuchtigkeit aufnehmendes Holz, also z. B. Eichenholz verwendet 
werden. 

Ueber die Kataphorese ist uns manches noch unklar, 
worauf ich im einzelnen nicht eingehen kann, so auch die Um¬ 
setzung gewisser Stoffe durch den Strom. Wer sich darüber 
näher informieren will, dem empfehle ich die von unserem 
leider so früh verstorbenen Kollegen Morgenstern erschienene 
Arbeit über dieses Thema. 

Darauf ergriff Guido Fischer das Wort zu seinem 
Vortrage: 

Sensibilitätsprüfungen der Pulpa mit Hilfe 
des elektrischen Stromes nebst Demonstration 
eines neuen Apparates. 

Fischer glaubt durch die Konstruktion eines eigenen 
elektrischen Apparates, der seinen Strom aus einem regulier- 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


baren Akkumulator (10 bis 20 Volt) entnimmt, weit verläss¬ 
lichere Prüfungen der Pulpa vornehmen zu können, als es 
bisher mit dem Induktionsstrom möglich war. Es wird der 
konstante Strom verwendet, dessen jeweilige Intensität auf einem 
angebrachten Mikroamp&remeter (Galvanometer) bis auf feinste 
Reiz wellen abgelesen werden kann. Ausserdem sind die beim 
Induktionsstrom stets vorhandenen Fehlerquellen bis auf ein 
Mindestmass herabgedrückt. Fischer glaubt, mit Hilfe seines 
Apparates die Erkrankungszustände der menschlichen Pulpa 
zum erstenmal in einwandfreier und sicherer Weise festzu¬ 
stellen. 

Dozent Dr. Hentze dankt dem Redner für seinen Vor¬ 
trag und bittet um Meldungen zur Diskussion. 

Luniatschek: Nach meinen Erfahrungen, welche ich 
mit dem konstanten Strom bei der Kataphorese gemacht habe, 
erscheint mir der Vorschlag des Koll. Fischer sicherlich ein 
Schritt weiter auf dem Wege der Diagnostik zu sein. Denn 
wir müssen doch bekennen, dass die anfänglich mit so grosser 
Zuversicht veröffentlichten Erfolge mit dem Induktionsstrom 
nicht ganz das gehalten haben, was wir von ihnen erwarten 
konnten. Erstens ist der Induktionsstrom in allen den Fällen 
wertlos, wo es sich um Zähne mit grossen Füllungen handelt, 
zweitens sind jene Fälle, bei denen Vergleichszähne fehlen, 
nicht immer beweiskräftig. Schliesslich gibt es auch eine nicht 
kleine Anzahl von Patienten in der Privatpraxis, welche eine 
derartige Idiosynkrasie gegen den Induktionsstrom haben, dass 
damit nichts zu erreichen ist. Fernerhin möchte ich noch auf 
eine Erscheinung aufmerksam machen. Es kommt nicht selten 
vor, dass in unsere Sprechstunde ein Patient kommt, welcher 
schon mit der fertigen Diagnose „Zahngeschwür“ uns einen 
Zahn zeigt, welcher auf Perkussion und Druck schmerzhaft 
ist. Meistenteils sehen wir die apikale Gegend mehr oder weniger 
entzündet, auch öfters leichte Fluktuation an der erkrankten 
Stelle und sonst die üblichen Erscheinungen der Periodontitis 
acuta. Also Therapie: Trepanation des Zahnes. Wer einen 
Induktionsapparat zur Verfügung hat, nimmt mit diesem noch 
eine Untersuchung vor, weniger um die Diagnose zu stellen, 
sondern mehr, um alle diagnostischen Merkmale festzustellen 
und wieder einmal die Zuverlässlichkeit des Induktionsstromes 
sich selbst und dem Patienten ad oculos zu demonstrieren. 
Der Zahn bleibt auch stets ohne Reaktion. Doch trepaniert 
man den Zahn, so wird man unangenehm durch eine lebende 
Pulpa überrascht. Wir haben uns also getäuscht und müssen 
unsere Diagnose umändern, und statt Periodontitis acuta 
abscedens die Diagnose: Abscessus gingivalis oder subgin givalis 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress iu Berlin. 


303 


stellen. Ein Zusammenhang der Erkrankung mit dem Zahn¬ 
system besteht jedenfalls nicht, wir haben uns trotz des In¬ 
duktionsstromes getäuscht. Wir müssen also fragen, woher 
kommt die Unempfindlichkeit der Pulpa? Sollte sie mit der 
Entzündung Zusammenhängen, so wäre dabei merkwürdig, dass 
wir dafür wenige Analoga haben, denn selbst bei sehr starker 
Periodontitis finden wir nicht nur sehr selten eine Mitbeteiligung 
der Nachbarzähue. 

Fischer: Die Anästhesie der Pulpa in den vom Kollegen 
Luniatschek angeführten Fällen ist zweifellos auf die durch 
die Entzündung hervorgerufene Hyperämie der Umgebung zu¬ 
rückzuführen. Ich glaube aber auch, dass wir mit dem viel 
feiner und genauer diagnostizierenden konstanten Strom auch 
in diesen Fällen besser zum Ziele kommen werden. Ich emp¬ 
fehle deshalb dringend, meine Erfolge nachzuprüfen. Ich hoffe, 
noch in der heutigen Sektionssitzung Gelegenheit zu haben, 
Ihnen den Apparat demonstrieren zu können, wobei Sie sich 
von den ausserordentlich genauen Resultaten werden über¬ 
zeugen können. 

Frohmann: Zunächst möchte ich auf die Frage des 
Koll. Luniatschek eingehen. Ich habe seit zirka 4 Jahren 
den Induktionsstrom für die Diagnose benützt. Auch in diesen 
Fällen hat er mich nach einem Missgriff zur richtigen Diagnose 
geführt. Beim ersten Fall bekam ich zwar noch keine, aber 
doch erst bei sehr starkem Strom eine schwache Reizempfindung. 
Ich bohrte daher die Pulpa an, um die Trepanation des Pulpa- 
kavums auszuführen, obgleich der Patient bald etwas Emp¬ 
findung dabei angab und kam, wie der Kollege, in die lebende 
Pulpa. Bei den späteren Fällen, vorausgesetzt, der Zahn ist 
intakt und ohne periostale Reizung, spaltete ich erst den 
Abszess und sorgte auch sonst noch für die Schmerzbefreiung, 
wartete bis zum nächsten Tage, untersuchte den Zahn wieder 
und konnte dann schon meist eine normale Reizschwelle nach- 
weisen, wodurch dann natürlich die gingivale Herkunlt des 
Abszesses festgestellt war. 

Zu den Untersuchungen des Koll. Fischer möchte ich 
bemerken: Ich nehme an, dass der Kollege den Oeflfnungs- 
und Schliessungsstrom gebraucht hat — er nickt mit dem Kopfe 
— dann aber kann ich meine Erfahrungen, die ich bei dem 
Induktionsstrom gewonnen habe, im grossen und ganzen über¬ 
tragen. Dieselben Patienten reagieren hinsichtlich der Reiz¬ 
schwelle zu verschiedenen Tageszeiten, je nachdem sie aus¬ 
geschlafen haben oder nicht, ganz verschieden. Daher wird 
selbst bei einem Apparat mit konstantem Strom die Feststel¬ 
lung der Reizschwelle für den Tag und die Stunde nicht zu 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


umgehen sein. Aber ich kann anderseits bestätigen, dass 
Patienten mit Allgemeinerkrankungen, Stoffwechselkrankheiten, 
Infektionskrankheiten z. B. eine niederere Reizschwelle haben 
als Gesunde. 

Greve (München): Ich bemerke in bezug auf die An¬ 
frage von Luniatschek, dass die erwähnten gingivalen 
Abszesse relativ selten Vorkommen, sich aber nach meinen Er¬ 
fahrungen durch die zirkumskripte Lage mehr nach dem Zahn¬ 
halse zu auszeichnen, während sich die Wurzelabszesse durch 
genaue Digitaluntersuchung diagnostizieren lassen. Der Sitz der 
erwähnten Abszesse geht nach meiner Ansicht nie über die 
Uebergangsfalte hinaus. Ein gutes diagnostisches Untersuchungs¬ 
mittel ist die Durchleuchtung im dunklen Raume. 

Fischer (Schlusswort): Ich freue mich, schon jetzt die 
theoretische Bestätigung meiner Ansicht gefunden zu haben und 
bitte Sie, sich nur nachher bei der Demonstration auch prak¬ 
tisch davon zu überzeugen. 

Vorsitzender Dr. Hentze: Herr Zimmer wird jetzt 
sprechen über: Die Verwendung des Renoform- 
Kokaingemisches und seine Vorteile in derZahn- 
h e i 1 k u n d e. 

Zimmer (Greifswald) führt aus, dass das von ihm und 
anderen erprobte Renoform-Kokaingemisch ganz besondere 
Vorzüge hat, welche es besonders geeignet für die zahnärztliche 
Praxis machen. Im Gegensatz zu anderen Mitteln wie Novo- 
kain-Suprarenin und anderen tritt der anästhetische Erfolg viel 
schneller ein, ausserdem ist die Tiefenwirkung grösser und die 
Dosierung und Sterilität ist durch Verwendung von Ampullen 
mit genau sterilisiertem Inhalt absolut zuverlässig. Hergestellt 
wird das Mittel von der organotherapeutischen Fabrik von 
Dr. Freund und Dr. Redlich in Berlin. 

Vorsitzender Hentze: Die Einführenden der Sektion IV 
und VI haben beschlossen, nicht mehr in eine Diskussion zu 
diesem Thema einzutreten, weil noch nachher in der Sektion IV 
darüber verhandelt werden soll. 

Die Ausbildung der Lingula ist Schwankungen unter¬ 
worfen. Ihre Spitze liegt im Durchschnitt bei Erwachsenen 
5 Mm., bei Kindern 1 Mm. über, ihre Basis bei Erwachsenen 
2 Mm., bei Kindern B Mm. unter einer anzulegenden Normal¬ 
linie (Normallinie ist die von der Berührungsfläche der mittleren 
Schneidezähne über das distale Ende der Längsfissur des letzten 
Molaren gedachte Gerade). 

Zwischen Linea obliqua int. und ext. befindet sich die 
Fovea retromol. 


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V. Internationaler zahnärztlicher Kongress in Berlin. 


305 


Das Foramen ment, liegt bei Neugebomen weiter median 
als bei Erwachsenen. Es ist beim Menschen nach hinten und 
oben geöffnet, bei den Säugetieren dagegen nach vorn. Die 
anthropomorphen Affen scheinen einen Uebergang zu bilden. 

Wichtig als Durchtrittsstelle von Nerven und ßefässen 
sind die Foramina ment. 

Auf der lingualen Fläche der Basis mandibulae befinden 
sich die Foramina lingualia. 

Der Nervus mandibularis anastomosiert mit dem der 
anderen Seite, ein ähnliches Verhalten scheint bei dem Nervus 
lingualis obzuwalten. 

Die Leitungsanästhesie ist in allen den Fällen zur 
Anwendung zu bringen, wo sie vor der Schleimhautanästhesie 
Vorteile bietet: 

а) bei Extraktionen mehrerer Zähne derselben Kieferhälfte; 

б) bei anderweitigen kleineren chirurgischen Operationen, 
bei denen der Schleimhautanästhesie Schwierigkeiten gegen¬ 
überstehen ; 

c ) bei pathologischen Veränderungen in der Umgebung 
des zu extrahierenden Zahnes (Abszess, schwammiges Zahn¬ 
fleisch etc.); 

d) bei Replantationen. 

Die Schleimhautanästhesie kommt mit Vorteil 
zur Anwendung bei der Extraktion einzelner Zähne mit Aus¬ 
nahme der unteren Molaren. 

Man injiziert hiebei von der Papille aus. 

Man verwende nur gerade so viel von dem Anästhetikum, 
wie zur Erzielung einer guten Anästhesie notwendig ist. Nur 
relativ ungiftige isotonische und sterile Lösungen soll man 
verwenden. Das Depot für die Leitungsanästhesie ist möglichst 
dicht an den Durchtrittsstellen der Nerven (Eintrittsstelle, 
resp. Austrittsstelle) am Knochen anzulegen. 

Da weiterhin keiner der noch auf der Tagesordnung 
stehenden Redner sich zum Wort gemeldet hat, kann ich die 
heutige Sitzung schliessen. Ich danke Ihnen allen für das In¬ 
teresse, das Sie unseren Verhandlungen entgegengebracht haben; 
ich danke ganz besonders den Herren Vortragenden und Dis¬ 
kussionsrednern für ihre Ausführungen und schliesse die heutige 
Sitzung. Ich bitte jetzt die Herren, welche sich für die weiteren 
Vorträge der Sektion VI interessieren, sich nach Zimmer 21 zu 
begeben, wo Koll. Bünte seinen angekündigten Vortrag mit 
Lichtbildern halten wird. 

In Zimmer 21 eröffnete Dozent Dr. Fischer die Sek¬ 
tionssitzung der Abteilung VI und erteilte Herrn Bünte 
(Greifswald) das Wort. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


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Herr Bünte sprach über das Thema: Beiträge zur 
Leitungsanästhesie mit besonderer Berücksich¬ 
tigung der anatomischen Verhältnisse. Er erklärte 
folgendes: 

Nur auf Grund anatomischer Kenntnisse kann eine ziel¬ 
bewusste Anästhesie durchgeführt werden. Die zu erreichenden 
Punkte, der Einstichpunkt, sowie die Nadelführung sind nach 
den Verhältnissen der Mundhöhle zu orientieren, diese sind be¬ 
sonderen Schwankungen, insbesondere denen des Alters unter¬ 
worfen. 

Im Oberkiefer kommen für die Anästhesie in Betracht: 
. a) die Nervi alveolares superiores posteriores, 

b) der Nervus palatinus anterior, 

c ) der Nervus infraorbitalis und die Anastomose mit dem 
betreffenden der anderen Seite, 

d) der Nervus nasopalatinus und die Anastomose zwischen 
beiden. 

Am Tuber maxillare befinden sich ungefähr 3 bis 4 etwa 
1 bis 2 Cm. über dem Alveolarrand gelegene Oeffnungen. 

Das Foramen infraorbitale ist bei Erwachsenen 34*3 Mm. 
(bei Kindern 20-2 Mm.) von der Mitte des freien Alveolar¬ 
randes des Caninus entfernt. Vom Orbitalrande liegt es 7 Mm. 
entfernt, bei Kindern 5 2 Mm. 

Man injiziere hierbei unter Führung des dritten Fingers 
der nichtbeschäftigten Hand. 

Die beiden Foramina palatina anteriora, verbunden mit 
dem Foramen incisivum, bilden ein gleichseitiges Dreieck. 

Das Foramen palatinum anter. liegt oberhalb und medial 
des letzten Molaren. 

Das Foramen incisivum liegt auf der Mittelsenkrechten, 
die man auf der Verbindungslinie der Mitte der distalen Kanten 
der Canini errichten kann. 

Im Unterkiefer kommen für die Anästhesie in Betracht: 

1. der Nervus alveolaris inferior, 

2. der Nervus buccinätorius, 

3. der Nervus lingualis. 

Das Foramen mandibulare liegt bei einem Individuum 
mittleren Lebensalters höher als beim Neugeborenen und beim 
Greise, darauf ist bei der Nadelführung Rücksicht zu nehmen. 
Man injiziere hierbei unter Führung des Zeigefingers der 
freien Hand. 

Reicher Beifall folgte diesen durch zahlreiche vorzügliche 
Lichtbilder unterstützten Worten des Herrn Bünte. 


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XVI. Internationaler medizinischer Kongress in Budapest. 


807 


Darauf begab sich die zahlreiche Versammlung wieder 
zurück in den Sitzungssaal der Sektion VI. 

Daselbst demonstrierte auf vielseitigen Wunsch Doktor 
Fischer seine Methode der Anwendung des konstanten 
Stromes und zeigte die Verschiedenheit der Ausschläge bei ver¬ 
schiedenen Füllungen und die durch den Strom eintretende 
Reizung der Tränendrüsen beim Koll. Brausewald. 

Danach ergriff der Vorsitzende Dr. Fischer das Wort: 

Wir haben im Laufe der letzten Tage uns schon vor¬ 
besprechend über einige Thesen der allgemeinen und örtlichen 
Betäubung ausgesprochen In bestimmte Form gekleidet, sollen 
diese Leitsätze dazu verhelfen, die Fortschritte auf diesem Ge¬ 
biete weit und breit bekannt und populär zu machen und um 
den guten, erprobten und einwandfreien Methoden ein Ueber- 
gewicht zu verschaffen. Schliesslich sollen sie auch dazu bei¬ 
tragen, der Unklarheit und Verwirrung zu steuern, die gerade 
auf diesem Gebiete noch herrscht. Vielleicht erreichen wir, dass 
damit der Verbreitung und Anwendung von Geheimmitteln 
endlich einmal ein Ziel gesetzt wird. 

Ich bitte um Vorschläge für diese Leitsätze. 

Luniatschek: Es handelt sich zunächst um die Be¬ 
antwortung der Frage: Hat die allgemeine Narkose Berechti¬ 
gung in der Zahnheilkunde? Dafür schlage ich folgende Be¬ 
antwortung vor, in der Annahme, dass durch die vorherge¬ 
gangene Besprechung die Sachlage schon genügend geklärt ist. 

Mein Vorschlag lautet: 

Bei der gegenwärtigen Vervollkommnung der 
lokalen Anästhesie ist die Anwendung der Nar¬ 
kose in der Zahnheilkunde möglichst zu ver¬ 
meiden. Unentbehrlich ist die Narkose jedoch 
nicht. (Wird einstimmig angenommen.) 

Bei der Beantwortung der Schlussfragen: 

a) Welches Lokalanästhetikum muss für die Zahnheilkunde 
empfohlen werden? 

b) Welche Technik der lokalen Anästhesie ist die ein¬ 
fachste und zugleich die beste? 

Schliesslich: Welches ist die empfehlenswerteste Methodik 
der Dentinanästhesie? 

möchte ich bitten, aus verschiedenen Gründen von der 
eingehenden Beantwortung der Fragen abzusehen. Wir sind 
nicht in der Lage, ganz allgemein und definitiv schon heute 
über die beste Injektionstechnik schlüssig zu werden. Ver¬ 
schiedene vorgetragene Methoden, so zweckentsprechend sie 
auch jetzt schon erscheinen, bedürfen doch erst noch der 
praktischen Bestätigung. Ich schlage deshalb folgenden Passus vor: 

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82. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte. 


Die Empfehlung eines bestimmten Lokal¬ 
anästhetikums für die Zahnheilkunde erscheint 
deshalb unzweckmässig, weil die Anforderungen 
in der zahnärztlichen Praxis zu verschieden sind, 
sowohl was dieArt der Klientel als die örtlichen 
Bedingungen, wie vor allem die Verschiedenheit 
dei^ Operationen anbetrifft. Unbedingt zu ver¬ 
werfen sind dagegen diejenigen Mittel, deren Zu¬ 
sammensetzung nicht genau bekannt ist. (Wird 
ebenfalls einstimmig angenommen.) 

Daraufhin dankt der Vorsitzende Dr. G. Fischer noch¬ 
mals den Anwesenden für ihre Betätigung und schliesst die 
Sitzung. 

Dr. Sachse spricht zum Schlüsse unter dem überaus 
reichlichen Beifall aller Anwesenden dem Vorsitzenden Doktor 
Fischer den Dank der Versammlung aus, nicht nur für die 
hervorragende tüchtige und sachgemässe Leitung der Ver¬ 
sammlungen, sondern auch für die vielen und zeitraubenden 
Vorbereitungen, welche er fast ganz allein in der besten Weise 
getroffen. 

Schluss Sonnabend, den 28. August 1909, mittags 
gegen 1 Uhr. 


82. Vmnlii Melier Natnrforscber Md Aerzte 
in Koniistertt i. Pr. 1910. 

Einladung. 

Die Unterzeichnete Geschäftsleitung ladet zur Teilnahme 
an der vom 18. bis 24. September d. J. in Königsberg statt¬ 
findenden 82. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte 
ergebenst ein. 

Teilnehmer der Versammlung kann jeder werden, der 
sich für Naturwissenschaften interessiert. 

Die allgemeine Tagesordnung ist vorläufig wie folgt 
festgesetzt: 

A. In den allgemeinen und Gesamtsitzungen sind bis 
jetzt die Vorträge folgender Herren in Aussicht genommen: 

Ach (Königsberg): Ueber den Willen. 

Gramer (Göttingen): Pubertät und Schule. 

K ü 1 p e (Bonn): Erkenntnistheorie und Naturwissen¬ 
schaften. 

v. Monakow (Zürich): Lokalisation der Hirnfunktionen. 


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82. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte. 


309 


Planck (Berlin): Die Stellung der neuen Physik zur 
mechanischen Naturanschauung. 

Tornquist (Königsberg): Geologie des Samlandes. 

Zenneck (Ludwigshafen): Verwertung des Luftstick¬ 
stoffes mit Hilfe des elektrischen Flammenbogens. 

B. Von sonstigen Veranstaltung«! seien ausser den 
üblichen abendlichen Festlichkeiten genannt: Am 23. September 
nachmittags Ausflüge nach der benachbarten Ostseeküste; am 
24. September Tagesausflüge ä) zur Kurischen Nehrung und 
nach Memel, b) nach Marienburg und Danzig, mit Besichtigung 
der Marienburg, der Schichau werft und der Technischen 
Hochschule. 

Ausser den allgemeinen Sitzungen finden in üblicher Weise 
Einzelsitzungen und kombinierte Sitzungen der Abteilungen statt. 
Für die medizinischen Abteilungen ist, vielfach geäusserten Wün¬ 
schen entsprechend, eine grössere Anzahl kombinierter Sitzungen 
in Aussicht genommen, zu denen schon eine Reihe von Vorträgen 
an gemeldet sind. 

Es ist die Bildung folgender Abteilungen in Aussicht 
genommen: 

I. Naturwissenschaftliche Hauptgruppe: 

1. Mathematik und Astronomie. 2. Physik, Instrumenten¬ 
kunde und angewandte Mathematik. 3. Chemie. 4. Angewandte 
Chemie und Pharmazie. 5. Landwirtschaft. 6. Geographie. 
7. Geologie und Mineralogie. 8. Botanik. 9. Zoologie. 10. Anthro¬ 
pologie. 11. Malhematischer und naturwissenschaftlicher 
Unterricht. 

II. Medizinische Hauptgruppe. 

12. Anatomie, Histologie, Embryologie. 13. Physiologie, 
physiologische Chemie, Pharmakologie. 14. Allgemeine Patho¬ 
logie und pathologische Anatomie. 15. Innere Medizin, Balneo¬ 
logie, Hydrotherapie. 16. Geschichte der Medizin und der 
Naturwissenschaften. 17. Chirurgie. 18. Geburtshilfe und Gynä¬ 
kologie. 19. Kinderheilkunde. 20. Psychiatrie und Neurologie. 
21. Augenheilkunde. 22. Hals- und Nasenheilkunde. 23. Ohren¬ 
heilkunde. 24. Dermatologie und Syphilidologie. 25. Zahn- 
heilkunde. 26. Militär-Sanitätswesen. 27. Gerichtliche und 
soziale Medizin. 28. Hygiene und Bakteriologie. 29. Veterinär- 
Medizin. 

Vorträge zu den Abteilungssitzungen werden bis zum 
1. Juni an die Adresse der Geschäftsführung erbeten. 

Die Versendung des ausführlichen Programmes, die 
voraussichtlich im Juli stattfindet, erfolgt kostenlos auf schrift- 

8 * 


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310 Europ. Gesellsch. f. Orthodontie. Ortkodont. Gesellsch. in Wien. 


liehen Wunsch, der an das Bureau der Geschäftsführung zu 
richten ist. 

Um gefällige Weiterverbreitung dieser Einladung wird 
höflichst gebeten. 

( Die Geschäftsführer: 

Professor Dr. Lichtheim. Professor Dr. Franz Meyer. 
Bureau der Geschäftsführung: Drummstrasse 25—29. 


17. JatoYMDilit der Siropäisekea Gesellschaft für 
Orthodontie (European Orthodontia society). 

L GeneralYersaiilMt der Orthodontischen Gesellschaft in Vien. 

Einladung. 

Die Europäische Gesellschaft für Orthodontie wird ihre 
IV. Jahresversammlung gemeinschaftlich mit der I. General¬ 
versammlung der Orthodontischen Gesellschaft in Wien am 
6., 7. und 8. Oktober 1910 in Wien abhalten. 

Bei dem grossen Interesse, welches jetzt in allen zahn¬ 
ärztlichen Kreisen der Orthodontie entgegengebracht wird, ist 
die Erwartung wohl berechtigt, dass die in Wien tagende Ver¬ 
sammlung sich eines grossen Zuspruches seitens der in- und 
ausländischen Kollegen erfreuen wird. Es ergeht daher schon 
jetzt an alle Kollegen, welche an den Verhandlungen der Ver¬ 
sammlung teilnehmen wollen, die Aufforderung, sich an einen 
der Unterzeichneten zu wenden, damit die Zustellung der Ein¬ 
ladung und des Programms rechtzeitig erfolgen kann. 

Dr. Siegfried Herz Dr. William G. Law 

Schriftführer der Orthod. Gesellschaft Sekretär der Enrop. Ges. f. Orthod. 
in Wien, I. Bitferstrasse 26. Berlin, In den Zelten 18a. 


Föderation Dentaire Internationale. (F. D. I.) 

Exekutiv - Komitee: 

Präsident: Patterson (London). 

General-Sekretär: Schaeffer-Stuckert (Frankfurta.M.). 
Schatzmeister: Rosenthal (Brüssel). 


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Föderation Dentaire Internationale 


311 


Hygiene-Kommission: (H. G. F. D. I.): 

Ehrenpräsident: Cunningham (Cambridge). 
Präsident: Jessen (Strassburg, Eisass). 
Sekretär: Lenhardtson (Stockholm). 


Strassburg (Eisass), im März 1910. 

Schiltigheimerring 9. 

* 

II. Offener Brief. 

An die Landeskomitees H. C. F. D. I. 

Seine Majestät König Gustav V. von Schweden hat am 

1. Februar 1910 das Protektorat über das „Internationale 
Komitee für öffentliche Mundhygiene“ zu übernehmen geruht. 

Indem ich Ihnen hiervon geziemend Mitteilung mache, 
bitte ich Sie, diese erfreuliche Tatsache in den weiteren 
Kreisen Ihres Landes bekannt zu geben. 

llie Entwicklung unserer H. G. F. D. I. schreitet vorwärts. 

Am 25. Jänner 1910 hat sich in Kopenhagen ein „Dänischer 
Verein für Kinderzahnpflege“ gebildet. In Stockholm wurde 
am 2. Februar 1910 der „Schwedische Nationalverein für 
Mundhygiene gegründet. Beide Vereine haben bereits eine 
energische Tätigkeit begonnen, um zunächst in allen Städten 
kommunale Schulzahnkliniken einzurichten, die Zahnpflege im 
ganzen Lande, in alle Schulen, in das Heer, in die Kranken¬ 
häuser, Krankenkassen usw. einzuführen. Auch in anderen 
Ländern sind die Landeskomitees mit den Vorarbeiten für die 
Gründung solcher Vereine beschäftigt. 

Zur Erleichterung der Propagandatätigkeit hat der Vor¬ 
stand H. C. F. D. I. beschlossen, den einzelnen Landeskomitees 
folgende Hilfsmittel für die praktische Einführung der Zahn¬ 
pflege zu empfehlen: 

1. Die Schulwandtafel „Gesunde und kranke Zähne“. 

2. Eine kleine von der H. C. F. D. I. herausgegebene 
Broschüre über Zahnpflege. 

3. Eine gute und billige, nach den Anforderungen der 
H. C. F. D. I. hergestellte Zahnbürste. 

Der Vorsitzende bittet Sie, diese Bestrebungen zu den 
Ihrigen zu machen. Er ist auf Anfrage zu näheren Auskünften 
jederzeit bereit. 

Die diesjährige Versammlung der F. D. 1. findet am 25. 
und 26. März in Paris statt. Sie wird wesentlich organisa¬ 
torischen Zwecken dienen und deshalb in kleinerem Rahmen 
abgehalten, so dass ein Erscheinen der Mitglieder unserer 
Landeskomitees, wenn auch dankenswert, doch nicht unbe- 


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312 


F6d6ration Dentaire luternationale. 


dingt notwendig ist. Dagegen ist es sehr wünschenswert, dass 
zu dem III. Internationalen Kongress für Schul¬ 
hygiene 2. bis 7. August 1910 in Paris alle Mitglieder unserer 
Landeskomitees erscheinen und aus jedem Lande möglichst 
viele Kollegen, die für Schulhygiene Interesse haben, sich 
anschliessen. Auf dem III. Internationalen Kongress für Schul¬ 
hygiene in Paris wird zum erstenmal eine eigene Sektion für 
Hygiene des Mundes und der Zähne gebildet, auf welcher drei 
Themen von je zwei Rednern aus Frankreich, Oesterreich, 
Belgien und Deutschland in offiziellen Referaten behandelt 
werden. 

Sektion XI. 

Hygiene des Gesichts, des Gehörs, des Mundes 

und der Zähne. 

III. Subsektion (Hygiene des Mundes und der Zähne). 

1. Hygiene der Mundhöhle in den Internaten: Dr. H. 
Dreyfuss (Paris); Dr. W. Wallisch (Wien). 

2. Die Bedeutung der Mund- und Zahnhygiene für den 
allgemeinen Gesundheitszustand bei Kindern und Jünglingen: 
Dr. Gruet (Paris); Dr. Allayes (Anvers). 

3. Ueber halbjährige Untersuchung und Behandlung der 
Zähne bei Schulkindern: Dr. Roy (Paris); Dr. Jessen 
(Strassburg). 

Man ist gebeten, die Beitrittserklärüng unter Beifügung 
einer Visitenkarte an Herrn Dr. Dufestel, Generalsekretär 
des Kongresses, Paris, Boulevard Magenta 10, einzusenden. 

Mit der Beitrittserklärung ist der Mitgliederbeitrag von 
20 Mark per Postanweisung an die Adresse von Herrn Dr. de 
Pradel, Schatzmeister des Kongresses, Avenue Emile Zola 120, 
Paris, einzusenden. 

Den Kongressteilnehmern werden alle auf den Kongress 
Bezug habenden Mitteilungen und Veröffentlichungen nach Mass- 
gabe ihrer Drucklegung zugesandt werden. Die Kongressteil¬ 
nehmer werden gebeten, den Wortlaut der Vorträge, welche 
sie zu halten wünschen, bis zum 1. Juni 1910 an den General¬ 
sekretär gelangen zu lassen. 

Unter dem Protektorat Seiner Majestät des Königs von 
Sachsen findet im Jahre 1911 in Dresden die Internationale 
Hygiene-Ausstellung statt. 

Eine Sondergruppe für Zahnerkrankungen hat 
sich konstituiert: 

Vorsitzender: Hofrat Prof. Dr. Walkhoff, (München). 

Stellvertretende Vorsitzende: Prof. Dr. Di eck, Abteilungs¬ 
direktor im Zahnärztlichen Institut der Universität (Berlin); 


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Fortbildungs-Institut in Berlin. 


313 


Prof. Dr. Jessen, Präsident H. G. F. D. I., Direktor der städti¬ 
schen Schulzahnklinik (Strassburg i. E.); Zahnarzt Dr. F. 
Schaeffer-Stuckert, Direktor des Zahnärztlichen Instituts 
Carolinum am städtischen Krankenhaus Frankfurt a. M., General¬ 
sekretär der Federation Dentaire Internationale (Frankfurt a. M.). 

Folgendes Programm ist aufgestellt worden: 

I. Ursachen der Zahn Verderbnis: Mikroorganismen; Ein¬ 
fluss der Lebensweise und der Ernährung; Zusammenhang mit 
Allgemeinerkrankungen; Heredität. 

II. Verbreitungen der Zahnerkrankungen; Nach Alter, 
Geschlecht, Beruf; Bedeutung der Zahnkrankheiten für die 
Volksgesundheit. 

III. Prophylaxe der Zahnerkrankungen. 

IV. Bekämpfung der Zahnkrankheiten: In der Schule; 
beim Militär; in gewerblichen Betrieben und durch gemein¬ 
nützige Institutionen; durch die Versicherungsanstalten. 

Die Landeskomitees H. G. F. D. I. werden gebeten, in 
ihrem Lande das Interesse für diese Internationale Hygiene- 
Ausstellung zu wecken. 

Fünf Ehrenpräsidenten werden ernannt, und zwar je einer 
für Nordamerika, England, Frankreich, Oesterreich und Skandi¬ 
navien durch das betreffende Nationalkomitee. Die Ausstellungs¬ 
objekte müssen bis zum 1. Juli 1910 bei dem Unterzeichneten 
angemeldet und bis zum 15. Februar 1911 nach Dresden ein- 
gesandt sein. — Es stehen etwa 250 Quadratmeter Fläche zur 
Verfügung. 

Die Landeskomitees werden gebeten, den II. offenen 
Brief in ihre Landessprache zu übertragen und in Journalen 
und Zeitschriften zu veröffentlichen. 

Mit kollegialem Gruss 
der Vorsitzende der H. C. F. D. I. 

Professor Dr. Jessen. 


Mclitnni eines FortMIdnnp-Institntes in Berlin. 

In Berlin, Bülowstrasse 22, ist ein Fortbildungs-Institut 
für approbierte Zahnärzte des In- und Auslandes ins Leben 
gerufen worden. 

Als Lehrer werden an dem Institut wirken: Dr. Konrad 
Cohn, Professor Df. Dieck, Hofzahnarzt Professor Guttmann, 
Professor Ha hl, Zahnarzt H. J. Mamlok, Professor Dr. Wilh. 
Sachs, Dr. Erich Schmidt, Professor Dr. Schröder, Pro¬ 
fessor Dr. Williger, Hofzahnarzt Willmer. 


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B14 


Referate und Journalschau. 


Das neue Institut wird über zwölf Räume verfügen, und 
stellt es sich zur Aufgabe, allen Teilnehmern am Unterricht 
Gelegenheit zu geben, sich wissenschaftlich und praktisch fort¬ 
zubilden, die neuesten Fortschritte und Erfindungen der chirur¬ 
gischen, technischen und konservierenden Zahnheilkunde ein¬ 
schliesslich der Röntgendiagnostik in einem eigenen Röntgen- 
Laboratorium kennen zu lernen und sich mit deren Anwendung 
durch eigene Uebungen an Patienten vertraut zu machen. 

Mit dem Institut ist eine Poliklinik für Zahnkranke ver¬ 
bunden, so dass das für den Unterricht erforderliche Patienten¬ 
material stets vorhanden ist. 

Das Institut beginnt seine Tätigkeit am 15. Juni d. J. 
mit einem Kursus über konservierende Zahnheilkunde, um¬ 
fassend : 

Goldeinlagen — Sachs. 

Goldfullungen — Erich Schmidt. 

Porzellanfüllungen — Mamlok. 

Porzellanschliff- Füllungen — Guttmann. 

Wurzelfüllungen — Konrad Cohn. 

Dauer des Kurses 6 Wochen. 

Nähere Auskünfte erteilt Dr. Erich Schmidt, Pots¬ 
damerstrasse 133. 


Referate und Journalsehau. 


Bau und Entwicklung der Mundhöhle des Menschen. Von 

Privatdozent Dr. Guido Fischer. Mit 18 Tafeln und 340 Ab¬ 
bildungen. Verlag von Dr. Werner Klinkhardt, Leipzig. 

Das vorliegende Buch ist als Resultat der Lehrtätigkeit 
des bekannten und produktiven Forschers und Universitäts¬ 
lehrers anzusehen. Es umfasst 42 Vorlesungen, beginnend mit 
der makroskopischen Anatomie, wobei besonders auf 
die Formation des Gebisses Wert gelegt wird. 

Im zweiten Teil folgt die vergleichende Anatomie, 
welche in sechs Vorlesungen erschöpft wird. 

Der dritte Teil behandelt mikroskopische Anatomie 
einschliesslich Histologie und Histogenese. Dieser Teil ist als 
Hauptabteilung anzusehen und umfasst 22 Vorlesungen. Dass 
die Entwicklung der Zähne und Zahnteile nach den neuesten 
Forschungen sowie nach den Ergebnissen der Arbeiten des Ver¬ 
fassers ausführlich behandelt sind, ist selbstverständlich. Da- 


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Referate and Journalschau. 


315 


neben wird in Vorlesung 34 bis 37 die Milchzahnresorption 
mit ihren feineren Vorgängen gründlich behandelt. 

Auch das biologische Verhalten des Zahnes 
während seiner Funktion, die Veränderung der Pulpa, 
Ersatzdentin, Dentikel usw. werden in den Kreis der Betrach¬ 
tung gezogen. Den Schluss des 436 Seiten umfassenden Buches 
bildet eine gedrängte Uebersicht der mikroskopischen Technik. 

Am Schlüsse des W erkes befindet sich ein Register, 
welches das Auffinden einzelner Begriffe derart erleichtert, dass 
das ganze Werk auch gut als Nachschlagewerk für Praktiker 
zu gebrauchen ist, wenn es auch ursprünglich nur dazu be¬ 
stimmt erscheint, dem Studenten ein Führer in der zahnärzt¬ 
lichen Wissenschaft zu sein. 

Ueber die Ausgestaltung der Tafeln und des übrigen 
Werkes zu sprechen, hiesse Eulen nach Athen tragen. Die 
Ausstattung ist bei Fischer stets erstklassig. 

Gelegentlich einer Besprechung dieses Fis eher sehen 
Buches wurde die Bedürfnisfrage für ein derartiges Werk mit 
dem Hinweise auf das Handbuch von Sch eff u. a. verneint. 

Wer jedoch die Bedürfnisse der Studierenden kennt; wer 
aus eigener Erfahrung den Wunsch der Studenten der Zahn¬ 
heilkunde nach einem richtigen Lehrbuch der zahnärztlichen 
Grundlagen kennen gelernt hat; wer schliesslich weiss, dass 
manches Studenten Weisheit über den Kursus der Zahnheil¬ 
kunde von Cohn nicht hinausreicht, der wird das Erscheinen 
eines Werkes wie das von Fischer mit der grössten Freude 
begrüssen. 

Zu denjenigen, welche dem Verfasser für die Abfassung 
seines Buches Dank wissen und welche dem Buche eine mög¬ 
lichst grosse Verbreitungauch unter der Kollegenschaft wünschen, 
gehört nicht nur die Person des Referenten, sondern Männer 
der zahnärztlichen Wissenschaft, deren Lob für den Autor die 
höchste Anerkennung bedeutet. Luniatschek, Breslau. 


Dental materia medica and Therapeutics. Von Hermann 

Prine , M.D., D.D.S. (St. Louis, The C. V. Mosby Medical Book 
and Publishing Go., 1909.) 

Die immer weiter fortschreitende Spezialisierung der ärzt¬ 
lichen Wissenschaften führte naturgemäss zur Bildung von 
Grenzgebieten, die je nach dem Interesse, das sie beanspruchen, 
von den an ihnen beteiligten Fächern entweder gleichmässig 
und gleichzeitig bearbeitet oder auch vernachlässigt werden. 
Zu diesen Stiefkindern gehört die zahnärztliche Pharmakologie 
— an und für sich schon eine wenig gebrauchte Bezeichnung —, 


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Referate und Joumalschau. 


da die allgemeine Heilmittellehre die für den Zahnarzt wich¬ 
tigen Präparate nicht abgesondert behandelt und anderseits 
die Zahnheilkunde, deren Entwicklung in den letzten Jahr¬ 
zehnten mehr nach der operativen und technischen Seite er¬ 
folgte, intern und äusserlich Mittel, die sie von der allgemeinen 
Heilkunde übernahm, zwar anwandte und gelegentlich für ihre 
Zwecke modifizierte, deren Studium jedoch vernachlässigte. Das 
eben erschienene, gross angelegte Buch von Prinz ist natür¬ 
lich nicht das erste, das diesem Gebiete gewidmet ist. In der 
Literatur, sowohl der fremden als auch der deutschen, gibt es 
eine ganze Anzahl ähnlicher Werke, die aber teils aus älterer 
Zeit stammen, während die grossen Fortschritte der allgemeinen 
Therapie der letzten 20 Jahre und die zahlreichen neuen und 
schon bewährten Präparate und Heilmethoden für die Zahn¬ 
heilkunde noch nicht systematisch bearbeitet wurden, teils kurze 
Rezeptbücher sind. In der deutschen Fachliteratur brauchen 
wir nur auf Thamhayn, Holländer und Schneide¬ 
mühl, Kleinmann, Greve, Biberfeld, die jüngst er¬ 
schienene „ Zahnärztliche Materia medica und technica“ von 
Hoffendahl und natürlich den vonPaschkis bearbeiteten 
Teil des Sch eff sehen Handbuches hinzuweisen. Das Buch 
von Prinz ist mit dem oft gebrauchten Ausdruck „standard- 
work“ wohl am besten und kürzesten charakterisiert. Es gehört 
zu jenen Büchern, an die man mit dem Unbehagen, das 
theoretische Bücher dem Praktiker einflössen, herangeht, bei 
dem man vom Blättern ins Lesen, vom Lesen zum Studieren 
kommt, um es schliesslich als treuen Freund und Berater am 
Schreibtisch neben sich zu behalten. Prinz versteht es, den an 
und für sich spröden Stoff durch den steten Hinweis auf die 
Praxis fesselnd zu gestalten, klinische Betrachtungen einzu¬ 
flechten, wo es nötig ist, klare und präzise Indikations¬ 
stellungen zu geben und für die Anwendungsweise der ein¬ 
zelnen Mittel so genaue Anleitungen anzuführen, dass der 
zweite Teil des Titels „Therapeutics“ vollauf gerechtfertigt ist. 

Bei der Beurteilung des Buches darf man nicht vergessen, 
dass dasselbe als Handbuch für Studierende der Zahnheilkunde 
an den amerikanischen Schulen bestimmt ist und sich folglich 
zunächst mit den allgemeinen Regeln der Pharmakologie und 
den Gesetzen der Therapie, der Wirkung der Heilmittel, Re- 
zeptierkunde, Anwendungsarten, Maximaldosen, Löslichkeits¬ 
verhältnissen und Terminologie befasst, Abschnitte, die der 
europäische ärztlich gebildete Leser füglich überschlagen darf. 

Den speziellen Teil eröffnen die Antiseptika und schon 
an diesem Abschnitte erkennt man, wie verständlich und über¬ 
sichtlich der Stoff angeordnet ist und wie der Autor mit gründ- 


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Referate und Joumalschau. 


317 


licher Belesenheit aus der internationalen Fachliteratur das 
Beste zusammengetragen hat. Hervorzuheben wäre, dass be¬ 
sonders deutsche und österreichische Autoren im weitesten 
Ausmasse berücksichtigt und zitiert werden und dass wir auch 
unter den Abbildungen viele uns bekannte treffen. Die Kon¬ 
zentrationstabelle der Antiseptika nach Miller und die Auf¬ 
stellung ihrer bäkterientötenden Wirkung nach Koch, Miguel, 
Sternberg, Kitasato sowie die Schilderung der Wirkung, 
welche Lösungen von Salzen der Schwermetalle nach der Thorie 
von Arrhenius und den Untersuchungen von Paul und 
Krönig haben, bilden den Uebergang zu den einzelnen Prä¬ 
paraten. Jedes derselben wird zunächst mit der Bezeichnung 
in der amerikanischen Pharmakopoe angeführt, mit dem latei¬ 
nischen, englischen, französischen und deutschen Namen ge¬ 
nannt, die chemische Formel, Darstellungsweise und physika¬ 
lischen Eigenschaften erörtert, die lokale und allgemeine Wir¬ 
kung geschildert und schliesslich dessen therapeutische Ver¬ 
wendung in der Zahnheilkunde besprochen. 

Besonders lesenswerte Kapitel sind die über Gangrän¬ 
behandlung nach Buckley, Argentum nitricum, Arsen mit 
Indikationsstellung, Bleichung und über die Zusammen¬ 
stellung von Mundwässern und Zahnpulvern. Nicht zu ver¬ 
wundern ist, dass die lokale (Injektionstechnik) und allgemeine 
Anästhesie besonders breit abgehandelt wird. Gibt es doch an 
den amerikanischen Universitäten besondere Lehrstühle für 
Anästhesie. Ganz modern ist die physikalische Therapie (Al¬ 
veolarpyorrhoe, Stauungshyperämie, Licht- und Elektrotherapie, 
Massage) gehalten. Eine kurze Toxilogie beschliesst den reich¬ 
haltigen Inhalt. 

Das Prinz sehe Buch nimmt naturgemäss besonders auf 
die amerikanischen Verhältnisse (Pharmakopoe etc.) Rücksicht. 
Dennoch werden überall die englisch sprechenden Zahnärzte 
das Buch zu schätzen und zu würdigen wissen, denn auch für 
den erfahrensten Praktiker bringt es wertvolle Ratschläge und 
manche schätzenswerte Anregung. Dr. F. 


Index der deutschen zahnärztlichen Literatur und zahn¬ 
ärztlichen Bibliographie. Umfassend die Literatur bis zum 
Jahre 1902. Im Aufträge des Zentralvereines deutscher Zahnärzte 
und mit Unterstützung der Herren: Prof. H. Albrecht f (Berlin), 
Dr. Bordes (Berlin), Privatdozent Dr. Euler (Heidelberg), 
Dr. Finger (St. Johann), Hofzahnarzt Dr. Greve (München), 
Gutbrod (Schlettstadt), Dr. Ornstein (Wien), Dr. R. Par- 


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Referate und Joumalschau. 


reidt (Leipzig), 'Privatdozent Dr. Peckert (Heidelberg), 
Dr. Smreker (Wien) und Prof. Dr. J. Witzei (Essen) heraus¬ 
gegeben von Prof. Dr. Port (Heidelberg). Verlag: Heidelberger 
Verlagsanstalt und Druckerei. Lieferung 1 bis 8. 

In rascher Folge sind 8 Lieferungen von je 160 Seiten 
dieser im Aufträge des Zentral Vereines deutscher Zahnärzte von 
Prof. Dr. Port in Heidelberg herausgegebenen Indizes er¬ 
schienen. 

Die ausführliche Würdigung dieses von grossem Fleiss 
und Gründlichkeit zeugenden Werkes behalten wir uns bis zu 
dem nun nicht mehr fernen Erscheinen der restlichen Liefe¬ 
rungen vor. —i — 


Das Foramen mandibulare und seine Bedeutung für die 
Leitungsanästhesie des Unterkiefernerven. Aus dem königl. ana¬ 
tomischen Institut zu Königsberg i. Pr. Von Dr. med. Adolf 
Stein. Verlag von Hermann Meusser, Berlin 1909. 

Es war eine dankenswerte Aufgabe des Verfassers, auf 
Grund eingehender Untersuchungen am anatomischen Präparat 
die lokalen Verhältnisse des Foramen mandibulare zu studieren, 
da hiedurch eine bessere Basis für die Technik der Mandibular- 
Leitungsanästhesie gewonnen wurde. Die Bedeutung der letzteren 
ist heute wohl allgemein anerkannt, da diese Methode nicht 
nur bei der Extraktion der Weisheitszähne und anderen Ope¬ 
rationen am hinteren Kiefergebiet, sondern auch speziell in 
Fällen hochgradiger Wurzelhautentzündung der lokalen Injektion 
weitaus überlegen ist. Bisher liegen nun von verschiedenen 
Autoren meist differente Angaben über die Ausführung der 
Methode vor, wohl deshalb, weil sie — mangels einer richtigen 
anatomischen Grundlage — nur empyrisch geübt und erlernt 
wurde. Die Untersuchungen des Verfassers erstrecken sich auf 
400 Unterkiefer und die Ergebnisse sind kurz zusammengefasst 
folgende : Die Gestalt des Foramen ist in der überwiegenden 
Mehrzahl schlitzförmig, nur ausnahmsweise trichterförmig oder 
oval, die Breite beträgt durchschnittlich 0-48 Gm. Bezüglich 
der Lage des Foramen wurde festgestellt, dass es in mehr als 
der Hälfte der Fälle in der Höhe des Alveolarrandes der hin¬ 
teren, unteren Molaren und sonst gewöhnlich in der Höhe der 
Kaufläche gelegen ist. Wenn man in dieser Höhe eine Parallele 
zu einer Verbindungslinie des Angulus zum untersten Punkte 
der Spina mentalis zieht, so findet man das Foramen meist 
an der Stelle, wo eine vom Angulus zum tiefsten Punkte der 
Incisura semilunaris gezogene Linie von obiger Parallele ge¬ 
schnitten wird. Wichtig ist ferner, dass die durchschnittliche 


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Referate and Jonrnalsch&u. 


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Entfernung des Foramen von der Einstichstelle, der medialen 
Kante der Fossa retromolaris, zirka 1*3 Gm. und der Abstand 
von der tiefsten Stelle der Incisura semilunaris in 66 Prozent 
aller Fälle 2 bis 2'/» Gm. beträgt. Entgegen dem Vorschläge 
von Witzei, Schleich u. a. warnt Verfasser davor, die 
Anästhesierung an der Lingula vorzunehmen, einmal deshalb, 
weil letztere sehr häufig nur rudimentär vorhanden und kaum 
auffindbar ist und überdies, weil die Lage der Lingula zu 
schwankend ist, um als Anhaltspunkt für die Injektion dienen 
zu können. Allerdings gibt Verfasser zu, dass auch die mediale 
Kante des Trigonum retromolare, die gewöhnliche Einstich¬ 
stelle, Schwankungen unterliegt, es kann daher nur durch Zu¬ 
sammenhaltung der vom Verfasser gefundenen durchschnitt¬ 
lichen Masse sowie deren häufigsten Variationen eine Orientie¬ 
rung über die jeweilige Lage des Foramen gewonnen werden. 
Nach ungefährer äusserlicher Bestimmung des Foramen wird 
dieser Punkt mit dem Finger fixiert, worauf man — die In¬ 
jektionsspritze auf die Bicuspidaten der anderen Seite legend 
— die Nadel in der Höhe des Alveolarrandes an der medialen 
Seite der Fossa retromolaris einsticht. Der Stich muss sofort 
bis an den Knochen geführt werden, worauf man an der 
Innenfläche des aufsteigenden Astes entlang gleitend und In¬ 
jektionsflüssigkeit dauernd entleerend bis gegen den durch den 
Finger fixierten Punkt vordringt, an welcher Stelle zirka die 
oben beschriebenen Linien Zusammentreffen sollen. Der Nervus 
lingualis wird von der Injektionsflüssigkeit gleichzeitig anästhe¬ 
siert. Die Endverzweigung des Nerven am Foramen mentale 
kann vernachlässigt werden. Auf alle Fälle ist es ratsam, 
einige Zeit bis zur Ausführung der Operation verstreichen zu 
lassen, um das Diffundieren der Flüssigkeit zu ermöglichen. 

Dr. Viktor Bund, Wien. 


Sammlung von Vorträgen aus dem Gebiete der Zahnheil¬ 
kunde. Herausgegeben von Prof. W. Bf aff. Verlag der Dykschen 
Buchhandlung, Leipzig. 

1. Heft: Die Zahnheilkunde in ihren Beziehungen zu den 
Naturwissenschaften und der Medizin, insbesondere der patholo¬ 
gischen Anatomie und ihre Aufgaben für die Zukunft. Von 

Prof. W. Pf aff. Verfasser warnt vor einer Ueberschätzung der 
zahnärztlichen Technik gegenüber der theoretisch-wissenschaft¬ 
lichen Ausbildung, da in erster Linie die letztere geeignet sei, 
durch Aufdeckung der Zusammenhänge mit den Naturwissen¬ 
schaften und speziell der Medizin zur Lösung der schwierigsten 
und wichtigsten Fragen in der Zahnheilkunde beizutragen. Den 


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Referate und Journalschau. 


Beweis hiefür bringt Verfasser, indem er auf Grund eigener 
Erfahrung und mit Hinweis auf Mitteilungen aus der Literatur 
die x vielfachen Wechselbeziehungen der Zahnerkrankungen zu 
den verschiedenen Disziplinen der Medizin eingehend erörtert. 
Auch Anthropologie, Zoologie und Physik spielen eine bedeu¬ 
tende Rolle bei der wissenschaftlichen Ergründung einschlägiger 
Probleme, weshalb die naturwissenschaftlich-medizinische Vor¬ 
bildung als unerlässliche Grundlage für ein erspriessliches 
Arbeiten gefordert werden muss. Dr. Viktor Bund, Wien. 

2. Heft: Ueber die Entwicklung der Orthodontie, besonders 
in neuester Zeit und die Hauptaufgaben der Zukunft Von Prof. 
W. Pf aff. Wir verweisen auf das Autoreferat über diesen 
Vortrag im Juliheft 1909, Seite 590, dieser Zeitschrift. 


Schutz den Zähnen. Verlag von Richard Schöte, Berlin 
S. W. 48, Wilhelmstrasse 10. 

Diese im Aufträge des deutschen Zentralkomitees 
für Zahnpflege in den Schulen herausgegebene Bro¬ 
schüre ist von dem Generalsekretär des Komitees Zahnarzt Dr. 
Erich Schmidt in Berlin verfasst und enthält auf acht Seiten 
alles, was über Hygiene, Prophylaxis und Behandlung der Mund¬ 
höhle und Zähne gesagt zu werden verdient. 

Um diese gemeinverständlich und anregend geschriebene 
Flugschrift den weitesten Kreisen zugänglich zu machen, ist der 
Preis mit 10 Pfennigen festgesetzt worden und wir machen 
hiemit insbesondere Vereine und Schulen auf die Erwerbung 
und Verteilung dieses Schriftchens aufmerksam. — e— 


Ueberzählige Zähne. (Supernumerary teeth.) Von 
G. V. Black, Chicago. (Dental Summary, Februar 1909.) 

In dieser Abhandlung legt Black seine an der Hand 
von 200 Modellen und Abbildungen gewonnenen Erfahrungen 
über dieses Thema nieder. 

Nach der Art ihrer Entstehung aus überzähligen Epithel¬ 
knospen, die sich von dem das ganze Zahnsystem bildenden 
Epithel abstossen, gibt es drei verschiedene Arten von über¬ 
zähligen Zähnen: 1. solche, die der Form der jeweiligen Zahn¬ 
gattung entsprechen, wie Schneidezähne, Bicuspidaten oder 
Molaren, dann 2. solche, die eine mehr verkümmerte, konische 
Form aufweisen, bei denen aber das Dentin, die Pulpen¬ 
kammer und der Nervkanal voll entwickelt sind, und 3. solche, 
die nur Schmelzknospen in Form von kleinen Kugeln dar- 


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Referate und Jonrnalsch&u. 


321 


stellen, die einem normalen oder überzähligen Zahne anhaften. 
Diese besitzen weder Dentin noch eine Pulpa. Es sind dies 
die sogenannten Schmelztropfen. 'Ausser diesen drei Formen 
der Missbildung wären noch jene zu erwähnen, die durch ihre 
besondere Stellung, Form und Befestigung an natürlichen oder 
überzähligen Zähne eigentümlich sind, wie die Verschmelzung 
der Wurzeln der Zähne, Vereinigung der Dentinkeime während 
des Wachstums, Verschmelzung der Schmelzkeime und dadurch 
bedingte Bildung missgestalteter Zähne etc. 

Black kann der von manchen Autoren vertretenen 
Ansicht, dass überzählige Zähne als Atavismus oder als De¬ 
generationsbildung aufzufassen wären, nicht beipflichten. De¬ 
generierte können wohl überzählige Zähne aufweisen, doch lässt 
die Anwesenheit von überzähligen Zähnen nicht den Schluss 
auf Degeneration zu. 

Jeder Versuch einer Klassifikation kann bis heute keinen 
Anspruch auf Vollständigkeit erheben und ist hierzu noch ein 
weiteres Studium und Sammlung aller zugänglichen Fälle er¬ 
forderlich. 

Man kann den Mund in vier Gegenden einteilen: Die 
Schneidezahn-, die Eckzahn-, die Bicuspidaten- und die Molar¬ 
region. Die überzähligen Zähne jeder dieser Gegenden haben 
eine diesen Zahngattungen entsprechende oder annähernd 
entsprechende Form. 

Die überzähligen Zähne stehen sowohl in, wie auch 
ausserhalb der Reihe des normalen Zahnbogens Es hängt 
dies davon ab, ob sie früher oder später als die normalen 
Zähne zum Durchbruch gelangt sind. Immer stehen jedoch bei 
Anwesenheit von überzähligen Zähnen entweder diese oder 
einzelne normal entwickelte Zähne infolge Raummangels 
ausserhalb der Reihe. In Beziehung auf Zeit und Bildung des 
Durchbruches der überzähligen Zähne, sowohl für das Milch- 
wie für das bleibende Gebiss, gilt als Regel, dass diese immer 
gleichen Schritt halten mit den den einzelnen Zahngattungen 
entsprechenden Zeitperioden. Doch wird bei Anwesenheit meh¬ 
rerer überzähliger Zähne der Durchbruch der normalen Zähne 
infolge Raummangels oft bedeutend verzögert oder werden 
diese, wenn sie nicht ganz impaktiert bleiben, in falsche Stel¬ 
lungen gedrängt. Ist der Durchbruch der normalen Zähne 
früher erfolgt, so erleiden die überzähligen Zähne dieses 
Schicksal. 

Die überzähligen Zähne können eine der jeweiligen 
Gegend ihrer Entwicklung entsprechende normale oder anor¬ 
male Form besitzen. Letztere repräsentiert sich dann als abge- 


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Referate und Journal schau. 


stumpfter Kegel oder es sind mehrere solcher Kegel zu einer 
ungestalten Zahnform miteinander verschmolzen. Der Grund¬ 
gedanke bei der von Black getroffenen Einteilung war rein 
praktischer Natur, um das Studium und Verständnis dieser 
Fälle zu erleichtern. „Das Studium der derart eingereihten 
Fälle wird zur Bildung eines richtigen Urteils und zur Wahl 
des richtigen Behandlungsplanes viel mehr beitragen, als dies 
eine noch so ausführliche theoretische Beschreibung tun 
könnte“. Und tatsächlich: An Hand der 90 zuweilen ganz 
vortrefflichen Illustrationen, aus der allgemeinen Beschreibung 
im Text und aus den den Abbildungen im Anhang noch bei¬ 
gefügten speziellen Erklärungen kann man ein richtiges Urteil 
über die bisher in der Literatur immer so spärlich behandelten 
Anomalien gewinnen. Die mit so viel Eifer getroffene Auslese 
der interessantesten und seltensten Fälle verleiht der ganz 
vorzüglichen Arbeit noch erhöhten Wert. 

Autor bespricht in ausführlicher Weise die Diagnose und 
Behandlung, die nur in der Extraktion besteht, doch muss vor 
allem erstere richtig gestellt sein. So einfach dies zu sein scheint, 
bietet sie doch oft Schwierigkeiten. Sowohl im Milch- wie auch 
im bleibenden Gebiss brechen die überzähligen Zähne zu gleicher 
Zeit oder nur etwas früher oder später als die ihnen ent¬ 
sprechenden Zahngruppen durch. Zahlreiche kleine oder einzelne 
grössere überzählige Zähne können den Durchbruch der bleiben¬ 
den Zähne verzögern oder auch ganz verhindern. In solchen 
Fällen muss erst das Röntgenbild die Anwesenheit normaler 
Zähne ergeben, bevor man an die Extraktion schreiten darf. 
Auch die oft nicht erklärliche falsche Stellung eines normalen 
Zahnes kann durch das Vorhandensein eines nicht durch¬ 
gebrochenen überzähligen Zahnes bedingt sein. Da bei den 
Schneidezähnen die überzähligen Zähne oft die Form der nor¬ 
malen Zähne haben, ist es oft schwer zu entscheiden, ob der 
bereits durchgebrochene oder der noch impaktierte Zahn extra¬ 
hiert werden soll. 

Wie bereits erwähnt, besteht der einzig richtige Behand¬ 
lungsplan in der Extraktion, obzwar diese Behandlung, nament¬ 
lich im Bereich der Molaren oft zum Verlust des normalen 
Zahnes führen kann, wenn nämlich die überzähligen Zähne 
mit diesen verwachsen sind und deren Fraktur die Nerven des 
normalen Zahnes freilegt. Es muss also in diesen Fällen mit 
grösster Umsicht und Sorgfalt festgestellt werden, ob beide 
Zähne eine selbständige Alveole besitzen, was man durch die 
Feststellung der bei KrafteinWirkung zu erfolgenden eigenen 
leichten Beweglichkeit des überzähligen Zahnes konstatiert. 
Stemmt man nämlich ein Instrument als Keil zwischen beide 


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Referate und Journalschau. 


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Zähne, so muss man eine leichte Bewegung beider Zähne fest¬ 
stellen können. 

Konstatiert man das Vorhandensein überzähliger Zähne 
in jugendlichem Alter, so kann man sie, wenn sie eine eigene 
Alveole besitzen, ohne jedes Bedenken extrahieren und kann 
sicher sein, dass die durch die Extraktion geschaffene Lücke 
sich ohne jeden weiteren Eingriff schliessen wird. In vorge¬ 
schrittenem Alter ist die durch die Extraktion geschaffene Lücke 
sicher störend und soll daher, wenn die Anwesenheit über¬ 
zähliger Zähne keine besondere Deformität bedingt, die Ex¬ 
traktion unterbleiben. 

Da die überzähligen Zähne den normalen oft täuschend 
ähnlich sehen, so entscheidet tür die Extraktion, beziehungs¬ 
weise Nichtextraktion die relativ ungünstige oder günstige 
Stellung im Bogen 

Die Zahl der überzähligen Zähne in den einzelnen Zahn¬ 
gruppen ist unbegrenzt und wurden Fälle mit acht Schneide¬ 
zähnen, neun Bicuspidaten in einem Kiefer und Fälle mit vier 
Molaren auf einer Seite beobachtet. 

Die überzähligen Zähne in der Gegend der Bicuspidaten 
ähneln am meisten der typischen Zahnform und sind daselbst 
selten konische Formen zu finden. In der Schneidezahngegend 
prävaliert die konische und die Form der abgestumpften Kegel. 
Die Zähne sind in ihren Alveolen meistens frei. Doch trifft 
man daselbst auch zuweilen grosse, den Molaren ähnliche 
Zähne mit tiefen Furchen, die durch Verschmelzung mehrerer 
Zähne gebildet sind. 

Waren die normalen Zähne zuerst durchgebrochen, so 
finden wir die kleinen überzähligen Zähne, wenn nicht an ihrem 
Lieblingsplatz zwischen den mittleren Schneidezähnen, an deren 
lingualep Seite. 

In der Eckzahngegend sind überzählige Zähne recht selten. 
Autor kennt nur zwei Fälle, in denen die Zähne annähernd 
normale Form hatten. Die in dieser Gegend vorkommenden 
Zähne konischer Form scheinen zur Schneidezahngegend zu 
gehören. 

In der Gegend der Bicuspidaten kommen die überzähligen 
Zähne nicht so oft wie in der Gegend der Schneidezähne und 
Molaren vor, sind aber durch ihre den normalen Zähnen 
täuschend ähnliche Form ausgezeichnet. Konische Zahnformen 
wurden nicht beobachtet. 

In der Molargegend sind überzählige Zähne von normaler 
Form äusserst selten. Sie sind gewöhnlich viel kleiner und 
auch die Höcker nur unvollkommen ausgebildet. Bei der Ex¬ 
traktion dieser Zähne ist besondere Vorsicht auf die richtige 

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324 


Referate und Journalschau. 


Stellung der Diagnose bezüglich des Vorhandenseins einer 
eigenen Alveole zu empfehlen, um einem gleichzeitigen Verluste 
des normalen Zahnes, wie bereits oben erwähnt, vorzubeugen. 

Sind überzählige Zähne mit normalen verwachsen, so 
sollen sie nicht entfernt werden, ausser wenn sich auch für 
letztere die Notwendigkeit der Entfernung ergibt. Beide Zähne 
haben eigene Pulpenkammern und Nervkanäle und kann die 
Entfernung des einen Nervs und die Füllung der Wurzel ohne 
Schaden für den zweiten Zahn vorgenommen werden, sofern 
kein Arsen verwendet wurde. Am häufigsten finden wir diese 
Anomalie in der Molargegend. 

Unter der als Knospen (Gemma) bezeichneten Abart ver¬ 
steht man eine besondere Art der Verschmelzung zweier Zähne. 
Die Verschmelzung erfolgt während des normalen Wachstums 
des Dentins zwischen den beiderseitigen Pulpen. Es ist nur ein 
Foramen apicale, bei Molaren eventuell zwei oder drei vor¬ 
handen. Die Extraktion eines solchen überzähligen Zahnes 
wird daher immer auch den Verlust des normalen Zahnes be¬ 
dingen. Ist die Pulpa aus dem einen Zahn zu entfernen, so 
muss sie auch aus dem zweiten entfernt werden. 

Als dicbotome Zähne bezeichnet Autor Zähne, die durch 
Vereinigung zweier Schmelzkeime entstanden sind. Es ist dies 
eine ganz besondere Art von Deformität, bei welcher ein über¬ 
zähliger Schmelzkeim sich mit einem normalen Schmelzkeim 
vereinigt hat, um einen Zahn mit gemeinsamer Pulpa und ge¬ 
meinsamen Wurzelkanal zu bilden. Autor hat solche Formen 
bei den Schneidezähnen und Molaren zu beobachten Gelegen¬ 
heit gehabt. An der Hand der Abbildungen werden noch ein¬ 
zelne Wachstumseigentümlichkeiten dieser Deformität be¬ 
sprochen. 

Autor will mit dieser Einteilung nicht alle Formen er¬ 
schöpft haben, sondern hofft, dass die durch ihm gegebene 
Anregung dazu beitragen wird, alle jetzt in Beobachtung 
kommenden Fälle zu publizieren, um aus dem in der ganzen 
Welt gesammelten Material erschöpfende Schlüsse ziehen zu 
können, was bei der kleinen, bis jetzt bekannt gewordenen 
Zahl von Fällen (200) nicht möglich ist. Dr. Opph. 


Einige Fälle aus der technischen Zahnheilkunde. Von 

Prof. Warnekros, Berlin. Vortrag in der Berliner medizinischen 
Gesellschaft. (Berliner klinische Wochenschrift, September 1909.) 

An einigen Fällen von Kieferfraktur zeigt der Vortragende 
wie wichtig es ist, bei allen Verletzungen der Kiefer, auch 
im Kriege, so schnell wie möglich zahnärztliche Hilfe herbeizu- 


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Referate und Jonrnalachau. 


325 


ziehen. Ebenso Hess sich bei einer veralteten doppelseitigen 
Luxation des Unterkiefers, sowie bei einem hochgradigen offenen 
Biss nur durch das Einverständnis zwischen Chirurgen und Zahn¬ 
arzt ein richtiger Erfolg erzielen. Die erforderlichen Schienen 
und Verbände stellt der Zahnarzt vor oder sofort nach der 
Operation her, wozu er statt Metall und Vulkanit auch Zellu¬ 
loid verwenden kann. Die Zelluloidmasse verliert, unter einem 
bestimmten Hitzegrad gepresst, die unangenehme Eigenschaft 
des Verziehens. Es hat dies namentlich für den Fall eines Feld¬ 
zuges den Vorzug, dass die Verbände nicht erst gestanzt oder 
durch einen Vulkanisierapparat umständlich hergestellt zu werden 
brauchen, sondern in der kürzesten Zeit auf einem Gipsmodell 
gepresst werden können. Auch bei Behandlung der Gaumen¬ 
spalten ist die gemeinschaftliche Tätigkeit der Zahnärzte mit 
den Chirurgen erforderlich. Der Chirurg, der bei einem totalen 
Spalt des harten und weichen Gaumens den Verschluss dadurch 
zu erreichen sucht, dass er den weichen Gaumen zum Ver¬ 
schluss des harten Gaumens mitbenutzt, kann wohl als Erfolg 
eine geschlossene Gaumenspalte aufweisen, aber häufig keinen 
Erfolg für den Gebrauch der Sprache erzielen. Bei jedem An¬ 
lauten wird nämlich jetzt der Zwischenraum zwischen hinterer 
Rachenwand und weichem Gaumen vergrössert und der Zahn¬ 
arzt, der früher mit einem kleinen Obturator einen Erfolg er¬ 
zielt hätte, muss jetzt denselben viel grösser gestalten. Vor¬ 
tragender empfiehlt daher dem Chirurgen, den Verschluss in 
der Art durchzuführen, dass der weiche Gaumen in seiner 
natürlichen Lage erhalten bleibt. Uebergehend zu den Er¬ 
krankungen der Zähne selbst, bespricht Vortragender die Folgen 
ihres frühzeitigen Verlustes, als welche er bereits vor Jahren die 
Alveolarpyorrhoe bezeichnete. Auch 75Prozent aller Fälle 
von Karies sind auf Verlust von Zähnen und dadurch bedingte 
Artikulationsstörungen zurückzuführen. Er beweist dies ein¬ 
gehend durch Demonstration von Schädeln und Modellen. 
Wohl hat Miller durch seine hervorragenden bakteriologischen 
Forschungen uns ein klares Bild über das Wesen und den 
Verlauf der Karies gegeben, doch genügt dies nicht zur Er¬ 
klärung ihrer Aetiologie. Das eine steht sicher fest, dass die 
Karies immer dort auftritt, wo Speisereste längere Zeit zurück¬ 
gehalten werden, also in erster Linie in den Schmelzrinnen, 
zwischen den einzelnen Schmelzhügeln und an den Flächen 
zwischen den einzelnen Zähnen, namentlich wenn diese durch 
den frühzeitigen Verlust einzelner Pfeiler wie eine Reihe um¬ 
gefallener Mauersteine sich gegeneinander neigen. Des weiteren 
berührt Vortragender die Frage der Mundwässer, die Schul¬ 
zahnarztfrage, das neue Goldgussverfahren und schliesst 

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Referate and Joaroalsch&u. 


mit der Mitteilung einer von ihm eingeführten technischen 
Neuerung. Es werden wohl die künstlichen Zähne beim Zahn¬ 
ersatzstück nach den BonwilIschen Angaben geschliffen und 
gestellt, doch kann man beim Schleifen eine genaue Nachahmung 
der Kau- und Mahlflächen nicht erzielen. Deshalb liess Warne- 
kros künstliche Zahnersatzstücke nach Kieferabformungen von 
Personen mit vollständigem normalen Gebiss anfertigen. Ein 
solcher Ersatz entspricht genau den anatomischen Verhält¬ 
nissen und besitzt die Leistungsfähigkeit einer richtig gebauten 
Quetsch- und Mahlmaschine. Dr. R. Kronfeld. 


Wie ersetzt man am besten den oberen seitlichen Schneide¬ 
zahn? Von F. E. Roach , Chicago. (Dental Review, XXIII, 5.) 

Diese Frage ist bekanntlich nicht leicht zu beantworten, 
besonders wenn der grosse Schneidezahn und der Eckzahn 
lebende Pulpen haben und auch sonst keine Defekte aufweisen. 
Es ergeben sich drei Möglichkeiten: feste Brücke, abnehmbarer 
Zahnersatz oder Implantation. Der Brückenersatz mit zwei 
Kronen erfordert eine hochgradige Verstümmelung der beiden 
Nächbarzähne, wozu sich der gewissenhafte Operateur nicht 
leicht wird entschliessen können. Eine kleine Platte mit künst¬ 
lichem Zahn ist wohl leicht herzustellen, gefährdet aber das 
Zahnfleisch und die ganze Zahnreihe, an welcher der Platten¬ 
rand anliegt. Die Ergebnisse der Implantation schliesslich sind 
so unsicher, dass ihre systematische Anwendung nur als „arge 
Torheit“ bezeichnet werden kann. Wir kommen daher wieder 
auf das System der festen Brücken zurück, von welchen drei 
Arten angewendet werden können: 1. Eine Halbringkrone auf 
dem Eckzahn ist, wenn dieser genügend stark und der Biss 
günstig ist, genügend stark, einen freischwebend angelöteten 
kleinen Schneidezahn zu tragen. 2. Wo man von der lingualen 
Seite der beiden Nachbarzähne den Schmelzüberzug ab¬ 
schleifen und neben die Pulpa zwei oder drei kleine Stiftchen 
in das Dentin versenken kann, vermag man durch zwei lin¬ 
guale, sehr exakt angepasste Plättchen einer Brücke aus¬ 
reichende Festigkeit zu verleihen. 3. Das sicherste ist wohl die 
Herstellung zweier grosser Goldgussfüllungen mit Wurzelstiften 
in den vorher devitalisierten Nebenzähnen. Ohne Stifte genügen 
solche zwei Inlays nicht. Ganz entschieden wendet sich Roach 
gegen die Fensterkrone und lingual den Nachbarzähnen auf¬ 
ruhende Metallbügel oder Haken. Er bezeichnet diese Hilfs¬ 
mittel als „Greuel, die nicht eine Minute geduldet werden 
dürfen“, weil sie unbedingt den Ruin der Zähne herbeiführen. 

Dr. R. Kronfeld. 


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Referate und Joumalschau. 


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Eine Bitte um Vorsicht bei der Anwendung neuer Methoden. 

Von C. N. Johnson, Chicago. (Dental Cosmos, Vol. LI, 6.) 

Es ist eine schöne Sache um den Enthusiasmus. Ohne 
ihn würden wir zu Maschinen werden. Aber er darf nicht 
unsere ruhige Ueberlegung stören, unseren kritischen Blick 
trüben. Niemand ist frei von Täuschung. Im Jahre 1893 pro¬ 
phezeite man dem Hypnotismus eine glänzende Zukunft in 
unserer Praxis, als die Kataphorese aufkam, erklärten ernste, 
tüchtige Forscher, dass in fünf Jahren kein Zahnarzt ohne sie 
werde auskommen können! Ein unheilvoller Zug unserer Er¬ 
finder geht dahin, immer altes zu zerstören, wenn sie neues 
schaffen. Wie oft wurde schon die alte Goldfüllung angegriffen, 
wie viel Füllmaterialien wurden entdeckt, welche der Goldfolie 
angeblich überlegen waren! Den Todesstoss hätte ihr die 
Porzellan-Inlayarbeit versetzen sollen. Hiess es doch damals, 
wir können jetzt unsere Goldstopfer auf den Misthaufen werfen! 
Eben jetzt schwimmen wir wieder in einer Hochflut von Enthu¬ 
siasmus seit Einführung der Goldgussfüllung. Gewiss, noch nie 
hatte eine neue Methode soviel Aussicht, sich bleibend einzu¬ 
bürgern wie diese. Nur darf man deshalb vor Ablauf einer 
grösseren Reihe von Jahren nicht alles Bestehende gleich über 
den Haufen werfen wollen, in vielen Fällen ist es sicherer, 
bequemer und besser mit Goldfolie zu füllen; es kommt eben 
vor allem darauf an, die richtige Indikation für jede Füllungs¬ 
art zu stellen. An gewissen Stellen, unter gewissen Umständen, 
bei gewissen Patienten ist gewiss die eine oder die andere 
eher angezeigt. Traut man jeder neuen Sache, bevor sie gründlich 
ausgeprobt und anerkannt ist, so stiftet man nur Unheil, dis¬ 
kreditiert manches Gute und schadet dem Patienten mehr, als 
man ihm und sich selbst nützt. Dr. R. Kronfeld. 


Erste Hilfe bei Zahn- und Kiefererkrankungen durch den 
praktischen Arzt. Von Dr. P Ritter, Berlin. (Zeitschrift für ärzt¬ 
liche Fortbildung, VJ, 13.) 

Am häufigsten wendet sich das Publikum wegen Zahn¬ 
schmerzen an den praktischen Arzt. Das Nächstliegende war 
früher die Entfernung des kranken Zahnes. Anders liegt diese 
Frage aber heute bei dem Aufschwung der wissenschaftlichen 
Zahnheilkunde. Der Arzt kann bereits bei der Indikation eines 
solchen Eingriffes auf Schwierigkeiten stossen: einmal gibt es 
zu bedenken, ob die Extraktion eine unbedingte Notwendigkeit 
ist, ob der Operateur sich nicht gegebenen Falles eines Kunst¬ 
fehlers schuldig macht, für den er gerade so wie der Zahnarzt 
haftbar gemacht werden kann; dann aber wird der Arzt auch 


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Referate and Journalschau. 


sehr häufig Fällen begegnen, in denen er dem therapeutischen 
Eingriff technisch nicht gewachsen ist; endlich kommen noch 
diejenigen Fälle in Betracht, in denen entweder ein falscher 
Zahn für die Ursache des Schmerzes gehalten wurde oder ein 
Zahn überhaupt nicht den Zahnschmerz verursachte. Ritter 
bespricht daher folgerichtig zunächst die Mittel, welche dem 
Arzte für die Untersuchung des Gebisses zu Gebote stehen. 
Ist die Ursache des Zahnschmerzes gefunden, so vermag der 
Arzt oft durch einfache Eingriffe und gewisse Medikamente den 
Schmerz zu beheben oder doch zu lindern. Die geeigneten 
Mittel zur Beseitigung pulpitischer und periostitischer Schmerzen 
werden vom Verfasser angeführt, wobei er nicht unterlässt, 
darauf hinzuweisen, wie wichtig für die Erhaltung des Zahnes 
und für die Gesundheit des Patienten die in der Folge einzu¬ 
leitende zahnärztliche Behandlung ist. Als ultima ratio kommt 
endlich die Extraktion in Betracht, für welche gleichfalls die 
notwendigsten Anleitungen bezüglich Technik und Nachbehand¬ 
lung gegeben werden. Im ganzen ein sehr dankenswerter Ver¬ 
such, dem praktischen Arzte, der in vielen Fällen dem Zahn¬ 
leidenden nicht zu helfen weiss, an die Hand zu gehen. 

Dr. R. Kron/eld. 


Zunge und Gebiss. Von Prof. Partsch in Breslau. (Deutsche 
Monatsschrift für Zahnheilkunde, 27, V.) 

Zwischen Zunge und Zähnen bestehen enge Wechsel¬ 
beziehungen, was sich aus den Raumvei hältnissen der Mund¬ 
höhle ohneweiters erklärt. Viele Veränderungen der Zunge 
gehören in das Gebiet der inneren Medizin. Andere gehen aus 
übermässiger Entwicklung oder Mangel und Schwund der 
Papillenschicht hervor. Die ersteren Formen — Faltenzunge, 
Landkartenzunge, von den Franzosen „Langue scrotale“ 
genannt — machen gewöhnlich keine Beschwerden, während 
das Fehlen der Papillen recht oft die Quelle lästiger Schmerzen 
ist, welche die beste Zahnprothese für die Zunge unerträglich 
machen und Patienten und Zahnarzt zur Verzweiflung bringen 
kann. Solche Zungenneurosen werden um so quälender, je mehr 
die schützende Kraft der Papillen fehlt, weil dann die Zunge 
die geringsten Reize erheblich schmerzhaft empfindet. Beson¬ 
ders schlecht werden in solchen Fällen Kautschukplatten ver¬ 
tragen. 

Bekannter sind die Veränderungen, welche die Zähne an 
der Zungenoberfläche hervorrufen: Eindrücke alleinstehender 
Zähne, buchtenartige Vertiefungen durch Prothesen, Vorwöl¬ 
bungen der Zunge entsprechend den Zahnlücken, vor allem 


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Referate und Jouraalschau. 


329 


aber traumatische Geschwüre am Zungenrand durch scharfe 
Kanten der Zähne infolge von Karies, Fraktur oder Zahnstein¬ 
bildung. Nicht leicht ist manchmal die Unterscheidung eines 
traumatischen und karzinomatösen Geschwüres, zumal wenn 
ersteres längere Zeit besteht und es bereits zu derber Infiltra¬ 
tion des Geschwürgrundes und Schwellung der regionären 
Lymphdrüsen kam. Für die Neubildung sprechen ausstrahlende 
Schmerzen nach dem Ohr, übler Geruch, starker Speichelfluss, 
doch sind dies durchaus nicht verlässliche Merkmale. Auch die 
Probeexzision lässt häufig im Stiche, da auch bei traumati¬ 
schen langandauernden Geschwüren die Papillen der Umgebung 
zu hypertrophieren pflegen. Wirklich entscheidend ist nur das 
klinische Verhalten. Wird die scharfe Kante durch Abschleifen, 
respektive Extraktion des Zahnes entfernt, so muss ein trau¬ 
matisches Geschwür ohne weitere Behandlung sehr bald heilen; 
das karzinomatöse Geschwür verändert sich nach diesem Ein¬ 
griff gar nicht. Jedenfalls soll sich der Zahnarzt hüten, bei 
verdächtigen Zungengeschwüren eine Prothese anzufertigen. 
Jede Prothese bedingt eine Raumbeengung im Munde und die 
enorme Empfindlichkeit der geschwürigen Zunge wird dadurch 
nur noch mehr gesteigert, so dass die Prothese nicht vertragen 
wird. Dasselbe gilt von warzigen oder polypösen Neubildungen 
der Zunge in der Nähe kariöser oder defekter Zähne, welche 
schon mit Rücksicht auf eine eventuelle Umwandlung in 
bösartige Geschwüre exstirpiert werden sollen. Der Zahn¬ 
arzt muss auf alle Veränderungen der Zunge achten, um in 
Fällen ernster Gefahr den Patienten rechtzeitig an den Chirurgen 
weisen zu können. Dr. R. Kronfeld. 


Die Amputation der Pulpa und ihre Resultate. Von M. Roy . 

^Revue odontologique, Novembre 1908.) 

Vor 25 Jahren von Witzei vorgeschlagen, wurde die 
Methode der Pulpaamputation bald wieder aufgegeben; mit 
Unrecht, meint Roy, der sie seit 15 Jahren alltäglich anwendet 
und mit ihren Resultaten sehr zufrieden ist. Die Entfernung 
der Pulpafäden aus den Kanälen ist keine einfache Operation: 
es können Nadeln brechen, es bleiben oft die apikalen Teile 
der Fäden unerreichbar, die Schmerzhaftigkeit ist mitunter be¬ 
trächtlich und jedenfalls ist dieses Verfahren mühsam und zeit¬ 
raubend. Verfasser geht stets in folgender Weise vor: nach 
Arseneinlage wird die Pulpakammer in breitester Ausdehnung 
eröffnet, wie wenn man alle Wurzelpulpen extrahieren wollte. 
Die Kronenpulpa wird entfernt und das Cavum pulpae so 
weit ausgebohrt, dass es bis in die letzten Winkel zugänglich 


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Referate and Joumalschan. 


und übersichtlich erscheint. Es folgt ein Bad mit Alkohol, 
Trocknen mit warmer Luft und sofort die Füllung, zu welcher 
Roy eine Pasta aus Zinkoxyd, Aristol und Nelkenöl benützt. 
Verschluss mit Zement und Dauerfüllung in derselben Sitzung. 
Im Laufe von 15 Jahren waren nur drei Misserfolge zu ver¬ 
zeichnen, welche eine nachträgliche Entfernung der Wurzel¬ 
fäden erforderten. Roy ist überzeugt, dass diese nur durch 
zu starken Druck beim Einfüllen der Paste zustandekamen. Die 
Wurzelpulpen behalten ihre Vitalität einige Jahre und unter¬ 
liegen dann einer aseptischen, also ganz irrelevanten Mumifi¬ 
kation. Dr. B. Kronfeld. 


Alveolarpyorrhoe. Von'Prof. Redard’mGeni. (Revue trimestr. 
Suisse d’Odontologie, XVIII, 4.) 

Sobald die Diagnose der Pyorrhoe gestellt ist, soll der 
Kranke einer gründlichen Allgemeinuntersuchung unterzogen 
werden, damit die leisesten Spuren von Diabetes, Nephritis, 
Gicht und Rheumatismus sofort behandelt werden können. Die 
lokale Behandlung soll gleichfalls zu einer Zeit beginnen, da 
der Patient von seinem Leiden gewöhnlich noch keine Ahnung 
hat. Wir wissen doch, wie häufig man bei 25- bis 30jährigen 
Personen die ersten Anzeichen jener verheerenden Erkrankung 
erkennt, welcher ihre Zähne zwischen dem 40. und 50. Lebens¬ 
jahre zum Opfer fallen werden. Man vergesse auch nicht, dass 
die Pyorrhoe durch Malokklusion entstehen kann; es hat schon 
Bon will behauptet, dieselbe durch Herstellung der richtigen 
Artikulation mittels Abschleifen der Zähne heilen zu können. 
Man tut überhaupt gut, die verschiedenen Formen der Pyorrhoe 
auseinanderzuhalten und zum mindesten zwei Haupttypen zu 
unterscheiden: die traumatische und die konstitutionelle. Die 
erstere entsteht durch Traumen verschiedener Art, welche es 
ermöglichen, dass Mikroorganismen zwischen Zahnhals und 
Zahntleisch eindringen; die letztere hat Ursachen allgemeiner 
Natur und tritt daher gewöhnlich an mehreren Zähnen gleich¬ 
zeitig und symmetrisch auf. Bezüglich der Behandlung sagt uns 
Verfasser nichts Neues. Er legt, wie Younger und neuerdings 
Senn, das Hauptgewicht auf die exakte mechanische Ent¬ 
fernung der Beläge, verwendet zum Einträufeln in die Taschen 
eine ätherische Salollösung und fordert energisch exakte Mund¬ 
pflege, namentlich bei Patienten, welche glauben, mit der ein¬ 
maligen zahnärztlichen Behandlung alles Nötige für ihre Zähne 
getan zu haben. Dr. R. Kronfeld. 


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Referate und Journalschau. 


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„La Province Dentaire / 1 Unter diesem Titel erscheint ab 
Jänner 1910 eine neue Monatszeitschrift, die — von Dr. Claude 
Martin (Directeur Honoraire), Dr. A. Pont (Directeur) und 
Gh. J. Fleischmann (Redacteur en Chef) in Lyon heraus¬ 
gegeben — die Aufgabe hat, als literarische Zentralstelle für 
wissenschaftliche Publikationen der Provinzzahnärzte zu dienen. 
— Trotz der stets anschwellenden Zahl zahnärztlicher Zeit¬ 
schriften ist jede neue derartige Erscheinung aufs lebhafteste 
zu begrüssen, da bei der enormen Entwicklung und Erweiterung 
der Zahnheilkunde nur durch noch ausgedehntere und allge¬ 
meinere wissenschaftliche Betätigung dem Fortschritt Genüge 
geleistet werden kann. — Das Programm des Blattes, das 
Pont in seinem Vorwort entwirft, bringt wohl keine neuen 
Momente, doch genügt es, dass einem Kreis neuer Mitarbeiter 
Gelegenheit gegeben wird, durch ihre Mitteilungen zur Förderung 
der Wissenschaft beizutragen. Dr. V. B. 


Ueber die neuen Silikatzemente. Sui nuovi cementi 
detti di silicati. Von Dr. G. Fasdi, docente nellTstituto 
Stomatologico Italiano. (Rivista Trimistrale di Odontojatria, 
Milano, Nr. 1, Jänner 1910.) 

Verfasser gibt im wesentlichen einen geschichtlichen Ueber- 
blick über die Entstehung und Verbreitung der Silikatzemente, 
die bis zum Jahre 1879 zurückreichen, um welche Zeit Thomas 
Fl etc her ein ähnliches Zement patentieren liess, das jedoch 
infolge der Mangelhaftigkeit der Herstellung und der Konkurrenz 
des damals so beliebten Rostaingschen Zementes nicht durch¬ 
dringen konnte. Als nun Rostaing mit dem Geheimnis der 
Erzeugung seines Zementes starb, machte sich bei dem Auf¬ 
schwung, den die Zahnheilkunde genommen hatte, das Be¬ 
dürfnis nach einem guten plastischen Material, das den zwei 
Bedingungen, Unlöslichkeit im Munde und natürliches, ästhe¬ 
tisch schönes Aussehen, entsprechen sollte, immer mehr geltend, 
so dass es nicht zum verwundern ist, dass das erste Silikat¬ 
zement mit Enthusiasmus aufgenommen und kritiklos ange¬ 
wandt wurde. Der unvermeidliche Rückschlag stellte sich ein 
und Klagen über Nichterfolge und unliebsame Zwischenfälle 
blieben nicht aus. Dieselben hatten das Gute, zu einer pein¬ 
lich sorgfältigen Herstellung der verbesserten Silikatzemente 
und zur Verbesserung der Technik ihrer Verwendung zu führen. 

Verfasser bemerkt mit Recht, dass die Misserfolge zum 
grössten Teile den mangelhaft und viel zu optimistisch ge¬ 
haltenen Instruktionen, die die Fabrikanten ihren Präparaten 
beilegen, zuzuschreiben seien. Dr. F. 


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Varia. 


Bromural und seine Anwendung in der Zahnheilkunde. Von 

Zahnarzt G. J. Dietrich, Heidelberg. (Deutsche zahnärztliche 
Zeitung, 1910, Nr. 4.) 

Das Bromural wurde in einer grösseren Anzahl von Fällen 
vom Verfasser in der zahnärztlichen Praxis gebraucht. Es zeigte 
sich, dass es schon wegen seiner grossen Ungefährlichkeit und 
wegen seiner guten Verträglichkeit im Magen besondere Vor¬ 
züge vor anderen nervenberuhigenden Mitteln besitzt. 

Das Mittel wurde bei nervösen ängstlichen Patienten eine 
halbe Stunde vor der Behandlung gegeben. Die beabsichtigte 
Wirkung (Verschwinden der Unruhe, des Angstgefühls und 
Herzklopfens) trat bei den meisten prompt ein. Ferner wurde 
das Bromural bei solchen Patienten angewandt, die unbedingt 
narkotisiert sein wollten. Der Verlauf der Bromäther- oder 
Aethylchloridnarkose war dann viel ruhiger und das Fehlen des 
sonst bei Neurasthenikern so oft sich einstellenden Exzitations¬ 
stadiums zeigte sich in auffallender Weise. Auch nach der 
Narkose gegeben, wirkte das Bromural gut gegen Nausea und 
Kopfschmerzen. Als Schlafmittel wurde das Präparat verordnet, 
wenn nach langdauernder Plombiersitzung die Patienten über 
eine schlechte Nacht klagten. Ferner bewährte sich das Bromural 
als Schlafmittel, wenn die Nachtruhe durch Wundschmerz ge¬ 
stört wurde. Endlich empfiehlt sich das Bromural noch als 
schmerzlinderndes Mittel, wenn es bei Arseneinlagen nicht ge¬ 
lingt, die Pulpa freizulegen. — i — 


Varia. 


BREMEN. Jubiläum. Zahnarzt Wilhelm Herbst feiert in 
diesem Monate sein 40jähriges Berufsjubiläum. Herbst hat 
bei zahllosen zahnärztlichen Versammlungen in Europa und 
Amerika die nach ihm benannte Goldfüllungs-Rotationsraethode 
demonstriert und eine ganze Reihe anderer praktischer Ver¬ 
besserungen in uneigennütziger Weise vorgeführt. Er ist durch 
Verleihung der goldenen und silbernen Medaille des Zentral¬ 
vereines deutscher Zahnärzte ausgezeichnet worden und ist 
Ehrenmitglied vieler zahnärztlicher Gesellschaften. 

Das in seiner Fabrik in Fedelhören erzeugte Herbstsche 
Plombiergold erfreut sich allgemeiner Verbreitung und An¬ 
erkennung. 

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Y ft r i a. 


333 


FREI WALDAU. Todesfall. Zahnarzt Dr. Vinzenz Wiessner 
ist am 24. März d. J. nach kurzer schwerer Krankheit im 
44. Lebensjahre gestorben. Dr. Wiessner hat sich mit fach¬ 
wissenschaftlichen Problemen befasst und ist den Lesern dieser 
Zeitschrift aus seinen Arbeiten über die Einwirkung mechanischer 
Energie auf die Zähne bekannt. 

Die Praxis wird von Dr. Max Schindler — bisher in 
Olbersdorf — weitergeführt. 


Bitte an alle Kollegen, die eich mit Gold- 
gussarbeiten beschäftigen! 

Mit der Bearbeitung des II. Teiles meines Handbuches 
der Porzellanfüllungen und Goldeinlagen beschäftigt, bitte ich 
die Herren Kollegen um Separatabdrücke einschlägiger Arbeiten, 
um Prospekte eigener oder verbesserter Gussmaschinen, even¬ 
tuell um Bekanntgabe neuer Erfahrungen auf dem Gebiete der 
Gusstechnik in Form vorläufiger Mitteilungen. 

Wien, im April 1910. Dr. Ernst Smreker 

VI. Getreidemarkt 17. 


Am 1. August 1910 beginne ich einen 
sechswöchigen 

= Kursus der Orthodontie. = 

Teilnehmerzahl beschränkt. — Recht¬ 
zeitige Anmeldungen erbeten. 

J. GrUnberg 

Berlin W., Kurfürstentsr. 143. 


Dem diesem Hefte beigehefteten Antiquariatskatalog 81 
von Krüger & Co. in Leipzig über Zahnheilkunde emp¬ 
fehlen wir gefällige Beachtung. 


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834 


Empfangene Zeitschriften. 

Amerika: 

Dental Cosmos; Dental Brief. Dental Era. 

Dental Digest. Dental Summary. Revista Dental (Havanna) 

Western Dental Journal. Items of Interest. Xi-Psi-Phi-Quarterly. 

Dental Review. 

Australien: 

Australian Journal of Dentistry. 

Belgien: 

Revue trimestrielle de Stomatologie. | Le Journal Dentaire Beige. 

Dänemark, Schweden und Norwegen: 

Odontologisk Tidskrift. Tandlägebladet. 

Svensk Tandläkare Tidskrift. 

Deutschland: 

Zeitschrift für Zahnheilkunde. Zeitschrift für zahnärztl. Orthopädie. 

Deutsche zahnärztl. Wochenschrift. Zahntechnische Wochenschrift. 

Deutsche zahnärztliche Zeitung. Zahntechnische Reform. 

Deutsche Monatsschr. f. Zahnheilk. Zahnärztliches Zentralblatt. 

Korrespondenzblatt für Zahnärzte. Journal für Zahnheilkunde und 
Zahnärztliche Rundschau. Zahntechnik. 

Archiv für Zahnheilkunde. Odontologische Nachrichten. 

England: 

British Dental Journal. | Quarterly Circular. 

Dental Record. ! Elliots Quarterly. 

Frankreich: 

Revue de Stomatologie. Revue Iuternat.de Prothese Dentaire. 

Laboratoire. Bulletin du Syndicat des Chirurgien. 

La Province dentaire. Dentistes de Francs 

Revue Odontologique. Le Monde Dentaire. 

Holland: 

Tgdschrift voor Tandheelkunde. 

Italien: 

Rivista Trimestrale di Odontojatria. | La Stomatologia. 

Japan: 

Shikwa-gakuho. 

Oesterreich-Ungarn: 

österr. Zeitschrift für Stomatologie. Fogorvosi Szemle. 

Zeitschrift für Zahntechnik. A Fogtechnikus. 

Ash’s Wiener Vierteljahrs-Fachblatt. Zubni lökarstvi. 

Stomatologiai Közlöny. 

Russland: 

Zubowratschebni wjestnik. | Odontologitscheskoje Obosrenije. 

Kronika dentysticzna. | Zubowratschebni mir. 

Schweiz: 

Schweizerische Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde. 

Spanien: 

La Odontologia. 

Wir bestätigen den Empfang von Tauschexemplaren der genannten Zeit* 
Schriften nnd bitten um deren fernere Zusendung unter der Adresse: 

JULIUS WEISS, Wien, I. Patersplatz 7. 


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UNIVERSETY OF MICHIGAN 



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Empfangene Bücher und Broschüren. 

(Mit Vorbehalt weiterer Besprechung.) 


Deutsche Zahnheilkunde in Vorträgen. Von Prof. Dr. Julius 
Witze!. Heft 12: Ueber Pulpaamputation. Von 
Prof. Dr. Boennecken in Prag. Georg Thieme, Leipzig 
1910. 

Sammlung von Vorträgen auf dem Gebiete der Zahnheilkunde. 

Herausgegeben von Hofrat Prof. W. Pf aff, Leipzig. 
2. Heft: Ueber die Entwicklung der Orthodontie 
besonders in neuerer Zeit und die Hauptauf¬ 
gaben für die Zukunft. Von Prof. Pfaff. Dyksche 
Buchhandlung, Leipzig. 

Atlas und Grundriss der zahnärztlichen Orthopädie. Von Zahn¬ 
arzt Emil Herbst, D. D. S. in Bremen. XX und 404 Seiten 
mit 3 farbigen Tafeln und 438 Abbildungen. Lehmanns 
medizinische Handatlanten, Band XXVI, München 1910. 

Modern Dental Materia Medica, Pharmacology and Therapeutics. 

By J. P. Buckley. With 46 lllustrations. Octavo, XI and 
383 pages. P. Blakiston’s Son & Co., Philadelphia. 

Arbeiten aus dem neurologischen Institute an der Wiener Universität. 

Herausgegeben von Prof. Dr. Heinrich Obersteiner. 
XVIII. Band. Die Veränderungen des Ganglion 
GasserinachZahnverlust. Von Dr. Bertold Spitzer, 
Assistent am k. k. zahnärztlichen Universitätsinstitut in 
Wien. Franz Deuticke, Leipzig und Wien 1910. 

Betrachtungen Ober die weitere Entwicklung der schulzahn- 
hygienisehen Fürsorge. Von Dr. Julius Misch, Berlin. 
Sonderabdruck aus „Die zahnärztlich-soziale Fürsorge“. 
Vierteljahrsbeilage der „Zeitschrift für Zahnheilkunde“, 
IV. Jahrg., Nr. 2. 

Die Massage des Zahnfleisches und der Kiefer. Von Dr. med. 
Erich Feiler, Arzt und Zahnarzt in Breslau. Sonderab¬ 
druck aus „Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde“ 
1910, Heft 3. 

Untersuchungen über den osmotischen Druck einiger Lokal¬ 
anästhetika. Von Zahnarzt H. Bünte und Zahnarzt 
H. Moral in Greifswald. Sonderabdruck aus „Deutsche 
Monatsschrift für Zahnheilkunde“ 1910, Heft 2. 

Die chirurgische orthodontische Behandlung des Diasthema. Von 

ZahnarztE. Lubowski, Berlin. Sonderabdruck aus Heft 2, 
Jahrg. 1910 der „Zeitschrift für zahnärztliche Orthopädie“. 


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Einfluss der Entbindungsheime und der Stillfürsorge auf die 
Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahre. Von Dr. Demetrio 
Galatti. Separatabdrack aus der Wochenschrift „Das 
österreichische Sanitätswesen“ 1909, Nr. 45, 46, 47 u. 48. 

lieber Brückenarbeiten. Von Zahnarzt Dr. Robert Eronfeld 
in Wien. Sonderabdruck aus „Deutsche Monatsschrift für 
Zahnheilkunde“ 1910, Heft 1. 

Unblutige Behandlung einer kutanen chronischen Kinnfistel, aus¬ 
gehend von einem äusserlich intakten Frontzahn. Von 

Dr. Julius Haas in Bielitz. Sonderabdruck aus der „Zeit¬ 
schrift für Zahnheilkunde“, IV. Jahrg., Nr. 6. 

Herz- und Gefässkrankheiten. Neue Wege zu ihrer Beurteilung 
und Heilung. II. Herzmuskelschwäche, Herzer¬ 
weiterung und ihre nervösen Begleiterschei¬ 
nungen. Von Dr. med. A. Smith. Verlag für Volks¬ 
hygiene und Medizin, Berlin. 

Tuberculosis among certain indian tribes of the United States. 

By Aleä Hrdliöka. Smithsonian Institution, Washington 
1909. 

Ricerche sullo sviluppo della dentina secondaria. Professore 
Dr. Gaetano Fasoli. Estratto dal Giornale „La Stoma- 
tologia“, Anno VIII, No. 4. 

Zubowratschebni wjestnik. Jubiläums-Nummer. St. Petersburg 
1909. 


NB. Bei Zusendung von Rezensionsexemplaren, Tausch¬ 
exemplaren von Zeitungen etc. wolle man sich nur meiner 
Adresse bedienen. 


Julius Weiss 


Wien, I. Petersplatz Nr. 7. 


Patente and Gebranchsmnster-Eintragnngen. 

(Mitgeteilt von Ing. V. Monath, Patentanwalt, Wien, 

l. Jasomirgottstrasse 4.) 


Vorrichtung zur Herstellung von Melallgussstücken für 
zahntechnische Zwecke mit Luftleere. Dr. Pierre Real, Paris. 

Auf einen Dorn aufschiebbarer Schleif- und Poiierkopf 
für zahntechnische Zwecke. Charles Neff, Mühlhausen. 

Verfahren und Vorrichtung zur Herstellung von Zahn¬ 
füllungen. Andreas Taggart, Chicago. 


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Befestigung auswechselbarer Saugscheiben an künstlichen 
Gebissen. A. Bongartz, Barmen. 

Speigefäss, dessen Spülvorrichtung mit dem Wasser auch 
Luft ansaugt. Emil Hempel, Berlin. 

Betäubungsvorrichtung für zahnärztliche Zwecke. Richard 
Bradbury, Broadstairs. 

Vorrichtung zur Befestigung künstlicher Zähne an hinter¬ 
legtem Metall mittels eines den Befestigungsstift aufnehmenden 
durchbohrten Zapfens. Ernst Tischauer, Berlin. 

Matrizenklammer für Molaren und Bicuspidaten zum Fest¬ 
halten des Matrizenbleches. Dr. Herrn. Peckert, Heidelberg. 

Einspannvorrichtung für zahntechnische Küvetten. Fritz 
S t a y e 1, Kneuttingen. 

Biegsame Deckhülse für zahntechnische Bohrmaschinen¬ 
oberteile. Weber & Hampel, Berlin. 

Doppelseitiges Plombierinstrument aus besonders präpa¬ 
rierten Knochen und mit Ebenholzgriff für zahnärztliche Zwecke. 
Fr. Müller, Worms. 

Hilfsvorrichtung für die Herstellung von Metallkronen 
für Zähne. Emil Mohr, Köln. 

Mundeinlage zur Rundung eingefallener Wangen. Mar¬ 
garete Spellerberg, Steglitz. 

Fusskontakt mit selbsttätiger Bremsung für zahnärztliche 
Zwecke. Robert Tack, Berlin. 

Kissen mit Saugstoffeinlage als Zahnschutz. Anna Korn- 
mann, Offenbach. 

Scheibenträger für zahntechnische Zwecke. Aug. G e r w i g, 
Pforzheim. 

Wasserzulaufsvoirichtung für Speigefässe. Paul Wie der- 
hold, Berlin. 

Metallgussapparat für zahntechnische Zwecke. Karl 
Osterberg, Hannover. 

Zahnbürste. August Hasenbichel, Neuhaus bei Cilli. 

Zahnzange. Dr. Ignaz Kaiser, Olura. 

Säurefester Nervkanalbohrer. Siemens & Halske, 
A.-G., Berlin. 

Anrühr- und Bearbeitungsinstrument für zahntechnische 
Zwecke. Siemens & Halske, A.-G., Berlin. 

Rotierende Zahnbürste. Dr. Leop. Langh, Wien. 

Bürste mit abnehmbarem Borstenträger. Jakob K n o 11 e r, 
Berlin. 


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Berliner zahnärztliche Poliklinik 

Fernsprecher Amt VI, 781 

Belle Allianoestrasse 87/88. BERLIN SW. Belle Alliancestrasse 87/88. 

= Gegründet 1902. — 111 = = 

Institut für Fortbildungskurse 

in den Fächern der operativen, prothetischen u. orthopädischen Zahnheilkunde. 
Vorstand : Zahnarzt Alfred Körbitz. 

Leiter der konservierenden u. chirurgischen Abteilung: Zahnarzt Paul W. Simon. 

I. Konservierende AbteUung. Das Füllen der Zähne mit Gold-, Porzellan- und 

Metalleinlagen sowie plastischen Materialien. Behandlung pulpa- und wurzel¬ 
kranker Zähne na^h den Ergebnissen der neueren wissenschaftlichen Unter¬ 
suchungen. Täglich 9—1 und 8—6 Uhr. 

II. Chirurgische Abteilung. Extraktionsübungen. Unterricht in der lokalen und 
Leitungsanästhesie. Wöchentlich Demonstrationen operativer Eingriffe, wie 
Ausmeisseiungen, Wurzelspitzenresektionen, Zystenexstirpationen etc. Täg¬ 
lich 12—1 und 8 -4 Uhr. 

Zahnärztliche Röntgenologie. Dienstag und Freitag 5—6 Uhr. 

III. Prothetische Abteilung. Anfertigung von Kautschuk- und Metallersatz¬ 
stücken, Stiftzähnen, Kronen und Brücken am Phantom und für Patienten. 
Täglich 9—1 und 8—6 Uhr. 

IV. Orthodontische Abteilung. Mehrmals im Jahre 14 tägige Demonstrations- 
kurse mit beschränkter Teilnelimerzahl. Ferner praktische Uebungen in den 
Methoden von Angle, Case, Baker u. a. Montag und Donnerstag 6-8 Uhr. 

Als Ergänzung des praktischen Unterrichtes finden in allen Abteilungen 
ständig Vorlesungen und Demonstrationen statt. Den Praktikanten steht die 
reichhaltige Institutsbibliothek zur freien Verfügung. 

Ausser den allgemeinen Kursen werden auf Wunsoh Spezialkurse von 
ein- oder mehrwöchiger Dauer erteilt, besonders in den Methoden des Gold¬ 
füllens, der Porzellan- und Metalleinlagc arbeiten, Kronen- und Brückenarbeiten 
und Regulierungen. 

Anmeldungen sind möglichst frühzeitig an das Bureau der Berliner 
zahnärztlichen Poliklinik zu richten, von dem alle Anfragen gern beantwortet 
und ausführliche Prospekte versandt werden. Der Eintritt kann jederzeit er¬ 
folgen. Aufnahme finden nur approbierte Zahnärzte und Aerzte aller Länder. 
Für Techniker ist ein besonderer Laboratoriumskurs eingerichtet. 


Dvi Heinrich Höck 

Zahnarzt 

_ Wien. I. Volksgartenstrasse 5 ZZZZH 

empfiehlt sich den P. T. Kollegen zur Herstellung von 

as Röntgen-Aufnahmen am 

zu diagnostischen Zwecken. 

Auskünfte werden mündlich und brieflich bereitwilligst erteilt. 


Le Traducteur, The Translator, II Traduttore, 

drei Halbmonatsschriften zum Studium der französischen, englischen, 
italienischen und deutschen. Sprache. 

Das Studium einer fremden Sprache auf Grundlage der Uebersetzung 
bezweckt vorzüglich einen eingehenden Vergleich mit der Muttersprache und 
bedingt deshalb ein tieferes Eindringen in die Eigenheiten beider Sprachen. 
Obige Zeitschriften bringen die modernen und der Umgangssprache angepassten 
Sprachausdrücke, wie man sie meist vergebens in klassischen Werken suchen 
würde. Die in jeder Nummer auftretenden praktischen Gespräche sind so recht 
dem Leben entnommen und leiten auf zweckmässige Weise zum praktischen 
Gebrauch der zu studierenden Sprache hin. — Probenummern für Französisch* 
Englisch oder Italienisch kostenfrei durch den Verlag des „Traducteur“ in 
La Ohaux-de-Fonds (Schweiz). 


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539 


. . = Alte - ■ 

gutgehende Praxis 

in österreichischem Badeort abzugeben. — Jahreseinnahme 
24.000 K. Einführung bis zu einem Jahre möglich. 

Anfragen unter „Dr. U. Nr. 422“ befördern die Herren 
Weiss & Schwarz, Wien, f. Pelersplatz 7. 


Assistent, eventuell Uebernehmer 

für eine alte gute Praxis in Niederösterreich gesucht. Kulante 
Bedingungen. 

Anträge unter „0. W. Nr. 423“ befördern die Herren 
Weiss & Schwarz, Wien, I. Petersplatz 7. 


Praxis-Uebergabe 

aus Gesundheitsrücksichten. Jahreseinnahme 22.000 K. 

Deutsche Provinzstadt von 25.000 Einwohnern. Einführung 
zugesichert. 

Anfragen unter „B. B. Nr. 420“ befördern die Herren 
Weiss & Schwarz, Wien, I. Petersplatz 7. 


Assistent, später Uebernehmer 

wird für eine alte feine Praxis im Süden Oesterreichs gesucht. 

Anträge unter „A. P. Nr. 421* befördern die Herren 
Weiss & Schwarz, Wien, I. Petersplatz 7. 

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Silbermanns Goldgussapparat 

ganz neu, vorzüglich funktionierend, wird preiswert abgegeben. 

Anfragen an die Herren Weiss & Schwarz, Wien, I. Peters¬ 
platz 7. 


Gebrauchter, gut erhaltener Kugelmotor 

für 110 Volt Gleichstrom billig abzugeben. Anfragen unter 
„Elektromotor“ befördern die Herren Weiss & Schwarz, Wien, 
I. Petersplatz 7. 


Gebrauchter stehender Motor 

System Klingelfuss für Gleichstrom, billig abzugeben. Anfragen 
unter „Klingelfuss“ befördern die Herren Weiss & Schwarz, 
Wien, I. Petersplatz 7. 


H)ermattn /ßeu^er 

Berlin W. 35/106, Steglitzerstrasse 58 



Einzige Spezialbucbbandlnng für 
— - ZaUeilkande = 

ist bestrebt, durch solide, kulante und 
schnelle Bedienung ihren Kundenkreis 
zu erweitern. Zur Erleichterung der 
Anschaffung werden monatliche Teil¬ 
zahlungen in der Höhe des zehnten 
Teiles des Kaufpreises eingeräumt. 



Bel grösseren Aufträgen Ermässigung der Monatsrate auf 
den zwanzigsten Teil. 


Vollständiges Lager. — Allerneueste Auflagen. 


Fachkatalog gratis. Portofreie Sendung. 


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341 


Zahnärztlicher Unterricht 

an den Universitäten in Oesterreich und Ungarn. 

-- 

si) Oesterreicli. 

Wien. K. k. zabnärztl. Universitäts-Institat, ix. THAensirasst ». 

Vorstand: Reg.-Rat Prof. Dr. Julius Sch eff. 

Assistenten: I. Dr. Berth. Spitzer, II. Dr. Bruno Klein. 
Demonstratoren: Med. stud. Heinrich Krakesch und Georg Fifka. 

I. Semestralvorlesungen über operative u. konservierende Zahnheilkunde, 

fttnfmal wöchentlich von 4 bis 6 Uhr abends. Dieselben umfassen die gesamte 
Theorie in Verbindung mit Uebungen am Phantom und dauern als solche bis 
zu den Weihnachtsferien. Nach letzteren beginnen die praktischen Uebungen 
an Patienten bis zum Semesterschluss. 

II. Semestralvorlesungen für Mediziner zweimal wöchentlich. 

III. Semestralvorlesungen Ober Zahnersatzkunde; Herstellung von Ersatz¬ 
stücken an Patienten, fünfmal wöchentlich von 8 bis 10 Uhr vormittags. Von 
10 bis 12 Uhr praktische Uebungen in den Arbeitsräumen für Zahnersatzkunde. 

IV. Doz. Dr. Rud. Loos liest ein zweistündiges Kolleg mit Demonstra- 
tionen und prakt. Uebungen für Mediziner. Samstag von 3 bis 5 Uhr nachm. 

V. Ferialkurse: 

Instituts - Assistent Dr. B. Spitzer hält während der Weihnachts¬ 
and Osterferien, sowie anfangs September theoretische und praktische Ferial¬ 
kurse über operative und konservierende Zahnheilkunde und Zahnersatzkunde 
in der Dauer von 6 bis 7 Wochen mit Uebungen am Patienten ab. Anfragen: 
IX. Türkenstrasse 9, Universitäts-Institut. 


Wien. Zahntatl. Abteilung d. allg. Poliklinik, ix. Höfergasse 1. 

Vorstand: Doz. Dr. v. Wunschheim. 

Assistenten: Dr. 0. v. An der Lan und Dr. Nik. Schwarz. 

I. Semestralvorlesungen Ober Zahnhellkunde für Mediziner, zweistündig, 
Dienstag, Donnerstag von 6 bis 7 Uhr abends, K 4 20. 

H. Praktische Uebungen in konservierender Zahnheilkunde an Patienten 
fnrVorgeschrittene. zehnstündig, fünfmal wöchentlich von & bis 7 Uhr abends, 60 K. 

III. Doz. Dr. Rudolf Weiser. Semestralvorlesung über Zahnersatz¬ 
kunde, Dienstag, Donnerstag, Samstag von 7 bis 8 Ubr früh in Verbindung 
mit praktischen Uebungen am Patienten, fünfmal wöchentlich von 8 bis 10 Uhr 
vormittags. Honorar 100 K. (Anmeldungen nnd Anfragen — nur schriftlich — 
sind zn richten an Dr. R. Weiser, IX. Frankgasse 2.) 

IV. Ferialkurse: 

DieAbteilungs-Assistenten Dr. O.v. An der Lan und Dr.Nik. Schwarz 
halten während der Weihnachts- und Osterferien, sowie anfangs September 
praktische Kurse über konservierende Zahnheilkunde nnd Zahnersatzkunde mit 
Uebungen am Patienten ab. Anfragen: IX. Höfergasse, Allg. Poliklinik. 


Doz. Dr. L. Fleischmann liest: Die normale nnd pathologische Histo¬ 
logie der Zähne, einschliesslich der Histogenese. Einstündig. Tag und Stunde 
uach Uebereinkunft im Histologischen Institut (Prof. Ebner). 


Doz. Dr. W. Wal lisch liest im Sommersemester nicht. 

10 * 


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6m. K. k. zahnärztl. UnlTersitäts-Institat. 

Vorstand: Prof. Dr. Franz Trauner. 

Assistenten: I. Dr. R. Benedikt, II. Dr. Enescbaurek. 

I. Semestralvorlesungen Uber Zahnheilkunde: Montag, Mittwoch and 
Freitag von 5 bis 6 Uhr abends als 3 ständiges Kollegium. 

II. Praktischer Kure an Patienten fOr Vorgeschrittene, 10 Standen 
wöchentlich 8 Wochen hindurch, Montaer bis Freitag von 6 bis 7 Uhr abends, 
gegen das Honorar eines 10 ständigen Kollegiums. 

III. Zahnersatzkunde : Montag bis Samstag von 8 bis 10 Uhr, verbunden 
mit Arbeiten im Laboratorium fär Ersatzkunde von 10 bis 12 Uhr als 20stüud 
Kollegium. 

IV. Ferialkurse lesen die Assistenten. 


Innsbruck. K. k. zahnärztl. Universitäts-Institut, Annichstr. 24. 

Vorstand: Prof. Dr. B. Mayrhofer. 

Assistenten: I. Dr. Eng. Pöll, IL Dr. W. Mitter. 

I. Klinische Vorlesungen Uber Pathologie u. Therapie der Zahnkrankheiten 
mit Praktikum, 8 Stunden wöchentl.; Dienstag von 5 bis 7 Uhr und Donnerstag 
von 5 bis 6 Uhr. 

II. Praktische Uebungen an Patienten in der operativen Zahnheilkunde, 
verbunden mit Demonstrationen. Gemeinsam mit Dr. Arnold. Montag bis 
Freitag von 2 bis 8 Uhr. Als 6 sttind. Kollegium zu rechnen. Laboratoriums¬ 
gebühr 25 K. Teilnehmerzahl nach Massgabe der vorhandenen Arbeitsplätze 
beschränkt. 

III. Theoretisch-praktischer Semestralkurs Uber künstlichen Zahnersatz, 
verbunden mit Demonstrationen und Uebungen an Patienten. Gemeinsam mit 
Dr. Mitter. Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr. Als 5stünd. Kollegium zu 
rechnen. Laboratoriumsgebühr 50 K . Teilnehmerzahl nach Massgabe der vor¬ 
handenen Arbeitsplätze beschränkt 

IV. Jn den Weihnachts-, Oster- und Sommerferien werden operative 
und technische Assistentenkurse abgehalten. 


Prag. Zahnärztl. Institut der k. k. deutschen Universität. 

Prag, I. Obstmarkt 6. 

Vorstand: Prof. Dr. H. Bönnecken. 

Assistenten: I. Dr. A. Kerber, II. Dr. H. Fritsch. 

Volontär-Assistent: Dr. H. Kleiner. 

I. Semestralvorlesungen : o) Theoretische und praktische Zahnheilkunde 
mit Demonstrationen und Uebungen an Zahnkranken: Montag, Mittwoch, Freitag 
6 bis 7 Ubr; b) zahnärztlicher Operationskurs mit besonderer Berücksichtigung 
der Erhaltung erkrankter Zähne durch Fällung: Täglich 4 bis 6 Uhr; c) Kursus 
der zahnärztl. Technik: Täglich 2 Stunden nach Uebereinkunft. (Honorar 100 2T.) 

II. Kurse: Plombierkurse werden vom 1. Oktober bis 30. November und 
7. Jänner bis 28. Februar und vom 1. Mai bis 16. Juni von Dr. H. Fritsch, 
Kurse über Zahntechnik zu denselben Terminen von Dr. R. Kleiner abgehalten. 
Ausserdem eventuell 4- bis 6 wöchentliche Ferialkurse zu Ostern und in den 
Hauptferien. Nähere Auskünfte erteilen die Genannten. 


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Prag. K. t böhmisches Uaiyersitäts-Ambulatorimn. 

Vorstand: Prof. Dr. E. Nessel. 

Assistent: Dr. Tereba. Zwei Demonstratoren. 

Zahnhellkund«. Theoretische Vorträge mit Uebungen am Phantom, 
Demonstrationen im Plombieren der Zähne für Anfänger. 

Klinik der Zahnkraukheiten mit Uebnngen im Extrahieren nnd Plom¬ 
bieren der Zähne ftlr Vorgeschrittene. 

Doz. Dr. J. Jesensky liest im Wintersemester zweimal wöchentlich 
ein Kolleg mit praktischen Uebungen für Mediziuer. 

Privatkurse nach vorheriger Anmeldung nnd Verabredung mit dem 
Vorstand des Institutes. 

Ferialkurse (Weihnachten, Ostern. Ferien) liest Dr. Tereba. 


Vorstand: Prof. Dr. W. Lepkowski. 

Assistent: Dr. -Podtyslei. — Demonstrator: Stefaäski. 
Sechswöchentlicher Kurs, von 8 bis 9 Uhr früh, fünfmal wöchentlich. 
Uebnngen im Plombieren nnd Extraktion der Zähne, 3 Stunden 
wöchentlich von 9 bis 10 Uhr früh. 

Zahnersatzkunde, 3 Stunden wöchentlich von 8 bis 9 Uhr früh (Privat). 

Lemberg. K. I zahnärztl. Universitäts-Ambnlatoriom. 

Vorstand: Doz. Dr. A. Oonka. 

Assistent: Med. stnd. Leopold Gottwald. 

I. Praktische Uebungen am Patienten, 3 Std.wöch., von 8 bis 9 Uhr vorm. 

II. Praktische Uebungen im Füllen mit plastischen Materialien (Privat). 

III. Zahnersatzkunde, 3 Stunden wöchentlich. 

Doz. Dr. Theodor Bohosiewicz 

-XK-- 

To) TTaagrsi raau 

Badapföt Stomatolog. Klinik d. kgl. Universität, vm. lirmtea. 

Vorstand: Prof. Dr. J. v. Arkövy. 

Honorar-Assistent: Dr. H. Salamon. 

Assistenten: I. Dr. J. Sturm, H. Dr. E. Major. 

Demonstratoren: Dr. D. v. Mäthö, Dr. F. Faisztl, Dr. J. Kanitzer 
und Dr. E. Apäti. 

Semestral Vorlesungen; 

I. Stomatologische Poliklinik, einmal wöchentlich von 5 bis >/,7 Uhr 
abends (Montag) für die allgemeine Praxis. 

Stomatologische Propädeutik, einmal wöchentlich von 5 b's %7 Uhr 
abends (Dienstag) für zukünftige Spezialisten. 

Stomatologische Operationslehre, einmal wöch. von 5 bis ’/,7 Uhr abds. 
(Donnerstag) für zukünftige Spezialisten. (Gehalten von Prof. J. v. Arkövy.) 

II. Zahnersatzkunde unter Leitung des Doz. Dr. L. Hattyasy, zweimal 
wöchentlich von 5 bis ’/a? Uhr abends (Mittwoch und Freitag). 

III. Zahnärztliche Operationslehre, einmal wöchentlich von 5 bis 7 Uhr 
abends (Samstag), Doz. Dr. J. Szabö. 

Die Klinik ist von 8 bis 12 Uhr vorm, und von 4 bis 8 Uhr abds. geöffnet. 
Privatkurse werden von den Assistenten abgehalten. 

Hansenbarg. König). Universität. 

Kurse: Doz. Dr. K. Hoencz: Mund- und Zahnkrankheiten, verbunden 
mit Extraktions- und Füllungs-Exerzitien. 

Doz. Dr. G. Budas: Histologie und Pathologie der Zähne. 


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Zabnät3tUcbC8 Uecbntkum Zürich 

Portbildungsinstitut für Studierende und Zahnärzte 
speziell in moderner zahnärztlicher netalltechnih« 

Das »Zahnärztliche Technikum Zürich“ ist ein Institut, an 
welchem Praktikanten der Zahnheilkunde sich in kurzen Ferienkursen 
mit der modernen zahnärztlichen Metalltechnik vertraut machen können. 


A. Praktische Kurse: 

Dauer: 3 Wochen. 

Datum: Vom 1. bis 20. jedes 
Monats. 

Kurstaxe: 300Frks. pro Teil¬ 
nehmer. 


B. Demonstrationskurse: 

Dauer: 8 Tage. 

Datum: Jeweilen vom 1. bis 8. 
jeden Monats. 

Kurstaxe: 150 Frks. pro Teil¬ 
nehmer. 


lieber Monats-, Quartals-, Semester- und iahreskurse siehe Institutsprospekt. 

Bei den praktischen Korsen arbeitet jeder Teilnehmer selbst, wahrend 
bei den Demonstrationskursen nur der Demonstrierende praktisch tätig ist und 
die Knrsisten nur Hörer und Zuschauer sind. 


Der Eintritt kann für beide Kursarten monatlich erfolgen. Die Anmeldungen 
erfolgen vorteilhaft recht frühzeitig, weil dieselben ihrer Reihenfolge nach be¬ 
rücksichtigt werden. Als definitiv angemeldet werden nur solche betrachtet, welohe 
mit der Anmeldung die Hüfte der Kurstaxe einsenden. Die zweite Hälfte ist bei 
Beginn deB Kurses zu entrichten. Zahnärzte können auch ihre Techniker zur 
Ausbildung in der Metalltechnik schicken, für welche 14tägige Laboratoriums¬ 
kurse k 200 Frks. eingerichtet sind. Eintritt je am 8. eines jeden Monats. 

lnstitutsproapekt bei den Herren Weiss & Schwarz in Wien, I. Petersplatz 7, 
erhältlich. 


Weitere Auskünfte erteilt 


Dr. Eng. Müller-Wädensweil 


Direktor des Zahnärztlichen Technikums 
Zürich, Alfred Escher-Platz 2. 



C. Haubners Engelapatheke 

Wien, I. Bognergasse Nr. 9. 

— Generaldepot der - 

Orig. Bernatzlks sterilisierten subkutanen Iqjektlonen 

===== in zugeschmolzenen Glasphiolen: — . 

Injektion snbeut. Adrenalin-Suprarenin synthet., 
Kokain und Alypin, Fletcher-Pulver und Flüssig¬ 
keit, Aether chlorat. mit Momentverschluss und 
Perhydrol Merck, sowie alle erprobten, auf die zahn¬ 
ärztliche Praxis bezughabenden Präparate und Speziali¬ 
täten, wie: Adrenalin ä 10*0 und 30*0 Pasten, 
Wurzelfüllungen, alle Arten Anästhetika etc. 


Zn verkaufen: 2 gebrauchte Operationsstühle 

System Morrison, amerikanisches Fabrikat, mit Kurbel, sehr 
niedrigem Sitz, sind billig abzugeben. — Auskunft erteilen 
die Herren Weiss & Schwarz, Wien, I. Petersplatz 7. 


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UNIVERSfTY OF MICHIGAN 


XXVI. Jahrgang. 


Juli 1910. 


Heft III. 


Öesterreichisch-ungarische 

VierteljahrsscMt für Zahnheilkonde. 

Herausgegeben von 

JULIUS WEISS, Wien, I. Petersplatz 7 

unter ständiger Mitwirkung der Herren: 

Pr0 i^' Dr U J ' o ^. kö yy- Buda p»8t — Prof. Dr. H. Bönnecken, Prag — Prof. Dr. W. Bruck. Breslau 
Do*. Dr. G. Fischer, Greifswald — Doz. Dr. L. Flei&chmann, Wien — J. Grünbenr. Berlin — 
Doz. Dr. L. Hattyasy, Budapest — Dr. H. Hock, Wien - Prof. Dr. C. Jung, Berlin - Dr. 
T. Kaas, Krems — Dr. M. Karolyi, Wien — Dr. R. Kronfeld, Wien - Dr. M. Kulka, Wien — 
Dr. J. Lartschneider, Linz — Doz. Dr. R. Loos, Wien - Prot Dr. B. Mayrhofer, Innsbruck 
— Dr. A. Oppenheim, Wien - Dr. 6. Preiswerk, Basel — Prof. Dr. G. Port, Heidelberg — 
Doz^Dr. G. Röse, Dresden - Doz. Dr. A. Rothman, Budapest - Prof. Dr. W. Sachs, Berlin 

“■ P™* ^ Scheff, Wien — Prof. Dr. H. Schröder, Berlin — Dr. E. Smreker, Wien _ Dr. 

B. Spitzer, Wien Doz, Dr. J. bzabö, Budapest — Prof. Dr. F. Trauner, Graz — Doz. 
Dr. W. Vajna. Budapest — Prof. Dr. 0. Walkhoff, München — Doz. Dr. W. Wallisch, Wien — 
_Doz. Dr. R. Weiser, Wien — Doz. Dr. G. v. Wunschheim, Wien. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Sie DütemWap der Stomatologie. 

Von Dr. Josef v. Ärkövy, ao. ö. Professor an der Universität 

in Budapest. 

Die Frage des Fachunterrichtes der Zahnheilkunde, rich¬ 
tiger Stomatologie, in ihrem Gesamtumfange ist heute vielleicht 
mehr denn je zuvor eine offene Frage. Die Gesichtspunkte, aus 
welchen man diesen Fachunterricht betrachten kann, sind ver¬ 
schieden und nichts beweist diese Tatsache lebhafter als der 
Umstand, dass internationale Vereinigungen (Assoziationen und 
Föderationen), als auch Landeskörperschaften sich mit dieser 
Frage seit vielen Jahren befassen. Die Ergebnisse, welche bisher 
aus dem gesamten einschlägigen Material dieser Beratungen 
hervorgeholt werden könnten, würden doch nicht, oder noch 
immer nicht imstande sein, die Frage mit einem Schlage zu 
lösen. Es liegt eben in der Natur und vielleicht nicht gerade 
in der Natur, als vielmehr in den äusseren Umständen — ge¬ 
geben in den verschiedenen Ländern — die Ursache, warum 
es eben eine derartige Sachlage dieser Frage gibt. Eben deshalb 
gehört es zu den schwierigsten Aufgaben, eine Frage beleuchten 
zu wollen, welche man bisher selbst bei bestem Willen nicht 
rein und ausschliesslich aus der Natur der Frage selbst heraus 
zu lösen und zu einer einheitlichen Entscheidung zu bringen 
vermochte. Alles, was in dieser Frage bisher mündlich und 
schriftlich geleistet und aktiviert worden ist, hat den Stempel 
des Schwankens, der Unsicherheit, ja oft des Tastens im Dunkeln 
an sich. Vertieft man sich in die Frage in ernster und wohl- 

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Prof. Dr. J. v. Arkövy, Budapest: 


wollender Weise, so wird es der Aufmerksamkeit kaum ent¬ 
gehen, dass die vielfachen und verschiedenartigen Anpassungs¬ 
bestrebungen nach Ländern und nationalem Gebrauch, als auch 
nach finanziellen Motiven — die Veranlassung eher zur Kon¬ 
fusion als zur Lichtung abgegeben haben. Eine gewisse Scheu, 
diese Nebenumstände aufzudecken und direkt die Frage in 
ihrer Natur, in ihrem edukationellen Wesen anzufassen, ist 
der resultierende Eindruck der Betrachtung der Frage aus einer 
dem Eigennutz entrückten Höhe. 

Im Nachfolgenden will ich bestrebt sein, eben diesen arg 
vernachlässigten Gesichtspunkt möglichst inne zu halten und 
diese Unterrichtsfrage aus der Natur der Sache zu beurteilen. 

Die Erfahrungen, welche mir seit dem Bestände der neu¬ 
errichteten stomatologischen Klinik an der königl. Universität 
zu Budapest zu Gebote stehen, scheinen mich in den Stand zu 
setzen, mich über diese Frage mit einer gewissen Kompetenz 
äussern zu können. Sollte es mir gelingen, durch meine Dar¬ 
legungen der Auffassung dieser Frage zum Wohle der Mensch¬ 
heit sowie des Faches die entsprechendste Richtung zu geben, 
dann haben sie den einzigen Zweck, welchen ich mittels der¬ 
selben verfolge, glücklich erreicht. 

Die Zahnheilkunde recte Stomatologie ist ein medizinisches 
Fach, wie es alle übrigen medizinischen Fächer sind; es besteht 
gar kein Unterschied zwischen diesen und jener, sowohl hinsicht¬ 
lich der theoretischen Basierung, als auch der klinisch-prak¬ 
tischen Betätigung; die Stomatologie besitzt überdies ein 
erhöhtes Quantum von mechanischen Verrichtungen und damit 
erhält deren Inhalt nicht eine Verminderung, sondern ein Plus. 
Der Unterricht der medizinischen Wissenschaften mit ihren 
sämtlichen Fächern steht in der ganzen Welt den medizini¬ 
schen Fakultäten der Universitäten oder den ärztebildenden Ho¬ 
spitälern zu. Sämtliche medizinischen Disziplinen werden in der 
ganzen Weit in gleicher Weise und in gleichem Ausmasse unter¬ 
richtet; es gibt also kein Mindermass an Unterricht in der 
Anatomie, Physiologie, Pathologie etc. als fundamentale Diszi¬ 
plinen, sobald von einer Aerztebildung die Rede sein soll. 
Ebenso erheischt jedes einzelne medizinische Fach seine eigenen 
und speziellen theoretischen Vorkenntnisse, als auch im selben 
Sinne genommen praktische Unterweisung. Es kann in der 
Dauer des Unterrichtes nach verschiedenen Ländern Unter¬ 
schiede geben, besonders wo ausser Doktoren der Medizin und 
vollständig ausgebildeten Aerzten, Praktiker minderen Grades 
kreiert werden (general practitioner), aber eine mindere Aus¬ 
bildung in irgend einem medizinischen Fache, im Gegensätze 
zu einer vollständigen innerhalb desselben, sollte und dürfte 


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Die Uiiterrichtsfrage der Stomatologie. 


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nirgendwo in der Welt bestehen. Für die Anforderungen der 
Krankenbehandlung in der Praxis kann ein Arzt mit minder 
hoher Vor- und medizinischer Ausbildung noch immer mehr 
minder gute Dienste leisten und genügen; was jedoch — milde 
bezeichnet — als eine Unzukömmlichkeit zu betrachten ist, 
denn das ist es, wenn in einem medizinischen Spezialfache 
ein höheres Mass und ein Mindermass von fachlicher Ausbildung 
Platz gegriffen hat. 1 Es liegt eben in der Natur der Sache, 
dass ein spezieller medizinischer Wissenszweig in seinem vollen 
Umfang, alles Einschlägige inbegriffen, durch den Spezialarzt 
beherrscht werden muss. 

Wendet man sich nun zur Betrachtung der Verhältnisse, 
welche sich auf den Unterricht der Zahnheilkunde (Stoma¬ 
tologie) beziehen, so ergeben sich Erwägungen, wie sie hier 
folgen sollen. 

Es gibt kein einziges medizinisches Fach, dessen spezielle 
Ausübung nicht an das Aerztetum des Ausübenden gebunden 
wäre, und es muss mit Entschiedenheit in Abrede gestellt 
werden, dass für die Zahnheilkunde (Stomatologie) die Not¬ 
wendigkeit eines Ausnahmszustandes vorliege. 8 Mit anderen 
Worten, es liegt kein Grund vor. irgend ein medizinisches Fach 
und dessen Ausübung Nichtärzten auszuliefern. Es darf dies 
schon deshalb nicht geschehen, weil es eben in der eigensten 
Natur der Sache liegt. 

Der Fachunterricht der Zahnheilkunde (Stomatologie) muss 
sich nach drei Richtungen bewegen. Die erste ist die Unter¬ 
weisung in allen theoretischen — jedoch fundamentalen — 
Kenntnissen, welche die Befähigung zum klinischen Wirken ab¬ 
geben sollen, dies ist die stomatologische Propädeutik; die 


1 Es muss zagegeben werden, dass in der Vergangenheit die Not¬ 
wendigkeit eines solchen Ausnahmszustandes tatsächlich bestanden hat, es 
soll aber wohl unterschieden werden, nicht aus der Natur und den Exigentien 
des Faches heraus, sondern entstanden infolge äusserer Umstände, nämlich 
dadurch, dass man zu der Wahrnehmung gelangt war, die Zahnkrankheiten 
seien eine Volkskrankheit, zu deren Bekämpfung interimistisch die Anzahl 
des vorhandenen und demnächst zu gewärtigenden Aerztebestandes nicht 
ausreicht etc. Näheres über dieses Thema findet sich in: „Beleuchtung der 
Frage des Aerztetums der Zahnärzte, recte Stomatologen“ von Dr. J. v. Ärkövj. 
Separat-Ausgabe und Abdruck der „Stomatologischen Zeitschrift“ („Stomatol. 
Közlöny“), Nr. 5, 1907. 

J Wenn das hier zu entwerfende Studienprogramm geschmälert wird, 
weil es eben an die mindere Qualität der Studentenschaft angepasst werden 
muss — wie in einem College — so zerfällt der ganze Bau bereits in Stücke, 
sobald man bedenkt, dass aus diesen Nichtärzten überdies auch noch nicht 
voll unterrichtete Spezialisten hervorgehen werden. Mit anderen Worten: Der 
betreffende Kandidat der Zahnheilkunde ist weder ein Arzt, noch ein Spe¬ 
zialist, wie er sein sollte. — Bereits aus diesen inneren Gründen ist das 
Uollege-System unhaltbar. 

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zweite Richtung ist die klinische Stomatologie, d. h. der In¬ 
begriff aller praktischen Kenntnisse, welche die Ausübung des- 
Faches an Kranken darstellen; und die dritte Richtung ist der 
stomato technische Unterricht, sowohl laboratorisch als klinisch. 
(Auf die Einzelheiten kommen wir später zurück.) 

Der allgemeine medizinische Unterricht bietet ein reich¬ 
liches Ausmass von Kenntnissen theoretisch-fundamentaler Art^ 
um für die Ausübung von Spezialfächern, wenigstens in grossen 
Zügen, die Aerzte zur Ergreifung und Kultivierung eines Spezial¬ 
faches vorbereitet zu haben, und es erübrigen nur kleinere 
Details theoretischer Natur, welche durch Nachstudium erlangt 
werden können. Dasselbe kann hinsichtlich des klinischen Teiles 
der medizinischen Spezialfächer gesagt werden, insofern die¬ 
selben im Rahmen der Aerztebildung Aufnahme gefunden haben. 
Die Hauptaufgabe der Spezialistenausbildung dieser Fächer ist, 
zu ihrem erheblichen Teile, eine spezielle Einübung. Der Unter¬ 
richt der Stomatologie enthält innerhalb des üblichen Rahmens 
der Aerztebildung kaum etwas, oder sagen wir, sehr wenig 
sowohl an theoretischem als auch an speziell praktischem Stoff. 
Dadurch, dass der allgemeine medizinische Unterricht sich un¬ 
möglich auf die Unzahl von Einzelheiten, welche die Stoma¬ 
tologie erheischt, erstrecken kann, ergibt sich gewissermassen 
eine Sonderstellung, indem für die Beibringung dieses Quantums 
von Vorkenntnissen als auch von Kenntnissen und Uebungen 
in Technikalien vorgesorgt werden muss. Diese Art von An¬ 
forderungen besteht eben bei anderen medizinischen Fächern 
nicht, und das ist der Grund, weshalb bei jenen die Re¬ 
präsentation des Fachunterrichtes durch eine Lehrkraft, even¬ 
tuell mit Hilfe einer adjunkten Lehrkraft 1 , Genüge geleistet 
werden kann. Für die Stomatologie stellt sich die Sache in¬ 
sofern verschieden, als jeder einzelne in ihr begriffene Bestand¬ 
teil: Stomatologische Propädeutik, klinische Sto¬ 
matologie, Stomatotechnik, durch je eine spezielle Lehr¬ 
kraft vertreten sein muss; weil eben die Bewältigung sowohl 
des Wissensmaterials, besonders aber des Unterrichtes durch¬ 
eine einzige Lehrkraft eine Sache der Unmöglichkeit ist. Nicht 
ohne Widerwillen gestehe ich diese Sachlage; und es würde 
mich, ad personam, viel mehr befriedigen, wenn ich behaupten 
könnte, ein einziger Fachmann vermöge den vollen Unterricht 
nach sämtlichen drei Richtungen hin zu erteilen, ebenso, wie der 
Professor der grossen Chirurgie das Gesamtgebiet seines Faches 
vertritt. Die Verschiedenartigkeit der Kenntnisse und der mit 
ihnen in Verbindung stehenden Ausübungen sind für diese- 


1 Z. B. bei der Chirurgie filr Operationslehre etc. 


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Die Unterrichtsfrage der Stomatologie. 


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Sonderstellung der Stomatologie verantwortlich; und man muss 
sich entschieden gegen die Zumutung verwahren, als würde 
ein besonderer Hang zu Besonderheiten hiezu Veranlassung 
£eben. 

Um nun nach diesen Erörterungen zum Kern der Frage 
zurückzukehren, muss ein klares Bild des gesamten Wissens 
und Lehrmateriales entworfen werden. Da es sich um die 
Heranbildung von Spezialärzt|n handelt, so wird es jedermann 
naturgemäss finden, wenn vor allem der gesamte Inhalt des 
Faches geschildert wird. Die Frage der äusseren Umstände je 
nach Ländern und ihren Verhältnissen soll hiebei ganz beiseite 
gelassen oder mindestens hintangesetzt werden. 

Nachdem oben bereits die drei Richtungen des Unter¬ 
richtes der Stomatologie gekennzeichnet worden sind, so er¬ 
übrigt nunmehr die Darlegung der Einzelheiten, welche in jedem 
dieser Unterrichtsrahmen Aufnahme zu finden haben. Die Vor¬ 
kenntnisse, deren Inbegriff im Ausdrucke „Stomatologische 
■Propädeutik“ gegeben ist, umfasst eine ganze Anzahl ein¬ 
zelner Teile, zuweilen nur Kapitel irgend einer Wissenschaft; 
in ihrer Gesamtheit aber geben sie einen Lehrstoff von nicht 
unerheblichem Umfange, und man kann füglich sagen — auch 
Tiefe ab. Es handelt sich hier um folgende Unterrichtsstoffe: 
Spezielle detaillierte Anatomie der Zähne und Kiefer, die Odonto- 
graphie, auch mit ihren paläontologischen, die Anomalien der 
Zähne mit ihren anthropologischen Beziehungen, Anatomie mit 
klinischen Beziehungen, normale und pathologische Histologie, 
die Bakteriologie der Mundhöhle, ferner angewandte Physik 
und Chemie mit Rücksicht auf die Füllungsmaterialien; Akologie, 
Verbandlehre Diätetik und Hygiene. 

In dem Rahmen der klinischen Stomatologie finden 
Aufnahme die klinischen Untersuchungsmethoden; die klinische 
Pathologie der gesamten Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten, 
deren Diagnostik und Therapie. (Operationslehre.) 

Die Stomatotechnik umfasst folgende Kapitel: Sto- 
matotechnische Propädeutik; die Grundzüge der Metallurgie in 
stomatotechnischer Beziehung; die stomatotechnische Materialien¬ 
kunde; die Verarbeitungsmethoden der Materialien (Löten, Guss, 
Ziehen etc.). Die klinische Stomatotechnik: Die Untersuchung 
des Mundes und Indikationen vom technischen Gesichtspunkt 
und die verschiedenen Methoden des Abdrucknehmens; die 
Vorbereitung des Mundes nach den verschiedenen Arten der 
Prothesen: die Anwendung der Prothesen im Munde, die Grund¬ 
sätze der Odontorthopädie und der restaurativen (Kiefer-, Ge¬ 
richts-, Nasen-, Lippen-, eventuell Ohren-) Prothesen. Stomato- 
4echnische Uebungen: Die Anfertigung von Kronenarbeiten; der 


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Prof. Dr. J. v. Arkövy, Budapest : 


Entwurf und die Anfertigung von Brückenarbeiten; Entwerfen 
und Anfertigen von odontorthopädischen Vorrichtungen und 
restaurativen Prothesen. 

Ein Unterrichtsmaterial von so vielfältigem und reichem» 
Inhalte ist die unbedingte und unabweisliche Vorbedingung zur 
Ausbildung zum Spezialisten, möge er Zahnarzt oder Storaatolog 
genannt werden. Nichts, d. h. kein einziger Lehrstoff aus irgend 
einem dieser Rahmen ist entbeh^ich und das Umfassen dieses 
ganzen Lehrprogrammes darf zuversichtlich und ohne Bedenken 
als die Gesamtheit des Wissensmateriales des Faches bezeichnet 
werden, und hiefür eignet sich doch am besten die Bezeich¬ 
nung ; Stomatologie. Wie wir bald sehen werden, lässt sich, 
dieser Unterricht, und in diesem Umfange auch 
universitär, ganz gut und zur vollen Befriedigung 
ab wickeln. Man war der Meinung, und ist es vielfach heute 
noch, dass ein so inhaltsreiches Programm nur in einer spe¬ 
ziellen Lehranstalt volle Entfaltung finden kann, und man meinte,, 
hiezu sei das sogenannte Dental-College die berufenste Institution. 
Ich stelle, gestützt auf meine Ueberzeugung und nach dreissig- 
jähriger Lehrtätigkeit auf meine Erfahrung, jene Behauptung 
entschieden in Abrede, mit dem Hinzufügen, was auch meine 
Ueberzeugung ist, dass die Ausschaltung oder anhangsweise 
Nebenschaltung dieses Fachunterrichtes aus dem regulären 
Unterrichte der Aerztebildung eine der grössten Verirrungen 
und Fehler 'gewesen ist, welche je in dieser Richtung platz- 
gegrififen haben. 

Sollte das oben angeführte Lehrprogramm jemandem, der 
bezüglich des Faches nicht recht orientiert ist, eventuell ais¬ 
übertrieben erscheinen, so kann dem wieder die bereits er¬ 
worbene Erfahrung, aber auch die Antezedentien, d. h. die 
Anteakten der Entwicklung dieses Unterrichtes — z. B. an der 
Budapester Universität — entgegen gehalten werden. Es dürfte 
für Fachleute des medizinischen Unterrichts nicht uninteressant 
sein, hierüber etwas zu erfahren. 

Im Jahre 1889 langte vom damaligen Unterrichtsminister 
ein Reskript an die medizinische Fakultät herab, worin diese 
aufgefordert wird, mit Heranziehung der Fachdozenten ihr Gut¬ 
achten abzugeben, in welcher Weise ein Fachunterricht der 
Zahnheilkunde an der Universität modernen Anforderungen an¬ 
gepasst und organisiert werden könnte 1 . Die Fachreferenten * 
sind einig vorgegangen und haben in grossen Zügen den oben 

1 Die Zahnkeilkunde war bereits seit 1844 durch einen ausserordent¬ 
lichen Professor in der Fakultät vertreten. Der Unterricht erlangte jedoch, 
bis 1881 keinen ausgesprochen klinischen Charakter. 

* Do«. Iszlaj und Arkövy. 


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Die Unterrichtsfrage der Stomatologie. 


361 


angeführten dreifachen Rahmen des Fachunterrichtes als die 
alleinige entsprechende Unterrichtsweise vorgeschlagen. Die 
Fakultät nahm diese Vorschläge einstimmig an, welche dem 
Minister unterbreitet wurden und der ihnen seine Gutheissung 
verlieh. Auf diese Weise wurde obiger Unterrichtsplan an der 
Budapester königlichen Universität im Jahre 1890 inauguriert. 
Es versteht sich von selbst, dass es hier ebenso wie in allem 
einen Entwicklungs- oder Werdegang gegeben hat und es spricht 
nur zugunsten der Reifung der Ideen, wenn die vielfachen 
Etappen erst vor zwei Jahren zu der vollen Ausgestaltung 
geführt haben. Es kann also sicherlich hinsichtlich dieser Unter¬ 
richtsfrage von keiner Ueberhastung die Rede sein. 

Vor dem Uebergang zu den Einzelheiten des Fachunter¬ 
richtes, wie er sich zu vollziehen hat, muss die N o t w e n d i g- 
keit der Einheitlichkeit des Unterrichtes hervor¬ 
gehoben werden. Bei voller Wahrung der akademischen (uni¬ 
versitären) Lehrfreiheit ist es Sache der drei vereinten Lehrkräfte, 
ihre einzelnen Lehrpläne in Konkordanz zu bringen. Dies ist 
um so mehr geboten, als im entgegengesetzten Falle Unzukömm¬ 
lichkeiten des Unterrichtes entstünden. Einige Beispiele werden 
hier am richtigen Orte sein. Wenn z. B. der Kliniker (klinische 
Stomatologie) seine Vorträge von dem Standpunkt der ärztlichen 
Indikationen abhält, im Gegensätze hiezu aber der Dozent der 
Stomatotechnik sie aus irgend einem Grunde, gestützt auf 
durch mechanische Möglichkeiten der Ausführbarkeit gegebene 
Indikationen basiert, ohne auf die ärztlichen Indikationen Rück¬ 
sicht zu nehmen, dann wird eben der junge Adept des Faches 
in seinem Wissen und in seiner Beurteilung der Fälle wankel¬ 
mütig gemacht und verliert die solide Basis, die zur Auffassung 
der Fälle unentbehrlich ist. Ein anderes Beispiel: Wenn der 
Professor der stomatologischen Propädeutik es unterlässt, jene 
Andeutungen in seine Vorträge aufzunehmen, welche sich aus 
dem odontographischen, anatomischen, embryologischen, histo¬ 
logischen oder anthropologischen Vortragsmateriale ergeben, 
dann erscheint in den Augen des Studenten die ganze stomato¬ 
logische Propädeutik als ein theoretischer Ballast, während 
der Kliniker für seine klinischen Ausführungen in sehr vielen 
Beziehungen und in sehr vielen Fällen bei seiner Hörerschaft 
lückenhafte und mangelnde Vorkenntnisse zu beklagen haben 
wird. Es würde zu weit führen, diese Beispiele in ihren Einzel¬ 
heiten auszuführen. Im höchsten Interesse des Unterrichtes 
liegt es, da er schon unvermeidlicherweise nach drei Richtungen 
hin erteilt werden muss, dass der Student durch die Einheit¬ 
lichkeit, d. h. durch den Einklang des Gesamtunterrichtes in 
seinem Denken und Handeln innerhalb des Faches eine ganze, 


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Prof. Dr. J. v. Arkövy, Budapest: 


nicht aber eine einseitige oder eventuell durch Besonderheiten 
gestörte unvollständige Orientierung erhalte. 

Hinsichtlich des Niveaus, auf welchem der Unterricht sich 
zu bewegen hat, gibt es nur eine einzige Norm und das ist die 
akademische Höhe, auf welcher der Unterricht stehen soll. 
Eben deshalb ist die Anstellung von nur und ausschliesslich 
habilitierten Lehrkräften eine Notwendigkeit, die nicht von der 
Hand gewiesen werden darf, da nur diese einzig und allein die 
Gewähr in dieser Hinsicht zu bieten vermögen 1 . • 

Die Art und Weise, wie sich der Fachunterricht an der 
Budapester Universität abwickelt, dürfte wenigstens in der 
Hauptsache ein Bild entfalten, welches einerseits die bisherigen 
Erörterungen beleuchtet, anderseits zur Orientierung dienen kann. 

Der Fachunterricht ist zweiteilig. Die Fakultät und das 
Ministerium haben nämlich verfügt, dass sämtliche Aerzte so viel 
aus der Stomatologie noch während ihrer Studienjahre an der 
Universität aufnehmen sollen, als es die Anforderung in der 
allgemeinen Praxis erheischen mag. Daher werden die Vorträge 
seit vielen Jahren von Studenten der Medizin in grosser Anzahl 
frequentiert und sie erhalten in wöchentlich zwei Stunden Er¬ 
läuterungen über die klinische Pathologie der Zahn- und Mund¬ 
krankheiten mit ihrer Diagnostik. Aus der Therapie werden 
dieselben in der Extraktion der Zähne eingeübt. Sämtliche 
Kiefer- und Mundkrankheiten, welche sich an der Klinik auf 
der Bettenabteilung oder ambulatorisch befinden, werden dieser 
Hörerschaft vorgeführt, in Begleitung entsprechender klinischer 
Vorträge und einer kurzen Schilderung der (im mundchirurgischen 
Operationssaale) auszuführenden Operationen. Auf diese Weise 
wird eine nach Hunderten zählende Anzahl von Medizinern in 
den Stand gesetzt, die Krankheiten der Zähne und des Mundes 
zu erkennen und eventuell auch der Extraktion oder mund¬ 
chirurgischen Behandlung zu unterziehen 2 . Ausgeschlossen bleibt 
von diesem Unterrichte die konservierende Behandlung der 
Zahnkrankheiten, weil dieser Gegenstand eben dem Spezialisten¬ 
unterricht Vorbehalten ist. Dessenungeachtet ermangelt es nicht 
an kurzen Schilderungen von einschlägigen Handhabungen, 
insofern dieselben sich auf eine plötzliche Hilfeleistung beziehen. 

1 In der Anstellung von — wenn auch mit gewisser Sorgfalt aus- 
gewählten — Personen, Repräsentanten des Faches, wie es an den Dental- 
Colleges üblich ist, liegt bereits ab ovo eine Unzukömmlichkeit, die sich not¬ 
wendigerweise durch Anhäufung von vielen anderen Unzukömmlichkeiten 
innerhalb des Unterrichtes am System rächen. 

2 Zur Bewältigung dieses umfangreichen Studentenunterrichtes ist an 
einer stomatologischen Klinik (ebenso wie für die Operationslehre an Kadavern 
bei der grossen Chirurgie) ein Dozent als auxiliäre Lehrkraft zu verwenden, 
welchem ganz besonders die Einübung der Zahnextraktionen obliegt. 


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Die Unterrichtsfrage der Stomatologie. 


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Die Resultate, welche mit dieser Hörerschaft seit drei 
Jahrzehnten erreicht worden sind, können als im höchsten 
Grade befriedigend bezeichnet werden. 

Eine zweite Gruppe von Hörern geben diejenigen Studenten 
der Medizin, Rigorosanten und Doktoren der Medizin ab, die 
sich zu Spezialisten heranbilden wollen. Auch für diese sind 
die soeben erwähnten Vorträge unerlässlich und da diese 
Frequentantengruppe gering an Zahl ist, findet sie unter ihren 
Kollegen obiger Bezeichnung immer Platz. Der Spezialisten¬ 
ausbildung ist ein besonderes Programm gewidmet, welches 
bereits oben angegeben wurde. Es vollzieht sich das Studium 
in folgender Weise. Ausser den poliklinischen müssen die Vor¬ 
träge über stomatologische Propädeutik und wöchentlich zwei 
Stunden über Operationslehre (zahnkonservierende) frequentiert 
werden. Die Studenten der Medizin sind in der Lage, sie 
während ihres Universitätsstudiums zu besuchen und sich die 
nötigen Vorkenntnisse zu erwerben, im Anschlüsse an welche 
die eingehenderen praktischen Uebungen aller einschlägigen Arten 
(operative und technische) für jene Zeit Vorbehalten bleiben, 
zu welcher sie ihr ärztliches Diplom bereits erlangt haben. Da¬ 
durch gestaltet sich der Fachunterricht unendlich zugunsten 
der Ausnützung der praktischen Gelegenheiten, weil eben 
sowohl die theoretischen als auch die praktischen Vorkenntnisse 
als Vorbedingung einer gedeihlichen praktischen Einübung vom 
Jünger des Faches sozusagen fertig mitgebracht werden. Der 
Aufwand an Zeit — Stundenzahl — während des medizinischen 
Studiums kann unschwer in zwei Etappen aufgebracht werden, 
indem bereits drittjährige Mediziner das halbjährig sich wieder¬ 
holende Poliklinikum absolvieren, und die dem Spezialistentum 
gewidmeten Vorträge im vierten oder fünften Jahre mit Leichtig¬ 
keit in den Studienplan des Studierenden eingefügt werden 
können. 

Es kann diesen Studenten bereits ein gewisses Quantum 
an praktischen Uebungen anvertraut werden, besonders jedoch 
in Form von Uebungen am Phantom mit Rücksicht auf die 
Operationslehre der -konservierenden Behandlung der Zahn-: 
krankheiten. Dieses System des Unterrichtes hat sich so sehr • 
bewährt, dass Studenten dieser Gruppe, nachdem sie nach 
Erlangung ihres Diploms zur Behandlung von Patienten zu¬ 
gelassen wurden, bereits über das meiste Bescheid wussten 
und nur eine reichliche Einübung übrig blieb. 

Wenn die stomatologische Propädeutik in wöchentlich 
drei Stunden vorgetragen wird, kann das Programm in einem 
Semester abgewickelt werden, inbegriffen mikroskopische De¬ 
monstrationen, Projektionen etc. Die drei Stunden können 


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Prof. Dr. J. y. Arkövy, Budapest: 


auch in einer Folge abgehalten werden, insofern die zwei 
ersten Stunden dem Vortrage, die dritte Stunde den Demon¬ 
strationen und Projektionen Vorbehalten wird. (Faktisch wurde 
dies an der Budapester Klinik ausgeführt.) Die Vorträge laufen 
ein ganzes Studienjahr hindurch und sie werden in allen drei 
Richtungen gleichzeitig begonnen, nur der Abschluss ist ver¬ 
schieden, indem die Propädeutik bereits nach dem ersten Se¬ 
mester beendet ist. Auf diese Weise erhöht sich das Ausmass 
an Zeit und Aufnahmsfähigkeit der Studenten im zweiten Se¬ 
mester erheblich, und zwar zugunsten der praktischen Teile 
des Faches, nämlich der klinischen Stomatologie und Stomato- 
technik. Nach vollendeter theoretischer Unterweisung im ersten 
Semester verlegt sich die Studentenschaft mit um so grösserem 
Eifer auf den praktischen Unterricht und auf die Uebungen. 
Aus diesen Ausführungen ist ersichtlich, dass ein Studiosus 
medicinae in einem Schuljahre alle die Vorkenntnisse zu er¬ 
werben in der Lage ist, nach welchen ein weiteres Jahr von 
Uebungen an Patienten qnd im stomatotechnischen Labora¬ 
torium ihn in den Stand setzt, aus der Klinik als Stomatolog 
hervorzugehen. Medicinae-Studiosen Krankenbehandlungen vor¬ 
nehmen zu lassen, ist eine Unzukömmlichkeit, welche behördlich 
nirgends gestattet werden sollte; die Zahnextraktion macht 
hievon darum eine Ausnahme, weil hier in jedem Falle vom 
Anfang bis ans Ende ein leitender Assistent gegenwärtig sein 
kann. 

Die klinische Stomatologie kann in wöchentlich vier Stunden 
vorgetragen werden, und zwar als klinischer Vortrag bei Hinzu¬ 
ziehung von Kranken. Dabei fällt der überwiegende Teil der Zeit 
den Zahnkrankheiten zu, während nur ein erübrigbarer Rest 
den Kiefer- und Mundkrankheiten gewidmet wird. Zwei Stunden 
von den vieren wurden soeben — als poliklinische Vorträge — 
geschildert; die anderen zwei klinischen Stunden sind der 
Spezialistenbildung zugedacht. Diese Vorträge bewegen sich 
einesteils, wie schon ausgeführt, in der allgemein bekannten und 
gewohnten klinischen Richtung, anderenteils befassen sie sich 
mit der Operationslehre. Es bietet sich reichlich Gelegenheit, 
* alle Operationsmethoden nicht nur kennen zu lernen, sondern 
auch eigenhändig zur Ausführung zu bringen. 

Die Unterweisungen in der Stomatotechnik nehmen in 
gleicher Weise ihren Fortgang, und zwar sowohl theoretisch- 
laboratorisch, als auch applikatorisch, d. h. klinisch. Für diese 
Zwecke stehen den Studenten der Medizin wöchentlich drei 
Vortragsstunden zu Gebote und dies genügt, um ein gewisses 
Ausmass von Vorkenntnissen zugunsten des späteren Uebungs- 
jahres zu erwerben; 


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Die Unferrichtsfrage der Stomatologie. 


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Unmittelbar nach Vollendung des ärztlichen Studienganges 
— eventuell auch später — beginnt der volle praktische 
Lehrkurs der Spezialisten. 

Die ärztliche Spezialistenausbildung wurde an manchen 
europäischen Universitäten erst jüngst angeregt. Die Frage 
wird wohl in allen Ländern irgend eine Erledigung erlangen. 
Für die Zahnheilkunde (Stomatologie) in welcher eine Spezia¬ 
listenbildung seit Jahrzehnten bereits besteht, stellt die neue 
Richtung, welche die Universitäten nur ganz allmählich ein¬ 
zuschlagen beginnen, nichts anderes dar, als die zu erhoffende 
Feststellung der Modalitäten der Qualifikation. (Diese Angelegen¬ 
heit liegt bereits als Gegenstand einer Unterbreitung dem Unter¬ 
richtsminister vor.) 

Inzwischen, d. h. bis dahin, ist die Hauptaufgabe, für die 
möglichst vollständige Fachausbildung Vorsorge zu treffen. Dies 
kann jeder klinische Direktor in eigenem Wirkungskreise be¬ 
werkstelligen, ebenso, wie es bisher bezüglich anderer medi¬ 
zinischer Fächer, der Ophtalmologie, Gynäkologie etc. geschehen 
ist und Gepflogenheit war. Der neue Kurs ist ja — wie soeben- 
erwähnt — eigentlich'nur berufen, die Modalitäten festzustellen, 
unter welchen sich jemand als Spezialist in irgend einem Fache 
betrachten kann und sich als solchen bezeichnen darf. Das 
Wesen bleibt immerhin das fachliche Wissens¬ 
quantum. Für die Stomatologie wurde in dieser Richtung 
das hier in seinen Einzelheiten ausgeführte Programm des 
Studiums eingeführt und in Anwendung gebracht. Die damit 
erzielten Resultate sind ermutigend genug, um auf dieser Bahn 
fortschreiten zu können. Erfolgt eines Tages die angestrebte 
unterrichtsbehördliche Erledigung der Frage auch der äusseren 
Form nach, dann ist damit für die Stomatologenausbildung 
der Schlussstein gelegt. Die eigentliche Unterrichts¬ 
frage ist und bleibt die Erwerbung jenes Wissens¬ 
quantums und Pensums, welches ein Adept der 
Stomatologie braucht, um sich in der Praxis be¬ 
haupten und bewähren zu können. Alles übrige sind 
Aeusserlichkeiten, welche aber durch hygienische und soziale 
Anforderungen dringend erheischt werden. Wenn sich Aerzte 
nach Erledigung der vorerwähnten Vorstudien zur praktischen 
Ausbildung — für ein Jahr — melden, so wird ihnen durch 
die Klinik alles geboten und noch viel mehr, als was im Lehr¬ 
programm enthalten ist, welches teils die eigenhändige Aus¬ 
führung und Behandlung mundchirurgischer Fälle — Opera¬ 
tionen, Nachbehandlung etc. — als auch reichliche Einübung 
in Technizis enthält. Ein Examen nach vollbrachtem Zöglings¬ 
jahr ist nicht notwendig, da die Anzahl der Spezialisten eine 


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Prof. Dr. v. Arkövy: Die Unterriehtsfrage der Stomatologie. 


beschränkte und der Direktor der Klinik immer in der Lage 
ist, die Fortschritte jedes einzelnen zu überwachen und zu 
beurteilen, als auch am Schlüsse durch ein Zertifikat zu be¬ 
scheinigen. 

Zur Erledigung des geschilderten Lehrplanes müssen ent¬ 
sprechende Lehrkräfte herangezogen wrrden und es ergibt sich 
aus der Natur jedes einzelnen Gegenstandes, welche Qualifi¬ 
kation dieselben besitzen sollen. Namentlich soll ein guter 
stomatologischer Propädeutiker seine Schulung in wissen¬ 
schaftlichen Laboratorien genossen haben, und um so besser, 
wenn er Forscher ist; der stomatologische Kliniker soll eine 
reiche praktische Erfahrung bezüglich der Zahn- und Mund¬ 
krankheiten nebst scharfer Beobachlungsgabe besitzen, und so¬ 
weit nur möglich, ein gediegener Chirurg sein, mit Vertrautheit 
in der Mundchirurgie. Der Storoatotechniker soll ein ausge¬ 
sprochen mechanisches Talent sein, jedoch mit Aufrecht¬ 
erhaltung des vollen medizinischen Denkens. Eine Besetzung 
der Lehrfächer in dieser Weise wird sicherlich die erspriess- 
lichsten Unterrichtsresultate zeitigen. 

Die Durchführung des ganzen Lehrplanes hängt lediglich 
von den Lehrkräften ab; ist die Besetzung nach den soeben 
angeführten Normen durchgeführt, dann wird die Institution 
ihrem Zwecke sicherlich in idealer Weise entsprechen. 

Es erübrigt nunmehr die materielle Seite der Frage, näm¬ 
lich mit welchen Mitteln und mit welchen Hilfskräften (Assistenz, 
Personalien etc.) der Unterricht der Stomatologie ins Werk 
gesetzt werden kann, zu berühren. Da diesbezüglich bereits eine 
Veröffentlichung vorliegt, so sei es mir gestattet, mich auf die¬ 
selbe zu berufen. (Die stomatologische Klinik der königlich 
ungarischen Universität in Budapest, erbaut und dem Verkehr 
übergeben im Jahre 1908. Oesterr.-ungar. Vierteljahrsschrift 
für Zahnheilkunde 1909, Heft 2.) 

Zum Schlüsse schulde ich dem Leser noch eine Erklärung 
oder mindestens meine Ansicht, warum die Unterrichtsfrage der 
Zahnheilkunde (Stomatologie) bisher noch keine einheitliche Er¬ 
ledigung gefunden hat, obwohl diese Frage seit so vielen Jahren 
an der Tagesordnung war und ist. Nach meiner Meinung hat 
man sich nicht nur nicht mit dem Wesen, d. h. mit dem vollen 
Inhalte des Faches befasst, sondern man hat sich sichtlich 
Mühe gegeben, die ganze Frage den Verhältnissen einzelner 
Länder anzupassen. Nun ist dies aber total verfehlt; denn eine 
Fachwissenschaft ist in diesem Sinne nicht anpassungsfähig. 
Die Anatomie, die Chirurgie und die Ophtalmologie usw. sind 
am letzten Zipfel der Welt dasselbe, was sie im Zentrum 
Europas sind. Es lässt sich eben weder an dem einschlägigen 


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Doz. Dr. J. Kieffer, Strassburg: Zur Frage der Bissverschiebung. 357 

Wissensquantum noch an der praktischen Betätigung der Fächer 
etwas verstümmeln. Täte man es dennoch, wie man es hin¬ 
sichtlich der Zahnheilkunde vielfach getan hat, dann hat man 
eben das Fach und ebenso auch deren Vertreter verstümmelt. 
Jene Aeusserlichkeiten, welche der Durchführung einer jeden, 
so auch einer Frage der Wissenschaft anhaften, sollen und 
müssen vom Anfang bis zu Ende Nebenumstände und Aeusser¬ 
lichkeiten bleiben, nie aber das Wesen angreifen. Ist es einmal 
für die Zahnheilkunde oder Stomatologie eine festgestellte Tat¬ 
sache, dass deren Inhalt gleichbedeutend ist mit dem hier 
ausgeführten Programm, dann muss eben ein jeder Studienplan,, 
wo immer in der Welt, denselben Inhalt besitzen, und 
zwar nicht ohne jene angedeuteten Vorbedingungen hinsichtlich- 
der Vorbildung, Vorstudien und der Lehrkräfte, als auch nicht 
minder hinsichtlich der Ausgestaltung und Equipierung der 
Lehrstätten. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Zar Frage der Broerscbietag . 1 

Von Dr. Josef Kieffer, Privatdozent in Strassburg. 

Wie Wallisch (Oesterr.-ungar. Vierteljahrsschrift für 
Zahnheilkunde, April 1910) erwähnt, wird die Rolle, die das 
Kiefergelenk bei Bissverschiebungen spielt, respektive die Ver¬ 
änderungen, die es dabei eingehen muss, wenn anders die 
Bissverschiebung eine dauernde sein soll, lange nicht genug 
gewürdigt. Es ist ohne weiteres klar, dass beiBissverschiebungen, 
mögen sie nun absichtlich durch den Orthodontisten oder un¬ 
absichtlich nach ausgiebigem Zahnverlust stattfinden, das Kiefer¬ 
gelenk gezwungen ist, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. 
Dass das Kiefergelenk sich nach Verlust der Zähne (möge dieser 
im Alter oder schon in der Jugend stattfinden) hochgradig 
verändert, habe ich (Zeitschrift für Morphologie und Anthropo¬ 
logie, Bd. XI, Schweizerbarth, Stuttgart 1907) beschrieben. Ich 
verweise im einzelnen auf diese Beschreibung und möchte hier 
nur einiges wiedergeben, was auf Regulierungen und Bissver¬ 
schiebungen Bezug hat und was den Vorgang der Usur des 
Processus articularis posterior nach Zahnverlust auch schon im 
jugendlichen Alter illustriert. 

Fig. 1 zeigt, wie bei einem siebenjährigen Kinde (Schädel 
Nr. 593 der Strassburger anthropologischen Sammlung) nach 

1 Die Erwiderung auf diese Ausführungen wird Doz. Dr. W. Walliscb. 
im nächsten (Oktober-) Heft d. Bl. veröffentlichen. -Der Herausgeber. 


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Zur frage da Bisä?verschiebQ«g. 869 

Verlust sämtlicher Möhren der Processus artieularis posterior 
in form, einer scharfen 'Kant* hochgradig abgenützt ist, 

Fig. 2u und b zeigen die betreffenden Gelonkflächeu von 
unten, Es ist dies ein in so jugendlicbein Alter sehr seltenes 
Vorkommnis, Dagegen finden wir diese Abnutzung fast regel¬ 


mässig bet älteren Individuen jegßeher Altersstufe, wenn lange 
Zelt hindurch der Biss nicht durch die Molaren und Pränrokren 
fixiert war, also nach Verlust dieser Zähne. 

{/£:•' Dk F.ig, 3« -und h illustrieren zur (tenüge das AfoscblMfen 
des Processus artlcuraris posterior nach gänzlichem Zahtiveriü$f 
Es handelt sich um den Schädel (Nr. 1264 der Strassburgec 


anthropolögischen Sainmlüng) eines Elsässer Weibes, 89 Jahre 


:P«£ a.u, Pig. ■'&, 

all, mit totaler Abnützung des Processus artieularis posterior. 
Meine Üntersuehungen (l c.) stimmen also mit der Wall iseti¬ 
schen Feststellung, was die ijrur des Processus artieularis 
posterior anbäkngt, vollkommen' überein. 

Dagegen glaube ich, dem, was W al lisch über die Ver¬ 
änderung des üutefkicferwinkels . selbst bei Regulierungen äri- 
gibt (Öesterr-üngar, Vieiteljabrsschrift für Zahnheükuncle. 
April 1010), nicht bcistimrücn zu können. Nach meinen tJnter- 
sußtmngen verändert sich der UnterkieferwinkeS selbst im Älter 
kaum, abgesehen von geringen atrophischen Vorgängen. Das 
ilel geschilderte „ßrässerwerdeiG des UnterkiplcrwbikNs nach 
Zähnverlust ist zum grössten Teil eine optische !Täüschung. Es 
findet zwar etete geringe Vergrösserung (etwa um 2“) statt, 
diese ist aber tür das Äuge (bei einer dui-chsehmtilichefi Efete.P- 
wipkelgrösse von t.2.1 *) kaum wahrnehmbar, und bcrüid nicht 


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360 


Doz. Dr. Josef Kieffer, Strassburg: 


auf einem „Verbiegen“ des Unterkiefers am Angulus mandi- 
bulae, sondern auf geringen atrophischen Vorgängen am 
Masseteransatz nach Zahnverlust, also nach verminderter Kau¬ 
arbeit. 

Die Tatsache, dass volle Bezahnung oder Zahnlosigkeit 
auf die Grösse des Unterkieferwinkels kaum einen Einfluss hat, 
vielmehr abhängig ist von der sehr verschiedenen Grösse, die 
dieser Winkel schon bei der Geburt gehabt hat, wird illustriert 
durch die Fig. 4, 5, 6 und 7. 

Fig. 4 betrifft den fast voll bezahnten Unterkiefer eines 
17 Jahre alten Elsässer Mannes mit einer Winkelgrösse von 
130° (Nr. 363 d. Str. anthr. Samml.). 

Fig. 5 zeigt den vollbezahnten Unterkiefer eines 24 Jahre 
alten Badener Mannes mit einer Winkelgrösse von I35 a 
(Nr. 90 d. Str. anthr. Samml.). 

Fig. 6 und 7 zeigen zwei Unterkiefer von Süddeutschen, 
die trotz gänzlichen Zahnverlustes und in hohem Alter einen 
Winkel von wenig über einem rechten aufweisen. 

Ich habe also nicht bestätigt gefunden, dass, wie 
Wal lisch (1. c. pag. 232) sagt, „es muss also dasselbe ein- 
treten wie im Greisenalter, wenn die Zähne ausgefallen 
sind, wird der Unterkiefer (-winkel? Der Verf.) abgeflacht“. 

Ich kann auch nicht der Ansicht beistimmen (Wallisch, 
1. c. pag. 234), dass bei Regulierungen und Bissver¬ 
schiebungen ein Strecken des Unterkiefers am Angulus 
mandibulae stattfindet. Die Knochenbildung am Angulus man- 
dibulae ist eine so mächtige, dass ich an eine Beeinflussung 
dieses stärksten Knochenteiles durch unsere Regulierungsappa¬ 
rate, also an eine Streckung des Unterkieferwinkels nicht 
glaube. Es findet vielmehr während des ganzen Kindesalters 
hindurch trotz oder wahrscheinlich infolge der Kauarbeit einfr 
ständige Verkleinerung des Kieferwinkels statt. 

Das Mittel des Kieferwinkels beträgt: 

beim Neugeborenen .... 139*05° 


im 5. Jahre.127*15° 

im 20. Jahre.121*0° 


und doch geht diese ständige Verkleinerung in der Zeit vor 
sich, in der teilweise noch keine Molaren vorhanden sind 
(unter dem Einfluss der Kaumuskulatur). Dass beim zahnlosen 
Kiefer eine Beeinflussung nicht des Kieferwinkels, wohl 
aber des Kiefer gelenkes stattfindet, hat meines Erachtens 
seinen Grund in der spezifischen Physiologie der Kaufunktionen 
beim Zahnlosen (vergl. meine eingangs erwähnte Arbeit, pag. 71 ff.). 


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Q/rgirial.frfttn.- : 

UNIVERsItY OF MICHIGAN 



# Kieffer, Stra^, 







Zur Frage des Bissyersebiebnug, 


Kino Beeinflussung des B'rderkieferknociieris durch Zalm- 
lostgkeij;, aber nicht an dem kräftigen Ängulus m&ndib.ülae, 
sondern an dejii Yiei schwächeren Kolium des Kondylus man- 
•dibuiae habe ich bei einem Zahnlosen beobachtet 

Es handelte sieh (Füg Sa und b, sowie F'igv 9.-> und //} 
<um . eme sahnlose, 00jährige Lothringer Frau (Schädel Nr. 493; 


•d Str. anthr. SammJ.), bei der der Broeessvis nrtiixhlai'is posterior 
beiderseits sein- kräftig entwickelt dagegen das Kolium de* 
hondyluB roandibüläe schwach und dumt war Es, zeigen 
Fig Sn und b die betreffenden Fossae mandibulares rnil gut 


erhalterieia Processus retroboveolaris,, Fig. h u und ,-h die total 
verbögeiieh Kondyli mandibulae. 

in diesem Falle haben sich unter dem 'Einflüsse der Zähm 
tosigkeit nicht die Geleufcgruben, sondern die Ivoodyii ruandb- 
buiae modelliert. 


-mals kurz zusammenrässe, so gebt es dalnn, dass durch die Beehr 


N 





364 


Prof. Matti Äyräpää, Helsingfors (Finnland) : 


flussung des beweglichen Unterkiefers durch eine lange Zeit und 
gleichmässig wirkende mechanische Kraft, bei Zahnlosigkeit also 
durch die Kaubewegungen, bei Regulierungen und Bissverschie¬ 
bungen durch Apparate wohl eine Veränderung im Kiefer¬ 
gelenk, nicht aber eine Streckung des Unterkiefers am An- 
gulus mandibulae zustande kommt. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Ueker die Prophylaxe io Gebiete der Odontologie. 

Von Prof. Matti Äyräpää in Helsingfors (Finnland). 

Wenn man von einer inneren Krankheit angegrififen- 
worden ist, kann man selten bestimmt angeben, wann und 
woher der Krankheitskeim in den Körper eindrang. Wenn 
dann das Leiden diagnostiziert wird, ist es gewöhnlich schon 
so weit vorgeschritten, dass seine Entwicklung nicht mehr 
gehemmt werden kann, wenigstens nicht vollständig. „Ebenso 
wenig wie das Unglück, naht die Krankheit mit Schellen um 
den Hals“, wie ein finnisches Sprichwort sagt. Anders verhält 
es sich in den meisten Fällen mit den Zahnkrankheiten. 
Die Zahnfäulnis kann schon frühzeitig beobachtet werden. Sie 
erscheint an der Oberfläche des Zahnes als kleiner Fleck, der 
sich im Verlaufe von Monaten, ja sogar Jahren allmählich aus¬ 
dehnt und immer tiefer dringt, bis er das Zahnmark erreicht 
und anfängt Schmerzen zu verursachen. Die Zahnfäulnis 
schreitet also sozusagen mit Schellen um den Hals vorwärts. 
Warum achtet man nicht beizeiten auf diese warnende Stimme 
der Natur? Warum sieht man nicht, obwohl die Gefahr deutlich 
wahrnehmbar ist? Die Ursache davon ist teils Unwissenheit, 
teils Gleichgültigkeit oder auch Mittellosigkeit. 

Diesen Umständen, dass nämlich die Zahnfäulnis infolge 
von Unwissenheit oder Unfähigkeit in so hohem Grade umsich- 
gegrifien hat, obwohl eine streng durchgeführte Prophylaxe ihr 
hätte Einhalt gebieten können, muss der moderne Zahnarzt 
die grösste Aufmerksamkeit schenken. Es ist nicht genug, dass 
wir kranke Zähne behandeln und falsche geschickt anfertigen 
können, wir nützen der Menschheit bei weitem mehr, wenn 
wir die Entstehung und die Verbreitung von Krankheiten zu 
hindern vermögen. 

Nehmen wir ein Beispiel! Wenn eine Malariaepidemie 
ausbricht, können wir zwar die von ihr Ergriffenen durch 
grosse Dosen Chinin heilen — die Krankheit verbreitet sich 


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Ueber die Prophylaxe im Gebiete der Odontologie. 365 

dessen ungeachtet. Wenn wir aber dem Publikum erklären, 
dass sich das Malariaplasmodium in der Speicheldrüse einer 
Mückenart (Anopheles) entwickelt und durch den Biss dieser 
Mücke in das Blut des Menschen gelangt, dann lehren wir die 
Menschen die Krankheitsquelle selbst zu meiden und bringen 
viel grösseren Nutzen als durch die Behandlung einzelner 
Krankheitsfälle. 

Werfen wir auch einen Blick auf die Tuberkulose. In 
engen Arbeiterwohnhäusern auf dem Lande und in der Stadt 
leben Gesunde und Kranke zusammen. Sie spucken auf den 
Fussboden und die eingetrockneten, von Tuberkelbazillen 
erfüllten Auswürfe werden mit dem Besen aufgewirbelt, steigen 
in die Luft und werden direkt in die Lungen eingeatmet. 
Oder es kriechen die kleinen Kinder auf dem Fussboden 
umher und beschmutzen ihre Finger mit den Auswürfen der 
Kranken; so gelangen die Bazillen bald in den Mund 
und von dort in den Verdauungskanal, oder setzen sich 
an der Schleimhaut des Mundes oder in hohlen Zähnen fest, 
um sich dort zu entwickeln und zu vermehren, um bei gün¬ 
stiger Gelegenheit in das Lymphgefäss-System oder in andere 
Gewebe einzudringen und dort ihr Zerstörungswerk zu beginnen. 
Man hat berechnet, dass wir in Finnland wenigstens 40.000 
Tuberkelkranke haben, von welchen jährlich 8500 sterbei. 
Wie viele davon durch die Schleimhaut des Mundes und durch 
die Zähne die Ansteckung bekommen haben, ist unmöglich 
zu entscheiden, doch dürfte dieses Prozent nicht gering sein, 
wenn wir uns erinnern, dass nach einer von uns Zahnärzten 
vor etwa 10 Jahren zusammengestellten Statistik etwa 92 Prozent 
der Schulkinder verdorbene Zähne besassen und 60 Prozent 
davon geschwollene Lymphdrüsen von Erbsen- bis Hühnerei¬ 
grösse und stets auf derselben Seite, wo sich die angegriffenen 
Zähne befanden. Diese pathologischen Veränderungen können 
oft durch Tuberkelbazillen verursacht sein. Was bedeuten im 
Hinblick auf diese grossen Zahlen ein paar Sanatorien, die 
vielleicht 200 Patienten fassen, wenn auch 60 bis 70 Prozent 
derselben genesen sollten? Und doch sind sie, vom Gesichts¬ 
punkt der Prophylaxe betrachtet, von grösster Bedeutung. Die 
Kranken lernen dort, wie ihr Leiden behandelt und wie seine 
Verschleppung verhindert wird und diese Kenntnis verbreiten 
sie durch das ganze Land. Nehmen wir zum Beispiel an, dass 
die Zahl der Kranken 200 beträgt und dreimal im Jahr erneuert 
wird. Es werden also im ganzen 600 Patienten jährlich in 
den Sanatorien behandelt. Nehmen wir weiter an, dass jeder 
dieser 600 Kranken 20 Bekannten von der Behandlung usw. 
erzählt. Binnen einem Jahre werden also 12.000 Personen 


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366 Prof. Matti Äyräpää, Helsingfors (Finnland): 

dieser Kenntnis teilhaftig und verbreiten sie nun wieder ihrer¬ 
seits, während neue Patienten in die Sanatorien aufgenommen' 
und wieder entlassen werden. So dringen also die für di^ 
Prophylaxe der Tuberkulose so wichtigen Kenntnisse unauf¬ 
hörlich weiter unter das Volk. 

ln dem Masse, wie die Wissenschaft auch mit der Aetio- 
logie anderer Krankheiten ins reine kommt, ist es un¬ 
bedingte Pflicht des Arztes, die auf dieser Aetiologie basierten 
Kenntnisse einer zweckmässigen Prophylaxe unter das Volk, 
zu bringen. 

Wollen wir von diesem Gesichtspunkt aus mit einigen 
Worten die Krankheit Lues berühren, deren Erreger aller 
Wahrscheinlichkeit nach ein Spirillus, Spirochaeta pallida v 
ist, der häufig auch im Munde der Kranken auftritt. Es kommt 
uns Zahnärzten zu, die im Munde vorkommenden Formen 
dieser Krankheit zu erkennen, damit wir auf unserer Hut sein 
können, nicht allein um unsertwillen, sondern auch, um nicht 
mit unseren Instrumenten oder Händen die Krankheit auf 
andere zu übertragen. Wir vermögen es oft, bei dieser Krank¬ 
heit die Entstehung gewisser Komplikationen zu verhüten, ich 
meine die sogenannten Stomatiten. Während der antisyphiliti¬ 
schen Behandlung ist es äusserst wichtig, Mund und Hände 
rein zu halten. Ich kann nie den Rat des alten Siegmund 
v. Illanor in dieser Hinsicht vergessen. Er, der, wenn ich 
mich nicht irre, im Alter von 80 Jahren starb und dieses 
Leiden durch mehrere Generationen verfolgen konnte, äussert 
in einem seiner letzten Werke, dass er in seiner privaten 
Praxis nie eine Schmierkur einleite, ehe seine Patienten einen 
Zahnarzt besucht haben, dem es zukäme, ihre Zähne sorg¬ 
fältig zu reinigen, alle Wurzeln und Zähne, die nicht mehr 
gefüllt werden können, zu entfernen, schadhafte zu plombieren 
und fehlende durch neue zu ersetzen. Dieser Mann, seinerzeit 
einer der grössten Spezialisten der Welt, hatte also in bezug auf 
die Prophylaxe des Merkurialismus so gesunde Ansichten, in die 
wir Zahnärzte aus vollster Ueberzeugung einstimmen müssen. 

Was Siegmund seinerzeit von seinen reichen Privat¬ 
patienten verlangte, wird sicherlich das erwachende Gemein¬ 
wesen von seinen klinischen Patienten fordern, indem es be¬ 
sondere Zahnärzte anstellt, welche die Aufgabe haben werden, 
in den Krankenhäusern und speziell den syphilitischen Ab¬ 
teilungen kostenfrei die Zähne der Patienten zu behandeln. 

Was die übrigen Infektionskrankheiten anbetrifft, müssen 
wir bedenken, dass viele Krankheitserreger in der Schleimhaut 
des Mundes und in den Zähnen leben und sich vermehren 
können, ehe sie in den Körper eindringen, z. B. die Diph- 


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Ueber die Prophylaxe im Gebiete der Odontologie. 


867 


therie-, Pneumonie-, Typhus- und Cholerabazillen. Aber nicht 
allein im Beginn der Krankheit, sondern auch nach ihrem Ab* 
lauf, wenn sich der Patient schon lange gesund gewähnt hat, 
können im Munde Krankheitskeime angetroffen werden, die 
vollkommen virulent und fähig sind, die Krankheit zu ver¬ 
schleppen. Wie wichtig die Reinigung der Zähne während 
solcher Epidemien in prophylaktischer Hinsicht ist, ergibt sich 
von selbst. 

Man hat beobachtet, dass der Löffler sehe Bazillus 
(Diphtheriebazillus) noch 10 bis 40 Tage, nachdem sich die 
häutigen Beläge gelöst haben, im Munde Vorkommen kann. 

Bisweilen kann eine Diphtherieseuche gänzlich ohne 
Krankheitssymptome verlaufen. So berichtet Erik Müller 
über einen Fall in einer Kinderbewahranstalt, wie, nachdem 
alle Kinder untersucht worden waren, bei einem kurz zuvor 
aufgenommenen Kinde der Löflflersche Bazillus gefunden wurde, 
ohne dass sich das Kind in irgend einer Weise krank gefühlt 
hätte. Am folgenden Tag fand man den Bazillus bei einigen 
anderen Kindern, und stets bei solchen, deren Betten dem des 
erstgenannten Kindes am nächsten standen. Nach einigen 
Tagen hatte sich der Bazillus auf alle (40) in demselben 
Raume schlafenden Kinder verbreitet. Indessen riefen die Ba¬ 
zillen keinerlei Störungen oder Krankheitssymptome hervor. 

Ich will noch eine Krankheit erwähnen, für die wir 
Zahnärzte einen offenen Blick haben müssen, wenn sie in der 
Umgebung auftritt. Das sind die Masern. Auch da können 
wir in prophylaktischer Hinsicht nützlich sein. Zu den Sym¬ 
ptomen dieser Krankheit, ehe noch die andern erschienen 
sind, gehören die sogenannten Koplikschen Zeichen: das 
sind kleine rote, an der Innenfläche der Wangen und Lippen 
auftretende Flecken mit einem bläulich weissen Punkt in der 
Mitte. Diese Flecken entstehen schon, ehe die Krankheit an¬ 
steckend ist Wenn wir also bei der Behandlung der Zähne 
eines Kindes diese Koplikschen Zeichen Anden, so ist es un¬ 
sere Pflicht, zu fordern, dass das betreffende Kind von den 
andern getrennt werde, und so können wir denn mit grosser 
Gewissheit das Umsichgreifen der Epidemie wenigstens in dieser 
Familie verhüten. 

Fassen wir nun die Prophylaxe der eigentlichen Zahn¬ 
krankheiten näher ins Auge, so tritt uns zunächst als die 
wichtigste derselben die Zahnfäule, Garies dentium, 
entgegen. 

Beim Studium der Prophylaxe der Zahnfäule müssen 
wir uns zuerst darüber klar werden, wie die Natur selbst sich 
gegen diese Krankheit zu wehren sucht. Unter den Kultur- 


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368 Prof. Matti Äyräpää, Helsiugfors (Finnland): 

/ölkern ist sie in so hohem Masse verbreitet, dass man nur 
selten jemand findet, dessen ganzes Gebiss gesund wäre. Auch 
von unserer Schuljugend haben mehr als 92 Prozent faule 
Zähne und es gibt in Europa Orte, wo dieses Prozent auf 100 
steigt, d. h. jedes Individuum ist in höherem oder geringerem 
Grade mit Zahnfäule behaftet. Doch gibt es Völker, wo diese 
Krankheit verhältnismässig selten vorkommt. Bei unseren 
Lappen existiert sie fast gar nicht, wenigstens nach der grossen 
Schädelsammlung zu urteilen, welche die finnische Universität 
besitzt. Die Natur scheint demnach über Mittel zu verfügen, 
dieser Krankheit zu widerstehen. 

Wenn wir diese Lappenschädel betrachten, so müssen 
wir uns darüber wundern, dass die Zähne in hohfem Grade 
abgenutzt sind, oft bis zum Zahnhalse. Auch an solchen 
Schädeln, wo die Milchzähne noch vorhanden sind, also an 
Kinderschädeln, finden wir dasselbe Verhältnis: die Zähne sind 
bis zum Zahnfleisch abgenutzt. Wie wir wissen, leben die 
Lappen den grössten Teil des Jahres hauptsächlich von ge¬ 
dörrtem Renntierfleisch, welches sie, da es hart und zäh ist, 
mit den Zähnen von den Knochen abnagen und abreissen. 

Uebrigens hat Mumm er y auf Grund vergleichender 
Studien in den Schädelsammlungen verschiedener Museen eine 
Statistik über die Verbreitung der Zahnfäule bei verschiedenen 
Völkern zusammengestellt und gefunden, dass Karies bei den 
Eskimos nur in 1 Prozent, bei den Indianern in 3 bis 10 Pro¬ 
zent, Malaien in 3 bis 20 Prozent, Chinesen in 40 Pro¬ 
zent und bei den Europäern in 80 bis 98 Prozent vor¬ 
kommt. Ausserdem berichtet Mumm er y über ein Volk, das 
eine Mischrasse von Spaniern und Indianern ist, nämlich das 
Gauchos-Volk in den Pampas Südamerikas, welches aus¬ 
schliesslich von Viehzucht lebt. Ihr Hauptnahrungsmittel besteht 
aus Fleisch, das sie über dem Feuer rösten und mit den 
Zähnen von den Knochen losreissen. Bei diesem Volk soll die 
Zahnfäule fast unbekannt sein, obwohl sie bei ihnen als Ab¬ 
kömmlingen von Indianern in 3 bis 10 Prozent oder von Spaniern 
wenigstens in 80 Prozent Vorkommen müsste. Wenn diese 
Angaben Stich halten, so deuten sie darauf hin, dass die 
Zähne, wenn auch wie bei den Europäern überhaupt schon 
degeneriert, in spätem Generationen verbessert werden können, 
falls die Lebensverhältnisse vorteilhafter geworden sind. 

Welches sind denn die zweckmässigen Lebensverhällnisse, 
unter denen wir den Kariesprozess zur Abnahme bringen 
können? Mit anderen Worten: Was ist die Prophylaxe der 
Natur gegen Karies? 

Das ist die Arbeit. 


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Ueber die Prophylaxe im Gebiete der Odontologie. 369 

Nur durch Arbeit können wir die Körperorgane kräftigen. 
Turner und Arbeiter bekommen starke Muskeln. Und umgekehrt: 
wenn wir unsere Organe nicht üben, so verkümmern sie und 
degenerieren. Jst z. B. eines Kindes Arm beschädigt worden 
und wird er einige Wochen untätig in der Binde getragen, so 
bleibt er in der Entwicklung zurück; der andere Arm wird 
stärker und entwickelter, nicht allein weil er gesund ist, 
sondern auch, weil das Kind ihn hat bewegen und üben 
können. 

Wir lesen schon in der Bibel: „Du sollst dein Brot im 
Schweisse deines Angesichts essen“, d. h. unter schwerer 
Arbeit. Diese schwere Arbeit ist aber nicht kollektiv aufzu¬ 
fassen, sie berührt jedes Körperorgan für sich. Die Bedingung 
des ganzen organischen Lebens ist Arbeit. Arbeitslosigkeit 
erzeugt Degeneration sowohl des ganzen Organismus als auch 
der einzelnen Organe. Alle Organe müssen eine bestimmte 
Arbeit verrichten: das Herz arbeitet, die Lungen arbeiten, 
jede Blutzelle ist in emsiger Tätigkeit. Auch die Zähne des 
Menschen degenerieren, wenn die Verrichtung ihrer Arbeit in 
zu hohem Masse den Köchen und Köchinnen überlassen wird; 
ihre Widerstandskraft nimmt ab, sie fallen der Zahnfäule zum 
Opfer und die Zahnfäule ist eine Wunde am menschlichen 
Körper, — eine klaffende Wunde, welche die Natur selbst 
nicht vernarben oder heilen kann wie andere Wunden, sondern 
welche unaufhörlich grösser wird und die Tore offen hält, 
durch welche allerlei Bazillen und Krankheitskeime in den 
Körper eindringen und dort ihr Zerstörungswerk verrichten 
können. 

Wie kann man verstehen, dass die Arbeit an sich die 
Zähne vor Fäulnis bewahren kann? 

Die Arbeit der Zähne besteht im Kauen, und kräftiges 
Kauen bringt zwei wichtige Komponenten mit sich: Reinigung 
der Zähne und Vermehrung der Drüsen —, speziell der 
Speicheldrüsentätigkeit. 

Beim Kauen, namentlich harter Nahrung, werden die 
Zähne mechanisch besser gereinigt als mit irgend welcher 
Zahnbürste, und von den Drüsen wird reichlich Speichel 
und Schleim ausgeschieden. Falls Speisereste zwischen den 
Zähnen oder in den natürlichen Zahnvertiefungen sitzen bleiben, 
macht der aus den Schleimhautdrüsen ausgeschiedene Schleim 
sie schlüpfrig, so dass der aus den Speicheldrüsen reichlich 
fliessende Speichel sie mitnehmen kann. Und sollten auch kleine 
Speisereste eine längere Zeit zwischen den Zähnen bleiben 
und gären, so neutralisiert der alkalische Speichel die beim 
Gären entstandene Säure (Milchsäure). 


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370 Prof. Matti Äyräpää, Helsingfors (Finnland): 

Wie wichtig ein reichhaltiger alkalischer Speichel für den 
Schutz der Zähne gegen den verderblichen Einfluss der im 
Munde entstandenen Milchsäure ist, beweisen die neulich von 
He ad ausgeführten Experimente. 

Er legte Schnitte von Zähnen in eine schwache Milch¬ 
säurelösung (1 Teil Milchsäure auf 500 Teile Wasser). Die 
Schnitte lösten sich schon nach einigen Minuten. Als er aber 
statt Wassers sich des Speichels bediente (also 1 Teil Milch¬ 
säure auf 500 Teile Speichel), hielten sich die Schnitte wochen¬ 
lang unverändert. 

Die schützende Kraft des Speichels liegt also nicht in 
seinen antiseptischen Eigenschaften. Seine Fähigkeit, Mikro¬ 
organismen zu töten, dürfte sehr gering sein, wenn eine solche 
überhaupt existiert. Wir wissen ja, dass sogar in dem gesunden 
Munde grosse Mengen Bakterien leben und dass ihre Anzahl 
unendlich ist, wenn Zahnfleisch und Zähne krank sind. Der 
Speichel tötet sie nicht, denn es gibt unter ihnen ganz gewiss 
auch nützliche Arten, obwohl wir sie und ihre Funktionen 
noch nicht so genau kennen, aber er vermindert und neutrali¬ 
siert den Schaden, welchen die Produkte der Bakterien hervor¬ 
bringen können. 

Die schützende Wirkung des Speichels ist wahrscheinlich 
noch ausgedehnter. Die Serumlehre mit ihrer neuen Betrachtungs¬ 
art, ihren neuen Stoffen, ihren Toxinen und Antitoxinen, 
Präzipitinen, Agglutinen, Alexinen, Komplementen, Aggres¬ 
sion, Opsoninen usw. wird wahrscheinlich auch in bezug auf 
den Speichel neue Weiten aufdecken und uns einen Einblick 
gewähren in die geheimnisvollen Werkstätten, wo die Natur 
ihre Verteidigungsmittel im Kampf um das Leben hervorbringt. 
Und in diesem Kampf werden, nach allem zu urteilen, eine 
grosse Anzahl Bakterienarten unsere Verbündeten sein, wenn 
auch andere unsere unversöhnlichsten Feinde sind und bleiben. 

Wenn wir von den eigenen prophylaktischen Mitteln der 
Natur in ihrem Kampf gegen die Zahnkrankheiten reden, so 
dürfen wir keineswegs die Tätigkeit des Zahnmarks, der Pulpa, 
vergessen. 

Kommen wir wieder auf die obenerwähnten Lappen¬ 
schädel zurück, so erinnern wir uns, dass die Zähne derselben 
oft bis an das Zahnfleisch abgenutzt waren. Man hat also eine 
Blosslegung der Pulpahöhle zu befürchten, da ja der ganze 
obere Teil des Zahnes und noch mehr verschwunden ist. Das 
ist aber nicht der Fall. Je nachdem ein Teil des Zahnes 
abgenutzt wird, baut die Pulpa neues Zahnbein, das soge¬ 
nannte Schutzdentin, gegen die drohende Gefahr. Auf dieselbe 
Art sucht sich die Pulpa gegen die beginnende Zahnfäule zu 


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Ueber die Prophylaxe im Gebiete der Odontologie. 


371' 


wehren. Sobald diese in einem Zahn festen Fuss gefasst und 
angefangen hat, ihre Vorläufer, das heisst ihre Toxine längs 
der Dentinkanäle in der Richtung nach der Pulpa auszusenden, 
beginnt auch die Pulpa eine intensive Tätigkeit. Sie vermindert 
die Zahl der Dentinkanäle, die ja in gesunden Zähnen in 
dichten Scharen von der Peripherie nach der Pulpa ziehen, 
und hinterlässt nur die harte Grundsubstanz, welche die 
Bazillen auflösen müssen, ehe sie weiter vorwärts dringen 
können. Gleichzeitig baut die Pulpa, ebenso wie gegen die 
Abnutzung, neues Dentin, Schutzdentin, zwischen sich und der 
drohenden Zahnfäule. Sie errichtet also Wälle oder Barrikaden 
gegen die zahlreichen Feindesscharen der Bakterien, wie man 
es im Kriege zu tun pflegt; und was noch wunderbarer ist, 
sie baut in dieses Schutzdentin nur wenige Dentinkanäle, und 
auch diese krumm und zickzack laufend, so dass es den. 
Bakterien und ihren Giften schwer fällt, längs derselben vor¬ 
wärts zu dringen. Wie dieser Kampf schliesslich doch endigt, 
das weiss die jetzige Generation nur zu gut. Die Widerstands¬ 
kraft der Pulpa nimmt ab, und wenn zahnärztliche Hilfe nicht 
beizeiten hinzukommt, ist der Zahn dem Untergange geweiht. 

Die eigenen prophylaktischen Mittel der Natur gegen die 
Zahnfäule sind also zunächst Arbeit oder kräftiges Kauen, 
daraus folgende Reinigung der Zähne und eine reich¬ 
liche Ausscheidung alkalischen Speichels, sowie 
die Tätigkeit des Zahnmarks oder dessen Fähigkeit, zwischen 
sich und der nahenden Zahnfäule neues Schutzdentin 
zu bilden. 

Durch Arbeit, das heisst durch kräftiges Kauen erstarken 
Kieferknochen, Kaumuskulatur, Zähne, Lippen- und Rachen¬ 
muskeln; der Blutumlauf wird reger — mit einem Wort: die 
Entwickelung aller Gewebe wird schneller und der histologische 
Bau der Zähne gewiss auch kräftiger. 

Black hat zwar auf Grund genauer chemischer Analysen- 
behaupten wollen, dass es keinen Unterschied zwischen soge¬ 
nannten guten und schlechten Zähnen gebe, da man ja in der 
Asche beider GewebC dieselben Mengen von Kalk und anderen. 
Stoffen gefunden habe. Meines Erachtens dürfte aber die 
Stärke der Zähne nicht auf der Anzahl der Kalkmoleküle, wie 
sie in der Zahnasche Vorkommen, beruhen, sondern auf ihrer 
chemischen und architektonischen Zusammensetzung, wie sie 
in der lebenden Zelle auftritt. Wir können aus derselben 
Anzahl Ziegelsteine ein Haus bauen, welches stark und fest 
ist, aber auch eins, das von selbst umstürzt. Wir können aus 
der Zahnasche das darin enthaltene kohlensaure oder phosphor¬ 
saure Kalkprozent berechnen, wissen aber nicht einmal, in. 


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372 Prof. Matti Äyräpää, Helsiugfors (Finnland): 

welchen Verbindungen der Kalk in den Geweben auftrilt; wir 
kennen nicht die chemische Zusammensetzung oder den 
architektonischen Bau der kalkhaltigen Moleküle und wissen 
auch nicht, wie sie sich zueinander addieren, ob sie sich das 
einemal fester Zusammenschlüssen als das anderemal. Von 
diesen Umständen dürfte die Stärke der Zähne abhängig sein, 
nicht aber vom Kalkprozent der Zahnasche. Jeder praktische 
Zahnarzt muss wohl zugeben, dass die von uns behandelten 
Zähne sehr verschieden erscheinen; einigen von ihnen wollen 
unsere scharfen Instrumente nichts anhaben können, während 
sie in andere mit Leichtigkeit eindringen. 

Nachdem wir nun die verschiedenen Massregelq besprochen 
haben, deren sich die Natur selbst in prophylaktischer Hinsicht 
gegen die Entstehung und Verbreitung der Zahnfäule bedient, 
gelangen wir nun zu den Massregeln, welche das Gemeinwesen, 
die Familie und der einzelne Mensch, sowie auch der Zahn¬ 
arzt ergreifen muss, um die Zerstörung des menschlichen 
Kauapparats zu verhüten. 

Auch in dieser Sache müssen wir die Natur zuerst zu 
Rate ziehen. Wir haben aus dem vorhergehenden bereits 
ersehen, dass das beste Schutzmittel der Natur gegen die 
Zahnfäule in harter Arbeit, das heisst im Kauen harter und 
. zäher Nahrung besteht. Dem Bequemlichkeitsverlangen und 
der Genusssucht des modernen Kulturmenschen ist wohl kaum 
mehr Einhalt zu tun, wenigstens nicht in so hohem Grade, 
dass man so viel Zeit und Mühe auf das Kauen selbst ver¬ 
wenden würde, wie etwa die niedrig stehenden Völker. Es ist 
fast undenkbar, dass der Kulturmensch wieder mit grosser 
Mühe gedörrtes, zähes Fleisch zu nagen sich bequemen würde, 
wie es zum Beispiel die Lappen tun; nein, er will es gehackt, 
zerschnitten, gewürzt und so weich gekocht und gebraten 
haben, dass es fast auf der Zunge zergeht. Die Arbeit, welche 
die Natur für Mund und Zähne bestimmt, hat der Kultur¬ 
mensch zum grossen Teil Speisewarenfabrikanten aller Art, 
Wurstwarenhandlungen und Köchen überlassen. Eine Rückkehr 
zu einfachen, primitiven Sitten ist sicher unmöglich. 

Manche grosse Denker haben allerdings eine Rückkehr 
in den Schoss der Natur als die einzige Rettung der Mensch¬ 
heit vor Verfall und Degeneration betrachtet. Die Lehre von 
Jean Jacques Rousseau ist in dieser Beziehung die 
radikalste. Nach ihm wäre die Zivilisation das Unglück des 
Menschengeschlechtes; sie erzeuge alles Elend, welches sich 
unter der leuchtenden Schale birgt. Also, zurück zum Urzu¬ 
stand! Die Lebensweise der wilden Völker, ja sogar der Tiere 
sei unser Vorbild! 


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Ueber die Prophylaxe im Gebiete der Odontologie. 


37$ 


Ich kann nicht umhin, einige Verse von Goethe zu 
zitieren, die auch zu einer primitiveren Lebensweise im Schosse 
der Natur auffordern. Er sagt: 

„Leb’ mit dem Vieh als Vieh 
Und acht’ es nicht für Raab, 

Den Acker, den da pflauztest, selbst za düngen! 

Das ist das beste Mittel, glaab’, 

Auf achtzig Jahr’ dich zu verjüngen.“ 

Trotzdem ist es aber wohl eine Utopie, zu glauben, dass 
das Menschengeschlecht zu einem Urzustände zurückkehren' 
könnte oder wollte. 

Zwar ist es wahr, dass die Zivilisation auch in bezug 
auf die Verbreitung der Zahnfäule viele Schattenseiten besitzt, 
namentlich in den hygienischen Verhältnissen der Grossstädte 
und auf dem Gebiete des Grossgewerbes, doch stehen ihr auch 
Mittel zu Gebote, um diese Schädlichkeiten zu paralysieren. 

Durch die Verbreitung von Kenntnissen kann schon vieles 
erzielt werden. Da die Gesundheit des Menschen 
grösstes Gut ist, von welchem sein Auskommen 
ganz und gar abhängt, muss auf den Schulunter¬ 
richt in der Gesundheitslehre viel grösseres Ge¬ 
wicht gelegt werden, als bisher. 

Doch ist es nicht genug, dass ein solcher Unterricht 
erteilt wird, man muss auch darüber wachen, dass die gege¬ 
benen Ratschläge befolgt werden. Was die Zähne der Kinder 
anbelangt, so ist es nötig, sie jährlich zu untersuchen, alle 
Fehler und Mängel auszubessern und darüber zu wachen, 
dass eine alltägliche, sorgfältige Reinigung bewerkstelligt wird, 
ln Zukunft liegt es allen grösseren Städten und Gemeinden 
ob, für die Schuljugend eigene Aerzte und Zahnärzte anzu¬ 
stellen, welche im Interesse des Gemeinwesens ihren Gesund¬ 
heitszustand kontrollieren und ihr die nötige Pflege ange¬ 
deihen lassen. 

Die zweite Pflicht des Gemeinwesens ist die Beschaffung 
guten Trinkwassers. Auf Grund ausgedehnter und genauer 
Berechnungen hat Rose nachgewiesen, dass hartes, kalkhaltiges 
Trinkwasser für die Entwicklung guter Zähne ein äusserst 
wichtiger Faktor ist. Je härter das Trinkwasser an einem Ort, 
um so geringer die Zahl verdorbener Zähne. In einem Ort, 
wo hartes Brunnenwasser zu Speise und Trank verwendet 
wurde, hat man bis 18 Prozent weniger verdorbene Zähne 
nachweisen können als in einem Nachbarort, wo das Trink¬ 
wasser aus weichem Fluss- oder Seewasser bestand. 

Diese statistische Studie von Röse, die mehr als 100.000 
Kinder aus verschiedenen Gegenden umfasst, erscheint mir als 


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374 Prof. Matti Äyräpää, Helsiusjfors (Finnland): 

^in Fingerzeig der Natur, dass in vielen Gegenden die Ent¬ 
wicklung der Jugend durch Mangel an sogenannten Erdsalzen 
(Kalk- und Magnesiumsalzen) gestört wird. Man hat zwar 
behaupten wollen, dass die meisten Nahrungsstoffe so viel 
Xalk enthielten, wie der Mensch für seinen Knochenbau 
bedarf, doch haben später physiologische Forschungen darge¬ 
legt, dass das Herz, um funktionieren zu können, jeden Augen¬ 
blick Kalksalze braucht. Ein entnommenes Froschherz hört, 
in destilliertes Wasser gelegt, nach einigen Minuten zu funk¬ 
tionieren auf; löst man aber im Wasser in unbedeutenden 
Mengen mineralische Bestandteile, wie Kalk-, Magnesium-, 
Kali- und Natriumsalze, so beginnt seine Funktion von neuem 
und es zieht sich zusammen und erweitert sich noch viele 
Tage lang. Der Kalk und andere mineralische Bestandteile 
des Blutes müssen also als ein für den Körper wichtiger 
Nahrungsstoff betrachtet werden, ebenso wie die Kohlehydrate 
und Eiweissstoffe. 

Robert Tigerstedt 1 äussert: Durch diese Beobach¬ 
tungen ist es also erwiesen, dass die Aschenbestandteile der 
Kost für den Unterhalt des Körpers ebenso wichtig sind, wie 
-die darin enthaltenen brennbaren Verbindungen, ja aus den 
angeführten Versuchen scheint sogar zu folgen, dass der 
erwachsene Körper leichter eine vollständige Karenz, als den 
einseitigen Aschenhunger verträgt. 

Man weiss noch nicht, in welcher Form der Kalk im 
Stoffwechsel auftritt; wahrscheinlich wird er in organischen 
Verbindungen resorbiert. Ausser im Trinkwasser und in der' 
Milch erhält der Mensch einen grossen Teil seines Kalkbedarfs 
in Nahrungsstoffen aus dem Pflanzenreich, wie Kartoffeln, Rüben, 
Kohl, Erbsen, Gemüse usw. Nun ist es aber so, dass der Kalk¬ 
gehalt dieser Stoffe verschwindet oder zum grössten Teil ab¬ 
nimmt, wenn sie in weichem Fluss- oder Seewasser gekocht 
werden. Die Kalksalze lösen sich nämlich darin und werden 
mit dem Wasser ausgeschüttet. Anders ist der Fall, wenn hartes 
Wasser zum Kochen benützt wird. Darin lösen sich die Kalk¬ 
salze nicht, im Gegenteil: das Gemüse nimmt aus dem harten 
Wasser noch mehr Kalksalze in sich auf und erhält somit einen 
grösseren Nährwert. 

Kinder essen häufig Gemüse, z. B. Karotten, lieber roh 
als gekocht. Vielleicht birgt sich hier ein Wink der Natur, dass 
Kinder im Entwicklungsstadium mehr solche Stoffe nötig 
haben, die in der ungekochten Speise vorhanden sind, z. B. 
Kalksalze, die aber beim Kochen aus derselben verschwinden. 

1 Nagel: Handbuch der Physiologie des Menschen. Bd. I, Heft II, 
Teil I, Seite 518. 


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Ueber die Prophylaxe im Gebiete der Odontologie. 


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Ausserdem geht aus R ö s e s Untersuchungen hervor, dass 
z. B. fast der ganze Kalkgehalt von Kartoffeln, die geschält 
in weichem Wasser gekocht werden, sich im Wasser löst, bei 
ungeschälten Kartoffeln sich aber erhält, namentlich wenn sie 
so vorsichtig gekocht werden, dass sie nicht platzen. 

Die beste Art, Gemüse so zuzubereiten, dass ihr Kalk¬ 
gehalt unseren Zähnen zugute kommt, ist, sie zu dämpfen oder 
in so wenig Wasser wie möglich zu kochen und auch dieses 
Wasser, mit Fett und anderem vermischt, als Sauce zu ver¬ 
wenden. 

Wollen wir nun, auf das Gesagte gestützt, die prophy¬ 
laktischen Massregeln aufzählen, welche wir zu befolgen haben, 
um die Verbreitung der Zahnfäule zu verhindern, so verteilen 
sie sich zwischen das Gemeinwesen, die Familie, das einzelne 
Individuum und den Zahnarzt folgenderweise: 

I. Das Gemeinwesen hat die Pflicht: 

1. Den Unterricht in der Gesundheitslehre (hier die Pflege 
der Zähne) für das Volk und insbesondere für die Schuljugend 
zu überwachen; 

2. die Gesundheitspflege (hier die Pflege des Mundes) 
selbst zu überwachen; 

a) in Schulen, namentlich Volksschulen (Schulzahnärzte); 

b) im Heerwesen zu Lande und zur See; 

c) in industriellen Einrichtungen, wie Bäckereien, Kondi¬ 
toreien und Fabriken, wo für die Zähne gefährliche Stoffe, wie 
Säuren, Phosphor u. dgl. bereitet oder verwendet werden; 

d) in Krankenhäusern und anderen Anstalten, wo ein 
Zusammenwirken von Arzt und Zahnarzt nötig ist; 

3. taugliches Trinkwasser zu beschaffen. 

II. Die Familie hat die Pflicht: 

1. Aus Quellen oder Brunnen hartes Wasser zur Nahrung 
zu beschaffen; 

2. die Speisen so zuzubereiten, dass die Erdsalze, die 
Kalkmagnesiumsalze, nicht gelöst und entfernt werden. 

3. die Kinder zu lehren, hartes Brot zu essen, so dass 
die von der Natur bestimmte Arbeit, auch in betreff der Zähne, 
ausgeführt wird. 

III. Das Individuum hat die Pflicht: 

1. Regelmässig jeden Tag seine Zähne zu bürsten; 

2. sie jährlich von einem Zahnarzt untersuchen zu lassen; 

3. die Nahrung sorgfältig zu kauen (jeden Bissen minde¬ 
stens 80- bis 100 mal). 

IV. Der Zahnarzt hat die Pflicht: 

1. Durch sein Beispiel zu wirken, seine eigenen Zähne 
und diejenigen seiner Familie und Dienstboten zu pflegen; 


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376 


Dr. Juljan Zilz, Gyulafeh6rvär: 


2. bei der Behandlung seiner Patienten mehr die Zukunft 
der Zähne als den momentanen Bedarf im Auge zu haben; 

3. mit dem Hausarzt zusammenzuwirken, insbesondere 
hinsichtlich der Nasen- und Rachenkrankheilen, die ja Arti¬ 
kulationsstörungen im Kiefer und Gesicht verursachen können; 

4. endlich kommt es dem Zahnarzt zu, nach einem 
hohen Bildungsgrad zu streben, so dass sein 
wissenschaftlicher Gesichtskreis erweitert und 
sein Ansehen erhöht werde, dass man Vertrauen 
zu ihm habe und seine Ratschläge und Vorschriften befolge, 
namentlich wenn sie allgemeine Massregeln betreffen, welche 
das Gemeinwesen ergreifen muss im Kampf gegen die Zahn¬ 
fäule, die wie eine Seuche immer mehr um sich greift, sowohl 
unter Jungen als Alten, und der Völker Gesundheit und Wohl¬ 
ergehen zu zerstören droht. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Die UnterkieferitrDche Mi deren BeMliii; stuatolopcii 
MeocMet an der Hand eines tasoistiscbei Beitraps. 

Von Regimentsarzt Dr. Juljan Zilz , Zahnarzt in Gyulafehärvär. 

„Die Behandlung der Kieferfrakturen 
soll eine spezialistische sein.“ 

Generalarzt Dr. Karl Seydel, 
Professor h. c., München. 

Von unserem verewigten grossen Meister und Lehrer 
Billroth rührt der Ausspruch her: „Selten bewältigt man die 
Natur mit einem ,entweder — oder“ 4 ; das ist alles viel kom¬ 
plizierter, als es auf den ersten Blick scheint und als wir es 
wünschen und allzu oft bewahrheitet sich derselbe in der 
Praxis. Die Variationen der Fälle sind es, die, zur Triebfeder 
werdend, uns zu allen Finessen der Technik nötigen und uns 
unwillkürlich für jeden einzelnen Fall eine eigene technische 
Vorrichtung oktroyieren. Einen solchen Fall zu beschreiben, ist 
Zweck dieser Arbeit und will ich vorerst einleitend an der 
Hand der mir zugänglichen Literatur einige allgemeine Daten 
über die Unterkieferfrakturen — um eine solche handelt es sich 
— wiedergeben. 

Die Frakturen des Unterkiefers teilt Prof. Albert [1] 
ihrer anatomischen Form nach in drei Hauptgruppen ein, 
und zwar: 


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Die Unterkieferbrttche und deren Behandlung. 


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1. Nach dem Grade der Penetration. 

a) Unvollständige, das heisst Lamellenbrüche nach Gabriel 
und C^assaignac; 

b) submuköse Brüche (analog den subkutanen); 

c) offene Brüche mit Zerreissung der Weichteile, insbe¬ 
sondere des Zahnfleisches. 

2. Nach der Zahl der Bruchlinien. 

a) Einfache Brüche; 

b) Doppelbrüche (besonders häufig auftretend); 

c) dreifache Brüche; 

d) komminutive Frakturen (Schussverletzungen). 

3. Nach der Oertlichkeit. 

a) Brüche des Alveolarfortsatzes; 

b) „ in der Mittellinie des Körpers; 

c) „ des Körpers im Bereiche der Schneidezähne 

(oft mit bedeutender Dislokation); 

d) Brüche im Bereiche des Unterkieferwinkels (mit schiefer 
Bruchlinie); 

e) Brüche im Bereiche der Backenzähne (mit Verletzung 
des Canalis alveolaris); 

f) Brüche im Bereiche des aufsteigenden Astes: 

g) „ „ „ des Processus condyloideus; 

h) „ „ „ des Processus coronoideus (sehr 

selten). 

In den älteren Lehrbüchern finden wir die Einteilung der 
Unterkieferbrüche in solche, welche vor und solche, welche hinter 
der Insertion des Muse, masseter liegen. 

Die Unterkieferbrüche kommen im Verhältnis zu den 
anderen Knochenbrüchen relativ selten vor. So berichtet B1 e i c fa¬ 
st ein er im Scheffschen Handbuch [2], dass nach einer 
Statistik des Londoner Hospitals unter 22.616 Knochenbrüchen 
etwa 526 auf die Gesichtsknochen entfielen (2*326 Prozent). 
Nach demselben Verfasser waren im New-Yorker Hospital 
innerhalb zwölf Jahren im ganzen 1722 Frakturen in Behand¬ 
lung, darunter 66 Frakturen des Unterkiefers, also etwa 3*19 Pro¬ 
zent. Nach den Zusammenstellungen v. Bruns 1 machen die 
Brüche der Gesichtsknochen etwa 1*7 Prozent aller Knochen¬ 
brüche aus. Nach Prof. Leser (17) betreffen die Frakturen 
etwa in 7 Prozent die Knochen des Schädels. Prof. König [21] 
behauptet, „dass die Brüche am Unterkiefer ebenso häufig sind, 

1 Bei einer Summe von 8560 Frakturen, die v. B r u n s im Jahre 1886 
ans dem gesamten Beobachtungsmaterial bestimmter Hospitäler und Poli¬ 
kliniken zusammenstellte, kamen 102 (1*1 Prozent) auf den Unterkiefer. 

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378 


Dr. Jnljan Zilz, Gyulafeh6rvär: 


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als alle anderen Frakturen der Knochen des Gesichtes zu¬ 
sammengenommen. 6 

Albert S. M i g d 1 e y, D. M. D., Rhode Island, berichtet im 
„Dental Cosmos“, Nr. 3, 1906, über Frakturen der Kiefer und 
das Resümee von 43 im Rhode Island-Hospital behandelten 
Fällen nachstehendes: 

„Bei der Fraktur der Mandibula war der Sitz und die 
Häufigkeit folgende: 

A. Inzisive Region 20; links 9. rechts 8, Mittellinie 3; 

B. Angulus 6; aufsteigender Ast 5, links 1, rechts 4; 

C. Molarenregion 10; links 6, rechts 4; 

D. Bicuspidatenregion 6; links 4, rechts 2; 

E. Kondylenhals 1. 

Auf 8 Frakturen des Unterkiefers kommt 1 des Ober¬ 
kiefers. 

Geschlecht und Alter: In der Serie von 43 Fällen waren 
3 Frauen, 40 Männer. Altershöchstgrenze 53, Niederstgrenze 
12 Jahre. Meistens zwischen 23 bis 35 Jahren. 

Alter und Häufigkeit: Zwischen 12 bis 20 Jahren 4; 
20 bis 30 Jahren 18; 30 bis 40 Jahren 12; 40 bis 50 Jahren 6; 
50 bis 53 Jahren 3. 

Die Dauer der Behandlung: 93 Tage war die längste, 
23 die kürzeste Zeit der Behandlung. 25 Prozent der Frakturen 
wurden aufgenommen, während die Patienten berauscht waren.“ 

Das für uns am häufigsten in Betracht kommende ätio¬ 
logische Entstehungsmoment ist das direkte Trauma. Hufschlag 
eines Pferdes, roher Stoss und Schlag, Steinwurf, Sturz von 
bedeutender Höhe, Schussverletzungen bei Selbstmördern etc. 
sind die öftesten, die Frakturen auslösenden Momente. Die 
Bruchlinien verlaufen gewöhnlich in der Richtung der einwir¬ 
kenden Gewalt und sind wegen der Härte der Knochensubstanz 
meist scharfrandig. Wird die Kontinuität des Unterkiefers an 
irgend einer Stelle aufgehoben, so äussem die daselbst inse¬ 
rierenden Muskeln ihre Wirkung und ziehen das Bruchstück, 
insoweit dies die Art des Bruches selbst erlaubt, nach ihrer 
Richtung hin. Beim Bruch am Körper kommt je nach der 
Bruchlinie bald geringe, bald starke Verschiebung vor; häufig 
ist die Verschiebung nur im Anfang eine beträchtliche, dieselbe 
lässt bald nach, nachdem die Muskeln erschlaffen, und es er¬ 
folgt selbst ohne Verband eine günstige Lagerung. So tritt 
beim senkrechten Bruch in der Mitte keine Verschiebung ein 
und wenn sie durch die schädliche Gewalt gleich bewirkt 
wurde, kehrt sie nach der Einrichtung nicht wieder. Tritt ein 
senkrechter Bruch an der Seite des Körpers ein, und zwar 


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Die Unterfeieferbrüche und deren Behandlung. 


379 


zwischen äusserem Schneidezahn und Eckzahn, so wird das 
vordere Stück, wenn aueh nicht beträchtlich, durch die Muse, 
genio und mylohyoideus, biventer etc. nach ab- und rückwärts, 
das hintere durch die Muse, temporalis und masseter vor- und 
aufwärts gezogen, ebenso wenn der Bruch am Körper schief 
von vorne und oben nach hinten und unten geht. Erfolgt der 
Bruch von vorne und unten nach hinten und oben, so hemmt 
diese Richtung die Verschiebung, aber auch in diesem Falle 
kann, immer vorausgesetzt, dass der Bruch kein rein intra¬ 
periostaler ist, eine Achsendrehung des hinteren Bruchstückes 
durch die Muse, pterygoidei erfolgen. 

Beim Bruche eines Astes entsteht keine Verschiebung, 
wenn der Bruch innerhalb des Bereiches der Insertion des 
Muse, masseter stattfand. Beim Bruch des Kronenfortsatzes 
wird dieser durch den Temporalis emporgezogen, oft aber nur 
unmerklich, insbesondere bei intraperiostalem Bruche und teil¬ 
weiser Erhaltung der Sehnenfasern des Muse, temporalis. 

Eine besondere Prädisposition für Frakturen zeigt die 
Gegend des Eckzahnes, da die Entstehung derselben sowohl 
durch das Foramen mentale, als auch die tief herabreichende 
Wurzel des Eckzahnes daselbst begünstigt wird. 

Die Diagnose bietet, dank der Deutlichkeit und Prägnanz 
der Symptome und der allseitigen palpatorischen Zugänglich¬ 
keit des Unterkiefers, wohl keine Schwierigkeiten. Abgesehen 
von den heftigen Schmerzen, die beim Sprech- oder Schluck¬ 
versuche ausgelöst werden, sind es die mutatis mutandis be¬ 
kannten klassischen pathognomischen Symptome der Frakturen 
im allgemeinen. Bei Brüchen, welche den Alveclarkanal be¬ 
treffen, sind durch Läsion des Alveolaris inferior Neuralgie 
oder Anästhesie der Unterlippe oder des Kinns, in anderen 
Fällen nervöse Reizerscheinungen tetanischer Art beobachtet 
worden (Kinloch, Börard, Robert). 

Der kasuistische Beitrag, um welchen es sich in der vor¬ 
liegenden Arbeit handelt, sei nun nachfolgend beleuchtet. Er 
betrifft mit Rücksicht auf den Zahnfleischriss, der eine direkte 
Kommunikation der Mundhöhle mit der Bruchspalte schaffte, 
einen direkten offenen, komplizierten, senkrechten Unterkiefer¬ 
bruch, zu dem sich ein Horizontalbruch hinzugesellte, also einen 
mehrfachen Bruch, der verhältnismässig häufig vorkommt und 
nach Hamilton [19] etwa zwei Drittel der Fälle ausmacht. 

* 

Der Infanterist P. M. des Infanterieregiments Nr. 31 
wurde am 22. Februar 1. J., um 7 Uhr abends, auf offener 
Strasse während seines Heimweges in die Kaserne von einem 

3* 


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begleitet ist. Jede Bewegung des Kiefers steigert dieselben und 
ängstlich vermeidet Patient das Kauen und Sprechen. 

Die Sprache ist undeutlich, da die Lippen- und Zisch¬ 
laute nicht richtig gebildet werden können, Bei der äusseren 
Palpation tastet mau eine im rechtere äusseren Drittel des 
Uiderkiefeköipers befindliche, etwa eigmsse, schmerzhafte 
Schwellung, m deren Kuppe eine 'blaurot eipgesäumte, etwa 
hellergrosse Exkömtionsichtbar ist Bei der iunecen Digital- 
dnt^‘süchung 'lässt rihhaüf der mit der Schwellüng kdrrespon- 
diereriden Kieferseife eine $ubmuip% gelegene, schief gestellte, 
von unten aussen hach oben innen verlaufende Knoebenstufe 
iesidollen Diese KönfiänUätstreaßung, welche die deutlichen 
Merkmale der Kapitalien ..und Verscbfebbarkeif, an rieh trägt 
und die ganke Kieferdicke betrifft, durchquert an der iirtgualen 


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Kieferseile die Fovea srjbroaxiliarjs twfscber« $, umV?T ebenso 
die Linea mylohyöidea, um von da astförmig in einem Winkel, 
von etwa 40nach vorne.-gegen- das Kinn abzubiegeri (Fig. 
Parallel xur Zahureih« in der Fovea soblihguahs und bukkal in 


intakten Fdramen mentale verlaufend und die Joga alveolarla 
durchquerend, endet sie zwischen dem zweiten linken Schnelde- 
nnd Eekgahu, woselbst auch der Nivesuu r i eßcbied der Zahne 
und die dadurch vemdioheiie Zahnreibe sichtbar sind {Fig. 3). 
Art dieser Stelle befindet sich auch ein liefet Einriss des Zahn¬ 
fleisches, der weit bis unter die Zahnhälse der qk und p reicht 


Der oben beschiiebeoK' Teil des Alvöolarfortsatzes, dessen 
Fraktur sieb lingual und bukkal palpatdrisch feststeileu lasst 
und sich über 5-T :-i if fl j i 2 erstreckt und dessen Zähne in 
den Köchern teststecken, lässt sich passiv bewegen. Da das 
Forärneh angedeüteb in die traumätiäche 

Läsion allem Anscheine nach nicht einbezogen wurde, sind 






862 


Di. Juljan Zilz, Gyulafehervär: 


Störungen im Gebiete der Rami dentales und Rami inter¬ 
alveolares des Nervüs mandibularis nicht vorhanden. Auf elek¬ 
trische Reizung mit dem konstanten Strome reagierten die Zähne 
prompt, eher etwas über der normalen Reizschwelle. In Er¬ 
mangelung eines Aktinogrammes zeigt Fig. 1 die Bruchlinien 
an einem Unterkieferknochen eingezeichnet, soweit ihre Richtung 
palpatorisch fixiert werden konnte, und die Fig. 2 und B die¬ 
selben auf dem dazugehörigen Gipsmodelle. 

Bei Analysierung des therapeutischen Regimes mussten 
folgende Grundmomente ins Auge gefasst werden, und zwar 
erstens die Reposition, beziehungsweise Koaptation der dis¬ 
lozierten Bruchteile, „die ebenso leicht zu erreichen, als schwer 
dauernd zu erhalten ist“, und zweitens eine möglichst voll¬ 
kommene Fixation derselben, unter der anatomischen Voraus¬ 
setzung, die Bruchteile durch längere Zeit unverschiebbar in 
dieser Contenance zu erhalten, um die Heilung ohne Verschie¬ 
bung und Funktionsbehinderung zu bewerkstelligen. Denn 
„auch eine verhältnismässig geringe Verschiebung hat, nach 
Perthes [24], am Unterkiefer grössere Bedeutung, wie bei 
den meisten anderen Knochenbrüchen. Denn wenn ein Frag¬ 
ment tiefer steht als das andere, können natürlich die Zähne, 
die es trägt, den Oberkiefer nicht mehr berühren und ein Teil 
beider Kiefer wird damit vom Kauakte ausgeschaltet“. 

Prof. Perthes [24] teilt die Behandlungsmethoden der 
Unterkieferbrüche in nachstehende Gruppen ein: 

1. Gegenseitige Fixierung der Fragmente durch äussere 
Verbände und Schienen. 

2. Gegenseitige Fixierung der Fragmente durch Verbindung 
ihrer Zähne (Interdentalschienen). 

3. Gegenseitige Fixierung der Fragmente durch die 
Knochennaht. 

4. Gegenseitige Fixierung der Fragmente durch äussere, 
jedoch gleichzeitig im Munde am Kiefer angreifende Schienen 
und Verbände. 

5. Stellungskorrektur durch Extension unter Verzicht auf 
absolute Fixierung (Extensionsverbände). 

6. Fixierung der Fragmente durch Befestigung an der 
Zahnreihe des gesunden Oberkiefers unter absoluter Ruhig¬ 
stellung des Unterkiefers. 

Vom praktischen Standpunkte standen uns zwei Methoden 
offen, und zwar die operative und die prothetische mit Hilfe 
eines Kieferschienenverbandes. Röse[7] äussert sich bezüglich 
der Wahl der Behandlungsart wie folgt: „So ist es durchaus 
unzulässig, durch das Verfahren der Knochennaht den ein¬ 
fachen Bruch in einen verwickelten zu verwandeln, um so 


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Die Unterkieferbrüche und deren Behandlung. 


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mehr, als wir in der Lage sind, durch geeignete Verbände 
denselben Heilerfolg in viel schonenderer Weise zu erzielen.“ 
Auch Kocher [20] hat am letzten Chirurgenkongress hervor¬ 
gehoben, wie v. Eiseisberg [20] berichtet, „dass derjenige, 
welcher gut mit Verband behandeln kann, nur selten die In¬ 
dikation zur Naht des subkutanen Bruches finden wird“. 

In ähnlichem Sinne äussern sich auch die anderen Autoren 
jüngster Zeit. Dr. Hoebaers 1 in Brüssel meint: „La supe- 
riorite de la contention mecanique des fractures du corps man- 
dibulaire sur les procedes de contention chirurgicaux voire 
mäme sur la suture osseuse, est indubitable.“ 

Die blutige Naht der Fragmente mittels Silberdraht oder 
Verschraubung, die von Eiseisberg „als eine in neuester 
Zeit entstandene Konkurrenzmethode der alten bewährten Be¬ 
handlung der subkutanen einfachen Knochenbrüche durch 
Fixation mittels Gips- oder Schienenverbandes“ beschrieben 
wird, musste sowohl mit Rücksicht auf die Mehrfachheit und 
die bedeutende Ausdehnung des Bruches, als auch auf den 
Umstand, dass sich erfahrungsgemäss nach Knochennähten 
oft wieder Dislokationen einzustellen pflegen, fallen gelassen 
werden. 

Ebenso musste an den Uebelstand gedacht werden, „dass. 
Frakturen, an welchen die Knochennaht ausgeführt wurde, 
langsamer und mit weniger Kallusbildung zu heilen pflegen“. 

An Stelle der blutigen Behandlungsart wurde daher die 
Helferichsche immobilisierende gewählt, und zwar der 
Kieferschienenverband. Dass hiebei sowohl die Grundzüge der 
Asepsis und Antiseptik, als auch das leichte Anlegen und Ab¬ 
nehmen des im chirurgischen Sinne des Wortes zu reinigenden 
Verbandes nicht aus dem Auge gelassen werden durften, be¬ 
darf wohl keiner besonderen Erwähnung. 

Für die Herstellung der Kieferschienen gilt im allgemeinen 
dasselbe Leitmotiv wie für die Zahnregulierungsapparate: „Es 
gibt da keine Methode und kein System.“ Die diversen Varia¬ 
tionen bringen es, wie einleitend erwähnt, mit sich, dass jedem 
Falle eine entsprechende Modifikation angepasst und die Me¬ 
thode gewählt werden muss, denn „wenn irgendwo, so ist, 
nach v. Eiseisberg, eine Schematisierung bei der Behandlung 
der komplizierten Frakturen unzulässig; jeder Fall muss indi¬ 
vidualisiert werden“. In ähnlichem Sinne dussert sich Professor 
Bergmann [18]: „Ueberhaupt verlangt die Behandlung* der 
Unterkieferbrüche eine eingehende Individualisierung, ein Mo- 


1 Commnnication faite ä la Soci^te beige de Stomatologie le 18 juil- 
let 1909. (Schweizerische Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde, Nr. 1, 1910.) 


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Dr. Jaljan Zilz, Gyulafeh6rvär: 


difizieren und Kombinieren der besprochenen Methoden je nach 
dem einzelnen Fall.“ 

Sagte es doch v. Strümpell 1 in seinem Vortrage „Aus 
der Werkstatt des Arztes“: „Die ärztliche Kunst besteht im 
Individualisieren, das heisst in der Erfassung der gesamten 
körperlichen und geistigen Individualität des Kranken und in 
der Anwendung der ärztlichen Fähigkeiten und Kenntnisse auf 
diesen einen besonderen kranken Menschen.“ 

Dass wir in Notfällen genau so wie bei allen anderen 
Brüchen auf Improvisationen angewiesen sind, ist ja eine fast 
tägliche Erfahrung. So will ich aus der grossen Serie dieser 
ad hoc verfertigten Verbände, denen wir bei der Perlustrierung 
der Literatur des öfteren begegnen, einen hervorholen. Er be¬ 
trifft einen provisorischen Notverband bei Unterkieferfrakturen, 
welchen Prof. Brandt [22] in der Berliner medizinischen Ge¬ 
sellschaft demonstrierte: „Ich forme mir eine Schiene aus einem 
Vaginalpessar. Dasselbe wird an einer Stelle durchschnitten 
und, wenn es ein Gummipessar mit Bleidrahteinlage ist, ohne 
weiteres dem Kiefer angeschmiegt. Ist es ein Kautschuk- oder 
Zelluloidpessar, so muss es zunächst in heissem Wasser er¬ 
weicht werden. Die Enden dieser Kieferschiene werden mit je 
. einem Bande armiert, welche im Nacken vereinigt werden. Nun 
werden die Kiefer geschlossen und eine einfache Funda ma- 
xillae angelegt, um sie aufeinander zu halten.“ Die Improvi¬ 
sation erinnert uns an Naismith, welcher im Jahre 1883 
eine Symphysenfraktur des Unterkiefers durch ein zurecht¬ 
gebogenes Hodgepessar, welches mit vier angenähten Binden 
nach Art der Funda befestigt wurde, der Heilung zugeführt hat. 

Zu unserem Falle zurückkehrend, mussten bei der Kon- 
tentivprothese zwei Gesichtspunkte ins Auge gefasst werden. 
Der erste hatte auf die Fixation des reponierten, horizontal 
abgesprengten Zahnzellenfortsatzes, der zweite auf die Ruhe¬ 
stellung der frakturierten Mandibularenden, von denen das 
hintere durch den Muse, masseter nach aufwärts gezogen wurde, 
Bezug. Sowohl wegen der Ausdehnung des Bruches, als auch 
wegen des Umstandes, dass der auf den abgebrochenen Al¬ 
veolarfortsatz mittels einer und derselben Schiene ausgeübte 
Druck kein genügender, beziehungsweise verlässlicher wäre und 
die tägliche Abnahme der Schiene behufs Reinigung dieser 
und der Zähne für diesen Abschnitt des Heilprozesses in¬ 
opportun erschien, musste ich mich bei der Behandlung des 
Falles von zwei Behandlungsprinzipien leiten lassen. Das erste 
betraf die Fixation des mit den sTäTT| jT~2 Zähnen hori- 

* Wiener Volksbildungverein. 15. Februar 1910. 


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zontai abgesprengten AlveolarforUälzes, an ja der gesunden 
Seite und galt glefchgdtig als Vorakt zur Votlführurjg der 
Hauptaufgabe, das ist der Anbringung und Befestigung der 
Kiefersehiene. Das erste Brinzip Hess ich auf folgende Art. zur 
Tat werden: Untei dein Vorbüde des Löherssehen [10J Ring- 
•müUmerbandes:';vmiEden5>»f den ersten und zweiten Huken 


Schneide- und den Unken : Eekzahrr.‘feite, die Kaufiäcbe fiel 
lassende Goldringe, die an ihrer labjajen Fläche mit Häkchen 
versehen wurden, anfzerrienÜ'ert,, Das Festzeiuenlieren bezweckt 
sowohl den genauen Anschluss des -Ringes, wie ihn Doktor 
LöhersjiO] durch kleine Keile aus Hikoryholz erzielte, als 
-auch das Vorboagen der Karies, da es unmöglich schien, ein 




Band urn einen Zahn so e*äkf, das heisst so, dass sich keine 
Hohlräumu zwischen Bing und Zahn ergehen, in denen ein* 
gedrungene phthogene Keime- durch Ansammlung von Speise¬ 
resten reichlichen Nährboden Buden; zu befestigen. Das Auf¬ 
setzen der Hinge bereitete mit Rücksicht auf die günstige; nor* 
male Separation keinerlei Schwierigkeiten, Die Enden dieser 
Häkchen waren, wie aus den Fig. 4 und 5 ersichtlich, so ge- 


Co gle 







I3r. ,'Ijiljaxi Z'riz, f^'nlafehlrvAr i 


$telk v dass die der Schoeuiezähne nach oben, jenes des Eck« 
zahnes nach nute» winkelig abgebogen war.. Der not ffen; Häk¬ 
chen zu erreichen de 2\v eck. verfolgte ein erseits diä Fixation 
der in den Alveolarfächem lesuteckenden ScimeidezähnC des 
frakturierten Aiveoiartoilsalzes an den gesunden Eekzaiin nüiteis 
eines um diesen geschlungener* Knotens aus Golddraht, und 
anderseits das Erzielen eines ständigen Druckes dach thwapffe 
bei den Zähnen 2"i durch die auf den Mäkcheo aufrdAeödig: 
vordere Galerie der Schiene, wie aus der Fig. 5 ersichthch 
ist. Die in der Fig. 6 abgeblMele .Dentelsehiene wurde kort*' 
feiinert aus chemisch reinem Zinn nud Gold dermassen her- 
gestellt«: dass die tat den jUdaren und Prämolaren auf« 


ruhenden, nach dem Modell aus Zinn gegossenen Scliienenteile 
mittels z weier das MUlelslüek darstellenden Galerien aus dickem: 
elastischem Golddraht inlteinander verbunden waren. 

Bei der Wahl des Schienentnateitales habe ich midi vom 
chirufgiÄchen Standpunkte sowohl für das von Port{i l 5J an- 
gegebene völlig reizlose-, chemisch reine Zinn, als auch für das 
Gold entschiossen, welch ieizteres im Notfäll durch gewöhn¬ 
lichen Elsendrahl imitieret' Släike {Klaviersaitendiaht) substi¬ 
tuiert werden kann. Freilich musste auch die Materialwahl sieh 
im kriepehhurg!sehen Rahmen bewegen, wobei dem Zinnguss- 
verlahren vor dem .Kautschuk unbedingt der Vorrang gebührt. 

Hanptrmeyer [1b] äussert sich auch über die Zinn¬ 
schienen in diesem Sinne; Durch' die • Einfachheit: des Ver¬ 
fahrens gewinnen dieselben an Bedeutung'. .für die Kriegs« 


Co gle 







Chirurgie; die erwähnten Materialien dürften, soweit sie nicht 
schon vorhanden sind, für jedes grössere Feldlazarett leicht 


zu beschaffen sein. Wir sind rlandt in die Lage gesetzt, auch 
im Kriege mit den einfachsten Mitteln das Höchste zu leisten*. 


Als ein besonders begünstigendes Moment muss der Um 
stähd ^enrrgfcichne-t werden, gerade an der Kieferbrach- 


stelle t h: fehlten und so dieser wichtige Teil der Schiene* 
der auch breiter und massiver gebeut werden konnte, im chh 




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Dr. Juljan Zilz, Gyulafeh£rv4r: 


rurgischen Sinne des Wortes als Schiene seine Bestimmung 
erfüllte (Fig. 7 und 8). 

Durch die an Stelle des Mittelstückes getretene Galerie 
war die Uebersichtlichkeit bei der lokalen Nachbehandlung des 
Zahnfleisches und der zwischen “2 und angelegten tiefen 
Zahnfleischnähte — deren ausgiebige Verwendung von Williger 
empfohlen wird — ermöglicht, wobei das vollkommene Unbe¬ 
decktlassen der Schneide- und Eckzähne, wie auch der Bicus- 
und Molarkronen als nicht nebensächlich zu betrachten war. 

Die Schiene wurde nach Adaptierung der in Fig. 4, 5 und 8 
ersichtlichen Ringe und deren Fixation in der Weise angelegt, 
dass die Galerie vorerst unter das Häkchen des Eckzahnes ge¬ 
stülpt und dann mit einem kräftigen Druck auf die Häkchen 
der Schneidezähne und sämtliche Zahnkronen in ihre bleibende 
Lage gebracht wurde, in welcher sie auch tadellosen Sitz und 
Halt hatte (Fig. 8). Insbesondere war es das Häkchen des 
Eckzahnes, welches dem eventuellen Abrutschen der Schiene 
im Schlafe wirksam vorbeugte. 

In der ersten Woche wurde zur Unterstützung eine Kinn¬ 
schleuder angelegt, die in unserem Falle infolge der im Status 
loci erwähnten Quetschwunde ohnehin zum Festhalten des 
Verbandes nötig war und die zur Erleichterung des Kau¬ 
geschäftes stets abgenommen wurde. 

Schon nach einer Woche ermöglichte der oben beschrie¬ 
bene Schienenverband dem Patienten das Kauen und nach 
weiteren drei Wochen war der Unterkiefer ohne Deformität 
und sonstige für das Kaugeschäft nachteilige Folgezustände kon¬ 
solidiert und der Mann als geheilt und kriegsdiensttauglich aus 
der Heilanstalt zu seinem Truppenkörper einrückend gemacht. 

Bemerken will ich noch, dass die Vitalität, beziehungs¬ 
weise die Intaktheit der Pulpa der Zähne des abgesprengten 
Alveolarfortsatzes sich mit dem Induktionsapparat nach Dozent 
Dr. Wunschheim durch die Fraktur und deren Heilungs¬ 
prozess (Kallusbildung) als unbeeinflusst feststellen liess 1 . 

Ein ganz besonderes Augenmerk wurde während der 
ganzen Behandlungsdauer der Hygiene des Mundes zugewendet, 

1 Prof. Schröder (Berlin): Der Jnduktionastrom als Diagnostikum in 
der zahnärztlichen Praxis. Deutsche Zahnheilknnde, Heft 2, 1907. 

„Zähne mit gesundem Schmelzmautei und lebender Pulpa reagieren 
auf einen gewissen, der Empfindlichkeit des Individuums angepassten elek¬ 
trischen Beiz, mag er nun durch Oeffnnug oder Schliessung eines Gleich¬ 
stromes oder durch Induktionsstrom erzeugt sein, mit einem prickelnden, 
mehr oder minder schmerzhaften Gefühle. Zähne mit irritierter oder entzün¬ 
deter Pnlpa reagieren bereits auf einen schwächeren elektrischen Beiz, der 
im korrespondierenden gesunden Zahn derselben Gattnng nicht mehr wahr- 
genommen wird.“ 


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Die Unterkieferbrüche und deren Behandlung. 


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da bekanntermassen bei Kieferbrüchen und deren Schienen¬ 
behandlung auf dieselbe der grösste Wert zu legen ist, denn 
.unser Operationsfeld ist äusserst septisch; deshalb sollte unsere 
erste Massregel darin bestehen, es so aseptisch wie möglich 
zu machen“. (H. Clay Ferris, D. D. S., Brooklyn.) Wenngleich 
es ganz unmöglich ist, aseptische Verhältnisse in der Mund¬ 
höhle herzustellen, verläuft bekanntermassen — nach Professor 
Williger [27] — die Wundheilung gerade hier gemeinhin 
ausserordentlich günstig. 

Ist schon unter normalen Verhältnissen die Durchführung 
einer rationellen Mundhygiene Pflicht eines jeden Menschen, 
so steigert sie sich zu einer gebieterischen Notwendigkeit, wenn 
in der Mundhöhle'— wenn ich mich allgemein ausdrücke — 
Fremdkörper (Prothesen, Schienen etc.) vorhanden sind und? 
der rigorose Gebrauch der Zahnbürste und des Zahnpulver» 
behindert, beziehungsweise durch Schmerzhaftigkeit und me¬ 
chanische Läsion undurchführbar ist. 

Die Schiene wurde täglich mit Leichtigkeit vom Patienten 
selbst abgenommen, ausgekocht und mit konzentriertem Alkohol 
gereinigt. Spülungen mit 3prozentigem Merckschen Wasser¬ 
stoffsuperoxyd 1 ; Zahnfleischmassage mit dem gelben Pyoktani- 
stifte 2 und Stomantabletten 3 verhinderten in unserem Falle 
peractis peragendis jegliches Auftreten von stomatitischen Ent¬ 
zündungserscheinungen. 

Insbesondere wirksam erwiesen sich während der ganzen 
Behandlungsdauer Spülungen mit der oben erwähnten 3pro- 
zentigeii 0 2 -Lösung, indem der hervorquellende Schaum für 
die mechanische Wundreinigung grosse Dienste geleistet hat, 
ohne die Mukosa irgendwie zu reizen. Wir besitzen im H 2 0% 
ein Mittel, dessen Geschmack nicht unangenehm empfunden 
wird, das nicht ätzend wirkt und noch dazu gänzlich ungiftig 
ist, so dass man den Psrtienten ohne Bedenken grosse Mengen 
davon überlassen kann. 

Unsere ganze Aufmerksamkeit müssen wir der Pedanterie 
bei der Behandlung zollen, denn nur dann können wir dem 

1 Für die Praxis empfiehlt sich das Perhydrolmundwasser von Krewel &. 
Comp., G. m. b. H., Köln a. Rh., welches nach Prof. Koerner (Aerztliche 
Vierteljahrsrundschau, Nr. 1,1906) einen energischen entwicklungshemmenden 
und antibakteriellen Einfluss ausübt. Miquel hat uachgewiesen, dass O* 
in der starken Verdüunung von 1 : 20.000 noch das Wachstum der Fäulnis¬ 
erreger verhindert. 

* Zilz: Ueber die Pyoktaninbehandlnng eiteriger und ulzeröser Krank¬ 
heitsformen der Mundhöhle. (Ash* Wiener Vierteljabrs-Fachblatt Nr. 2, 1910.) 

* Eine Verbindung von Formaldehyd mit Maltose. Das Präparat kommt 
in Form geruchloser, angenehm und erfrischend schmeckender Tabletten in> 
den Handel, deren jede O'Ol Gr. Formaldehyd enthält. (Chem.-pharm. Labora¬ 
torium „Sahir“, G. m. b. H., München.) 


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Dr. J. Zilz: Die Unterkieferbrüehe und deren Behandlung. 




Ausspruche v. Eiseisbergs gerecht werden: „Der Arzt halte 
■sich stets vor Augen, dass die Behandlung der Frakturen in 
der Mehrzahl keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bietet, 
jedoch viel Geduld und Genauigkeit erfordert.“ 

Nicht unerwähnt will ich den von Geh. Medizinalrat 
Prof. Dr. L. Warnekros[8] in seinem am 7. Juli 1910 in 
<ler Berliner medizinischen Gesellschaft gehaltenen Vortrage ge¬ 
machten Ausspruch lassen: „Es erscheint mir daher der Hin¬ 
weis gerechtfertigt, dass bei allen Verletzungen der Kiefer, 
auch im Kriege, so schnell wie es möglich ist, zuerst zahnärzt¬ 
liche Hilfe von den Chirurgen hinzugezogen wird. Die meisten 
Chirurgen beschreiten schon im Frieden diesen Weg und die 
Erfolge sind dann auch ungleich besser als früher.“ 

# 

Wir leben in einer Zeitepoche, die, das Gepräge rastlosen 
Fortschrittes an sich tragend, täglich der klinischen Medizin 
neue Bahnen eröffnet und glänzende Erfolge zeitigt. 

Neue Forschungsgebiete erschliessen uns ganze Serien 
von therapeutischen Methoden, die auf einem geschulten Denken, 
genauer Arbeit und einem gründlichen ärztlichen Verständnis 
fundieren. 

„Denn gerade aus der Durchdringung mit der Methodik 
-exakter naturwissenschaftlicher Arbeit“, meinte v. Leyden, 
„sind die meisten Fortschritte der Therapie erwachsen.“ 

„Diese gehören ganz unserer Werkstatt und unsere Werk¬ 
statt“, sprach Prof. v. Strümpell, „ist das Volk.“ 

Literatur. 

]. Prof. Eduard Albert: Lehrbuch der Chirurgie und Operationslehre. 

2. Prof. Dr. Julius Sch eff: Handbuch der Zahnheilkunde. 

3. Earl Witzei: Chirurgie und Prothetik bei Eiefemkrankungen, 1905 

4. Dr. Earl Seydel: Lehrbuch der Eriegschirurgie. 

6. Dr. G. Preiswerte Lehrbuch und Atlad der Zahnheilkunde. 

6. — Lehrbuch und Atlas der zahnärztlichen Technik. 

7. Dr. Earl Röse: Ueber Eieferbrüche und Eieferverbände. Jena, 1893. 

8. Prof. Dr. Warnekros: Einige Fälle aus der technischen Zahnheilkunde 
und Erläuterung der normalen Stellung der Zähne im Eiefer. 

9. E ersting: Behandlung von Unterkieferbrtichen. Deutsche medizinische 
Wochenschrift, Nr. 11, J904. 

10. LOhers: Siehe 7. 

11. Warnekros: Abnehmbare Verbände bei Eieferbrüchen. Deutsche medi¬ 
zinische Wochenschrift, 1905. 

12. Hann: Ueber die Behandlung von ünterkieferbrttchen undEieferdefekten. 
Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, 1890. 

13. San er: a) Deutsche Vierteljahrsscbrift für Zahnheilkunde, 1881, Heft 4, 

S. 369. 

b) Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, 1887, Heft 6; 1888, 
S. 189; 1889, S. 381. 

c) Die Zahnheilkunde im Dienste der Chirurgie. Langenbecks Archiv, 
Bd. XLIII, Heft 1. 


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Dr. A. Neum&nn-Kueucker, Wien: Der Musculus temporalis etc. 391 


14. Weber: Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde, 1865, 8. 290 
bis 292. 

15. Hauptmeyer: Ueber die erfolgreiche Verwendung von Kieferschienen¬ 
verbänden bei Frakturen und Resektionen, mit besonderer Berücksichti¬ 
gung der Zinnscharnierschiene. Leipzig 1908. 

16. Prof. Lexer: Lehrbuch der'ällgemeluen Chirurgie, 1910. 

17. Prof Leser: Lehrbuch der allgemeinen Chirurgie, 1908. 

18. Bergmann, Bruns, Mikulicz: Handbuch der praktischen Chirurgie, 
1903, Bd. I. 

19. Hamilton: Traitd pratique des fractures et des luxations traduit et 
argumenta par poinsot. 

-20. v. Eiseisberg: Die heutige Behandlung der Knochenbrücbe. Deutsche 
Klinik am Eingang des 20. Jahrhunderts, Bd. VIII, S. 536. 

21. Prof. König: Lehrbuch der speziellen Chirurgie. 

22. Prof. Brandt (Berlin): Beiträge zur Chirurgie der Mundhöhle. Korre¬ 
spondenzblatt für Zahnärzte, Nr. 4, 1906. 

23. Prof. Schröder (Beilin): Der Induktionsstrom als Diagnostikum in der 
zahnärztlichen Praxis. Deutsche Zahnheilkunde, Heft 2, 1907. 

24. Prof. Georg Perthes: Deutsche Chirurgie. Lieferung 33a: Die Ver¬ 
letzungen und Krankheiten der Kiefer. Stuttgart, 1907. 

25. Dr. Port (München): Kieferbrucbschienen aus Zinn. Deutsche Monats¬ 
schrift für Zahnheilkunde, 1898, Heft 5, 8. 201. 

26. Doz. Dr. R. W e i s e r (Wien): Zur Behandlung der Kieferbrüche. Oesterr. 
Zeitschrift für Stomatologie, 1903, Heft 3, 8. 88. 

— Ein instruktiver Fall von komplizierter Fraktur des Alveolarfortsatzes 
am Ober- und Unterkiefer. Oesterr.-nngar. Vierteljahrsschrift für Zahn¬ 
heilkunde, 1905, Heft 4. 8.482—491. 

27. Prof. Dr. Fritz Williger: Zahnärztliche Chirurgie. Leipzig 1910. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Der Mm Ins temporalis ml seine Beneimni rar inneren 
AlTeelarvand des unteren VeisMtsralnes. 

Von Dr. Alfred Neumann-Kneueher, Zahnarzt in Wien. 

Vortrag, gehalten am 23. Februar 1910 im Verein Wiener Zahnärzte. 

Folgende zwei mir in der Praxis vorgekommenen Fälle 
veranlassten mich, der Anatomie der Muskeln in der Gegend 
der inneren Alveolarwand des letzten unteren Molaren nähere 
Aufmerksamkeit zu widmen. 

In dem einen Falle handelte es sich um die Extraktion 
eines stark kariösen letzten Molaren rechts unten bei einem 
etwa 60jährigen Mann. Die vor der Extraktion vorgenommene 
Inspektion und Palpation ergab, dass die Linea obliqua ausser¬ 
ordentlich stark entwickelt war. Um die Fraktur bei der Ex¬ 
traktion zu vermeiden, stürzte ich nach der bekannten Methode 
den Zahn stark nach innen; durch diese Luxationsbewegung 
wurde der Zahn aus der Alveole gehoben, doch zu gleicher 
Zeit, während diese Bewegung geschah, vernahm ich ein 


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Dr. Alfred Neumann-Knencker, Wien: 


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Knacken, so wie man es hört, wenn ein Zahn frakturiert wird. 
Bei der ruhig und ohne jede Hast durchgeführten Manipu¬ 
lation liess es sich konstatieren, dass der Zahn in toto ohne 
Fraktur luxiert worden, dass aber seine innere Alveolar¬ 
wand ungefähr 4 bis ö Mm. breit und 1 Cm. lang frakturiert 
worden war. Diese Sache wäre nun nicht der Beschreibung 
wert, wenn nicht folgendes zu erwähnen wäre: Die völlige 
Entfernung des Zahnes, an dem das eingebrochene Al¬ 
veolarstück lest haftete, liess sich nicht durchführen, weil an 
diesem Stück, deutlich sich mit einer Sehne inserierend, ein 
Muskel fest haftete, der sich, sowie der Zahn nur wenig nach 
vorne gezogen wurde, stark spannte. Erst nach Durchschneidung 
der Sehne knapp an der Alveolarwand und Loslösen des 
frakturierten Knochenstückes aus dem umgebenden Zahnfleisch 
mit der Schere wurde die völlige Entfernung des Zahnes 
möglich. Sofort nach Durchtrennung der Sehne kontrahierte 
sich der durch das Heben nach vorne straff gespannte Muskel 
und entschwand in der Wunde den Blicken. 

Ich betone, dass während der ganzen Manipulation der 
untere Teil des schlanken Muskelbauches samt seiner Sehne 
und ihre Insertion an der frakturierten lingualen Alveolar¬ 
wand klar und deutlich zu sehen war. 

Der zweite mir vorgekommene Fall war im grossen und 
ganzen dem eben beschriebenen analog, so dass man sich die 
vom anatomischen und schliesslich auch vom zahnchirurgischen 
Standpunkte wichtige Frage vorlegen muss: 

Welcher Muskel kann das sein, der sich an der inneren 
Alveolarwand des unteren Weisheitszahnes inseriert? 

Ich versuchte, mich auf Grund der in den Lehrbüchern 
der Anatomie und dem entsprechenden Atlanten enthaltenen 
Kapitel über die Muskeln zu orientieren, ohne dabei, weil ich 
diesbezüglich nichts erwähnt fand, zu einem sicheren Resultat 
zu kommen. 

Ich wendete mich darum an den Professor der Anatomie 
an der Wiener Universität Dr. Tandler und ersuchte um 
Aufklärung. 

Nach den dabei mir gegebenen Informationen, für die 
ich an dieser Stelle bestens danke, konnte es sieh nur um den 
Musculus temporalis handeln. „Dieser schiebt sich mit seiner 
inneren Insertion längs der Crista buccinatoria regelmässig 
über das Planum retromolare nach vorne und unten bis in 
die Gegend der lingualen Alveolarwand des dritten unteren 
Molaren. (Nebenbei sei erwähnt, dass die Crista buccinatoria 
jene Leiste ist, welche an der medialen Fläche des Processus 
coronoideus zum medialen Rand des Zahnfaches des letzten 


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Der Musculus temporaiis etc. 393 

unteren Mahlzahnes zieht.“ (Toldt: „Lehrbuch der Anatomie“ 
1897.) 

„Ist nun diese linguale Alveolar wand in grösserem Um¬ 
fange eingebrochen, so kann es passieren, dass das vorderste 
sehnige Bündel des Musculus temporaiis, an dieser Wand 
hängend, beim Nach-vome-ziehen mit vorgezogen wird. Ohne 
Zweifel kommen Variationen in dem Nach-abwärts-reichen der 
Insertion des Musculus temporaiis vor.“ 

Prof. Tandler erwähnte, dass man häufig diese Ver¬ 
hältnisse am Muskelpräparat sieht und tatsächlich waren diese 
auch an den Präparaten der Lehrkanzel des Hofrates Zucke r- 
kandl zu finden. 

In Scheffs „Handbuch der Zahnheilkunde“ sagt 
Zuckerkandl in dem Kapitel über die Kaumuskeln fol¬ 
gendes betreffs der Insertion des Musculus temporaiis: 

„Der Musculus temporaiis nimmt das ganze Planum tem¬ 
porale in Anspruch; seine kräftige Sehne inseriert 
sich am Processus coronoides und entlang dem¬ 
selben bis an den Alveolarfortsatz hinab.“ 

Interessanterweise sei erwähnt, dass Toldt in seinem 
„Lehrbuch der Anatomie“ als untere Insertionsstelle des Musculus 
temporaiis nur den Processus coronoideus angibt. 

Zum Schlüsse möge noch die Wichtigkeit der geschilderten 
anatomischen Verhältnisse vom Standpunkt des Praktikers, 
respektive Extrakteurs namentlich in zahnchirurgischer Be¬ 
ziehung hervorgehoben werden. 

Weiser bespricht in seiner Arbeit über atypische Zahn¬ 
extraktionen, Zahnfrakturen und Massnahmen bei solchen 
(„Oesterreichische Zeitschrift für Stomatologie“, Juli 1904), „dass 
bei der Extraktion oberer Weisheitszähne Fälle Vorkommen, 
wo die Tuberositas maxillaris viel eher bricht, als dass die Zange 
den Zahn aus der Alveole löste. Sowie man diesen uner¬ 
wünschten Zwischenfall an der Mitbewegung einer grösseren, 
unter dem mukös-periostalen Ueberzuge des Gaumens ge¬ 
legenen Partie des Oberkiefers erkennt, hüte man sich davor, 
durch grössere Gewaltanwendung die Weichteile in grösserem 
Umfang abzuheben, sondern lasse sich die Wange durch den 
Patienten oder die Assistenz abziehen, halte den Zahn mittels 
der Zange in der Linken fest und schäle beide mittels Hohl¬ 
schere oder eines krummen Messers aus den umgebenden 
Weichteilen heraus.“ 

In analoger Weise soll man meiner Meinung nach bei 
einem eventuellen stärkeren Herabreichen der Insertion des 
Musculus temporaiis Vorgehen. Ereignet sich der Zwischenfall, 
dass eine Muskelpartie bei der Extraktion mit vorgezogen wird, 

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Dr. Adolf Fenchel, Hamburg: 


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dann ist auf jeden Fall grössere Gewaltanwendung zu ver¬ 
meiden und der Zahn soll, wie zuvor geschildert, erst nach 
Durchtrennung der Weichteile mittels Schere 
oder Messer entfernt werden. 

Was in meinen beiden Fällen die Wundbehandlung 
betraf, so liess ich nach der Extraktion nicht spülen, sondern 
sofort nach derselben durch zirka zehn Minuten die Patienten 
fest auf sterile, stark zusammengepresste Watte zum Zweck 
der rascheren Blutstillung und einer möglichst reaktionslosen 
Heilung zubeissen. Die Blutung stand bald. 2 bis 3 Tage 
noch nach der Extraktion klagten die Patienten überstärkere 
Schluckbeschwerden, nach Schwinden derselben trat völlige 
Heilung so wie nach jeder anderen normalen Zahnextraktion ein. 


Nachdruck nur mit genauer Quellenangabe gestattet. 

Neue Aoalpmtraciiiinp Md ihre Bedeute! für die 
zahnärztliche Praiis . 1 

Von Dr. Adolf Fenchel, Zahnarzt in Hamburg. 

Die Konstitution der reinen Zinn-Silberamalgame: 

Zinn-Silber. 

Die Beziehung der beiden Komponenten zueinander sind 
nach den verschiedensten Methoden von verschiedenen For¬ 
schern untersucht worden. Die Arbeiten finden sich im Lite¬ 
raturverzeichnis unter 1, 2, 5, 10, 15, 16, 17, 18, 19—22, 32, 
34, 35«, 37, 386, 42, 47, 49, 50, 56, 82. 

In dieser Literatur finden wir folgende Verbindungen 
festgestellt: 1. AgSn t , 2. AgSn 3 , 3. AgSn a , 4. AgSn, 5. Ag a Sn, 
6. Ag t Sn, 7. Ag t Sn, 8. Ag* Sn. 

Burchard [87] nimmt Ag a Sn an. 

Ist dies an sich schon auffällig, so findet man bei näherer 
Untersuchung, dass die älteren Forscher sich jeweils auf ein¬ 
zelne Untersuchungsmethoden beschränkten. Wir wissen heute, 
dass jede der einzelnen physikalischen Methoden ihre Mängel 
aufweist. Die chemische Rückstandsanalyse der Mutterlauge ist 
aber bei den hohen Schmelzpunkten der Metalle eine mehr als 
heikle Aufgabe. 

Ein grosses Verdienst hat sich um die Vervollkommnung 
der Metalluntersuchungen Tamman [77, 77«] erworben. Er 

1 Diese Arbeit befindet sieb schon seit Oktober a. p. in den Händen 
der Redaktion und sollte im Jännerheft d. J. and gleichzeitig im „Dental 
Cosmos“ publiziert werden. Durch Ueberfttlle an Stoff hat sich die Veröffent¬ 
lichung verzögert. 


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Original fro-m 

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Neue Amalgamuntersuchungen und ihre Bedeutung etc. 


395 


hat gezeigt, wie man durch methodische Festlegung der Er¬ 
starrungsdiagramme im Verein mit mikroskopischer Beobach¬ 
tung von Schliffen der Reguli und Bestimmung der Potential¬ 
differenzen in einer überwiegenden Zahl von Fällen Rück¬ 
schlüsse ziehen kann auf die chemischen Affinitäten binärer 
und ternärer Metallegierungen. 

Wir legen unserer Betrachtung die Arbeit von Petr enko [82] 
in erster Linie zugrunde, die mit den Arbeiten von Gharpy [10], 
Gautier [15, 16] und Heycock und Neville [19-22] in- 



Diagr. 1. Erstarrungsdiagramm der Zinn-Silberlegierungen n. Petrenko. 

haltlich gut übereinstimmt. Es bleibt uns alsdann von den 
acht AgSn- Verbindungen nur eine einzige übrig, nämlich Ag 3 Sn. 
(Abb. Diagramm 1.) 

Tarn man [79a] selbst nimmt freilich eine Verbindung 
Ag t Sn an, ohne zu sagen, weshalb er von Petrenko.ab¬ 
weicht \ 

Das Kristallisationsdiagramm Petrenkos lehrt uns ausser 
den Schmelzpunkten der einzelnen Konzentrationen verschie¬ 
dene für unsere Kenntnis der Amalgame wichtige Tatsachen. 

1 Prof. Tamm an hat mir inzwischen Nachricht zukommen lassen, 
dass es sich um einen Druckfehler handelt. Es soll heissen: Ag s Sn. 

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396 


Dr. Adolf Fenchel, Hamburg: 


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Wir lernen die verschiedenen Zustände der Ag Sw-Legie- 
rungen je nach ihrer Behandlung beim Schmelzen kennen. 

Die 73prozentige Ag Sw-Verbindung zeigt die Eigenschaft* 
mit den reinen Silberkristallen Mischkristalle zu bilden, die bis 
zu 25 Prozent Zinn enthalten können. 

Dies bedeutet, dass bei der Auskristallisation in das 
Kristallgefüge eines einzelnen Ag z <$w-Kristalles sich Kristalliten 
von reinem Silber einfügen können, dass mithin die Verbindung 
in allen ihren kristallinen Eigenschaften dem reinen Silber 
völlig gleich ist: Beide sind isomorph. 

Mikroskopisch sind daher die Legierungen von 75 bis 
100 Prozent Silber nicht zu unterscheiden. 

Die Mischkristalle bis zu 25 Prozent Zinn sind aber 
wiederum nicht völlig gleich. Je nach der Schnelligkeit der 
Abkühlung kann der zuerst sich bildende 25 prozentige Misch¬ 
kristall in den Temperaturen von 480° bis 220° G. sich spalten 
in die Verbindung Ag a Sn und einen neuen Mischkristall mit 
19 Prozent Zinn. 

N Auch die Verbindung Ag t Sn ist nicht stabil, sondern 
spaltet sich bei langsamer Abkühlung in den verschiedenen 
Konzentrationen in die Verbindung und einen der beiden Misch¬ 
kristalle oder in die Verbindung und das Eutektikum der Ver¬ 
bindung mit reinem Zinn. 

Dieses besteht aus 96*5 Prozent Silber plus 3*5 Pro¬ 
zent Zinn. 

Diese Verschiedenheiten des Verhaltens lassen sich bis zu 
der Konzentration 48 Silber 52 Zinn verfolgen. Diese Zu¬ 
sammensetzung zeigt eine reine Mischung der Verbindung 
Ag a Sn und des genannten Eutektikums, ganz gleich wie die 
Schmelze oder die Abkühlung geschieht. 

Wir ersehen hieraus, dass für die Konstitution der reinen 
Zinn-Silberlegierungen nicht allein die prozentuale Zusammen¬ 
setzung massgebend ist, sondern auch die Behandlung der 
Schmelze, Dauer der Abkühlung, Beschleunigung derselben auf 
den kritischen Punkten, respektive Verlangsamung bei den 
Temperaturen der Auskristallisation. 

Aus dieser Verschiedenheit des Verhaltens lassen sich 
auch die abweichenden Resultate in der oben genannten Lite¬ 
ratur erklären. Wir kennen ja auch diese Vorgänge aus den 
bekannten Phänomenen bei den Eisenkohlenstoff-Legierungen etc. 
Die Bestätigung der obigen Ausführungen ergeben unsere Ab¬ 
bildungen nach Petrenko Fig. 1 bis 4. 

Bei den verschiedenen Zusammensetzungen ergeben sich 
verschiedene Bilder. 


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Kea^ Ä:tßalgaoiitüter6<DClt«Bgeu aa*l ifire Bedetuong etc. 


L Bei einem Zmngehalt von .0 bis 5 Prozent grosse 
Mischkristalle bei langsamer Abkühlung, kleine bei Abschreckung. 


Ziim 15 ; Silber 85 n, JMrenkö Oewaliulicl) abgeldijj.it. rergr. 24 mal 
Oeatif out iVjffl. ujiti M:Ü t ; ^. 

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Zmii 15; Silber 85 a. j 

Petreuk«; Sehr läögWiw abgekkbit bi*. 400» C. und 

abgöscfareckt. 

»V V-*'- ' tä-H >>*-V 

vexgr «Stakt, wdtoater BNO^ 

> * 

2. 5 bis 17 1 

Dozent Zinngehalt bilden MischkristäDe mit 

der 72prozentigen 

yerbtndting nur dann, wenn die Schmelze 

bis zur ersten Auskriätalirftsition langsam} ahgefchbif tipd dann 

plötzlich abgeschre 

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Dr. -if'inli Fenchel, iHamburg 


3, 21 bis 53 Prozent Zion erzeugen bei .gewöhnlicher 
Abkfihlung lange Y^iöiiJütigskt|stalie-, die von einem zweiten 
Element. rnuirulH sind, Bei sehr langsamer Abkühlung erhallen 


, Fig ..<&./■ ' : / .■ 

75H D. FVfrbnkvv »?*wobiilicb ahgekülilT, ’eergr. SOOmal 
geäm mir A'#, ; «ad H t 0,. 


Zinn 2*i'9 : Silber 711 o. Fetrsniti. JJäcIi langsamer Abkühlnug abgeschreekt 

■ >;. *;• '■,•' . •'•V: : frO' : vv:- . bei 480® ß., v<»rgr. ÖSUMil - 7 ’ . 


wii’ die Verbißdttng A<j> 8n als primäre Ausscheidung iw wm~ 
gebenden. Eateklikmn. 

4. f>2 bis f’ff; Pro?, ent Zinn; Ergibt ifnttier Yeruurdung jgriä 
Eotektikum, ganz gleich» wiedie Abkühlung vor sieh geht. 


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Neue Amalgamunterftuchungen uud ihre Bedeutung etc. 


899 


Das volumetrische Verhalten der A#Sn-Legierungen. 

Zu diesem Thema habe ich in der Jänner-Nummer des 
„Dental Cosmos* einen Beitrag gebracht, der einer Berichti¬ 
gung bedarf. Ich war glücklich genug, selbst festzustellen, bei 
der Einsetzung der Berechnungsformel in meiner letzten Arbeit 
einen Fehler gemacht zu haben Das von mir derzeit kon¬ 
struierte Diagramm ist daher durch das nachfolgende zu er¬ 
setzen (Diagramm 2). 



0 10 20 30 40 r.o 60 70 80 00 100 Sn 

Ag 100 90 80 70 60 . r »0 40 30 20 10 0 

Diagr. 2. Spezifisches Volumen der Silber-Zinnlegierungen. 


Ich muss auch an dieser Stelle den Vorwurf einer fal¬ 
schen Berechnung zurücknehmen, den ich Black gemacht 
habe, da nicht ihm, sondern mir selbst der Irrtum zur Last fällt. 

Beim Studium der Literatur konnte ich ferner feststellen, 
dass über das Thema bereits eine Arbeit von May [32] vorlag,' 
dessen Resultate beinahe dieselben sind wie die meinigen. Da meine 
Zahlen jedoch genau die Verbindung Ag 3 Sn ergeben, während 
Mays Maximum ungefähr bei 70 Prozent liegt, habe ich mein 
eigenes Diagramm verwertet. May nimmt übrigens als wahr¬ 
scheinliches Resultat selbst diese Verbindung an. 


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400 


Dr. Adolf Fenchel, Hamborg: 


Wir haben demnach bei der Bildung der chemischen 
Verbindung Ag t Sn mit einer Kontraktion von 6 Prozent des 
Volumens zu rechnen. 

Im Diagramm ist am Fusse aus der schematischen Ver¬ 
bindung der Höchstpunkte der Abweichung genau für jeden 
Prozentgehalt die resultierende Kontraktion einer Zinn-Silber¬ 
legierung einfach abzulesen. 


Silber-Quecksilber, 

Es würde zu weit führen, die gesamte alte Literatur 
durchzusprechen. 

Es genügt, zu konstatieren, dass von früheren Autoren 
als chemische Verbindungen angesprochen wurden: 1. Ag Hg t , 
2. AgHg t ,, 3. Ag Hg % , 4. Ag s Hg 1t ., 5. Ag 7 Hg, 6. Ag 0 Hg, 

7. Ag 1t Hg, 8. Ag, t Hg. Burchard [1. c.] nimmt Ag t Hg an. 

Im Literaturverzeichnis finden sich die Autoren und ihre 
Arbeiten unter: 3, 4, 6, 7, 8, 11, 12, 13, 17, 23, 24, 25, 26, 

27, 28, 29, 30, 31, 33, 38, 39, 40, 43, 44, 45, 46, 48, 50, 

51, 52, 53, 54, 83. 

Ich werde mich darauf beschränken, die neuere Literatur 
heranzuziehen. 

Es mag noch erwähnt werden, dass die Herstellung von 
Silberamalgam sehr schwierig ist wegen der grossen Differenz, 
die zwischen dem Schmelzpunkt des Silbers und der Ver¬ 
dampfungstemperatur des Quecksilbers besteht. Dieselbe beträgt 
650° G. Wegen dieser Schwierigkeit der Behandlung wurden die 
verschiedensten Methoden der Darstellung von Silberamalgamen 
bei ihrer Untersuchung befolgt. 

May [32, 33] löst das Silber in erwärmtem Hg, giesst 
alsdann die Mutterlauge ab und bestimmt den Gehalt der 
erzielten Kristalle durch Abdampfen. 

Bis 10 Prozent Silbergehalt war die Masse breiig, später 
fest. Die weitere 2fy-Entziehung erfolgte durch Abpressen in 
eiserner Presse mit Holzkolben. Durch Erwärmen der Presse 
kam May bis 39 Prozent Silbergehalt. Alle an Quecksilber 
ärmeren Amalgame wurden durch Abdampfen erzielt, hierauf 
durch Hämmern und Pressen des Amalgams kondensiert. 

O g g [43] brachte Quecksilber in eine wässerige Lösung 
von Silbernitrat (Ag NO a ). 

Hg fällt Ag aus und bildet mit ihm ein Amalgam durch 
Schütteln. 

Es stellte sich heraus, dass Hg in wässeriger Lösung 
zweiwertig ist, also, wie O g g folgert, nach der Formel bindet: 
2Hg + 2Ag-Hg-Hg + 2Ag. 


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Neue Amalgamuntersnchungen und ihre Bedeutung etc. 


401 


Bei Zimmertemperatur löste sich wenig Silber in Hg auf, 
daher wurde auf 82° G. erhitzt. 

Die Bestimmung der resultierenden Verbindungen erfolgte 
durch a) Abpressen des Quecksilbers durch Leder, b) Be¬ 
stimmung des Gleichgewichtes im Vakuum. Resultat: Ag, Hg,. 

Ogg [1. c.] ermittelte ferner die Dampfspannungsdifferenz 
zwischen Silberamalgam und reinem Hg. Es banden sich 71 Hg 
mit 29 Ag, oder das feste Amalgam hatte im Gleichgewicht 
mit überschüssigem Quecksilber die Formel Ag 3 Hg,. 

Hieraus folgert Ogg auch: Das Amalgam ist edler als 
jedes seiner Bestandteile Ag und Hg. Je edler aber ein Metall, 
desto schwerer geht es in Verbindung (mit 0 oder 8 im Munde; 
d. Verf.) und desto leichter verlässt es seine Verbindungen. 

Je edler ein Metall ferner, desto geringere Stromstärken 
sind nötig zu seiner elektrolytischen Ausscheidung. Aus einer 


Ag 
0.090 

0.080 

0.070 

0 10 20 30 -10 50 60 70 80 90 100 Ag 

Hg 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 

Diagr. 3. Spezifisches Volumen der Silber-Quecksilberlegierangen n. May. 

gemischten Lösung von Ag- und Hg -Salzen scheidet das Amal¬ 
gam nach Ogg bei kleinerer Spannung aus als seine Kompo¬ 
nenten, es ist also edler. 

Re in der s [83] stellte durch Messung der Potential¬ 
sprünge zwischen den reinen Elementen und den resultierenden 
Amalgamen, Jie er ebenfalls aus Gemischen von Ag N0 9 und 
Hg NO, gewann, die chemische Affinität fest. Resultat: Ag, Hg t 
und Ag* Hg % . Als wahrscheinlich spricht Reinders noch 
Ag t Hg an. Wir haben demnach sicher mit den Verbindungen 
Äg 9 Hg t und Ag a Hg, zu rechnen. 

Ag a Hg, entspricht einer Zusammensetzung von 71 -2 Pro¬ 
zent Hg : 28*8 Prozent Ag. Ag, Hg, dagegen ist gleich: 
44*7 Prozent Ag, 55*3 Prozent Hg. 

Wir haben demnach zu erwarten, dass sich zuerst ein 
Amalgam bildet von der Formel Ag 9 Hg,. Ist hiernach noch 
freies Quecksilber vorhanden, so wird ein Teil der gebildeten 
Äg 9 Hg, aufgelöst und Ag, Hg , neugebildet. 


U.l JU 

0.100 

0.090 

0.080 

0.070 


B 

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mifufun 


402 


Dr. Adolf Fenchel, Hamburg: 


Volumetrisches Verhalten. 

Bei der Uebereinstimmung der Resultate Mays mit 
R e i n d e r s und 0 g g dürfen wir annehmen, dass seine Tabelle 
korrekt ist. 

Wir haben nach diesem Diagramm bei der Verbindung 
Ag a Hg-t mit einer Kontraktion von 5 Prozent zu rechnen, 
während Ag 3 Hg, 10 Prozent Kontraktion aufweist. 

Ich will noch hinzufügen, dass es mir trotz eifrigen Be¬ 
mühens nicht möglich war, durch Reiben im Mörser und 
Schmelzen einwandfreie homogene Reguli von Silberamalgam 
herzustellen. Immer zeigte es sich, dass das Silber lediglich 
von aussen anamalgamiert war und dass das resultierende 
Amalgam einen grossen Teil freien Silbers enthielt. Die drohende 
Vergiftungsgefahr zwang mich schliesslich, von weiteren Ver¬ 
suchen abzustehen. 

Andere zahnärztliche Metallurgen (Hasse, W i t z e 1) geben 
an, auf leichte Weise Silberamalgam durch einfaches Verreiben 
im Mörser hergestellt zu haben. Ich muss auf Grund meiner 
Versuche die Homogenität ihrer Endresultate anzweifeln. 

Zinn-Quecksilber. 

Aeltere Autoren haben folgende Verbindungen festgestellt: 
1. SnHg a , 2. Sn a Hg 6 , 3. Sn Hg, 4. Sn t Hg, 5. Sn a Hg. Bur- 
chard nimmt wie 3. Sn Hg an. Die Autoren finden sich im 
Literaturverzeichnis unter 3, 4, 8, 12, 17, 23, 24, 26, 27, 28, 
29, 34, 35, 37, 39, 40, 41, 46, 47, 51, 52, 54, 55, 57-64, 
66, 67, 75, 78. 

Aus der neueren Literatur kommen für uns namentlich 
in Betracht: Puschin [84] und Heteren [85]. Puschin fol- 
'? gerte aus dem Verlauf der Erstarrungkurven, dass Zinn und 

•| Quecksilber keine chemische Verbindung eingehen, sondern 

1 feste Lösungen (Mischkristalle) bilden. 

Seine Bestimmung der Potentialdifferenzen zwischen den 
y Legierungen und den einzelnen Komponenten bestätigten das 

j Resultat. 

* Wenn die potentiale Differenz Null ergab, so schliesst 

^ Pu sch in, sind die Komponenten rein vorhanden. Der Punkt 

des potentialen Abfalles zeigt die Bildung einer Verbindung an. 

Bei Hg Sn ergibt sich im Diagramm eine einfache gerade 
Linie ohne Störung, daher das obige Resultat. 

Puschin untersuchte auch die Mikrostruktur verschie¬ 
dener Amalgame, konnte aber nur bei Kadmium Bilder er¬ 
halten. Er folgert trotzdem auch für das Zinnamalgam stets 
hexagonale Struktur. Falls ein Sw-Amalgam anders auskristal- 


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Neue Amalgamuntersuchuugen und ihre Bedeutung etc. 


403 


lisiert, so müsste sich dieses auch in der Erstarrungskurve aus- 
drücken und eine Kurve des hexagonalen und eine des regu¬ 
lären Systems sich ergeben. Pusch in nimmt an, dass Hg in 
den Legierungen mit Sn in das hexagonale System übergeht 
und beim Kristallisieren isomorphe Mischungen ergibt. 

Im periodischen System steht Hg zusammen mit Be, Mg , 
Zn, Cd, alle zusammen zum hexagonalen System gehörig; es 
ist daher nicht ausserordentlich, wenn Hg gleich diesen kristal¬ 
lisiert, Aus der Aehnlichkeit der Amalgame aber von Zn, Pb, 

•220 

AK) 

»s0 

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140 

120 

100 

80 

60 

40 

20 

U 

-20 


Diagr. 4. Erstarrtmgsdiagramm der Zinn-Quecksilberlegierungen n. Heteren. 

Cd, Sn schliesst P u s c h i n . dann erneuert auf Abwesenheit 
chemischer Verbindung. 

H e t e r e n [1. c.], der ein vollständiges Erstarrungsdiagramm 
des Zinnamalgams aufstellte, kommt für die uns interessierenden 
höheren Zinnprozente und Erstarrungstemperaturen zu ähn¬ 
lichen Schlüssen (Diagramm 4). Wir können seine Resultate für 
die hohen ify-Gehalte vernachlässigen, da für uns nur Tempera¬ 
turen über 16" C. in Betracht kommen. Heteren nimmt für 
Temperaturen unter 20° eine Umwandlung des Zinns in die 
graue Modifikation auch in Amalgamen an. 

Diese von Cohen [88] an den Pfeifen der Kirchenorgeln 
festgestellte Umwandlung bei niederer Temperatur als 20° C. 



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404 


Dr. Adolf Fenchel, Hamburg: 


ist für uns für die Aufbewahrung unserer Amalgamvorräte im 
Winter von Wichtigkeit. Bei Erwärmung über 20° G. kehrt 
das Zinn in die weisse Modifikation zurück. Spezifisches Vo¬ 
lumen, Ausdehnungs-, Kristallisations- und Schrumpfungskoeflfi- 
zient des grauen Zinns sind verschieden von denen des weissen. 

Aus seinen Versuchen über die verschiedenen Potential¬ 
differenzen und dem Erstarrungsdiagramm zieht Heteren 
S. 167 eine Anzahl von Schlüssen, von denen uns interessieren: 

1. Im flüssigen Zustande mischen sich Zinn und Queck¬ 
silber vollkommen. 

2. Bei l' 5 0 C. besteht die feste Phase aus 94 Atomprozent 
Zinn (analytisch) oder 99 Prozent Zinn (elektrisch bestimmt). 



Diagr. 6. Spezifisches Volumen der Zinn-Quecksilberlegierungen. 


3. Reines Zinn zeigt bei 20 u Umwandlung in die graue 
Modifikation. 

Interessant und erwähnenswert sind die Feststellungen 
Heterens der dilatometrischen Steigerung bei 1" C. Gehalt 
an Sn 75*61 Prozent: 


Tempe¬ 

ratur 

Plus pro 
Grad Cels. 

Sn 49*76 % 

Tempe¬ 

ratur 

Sn 81’88*/, 

Beines Zinn 

14*00« 

066 

0*10 

11*2« 

0*84 

0*72 

17*10" 

0*54 

0*09 

16*2® 

0*86 

0*73 

1900® 

0*50 

0*11 

20*2« 

0*86 

0*73 

20*50« j 


10*09 

2j*0® 

0*88 

0*73 

21*65® 

0*60 

0*09 

— 

— 

0*74 

23*60® 1 


| 0*11 

— 

— 

0*75 bei 

26*00® 

0*68 

Olt 

— 

— 

35*5® C. 

27*50® 

0*52 

0*11 

— 

— Steig, pro Grad Cels. 


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Neue Amalgamnntersuchungen und ihre Bedeutung etc. 


405 


Diese Zahlen geben uns einen Wink, dass wir bei Ein¬ 
führung unserer Amalgame in den Mund und einer Temperatur¬ 
differenz von zirka 18° G. mit einer wenn auch geringen Aus¬ 
dehnung zu rechnen haben. 

Bei der Eichung meiner Dilatometer bestimmte ich die 
Ausdehnung von zirka 1*5 Ccm. gebrauchsfertigen Amalgams 
pro Grad Celsius im Vakuum mit 0*5 Cmm. zwischen 16 bis 
40° C., das ist —0*00033 des Volumens (Diagramm 5). Die be¬ 
züglichen Daten in den Tabellen von Landolt und Bürn- 
stein [89] und Ladenburg [90] mögen bei dieser Gelegen¬ 
heit der Beachtung empfohlen sein. 

Meine eigenen Bestimmungen des Kristallisationsdiagramms 
bestätigten die Resultate der beiden Autoren. 

Meine mikroskopischen Untersuchungen zeigten hingegen 
Abweichungen. Es gelang mir, von den Konzentrationen 50 
bis 95 Prozent Sn gute Bilder zu erhalten. Geschliffen wurde 
auf 100 Minuten Papier, poliert auf weichem Seidensammet, 
geätzt mit 10 Prozent Salzsäure, 24 Stunden. 

Meine Bilder ergaben einen gesättigten homogenen Misch¬ 
kristall bei 80 Prozent Ziqn (Hg Sn,), während H eteren einen, 
solchen erst bei 96 Atomprozent annimmt. Die an Quecksilber 
reicheren Legierungen zeigen den Mischkristall umgeben von 
dem äprozentigen Eutektikum, das bei minus 42° C. nach 
H e t e r e n [1. c.] erstarrt. 

Bis zu 50 Prozent herunter gelang es mir, Bilder zu er¬ 
halten, und wir sehen in denselben die Kristalle ständig ab¬ 
nehmen und das Eutektikum zu. Ueber 80 Prozent Zinn er¬ 
gibt völlig veränderte Bilder (Fig. 5 bis 7). 

Ein primär ausgeschiedenes dunkles Element ist von einem 
hellen umgeben. Mit steigender Konzentration nimmt das dunkle 
Element an Quantität zu, das helle ab (Fig. 8 und 9). 

In dem dunklen Element haben wir es augenscheinlich 
mit primär ausgeschiedenem reinen Zinn, respektive mit einem 
möglichen zweiten Mischkristall zu tun, während das helle 
Element der gesättigte 80prozentige Mischkristall, eventuell die 
Verbindung Hg Sn, ist. 

Diese Beobachtung deckt sich mit der älteren Bestimmung 
von Horsford [24], der durch Abheben von Quecksilber mit 
einem Zinnstab die von ihm als chemische Verbindung ange¬ 
sprochenen Kristalle Hg Sn, bestimmte. Diese Verbindung würde 
80*8 Prozent Zinn enthalten. Es ist auch keineswegs ausge¬ 
schlossen, dass eine Nachprüfung unter allen Kautelen diese 
Zusammensetzung auch mikroskopisch ergebe. Für uns machen 
diese 0*8 Prozent praktisch kaum eine Differenz. 


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i'i Äir-. if PeNöhei. fi-vmi-’i-ir 


Fit, 5 

Ziu» SO '■ .Queckeilher M dedchliiieij uM auf Relief v»li6rt, vcrar. lt>Ü nijtl. 
Das Ä seigi- die grotfsi'U uch Warze« &«U-k,>ueuk *i!ber MjuehkrMaUe im 
heHefit ÄfiBsigeu Kwfektikum, «las h*M jtjfka — 4*4 * *X erstarrt;. Das- Verhältnis 
j{er Mi s »cUki’if<ti't l)& Zinn Eutektikion '«S’f»; dv-fr 


Fig. « 

Ziuii. 70 . Vu< *:k.'iilier 00. hr-bamlo!t wie Fig. 5= Dasselbe Bild um vermein lern 
(0halt au Mit'^hknstallen, ve/t ; r'. ißOtual T>a* Yerhäituis der Wisc)ikti!«t!iii« 
zwui Knt.ekHknmB7fi :12f>. ' 


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V OF MICHIGAN | • 



Zürn »ft-: Jioiiiogeiie Misfcükrtstalje, 

deren l-'ol;vs>orse dsufUch berv«!trete«.; I’nlirrt auf »Senien.siinmiet, geätzt «,it 
IQ pmsseutiee»'' &4 'Stünden. Die Mu^h&riattOle- »»radteiit«» jetzt gran. 


Zitu» 85- vuocliftlher i>\ värgr. 160 ta.il, WbaüdeU Wtt-Pig. 7 &.igt (;i» inm>är 
aufgftschieileoes ^cliwarze* fifenieiif, reine? Zinn «der «hi ««reitet 




408 i»t. Adolf Fenchel,. 

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Volu met ris eh es V erhaü e-n. 

Oie Voluroettäorl&nfnKai, soweit sie ■■von der Temperatur 
abhängig sind, Mbyicld oben bereits berührt. Mein Diagramm 


Fig. «, 

Behandelt wie Fig. 7, vftigr- lüiöihab ^Öiiä jmiiSäre ßdwafee AnsscWdroig &t 
vermehrt zuin Nachteil des BOprhihlifeigeu MischkristaUh. Verhältnis 60 : 60, 


Puschia 


des spezifisehen Voii,i!.ris der zeigt einen 

Höhepunkt Her^ Expansion bei hu Prozent Zinn (Öisgramm S). 

Diese Ziffer trifft zusammen mit dem Analysenresültai 
und dem Ergebnis der Fotential'htfetenzo», die Heteren zu der 











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Neue Amalgamunter8uchungen und ihre Bedeutung etc. 


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Schlussfolgerung eines Mischkristalles von 96, respektive 99 Pro¬ 
zent Zinn veranlassten. Sollte dieses sich mit meinem Diagramm 
deckende Resultat zutreffen, dann würde die Erklärung meiner 
Bilder, wie oben angedeutet, zu modifizieren sein. Es würde 
alsdann zwischen 80 bis 100 Prozent Sn nicht freies Zinn, 
sondern der 99prozentige Mischkristall primär ausfallen. 

Praktisch kommt für uns beides nahezu auf dasselbe 
heraus. Ich will daher heute auf eine nähere Erörterung und 
Entscheidung dieser Frage verzichten. 

Resultat: 

Die Verwertung der obigen Darlegungen führt zu fol¬ 
genden Schlussfolgerungen: 

Wir finden beim Aufbau unserer Amalgame folgende 
Stadien: 

1. Aufbau der chemischen Verbindung Ag 3 Sn. 

2. Abbau von Ag 3 Sn bei Zuführung von Hg. 

3. Aufbau der Verbindung Ag 3 Hg t . 

4. Aufbau der Verbindung Ag a Hg t . 

5. Aufbau des gesättigten Mischkristalls Sn 30 Hg i0 (Sn, Hg). 

Ad 1. Die Verbindung Ag 3 Sn geht unter Kontraktion von 
5 Prozent ihres Volumens vor sich. 

Ad 2. Die Auflösung in ihre Komponenten führt die 
gleiche Expansion herbei. 

Ad 3. Die Bildung Ag 3 Hg , bedingt 5prozentige Kon¬ 
traktion. 

Ad 4. Die Bildung von Ag 3 Hg 4 verursacht lOprozentige 
Kontraktion. 

Ad 5. Die Bildung von Sn 3Q Hg i0 ergibt l*5prozentige 
Expansion. 

Wir haben die Wirkung dieser Zahlen an einem kon¬ 
kreten Beispiel zu betrachten. Wir mischen 400 Mgr. Ag a Sn 
(Schmelzpunkt 670° G.) mit 600 Mgr. Quecksilber. 

Dieser hohe fZgr-Gehalt ist erforderlich, um eine Legierung 
von so hohem Schmelzpunkt zahnärztlich verarbeitbar zu machen. 

Die 400 Mgr. Ag 3 Sn (spezifisches Volumen —0*102) sind 
gleich 40*8 Gmm. 

Diese werden durch das Quecksilber in ihre Komponenten 
aufgelöst unter Expansion von 5 Prozent ihres Volumens 
= 40*8 Gmm. Expansion: -f 2 Gmm. 

Jetzt sind die 400 Mgr. Ag % Sn aufgelöst in 73 Prozent 
= 292 Mgr. Ag und 27 Prozent — 108 Mgr. Sn. 

292 Mgr. Ag bilden mit dem Hg zunächst Ag t Hg t . Die 
rund 300 Mgr. Ag binden 55 Prozent — 375 Mgr. Hg. 

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Dr. Adolf Fenchel, Hamborg: 


Ferner binden die vorhandenen 108 Mgr. Sn 20 Prozent 
= 27 Mgr. Hg zur Bildung des gesättigten Mischkristalls 
Sn, o Hg, 0 . 

Es sind mithin verbraucht zirka 400 Mgr. Hg und 200 Mgr. 
sind übrig. Diese lösen nun einen Teil der Ag, fi^*-Kristalle 
wieder auf und führen sie in Ag, Hg, über mit 71-2 Prozent 
Äj-Gehalt. 

In 100 Mgr. Ag, Hg, befinden sich rund 44-8 Mgr. Ag. 
Diese bedürfen zu der Bildung von Ag, Hg, =112 Mgr. Hg. 
Vorhanden sind 55-3 Mgr. Hg. Jede überschüssigen 57 Mgr. Hg 
verwandeln also 100 Mgr. Ag, Hg, in 157 Mgr. Ag, Hg,. 

Ven den gebildeten 675 Mgr. Ag,Hg, können daher durch 
die überschüssigen 200 Mgr. Hg 350 Mgr. in die Verbindung 
Ag, Hg, übergeführt werden und ergeben 550 Mgr. Ag, Hg,. 

Das Endresultat nach Ablauf aller chemischen Reaktionen 
ergibt mithin in einer Mischung von 400 Mgr. Ag, Sn und 
600 Mgr. Hg.: 

1. 138 Mgr. Sn ai , Hg, 0 

2. 325 Mgr. Ag, Hg, 

3. 550 Mgr. Ag,Hg, (13 Mgr. plus Differenz durch die 

lui3 annähernde Berechnung). 

Vor der chemischen Bindung hatten wir eine Expansion 
der aufgelösten Verbindung Ag, Sn mit 2 Gmm. plus festgestellt. 

Hiezu kommt: 

1. 138 Mgr. Sn,„Hg, 0 (ideales spezifisches Volumen 
= 0*124) =18 Gmm., hiervon l öprozentige Expansion, er¬ 
gibt 0 27 Cmm. plus. 

2. 325 Mgr. Ag, Hg, (ideales spezifisches Volumen = 0 083) 
= 27 Cmm.; 5prozentigeKontraktion ergibt minus = 114Cmm. 
Kontraktion. 

3. 550 Mgr. Ag, Hg, (ideales spezifisches Volumen = 0 08) 
= 44 Cmm.; lOprozentige Kontraktion ergibt minus 4*4 Cmm. 
Kontraktion. 

Dies ergibt für eine Füllung von 1 Gr. Gewicht eine Aus¬ 
dehnung von 2 27 Cmm. gegenüber einer Kontraktion von 
5*54 Cmm., als Resultat also eine Kontraktion von 3 27 Cmm. 
Bei einem Gesamtvolumen von 129 Cmm. also rund 2-6 Prozent. 

Man ersieht ferner aus diesen Zahlen, dass die Kontrak¬ 
tion erheblich vermindert oder ganz beseitigt werden könnte 
bei Verwendung geringerer Quecksilberdosen, jedoch ist zu be¬ 
tonen, dass der hohe Schmelzpunkt von 670" C. der Legie¬ 
rung Ag, Sn bei Zimmertemperatur überhaupt nicht erlaubt, die 
Reaktion zu Ende , zu führen. 


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Nene Amalganmntersnchungen and ihre Bedentnng etc. 


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Beim Anrühren solcher Amalgame wird immer nur ein 
Teil der Komponenten amalgamiert und die freien Reste der 
Metalle schwanken hin und her bis zum vollständigen Abspielen 
der Reaktion und müssen Formveränderung und Verfärbung 
hervorrufen, wie ich bereits früher in Wort und Bild gezeigt 
habe [91]. 

Betrachten wir dagegen den Ablauf der Reaktionen in 
der Formel 48 Silber : 52 Zinn. Diese bedarf zu ihrer zahn¬ 
ärztlichen Verarbeitung nur eines Verhältnisses von 400 Hg 
zu 600 Feilung. 

Berechnung: 

600 Mgr. der Legierung Ag tn Sn s * enthalten 396 Mgr. 
Ag s Sn und 204 Mgr. Sn (eigentlich Eutektikum Ag tt . s S»,. s ). 

1. 396 Mgr. Ag s Sn = 40 Cmm. mit öprozentiger Expan¬ 
sion ergeben 2 Cmm. plus. 

2. 312 Mgr. Sn bilden mit 78 Mgr. Hg 390 Mgr. S» 80 Hg t0 
(ideales spezifisches Volumen = 0-124) = 50 Cmm. bei 15 pro¬ 
zentiger Expansion ergibt = 0-75 Cmm. plus. 

3. 288 Mgr. Ag binden rund 350 Mgr. Hg zu 638 Mgr. 
Ag a Hg t (ideales spezifisches Volumen = 0 083)= 53*12 Cmm. 
Bei öprozentiger Kontraktion resultiert 2 66 Cmm. minus. 

Resultat: 2-75 Cmm. Expansion, 2-66 Cmm. Kontraktion 
ergeben 0 09 Cmm. Expansion auf 150 Cmm. Volumen oder 
0-(>006prozentige Expansion. 

Es ist hierzu zu bemerken, dass bei dem Verhältnis 400 J2g 
zu 600 Feilung 20 Mgr. Hg fehlen. Diese Mischung bedarf daher 
einer Korrektur zu völligen Amalgamation. 

Die letzte Legierung hat aber vor der ersten den Vorzug 
eines um 200° C. niedrigeren Schmelzpunktes und ich habe 
in meinen früheren Arbeiten gezeigt, wie derselbe noch weiter 
erniedrigt werden kann und muss. 

Hiermit dürften die grundlegenden Faktoren unserer 
Amalgamwissenschaft so weit, geklärt sein, dass wir uns über 
die Vorgänge bei der Bildung der Amalgame ein klares und 
rechnerisch exaktes Bild zu machen vermögen. 

Die Beantwortung der noch offenen Fragen über die 
Wirkung der als Korrigentien bei der Amalgambildung be¬ 
nützten Metalle sowie die etwaige Bildung ternärer und quar¬ 
ternärer Verbindungen bleibt der Zukunft Vorbehalten. 

Diese Untersuchungen wurden im Institut für physika¬ 
lische Chemie der Universität Göttingen angestellt. 

Herrn Geheimrat Prof. Tarn man bin ich für Ueber- 
lassung des Arbeitsplatzes und vielfache hilfreiche Beratung 
zu warmem Dank verpflichtet. 

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Dr. Adolf Fenchel, Hamburg: 


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Literatur: 

[ ] bezeichnet Serie. 

( ) bezeichnet Jahreszahl, die Hundert meist fortgelassen. 

Einfache Zahl vor ( ) = Band. 

Einfache Zahl nach ( ) = Seite. 

C. r. = Comptes rendus de l’Ac;id6mie fran$aise. 

C. B. = Chemisches Centralblatt. 

Beibl. = Beiblätter zu Wiedemaans Annalen. 

Drudes Ann. = Fortsetzung von Wiedemanns Annalen. 

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414 Dr. A. Fenchel, Hamburg: Neue Amalgamuntersuchungen etc. 


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66. Enpffer: Note sur lapesenteur spöc. des all. et lenr point de fusion. 
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67. Larsen A.: Ueher den Einfluss der Temperatur auf die elektrische 
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80. Wiedemann E.: Ueber einige 'Eigenschaften der Metallegierungen. 
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81. Willows R.: On tbe val. of Resist, of cert. amalg. with temper. Phil. 
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82. Petrenko G. J.: Ueber die Legierung des Silbers mit Bei und Zinn. 
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83. Reinders: Z. phys. Chem., 64 (1906), 609. 

84. Puschiu: Z. anorg. Chem., 36 (1903), 201; vgl. 1873/74. 

85. Heteren: Z. ph. Ch., 42 (1909), 129. 

86. Burchard: Amalg. as Chem. Compounds. Cosmos, 37 (1895), 989. 

87. Cohen: Phys-chem. Studien »n Zinn. Z. phys. Chem., 63 (1908), 625. 

88. Landolt und Börnstein: Tabellen, 645 (1904). 

89. Ladenburg: Handbuch 6, 403. 

90 Fenchel: Dental Cosmos (1908/09) und Oesterr.-ungar. Vierteljahrs¬ 
schrift für Zabnheilkunde (1908/09). 


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Zur Ausgestaltung der zahnärztl. Universitäts-Institute Oesterreichs. 415 


Berichte ans Mitnten und Vereinen. 

Zer Aospstaltic (er zalmrztlicta ÜDiversitäts-InstUnte 

Oesterreicbs. 

Von Prof. Dr. Julius Scheff , Vorstand des k. k. zahnärztlichen 
Universitäts-Instituts in Wien. 

Im April 1910 waren es 20 Jahre, dass das Wiener zahn¬ 
ärztliche Universitäts-Institut der öffentlichen Benützung und dem 
Unterricht übergeben wurde. Gegenwärtig befindet es sich nicht 
mehr in den ursprünglich für diese Zwecke gemieteten 
Räumen, aber noch immer in Miete, woraus wohl geschlossen 
werden kann, dass das Institut nicht entsprechend unter¬ 
gebracht ist. Bis zur Aktivierung mussten harte Kämpfe durch¬ 
gemacht werden und nur durch ununterbrochenes Drängen und 
nach unzähligen Eingaben gelang es endlich der Zahnheil¬ 
kunde, diesem seit jeher als Stiefkind behandelten Fache, ein 
wenn auch nur notdürftiges Heim zu schaffen. Vor dem 
obigen Zeitpunkte war die Zahnheilkunde obdachlos, blieb von 
der medizinischen Fakultät ausgeschlossen und wurde als 
eine nicht ernst zu nehmende Disziplin, die in steter Ab¬ 
hängigkeit von der Chirurgie geblieben ist, behandelt. All die 
Schwierigkeiten und Hindernisse, die in grosser Menge über¬ 
wunden werden mussten, sind in der Festschrift, die im Jahre 
1900 dem zehnjährigen Bestände des Wiener zahnärztlichen 
Universitäts-Instituts gewidmet wurde, in ausführlicher Weise 
dargelegt worden, weshalb ich hier verzichte, dieselben noch¬ 
mals in Erinnerung zu bringen 1 . 

Es war eine an Kämpfen reiche und traurige Zeit und 
die Unterstützung blieb gerade dort aus, wo sie am werk¬ 
tätigsten hätte einsetzen sollen. Ein wahres Martyrium musste 
durchgemacht werden, weil man trotz des erkannten Bedürf¬ 
nisses doch nicht die unbedingte Notwendigkeit einsehen und 
zugeben wollte —. 20 Jahre, eine Zeit, genügend lang, um sich die 
Ueberzeugung zu verschaffen, dass ein so wichtiges Fach, wie 
die Zahnheilkunde ist, nicht zurückgestellt bleiben darf, eine 
Zeit, doch nicht ausreichend, um die massgebenden Faktoren 
eines Besseren belehrt zu haben. Was ist während dieses Zeit- 


1 Bericht über die Entwicklung und, Leistungen des k. k. zahnärzt¬ 
lichen Universitäts-Instituts im ersten Dezennium seines Bestehens, erstattet 
von Dr. Jul. Scheff, a. ö. Professor etc. 


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416 Zur Ausgestaltung der zahnärztl. Universitäts-Institute Oesterreichs. 

raumes in beinahe den meisten Kulturstaaten Europas und 
was in den anderen Erdteilen für die Zahnheilkunde geschaffen 
worden und wie gross sind deren Leistungen, Errungenschaften, 
wie mannigfach ihre erfolgreiche Tätigkeit gegenüber jener Zeit, 
in welcher diese Disziplin mit bescheidenen Anfängen hervor¬ 
trat. Nirgends ist die Wirkung ausgeblieben, überall haben die 
Erfolge Institutionen gezeitigt, die zum weiteren Aufblühen Ver¬ 
anlassung gaben und die das unleugbare Recht erwiesen, dass die 
Zahnheilkunde nicht nur lebensfähig sei, sondern auch berech¬ 
tigt bleibe, ihre Ansprüche zu erhöhen, die aber auch verlangen 
darf, dass ihr unbedingt zu gebilligt werde, was ihre Schwestem- 
disziplinen schon längst besitzen. Wir haben es nicht notwendig, 
weit über unsere Grenzen hinauszuschauen, wir blicken zu un¬ 
seren in Sprache und Kultur verwandten Ländern und sehen 
mit Erstaunen, wie rasch der Aufschwung und die Entwicklung 
daselbst erfolgten und noch immer erfolgen, in einer Sa